Personal


 

Schwules Daten

Vor ein paar Tagen habe ich diesen Artikel “Together Alone - The Epedemic of Gay Loneliness” gelesen. Er ist komplex, vielschichtig, sehr lang (Lesezeit ~30 min) und sollte mit Vorsicht gelesen werden. Er ist voller Trigger (Suizid, Depression, Angstzustände, Einsamkeit, Verzweiflung, Drogenmissbrauch, …). Harter Stoff, aber auch die beste Analyse die ich je gelesen habe, warum Selbstmordrate und psychische Probleme bei schwulen Männern signifikant höher ist als bei heterosexuellen Männern.

In dem Artikel wird herausgearbeitet, dass diese Probleme nicht nur mit Homophobie und Mobbing erklärt werden können - denn selbst Männer die nie homophob angegriffen oder gemobbt wurden, immer ein unterstützendes Netzwerk hatten keine direkte Diskrimierung zu spüren bekamen, haben trotzdem überproportional viele psychische Probleme.

Es ist leicht, hier in fatalistischen Biologismus zu verfallen “Schwule sind halt anders und sie müssen damit leben”. In diesem Ton endet der Artikel auch. Aber je länger ich darüber nachdenke, je stärker bin ich davon überzeugt, dass der Artikel einen wichtigen Aspekt vernachlässigt. Ich versuche hier eine Argumentation zu dem Problem, die weitgehend auf meiner eigenen Lebenserfahrung und Gesprächen mit Freunden beruht und keine Allgemeingültigkeit beansprucht. Ich würde mich sehr über Rückmeldungen hierzu freuen, denn vielleicht ist meine Wahrnehmung zu wenig objektiv zu diesem Thema.

  1. Signifikant höhere Raten an psychischen Problemen und Suizid bedeutet nicht, dass alle schwulen Männer dieses Problem haben. Ich glaube, es ist hilfreich, die Gruppe “schwule Männer” weiter zu unterteilen in “Männer, die gerne Sex mit Männern haben” und “Männer, die eine Beziehung mit Männern wollen”.

  2. Ich behaupte die im Artikel beschriebenen Probleme treffen vor allem auf die Gruppe “Männer, die eine Beziehung mit Männern wollen” zu. Männer, die Sex mit Männern, aber keine Beziehung wollen, scheinen mir weitgehend nicht betroffen zu sein. Ich glaube auch, dass die Gruppe “Männer, die Sex mit Männern wollen” die größere der beiden Gruppen ist.

  3. Es ist als Mann sehr leicht Sex mit einem anderen Mann zu haben. Dating Apps sind in der schwulen Community noch viel verbreiteter, als unter Heteros. Bars und Clubs für Schwule sind häufig auf Sex ausgerichtet. Viele von ihnen haben Darkrooms um sehr einfach und unkompliziert Sex haben zu können.

  4. Männer, die eine Beziehung wollen, haben kaum Möglichkeiten, explizit nach einer Beziehung zu suchen. Die meisten Angebote für schwule Männer sind auf Sex ausgerichtet und kaum ein Mann will nicht auch Sex. (Mir scheint dies ein tendenziell fundamentaler Unterschied zwischen Männern und Frauen zu sein: Männer wollen mehr, unkomplizierten Sex als Frauen (dafür spricht u.a. die deutlich höhere Rate an sexuellen Übergriffen durch Männer als durch Frauen. Warum das so ist oder wo dieser Unterschied herkommt, lässt sich nicht in diesem Blogpost klären.))

  5. Männer, die eine Beziehung wollen, haben die Wahl zwischen klassisch schwulen Angeboten (Bars, Dating Apps) die auf Sex ausgerichtet sind und Angeboten, die nicht auf schwulen Sex ausgerichtet sind und vor allem (auch) heterosexuelles Publikum ansprechen. Homosexuelle sind in der Minderheit. Egal wie akzeptiert diese Minderheit je sein wird, bleibt es dennoch immer merkwürdig in einer heterosexuell geprägten Gesellschaft mit Menschen des gleichen Geschlechts zu flirten. So lange ich mir nicht sicher bin, ob ein anderer Mann auch Interesse an Männern hat, werde ich diesen nicht darauf ansprechen. Die Chance einen Korb zu bekommen ist extrem hoch. Und so lange Homosexualität nicht vollständig akzeptiert ist, besteht auch immer die Gefahr nicht nur einen Korb, sondern auch einer homophoben Anfeindung ausgesetzt zu sein.

  6. Die Frage ist also, wo Männer, die eine Beziehung wollen, diese auch finden können. Es gibt den unwahrscheinlichen Fall, dass sich aus einem Sexpartner eine Beziehung entwickelt. Das ist mir bisher ein einziges Mal passiert, dabei hatte ich in meinem Leben schon sehr viele Sexpartner. (Viele Männer, die Sex mit Männern wollen, wollen gar keine Beziehung) Es gibt den etwas wahrscheinlicheren Fall, dass im Laufe des Lebens mit andere nicht heterosexuelle Männer begegnen, woraus sich eine Beziehung entwickeln kann. Das ist mir ein paar Mal passiert, aber die Chance sich mit einem anderen nicht-heterosexuellen Mann zu befreunden ist nicht all zu groß. Die Mehrheit der Männer ist nun mal heterosexuell - oder will zumindest keine homosexuelle Beziehung.

Mir scheint es so zu sein, dass die Gruppe an Männern, die eine Beziehung mit Männern will, zwischen dem Zahnrad “Sex mit Männern” und dem Zahnrad “heterosexuell geprägte Gesellschaft” zermahlen wird - und genau das führt zu den signifikant größeren psychischen Problemen, die der Gruppe “schwule Männer” zugeordnet wird, obwohl diese nur eine Untergruppe davon betreffen: nämlich die, die überhaupt eine Beziehung wollen. Ich habe keine Lösung für dieses Problem, aber ich glaube, dass es hilft dieses Problem zu präzisieren, um überhaupt eine Lösung finden zu können.

Kommentare

von: zweifeln

Ja, Berlin ist die Konzentration an Menschen, die keine Beziehung wollen, sehr hoch - deutlicher höher als in allen anderen Orten, die ich kenne (und zumindest ein Gefühl dafür entwickeln konnten, wie viele Menschen überhaupt eine Beziehung wollen.) Und klar, LGBT-Menschen ziehen deutlich eher in die Stadt um dem tendenziell eher homo-/transphoben Landleben zu entkommen. Aber ob sich das tatsächlich normalisiert, weiß ich nicht. Wie in dem verlinkten Artikel beschrieben, sehe ich durchaus viele der Probleme aus der Szene selbst kommen. Mir fehlt, warum (und wohin) sich das “normalisieren” sollte. Für viele schwulen Männer existiert dieses Problem gar nicht. (Das ist jedenfalls meine Wahrnehmung.)

Was ich viel eher sehe ist, dass auch hetero Beziehungen zunehmend kurzlebiger sind und dass (hetero) Beziehungen insgesamt nicht mehr so oft gewünscht werden. Vielleicht hat Online-Dating insgesamt dazu geführt, dass jetzt einfach alle unkompliziert Sex haben können und Beziehungen insgesamt eine Seltenheit werden. (Ich bin am überlegen über veränderte Beziehungen durch Online-Dating meine Bachelorarbeit zu schreiben. Aber das nur am Rande.)

von: @CK_eins

Mal Anmerkungen zum Eindruck von mehr oder weniger Außen: Mir scheint, dass es keine grundsätzliche schwule Gruppeneigenart zu sein scheint, dass keine Beziehungen gewünscht sind. Die Beobachtung/Erfahrung kann ich sehr wohl nachvollziehen. Allerdings scheint es da eine Art regionale Gewichtung zu geben. Was du beschreibst, springt in Berlin regelrecht ins Auge. In Cottbus hingegen, wo ich aufgrund von Freundschaften schon vor langer Zeit in beiden Welten unterwegs war, schien es mir zumindest überall um die mehr oder weniger gleichen Liebeleien und Beziehungskisten zu gehen. Im Grunde war es ziemlich egal, ob man da nun auf der nächsten Dorf-Disse oder im lokalen Queer-Lokal war. Die Trennung kam dann meiner Wahrnehmung nach schon eher durch die gesellschaftlichen Verhältnisse zustande. In einer Hetero-Partnerschaft bestand das Ziel auf dem Land ja schon immer irgendwie platt gesagt im gemeinsamen Haus mit einer Kinderschar und der eigenen Ziege bzw. später dann Kleinwagen. Die Option eines gemeinsamen Haushalts war hingegen in homosexuellen Partnerschaften nur nach dem Überwinden riesiger Hürden hinzubekommen. Ich denke mir, dass daher so mancher diesen Weg lieber aus seiner Lebensplanung verbannt hat und dann in die große Stadt abdampfte. Vielleicht normalisiert sich das ja mit der Zeit, wenn es ohnehin kein großes Thema mehr ist. Das wird allerdings schon so ein bis zwei Generationen dauern, wie so vieles andere auch…

 
 

Uni Rant

Universitäten nerven mich. Ich habe bisher an vier verschiedenen Universitäten - Uni Freiburg, HU Berlin, FU Berlin und Fernuni Hagen - in vier Studiengängen sechs verschiedene Fächer - Philosophie, Kognitionswissenschaften, Mathe, Informatik, Chemie und Kulturwissenschaften - studiert.

Ich bin gerade durch mein erstes Modul in der Fernuni durchgefallen - mit einer Hausarbeit. Dass ich durchgefallen bin, stört mich kaum, aber das wie stört mich sehr. Ich habe mir ein sehr großes und nahezu unerforschtes Thema für die Hausarbeit gesucht, habe eine durchaus experimentelle Hausarbeit geschrieben, in der ich mich verschiedener Theorien bediente, weil ich keine passende gefunden habe mit dem starken Verdacht, dass es keine passende gibt. Ich habe zu lange nach eben dieser Theorie gesucht und mir deutlich zu wenig Zeit für das eigentliche Schreiben gelassen. Die Hausarbeit ist zu kurz, allenfalls mäßig gut formuliert, beinhaltet noch Tippfehler und ich habe mich vom ausgehandelten Thema etwas entfernt, weil ich vor allem über die Grundlagen zum eigentlich abgemachten Thema schrieb. Für das abgemachte Thema musste ich mich auf irgendwelche Grundlagen beziehen, die es noch nicht gibt. Zudem fehlte mir die Zeit, mich noch tiefer in das Thema einzuarbeiten.

Dass eben dieses kritisiert werden würde, war mir klar und ist auch völlig okay. Was mich nervt, ist der Punkt, dass es in der Bewertung der Hausarbeit null darum geht, was ich erforscht habe. Denn ja, in der Tat habe ich ein Thema erforscht, dass es bisher als solches nicht gibt: der kulturelle Unterschied zwischen dem Dorf- und Stadtleben. (Dass es einen Unterschied gibt, ist recht offensichtlich, aber woran dieser nachgewiesen oder gar gemessen werden kann, dazu habe ich keinerlei Theorie gefunden.)

Nun ist es Ansichtssache, wofür die Uni genau da sein soll. Und offensichtlich habe ich eine andere Ansicht, als der Großteil der Mitarbeitenden aller Universitäten, an denen ich studierte.

Oft wird kritisiert, dass die Universitäten zu theoretisch und praxisfern sind. Das Erlernte helfe im späteren Job allenfalls minimal. Auf der anderen Seite wird auch oft kritisiert, dass Universitäten zu Masseneinrichtungen verkommen sind. Bachelor und Master wurden eingeführt, die Universitäten mit der Bolognareform verschult.

Ich glaube, ein Problem ist, dass Universitäten beides zugleich sein wollen: Masseneinrichtungen und Elfenbeinturm, Ausbildung und Wissenschaft. Beides schließt sich gegenseitig aus. Das ist das Dilemma der Universitäten. Es führt dazu, dass der Unialltag bürokratisiert wird. Es geht nicht darum, etwas erforscht zu haben, sondern darum, formale Anforderungen zu erfüllen. Akademische Texte sollen keinen Wissenszuwachs generieren, sondern Nachweise über erbrachte Arbeitsleistungen sein. Die Bewertung obliegt allein der Lehrperson. Neben der Bürokratie geht es folglich (zumindest in Teilen) darum, eine Arbeit zu produzieren, die dieser Lehrperson gefällt. Ein klassisches Schüler*-Lehrer*-Verhältnis. Ausbildung. Ich tue, wie es der*die Lehrer*in mir sagt.

Alles andere benötigt viel Zeit, die es in den Masseneinrichtungen nicht mehr gibt. Auf der anderen Seite halten die Universitäten ihre “Wissenschaft” hoch, ihren akademischen Habitus. Sie seien natürlich keine Massenausbildungen, sondern alle besonders renomierte Universitäten, die alleine das Wissen verwalten. Wer nicht dem akademischen Habitus folgt, kann auch keine Wissenschaft betreiben, kein Erkenntnisse hervorbringen. Ohne formal korrekte Zitationsweise, kann es keine Erkenntnisse geben.

Ich will nicht sagen, dass die Zitationsweise egal ist - ganz im Gegenteil. Ordentliches kenntlich machen, woher welche Erkenntnis stammt halte ich für sehr wichtig. Der akademische Habitus aber führt dazu, die Arbeiten von Ghostwritern in Auftrag geben zu lassen. Ich kann mir meine Arbeitsleistung erkaufen, von den Expert*innen, die genau so zitieren können, wie der*die Dozentin es haben will. Ein professionelles Lektorat für Hausarbeiten scheint inzwischen normal zu sein.

Lange fühlte ich mich an der Fernuniversität sehr wohl, weil mir dort dieser Habitus nicht begegnete, vermutlich durch den wenigen Kontakt zu Dozent*innen und Kommiliton*innen. Jetzt, wo ich nur noch Hausarbeiten und Bachelorarbeit vor mir habe, ist er wieder da und ich denke darüber nach auch das vierte Studium aus dem selben Grund abzubrechen.

Ich habe die letzten sechs Jahre, seit dem ich studiere wirklich viel gelernt. Vor allem, weil mich Dinge interessierten und ich diesen hinterher forschte; weil ich viel ausprobierte und mit vielen klugen Menschen viele kluge Gedanken austauschte. Das alles aber fast ausschließlich außerhalb der Uni. Die letzten sechs Jahre fühlte sich die Universität oft hinderlich an, bei dem Versuch tatsächlich etwas zu lernen oder zu erforschen.

Und jetzt werde ich weiter über Theorien des Improtheaters lesen, obwohl ich nicht weiß, ob ich die jemals in Creditpoints verwandeln kann.

 
 

Internetdepression

Es gibt seit einiger Zeit immer wieder Texte, die nahelegen, dass das Internet bzw. Social Media für Depressionen verantwortlich ist, bzw. diese befördert.

In der Generalität ist die Aussage falsch. Ich bin depressiv und mir hilft “das Internet” in depressiven Phasen oft.

Immer wieder habe ich Phasen, in denen ich keine Gefühle habe. Ich kann den Wind spüren oder Menschen weinen oder lachen sehen, aber irgendwie fehlt die Verbindung zwischen der Außenwelt und mir. Mein Arzt hat mir deshalb die Diagnose “Depression” gegeben. Die Krankenkasse zahlt meine Psychotherapie und mein Antidepressivum - ein Medikament, dass dafür sorgt, dass es mehr Botenstoffe in meiner Hirnflüssigkeit gibt. Es gibt die Theorie, dass ein Mangel an Botenstoffen die Depression ist. Seit ich das Antidepressivum nehme, geht es mir besser - aber dennoch habe ich immer wieder diese gefühllosen Phasen.

Ich erkenne ein Muster, nach dem bei mir diese Phasen häufiger auftreten - damit kann ich sie ein bisschen vorhersagen und gewissermaßen einplanen. Die Phasen treten bei mir häufig nach stressigen Phasen auf, oder wenn ich besonders gut und stark sein will oder muss. Es ist ein bisschen, wie die allgemeine Erkältung, die häufiger auftritt nach besonders stressigen Phasen. Bei mir ist es seltener die Erkältung und häufiger die depressive Phase.

Kati Krause schreibt, dass Social Media Gift für Depressive ist. Ich kann die Argumentation nachvollziehen. Wenn Social Media in Stress ausartet, wenn ich mich immer besonders gut darstelle, immer besser sein will, verursacht das auch bei mir depressive Phasen. Ich habe Social Media nie beruflich genutzt. Eine Zeit lang sehr politisch, aber schon sehr lange nutze ich die verschiedenen Kanäle auch um mit guten Freunden zu kommunizieren und sehr ehrlich zu berichten, wie es mir so geht. Das ehrliche Kommunizieren hat bei mir noch nie Stress ausgelöst, sondern eher Wohlbefinden durch positive Rückmeldungen. Ich habe allerdings bisher auch das Glück quasi keinerlei Hatespeech ertragen zu müssen.

Manchmal hilft es mir auch zu sehen, was meine Freunde so tolles machen oder welche Hundebabies sie teilen. Manchmal hilft mir auch ein langer Spaziergang oder eine Avocado. Ich habe angefangen zu lernen, wie ich mit der Depression umgehe.

Irgendwann fing ich an, die Depression als Krankheit zu bezeichnen und mich vor mir selbst zu rechtfertigen, gerade etwas nicht zu können, weil ich halt krank bin. Jemanden mit gebrochenem Bein erlaubt die Gesellschaft auch einen Tag im Bett zu verbringen, also möge sie dies auch mit depressiven Menschen tun. (Wobei sich nicht alle depressiven Menschen ins Bett zurückziehen in ihren depressiven Phasen.) Die Krankenmetapher habe ich allerdings wieder abgelegt. Ich habe gemerkt, dass es mir nicht gut tut, mir selbst zu sagen, dass ich “krank” bin - und damit anders bin als “gesunde” Menschen. Die Depression ist kein Mangel an mir, sie ist ein Teil von mir. So, wie meine Beine ein Teil von mir sind, oder der Fakt, dass ich schwul bin. Das bin ich und daran ist nichts falsch oder “krank”. Ich habe einen Umgang mit meiner großen Körpergröße gefunden und auch mit meiner Kurzsichtigkeit. Ich bin dabei einen Umgang mit meinen depressiven Phasen zu finden. Menschen sind unterschiedlich. Manche sind groß, manche sind klein, manche haben rote Haare und manche haben gar keine. Manche spielen gerne Volleyball und andere haben Katzen. Manche haben depressive Phasen und müssen auf sich aufpassen, dass es ihnen gut geht. So wie Volleyball spielende Meschen auf ihre Handgelenke aufpassen. Wenn die kaputt sind, können sie kein Volleyball mehr spielen.

Menschen sind nicht nur unterschiedlich, sondern sie verändern sich auch. Mal wollen sie lieber Brötchen zum Frühstück und mal lieber Müsli. Manche Menschen wollen ihr ganzes Leben lang Äpfel essen, andere wechseln irgendwann zu Bananen. Vielleicht verändere ich mich irgendwann und ich habe keine depressiven Phasen mehr. Vielleicht bleiben sie.

Findet heraus, was euch gut tut. Findet heraus, wer ihr sein wollt und akzeptiert, wer ihr seid. Probiert euch aus (im Rahmen eurer Möglichkeiten). Wenn euch das Internet schlecht tut, nutzt es weniger. Wenn euch Hundebabies glücklich machen, folgt allen Hundebaby-Tumblers. Oder habt selbst einen Hund. Wenn ihr alleine schlecht weiter kommt, sucht euch eine Psychotherapie oder geht zu eurem Arzt. Wenn das zu anstrengend ist, fragt Freunde, ob sie mit euch zum Arzt gehen und euch unterstützen. Wenn ihr telefonieren könnt, ruft die Nothilfe an. Es gibt Hilfe. Gebt euch nicht auf und verteufelt die Welt nicht. Verzweifelt nicht. Es wird besser werden. Der Glaube daran hilft. Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

 
 

Am Zweifeln zweifeln

Ich habe immer wieder depressive Phasen von einigen Stunden bis mehreren Tagen. Aber diese Phasen haben sich verändert. Und meine Gedanken haben sich verändert. Erfahrungsgemäß hilft es mir über meine Krankheit zu berichten:

 

Vor 2,5 Jahren habe ich die Diagnose “Depression” bekommen und bin in Behandlung bei einem Verhaltenstherapeuten gegangen. Damals waren es vor allem immer wieder Verzweiflungsanfälle, die Welt nicht aushalten können. Das Gefühl des Zerreißens. Vielleicht auch einiges an Weltschmerz. Wie kann die Welt nur so schlecht sein? Und wie kann ich in dieser schlechten Welt überleben? In der Phase gab es häufig den Wunsch der Flucht. Irgendwohin gehen, ganz weit weg und nie wieder kommen. Alles hinter sich lassen. Vielleicht ist die Welt irgendwo anders weniger schlecht.

Vor 1,5 Jahren ist mein Vater gestorben. Und schon im Vorfeld haben sich die teils Tage andauernden Phasen etwas verändert. Es wurde weniger Schmerz und mehr Ohnmacht. Oft ein Gefühl der Paralyse. Antriebslos, motivationslos verbrachte ich Tage im Bett. Es gab keine Fluchtgedanken mehr. Die Welt war nicht mehr schlecht, sie war mir egal. Noch immer fühlte ich mich in diesen Phasen sehr verzweifelt und war mir sehr unsicher, ob die Phasen jemals weg gehen.

Vor einem halben Jahr begann ich Citalopram, ein Anitdepressivum, zu nehmen. Vor ein paar Monaten habe ich von der Verhaltenstherapie in die tiefenpsychologisch fundierte Therapie gewechselt. Ich fühle mich besser. Noch immer habe ich depressive Phasen, aber sie treten seltener auf und fühlen sich weniger schlimm an. Vielleicht habe ich mich einfach daran gewöhnt, dass ich immer mal wieder ein paar Tage nicht die Kraft aufbringe, das Bett zu verlassen. Die äußeren Umstände haben sich etwas verändert, sodass ich nun alleine wohne und ich mit meinem Erbe keine finanziellen Existenzängste mehr habe. Geld zu haben ist ein krasses Privileg. Und es beruhigt sehr. Vielleicht ist es aber auch die Erkenntnis, dass es die schlechte Welt nur in meiner Welt gibt. Die schlechte Welt ist ein Konstrukt meiner Gedanken und Grübelschleifen. Die depressiven Phasen fühlen sich analytischer an. Ich mache mir mehr analytische Gedanken darüber, warum es mir so ergeht. Wie ich dazu komme diese schlechte Welt zu konstruieren. (Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie bearbeitet den Grund für meine depressiven Phasen - im Gegensatz zur Verhaltenstherapie, die eher Werkzeuge an die Hand geben soll, um sich selbst vor schlechten Phasen zu schützen.)

Ich habe schon immer viel nachgedacht und gezweifelt. Seit einiger Zeit nenne ich mich im Internet “Zweifeln” und seither übe ich mich bewusster im Zweifeln. Ich versuche nichts mehr als gegeben anzunehmen, sondern alles Gegebene in die Einzelteile zu zerlegen und mir die jeweiligen Gründe anzugucken, warum etwas wie ist und auf unhintergehbare Weisheiten zurückzuführen, bzw in ihre Denkkonstrukte einzuordnen und auf logische Fehlschlüsse zu überprüfen. So versuche ich auch mein Handeln immer wieder zu hinterfragen und reagiere mitunter sehr sensibel auf Kritik und denke oft noch Wochen über die Kritik nach. Dies macht das eigene Leben eher nicht einfacher.

Einerseits führt das Zweifeln zu einem ständigen Wissensdrang. Dauernd will ich Kausalketten noch weiter zurück gehen, wofür ich mich in neue Themen einlese, die wiederum Gründe haben, in die ich mich einlesen will … Andererseits generiert das Wissen in mir immer wieder auch ein Verlangen danach zu handeln und Dinge besser zu machen. Ein ständiger Drang nach Verbesserung, nach einer besseren Ethik, nach besseren Lösungen für die Welt.

In den depressiven Phasen interessiert mich das alles nicht mehr. Dann will ich das alles nicht mehr wissen. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mich mit all den Dingen nie beschäftigt. Vielleicht wäre es besser, ich hätte nie angefangen mich mit Philosophie zu beschäftigen.

Eine Freundin sagte mir neulich “wer zweifeln kann, muss etwas haben, woran er glaubt, sonst hätte er nichts zu bezweifeln”. Mein Glaube war bisher der, dass Zweifeln (und mehr Wissen) die Welt besser macht. Vielleicht ist das aber falsch. Vielleicht ist all mein Glauben in die “Kraft” des Zweifeln ein Teil des Problems und kein Teil der Lösung. Aber wenn Zweifeln das Problem ist, was ist dann die Lösung?

Vielleicht ist das alles sehr weit hergeholt und all mein Zweifeln hat mit der Depression nichts zu tun. Der Gedanke kam mir erst am Wochenende und ich werde erst in zwei Wochen mit meine Therapeuten darüber sprechen können, aber es fühlt sich nach einem wunden Punkt an.

 

Vielen Dank an Lara für das Lektorat.

 
 

Depression - #NotJustSad

[Triggerwarnung: Depression und Suizid] [Disclaimer: Ich bin kein Psychologe, sondern betroffen.]

Mir war bis zum Hashtag #NotJustSad nicht klar, wie systematisch die Depression ist. Bisher hielt ich Depression für ein sehr persönliches Problem, aber das ist es nicht. Es hilft, sich nicht nur sagen lassen, nicht alleine zu sein, sondern zu sehen, wie andere Menschen exakt die gleichen Muster ausformulieren und ich mich darin wieder finde. Danke.

Vor Einsamkeit ersticken aber keine Menschen ertragen. #NotJustSad — Rapunzel. (@meerisch) November 10, 2014

Es gibt verschiedene Wege mit einer Depression umzugehen.
Eine sehr tragische ist der Suizid - der “schnelle” Exit aus der Depression.
Ein anderer ist die Psychotherapie, die deutlich länger dauert und zumindest bei mir immer wieder große Schmerzen verursacht, aber Schmerzen sind gut, denn es ist immerhin überhaupt ein Gefühl.

I rarely feel sad. I often feel empty. #NotJustSad — Gero Nagel (@zweifeln) November 11, 2014

Depression ist die Abwesenheit von Gefühl. Für mich ist sie stumpfe, graue Leere. Mit Schmerz lässt sich umgehen, mit Leere nicht. Das ist, was die Depression so schwer macht.

Es gibt wenige Dinge, die in einer akuten Depression wirklich helfen. Versuche mich aufzumuntern oder mich irgendwo hinzunehmen waren fast immer kontraproduktiv. Was mir hilft, ist nicht allein zu sein. Wissen, dass irgendwer da ist, ohne auch nur irgendwas zu tun. Und wenn es mein Mitbewohner ist, der ab und zu anklopft und fragt, ob er was tun kann. Das beste, was er tun kann, ist nachfragen und mir verdeutlichen, dass er für mich da sein will, auch wenn ich ihn gerade ablehne. Drängt eine depressive Person zu nichts, aber seid anwesend, so lange sie euch nicht explizit wegschickt.

Gut visualisiert sind Depressionen auf Hyperbole and a Half. Außerdem ist “Loving Someone with Depression” ein sehr guter Artikel zum Umgang mit depressiven Menschen.

Auf dem Barcamp des Scheiterns wurde mir deutlich, wie wichtig es ist, richtig zu scheitern. Es ist okay, wenn das Bett mehrere Tage nicht verlassen werden kann. Strenge und Druck machen die Depression nur schlimmer. Seid nachsichtig mit euch selbst und lasst das Scheitern und den Schmerz zu. Ich glaube, das hilft akute Depressionen zu vermeiden.

Bild: CC-BY-NC-ND 4.0 robot-hugs.com

 
 

Der Tag wird kommen.

“Du weiß nicht, wie das ist, wenn man immer eine Maske trägt.”

Ich bin schwul und es sollte keiner Rolle spielen. Inzwischen lebe ich in Berlin und es spielt fast keine Rolle mehr. Aber ich bin auf dem Land aufgewachsen, da wo es doch eine Rolle spielt. Da, wo du für deine Sexualität manchmal eben gehasst, gemobbt, geschlagen, getreten, erniedrigt und bedroht wirst. Da wo es vorkommt, dass Kindheitsfreunde sich von dir abwenden, weil sie von deiner Sexualität erfahren. Da, wo du niemanden erzählen kannst, dass du am Versuch gescheitert bist, dir das Leben zu nehmen, weil auch das nur weiteren Hass herbeiführen würde.

In dieser Welt versuchte ich lange unentdeckt und möglichst “hetero” zu bleiben. Es ist das Leben, in dem ich mich vor mir selbst ekelte, weil ich nicht mal zu mir selbst ehrlich sein konnte. Es ist das Leben, in dem du dir einredest, es wäre nur eine “Phase” und würde vorbei gehen. Es ist das Leben, in dem du dich versteckst und verkriechst und dich allein bei dem Gedanken an deine Sexualität schlecht fühlst. Es ist ein Leben in versuchter Anonymität.

Immer wieder dient dieses Leben als Beispiel, warum Anonymität so wichtig ist. Und doch ist es falsch. Es gibt viele gute Gründe für die Anonymität. Dass sich Menschen vor sich selbst ekeln, weil sie nicht sein können, wer sie doch sind, ist es nicht. Erklärt Homosexuellen nicht, dass sie sich verstecken sollen. Erklärt ihnen, dass sie stolz sein sollen, weil sie überlebt haben. Erklärt ihnen, dass sie Vorbilder sind und manchmal auch als Helden angesehen werden, weil sie es geschafft haben eine Welt zu erschaffen, in der sie offen leben können.

Viele trauen sich nicht sich zu outen und es ist wichtig sie nicht zu zwingen. Aber damit Homosexualität normal wird, darf die Gesellschaft die Homosexualität nicht verstecken. Die eigene Sexualität ist nichts, was versteckt gehört. Sie ist ein Teil von euch, versteckt euch nicht dafür.

Pro Homo.

 
 

Goal wanted

I don’t know what my goal is. What I work for. What I want to do.

In December 2013 my dad past away and with him the centre of my family disappeared. In May 2013 I stepped back as a board member of the Berlin Pirate Party and in August 2013 I quit my job at a TV-Production. In June 2014 I started working for a NGO, and I quit in July again. I feel, I’m not doing anything and I guess I’m simply missing a goal. I tried pulling out old goals, but that doesn’t really work neither.

I have experience in quite a range of things (from growing up on a farm in rural Germany, working as a bike courier, for a TV-Production, several NGOs and political parties to studying philosophy, cognitive science, maths, computer science and culture studies) but none of this feels like it may give me a goal again. So I’m looking for a new one. Something that makes my get out of bed in the morning.

In 2009 I went to Australia as a gap after I left school. In that time I noticed I like reading about net politics more that surfing at awesome Australian beaches. I came back to Germany and got involved into net politics. First at NGOs, later in political parties. Until than everything was somehow pretty good. I struggled on a goal before moving on from NGOs to political parties (first an internship at the green party, later as a board member of the pirate party). I had goals to fight for and I had a team to fight with.

Now after my missed chance to get back to net politics I noticed, I don’t really see my goal in net politics anymore. Maybe I just learned to much about how politics and the world is working, maybe I’m just bored about the same topics again and again not seeing any real progress.

I noticed I need a goal. I still study culture studies at the distance university of Hagen and I really like these studies, as there are pretty interesting, but I’m missing my goal there. The obvious goal is the degree, but I’m not really studying for the degree. Actually I miss the bigger picture. A degree is mainly a step to somewhere and I don’t know where I want to step to. I guess that is the reason why I didn’t really focus on my studies for the past year. I’m missing the goal in there.

In October I want to travel again (first: hitch-hiking to Istanbul), as travelling helped my in 2009 to discover what I wanted. Now I hope that will work again. And I’m blogging these Ideas, as I noticed blogging Ideas makes my thoughts more complete and maybe someone has even some Idea how I can figure out, what may give me a goal again to make me drive for something. Or someone has some Ideas where to travel to or what job to try. Or any other recommendations.

(Sorry for blogging in English. Sometimes it feels easier that way. And please correct my faults, as I’m not a native speaker :) )

Kommentare

von: Gero

Right now I have the goal openmind and that works pretty good for now. It keeps me busy with tasks I like a lot - and I still have the feeling there is somehow a bigger picture behind that conference and that bigger picture feels good.

Like, I don’t do it for the conference itself. I do it for knowing lots of people caring about how the future society may look like. These people are working hard on achieving that better society. This is what makes me go right now.

How it is a week after the conference, I have no clue. But I’ll find out soon :)

von: Stephan

Lieber Gero,

Die Reise “Netzpolitik” mag beendet sein, aber die Abenteuer gehen weiter. Ich hoffe, du findest was du suchst - aber am Ende werden wir doch von etwas gefunden :)

Alles Gute, Stephan

von: Kia

Do you really need a goal? Like one of these massive, big, golden arches that you strive to?

I would more think you need a path and some incremental, small, and achievable goals. The big ones don’t happen overnight, as you rightfully said - you travelled for a year to find one. Looks like currently looking at the immediate things, as painful as they are, makes more sense. Once hey are done, search your goal. Purposefully float for a while.

 
 

Ich weiß nicht weiter

Dies ist ein Depressions-Blogpost in Anlehnung an das Lied von hier an Blind der Helden. Mir geht es schlecht und ich weiß nicht weiter und weil ich nicht weiter weiß schreibe ich mal auf, wo ich nicht weiter weiß. Vielleicht wird es konfus. Meine Probleme sind multikausal und komplex. Meine Mutter müsste mehrfach erwähnt werde, die ich aber explizit nicht erwähne, um die Thematik etwas zu vereinfachen.

Mein Vater wurde Anfang letzten Jahres krank. Als absehbar wurde, dass es sich um einen längeren Krankheitsprozess handeln würde, habe ich mich aus der aktiven Politik zurückgezogen, um mehr daheim sein zu können und mich um ihn und den Landwirtschafts- und Ferienhof kümmern können. Bis Ende August war ich beim Elektrischen Reporter arbeiten. Den September wollte ich mir für Uniprüfungen und meinen Vater und den Hof frei nehmen. Die Krankheit wurde schlimmer und mein Leben konfuser, sodass ich seit Ende August keiner geregelten Arbeit mehr nachgehe. Bis Anfang November sprach ich mehrfach mit meiner Familie, dass ich mein Studium an der Fernuni auch aus Schollene (das ist das Dorf, wo ich aufgewachsen bin und wo unser Hof ist) fortführen kann und anbiete, mich fest um den Ferienhof zu kümmern, wenn wir klären, dass ich davon leben kann. Diese Klärung zog sich lange hin und irgendwann musst ich (mit viel Hilfe meines Therapeuten) erkennen, dass es eine schlechte Idee ist, mein bisherige Leben gänzlich aufzugeben für den Verlauf einer Krebskrankheit, deren Ende nicht absehbar ist.

Anfang November zog ich mich dann weitestgehend vom Hof in Schollene zurück, um mich wieder meinem Leben zu widmen. Dem Studium und einem Job, von dem ich leben kann. Ich fand keine passende Gelegenheit wieder beim Elektrischen Reporter einzusteigen, war mir aber auch nicht so sicher, ob ich das eigentlich will, oder ob ich nicht einen anderen Job suche. Dann gab es einen neuen Krankheitsschub bei meinem Vater, sodass ich 3 Tage am Stück mit im Krankenhaus verbrachte, bis klar war, dass er kein Morphium verträgt. Danach war ich auf der “Woche der Philosophie” in Hagen, dann in Bremen alte Bekannte treffen, zurück in Berlin und wieder in Bremen auf dem Bundesparteitag. Zurück in Berlin verbrachte ich die meiste Zeit mit krank im Bett liegen. Dann kam Weihnachten bei meiner Familie. Am vierten Tag des <a href”https://events.ccc.de/congress/2013/wiki/Main_Page”>30c3</a> kam die Nachricht, dass mein Vater daheim verstorben ist. Mein Cousin aus Dänemark nahm mich aus Hamburg mit nach Schollene. Silvester bin ich zurück nach Berlin gefahren um Zeit für mich und zum Realisieren zu haben. Am 10. Januar war die Beerdigung mit etwa 200 Gästen. Die Tage, die ich in Schollene war, haben wir über das aufzuteilenden Erbe gesprochen. Explizit über das Erbe habe ich länger mit @arte_povera und @rhotep gesprochen und eine für mich akzeptable Lösung gefunden. (Danke an dieser Stelle diesen beiden wunderbaren Menschen für die Unterstützung! Ihr habt mir sehr geholfen.)

Status quo: Depression. Ich kriege mein Leben nicht auf Reihe. Weder kümmere ich mich ordentlich um mein Studium, noch darum, einen neuen Job zu bekommen. Ich kümmere mich weder um Kindergeld und Halbwaisenrente noch räume ich mein Zimmer auf. Ich öffne keine Post mehr und habe Angst vor Rechnungen, die mein letztes Geld auffressen. Ich komme damit noch etwa 2 Monate hin. Irgendwann werde ich ein 3-Familien-Haus in Schollene erben, aber wann genau das sein wird, ist unklar. Von den Mieterlösen sollte ich mein Lebensstandard halten können, aber werde weder Rücklagen für das Haus bilden können, noch ist das die tatsächliche Lösung für meine derzeitige Lage. Und auf Dauer möchte ich mich eigentlich auch nicht um ein Haus in Schollene kümmern.

Mit dem Tod meines Vaters hat sich gefühlt meine Familie aufgelöst. Zwar beteuern alle, jetzt besonders zusammen zu halten und sich gegenseitig helfen zu wollen, aber mein Gefühl sagt mir, dass sich der Zusammenhalt meiner Familie auflöst. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre und weiß nicht, wo ich hin möchte. Mir fehlt ein Rückzugsraum. Ich habe eine wunderbaren Mitbewohner, aber dieser Tage denke ich viel darüber nach, mir eine eigen Wohnung zu suchen, um besser allein sein zu können - auch wenn ich mir sicher bin, dass das alleine nicht die Lösung sein wird. GA ist mir seit Monaten eine unfassbare Stütze und hilft mit sehr. Ich weiß nicht, wie ich ihm dafür angemessen Danken kann. Ich weiß auch nicht, ob er mein Familienersatz sein möchte - und auch nicht, ob ich ihn als Familienersatz haben möchte. Häufig denke ich darüber nach, wieder zu reisen. Nach San Francisco, Marseille, Istanbul, Hongkong oder Goa. Ich denke darüber nach den Jakobsweg zu pilgern oder nach China in ein Shaolin-Kloster zu gehen. Ich denke darüber nach, meine Depression wegzustressen und mich als Ersatzhandlung wieder völlig der Politik zu zuwenden und auf Ämter und Mandate zu kandidieren. Ich will wieder Musik machen und Theater spielen. Außerdem will ich mein Studium beenden und wieder einen geregelteren Alltag mit Erwerbsarbeit nachgehen. Und ich will wieder mehr nerden und Software coden.

Aber all das kriege ich gerade nicht geregelt und priorisiert. Es fängt damit an, dass mir die Kraft fehlt, mich um mein Kindergeld und Halbwaisenrente zu kümmern. Ganz zu schweigen von der anstehenden Steuererklärung. Wenn ich eine eigene Wohnung haben will, muss ich mich auch darum kümmern. (Und dafür fehlen mir gerade die Gehaltsnachweise). Ich brauchen eine Impuls, der meiner Welt die Drehung zurück gibt, aber ich weiß nicht, wo ich nach dem Impuls suchen soll.

Und ohne Impuls mache ich gar nichts und bleibe Tage lang im Bett liegen. :-/

Schließen möchte ich den Blogpost mit einem anderen Lied von Wir sind Helden: Bring mich nach Hause

Nachtrag:

Ihr seid toll. Danke für die vielen lieben Menschen, die sich per Mail, DMs, Mentions und SMS gemeldet haben. Ihr gebt mir viel Kraft und sagt mir sehr deutlich, dass es auch in Ordnung ist, langsamer zu sein. Ich kommuniziere gerade wenig, merke aber, dass es mir hilft, einfach Zeit zu haben. Bitte setzt mich nicht unter Druck und taucht nicht einfach vor meiner Tür auf. Ich brauche meinen Rückzugsraum und werde wohl auch noch die nächsten Tage und Wochen Termine sehr kurzfristig absagen, weil mir einfach nicht danach ist. Ich bitte euch darum, mir das nicht übel zu nehmen.

Aber: ich glaube, ich komme voran - wenn auch nur sehr langsam. Gestern habe ich mich an meiner Uni zurückgemeldet und eine Prüfung abgesagt, heute schreibe ich einen Vortragsentwurf für die re:publica. Viel mehr als einen Task kriege ich gerade nicht hin, aber vielleicht musst ich das auch gar nicht. Ich nehme mir für morgen vor mein Zimmer aufzuräumen und zu putzen und will mich Samstag an die vielen Formular für die Halbwaisenrente setzen. Vielleicht kümmere ich mich dann Sonntag um mein Kindergeld und nächste Woche dann wieder inhaltlich um mein Studium. Vielleicht bleibe ich aber auch noch zwei Tage länger einfach im Bett und schiebe alles noch etwas auf. Aber ich habe (dank euch) das Gefühl, dass ich dabei nichts falsch mache, sondern mir nur gerade Zeit lasse.

P.S: Der Person, die vor meiner Wohnungstür stand: bitte habe Verständnis dafür, dass ich dich nicht rein ließ. So geht das nicht und ich habe arge Zweifel, dass du mir mit diesem Verhalten wirklich helfen kannst. Lass mir bitte meine Zeit!

Kommentare

von: Gero

Danke! (Hugs nehme ich in den allermeisten Fällen gerne. Sowohl virtuell, als auch im RL (falls wir uns irgendwann mal treffen))

von: Kathrin

Ich kenne dich ebenfalls nicht persönlich, möchte dir allerdings ein bisschen von meiner Erfahrung mitteilen.

Ich habe vor drei Jahren meinen besten Freunden plötzlich nach nur wenigen Tagen Krankenhausaufenthalt verloren. Das kam 2 Monate vor meinen Abiprüfungen, nach dem ersten Schock, habe ich mich schnell zusammengerissen und gelernt, weil ich wirklich nicht begriffen habe, was das nun eigentlich heisst. Gleichzeitig habe ich meinen Freund kennengelernt und er hat mich wirklich in einer komischen Zeit kennengelernt. Er hat mich durch diese Zeit gebracht und mir Halt gegeben. Meine Eltern und auch gemeinsame Freunde konnten mit dieser Situation weniger gut umgehen. Der Einbruch oder besser das Verstehen was passiert ist, kam dann aber erst nach den Abiprüfungen. Ich habe danach viel Zeit gebraucht zu begreifen, was mir mein Leben nun eigentlich wert ist. Wie ich damit eigentlich leben soll, dass da nun so ein Riesenloch ist, was niemand füllen kann und soll. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich wieder etwas wirklich geniessen konnte. Manchmal ist es jetzt noch so, dass ich mich an den besten Tagen, wo alles gut läuft sehr an ihn erinnere, weil ich das nun gerne mit ihm teilen würde. Ich kann nicht sagen ob ich das wirklich begriffen habe, ich denke schon, aber ich habe auf jeden Fall gelernt, das zu machen was ich will oder meine zu wollen, und nicht in einem Jahr sondern jetzt. Ich habe viel Zeit gebraucht und Ruhe, aber auch Menschen um mich herum, die mir wirklich wichtig sind und die mich so mögen wie ich bin. Es ist super wenn du einen guten Therapeuten hast, den Schritt habe ich bis jetzt noch nicht gemacht, und natürlich ersetzt ein MItbewohner keine Familie, aber für mich war es damals wichtig, wenigstens nicht allein zu sein, zumindest auch gefühlt jemanden in der Nähe zu haben. Jeden den ich neu kennenlerne und schätze erzähle ich nach ein paar Treffen von meinem besten Freund, und es nervt mich selbst irgendwo, aber es tut auch gut, weil er einfach ein klasse Mensch war. Vielleicht hat dir das ein bisschen geholfen, vielleicht auch nicht. Ich wünsche dir viel Kraft!

von: Gero

Danke dir! Ja, es hilft durchaus Geschichten von anderen Menschen zu hören, denen es ähnlich geht/ging.

Den Therapeuten habe ich seit gut einem Jahr und das, weil ich depressiv bin - völlig unabhängig von der Geschichte mit meinem Vater. Natürlich verstärkt der Tod die Depression, aber mit einer anhaltenden Depression habe ich seit Jahren zu tun, auch wenn ich noch nie in so einem krassen Loch war. (Und ich merke, wie es mir hilft, überhaupt darüber zu kommunizieren.)

Oh, und GA (@tollwutbezirk) ist nicht mein Mitbewohner, sondern mein Freund/Verhältnis/Beziehung. Also, vielleicht ergeht es mir da ein bisschen ähnlich wie dir. Nur geht es mir so, dass ich auch ihn nicht an mich heran lasse, obwohl ich ihn sehr gerne hab. Irgendwie verwahre ich mich auch ihm gegenüber immer wieder. Mein Mitbewohner ist @dedalusroot, ebenfalls ein sehr toller Mensch, aber der ersetzt meine Familie tatsächlich nicht - da hab ich mich doof ausgedrückt :-/

von: r.

Das klingt alles nach sehr viel Stress. Ich kenne dich nicht persönlich, aber schicke dir mal virtuelle Hugs (falls ok) und viel was-auch-immer-du-gerade-brauchst. Pass auf dich auf. <3

von: samy

du weißt jetzt, wo du mich finden kannst - wann immer - lieben Gruß

 
 

Ruhe, Rückzug, Twitter. Kommunikationsnirvana.

[Update:] @zweifeln ist reaktiviert, aber ich werde ihn fortan @saschalobo-artig nutzen. Wer mir was mitteilen möchte, möge noch immer ne Mail schreiben. Keine Push-Nachrichten, kein Client. Ich werde wohl mehrmals die Woche rein gucken, mehr aber auch nicht.[/Update]

Ich habe meine Twitter-Accounts (den Privataccount für wenige wirklich gute Freunde @anzweifeln und den offenen Account @zweifeln) deaktiviert und viele sehr liebe Nachfragen bekommen, ob es mir denn gut gehe. Ja, mir geht es gut. Es ist super lieb, wie sehr beeindruckend viele Menschen um mich sorgen <3

Schon im Januar überlegte ich meine Twitteraccounts zu deaktivieren, tat das auch, reaktivierte sie aber kurz darauf wieder, weil in der Piratenpartei extrem viel über Twitter läuft. Leider. Nun bin ich seit fast 3 Wochen kein Vorstand mehr, und behaupte, dass aus Parteigründen keinen Grund mehr gibt, Twitter nutzen zu müssen. Hinzu kommt, dass ich gerade sehr viel studieren muss, weil ich das die letzten Monate sehr vernachlässigt habe - und die gewonnene Zeit durch den Rücktritt zu einem guten Teil auf Twitter verprokrastiniert habe. Und um die Hürde hoch genug zu setzen, nicht gleich wieder “rückfällig” zu werden, habe ich die Accounts deaktiviert, um die gewonnene Zeit auch wirklich zu nutzen. Insgesamt ist mir gerade sehr danach etwas mehr Ruhe zu haben um neben dem Studium auch das weitere Leben zu planen (so überlege ich im November nach Istanbul zu gehen) und muss das vor allem mit mir selbst klären.

Der wirkliche tiefe Grund darunter ist aber, dass ich gefühlt twitterabhängig bin. Gefühlt ist es eine Nachrichtensucht (falls es sowas gibt), der ich inzwischen verfallen bin. Ich will ständig neue Nachrichten lesen, auch wenn sie eigentlich nichts ändern. Twitter war das erste und das letzte eines jeden Tages, was mich beschäftigte. Jede sonst nicht verplante Minute verbrachte ich auf Twitter. Ich mag sehr ungern von irgendwas abhängig sein. Vielleicht ist das gerade auch eine Art kalter Entzug. Ich glaube, dass ich ohne Twitter gerade deutlich mehr Dinge organisiert bekomme und mich besser auf das Studium konzentrieren kann, zudem weniger Kommunikationskanäle auch zu mehr Übersicht führen und hoffentlich weniger Overhead produziert. Mal gucken, ob das funktioniert.

Twitter ermöglich allerdings noch die Möglichtkeit 30 Tage lang zurück zukehren und die alten Accounts wieder zu übernehmen. Möglicherweise mache ich das auch für den Hauptaccount, werde den dann aber vermutlich Twitter eher im Stile von Sascha Lobo (3x die Woche) nutzen um ein wenig mehr Ruhe in meinem Leben zu haben. Den privat-Account werde ich nicht reaktivieren. Die Vermischung vom Privaten und Politischen mag ich nicht und auch meine private Timeline bestand zu einem großteil aus politischen Inhalten, die über andere Privataccounts gingen (die häufig eher Rageaccounts sind). Weil mich das aber nervt, bleibt das auch weg. Wie ihr mich Kontaktieren könnt, steht unter Kontakt und Impressum.

tl;dr: Mir geht’s gut, Twitteraccount kommt vielleicht wieder, vielleicht aber auch nicht.

 
 

Rücktritt

Ich bin gestern, am 26.05.2013 mit Ende der Vorstandssitzung vom Amt des Beisitzers im Landesvorstand aus persönlichen Gründen zurück getreten. Die “persönlichen Gründe” möchte ich gerne ausführen.

Ich bin noch immer Vollzeitstudent an der Fernuni Hagen und habe letztes Semester auch 2 Prüfungen geschrieben und bestanden (mehr schlecht als recht). Daneben arbeite ich nach wie vor beim Elektrischen Reporter um meine Miete und mein Brot bezahlen zu können. Und dazu kam noch ein gefühlter Vollzeitjob Landesvorstand als Ehrenamt. Das ist <a href=”http://zweifeln.org/2012/280-stress-mein-leben-als-politiker/”wie ich schon schrieb</a> mit sehr viel Stress verbunden. Ich versuchte das zu minimieren und weniger zu machen - und ich habe auch weniger gemacht. Aber das Niveau liegt noch immer deutlich über dem, was ich für gut für mich halte.

Dazu kommt, dass ich meinen eigenen Anforderungen nicht gerecht werde. Ich trat an, um möglichst gute Strukturen zu bauen und auch an tools zu arbeiten, die helfen Diskussionskultur waren und der Chancengleichheit helfen. Ich war auch überzeugt vom Konzept “Gelassenheit durch Transparenz”. Nach einiger Verzögerung lief das im Januar auch an und wir haben aus dem “Teppich” den “OpenLV” gemacht und allerhand Ideen zusammengetragen und teils strukturiert, wie wir uns die vegane eierlegende Wollmilchsau denn haben wollen. Viel weiter kamen wir damit leider auch nicht. Es fehlte an wirklich engangierten Leuten, die sich da rein hängen und das Projekt wuppen. Möglicherweise war es auch falsch, das ganze innerparteilich von Ehrenamtlichen wuppen lassen zu wollen, denn so ein großes Softwareprojekt ist ein großes Softwareprojekt und wenn das ordentlich laufen soll, sind hauptamtliche Entwickler extrem vorteilhaft, damit da wirklich 20-40/Woche dran entwickelt werden kann und das Projekt nicht erst nach der Eröffnung des BER fertig wird.

Daneben habe ich die Liquid-Treffen koordiniert vor allem den großartigen Björn als Hauptadmin und Mario als weiteren Admin vom Liquid mit Arbeit versorgt. (An dieser Stelle mal ganz ganz vielen Dank den beiden!) Die automatisierte Akkreditierung für’s Liquid via Whitelist steht leider noch aus, aber darum werde ich mich wie um eine ordentliche Dokumentation des Liquid-Systembriebs noch kümmern. (Ich will mich dafür beauftragen lassen, damit ich das auch weiterhin tun kann.)

Daneben allerdings ist von dem, was ich mir vornahm sehr wenig passiert. Der Vorstandsjob als solcher frisst sehr viel Zeit für Meta-Organisation, Befindlichkeiten und innerparteilichen Reibereien, in die eins als Vorstand immer wieder rein gezogen wird. Auch das sehe ich als eine Aufgabe des Vorstandes an, mit dem Mitgliedern ordentlich zu kommunizieren. In letzter Zeit allerdings fiel mir eine angemessene Kommunikation zunehmend schwerer. Es passierte, dass ich einzelnen Menschen gegenüber ausfallend wurde. Ich schiebe es auf meinen derzeitigen Lebensstress, weiß aber auch, dass das keine Entschuldigung sein kann. Für einen Vorstand gehört es auch, die nötige Contenance zu wahren und ansprechbar zu sein.

Gerade die Ansprechbarkeit ist bei mir nicht mehr gegeben. Zu den zwei anderen Jobs (Studium und Elektrischer Reporter) kam noch ein Krankheitsfall in meiner Familie, der mir zusätzliche Zeit und vor allem Nerven raubt. Selbst wenn das nicht gewesen wäre, fehlt mir auf Dauer der Ausgleich zu der vielen Arbeit um die Arbeit auch ordentlich machen zu können. Ich merke selbst, dass alle drei Jobs sich in meinem Leben gerade gegeneinander ausspielen und insbesondere mein Studium darunter leidet. Das muss enden. Und da ich mein Studium schon zweimal umsattelte und einen bezahlten Job brauche um meine Miete zahlen zu können, muss der ehrenamtliche Job gehen.

Hinzu kommt, dass ich immer mehr das Gefühl habe vom geplanten, durchdachten Aktivismus zum Aktionismus überzugehen, um überhaupt was zu machen. Und wenn Aktivismus in Aktionismus übergeht, ist es Zeit aufzuhören und darüber nachzudenken. Vielleicht wieder neue Kraft zu tanken neue Ideen aus der neuen Erfahrung zu entwickeln und sich dann auch wieder stärker einbringen. Wenn ich in paar Monaten wieder die Kraft habe, für die Partei zu brennen, dann werde ich mich auch wieder einbringen. Auf welchem Posten ist zweitrangig.

Danke, Berliner Pirat*innen. Das war eine extrem spannende Zeit und ich habe unglaublich viel in der Zeit gelernt. Danke insbesondere auch an meine Vorstandskollegen GA, Benny, Gordon, Manuel, F0o0 und Frank. Ich hätte mir kaum bessere Kollegen wünschen können. Die Zusammenarbeit mit euch war durchweg super. Wie GA sagte: “wir können uns ja auch weiter treffen”. Und ich bin mir sicher, das werden wir - auch wenn vlt nicht mehr so häufig, wie zuvor :)

Kommentare

von: Rohrwallpirat

Danke für deine tolle bisherige Arbeit und Engagement. Ich kann deine Begründung sehr gut nachvollziehen. Du bist dann ja nicht aus der Welt. Einfach mal Danke für deinen bisherigen und aich zukünftigen Einsatz.

von: Etienne

Lieber Gero,

schade, sehr schade, aber sehr gut nachzuvollziehen. Du hast vieles versucht anzuschieben, aber leider fehlt wohl in Berlin an allen Ecken und Enden derzeit die Energie. Und das, was noch da ist, wird aufgesaugt durch unnötige Reibereien.

Erhol Dich, komm zur Ruhe, dann komm wieder, in dem Maße, in dem es Dir möglich ist.

Danke für Deinen Einsatz,

Etienne

 
 

280% Stress - mein Leben als Politiker

[Update]

Danke!

Nun vergingen einige Tage, in denen allerhand passierte und ich mir viele Gedanken gemacht habe - und schiebe Sie mal als Update hinterher. Danke für die viele Unterstützung, ganz gleich, was ihr mir empfehlt. Ich hab hier ne Menge Kommentare bekommen, viele Mails, Tweets, Anrufe und habe mich auch mit Leute persönlich unterhalten und das Problem gefühlt ganz gut aufgearbeitet.

Am Mittwoch haben wir ein Liquid-Treffen. Meine eigene Vorgabe für dieses Treffen ist es, das gesamte Tagesgeschäft bis mindestens Mitte März weg zu delegieren. Alles, für das sie niemand findet, wird bis Mitte März liegen bleiben. Ich werde (zumindest zeitweise) bei der LMVB und AVB13 sein und habe vor auch weiter zu den Vorstandssitzungen zu gehen. Alles andere, was darüber hinaus nicht super dringend ist, wird bis mitte März warten müssen. Sollte ich mich da nicht dran halten, haut mir bitte auf die Finger! (Damit das mit den Prüfungen was wird ;) )

Vorerst werde ich also nicht zurücktreten, sondern mir die Zeit nehmen, die ich brauche. Wenn das gar nichts wird, dann bleibt die Option als letzte mögliche natürlich auch weiterhin bestehen.

[/Update]

Ich überlege als Beisitzer des Berliner Piraten-Landesvorstandes zurückzutreten und will hier meine Gedanken öffentlich machen und hoffe, ihr könnt mir in der Entscheidung helfen durch eure Ansichten und Ratschläge.

Ich habe mit der Vorstellung kandidiert, etwa 20 Stunden/Woche für den Landesverband zu arbeiten. Das war eine sehr romantische Vorstellung, die gut mit dem Vollzeitstudium zusammen gehen sollte. Mit der Wahl kam die Einarbeitungsphase. Das waren so 30-40 Stunden/Woche und damtit 10-20 zu viel. Nun gut, das ist die Einarbeitungsphase. Ich musste viel lernen, viele Prozesse und Menschen erst kennenlernen. Irgendwann würde es besser werden. Inzwischen behaupte ich, ich bin ganz gut eingearbeitet und stelle fest: ich arbeite immer noch 30-40 Stunden/Woche. Es ist ein unbezahlter Vollzeitjob. Die Zeit, die ich nutze, ist sinnvoller, ich bin produktiver und weiß besser, wie ich mit neuen Dingen umgehe, aber der Arbeitsaufwand hat sich für mich nicht verringert. Vielleicht stürze ich mich in zu viele Projekte (wie gerade in den OpenLV) und versuche auch da möglichst viel zu bewegen. Es war gefühlt *das Projekt*, dass der neue Vorstand sich vornahm und dann ist lange nicht passiert. Also müssen wir es doch nun endlich annehmen. Und dann dümpelt da noch immer der X018 rum, an den ich mich dringend mal eben 3 Tage zusammenhängend setzen muss, analysieren, auswerten, zusammenfassen und kommunizieren. Und dann ggf. Anträge für die nächste LMV schreiben, die besser werden als der X018. Und dann die sMV auf Landes- und Bundesebene, auf der ich mitarbeiten möchte … Und daneben müssen wir dringend eine Teilnehmerprüfung um Landesliquid haben und den akreditierungsprozess automatisieren und mehr Leute haben, die sich um den Support kümmern. Und vlt. sollte ich als Liquid-LaVo auch mehr mit der saftigen Kumquat zusammen arbeiten, um genauer zu wissen, wie das Liquid so aussehen kann, wenn die API nur fertig ist. Apropos API, wäre es nicht eigentlich an der Zeit, eine Spendenkampagne zu starten, damit wir die als Auftragsentwicklung fertig entlickeln lassen? Und daneben natürlich das ganze Klein-klein mit hier ein Umlauf, da jemand, der was zum Liquid wissen will, da ein Beauftragter, der auf den aktuellen Stand gebracht werden will … (diese Liste lässt sich beliebig erweitern … wie dieses hässliche Blog, das dringend mal geupdatet werden sollte und mal einen echten Kalendern zeigen sollte) Das alles ist ein Hamsterrad. Die Idee, damit mal fertig zu werden, ist absurd. Es gibt immer etwas, für das ich mich irgendwie zuständig fühle - oder zumindest das Gefühl habe, dass ich als Vorstand daran arbeiten sollte.

Daneben studiere ich Vollzeit an der FernUni-Hagen Kulturwissenschaften. Das ist sehr flexibel und passt ganz gut, aber in 5 Wochen schreibe ich Prüfungen und muss mir deutlich mehr Zeit für die Prüfungsvorbereitung nehmen, wenn ich die 3 Prüfungen bestehen will.

All dies, ließe sich aber vielleicht noch irgendwie koordinieren lassen - aber all das ist unbezahlt und meine Miete zahlt sich nicht von alleine. Seit Anfang des Jahres bin ich selbstständig und arbeite 2-3 Tage die Woche für den Elektrischen Reporter um meine Miete und mein Brot bezahlen zu können. Als i-Tüpfelchen kommt da jetzt noch ein Umzug dazu. Wir haben unsere WG zum 28.2. gekündigt und müssen hier die nächsten 4 Wochen raus und noch haben wir keine Zusage, für eine neue Wohnung. Eine Wohnung sieht ganz gut aus, aber sicher ist das nicht. Wenn das nichts wird, muss ich in den nächsten 4 Wochen noch was anderes finden - und eine Woche später Prüfungen schreiben.

Das überfordert mich. Ich bin 24/7 unter Strom. Fällt der Strom aus, sacke ich zusammen und bewege ich mich 2 Tage lange nicht - geschweige denn, dass ich die Zeit sinnvoll für das Studium nutzen würde. Die Energie ist einfach nicht mehr da. Das ist mein Problem und deshalb überlege ich, mich vom zeitlich größten Posten, dem Landesvorstand, zurück zu ziehen, um zumindest das restliche Leben auf die Reihe zu bekommen. Zumal: selbst bei dem derzeitigen Zeitaufwand für den LaVo werde ich meinen eigenen Ansprüchen an den Landesvorstand nicht gerecht. Vielleicht ist es einfach zu viel, was ich von mir selbst als Landesvorstand erwarte, aber ich reiße dauernd meine eigenen Deadlines und verpeile wichtige Vorhaben (wie das Treffen mit dem Landesdatenschutzbeauftragten, den ich vor 4 Wochen per Mail nach einem Treffen fragte, aber auf seine Antwort es noch immer nicht zu Bürozeiten schaffte anzurufen ) Seit Wochen versuche ich mich irgendwo zurück zu ziehen und weniger zu tun, damit der Rest besser funktioniert, aber ich schaffe es nicht. “Ein bisschen zurückziehen” geht nicht, ohne meine eigenen Anforderungen an den Landesvorstand noch mehr zu widerstreben. Und wie sähe ein “bisschen zurückziehen” aus? Ich antworte nicht mehr auf Anfragen? Ich kümmere mich nicht mehr ums Liquid? Ich versuche nicht mal mehr die Umläufe zu verfolgen? Ich gehe nicht mehr zu Sitzungen?

Ich glaube, es lässt sich nur ganz oder gar nicht machen. “Ein bisschen Politiker” geht nicht. Wenn ich es nicht kann, ist die logische Konsequenz zurück zu treten. Dabei fühle ich mich allerdings auch schlecht. Ich wurde gewählt, also sollte ich das auch durchziehen. Hätte ich die Wahl nicht angenommen, säße jetzt Therese mit im Vorstand, nachrücken kann sie leider nicht. Also überließe ich auch den anderen 6 Leuten noch mehr Arbeit. Macht es das besser? Wenn der Umzug und meine Prüfungen durch sind, sollte ich auch wieder mehr Zeit haben, sodass ich mich dem LaVo wieder mehr widmen könnte. Vielleicht aber auch nicht.

Und nun? Was tue ich in dieser Situation? Habt ihr Empfehlungen für mich?

Kommentare

von: Gero

Hallo ihdl,

dieses “wie stellst du dir dein Leben denn in 10 Jahren vor” ist ein wirklich guter Punkt. Danke dafür! Ich habe nachdem ich von Fabio im Kinski gefragt wurde, ob ich für den LaVo kandidiere (was mir bis zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn kam, dass ich sowas ja tun könnte), mit ein paar Leuten (u.a. mit Tom aus dem alten Vorstand) gesprochen, was das eigentlich bedeutet. Dann war ich fast 4 Wochen in Frankreich, offline auf einem Workcamp, und habe sehr viel über genau deine Frage nachgedacht. “Was will ich? Will ich das mit der Politik? Will ich das nur am Rande (in Form einer NGO) begleiten? Will ich möglicherweise mal ein Mandat haben und noch viel mehr Tagespolitik gestalten? …” Der Grund, warum ich dann kandidiert habe, war die relativ kurze Amtszeit. Laut Satzung ist der LaVo nach maximal 400 Tagen neu zu wählen. Dieses gute Jahr wollte ich mir nehmen, um zu gucken, was passiert - und ob ich im nachhinein die Fragen, was ich denn eigentlich mit meinem Leben tun will, besser beantworten kann. Die gesamte Zeit, die ich derzeit in der Piratenpartei verbringe, sehe ich gewissermaßen als Experiment, ob ich das kann und will, oder nicht. Und bisher habe ich noch keine endgültige Antwort darauf, aber lerne tagtäglich immer neue Aspekte kennen und möchte diese Erfahrungen auch nicht missen.

Sehr viel denke ich allerdings darüber nach, nicht wieder für den LaVo zu kandidieren und nach dem Bundestagswahlkampf (der vermutlich noch sehr anstrengend werden wird) nochmal eine längere Auszeit zu nehmen und mir klarer zu werden, was ich eigentlich will. Derzeit geistert mir die Idee durch den Kopf für ein paar Monate durch den arabischen Raum zu trampen und nochmal eine ganz andere Welt zu sehen. Vielleicht von Berlin aus einfach (mit viel Zeit zwischendrin) nach Indien trampen. Mit dem Fernstudium ist das prinzipiell auch möglich in der Zeit weiter zu studieren. Außerdem denke ich immer wieder über einen Master am Berliner Bernsteincenter nach, und damit wieder in die Neurologie einzusteigen: http://www.bccn-berlin.de/Graduate+Programs/Master+Program/ In Freiburg habe ich neben der Philosophie ja Kognitionswissenschaft studiert (und abgebrochen) und daneben einige Neurologievorlesungen der Biologen oder Mediziner besucht und fand die nicht unspannend. Ob ich mit einem B.A. als Kulturwissenschaftler auf einen doch sehr mathematischen Master mit 10(!) Plätzen pro Semester eine Chance habe, ist da allenfalls der Realitätsabgleich. Ob ich darin glücklich werde, weiß ich nicht. Und wie sich das (ggf.) mit der Politik verbindet, weiß ich auch nicht. Das sind alles nur Ideen, die immer mal wieder durch meinen Kopf gehen und für die ich mir nach der Bundestagswahl und nach der Amtszeit mehr Gedanken machen will.

von: tante

Es klingt eindeutig danach, dass Du den LV Job aufgeben solltest und Dich lieber auf einzelne Teil Projekte in der Arbeit für den LV konzentrierst.

von: Boomel

Tu das was du schaffst für Piraten und der Rest fällt eben hinten runter. Wer sich darüber aufregt bekommt “Du hast den Job!” an den Kopf geworfen oder du schickst ihn zu mir und ich erklär dem/derjenigen das dann :)

Viel Erfolg bei den Prüfungen und beim Umzug!

von: ein_pirat

meiner meinung nach müssen die bundesvorstände und landesvorstände endlich aufwandsentschädigungen bekommen für ihre arbeit.

es ist inzwischen viel geld in den kassen, aber es wird immer noch zu wenig für 3 wesentliche dinge ausgegeben 1) räumlichkeiten, in denen sich piraten treffen und zusammenarbeiten können 2) fahrtkostenerstattungen, die allen piraten die mitarbeit ermöglichen 3) aufwandsentschädigungen für amtsträger

wenn sich hier nichts tut, wird die piratenpartei viele engagierte mitglieder verlieren. sie werden sich zurückziehen und sich auf privates konzentrieren, um klarzukommen. übrig bleiben die, die es sich leisten können und die, die eh nix zu verlieren haben (wie z.B. job oder familie).

an deiner stelle würde ich tatsächlich zurücktreten, wenn du nicht das angebot von basispiraten aus deinem verband bekommst, deine arbeit in form von beauftragungen zu übernehmen.

du musst immer zuerst an dich denken, bevor du an die partei und die rettung der menschheit denkst! sonst wirst du weder die partei noch die menschheit verbessern können.

von: Stefan

Du musst in erster Linie dich schützen, also gib den Vorstandsposten auf. Es ist schwer bis unmöglich, da das Tempo zu drosseln, das ist ganz oder gar nicht.

Und niemand hindert andere Piraten daran, deine Arbeiten zu übernehmen. Man muss nicht im Vorstand sein, um zu arbeiten.

von: Michael Eisner

Ich biete mal meine Mitarbeit bezüglich des X018 an, um möglichst bald Klarheit hinsichtlich des LQFB zu haben. Sinnvoll wäre wohl ein Treffen zusammen mit dem Initiator und anderen Interessierten, um entweder den Antrag in den Teilen zu retten die umsetzbar sind oder einen neuen umsetzbaren Antrag zu verfassen. Du kannst mich über @AMEis_e erreichen oder die ML der Piraten Lichtenberg.

Ansonsten kann ich nur delegieren empfehlen oder wenn das nicht funktioniert und die Gesundheit geschädigt wird eben die richtige Konsequenz.

von: rka

Das was du beschreibst kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch muss sich an der derzeitigen Situation auf jeden Fall etwas ändern. Ich komme aber zu einer anderen Schlussfolgerung als die meisten hier, und denke nicht, dass die Aufgabe des LV Vorstandspostens die richtige Konsequenz ist. Du hattest zu deiner Kandidatur ja angekündigt, nur 20 Std. für diese Aufgabe aufwenden zu können. Mehr haben deine Wähler nicht erwartet, sonst hätten sie dich nicht gewählt. Daran solltest du dich also orientieren. Aber wie? Priorisieren, delegieren (ich weiß, einfach gesagt, und du hast ganz andere Voraussetzungen als ich derzeit - trotzdem, versuchen!). Nicht alles was erledigt werden muss, musst du selbst machen. Ev. hilft auch nochmal der Vortrag von Bernd über Stabsarbeit weiter, den ich selbst leider auch immer noch nicht gesehen habe. https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&ved=0CDIQtwIwAA&url=http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DCLJTvzjENAA&ei=LhkJUcfYEc7Bswa344GgDA&usg=AFQjCNFwzvWwrog2oaeQZPaefqtY4fsQqQ&bvm=bv.41642243,d.Yms

Was ich als hilfreich empfunden habe, sind regelmäßige (wöchentlich bis monatlich) Treffen mit deinen Unterstützern, die dir konkrete Arbeit abnehmen möchten.

Ich möchte dir aber hier eigentlich auch gar keine superschlauen Tipps geben, die du vielleicht schon ausprobiert, und ‘aus Gründen’ verworfen hast. Ich ruf dich einfach nochmal an (auch aufgrund meiner Kommentare ;)) http://zweifeln.org/ich-und-das-atombombenexperimentierfeld-piratenpartei/#comment-256 http://zweifeln.org/ich-kandidiere/#comment-277

Mein leichtfertig dahingeschriebener Wunschzettel:

  1. behalte dein Amt als Vorstandsmitglied bei
  2. wende weniger Zeit für die Piraten auf
  3. fordere Unterstützung ein (gerade, wenn Dinge erledigt werden sollen)
  4. mache nachvollziehbar, was liegenbleibt

von: @celfridge

Erstmal ein großes Danke, dass du mit deinen Problemen in die Öffentlichkeit gehst. Als einer der dich grad mit Kleinigkeiten zusätzlich stresst und der sich selber immer viel zuviel vornimmt, will ich auch mal meinen Senf dazu geben.

Auch wenn das jetzt vermutlich alles sehr altklug klingt und ich sowas eigentlich ziemlich ekelig finde, will ich doch ein paar Hinweise geben, an die ich versuche mich zu halten um als Bezirksverordneter klar zu kommen:

  1. Lerne ‘NEIN’ zu sagen! Ich weiß es ist verlockend sich bei neuen Projekte reinzuhängen, weil sie interessant sind, weil sie Spaß bringen und weil sie tlw. Abwechselung bringen. Aber du solltest dabei immer auf dich und deinen Körper achten. Wenn du weißt, dass etwas eigentlich zu viel wird, sag nein. Und sage auch anderen, dass sie darauf achten sollen und dich im Fall der Fälle darauf aufmerksam machen.

  2. Als LaVo trägst du Verantwortung für das Ergebnis, nicht für die Umsetzung. Daher solltest du so viel wie möglich delegieren. Sei es nun die Arbeit um den X018 oder die Bezirksliquids. Wir haben viele schlaue, fähige und engagierte Menschen im LV die dir das sicherlich abnehmen würden. Nutze das doch.

  3. “Ein LaVo muss tun, was ein LaVo tun muss”… oder so ähnlich… mach als LaVo nichts, was nicht unbedingt sein muss und was nicht in deinem Aufgabenbereich liegt. In meinen Augen schreiben LaVos keine Anträge. In meinen Augen entwicklen LaVos nicht an OpenLV mit oder übernehmen die Projektkoordination. In Meinen Augen kümmern sich LaVos nicht um die Umsetzung einer SMV. Wenn dir diese Sachen wichtiger sind, ist ein Posten im LaVo vielleicht doch nicht die beste Wahl.

  4. Mut zur Lücke… wenn sich für eine Aufgabe mal niemand findet… wird sie halt nicht gemacht. Wenn es irgendetwas wichtiges ist, wird sich schon Jemand (TM) finden, der das übernimmt. Wenn nicht, wars wohl nicht so wichtig.

  5. Setze Prioritäten! Zuerst du, dann deine Freunde, dann je nach Situation Broterwerb oder Partei. Wenn dann Parteiaufgaben hinten runter fallen, dann ist das halt so.

Und zum Schluss noch eine Sache: Bitte tritt nicht zurück. Du machst einen großartigen Job im LaVo und ich bin mir sicher, er wird nicht weniger großartig, wenn du die Zeit die dafür draufgeht auf ein für dich verträgliches Maß reduzierst.

von: Silja goetzmann

Gero, Du hast meinen gößten Respekt und Achtung für Deine Arbeit und mein vollstes Verständniss für Deine missliche Lage. Wie Dir geht es wohl vielen angagierten Piraten. Wir dürfen Euch nicht verheizen!!!Wir brauchen Euch! Ich wünsche Dir, daß Du einen Weg findest Dich zu schützen. Silja

von: Fabio Reinhardt

Hi Gero,

im Grunde das was der RKA sagt. Mache dir klar, dass derjenige, der die strengsten und höchsten Erwartungen an dich und deine Arbeit hat, du selbst bist und schraube sie herunter.

Alles Liebe, Fabio

von: ihdl

vielleicht ist das abgrenzen, nein sagen, deligieren, runterschrauben, was viele hier vorschlagen, das beste was du machen kannst, die verschiedenen interessen in deinem leben unter einen hut zu kriegen. das bedeutet aber kontinuierliche arbeit, die du (zusätzlich) auch noch einplanen musst und die, gerade in noch relativ unstrukturierten kontexten wie deinem, nicht aufhören. wie oft macht man sachen am ende doch selbst, weil das sich mit anderen absprechen und dann damit leben, dass sie es etwas anders machen als man selbst, zeit kostet und unbefriedigend ist? und wie lange dauert es manchmal, sich durchzuringen, ob man x jetzt auch noch übernehmen will oder es *wirklich* nicht geht. du kennst das sicher.

mein tipp wäre, mal ne schritt zurück zu gehen und zu überlegen, wo deine prioritäten sind und wie das in deine lebensplanung schaffst. und zwar ergebnisoffen. willst du dich intensiv im kontext der uni mit akademischen sachen beschäftigen, das studium also nicht nur nur nebenbei irgendwie durchziehen mit der gefahr, dass es doch nicht klappt? dann muss die politik platz machen. oder kannst du dir gut vorstellen, dass der gero in 10 jahren vielleicht gar keinen abschluss hat, aber dafür viel politische erfahrung und andere praktische skills, die dir was nutzen? auch auf die gefahr hin, dass das fehlende studium oder der BA erst mit anfang 30 irgendwelche leuten komisch aufstoßen? das ist auch eine legitime entscheidung, die aber auch ihre konsequenzen hat. das erscheint jetzt sehr radikal, und wie gesagt, vielleicht funktioniert das vereinbarkeitsmodell ja doch. aber man muss sich manchmal die freiheit nehmen, die sache grundsätzlicher zu betrachten. viel erfolg!

von: Angelika

Hallo Gero,

zunächst einmal vielen Dank für den großartigen Vorstandsjob. Ich kann mich nur celfridge und rka anschließen. Lerne nein zu sagen und zu delegieren. Bitte nicht den Posten aufgeben.

Viel Erfolg bei Deinen Prüfungen Angelika

von: @chaosrind

Lieber Gero,

RKA und Fabio haben Recht. Du bist gewählt worden für das, was Du gesagt hast. Niemand kann und wird Dir Deine Gesundheit erhalten, wenn DU es nicht tust. Dass Du im Vorstand bist, heisst nicht, dass Du alles allein machen musst. Gib Aufgaben ab, die Dich belasten und die nicht zwangsweise ein Vorstandsmitglied machen muss.

Wir wollen keine Berufspolitiker, sagen wir immer. Darum MUSS Dein Privat- und Dein Berufsleben Priorität haben. Wir können es uns nicht erlauben, engagierte Leute wie Dich einfach ausbrennen zu lassen. Du hast viele Aufgaben genannt, die jedes andere Mitglied auch machen kann, dann ist halt mal weniger Zeit zum Nörgeln.

Ich rufe darum alle auf: Helfen statt meckern!

Und: Danke, Gero!

von: Therese

Lieber Gero,

stopp, bitte pass auf Dich auf, Deine Gesundheit, Dein Studium und Deine Existenzsicherung haben immer Vorrang vor dem Ehrenamt. Trete einen Schritt zur Seite und nimm die hier in den Kommentaren schon angebotene Hilfe ohne den kleinsten Gewissensbissen an.

In Prüfungsphasen und Deinen momentanen existentiellen Baustellen, ist es besser alles zu stoppen, nimm Dir ruhig 6 Wochen vorstandsfrei, vielleicht kannst Du Umläufe beobachten und bei Bedarf entscheiden, die Berichte der Beauftragten und Mithelfer lesen, abnicken und bitte mehr nicht. Ich rate, erst dann wieder aktiv projektbezogen zu arbeiten, wenn diese akute existentielle Notphase überstanden ist. Zurücktreten musst und solltest Du deshalb bitte nicht.

Danach überlege, ob Du nicht wirklich ein Zeitmanagement ohne schlechtes Gewissen mit höchstens 10 Stunden Woche + kleinen Pufferzonen für Dein Amt probieren möchtest. (mehr ist bei Erwerbsarbeit + Vollzeitstudium nicht realisierbar) Ich beobachte bei den Bezirksverordneten z. B. ein ganz ähnliches Problem, da müssen wir mit unseren Ansprüchen und unserem Perfektionismusstreben achtsamer werden.

Ich drücke Dich und bin zuversichtlich, dass Du das schaffst

Lieber Gruß von Therese

von: siusmart

Gero, mein Lieber,

falls es Dir schwer fallen sollte, Aufgaben abzugeben, weil sie eigentlich zu spannend sind/ gerade in einer entscheidenden Phase/ Du doch da schon so viel Arbeit reingesteckt hast/ Du doch gewählt worden bist und Deine Wähler nicht enttäuschen möchtest, oder was sonst auch immer, bedenke bitte auch Folgendes: Vielleicht hatten (und haben) die Piraten zu wenig Geld und waren und sind auf ehrenamtliche, unentgeltliche Arbeit wie die Deine angewiesen; das mag für eine Zeit gehen. Wer aber ein solches Arbeitspensum zu bewältigen hat wie die Piratenpartei, der hat irgendwann auch die Verpflichtung, das so zu organisieren, daß Leute, die diese Arbeit erledigen, nicht dabei drauf gehen. Es dann weiter so laufen zu lassen, bedeutet, es zuzulassen, daß die (Des-) Organisation systematischen Charakter annimmt - und es zeigt Desinteresse: an der Arbeit und den arbeitenden Leuten. Das nennt man dann Ausbeutung. Unter diesem Aspekt ist es nur gerechtfertigt, JEDE Aufgabe, die Dir zuviel wird (aus welchen Gründen auch immer), abzugeben. Du wirst sehen: das System kollabiert nicht, es wird, in ähnlicher Weise wie bisher, weiter funktionieren. Unterschied: Du steckst nicht mehr oder in anderer Form drin, und Du schädigst Dich nicht mehr selbst in elementarer Weise. Und noch was: natürlich ist der Leidensdruck gerade bei Dir am größten, der Du mit den Aufgaben unmittelbar befaßt bist. Dennoch ist es eigentlich nicht DEINE Aufgabe, für Strukturen zu sorgen, in denen Du diese Arbeit auch delegieren kannst (und gleichzeitig eine Ergebnissicherung betreiben kannst). Das wäre schon der nächste Job, solche Strukturen zu schaffen.

Ich bin einigermaßen entsetzt über das, was ich gerade gelesen habe. Laß Dir sagen, daß das sehr typische Strukturen und Abläufe in so jungen politischen Bewegungen sind; sie sind barbarisch, nehmen ALLES, was man ihnen gibt und fressen es in sich hinein und bereichern sich daran, und zwar genauso lange, WIE man ihnen etwas gibt. Sie sind genauso wie vorzugsweise suchtkranke Menschen, die einen so lange ausbeuten, wie man sie läßt, um ihre Sucht zu füttern, und sich in dem Moment, wo man sich von ihnen abwendet, andere Opfer suchen, die sie ausbeuten können.
Deine Arbeit ist offenbar gut; dann kann die Partei sie auch honorieren. Finanziell. Sonst hat sie sie auch nicht verdient.

Yours very sincerely, S.

von: @00v3rdr1v3

Kein Scheiss, lerne Deligieren. Du bist zu wichtig im Vorstand, um alles selbst zu machen. Ernsthaft, das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun. Du bist in den Vorstand gewählt worden, weil man Dich, Deine Einschätzungen und Deine Art dort haben möchte. Wenn Du vor lauter Arbeit nicht mehr dazu kommst, Dich einzubringen, ist das nicht im Sinne der Wähler. Deshalb: Such Dir ein paar Leute, die bereit sind, Jobs von Dir zu übernehmen. Und nochmal: das hat nichts mit Chef-gehabe zu tun. Es dient dazu, dass Du auch morgen noch den Job machen kannst, den die Wähler dir gegeben haben: Dich in den Vorstand einzubringen.

von: Bugspriet

Nimm Dir mal eine Woche oder zwei Wochen Urlaub, und guck Dir an, was in der Zeit gut oder nicht gelaufen ist. Die Zeit kannst Du für Deine Erholung nutzen und Dir dann überlegen was du von den Jobs abgeben kannst oder mit weniger Zunder befülltern musst. Ansonsten bin ich jetzt ruhig. Die schlauen Dinge hat ja schon der rka geschrieben.

von: Manu

Lieber Gero, wie auch schon besprochen, halte ich, wenn du dich (was ich für den LaVo gut fände) gegen den Rücktritt entscheidest, eine Begrenzung der Zeit, die du effektiv für den LaVo hergibst, für erforderlich. Ich selbst organisiere mich inzwischen recht gut mit einem persönlichen “Stundenplan”. Ich überlege, welche Projekte anstehen, und wie viel Zeit ich für diese aufbringen kann. So werden die Tage strukturiert. Was in dieser Zeit geschafft ist, ist weg. Was liegenbleibt, war nicht zu schaffen. Wenn das überhaupt nicht zusammenpasst, müssen Aufgaben abgegeben/anders verteilt/anders bewertet werden. Aufschreiben der Tasks (der “kleinen Portionen”) und des - auch unsichtbar - effektiv Erledigten (auch banal Scheinendes wie “1/2h nachgedacht”)hat mir dabei wirklich bei der Selbsterkenntnis, wo die Zeit eigentlich hin ist, geholfen.

Ich finde den Vorschlag sehr sinnvoll, die nächsten ca. 4W Vorstandsurlaub zu machen - so bekommst du mehr dringend benötigte Zeit für die Prüfungen und den Umzug. Ggf. kannst du in der Zeit ja 1/2-1h pro Tag für Umläufe etc. einplanen, aber mehr nicht. Dann heißt es allerdings auch, dass du dich an deinen Urlaub halten musst. Soll dich jemand dran erinnern? ;-)

Vergiss übrigens nicht, ganz egal, wie deine Entscheidung am Ende ausfällt: Du machst es für dich genau richtig.

LG Manu

von: Etienne

Hi Gero,

pass auf Dich auf - ja das haben schon alle hier geschrieben, ich tu es trotzdem noch mal, da ich das was Du beschreibst in meiner Zeit als ich studiert habe ebenso erlebt hab (damals als Mitarbeiter im AStA der Hochschule).

Du hast das einzig richtige gemacht: es ausgesprochen. Denn das verdrängt man oft viel zu lang. Jedoch können die anderen nur dann darauf reagieren.

Ich würde auch gerne so viel mehr machen in der Partei, aber es geht neben Job und Freund nicht - und das ist auch gut so.

Zum Schluss noch ein konkretes Angebot: Du weißt ja so in etwa, worin meine Fähigkeiten liegen - wenn Du also etwas konkretes hast, was sich fest umreißen lässt und Du loswerden willst/kannst, dann lass es mich wissen. Wenn ich es zeitlich und inhaltlich leisten kann, werde ich es gerne tun.

Alles Gute, halt die Ohren steif und viel Glück bei allem was da auf Dich zukommt in den kommenden Wochen und darüberhinaus.

LG Etienne

 
 

Ich kandidiere

Ich werde als Beisitzer für den Berliner Landesvorstand kandidieren. Warum?

Ende April 2012 bin ich den Piraten beigetreten und damit wohl eindeutig ein “Neupirat”. Wirklich neu fühle ich mich allerdings nicht, da ich schon lange im Piraten und Netzpolitik-Umfeld bin. Einige der “Altpiraten” kenne ich ganz gut und bin mit ihnen auch befreundet. Den Piraten bin ich beigetreten, weil sie eine Mächtigkeit erlangt haben, die sie über den “point of ne return” gebracht haben. Ich glaube, das Experiment Piratenpartei lässt sich nicht mehr aufhalten. “Wir” haben uns für das Experiment entscheiden, nun müssen wir es durchziehen und hoffen auf einen guten Ausgang. Die Erkenntnis, dass Politik noch immer in Parlamenten gemacht wird, sorgte für die Gründung der Piratenpartei. Alle andere Politikformen haben “wir” schon getestet und nirgends war der Einfluss groß genug. Nur als Partei gibt es die Möglichkeit in Parlamente einzuziehen und damit die Möglichkeit zu haben, die “größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” durchzusetzen. Ein wesentlicher Schritt dazu ist eine Neuausrichtung des politischen Apparates. Daran möchte ich mitwirken.

Warum “nur” als Beisitzer? Ich habe bisher keine Funktion in der Partei ausgeführt und kenne die Partei auch nicht gut genug um sie umfassend vertreten zu können. Als Beisitzer bin ich nicht die Repräsentationsfigur, auf die sich die Presse stürzt, sondern habe mit Themen zu tun, an denen ich mitarbeiten möchte: die Ausrichtung der Partei als solches und wie damit der Politikhack Erfolg haben kann. Vor allem aber, möchte mein Studium nicht aufgeben. Ich habe gerade an die Fern Uni Hagen gewechselt und bin damit zwar sehr flexibel, werde auf Dauer aber kaum mehr als 20h die Woche unentgeltlich für die Partei arbeiten können. “Teilzeit-Landesvorsitzender” halte ich für keine Option. Dazu kommt noch, dass ich vor einem halben Jahr mich aus dem aktiven Aktivismus zurück gezogen habe, weil es mir zu viel wurde und ich mein Leben nicht mehr im Griff hatte. Ich habe Angst, dass ich mich wieder übernehme und insbesondere an den teils sehr rauen Umgangston der Piraten kaputt gehe. Ich hoffe, dass ich als Beisitzer nicht all zu häufig ins Zentrum eines Shitstorms gerate und mein Leben dabei im Griff behalte.

So. Nun ist es raus und bin gespannt, was es für Rückmeldungen gibt.

Kommentare:

von: V.

Da muss ich maxen leider in vielen Punkten zustimmen: Auch ich hoffe, dass dich die Vorstandsarbeit im Moloch der Partei nicht kaputt macht. Trotzdem, wünsche ich dir viel Erfolg und Durchhaltekraft (vor allem fürs Studium).

von: rka

Genauso wie ich mich freute als du den Piraten beigetreten bist, freue ich mich nun auch über deine Kandidatur. Ich bin mir sicher, dass du mit deinen frischen Ideen und dem Hinterfragen von unklaren Abläufen wie ich sie im AK Vorrat kennengelernt habe, als Beisitzer einen guten Job machen wirst. Dass du dich dabei nicht bis zur Selbstaufgabe in Arbeit stürzt, daran will ich dich gerne beizeiten erinnern ;)

von maxen

Ich denke, Du bist sehr feinfühlig und friedfertig. Die innerparteiliche Diskussionskultur ist (hingegen) nicht entwickelt genug, um Dir zu genügen. So dass überhebliche Selbstdarsteller’innen Dir den letzten Nerv raubten.

Dass die Piratenpartei Wege zur Emanzipation (Aufklärung und Befreiung) von Macht und Gewalt vorlebt, ist kaum mehr zu erwarten. Sie stecken noch in den sechs Urkonflikt-Formationen - wie Johan Galtung sie beschreibt und benennt (Buch) ‘Frieden mit friedlichen Mitteln’ + (Vortrag) speziell ab 1:17 http://www.youtube.com/watch?v=ngxDAAkgVr8

Über Gewaltfreie Kommunikation hinaus, gibt es friedliche Mittel und Wege. Mediation kann dazu beitragen, den Umgang miteinander zu üben. Schlichtung ist (nicht schlecht, aber) ein Zeichen für vorhergehenden Mangel.

Nun, wo Du feinfühlig sein magst, bin ich über-feinfühlig (hyper-sensibel). Natürlich freue ich mich, wenn ‘so Typen’ in der Partei (aktiv) sind, die ich noch mindestens einmal wähle #BTW2013. Doch mach ich mir mehr ‘Sorgen’ um das Wohlergehen Einzelner (Deines), als um das einer Partei.

 
 

Wo bleiben die Hacking-Kommunen?

Dieses Blog ist ein Stück weit ein offenes Tagebuch, in dem ich u.a. über meine Depression schreibe, vor allem aber über Strukturen, an denen ich versuche zu erkennen, wie das auf die Depression so einwirkt - und ich mache das öffentlich, weil ich davon ausgehe, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Und zu sehen, dass es anderen Menschen ähnlich geht, bringt diese Menschen zusammen und manchmal können sie sich gegenseitig helfen.

In der letzten Zeit geht es mir (siehe mein letzter Blogpost) um meine Lebensform, die sich irgendwie vom “normalen Leben” unterscheidet - und ich irgendwie zum normalen Leben “zurück” will - und irgendwie nicht. In diesem Blogpost geht es mir darum, dass Hackingspaces kein zu Hause sind - und “wir Hacker” ein zu Hause brauchen und Kommunen bilden sollten. Und unsere Lebensform vielleicht auch zu unserem “normalen Leben” machen sollten.

In den Hackerspace-Design-Patterns steht u.a., dass mensch niemanden im Hackingspace wohnen lassen sollte. Und das ist auch gut so, denn ein Hackingspace ist zum Hacken da, nicht zum Wohnen. Andererseits ist das auch hoch problematisch, denn wo leben eigentlich Haecksen und Hacker? Irgendwo in ner kleinen Wohnung/WG vor ihren Rechnern verschanzt mit nem Tiefkühl-Pizza-Vorrat und für den Koffeinmagel auch mit nem Bett. Alles Haben ist (nach mspro) virtuell, der Kontakt zu Mitmenschen in der selben Wohnung und/oder Stadt sind häufig eingeschrenkt - die Kontakte werden ganz der Filtersouveränität nur mit den Menschen gepflegt, zu denen auch der Kontakt gewünscht ist. Das führt schnell dazu, dass alle wichtige Kontakte online gehalten werden.

Wenn ich mir mein Leben seit dem Abi 2009 angucke, habe ich ne Weltreise und 4 verschiedene (mehr oder weniger feste) Wohnorte hinter mir. Nirgends lebte ich länger als 9 Monate. (Berlin durchbricht die 9 Monate gerade … sogar in der selben WG). Und irgendwie war ich all die Zeit mehr oder minder in der selben Szene, der Hackingszene. Mein Freundeskreis hat sich in der Zeit relativ konstant aufgebaut, relativ unabhängig vom Ort, wo denn gerade mein Bett steht und wo ich denn “wohne”.

Weil wir uns selbst häufig von den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung aus unterschiedlichen Gründen eher abkapseln, vereinsamen wir häufig - und (so behaupte ich) daraus entsteht dann unter Umständen eine Depression. Dazu kommen häufig Lebensentwürfe, wie Polyamorie und das Ablehnen von klassischen Geschlechterrollen und Familienbildern. Was ich ausdrücklich gut finde, aber der sozialen Interaktion mit anderen Menschen häufig eher abträglich ist - und sich die Haecksen und Hacker noch mehr in ihre eigene Welt zurück ziehen, in der soziale Interaktion auf Twitter mit #Flausch und *hug* wohl ihren Höhepunkt haben. Leider.

Mitfühlende Tweets sind super, können echte soziale Interaktionen aber nicht ersetzen. In Berlin gibt es inzwischen den Luxus, dass es hier so viele tolle Leute gibt, die auch einfach mal an der Tür klingeln, die Wohnung stürmen um den *hug*-Tweet im Meat-Space umzusetzen. Und: das ist super, klappt aber nicht immer. Schon gar nicht immer dann, wenn mensch es wirklich braucht. Hinzu kommt: je depressiver die Stimmung, je schwieriger ist es, sich Hilfe zu organisieren - oder gar zu anderen Menschen hin zu gehen, um die Einsamkeit aktiv zu unterbrechen. Wirklich hilfreich wäre es, wenn die Menschen, die sich derzeit auf Twitter/Jabber/IRC … gerade aktiv gegenseitig stützen einfach zusammen wohnen würden, damit sie für einander da sein können. Beim zusammen Wohnen sieht mensch deutlich leichter, wer gerade ernsthaft Hilfe braucht. Und das sollte nicht auf die 2er oder 3er WG beschränkt sein, sondern große WGs werden, damit Menschen sich wirklich unter einander stützen können - und immer irgendwer da ist. Ganz wie in dem Kommune-Gedanken der 68er-Generation. (Rainer Langhans hat das in den Elemantarfragen mal ganz gut dargestellt (neben vielem anderen))

Kommunen, wo unsere Lebensentwürfen akzeptiert sind und mensch sich zu Hause fühlen kann und Menschen für einander da sind, weil sie sich auch verstehen, weil sie aus der gleichen Subkultur kommen. Ich glaube, dass “wir” uns zu selten zu wenig Gedanken darüber machen, wo wir gerade wie wohnen. Wir brauchen ja nur ein Bett, Netz und ne gute Zug- und Flughafen-Anbindung. Zu Hause machen wir ja doch wenig - außer auf ein Gerät mit Netzanbindung gucken. Und das halte ich für ein Problem. Unser Zuhause muss keine exorbitanten Anforderungen erfüllen - aber es sollte voll mit Menschen sein, die wir gern haben - und nicht mit “irgendwem”, mit dem wir doch nichts zu tun haben, und dann “vereinsamen”, weil wir unsere guten Freunde nicht mehr im RealLife Treffen, wobei das so wichtig ist.

Diese Kommune, das Zuhause soll ein Rückzugsort sein - in das “wir” uns zurück ziehen können und aufgefangen werden. Wie dieses “uns” definiert wird, und wer da rein darf/soll, wird die jeweilige Kommune dann entscheiden. Vor gut ‘nem halben Jahr habe ich an dieser Idee mit einzelnen Leuten mal gesponnen, ist dann aber wieder runter gefallen. Dabei finde ich sie gut. Und halte sie für eine Beseitigung von vielen Problemen.

Super fände ich auch, wenn diese Nerd/Hacking-Kommunen dann auch ein Anlaufpunkt in einer anderen Stadt sind. Um auch in einer anderen Stadt ein “Zuhause” zu haben - so viel wie “wir” unterwegs sind. Ein bisschen wie ein Hackingspace, nur eben nicht zum Hacken, sondern zum Sein. Zum Leben. Zum Zurückziehen - und dabei dann sogar noch ein bisschen “überall”.

tl;dr: Hackingspaces sind Orte, wo (gemeinsam) an Projekten gehackt wird - und wo es ums Hacken geht. Lasst uns Kommunen bilden, wo wir für einander da sind und auch einen Lebensraum haben, wie wir ihn haben wollen. Und wo #Flausch nicht ein verbranntes Hashtag ist, sondern ein echtes für-einander-da-sein.

Kommentare

von: TollerMensch

Ein wesentliches PRoblem ist doch, dass du es mit einer sehr “eigenen” Community zu tun hast. Leichte bis schwere Soziopathen findet man schon in Hackerspaces genug, ähnlich würde es auch in einer Kommune aussehen. Wenn zu viele unterschiedliche Macken auf einem Ort sind, ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis Reibereien entstehen, und gerade in Hackerspaces sieht man oft ja auch sehr spezielle Leute, die, was soziale Beziehungen angeht, eine sehr absolute Auffassung haben - einmal ein Fehler oder ein falscher Kommentar reicht aus, dass der Mensch nie mehr mit einem spricht.

Aber: Wieso fragst du nur, wieso es sowas nicht gibt, und wieso sowas niemand macht? Es ist nur organisatorischer Aufwand, sowas auf die Beine zu stellen. Geld findet sich dann über die Mitglieder der Kommune. Hackerspaces haben quasi auch mit der c-base in Berlin angefangen, und heute gibt es sie auf der ganzen Erde.

von: Gero

Klar gibt es Soziopathen in der Szene - und klar ist auch, dass zumindest ich mit denen nicht zusammen wohnen möchte. Wie ich mit relativ vielen Menschen nicht zusammen wohnen möchte. Aber aus diesem Grund war ja auch mein Vorschlag, dass die Kommune sich selbst finden muss - und selbst entscheidet, wer rein kommt und wer nicht. JedeR soll dann eben auch doch nicht rein.

Und der Blogpost war auch eher ein Aufruf - mal gucken, wie darauf reagiert wird. Und dann natürlich auch das Initiative ergreifen, wenn es sich anbietet - und wenn jemensch einen wirklich tollen Ort hat, wo man eine Kommune neu gründen könnte (in eine vorhandene WG einziehen funktioniert halt nicht), dann immer her damit! Und dann würde es sich “irgendwie” entwickeln …

von: Julian

Nachdem ich mir mal den Wikipediaartikel zum Thema Kommune als Lebensform durchgelesen habe, würde ich für mich spontan das Leben in einer Kommune ablehnen. Konsensprinzip, Plenen, “zeitaufwendiger Diskussionprozess”, der ganze formale und philosophische Überbau der klassischen Kommune ist mir zuviel. Ich möchte nicht jeden zweiten Tag den ganzen Abend das Zusammenleben ausdiskutieren müssen.

Dass depressiven Mitbewohnern in $Zusammenlebengemeinschaft geholfen werden kann, halte ich nur dann für möglich, wenn das Verhältnis stimmt, d.h., genug nicht-depressive da sind. Es fällt mir aber schwer, das Verhältnis in Zahlen zu packen, und mir kommt gerade ein Depri-WG-Bild hoch, was ja über einen längeren Zeitraum passieren könnte.

Es ist schön, mit anderen zusammen zu leben, zusammen zu kochen und zu essen, etwas zu spielen, whatever. Ebenso habe ich es zu schätzen gelernt, alleine in Ruhe zu kochen und zu essen, oder alleine Musik zu hören, sich nur darauf zu konzentrieren und sie zu geniessen.

Wie ich/man das alles unter einen Hut bringen sollen, das habe ich noch nicht herausgefunden, denn gefühlt bieten mir WGs/Kommunen zu wenig Rückzugsraum und Freiheiten.

von: Julian

Kleine Fehler oben: s/philosophische/ideologische/

von: Gero

Sry, aber ob DU in einer Kommune leben möchtest oder nicht, ist mir vollkommen kackegal. Und nein, ich brauche auch keine KommentatorInnen, die überall ihren Senf dazu geben. Das kann ich alleine. Mach das doch auf deinem eigenen Blog. Danke.

 
 

Leben, Politische Korrektheit und Depression

Ich hab den Aktivismus aufgegeben, um wieder mehr “echtes Leben” zu leben. Und die Entscheidung war gut - aber es reicht nicht.

Ich lehne aus politischen/ethischen/moralischen Gründen viele Lebenseinstellungen ab (wie ich es z.B. nicht lustig finde, sich über andere Menschen lustig zu machen - schon gar nicht aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung u.ä.) - und aus diesem Grund halte ich mich von vielen Menschen fern, die eben dieses tun. Irgendwie versuche ich ein diffus “politisch korrektes Leben” zu leben. So ohne massiven Drogenkonsum, möglichst ohne Ausbeutung anderer Menschen und mit möglichst wenig Gesetzeskonflikten (Generell finde ich nämlich Gesetze eine gute Sache).

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir diese Lebenseinstellung einen großen Teil dessen, was ich eigentlich Leben möchte, “verbietet”.

Nein, mir geht es dabei nicht um den massiven Drogenkonsum und auch nicht darum, mich über andere Menschen lustig machen zu können. Da habe ich keine Freude dran. Mir geht es um eine leichtere Lebensweise. Mir geht es u.a. um Extremsport. Nicht, dass ich ihn selbst dringend machen muss - aber er ist ein gutes Beispiel dessen, was ich an meinem Leben nachhaltig vermisse. “Verrückte Dinge tun”

Menschen, die dies tun, haben diese “leichtere Lebensweise” (behaupte ich). Sie machen sich nicht zu viele Gedanken darüber, was passiert, wenn der Fallschirm nicht aufgeht - oder was passiert, wenn sie beim Skaten falsch aufkommen und sich den Arm brechen. Bei den Menschen, die dies tun, nehme ich überproportional häufig “Kackscheiße” wahr. Da wird den Mädels der Arsch gegrabscht und “schwul” als Schimpfwort genutzt. Aus eben diesem Grunde meide ich sehr häufig diese Menschen.

Ich schaffe es nicht einmal, ohne Helm Fahrrad zu fahren. Also, ich fahre schon auch ohne Helm (und habe auch keine Angst davor), halte es aber für eine äußerst gute Idee, mit Helm zu fahren (Es erhöht die Chance zu Überleben im Falle eines ersten Unfalls einfach massiv). Dazu kommt, dass ich längere Zeit als Fahrradkurier gearbeitet habe (ich kann also wirklich Fahrrad fahren ;-) ) - und mich in der Zeit daran gewöhnt habe, mit Helm zu fahren. Das mit-Helm-fahren wiederum führt dazu, dass jede Person, die mich sieht, sich denken muss “ach, der fährt mit Helm. Ist ja ein ganz sicherer …”. Oder zumindest interpretiere ich das in andere Menschen hinein, was wiederum dazu führt, dass ich mich eben so verhalte, als würde sie das denken - und versuche mich irgendwie abzugrenzen (weil die anderen ja ohne Helm fahren und bestimmt doof sind).

Natürlich ist das etwas überspitzt, aber zur Verdeutlichung, was in mir so für Gedanken sind, wohl ganz gut.

Und ich glaube, dass diese Haltung mich häufig in die Depression zieht. Das, was von außen wohl so aussieht, als hätte ich ‘nen Stock im Arsch. Und wahrscheinlich habe ich das auch - aber genau das ist es auch, weshalb mich von den Menschen, die das so sehen, abwende. Und übrig bleiben Menschen, die (ähnlich wie ich) sich sehr viele Gedanken zu allem machen und politisch korrekt leben.

Diese Menschen sind wahrscheinlich auch die allermeisten, die mein Blog lesen - und, ihr politisch korrekt lebenden Menschen: Ich mag euch. Ich mag euch sogar sehr - aber mir fehlt das “Verrückte Dinge tun”. Vielleicht tut ihr das die ganze Zeit, und ihr nehmt mich einfach nicht mit (was ich gemein fände!), vielleicht ist aber auch das verrückteste, was ihr tut, am Linux-Kernel mit zu programmieren. Ja, das ist irgendwie auch verrückt - und politisch super korrekt und wichtig. Und ich bitte euch, dies auch weiterhin zu tun, denn Linux ist super! - aber es ist nicht das “verrückt”, was ich meine. Mir verleiht so ein Linux-Kernel einfach keinen Adrenalin-Schub. Und das ist es, was mir in meinem Leben so häufig fehlt.

Update: Was mir so fehlt, in noch deutlicher:

Und das Video ist schon ganz schön kackscheiße.

Oder:

Weniger offensichtliche kackscheiße, dafür mehr krasse First-World-Probleme. Und das Gefühl den Rucksack nehmen zu wollen um für ne Zeit nach Indien zu gehen. Und dann das Problem haben, krass reicher Mensch aus dem Westen zu sein, der es sich dort quasi ausbeuterisch gut gehen lassen kann. Und womit ist zu rechtfertigen, das es mir so gut geht, wo ich so wenig arbeite - und warum es vielen Indern so schlecht geht, obwohl sie viel mehr arbeiten als ich. Müsste ich denen nicht all mein Haben geben? Krasse Gedankengänge in meinem Kopf. Aber so sind sie.

Kommentare

von: Julian

Kurz und knapp: Jammern auf hohem Niveau. Im Vergleich zu den meisten Menschen führst Du ein Leben auf der Überholspur, was den meisten schon verrückt genug wäre. Wieso um alles in der Welt sollte ein häufiger Adrenalinschub erstrebenswert sein? Weil die Welt, in der wir leben, eh schon verrückt genug ist, und man dadurch noch eines oben drauf setzen will, auf diese durchgeknallte Realität da draussen, die einen abstumpfen läßt?

Ist das dann nicht schon fast wie Ritzen, weil normale Reize schon nicht mehr wahrgenommen werden, und der Schmerz zeigt: “Ah, ich lebe ja doch noch.” Sind die Zeiten, wo man sich nach durchzechter Nacht alleine wohin setzt, und in Ruhe einen schönen Sonneaufgang beobachtet, und dieses als wunderschönes, einmaliges Erlebnis wahrnimmt vorbei?

Was ist so toll an Extremsport? Ist es der Adrenalischub? Oder vielleicht doch die Anerkennung, die einem andere zollen? Sofern sie einen nicht für total bescheuert halten. Naja, solange das Solidarsystem die auf die Schnauze fliegenden Skater, Kletterer, Fallschirmspringer, etc. auffängt, ist ja alles ok.

Bisschen überspitzt, komprimiert und unsortiert, aber das ist der Uhrzeit geschuldet :)

von: Gero

Du hast natürlich recht, dass ich schon einiges im Leben gemacht habe - und zugleich das “Leben” dabei ganz häufig zu kurz gekommen ist. Also ein Stück weit ist es auch die Frage: Warum das alles? Für was? Was an dem bisherigen Leben ist denn so unglaublich erstrebenswert?

Und ja, mich langweilt mein Leben. Ganz häufig, ganz massiv. Irgendwann ist die Zeit durch, die es besonders spannend ist, Demos zu organisieren, Politiker zu belabern, vagabundierend durch die Gegend ziehen, rumnerden. Das alles langweilt mich. Es langweilt mich, weil ich so selten eine Antwort darauf habe “Warum tue ich das eigentlich?”

Wo ist der Unterschied, ob ich mich als Aktivist in verschiedenen Gruppen kaputt arbeite, großartige philosophische Texte lese, oder einfach vor dem Fernsehen abhänge? Und warum tue ich letzteres nicht? Okay, ich habe keinen Fernseher - und das Fernsehen langweilt mich sogar noch mehr, als irgendwelche Demos zu organisieren. Und nein, Demos organisieren ist nicht langweilig - im Gegenteil eher echt stressig. Aber erfüllen tut es mich trotzdem nicht. Ich erkenne den Selbstzweck darin nicht. Das große Ganze fehlt mir dahinter. Ja, die Demos sind wichtig - aber was habe *ich* davon? Warum sollten wir das Internet retten? Für was? Wo ist das lebenswerte Leben dahinter?

Warum sind meine Freunde so häufig gegenseitige Hilfsbeziehungen? Warum habe ich so häufig Freunde um XYZ zu erreichen? Was hat mich so krass durchrationalisiert?

Ich habe neulich endlich mal den Kinderfilm Momo gesehen - und frage mich, ob wir nicht auch alle den grauen, rauchenden Männern auf den Leim gingen und nun unsere ganze Zeit rationalisiert wird. Aber was haben wir davon? Wo ist das Leben, das es sich noch zu leben lohnt? Zumindest suche ich eben dieses. Irgendwas, was nicht in irgendeiner Art und Weise nützlich für etwas anderes ist, sondern einfach Selbstzweck. Ein Leben, das mir irgendwas gibt. Freunde, bei denen ich nicht das Gefühl habe, wir sind nur Freunde, weil wir uns gegenseitig für ein gemeinsames Projekt brauchen - sondern welche, die ich gern habe, weil wir uns gegenseitig ganz ohne Hintergedanken wirklich gut verstehen. Dieses “normale Leben” - mit all dem, was es lebenswert macht. Irgendeine Art von Kick.

Ja, es gibt die Scheinweisheiten, dass die Kicks doch auch alle nicht das Wahre sind, und ein erfülltes Leben ohne funktionieren sollte - aber dem widerspreche ich. Ich glaube, dass jeder Mensch eine Passion braucht, die ihn erfüllt - und das sind nunmal häufig auch Adrenalinkicks. Und wenn es die nicht sind, dann gibt es aber eine echte Passion irgendwofür - und drum herum ein “normales” Leben mit echten Freunden. Und eben dieses fehlt mir. (Ja, ich habe echte Freunde und die sind auch toll. Aber es sind halt wenige - und aus einem sehr bestimmten aktivistischen/nerdigen Kreis - und darüber hinaus recht wenige).

von: Gero

Ich verstehe nicht ganz was du mir sagen willst. Genau genommen gar nicht. Was willst du mir dann sagen? Dass es mir ja so gut geht und ich mich nicht so anstellen soll?

Weshalb genau führe ich ein Leben “auf der Überholspur”?

Und: Nein, Ritzen (Selbstverstümmelung) ist nicht das gleiche wie Extremsport. Der Vergleich ist mächtig schief.

von: Julian

Bzgl. der These der (lebens)notwendigen Passion und der Kicks haben wir einen Dissens. Du hast doch bestimmt mal Siddhartha gelesen. Wie wirkte das Buch auf dich?

Und noch kurz zu den echten Freunden: wer behauptet, mehr als eine Handvoll zu haben, der weiss nicht, was echte Freunde sind. Von daher ist das imho voll ok, wenn du wenige hast, weil man viele nicht haben kann.

von: Karl

@Gero:

Hab grade dein Blog gefunden, gefällt mir! Kann sehr gut nachempfinden was du beschreibst. Vor so ca. 2 Jahren gings mir ganz ähnlich (da war so ein Höhepunkt, aber dieses Grundgefühl hat mich schon viele Jahre begleitet). Habe mich durch mein ständiges Alles-Hinterfragen, von allen Seiten beleuchten, mich und meine Handlungen analysieren, ein korrektes Leben zu führen usw. geradezu vom Leben abgeschnitten gefühlt, oder zumindest unfähig, einfach mal nur zu tun, einfach nur zu sein. (Vielleicht trifft das auch gar nicht so sehr deine eigene Verfassung, aber ich hab mich einfach in deinen Beschreibungen wiedergefunden, vor allem bei den Sachen, die du in deinem Leben vermisst.) Manchmal hilft wirklich nur, sich zu zwingen, einfach mal Sachen zu tun, Neues auszuprobieren ohne darüber nachzudenken, und sich aus den alltäglichen Strukturen rauszureißen. Einen Schritt dazu scheinst du ja schon gemacht zu haben, indem du dich vorerst vom allesfressenden Aktivismus zurückgezogen hast. Dadurch lernt man auch nochmal neue Leute kennen, die im besten Fall einen ganz anderen Zugang zur Welt haben (deine ‘Extremsportler’, bei mir wars ne Freundin, die Kunst gemacht hat) und deren Leichtigkeit einfach nur ansteckend ist.

Hoffe du schaffst es, deine Lebensweise und dich selbst so zu verändern, dass du Teile dessen, was dir fehlt, dazugewinnst und gleichzeitig das Gefühl behältst, du selbst zu sein.

@Julian:

Wie du hier angesichts eines Menschen, der offenbar in einer Sinnkrise steckt (und mit dem du zu allem Überfluss befreundet zu sein scheinst), mit den hinterletzten Binsenweisheiten um die Ecke kommst und dabei in jedem Satz seine Gefühle kleinredest, ist eklig. Die wenigsten Probleme lassen sich lösen, indem man jemanden damit zuschwallt, dass seine/ihre Probleme keine Probleme sind.

von: TollerMensch

Habe auch gerade diesen Blog hier gefunden und finde ihn nett, vor allem diesen Beitrag hier finde ich gut, kann mich darin teilweise auch gut wiederfinden.

Ich denke, das Problem ist nicht, dass man tatsächlich zu wenig erlebt, sondern dass man diese Dinge zu schnell annimmt und als nichts besonderes mehr ansieht. Mach dir einfach mal bewusst, was du für ein Leben führst! Woanders schreibst du, du würdest um die Welt reisen, Konferenzen besuchen, häufig umziehen, Demos organisieren, politische Diskussionen führen. Ist das nicht aufregend? Als du jünger warst, war das sicher eine Art “Traum”. Nur wenn man dann eben an dieser Stufe ist, nimmt man die Sachen zu schnell als gegeben an, “es macht ja jeder”, weil sich das soziale Umfeld auch entsprechend ändert. Aber die anderen, die machen die interessanten Dinge.

Als ich 16 war, habe ich von genau dem Leben, das ich jetzt führe, geträumt. Mit Freunden jede Gegend und jeden Winkel zu erkunden, die Nächte durchzucoden an geilen Projekten, 12 Stunden durch halb Europa zu Konferenzen zu fahren, auf riesige Hackercamps gehen, Dinge digital zu erkunden. Ich habe lange auf einen Job hingearbeitet, weil ich lange davon geträumt hatte. Aber noch mit der Zeit zwischen der Bestätigung und dem Jobanfang hatte es wieder seine Aufregung verloren, und ich sah dadrin nur noch eine Verpflichtung.

Und heute? Da denke ich auch, hätte ich mal was aufregenderes tun sollen, oder sollte jetzt was aufregenderes tun. Aber wenn man sich überlegt, was man in dieser Community erlebt, was man tut, wozu man beiträgt, dann ist das schon eine der aufregendsten Dinge, die man tun kann. Es ist von außen gesehen vielleicht nicht so, aber ich denke schon - es ist sehr viel aufregender ein solches Leben zu führen, als tagein, tagaus das gleiche zu machen, und wochenends dann zu feiern und ggf. mal einen bestimmten Sport zu machen, oder irgendein Erlebnisprogramm aufzulegen, damit man mal was besonderes macht (Fallschirmspringen, $Droge konsumieren, was auch immer). Das kann jeder.

Adrenalinschübe aus einer Gefahr heraus sind imho eine ziemlich eklige Sache. Im eigentlichen Moment sind sie unschön und man denkt an etwas komplett anderes, als was für einen Spaß man gerade habe bzw. wie toll es doch eigentlich ist, was man macht. Im Nachhinein bleibt dann eine schöne Geschichte, wenn es denn überhaupt folgenlos weitergeht, aber auf Dauer wird daraus auch nicht mehr werden als ein Hobby. Der Fallschirmspringer wird nach dem hundertsten Sprung sicher auch nicht mehr das Gefühl haben, er mache gerade etwas sehr besonderes, sondern es macht ihm einfach Spaß. Aber das Gefühl, das du bei sowas hättest, kannst du auch mit sehr viel einfacheren Dingen erreichen. Schon Segeln oder Klettern hat eine sehr ausgleichende Wirkung, oder mal bei schwerem Wetter mit einem Kajak (auch auf dem Wannsee) unterwegs zu sein. Wirklich lebensgefährlich oder unmoralisch wird das nicht, aber in dem Moment denkt man anders.

von: Gero

Es geht mir dabei gar nicht so sehr um die Adrenalin-Schübe selbst, sondern mehr um die Leute, mit denen man (gemeinsam) tolle Sachen macht.

Ja, ich mache viele tolle Sachen - und ich versuche mir das auch immer mal wieder bewusst zu machen - aber ich mache sehr viele von diesen tollen Sachen alleine. Also, ich mache sie natürlich nicht ganz alleine, aber es fühlt sich oft so an, als würde ich sie alleine machen. Auch wenn mensch im Internet ganz viele tolle Dinge auch mit anderen Menschen zusammen zu machen, ist es doch nicht das gleiche, wie etwas im RL zusammen zu machen. Das Verbindende Moment ist nicht da. Dabei bewegen wir uns physische nicht. Und wenn es nur das aus der Laune heraus entsandene Wettrennen ist, das spontane Volleyball- oder Federball-Spiel, das macht mensch mit anderen Menschen zusammen und mensch bewegt sich dabei, was zum besseren Wohlgefühl im Nachhinein führt. Es ist auch nicht so, dass ich keinen Sport mache - aber auch den mache ich zumeist alleine und auch wenn ich das im Nachhinein anderen Menschen im Jabber erzählen kann, ist es doch nicht das gleiche, wie gemeinsam Joggen gegangen zu sein. Und das ist so ein bisschen mein Problem.

Im nächsten Blogpost (zu der Hacking-Kommune) bin ich darauf ja weiter eingegangen und sehe das Problem (inzwischen) auch weniger darin, dass ich so wenig mache, oder mein Leben so langweilig ist, sondern dass ich mit den Leuten, die eine ähnliche Lebenseinstellung haben wie ich, einfach mehr zusammen tun sollte. Und da ich Biertrinken mit Kalendereintrag auch doof finde, halte ich es für die beste Möglichkeit einfach zusammen zu wohnen, dann kann mensch einfach nach Hause kommen und sich ein Bier zusammen nehmen - ohne allen Orgakram …

 
 

Ich und das Atombombenexperimentierfeld Piratenpartei

Eingetreten.

Seit Mai 2009 spiele ich mit dem Gedanken, nun habe ich es getan. Ich bin “Pirat”, halte das System “Partei” aber für falsch. Die Piratenpartei, das Atombombenexperimentierfeld der Demokratie - ein Ort wo mensch die Sinnhaftigkeit von Parteien hoffentlich ganz grundsätzlich diskutieren kann, was ich so hoch spannend finde, dass ich mich da nun einfach mal gucke, was passiert.

Parteien halte ich für das Hauptproblem heutiger Politikverdrossenheit. Politik ist hochkomplex - sich effektiv einbringen macht extrem viel Arbeit. Die Ochsentour verschleißt viele gute Ideen, Initiativen und vor allem Menschen. Es gibt gute Gründe warum im antiken Griechenland kein Stadtstaat mehr als 10.000 Einwohner hatte - da kannten die Menschen sich unter einander und haben bei Problemen direkt miteinander gesprochen. Die heutige Demokratie ist eine Stellvertreter-Demokratie. Niemand ist selbst verantwortlich - immer war es jemand anders oder die einzelne Person übernimmt die Verantwortung für etwas, um Glaubwürdigkeit zu beweisen. Das diese Person aber tatsächlich verantwortlich ist, ist sehr unwahrscheinlich, da unser gesamtes Gesellschaftssystem nur durch Delegation funktioniert. Wo nur noch delegiert wird, wird es schwierig die Bürger offen mit einzubeziehen. In dieser Krise stecken alle modernen Demokratien und insbesondere die Parteien, die die Demokratien verkörpern.

Aus eben diesem Grund halte ich Parteien per se als Teil des Problems und nur bedingt als Teil der Lösung - und aus diesem Grund habe ich es vermieden einer Partei - trotz jahrelangem politischen Engagement - beizutreten.

Mit der Piraten-Bewegung verändert sich die Parteienlandschaft nachhaltig. Es scheint, als würde es eine Neuerfindung des politischen Rads geben - und zugleich bilden sich in den Piraten auch die gleichen Muster wie in allen bisherigen Parteien auch. Es geht zunehmend um “die Partei”, um Umfragen und Machtansprüche, es bildet sich ein Fraktionszwang.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” - und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.)

So bin ich nun teil der Piraten-Crew, will aber nicht Partei, sondern Utopie und gute Politik - unabhängig vom Parteibuch und nach Möglichkeit irgendwann ganz ohne Parteibuch. Mal sehen was sich auf dem Atombombenexperimentierfeld so ergibt und wo die Reise noch so hingeht.

Kommentare

von: rka

herzlich willkommen! wenn du die piratenpartei als eine möglichkeit betrachtest, die deinen politischen ideen eine grundlage zum wachsen gibt, dann kannst du viel schönes erleben. wichtig ist: sich selbst nicht vergessen und zu wissen, dass piraten kein familienersatz sind.

gruß rka

 
 

Ich lasse das mit dem Aktivismus

Wie ich heute schon auf Twitter verkündet habe, lasse ich das mit dem Aktivismus. Ich ziehe mich zurück.

Warum? Weil ich kann. Und weil ich will. Wie im Winter üblich, wurde ich ende November wieder depressiv. Zunehmend dunklere Tage, ekelhaftes Wetter, kaum Freizeit. Ich habe (nachdem ich Franks Blogpost zur Winter-Depressionsbekämfpung gelesen habe) mein Tagesablauf umgestellt - und kurz danach bin ich in der Uni kürzer getreten und habe ein Fach aufgegeben. Es wurde ein wenig ruhiger und es wurde Weihnachten, der 28c3 kam - alles war gut. Dann ging die Uni wieder los und ich lag eine Woche krank im Bett. Kaum war ich zurück in der Uni wurde mir klar, dass ich Java einfach zu schlecht kann, als dass ich mich mit den “Grundlagen der Programmierung” weiter plagen sollte. Das zweite Fach von dreien schmiss ich über Bord.

Dann hatte ich wieder Zeit, mich “dem Aktivismus” zu zuwenden, was ich auch recht bald tat. Ich sortierte und laß Hunderte von Mails der AK-Vorrat-ML um mich irgendwo einzubringen - vergeblich. Mir fehlte der Punkt, an dem ich mich hätte einbringen sollen.

Vor zwei Tagen schrieb ich eine Mail auf die Liste zur Europäischen Bürgerinitiative (man überlegt im AK, ob man diese Bürgerinitiative nutzen möchte, um mit 1.000.000 Unterschriften die Kommission aufzufordern, die Vorratsdatenspeicherung abzuschaffen), in der ich für eine Professionalisierung des AKV plädierte - es sollten endlich Leute bezahlt werden, die sich wirklich einbringen können und daran arbeiten könnten - statt sich vor allem in Mailinglistendiskursen zu verstricken, die häufig das gesamte Pensum an Zeit, die man für den AK “opfert”, aufbraucht. (Zumindest ist das bei mir so). Dies wurde abgelehnt. Möglicherweise zurecht, da der AKV eben genau so funktioniert. Da wird niemand bezahlt. Punkt. Dann setzte sich ein Denkprozess in Gang, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Genau genommen gab es ihn schon vorher, nur habe ich ihn gewissermaßen unterdrückt. Ich fragte mich “wofür” das alles? Warum bin ich eigentlich Aktivist. Dazu kam, dass ein Freund mich fragte, warum ich so selten Zeit habe “You’re always so busy … You have never time to go out!” und ich ihm erklärte, dass ich das mit dem Aktivismus ja noch neben dem Studium mache. Und genau dann feststellte, dass dieser Aktivismus mich fast 2 Jahre quasi nicht mehr ausgehen lassen hat. Alle Freizeit, die ich entbehren konnte, steckte ich darein, Mailinglisten zu lesen und selbst voll zu schreiben, auf Twitter zu ranten oder Abgeordnete anzuschreiben. Häufiger war ich auch auf irgendwelchen Kongressen und Meetings, um über Überwachungsbekämpfungsmaßnahmen zu diskutieren. Ich stellte fest, dass ich seit dem ich im August nach Berlin gekommen bin, nicht einmal richtig feiern war (mit Ausnahme der 28c3-Afterparty, sowie Silvester - wiederum in der C-Base).

Ich glaube, meinen Rant gegen das Studium trifft das falsche Opfer. Noch immer finde ich das Studium “irgendwie” doof, aber mein Lebensinhalt stahl nicht das Studium, sondern meine falschen Vorstellungen vom Aktivismus. Ich redete mir ein, ich müsse doch noch etwas gegen die neue, personalisierte “Google+ Suche” machen, weil sie böse sei. Dies seien die tatsächlichen Aufgaben, statt in der Uni Übungsaufgaben zu lösen. Vor zwei Tagen wollte ich mich gar für das Europaparlament aufstellen lassen, um mehr ausrichten zu können, im “Kampf gegen die Bösen”.

Ich glaube ich habe mich da in etwas hinein gesteigert, in das ich mich nicht hätte hinein steigern sollen. Seit etwa 2 Jahren optimiere ich mein Leben dahin gehend, mehr Aktivismus betreiben zu können - und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.

Und genau deshalb mache ich jetzt Schluss mit dem Aktivismus. Vorerst. Ich habe mich von allen AKV-Listen gestrichen, um mir Ruhe zu verordnen. Ein paar andere Listen (mit deutlich weniger Traffic) lese ich weiter, um zumindest das Wesentlich mit zu bekommen. Ich brauche diese Ruhe, um mir selbst mal wieder Gedanken darüber zu machen, wie mein Leben eigentlich aussehen soll. Und was ich damit noch so anfangen will.

Diese Entscheidung ist in mir gereift. Sie betrifft zwar vor allem (neben mir selbst), den AK Vorrat - aber er ist nicht schuld. Die Leute, die sich noch immer im AK Vorrat engagieren, machen eine unglaublich tolle Arbeit. Danke dafür! Gerne würde ich mich bei jedem(!) persönlich bedanken, weiß aber, dass ich immer irgendwen unter den Tisch fallen lassen würde - und damit mir selbst, aber vor allem deren Arbeit nicht gerecht werden würde. Deshalb Danke ich nur pauschal: DANKE!

Vielleicht komme ich bald wieder. Vielleicht auch nicht. So lange aber, bleibe ich den AKV-Liste fern. Für diesen abartigen Tweet, entschuldige ich mich. Das ist Bullshit. Natürlich kann man im Aktivismus etwas erreichen - und ich fordere jeden weiter auf, sich einzumischen. Das ist wichtig. Aber, man möge sich auch weiter selbst-hinterfragen: “Was genau tue ich hier? - Und: Warum?”. Ich suche darauf nun erst mal eine Antwort. Und sehe dann weiter.

Kommentare

von: Herr Urbach

Lieber Gero,

willkommen an dem Punkt, an dem jeder Aktivist mal steht. Ich hatte das im Februar letzten Jahres: http://blog.stephanurbach.de/?p=450

Auch das ist eine Form der Depression oder des Burnouts. Wo ist der Sinn in dem, was ich tue? Ist es effektiv? Nützt es jemanden?

Ich will dich nicht überzeugen, weiter zu machen - wen du es aber tust, such dir eine aktivismusform, die dir goutiert. Die dir zeit und Raum lässt, Dinge für dich zu tun. Gib dir selbst Raum, etwas zu tun.

Ich bin mir sicher, wir sehen uns in einem Jahr wieder - als Aktivisten auf einer Konferenz. Bis dahin: genieße das Leben. Bald ist Frühling und mit den Sonnenstrahlen kommt auch die Energie wieder. Bis dahin: Du, ich, Bier :)

Herr Urbach

von: 9er0

Lieber Herr Urbach,

ich habe die letzten beiden Tage viel an dich und deinen sehr offenem Umgang mit deinen Zweifeln am Aktivismus gedacht. Du warst der Grund, warum ich diesen Blogpost geschrieben habe, statt es für mich zu behalten, und leise, still und heimlich zurück zu ziehen.

Und ja, auch ich glaube nicht, dass ich so ganz ohne kann. Aber gerade muss ich ohne, ansonsten gehe ich daran kaputt. Und das wäre doof.

Das mit dem Bier können wir aber trotzdem (oder gerade daraum?) gerne mal wieder machen!

von: Tee Jay

Lieber 9ero,

natürlich respektiere ich Deine Entscheidung und bedanke mich herzlich für Dein Engagement im AK Vorrat. Dass Du komplett aussteigst, bedauere ich sehr, zumal ich zwischen lichterloh Brennen und Nichtstun noch viel Zwischentöne sehe. Natürlich musste bei Deinem Arbeitspensum irgendwann einmal der Punkt erreicht sein, an den selbst Idealisten wie Du an ihre Grenzen stoßen. Ich kann mir deswegen auch vorstellen, dass Du Dich eine Weile erholen musst. Danach wäre ich aber froh, Dich wieder im AK zu sehen. Der Einzige, der von Dir verlangt, Dein gesamtes Leben irgendeinem Engagement unterzuordnen, bist Du selbst. Ich kenne den Effekt, weil ich in Deinem Alter den gleichen Fehler beging. Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst. Die Antwort lautet vielmehr, ein gesundes Maß für sein Engagement zu finden. Dieser Balanceakt ist äußerst schwierig, und Du wirst mehrmals das Gleichgewicht verlieren, aber ich behaupte, es ist der Weg, den Du gehen solltest.

von: missi

Hi Gero, mach dir mal keinen Kopp, zuweilen ist Entschleunigung gut und richtig, um wieder auf nen grünen Zweig zu kommen. Ich kenne das selbst sehr gut, gerade aus dem Aktivismusbereich, wo ich ja auch schon ein paar Jährchen unterwegs bin: Irgendwann kommt immer (wieder) der Punkt, da wirds einfach zuviel, insbesondere dannn auch noch, wenn man immer wieder gegen Mauern rennt und das Gefühl bekommt, es geht nix weiter. Da nervt dann auch jede Email, in der dann scheinbar nur gefaselt wird. Mach dir einfach keinen Stress, entschuldige dich nicht bei der Welt dafür, überleg nicht, was du verpassen könntest, wenn du da jetzt nicht 42²³ Emails/Links/etc. am Tag liest (Du verpasst nix, wirklich. Glaubs einfach. ;)) und mach einfach mal was ganz anderes, irgendwas, worauf du gerade Bock hast. (Bau z.B. noch ein paar Radios, die brauchen wir dann eh für den Weltuntergang. :o)) Und mach auch nicht den Fehler, dir ne Deadline für dein Comeback zu setzen (Du wirst irgendwann wiederkommen, in welchem Feld auch immer, aber du bist kein Lemming. :o)), auch wenn deine Pause Jahre dauert, mach einfach. Frustriert und gestresst kannst du auch nix bewegen, machs also nicht zu einem Zwang, wenn du keinen Kopf dafür hast: Nimm ihn weg da.

Nochwas: “und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.” Es gibt nichts frustrierendes, wenn man “die Welt gerettet hat” (oder im realen Rahmen: Etwas netter machte) und dann nach Hause kommt und feststellt: Die eigene ist dabei kaputt gegangen, weil man sich nicht um sie kümmerte. Sei egoistischer und fix deine Prioritäten.

von: Lars

Hi Gero,

Finde es toll dass Du diesen Schritt öffentlich vollzogen hast. Ich war 2001 in einer ähnlichen Situation, hatte schon 2 Studiengänge hingeschmissen und bin erstmal nach Mexiko um meinen “Aktivismus” voll auszuleben. Glücklicher bin ich dabei nicht geworden.

Das Glück kehrte zu mir zurück, als ich alle Aktivitäten gecanceled und mein 3. Studium angefangen habe. Mit dem Ziel es diesmal durchzuziehen, aber nicht alleine sondern mit Leuten die ähnlich denken wie ich. Ähnlich denken bezüglich des Studiums, nicht politisch. Auf einmal rückten Leute in mein Blickfeld die ich früher übersehen hätte, Menschen die meistens in der Vorlesung waren, ihre Übungen gemacht haben und sich in allem was die Uni anging Mühe gaben. Und auf einmal ging studieren ganz leicht und auch privat kam alles wieder ins Lot.

Und die im Studium erworbenen Fähigkeiten (neben dem Informatikzeug vor allem eine realistischere Selbsteinschätzung) helfen mir heute bei jeder Art von Aktivismus und ich bin glücklich wie ich es niemals für möglich gehalten hätte.

Wünsche Dir viel Erfolg auf Deinem Weg, lass Dir nicht erzählen was Du tun mußt sondern finde raus was Du(!) tun willst um in dieser (ungerechten) Welt glücklich zu sein

Gruß

Lars

von: Alex

Hey Gero,

ich hoffe zu den Listen, die du nicht gestrichen hast, gehört auch die PNR Liste ;)

Im Ernst: Leb mal ein Studentenleben wie es sich gehört und kümmer dich um die Sachen, die du die letzen Jahre versäumt hast. Wenn du wieder Lust hast, kannst du ja wieder Aktivist werden ;) Hoff dich mal bald wieder in nem Keller der Entscheidungen zu treffen :)

Greetz Alex

von: Ingo Jürgensmann

Hallo Gero!

Schade, dass Du aufhoeren, oder wie ich eher hoffe: pausieren moechtest. Da ich das mit der Winterdepression auch schon durch habe, kann ich Franks Ratschlaege eigentlich nur bestaetigen: Licht und Bewegung waren auch bei mir sehr hilfreich. Ein anderer Punkt war aber auch, dass ich einfach wusste, dass es eine Winterdepri ist. Seitdem ich weiss, dass ich empfindlich auf Lichtmangel reagiere, hatte ich auch keine Depri mehr. Ich bemuehe mich z.B. am Fenster zu sehen, wenn ich arbeite. Und ich gehe in der Mittagspause dann auch mal raus anstatt in die hauseigene Kantine.

Was den Aktivismus angeht: ich lese ja nun wirklich nicht viele MLs und dort auch laengst nicht jede Mail, aber ich habe auch meine Aktivismusform gefunden, mit der ich gut leben kann. Ich denke und hoffe, dass auch Du deine Form finden wirst. Also goenn dir ruhig eine Auszeit! Bis dann! :-)

von: Katta

Hallo Gero,

ich kann das total nachvollziehen, dass dir das zu viel wird. Und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der letzten Mail von mir - vielleicht war das schließlich der letzte Tropfen der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Du hast in den letzten Jahren unglaublich viel für den AK gemacht. Demos und Kongresse und dann auch noch dieses ständige klein-klein auf den Mailinglisten schlaucht. Manchmal ist Team-Work ist manchmal einfach nur anstrengend, weil mehr Zeit für Koordination draufgeht als für alles andere..

Ich kenne das Gefühl, dann in immer mehr Arbeit reingezogen zu werden. Ohne die notwendige Distanz und zwischenzeitliches “Abschalten” geht das auf die Dauer nicht gut. Wenn dann noch das Studium mit der Java-Keule daherkommt ist das einfach zu viel.

Ich fand den Kommentar schon ganz passend:

“Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst.”

Vielleicht findet sich der berühmte Mittelweg irgendwann ganz von alleine, wenn man sich mal ne Atempause gönnt. Der Mensch braucht immer nen Gegenpol, sonst wird es auf die Dauer zu viel.

Ich würde jedenfalls gerne auch abseits des Aktivismus mit dir Bier trinken :)

Katta

von: 9er0

Hey Katta,

mach dir keine Sorgen - es liegt wirklich nicht am AKV - und auch nicht an irgendeiner Mail von dir (oder irgendwem anders). Vielleicht hat es mir die Augen geöffnet, was mich selbst nervt, aber es hat mich niemand vertrieben.

Den Mittelweg will ich gerade für mich ausloten. Ohne kann ich nämlich tatsächlich nicht - nur tüftele ich gerade an dem Maß und an meiner Aktivismusform.

Bier aber, klingt immer gut :D Da komme ich drauf zurück!

LG

von: rka

Moin Gero,

ich erinner mich noch sehr gut, wie ich dich das erste mal beim AK Vorrat gesehen habe, und du voller Tatendrang warst. Du hast dich sehr schnell und sehr stark engagiert, wie es viele tun, die mit voller Kraft ein Ziel erreichen wollen. Ich glaube, dass es zu der Zeit richtig war, dass du dich so stark engagiert hast, genauso wie es jetzt für dich richtig ist, dich zurückzuziehen. Und das ist das wichtigste: bei allem Aktivismus sich nicht selbst vergessen. Sich selbst auch nicht zu vernachlässigen. Die Welt besteht nicht nur aus anderen, sondern auch aus dir! Nur wenn es dir gut geht, hast du auch genügend Kraft, um sie ins Studium, in den Aktivismus oder anderes zu investieren. Ich hoffe, bin mir da aber auch recht sicher, du wendest dich irgendwann wieder dem Aktivismus zu. Dann vielleicht mit einer geringeren Intensität, aber sicherlich nicht mit weniger positiven Auswirkungen. Wie andere auch, würde ich mich auch freuen, dir abseits vom Aktivistendasein übern Weg zu laufen. Vielleicht ergibt sich das ja mal… Beste Grüße rka

von: Manu

Hey Gero, ich hab das erst jetzt gelesen. Gut, dass du die Reißleine ziehst, es ist manchmal schwer, die zu finden, aber umso wichtiger, sie zu ergreifen, wenn es drauf ankommt.

Ich selbst habe das leider auch schon durchlebt, und die Reißleine, an der ich glaubte, ziehen zu müssen, hat so manche Wunde sowohl bei mir als auch bei anderen gerissen, wohl heftigere als du möglicherweise mit diesem einen Tweet.

Damit dieser Winter kein total Durchsoffener wird, biete ich dir mal lieber Teetrinken statt Bier an ;) Und bin ziemlich sicher, dass du deinen Weg als Aktivist, was auch immer das genau bedeuten mag, finden wirst, mit genau so vielen oder so wenig Kurven wie erforderlich.

Kraft tanken ist wichtig. Und sich selbst nicht verlieren. Oder jedenfalls wiederfinden.

Alles Gute Manu

von: V.

Hallo Gero,

ein sehr trauriger aber richtiger Schritt. Es bringt nix, wenn du dich durch Aktivismus innerlich selbst zerstörst, es reichen schon die äußeren Einflüsse die uns oft genug zu schaffen machen.

Beste Grüße, V.

PS: Habe stets ein offenes Ohr, falls du jemensch zum Reden brauchst.

 
 

Die Sache Mit Dem Studium

Ein Unternehmen würde es “in eigener Sache” nennen. Ich nenne es “post-privacy”. Es geht um mich.Lange wollte ich endlich studieren - dann endlich begann ich ein Philosophie-Studium in Freiburg und die ersten Zweifel kamen. Ja, Zweifel während des Studiums sind normal, sowie man immer mal wieder Zweifel bekommen wird - und muss. Wer nicht zweifelt, der denkt nicht.

Nach einem Semester, als mir eine geschrieben Prüfung nicht anerkannt werden konnte, weil ich mich zur Nachprüfung mit Daten anmelden hätte müssen, die in einem Brief gestanden haben, den ich nie bekam, habe ich das erste Mal ernsthaft darüber nachgedacht, mein Studium “hin zu schmeißen”. Kurz danach habe ich mich nach Alternativen umgesehen und wollte nach Berlin kommen. Schließlich habe ich mich hier beworben und wurde genommen - nur nicht in Philosophie, was ich eigentlich weiter machen wollte, sondern in Mathe und Informatik als Kombi-Bachelor. Ein Kombination, zu der es keine Studienordnung gibt - und man eben deshalb wechseln sollte.

Das wiederum wollte ich auch noch nicht, da ich zum Sommersemester (Bewerbungsfrist ist der 15.1.(!)) mich auf Philosophie als Hauptfach bewerben wollte (habe ich noch nicht und überlege gerade, ob der Aufwand lohnt) und ich dafür aber im Kombi-Bachelor bleiben sollte. (Die Empfehlung war, sich als Monobachelor für Mathe oder Informatik einzuschreiben).Seit dem studiere ich nur Informatik. Ich besuche alle Veranstaltungen der Mono-Informatiker (die ich als Kombi-Bachelor Nebenfach auch machen würde - aber eben nicht alle in einem Semester ;-) ), weil ich das prinzipiell spannend finde. Die Umsetzung ist allerdings wieder dieses Kleinkindhafte: “Löse diese Hausaufgaben zu nächster Woche. Du musst xzy% aller Aufgaben richtig lösen, damit du zur Prüfung zugelassen wirst”. Und es nervt mich. Ich will keine Aufgaben lösen, sondern lernen. Ich will Wissen erlangen, statt dumme Hausaufgaben zu erledigen. Nein, sie sind nicht vollkommen sinnlos, denn auch dabei kann man lernen - häufig lernt man (ich zumindest) aber genau nichts dabei, sitzt aber 10 Stunden an ein paar Aufgaben, um für eine Prüfung zugelassen zu werden, um ein paar Punkte zu bekommen, die Sagen, dass man dies nun kann. Ob das tatsächlich so ist, ist irrelevant.

Das nervt mich.

Und genau deshalb denke ich seit einigen Wochen wieder drüber nach, das Studium “hin zu schmeißen”. Hinzu kommt, dass ich nicht sehe, dass die Universität sich mit der Welt beschäftigt. Wir haben so viele Probleme in der Welt - aber ich sehe nicht, dass sie in der Uni angegangen werden. Das passt nicht in die Richtlinien. Ich glaube: “Börokratie fressen Uni auf”. Es geht doch nicht darum, “Punkte” zu sammeln, sondern darum, etwas zu lernen? Alle erbrachten Punkte bringen doch nichts, wenn man nichts gelernt, sondern gut abgeschrieben hat. Das “Plagiieren” ist natürlich verboten - aber wir alle tun es. Dauernd. Anders können wir den Anforderungen der Uni nicht gerecht werden. Niemals könnten wir das alles alleine machen - dafür ist die Arbeitszeit zu kurz. Ja, vielleicht sind wir alle faul und sollten mal “ordentliche 40 Stunden die Woche arbeiten!!11!1!”, vielleicht lässt sich lernen aber auch einfach nicht in Stunden messen. Wir sind nicht an der Uni um Arbeit zu leisten, sondern um zu lernen, Systeme verstehen, Wissen erlangen. Begreifen.Studere heißt auf Latein: sich bemühen. Es geht um das sich bemühen. Selbst machen, nicht Vorgaben bekommen und auswendig lernen. Und ja, auch mentale Arbeit strengt an. Natürlich kann man damit keine 40 Stunden konsequent durcharbeiten, sondern braucht Pausen. Wer das nicht versteht, hat die Idee des Studierens nicht verstanden.

Zurück zu mir. Ich habe das Gefühl selbst mit dem besten Willen an der Uni nichts erreichen zu können. Ich forsche gerne und erlange gerne neues Wissen. Ich bin der festen Überzeugung, Wissenschaft ist super - aber ich sehe nicht, wie sie in der Uni ordentlich umgesetzt wird. Oder wie mspro einst twitterte: “Das Internet ist meine Uni” Und ja, auch ich fühle so. Die größte Bibliothek, die wir haben, ist das Internet - und auch das schnellste. Nie waren Querverweise schneller als ein Link. Warum, aber ist all dies noch nicht in den Unis angekommen?Das sind meine offenen Fragen - hinzu kommt, dass ich gerade so viele wirklich wichtige Themen sehe, die so dringend behandelt werden müssen (wie gerade der Versuch von Google, das Internet zu übernehmen) und zu denen ich gerne arbeiten würde - aber stattdessen arbeite ich an Hausaufgaben. Das fühlt sich so falsch an.

Und damit bin ich mal wieder am Überlegen, mein Studium “hin zu werfen” und mir einen echten Job suchen, in dem ich an “echten Problemen” arbeiten kann - und zugleich einfach den unbürokratischen Zugang zu all dem Wissen bekommen kann, dass mich gerade interessiert. Vielleicht schaffe ich es auch dann, all die Bücher mal zu lesen, zu denen mich das Studium gerade nicht kommen lässt … (z.B. das Kapital von Marx oder die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas).

An dieser Stelle stehe ich mal wieder und weiß nicht weiter. Und gucke mal, ob es sich gelohnt hat, die Gedanken zu veröffentlichen - und gute weitere Gedanken (von euch!) hinzukommen.

Kommentare

von: Robert

Für das Informatik-Studium (und andere technische Studiengänge) an den meisten Unis gilt leider:

Das Grundstudium ist meist sogar so viel Arbeit, dass man gar keine Zeit mehr für private Experimente hat, mit denen man den Spaß-Mangel ausgleichen könnte.

Jedenfalls kann ich gut nachfühlen, was du beschrieben hast. Auch ich stand mehrfach davor, das Studium hinzuschmeißen - besonders im Grundstudium. Das ist bedenklich, denn ich brenne eigentlich leidenschaftlich für die Informatik und bin inzwischen auf meine eigene Art ein Überflieger* (bei mir sind es die Leidenschaft und der Ehrgeiz statt überragende Intelligenz).

Wenn sogar *ich* diese Erfahrungen gemacht habe bzw. bestätigen kann, dann muss wirklich etwas kaputt sein. ;-)

* B.Sc.-Abschluss mit 21 Jahren (Studienbeginn mit 18) und sehr guten Noten

von: 9er0

Haha!

Danke für den Kommentar und die Anregungen. Ich schlafe nochmal eine Nacht drüber - und hoffe dann einfach, dass der FoeBuD meine Bewerbung annimmt: http://www.foebud.org/aboutus/foebud-sucht-campaigner-redakteurin-m-w-fuer-buergerrechte-datenschutz-und-netzpolitik/

Damit würde ich dann eine 24h-Stelle haben, sodass ich nicht mehr voll studieren könnte - aber vielleicht verleiht mir dies den entsprechenden Abstand, dass ich es wieder zum Studieren schaffe - und das auch “gerne” tue. Nur bin ich mir noch immer unsicher, ob ich wirklich Informatik weiter machen möchte - oder neben Philosophie, vielleicht nicht doch noch was anderes wähle. Möglicherweise mache ich noch Mathe dazu - aber auch da muss ich nochmal eine Nacht drüber schlafen.

Dir nochmal ein: DANKESCHÖN!

von: teiler

Hey, wollte nur sagen ich finde mich in deinem Text teilweise wieder. Auch ich bin mit hohen Erwartungen an die Uni (Master in Computer Science in Schweden) gegangen, so von wegen Ort des Wissens, Humbold’sches Bildungsideal etc. und wurde jäh enttäuscht. Das Studium wirkt auf mich verschult und altbacken. Bücher lesen, Aufgaben erledigen, Klausuren schreiben. Klausuren schreiben! In Funktionaler Programmierung! Aber eine Alternative zur Uni sehe ich nirgends am Horizint. Man muss halt das Beste draus machen.

 
 

Politik. Das Spiel der Strategie.

So formuliere ich, was ich in vier Tagen Bundestag gelernt habe.

Seit einigen Jahren gibt es das Planspiel „Jugend und Parlament“. Dieses Planspiel hat zum Ziel, Jugendlichen die politische Arbeit näher zu bringen.

Vor ein paar Jahren wollte ich schon einmal teilnehmen, habe mich aber zu spät gemeldet. Die Jahre drauf, wurde die Möglichkeit in meinem Wahlkreis nicht öffentlich gemacht, doch dieses Jahr hat es geklappt.

So begab es sich, dass ich in den Bundestag durfte. Aber nicht einfach nur in den Bundestag – Nein, auch in den Plenarsaal. Und in die Fraktions- und Ausschussräume, Mensen, Büros und allem, wo man im Bundestag nur hinkommen will.

Aber: Ich durfte nicht nur in all den Räumlichkeiten platz nehmen und mich umschauen – nein, ich durfte auch Politik machen. In Landesgruppe, Fraktionen und Ausschüssen organisiert. Nur hat leider all das, was wir gemacht haben, auf die reale Politik keinen Einfluss.

Am Samstag, dem 5.6. bin ich als Gero Nagel, der Mensch, der ich im wahren Leben bin, durch das Paul-Löbe-Haus in den Bundestag gekommen.

Dort musste ich meinen „Nazis Raus“ -Aufkleber von meiner Tasche lösen, denn „mit diesem politischen Symbol darf man nicht in den Bundestag“. So habe ich dann meinen Aufkleber entfernt und durfte nun in die Gesetzesfabrik des deutschen Volkes.

Drinnen wurde mir dann meine Biografie gegeben. Den Namen – Ijon Tichy – durfte ich mir noch selbst aussuchen, der Rest wurde vorgeschrieben. Mit 55 Jahren, verwitwet, 4 Kinder, bei der ältesten Tochter in Wesel lebend, in der CVP-Fraktion (Christliche Volkspartei) hätte es kaum schlimmer kommen können. Ok, ich war Lehrer und nicht aus dem bayrischen Landesverband – das war dann doch schon fast wieder erträglich.

Die Landesgruppen trafen sich und gingen zusammen in den Plenarsaal, wo die Vizepräsidentin ein Grußwort sprach und ein paar Formalitäten erklärte.

Danach gab es eine Reichstags-Gebäude-Führung, Abendessen und das erste Landesgruppentreffen. Das treffen hielten wir noch mit unseren richtigen Identitäten ab. Jeder stellte seinen Nachbarn vor und durfte noch einen Zettel ausfüllen, was er sich von dem Planspiel zu lernen erhoffte.

Anschließend wurden wir dann entlassen und fuhren zum Hostel nach Friedrichshain. Der Abend klang ruhig aus.

Den nächsten morgen sind wir schon um 6.30 aufgestanden, denn ab 6.45 gab es Frühstück.

Um 8.30 waren wir im Bundestag und um 9 trafen wir uns erneut in den Landesgruppen. Nun war ich Abgeordneter Ijon Tichy. Die Identität „Gero Nagel“ hatte ich mit dem Mantel abgegeben, wie manch Abgeordneter sein Gewissen mit dem Mantel abgibt.

In der Landesgruppe haben sich alle Abgeordnete vorgestellt und nach einer Pause wurde über ein Fraktionsvorstandsmitglied abgestimmt. Aus jeder Landesgruppe musste es ein Fraktionsvorstandsmitglied geben.

Ich wurde vorgeschlagen, doch fehlten mir 2 Stimmen, sodass eine 60-Jährige Physikerin zum Landesgruppenvorsitzenden gewählt wurde. Ein Schriftführer wurde ebenfalls gewählt.

Um 11 gab es dann die große Fraktionssitzung, wo nun die vier Landesgruppen zusammen kamen und 2 Stunden nach einem Fraktionsvorsitzenden suchten. Zur Auswahl standen die vier Landesgruppenvorsitzenden. Nach einer Pause und anschließender Stichwahl wurde Gerd Nehr aus der Landesgruppe Bayern gewählt.

Schließlich wurden wir in Arbeitsgruppen aufgeteilt, um uns mit den vier vorliegenden Anträgen zu beschäftigen.

Ich war in der Arbeitsgruppe Bau, Verkehr und Stadtentwicklung, die als beratenden Gruppe dem Thema „Vollendung der Deutsche Einheit“ zugeordnet war.

Nach einer weiteren Pause berieten alle drei Arbeitsgruppen zu diesem Thema in dem Fraktionssaal der FDP in einem der vier Türme des Reichstagsgebäudes.

Dort wurde uns auch Material gegeben, mit dem wir arbeiten sollten – schlecht nur, dass da nichts für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung dabei war. Unsere Aufgabe war es vor allem über ein Konzept nachzudenken, wie wir die Einheit schließlich am besten vollenden konnten. Im Zusammenhang mit dem Solidarpakt 2, der 2019 ausläuft, haben wir einstimmig abgestimmt, dass der zukünftige Solidarpakt nicht nach Ost- und West unterteilt wird. Es soll einen Solidarpakt für ganz Deutschland geben. Überall, wo geholfen werden muss, soll der neue Solidarpakt greifen.

Der weiteren haben wir einige Punkte gesetzt, die besonders wichtig sind: öffentlicher Nahverkehr, Breitbandausbau und Anreizschaffung für Unternehmen zur Investition.

Anschließend haben wir dieses Konzept den anderen beiden Arbeitsgruppen vorgestellt und darüber diskutiert. Es gab kleinere Meinungsverschiedenheiten, aber es blieb doch Konsens-nah.

Nach Abstimmung über die Ergebnisse gab es eine weitere Fraktionssitzung, wo jedes der vier bearbeiteten Themen vorgestellt wurde und zur Abstimmung kam. Zum Thema Alkoholverbot für Jugendliche gab es eine sehr langwierige Diskussion, doch schließlich hat sich die entsprechende Gruppe durchgesetzt und eine positive Abstimmung erzwungen.

Nach dem Abendessen (gegen 9) war dann für den Tag Schluss.

Montag begann nach dem Frühstück im Plenarsaal. Um 9 verlas die Vizepräsidentin die vier vorliegenden Anträge, nachdem die Formalitäten abgearbeitet waren (wie dem Abgeordneten Ijon Tichy zum 56. Geburtstag zu gratulieren).

In einer weiteren Fraktionssitzung wurde das weitere Vorgehen erklärt und es ging in die Ausschusssitzungen. Hier saßen die Arbeitsgruppen des Vortages aus allen Fraktionen zusammen und erklärten den jeweiligen Standpunkt der Fraktion.

Nun trafen erstmals die „politischen Gegner“ direkt aufeinander. Teilweise diskutierten wir sachlich, teilweise ging es aber auch nur darum, den Gegner zu diffamieren und anzugreifen. So gingen wir natürlich auf keinen Punkt der „Mauerbauer“ ein. Mit den Ökos haben wir allerdings eine Allianz probiert. Unsere Standpunkte waren nicht so weit entfernt und er wäre schön gewesen, wenn diese mit uns im Plenarsaal gemeinsam stimmen würden.

Die Punkte der Liberalen haben wir bestmöglich eingebaut, denn immerhin koalieren wir miteinander.

Letzten Endes war es jedoch ein sehr klares Ergebnis: Die Regierung gegen die Opposition. Die Regierung hatte mehr Stimmen und hat damit die Opposition überstimmt. Die 2-stündige Diskussion vorher war eher sinnlos. Es gab nur geringe Ergänzungen durch den Koalitionspartner

Wir waren quasi fertig mit der Diskussion, als noch eine Stadtentwicklungsprofessorin zu Wort kam und unsere Fragen beantwortet hat. Dies wurde aber leider nicht als Grundlage genommen den Antrag auszuarbeiten, sondern nur noch als Nagelfeile um die eigenen Argumente unterlegen zu können.

Nach dem Mittagessen wurde eine Stadtrundfahrt angeboten, die ich allerdings nicht wahr nahm. Stattdessen habe ich mir die verschiedenen Gebäude des Bundestags sehr genau angeguckt. Ein FDP-Abgeordneter ließ eine anderen JuP und mich einen Blick in den schönsten Raum des Bundestages schauen. Der Fraktionsvorstandsraum der FDP liegt in einem Wintergarten auf dem Jakob-Kaiser-Haus an der Ecke zum Reichstagsgebäude. Man hat einen gigantischen Blick von etwas unterhalb der Oberkante des Reichstagsgebäudes auf die Kuppel und direkt daneben die Spree – ein Traum von Bildkomposition. Und ich machte kein Bild(!).

Um vier gab es eine weitere Fraktionssitzung und es wurde erneut über die Anträge diskutiert und abgestimmt. Der Alkoholverbotsantrag wurde kurz vorher nochmal neu geschrieben, sodass es nur ein handgeschriebenes Exemplar auf dem Overheadprojektor gab.

Dies wiederum war das gefundene Fressen der fraktionsinternen Kritiker. Es wurde hart diskutiert und auch in der Abstimmung gab es viele Abweichler, aber es hat gereicht. Es gab noch eindringliche Aufforderungen, dass man sich in der Plenarabstimmung doch zumindest enthalten möge, wenn man sich nicht dafür entscheiden könne. Anderes würde aussehen, als ob unsere Fraktion keinerlei zusammenhalte.

Die anderen Anträge gingen gut durch.

Am Abend gab es Essen im Kasino des Kaiser-Jakob-Hauses. Hier waren auch tatsächliche Abgeordnete (wie z.B. Müntefering) anwesend, die es genossen Fotos mit JuPies zu machen.

Bald darauf ging ich ins Bett.

Dienstag, der letzte Tag wurde mit der 2. und 3. Lesung begonnen. Es wurde das Prozedere erklärt und dann debattierten wir zu jedem der 4 Themen eine gute halbe Stunde. debattieren war in dem Fall dass ein Redner am Rednerpult stand, und seine (auf 2-3 Minuten gekürzte) Rede hielt und Zwischenfragen der anderen Fraktionen kamen, oder die bekannten Zwischenrufe. Abgesehen von der kurzen Redezeit war dies vier hitzige Debatten. In 3 Fällen hat sich die Regierung durchgesetzt, in dem 4. Fall hätten wir eine 2/3 Mehrheit gebraucht, die wir nicht bekommen haben, aber auch dies war eigentlich vorgesehen, denn wir wollten den Antrag auch nicht, konnten uns öffentlich aber auch nicht gegen mehr direkter Demokratie stellen. Jedenfalls wollten wir dies nicht.

Wolfgang Thierse hat zwischenzeitlich sehr rigoros zum Protokoll dirigiert. Wir waren im Zeitverzug und Herr Thierse hat dann keine Zwischenfragen mehr erlaubt, damit wir fertig werden. Auch hat er sehr strickt darauf bestanden, dass jeder nach seiner Redezeit auch zum Ende kam. Ein Abgeordneter der LRP (Liberale ReformPartei) durfte nicht einmal den letzten Satz beenden.

Um kurz nach 12 (wir waren fast pünktlich) gab es dann ein Snack und im Anschluss eine sehr beeindruckende Gesprächsrunde mit den Fraktionsvorsitzenden aller im Parlament vertretenen Parteien (CDU, SPD, FDP, Grüne, Linke). So kamen Herr Gysi, Frau Künast, Frau Homburger, Herr Steinmeier und für die CDU „nur“ der Stellvertreter Herr Kretschmar.

Herr Deppendorf (ARD Hauptstadtstudio) hat (versucht) zu moderieren. Leider kann er es einfach nicht, sondern hat selbst Fragen gestellt, die aber sich aber allersamt nur schmeichelnd um das Fraktionszusammenleben drehten. Schließlich kam der Einwurf, dass es für uns eine Fragerunde sein sollte und damit kam mehr Bewegung in die Sache. Schließlich ist ein Hinweis auf das (am Vortag beschlossene) Elterngeld gefallen, worauf Künast und Gysi nahezu ausgerastet sind und auf Frau Homburger und Herrn Kretschmar eingedroschen haben, dass hab ich noch nicht erlebt. Das war eine „noch nicht dagewesene Frechheit“. „Unglaublich“. Der Politikeralltag.

Es ging auch hier nicht um Problemlösungen, sondern um strategische Deformierung des „politischen Gegners“.

So war also nicht nur unsere 4 Tage nahezu reine Strategie, sondern auch im richtigen Politiker-Alltag läuft dies genau so. Das war erschreckend.

An tatsächlichen Lösungen haben wir NUR in den Arbeitsgruppen (2 Stunden) gearbeitet. Dann gab es hier und da noch kleine Ausbesserungen, aber nur noch sehr sehr wenig inhaltliche Arbeit.

Ich hatte den Abgeordneten „Ijon Tichy“ hinter mir gelassen und war wieder ich selbst. Gero.

Und ich war beeindruckt, all diese Erfahrungen gemacht zu haben, aber auch traurig, dass so wenig konstruktiv gearbeitet wird. Im Parlament, da wo unser aller Probleme gelöst werden sollen.

Kommentare

von: Ionette Tychy

welcome to the horrors of politics & economics….

wenn man gerne redet, kann man politik machen. wenn man aber gerne auch an dem besprochenem arbeitet, kann man sich engagieren - in der sogenannten apo (alles was nicht durch parteienfinanzierung verhunzt wird). da macht man wenigstens auch was außer machtfragen anderer menschen zu lösen….

gruß ans ende der welt,

fräulein gelb-grün hinter den ohren

von: 9er0

Ja, da magst du Recht haben - nur muss man leider auch im Parlament sitzen UND da auch noch eine Mehrheit haben um Gesetze zu machen. Das wiederum können APOs nicht. Leider.

Da kann man allenfalls wieder zum Verfassungsgericht ziehen und all das, was eben nicht Verfassungskonform ist, verbieten lassen. Damit kann man das ein oder andere Übel abwenden, aber man kann es auch nicht zum positiven wenden. Das kann man nur, wenn man sich auch auf das Machtgeschacherre einlässt.

Gruß zurück an die “Ionette” :)

von: Luise

Hallo Gero,

dein Bericht klingt sehr interessant. Hier noch einen Tipp, den ich damals von Rena erhalten habe und mir eindringlich im Gedächtnis geblieben ist:

Düstere Aussichten Vor der Afghanistan-Abstimmung verrät der SPD-Mann Marco Bülow, was Bundestagsmitglieder wirklich zu sagen haben: fast nichts.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/3658