Ich lasse das mit dem Aktivismus

Wie ich heute schon auf Twitter verkündet habe, lasse ich das mit dem Aktivismus. Ich ziehe mich zurück.

Warum? Weil ich kann. Und weil ich will. Wie im Winter üblich, wurde ich ende November wieder depressiv. Zunehmend dunklere Tage, ekelhaftes Wetter, kaum Freizeit. Ich habe (nachdem ich Franks Blogpost zur Winter-Depressionsbekämfpung gelesen habe) mein Tagesablauf umgestellt - und kurz danach bin ich in der Uni kürzer getreten und habe ein Fach aufgegeben. Es wurde ein wenig ruhiger und es wurde Weihnachten, der 28c3 kam - alles war gut. Dann ging die Uni wieder los und ich lag eine Woche krank im Bett. Kaum war ich zurück in der Uni wurde mir klar, dass ich Java einfach zu schlecht kann, als dass ich mich mit den “Grundlagen der Programmierung” weiter plagen sollte. Das zweite Fach von dreien schmiss ich über Bord.

Dann hatte ich wieder Zeit, mich “dem Aktivismus” zu zuwenden, was ich auch recht bald tat. Ich sortierte und laß Hunderte von Mails der AK-Vorrat-ML um mich irgendwo einzubringen - vergeblich. Mir fehlte der Punkt, an dem ich mich hätte einbringen sollen.

Vor zwei Tagen schrieb ich eine Mail auf die Liste zur Europäischen Bürgerinitiative (man überlegt im AK, ob man diese Bürgerinitiative nutzen möchte, um mit 1.000.000 Unterschriften die Kommission aufzufordern, die Vorratsdatenspeicherung abzuschaffen), in der ich für eine Professionalisierung des AKV plädierte - es sollten endlich Leute bezahlt werden, die sich wirklich einbringen können und daran arbeiten könnten - statt sich vor allem in Mailinglistendiskursen zu verstricken, die häufig das gesamte Pensum an Zeit, die man für den AK “opfert”, aufbraucht. (Zumindest ist das bei mir so). Dies wurde abgelehnt. Möglicherweise zurecht, da der AKV eben genau so funktioniert. Da wird niemand bezahlt. Punkt. Dann setzte sich ein Denkprozess in Gang, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Genau genommen gab es ihn schon vorher, nur habe ich ihn gewissermaßen unterdrückt. Ich fragte mich “wofür” das alles? Warum bin ich eigentlich Aktivist. Dazu kam, dass ein Freund mich fragte, warum ich so selten Zeit habe “You’re always so busy … You have never time to go out!” und ich ihm erklärte, dass ich das mit dem Aktivismus ja noch neben dem Studium mache. Und genau dann feststellte, dass dieser Aktivismus mich fast 2 Jahre quasi nicht mehr ausgehen lassen hat. Alle Freizeit, die ich entbehren konnte, steckte ich darein, Mailinglisten zu lesen und selbst voll zu schreiben, auf Twitter zu ranten oder Abgeordnete anzuschreiben. Häufiger war ich auch auf irgendwelchen Kongressen und Meetings, um über Überwachungsbekämpfungsmaßnahmen zu diskutieren. Ich stellte fest, dass ich seit dem ich im August nach Berlin gekommen bin, nicht einmal richtig feiern war (mit Ausnahme der 28c3-Afterparty, sowie Silvester - wiederum in der C-Base).

Ich glaube, meinen Rant gegen das Studium trifft das falsche Opfer. Noch immer finde ich das Studium “irgendwie” doof, aber mein Lebensinhalt stahl nicht das Studium, sondern meine falschen Vorstellungen vom Aktivismus. Ich redete mir ein, ich müsse doch noch etwas gegen die neue, personalisierte “Google+ Suche” machen, weil sie böse sei. Dies seien die tatsächlichen Aufgaben, statt in der Uni Übungsaufgaben zu lösen. Vor zwei Tagen wollte ich mich gar für das Europaparlament aufstellen lassen, um mehr ausrichten zu können, im “Kampf gegen die Bösen”.

Ich glaube ich habe mich da in etwas hinein gesteigert, in das ich mich nicht hätte hinein steigern sollen. Seit etwa 2 Jahren optimiere ich mein Leben dahin gehend, mehr Aktivismus betreiben zu können - und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.

Und genau deshalb mache ich jetzt Schluss mit dem Aktivismus. Vorerst. Ich habe mich von allen AKV-Listen gestrichen, um mir Ruhe zu verordnen. Ein paar andere Listen (mit deutlich weniger Traffic) lese ich weiter, um zumindest das Wesentlich mit zu bekommen. Ich brauche diese Ruhe, um mir selbst mal wieder Gedanken darüber zu machen, wie mein Leben eigentlich aussehen soll. Und was ich damit noch so anfangen will.

Diese Entscheidung ist in mir gereift. Sie betrifft zwar vor allem (neben mir selbst), den AK Vorrat - aber er ist nicht schuld. Die Leute, die sich noch immer im AK Vorrat engagieren, machen eine unglaublich tolle Arbeit. Danke dafür! Gerne würde ich mich bei jedem(!) persönlich bedanken, weiß aber, dass ich immer irgendwen unter den Tisch fallen lassen würde - und damit mir selbst, aber vor allem deren Arbeit nicht gerecht werden würde. Deshalb Danke ich nur pauschal: DANKE!

Vielleicht komme ich bald wieder. Vielleicht auch nicht. So lange aber, bleibe ich den AKV-Liste fern. Für diesen abartigen Tweet, entschuldige ich mich. Das ist Bullshit. Natürlich kann man im Aktivismus etwas erreichen - und ich fordere jeden weiter auf, sich einzumischen. Das ist wichtig. Aber, man möge sich auch weiter selbst-hinterfragen: “Was genau tue ich hier? - Und: Warum?”. Ich suche darauf nun erst mal eine Antwort. Und sehe dann weiter.

Kommentare

von: Herr Urbach

Lieber Gero,

willkommen an dem Punkt, an dem jeder Aktivist mal steht. Ich hatte das im Februar letzten Jahres: http://blog.stephanurbach.de/?p=450

Auch das ist eine Form der Depression oder des Burnouts. Wo ist der Sinn in dem, was ich tue? Ist es effektiv? Nützt es jemanden?

Ich will dich nicht überzeugen, weiter zu machen - wen du es aber tust, such dir eine aktivismusform, die dir goutiert. Die dir zeit und Raum lässt, Dinge für dich zu tun. Gib dir selbst Raum, etwas zu tun.

Ich bin mir sicher, wir sehen uns in einem Jahr wieder - als Aktivisten auf einer Konferenz. Bis dahin: genieße das Leben. Bald ist Frühling und mit den Sonnenstrahlen kommt auch die Energie wieder. Bis dahin: Du, ich, Bier :)

Herr Urbach

von: 9er0

Lieber Herr Urbach,

ich habe die letzten beiden Tage viel an dich und deinen sehr offenem Umgang mit deinen Zweifeln am Aktivismus gedacht. Du warst der Grund, warum ich diesen Blogpost geschrieben habe, statt es für mich zu behalten, und leise, still und heimlich zurück zu ziehen.

Und ja, auch ich glaube nicht, dass ich so ganz ohne kann. Aber gerade muss ich ohne, ansonsten gehe ich daran kaputt. Und das wäre doof.

Das mit dem Bier können wir aber trotzdem (oder gerade daraum?) gerne mal wieder machen!

von: Tee Jay

Lieber 9ero,

natürlich respektiere ich Deine Entscheidung und bedanke mich herzlich für Dein Engagement im AK Vorrat. Dass Du komplett aussteigst, bedauere ich sehr, zumal ich zwischen lichterloh Brennen und Nichtstun noch viel Zwischentöne sehe. Natürlich musste bei Deinem Arbeitspensum irgendwann einmal der Punkt erreicht sein, an den selbst Idealisten wie Du an ihre Grenzen stoßen. Ich kann mir deswegen auch vorstellen, dass Du Dich eine Weile erholen musst. Danach wäre ich aber froh, Dich wieder im AK zu sehen. Der Einzige, der von Dir verlangt, Dein gesamtes Leben irgendeinem Engagement unterzuordnen, bist Du selbst. Ich kenne den Effekt, weil ich in Deinem Alter den gleichen Fehler beging. Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst. Die Antwort lautet vielmehr, ein gesundes Maß für sein Engagement zu finden. Dieser Balanceakt ist äußerst schwierig, und Du wirst mehrmals das Gleichgewicht verlieren, aber ich behaupte, es ist der Weg, den Du gehen solltest.

von: missi

Hi Gero, mach dir mal keinen Kopp, zuweilen ist Entschleunigung gut und richtig, um wieder auf nen grünen Zweig zu kommen. Ich kenne das selbst sehr gut, gerade aus dem Aktivismusbereich, wo ich ja auch schon ein paar Jährchen unterwegs bin: Irgendwann kommt immer (wieder) der Punkt, da wirds einfach zuviel, insbesondere dannn auch noch, wenn man immer wieder gegen Mauern rennt und das Gefühl bekommt, es geht nix weiter. Da nervt dann auch jede Email, in der dann scheinbar nur gefaselt wird. Mach dir einfach keinen Stress, entschuldige dich nicht bei der Welt dafür, überleg nicht, was du verpassen könntest, wenn du da jetzt nicht 42²³ Emails/Links/etc. am Tag liest (Du verpasst nix, wirklich. Glaubs einfach. ;)) und mach einfach mal was ganz anderes, irgendwas, worauf du gerade Bock hast. (Bau z.B. noch ein paar Radios, die brauchen wir dann eh für den Weltuntergang. :o)) Und mach auch nicht den Fehler, dir ne Deadline für dein Comeback zu setzen (Du wirst irgendwann wiederkommen, in welchem Feld auch immer, aber du bist kein Lemming. :o)), auch wenn deine Pause Jahre dauert, mach einfach. Frustriert und gestresst kannst du auch nix bewegen, machs also nicht zu einem Zwang, wenn du keinen Kopf dafür hast: Nimm ihn weg da.

Nochwas: “und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.” Es gibt nichts frustrierendes, wenn man “die Welt gerettet hat” (oder im realen Rahmen: Etwas netter machte) und dann nach Hause kommt und feststellt: Die eigene ist dabei kaputt gegangen, weil man sich nicht um sie kümmerte. Sei egoistischer und fix deine Prioritäten.

von: Lars

Hi Gero,

Finde es toll dass Du diesen Schritt öffentlich vollzogen hast. Ich war 2001 in einer ähnlichen Situation, hatte schon 2 Studiengänge hingeschmissen und bin erstmal nach Mexiko um meinen “Aktivismus” voll auszuleben. Glücklicher bin ich dabei nicht geworden.

Das Glück kehrte zu mir zurück, als ich alle Aktivitäten gecanceled und mein 3. Studium angefangen habe. Mit dem Ziel es diesmal durchzuziehen, aber nicht alleine sondern mit Leuten die ähnlich denken wie ich. Ähnlich denken bezüglich des Studiums, nicht politisch. Auf einmal rückten Leute in mein Blickfeld die ich früher übersehen hätte, Menschen die meistens in der Vorlesung waren, ihre Übungen gemacht haben und sich in allem was die Uni anging Mühe gaben. Und auf einmal ging studieren ganz leicht und auch privat kam alles wieder ins Lot.

Und die im Studium erworbenen Fähigkeiten (neben dem Informatikzeug vor allem eine realistischere Selbsteinschätzung) helfen mir heute bei jeder Art von Aktivismus und ich bin glücklich wie ich es niemals für möglich gehalten hätte.

Wünsche Dir viel Erfolg auf Deinem Weg, lass Dir nicht erzählen was Du tun mußt sondern finde raus was Du(!) tun willst um in dieser (ungerechten) Welt glücklich zu sein

Gruß

Lars

von: Alex

Hey Gero,

ich hoffe zu den Listen, die du nicht gestrichen hast, gehört auch die PNR Liste ;)

Im Ernst: Leb mal ein Studentenleben wie es sich gehört und kümmer dich um die Sachen, die du die letzen Jahre versäumt hast. Wenn du wieder Lust hast, kannst du ja wieder Aktivist werden ;) Hoff dich mal bald wieder in nem Keller der Entscheidungen zu treffen :)

Greetz Alex

von: Ingo Jürgensmann

Hallo Gero!

Schade, dass Du aufhoeren, oder wie ich eher hoffe: pausieren moechtest. Da ich das mit der Winterdepression auch schon durch habe, kann ich Franks Ratschlaege eigentlich nur bestaetigen: Licht und Bewegung waren auch bei mir sehr hilfreich. Ein anderer Punkt war aber auch, dass ich einfach wusste, dass es eine Winterdepri ist. Seitdem ich weiss, dass ich empfindlich auf Lichtmangel reagiere, hatte ich auch keine Depri mehr. Ich bemuehe mich z.B. am Fenster zu sehen, wenn ich arbeite. Und ich gehe in der Mittagspause dann auch mal raus anstatt in die hauseigene Kantine.

Was den Aktivismus angeht: ich lese ja nun wirklich nicht viele MLs und dort auch laengst nicht jede Mail, aber ich habe auch meine Aktivismusform gefunden, mit der ich gut leben kann. Ich denke und hoffe, dass auch Du deine Form finden wirst. Also goenn dir ruhig eine Auszeit! Bis dann! :-)

von: Katta

Hallo Gero,

ich kann das total nachvollziehen, dass dir das zu viel wird. Und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der letzten Mail von mir - vielleicht war das schließlich der letzte Tropfen der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Du hast in den letzten Jahren unglaublich viel für den AK gemacht. Demos und Kongresse und dann auch noch dieses ständige klein-klein auf den Mailinglisten schlaucht. Manchmal ist Team-Work ist manchmal einfach nur anstrengend, weil mehr Zeit für Koordination draufgeht als für alles andere..

Ich kenne das Gefühl, dann in immer mehr Arbeit reingezogen zu werden. Ohne die notwendige Distanz und zwischenzeitliches “Abschalten” geht das auf die Dauer nicht gut. Wenn dann noch das Studium mit der Java-Keule daherkommt ist das einfach zu viel.

Ich fand den Kommentar schon ganz passend:

“Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst.”

Vielleicht findet sich der berühmte Mittelweg irgendwann ganz von alleine, wenn man sich mal ne Atempause gönnt. Der Mensch braucht immer nen Gegenpol, sonst wird es auf die Dauer zu viel.

Ich würde jedenfalls gerne auch abseits des Aktivismus mit dir Bier trinken :)

Katta

von: 9er0

Hey Katta,

mach dir keine Sorgen - es liegt wirklich nicht am AKV - und auch nicht an irgendeiner Mail von dir (oder irgendwem anders). Vielleicht hat es mir die Augen geöffnet, was mich selbst nervt, aber es hat mich niemand vertrieben.

Den Mittelweg will ich gerade für mich ausloten. Ohne kann ich nämlich tatsächlich nicht - nur tüftele ich gerade an dem Maß und an meiner Aktivismusform.

Bier aber, klingt immer gut :D Da komme ich drauf zurück!

LG

von: rka

Moin Gero,

ich erinner mich noch sehr gut, wie ich dich das erste mal beim AK Vorrat gesehen habe, und du voller Tatendrang warst. Du hast dich sehr schnell und sehr stark engagiert, wie es viele tun, die mit voller Kraft ein Ziel erreichen wollen. Ich glaube, dass es zu der Zeit richtig war, dass du dich so stark engagiert hast, genauso wie es jetzt für dich richtig ist, dich zurückzuziehen. Und das ist das wichtigste: bei allem Aktivismus sich nicht selbst vergessen. Sich selbst auch nicht zu vernachlässigen. Die Welt besteht nicht nur aus anderen, sondern auch aus dir! Nur wenn es dir gut geht, hast du auch genügend Kraft, um sie ins Studium, in den Aktivismus oder anderes zu investieren. Ich hoffe, bin mir da aber auch recht sicher, du wendest dich irgendwann wieder dem Aktivismus zu. Dann vielleicht mit einer geringeren Intensität, aber sicherlich nicht mit weniger positiven Auswirkungen. Wie andere auch, würde ich mich auch freuen, dir abseits vom Aktivistendasein übern Weg zu laufen. Vielleicht ergibt sich das ja mal… Beste Grüße rka

von: Manu

Hey Gero, ich hab das erst jetzt gelesen. Gut, dass du die Reißleine ziehst, es ist manchmal schwer, die zu finden, aber umso wichtiger, sie zu ergreifen, wenn es drauf ankommt.

Ich selbst habe das leider auch schon durchlebt, und die Reißleine, an der ich glaubte, ziehen zu müssen, hat so manche Wunde sowohl bei mir als auch bei anderen gerissen, wohl heftigere als du möglicherweise mit diesem einen Tweet.

Damit dieser Winter kein total Durchsoffener wird, biete ich dir mal lieber Teetrinken statt Bier an ;) Und bin ziemlich sicher, dass du deinen Weg als Aktivist, was auch immer das genau bedeuten mag, finden wirst, mit genau so vielen oder so wenig Kurven wie erforderlich.

Kraft tanken ist wichtig. Und sich selbst nicht verlieren. Oder jedenfalls wiederfinden.

Alles Gute Manu

von: V.

Hallo Gero,

ein sehr trauriger aber richtiger Schritt. Es bringt nix, wenn du dich durch Aktivismus innerlich selbst zerstörst, es reichen schon die äußeren Einflüsse die uns oft genug zu schaffen machen.

Beste Grüße, V.

PS: Habe stets ein offenes Ohr, falls du jemensch zum Reden brauchst.