Leben, Politische Korrektheit und Depression

Ich hab den Aktivismus aufgegeben, um wieder mehr “echtes Leben” zu leben. Und die Entscheidung war gut - aber es reicht nicht.

Ich lehne aus politischen/ethischen/moralischen Gründen viele Lebenseinstellungen ab (wie ich es z.B. nicht lustig finde, sich über andere Menschen lustig zu machen - schon gar nicht aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung u.ä.) - und aus diesem Grund halte ich mich von vielen Menschen fern, die eben dieses tun. Irgendwie versuche ich ein diffus “politisch korrektes Leben” zu leben. So ohne massiven Drogenkonsum, möglichst ohne Ausbeutung anderer Menschen und mit möglichst wenig Gesetzeskonflikten (Generell finde ich nämlich Gesetze eine gute Sache).

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir diese Lebenseinstellung einen großen Teil dessen, was ich eigentlich Leben möchte, “verbietet”.

Nein, mir geht es dabei nicht um den massiven Drogenkonsum und auch nicht darum, mich über andere Menschen lustig machen zu können. Da habe ich keine Freude dran. Mir geht es um eine leichtere Lebensweise. Mir geht es u.a. um Extremsport. Nicht, dass ich ihn selbst dringend machen muss - aber er ist ein gutes Beispiel dessen, was ich an meinem Leben nachhaltig vermisse. “Verrückte Dinge tun”

Menschen, die dies tun, haben diese “leichtere Lebensweise” (behaupte ich). Sie machen sich nicht zu viele Gedanken darüber, was passiert, wenn der Fallschirm nicht aufgeht - oder was passiert, wenn sie beim Skaten falsch aufkommen und sich den Arm brechen. Bei den Menschen, die dies tun, nehme ich überproportional häufig “Kackscheiße” wahr. Da wird den Mädels der Arsch gegrabscht und “schwul” als Schimpfwort genutzt. Aus eben diesem Grunde meide ich sehr häufig diese Menschen.

Ich schaffe es nicht einmal, ohne Helm Fahrrad zu fahren. Also, ich fahre schon auch ohne Helm (und habe auch keine Angst davor), halte es aber für eine äußerst gute Idee, mit Helm zu fahren (Es erhöht die Chance zu Überleben im Falle eines ersten Unfalls einfach massiv). Dazu kommt, dass ich längere Zeit als Fahrradkurier gearbeitet habe (ich kann also wirklich Fahrrad fahren ;-) ) - und mich in der Zeit daran gewöhnt habe, mit Helm zu fahren. Das mit-Helm-fahren wiederum führt dazu, dass jede Person, die mich sieht, sich denken muss “ach, der fährt mit Helm. Ist ja ein ganz sicherer …”. Oder zumindest interpretiere ich das in andere Menschen hinein, was wiederum dazu führt, dass ich mich eben so verhalte, als würde sie das denken - und versuche mich irgendwie abzugrenzen (weil die anderen ja ohne Helm fahren und bestimmt doof sind).

Natürlich ist das etwas überspitzt, aber zur Verdeutlichung, was in mir so für Gedanken sind, wohl ganz gut.

Und ich glaube, dass diese Haltung mich häufig in die Depression zieht. Das, was von außen wohl so aussieht, als hätte ich ‘nen Stock im Arsch. Und wahrscheinlich habe ich das auch - aber genau das ist es auch, weshalb mich von den Menschen, die das so sehen, abwende. Und übrig bleiben Menschen, die (ähnlich wie ich) sich sehr viele Gedanken zu allem machen und politisch korrekt leben.

Diese Menschen sind wahrscheinlich auch die allermeisten, die mein Blog lesen - und, ihr politisch korrekt lebenden Menschen: Ich mag euch. Ich mag euch sogar sehr - aber mir fehlt das “Verrückte Dinge tun”. Vielleicht tut ihr das die ganze Zeit, und ihr nehmt mich einfach nicht mit (was ich gemein fände!), vielleicht ist aber auch das verrückteste, was ihr tut, am Linux-Kernel mit zu programmieren. Ja, das ist irgendwie auch verrückt - und politisch super korrekt und wichtig. Und ich bitte euch, dies auch weiterhin zu tun, denn Linux ist super! - aber es ist nicht das “verrückt”, was ich meine. Mir verleiht so ein Linux-Kernel einfach keinen Adrenalin-Schub. Und das ist es, was mir in meinem Leben so häufig fehlt.

Update: Was mir so fehlt, in noch deutlicher:

Und das Video ist schon ganz schön kackscheiße.

Oder:

Weniger offensichtliche kackscheiße, dafür mehr krasse First-World-Probleme. Und das Gefühl den Rucksack nehmen zu wollen um für ne Zeit nach Indien zu gehen. Und dann das Problem haben, krass reicher Mensch aus dem Westen zu sein, der es sich dort quasi ausbeuterisch gut gehen lassen kann. Und womit ist zu rechtfertigen, das es mir so gut geht, wo ich so wenig arbeite - und warum es vielen Indern so schlecht geht, obwohl sie viel mehr arbeiten als ich. Müsste ich denen nicht all mein Haben geben? Krasse Gedankengänge in meinem Kopf. Aber so sind sie.

Kommentare

von: Julian

Kurz und knapp: Jammern auf hohem Niveau. Im Vergleich zu den meisten Menschen führst Du ein Leben auf der Überholspur, was den meisten schon verrückt genug wäre. Wieso um alles in der Welt sollte ein häufiger Adrenalinschub erstrebenswert sein? Weil die Welt, in der wir leben, eh schon verrückt genug ist, und man dadurch noch eines oben drauf setzen will, auf diese durchgeknallte Realität da draussen, die einen abstumpfen läßt?

Ist das dann nicht schon fast wie Ritzen, weil normale Reize schon nicht mehr wahrgenommen werden, und der Schmerz zeigt: “Ah, ich lebe ja doch noch.” Sind die Zeiten, wo man sich nach durchzechter Nacht alleine wohin setzt, und in Ruhe einen schönen Sonneaufgang beobachtet, und dieses als wunderschönes, einmaliges Erlebnis wahrnimmt vorbei?

Was ist so toll an Extremsport? Ist es der Adrenalischub? Oder vielleicht doch die Anerkennung, die einem andere zollen? Sofern sie einen nicht für total bescheuert halten. Naja, solange das Solidarsystem die auf die Schnauze fliegenden Skater, Kletterer, Fallschirmspringer, etc. auffängt, ist ja alles ok.

Bisschen überspitzt, komprimiert und unsortiert, aber das ist der Uhrzeit geschuldet :)

von: Gero

Du hast natürlich recht, dass ich schon einiges im Leben gemacht habe - und zugleich das “Leben” dabei ganz häufig zu kurz gekommen ist. Also ein Stück weit ist es auch die Frage: Warum das alles? Für was? Was an dem bisherigen Leben ist denn so unglaublich erstrebenswert?

Und ja, mich langweilt mein Leben. Ganz häufig, ganz massiv. Irgendwann ist die Zeit durch, die es besonders spannend ist, Demos zu organisieren, Politiker zu belabern, vagabundierend durch die Gegend ziehen, rumnerden. Das alles langweilt mich. Es langweilt mich, weil ich so selten eine Antwort darauf habe “Warum tue ich das eigentlich?”

Wo ist der Unterschied, ob ich mich als Aktivist in verschiedenen Gruppen kaputt arbeite, großartige philosophische Texte lese, oder einfach vor dem Fernsehen abhänge? Und warum tue ich letzteres nicht? Okay, ich habe keinen Fernseher - und das Fernsehen langweilt mich sogar noch mehr, als irgendwelche Demos zu organisieren. Und nein, Demos organisieren ist nicht langweilig - im Gegenteil eher echt stressig. Aber erfüllen tut es mich trotzdem nicht. Ich erkenne den Selbstzweck darin nicht. Das große Ganze fehlt mir dahinter. Ja, die Demos sind wichtig - aber was habe *ich* davon? Warum sollten wir das Internet retten? Für was? Wo ist das lebenswerte Leben dahinter?

Warum sind meine Freunde so häufig gegenseitige Hilfsbeziehungen? Warum habe ich so häufig Freunde um XYZ zu erreichen? Was hat mich so krass durchrationalisiert?

Ich habe neulich endlich mal den Kinderfilm Momo gesehen - und frage mich, ob wir nicht auch alle den grauen, rauchenden Männern auf den Leim gingen und nun unsere ganze Zeit rationalisiert wird. Aber was haben wir davon? Wo ist das Leben, das es sich noch zu leben lohnt? Zumindest suche ich eben dieses. Irgendwas, was nicht in irgendeiner Art und Weise nützlich für etwas anderes ist, sondern einfach Selbstzweck. Ein Leben, das mir irgendwas gibt. Freunde, bei denen ich nicht das Gefühl habe, wir sind nur Freunde, weil wir uns gegenseitig für ein gemeinsames Projekt brauchen - sondern welche, die ich gern habe, weil wir uns gegenseitig ganz ohne Hintergedanken wirklich gut verstehen. Dieses “normale Leben” - mit all dem, was es lebenswert macht. Irgendeine Art von Kick.

Ja, es gibt die Scheinweisheiten, dass die Kicks doch auch alle nicht das Wahre sind, und ein erfülltes Leben ohne funktionieren sollte - aber dem widerspreche ich. Ich glaube, dass jeder Mensch eine Passion braucht, die ihn erfüllt - und das sind nunmal häufig auch Adrenalinkicks. Und wenn es die nicht sind, dann gibt es aber eine echte Passion irgendwofür - und drum herum ein “normales” Leben mit echten Freunden. Und eben dieses fehlt mir. (Ja, ich habe echte Freunde und die sind auch toll. Aber es sind halt wenige - und aus einem sehr bestimmten aktivistischen/nerdigen Kreis - und darüber hinaus recht wenige).

von: Gero

Ich verstehe nicht ganz was du mir sagen willst. Genau genommen gar nicht. Was willst du mir dann sagen? Dass es mir ja so gut geht und ich mich nicht so anstellen soll?

Weshalb genau führe ich ein Leben “auf der Überholspur”?

Und: Nein, Ritzen (Selbstverstümmelung) ist nicht das gleiche wie Extremsport. Der Vergleich ist mächtig schief.

von: Julian

Bzgl. der These der (lebens)notwendigen Passion und der Kicks haben wir einen Dissens. Du hast doch bestimmt mal Siddhartha gelesen. Wie wirkte das Buch auf dich?

Und noch kurz zu den echten Freunden: wer behauptet, mehr als eine Handvoll zu haben, der weiss nicht, was echte Freunde sind. Von daher ist das imho voll ok, wenn du wenige hast, weil man viele nicht haben kann.

von: Karl

@Gero:

Hab grade dein Blog gefunden, gefällt mir! Kann sehr gut nachempfinden was du beschreibst. Vor so ca. 2 Jahren gings mir ganz ähnlich (da war so ein Höhepunkt, aber dieses Grundgefühl hat mich schon viele Jahre begleitet). Habe mich durch mein ständiges Alles-Hinterfragen, von allen Seiten beleuchten, mich und meine Handlungen analysieren, ein korrektes Leben zu führen usw. geradezu vom Leben abgeschnitten gefühlt, oder zumindest unfähig, einfach mal nur zu tun, einfach nur zu sein. (Vielleicht trifft das auch gar nicht so sehr deine eigene Verfassung, aber ich hab mich einfach in deinen Beschreibungen wiedergefunden, vor allem bei den Sachen, die du in deinem Leben vermisst.) Manchmal hilft wirklich nur, sich zu zwingen, einfach mal Sachen zu tun, Neues auszuprobieren ohne darüber nachzudenken, und sich aus den alltäglichen Strukturen rauszureißen. Einen Schritt dazu scheinst du ja schon gemacht zu haben, indem du dich vorerst vom allesfressenden Aktivismus zurückgezogen hast. Dadurch lernt man auch nochmal neue Leute kennen, die im besten Fall einen ganz anderen Zugang zur Welt haben (deine ‘Extremsportler’, bei mir wars ne Freundin, die Kunst gemacht hat) und deren Leichtigkeit einfach nur ansteckend ist.

Hoffe du schaffst es, deine Lebensweise und dich selbst so zu verändern, dass du Teile dessen, was dir fehlt, dazugewinnst und gleichzeitig das Gefühl behältst, du selbst zu sein.

@Julian:

Wie du hier angesichts eines Menschen, der offenbar in einer Sinnkrise steckt (und mit dem du zu allem Überfluss befreundet zu sein scheinst), mit den hinterletzten Binsenweisheiten um die Ecke kommst und dabei in jedem Satz seine Gefühle kleinredest, ist eklig. Die wenigsten Probleme lassen sich lösen, indem man jemanden damit zuschwallt, dass seine/ihre Probleme keine Probleme sind.

von: TollerMensch

Habe auch gerade diesen Blog hier gefunden und finde ihn nett, vor allem diesen Beitrag hier finde ich gut, kann mich darin teilweise auch gut wiederfinden.

Ich denke, das Problem ist nicht, dass man tatsächlich zu wenig erlebt, sondern dass man diese Dinge zu schnell annimmt und als nichts besonderes mehr ansieht. Mach dir einfach mal bewusst, was du für ein Leben führst! Woanders schreibst du, du würdest um die Welt reisen, Konferenzen besuchen, häufig umziehen, Demos organisieren, politische Diskussionen führen. Ist das nicht aufregend? Als du jünger warst, war das sicher eine Art “Traum”. Nur wenn man dann eben an dieser Stufe ist, nimmt man die Sachen zu schnell als gegeben an, “es macht ja jeder”, weil sich das soziale Umfeld auch entsprechend ändert. Aber die anderen, die machen die interessanten Dinge.

Als ich 16 war, habe ich von genau dem Leben, das ich jetzt führe, geträumt. Mit Freunden jede Gegend und jeden Winkel zu erkunden, die Nächte durchzucoden an geilen Projekten, 12 Stunden durch halb Europa zu Konferenzen zu fahren, auf riesige Hackercamps gehen, Dinge digital zu erkunden. Ich habe lange auf einen Job hingearbeitet, weil ich lange davon geträumt hatte. Aber noch mit der Zeit zwischen der Bestätigung und dem Jobanfang hatte es wieder seine Aufregung verloren, und ich sah dadrin nur noch eine Verpflichtung.

Und heute? Da denke ich auch, hätte ich mal was aufregenderes tun sollen, oder sollte jetzt was aufregenderes tun. Aber wenn man sich überlegt, was man in dieser Community erlebt, was man tut, wozu man beiträgt, dann ist das schon eine der aufregendsten Dinge, die man tun kann. Es ist von außen gesehen vielleicht nicht so, aber ich denke schon - es ist sehr viel aufregender ein solches Leben zu führen, als tagein, tagaus das gleiche zu machen, und wochenends dann zu feiern und ggf. mal einen bestimmten Sport zu machen, oder irgendein Erlebnisprogramm aufzulegen, damit man mal was besonderes macht (Fallschirmspringen, $Droge konsumieren, was auch immer). Das kann jeder.

Adrenalinschübe aus einer Gefahr heraus sind imho eine ziemlich eklige Sache. Im eigentlichen Moment sind sie unschön und man denkt an etwas komplett anderes, als was für einen Spaß man gerade habe bzw. wie toll es doch eigentlich ist, was man macht. Im Nachhinein bleibt dann eine schöne Geschichte, wenn es denn überhaupt folgenlos weitergeht, aber auf Dauer wird daraus auch nicht mehr werden als ein Hobby. Der Fallschirmspringer wird nach dem hundertsten Sprung sicher auch nicht mehr das Gefühl haben, er mache gerade etwas sehr besonderes, sondern es macht ihm einfach Spaß. Aber das Gefühl, das du bei sowas hättest, kannst du auch mit sehr viel einfacheren Dingen erreichen. Schon Segeln oder Klettern hat eine sehr ausgleichende Wirkung, oder mal bei schwerem Wetter mit einem Kajak (auch auf dem Wannsee) unterwegs zu sein. Wirklich lebensgefährlich oder unmoralisch wird das nicht, aber in dem Moment denkt man anders.

von: Gero

Es geht mir dabei gar nicht so sehr um die Adrenalin-Schübe selbst, sondern mehr um die Leute, mit denen man (gemeinsam) tolle Sachen macht.

Ja, ich mache viele tolle Sachen - und ich versuche mir das auch immer mal wieder bewusst zu machen - aber ich mache sehr viele von diesen tollen Sachen alleine. Also, ich mache sie natürlich nicht ganz alleine, aber es fühlt sich oft so an, als würde ich sie alleine machen. Auch wenn mensch im Internet ganz viele tolle Dinge auch mit anderen Menschen zusammen zu machen, ist es doch nicht das gleiche, wie etwas im RL zusammen zu machen. Das Verbindende Moment ist nicht da. Dabei bewegen wir uns physische nicht. Und wenn es nur das aus der Laune heraus entsandene Wettrennen ist, das spontane Volleyball- oder Federball-Spiel, das macht mensch mit anderen Menschen zusammen und mensch bewegt sich dabei, was zum besseren Wohlgefühl im Nachhinein führt. Es ist auch nicht so, dass ich keinen Sport mache - aber auch den mache ich zumeist alleine und auch wenn ich das im Nachhinein anderen Menschen im Jabber erzählen kann, ist es doch nicht das gleiche, wie gemeinsam Joggen gegangen zu sein. Und das ist so ein bisschen mein Problem.

Im nächsten Blogpost (zu der Hacking-Kommune) bin ich darauf ja weiter eingegangen und sehe das Problem (inzwischen) auch weniger darin, dass ich so wenig mache, oder mein Leben so langweilig ist, sondern dass ich mit den Leuten, die eine ähnliche Lebenseinstellung haben wie ich, einfach mehr zusammen tun sollte. Und da ich Biertrinken mit Kalendereintrag auch doof finde, halte ich es für die beste Möglichkeit einfach zusammen zu wohnen, dann kann mensch einfach nach Hause kommen und sich ein Bier zusammen nehmen - ohne allen Orgakram …