Ideas


 

No Chat No Pic

Als schwuler Mann habe ich früh angefangen das Internet als Datingplattform zu nutzen. Wie sonst komme ich auf dem Land mit anderen schwulen Männern in Kontakt?

Seiner Zeit habe ich viel gechattet in verschiedenen Chatforen, aber auch auf PlanetRomeo (damals noch GayRomeo) habe ich mit vielen Menschen beeindruckend lange und interessante Gespräche geführt.

Neulich habe ich schon über Probleme des schwulen Datens gebloggt und im Nachgang auch von vielen Heteros ähnliche Probleme geschildert bekommen. Es scheint ein grundsätzliches Problem zu sein, dass sich mit dem Internet zwar Menschen für den Austausch von Körperflüssigkeiten finden lassen, aber nicht für eine Beziehung.

Warum?

Ein zentrales Problem, dass ich dabei wahrnehme, ist die exponierte Stellung von Bildern auf Datingplattformen. “No pic no chat” - und geantwortet wird gemeinhin nur Profilen, die die eigenen Wunsch-Modellmaße zeigen.

Josefine Matthey (@josefine) hat auf der openmind Konferenz 2015 in den ersten 20 Minuten ihres Vortrages “On the Internet nobody knows, you’re a dog?” herausgearbeitet, wie sich das Internet von einem Textmedium zunehmend zu einem Bild-, Gif-, und Videomedium verändert hat:

Ich glaube, das hat auch Online-Dating massiv verändert. Egal, welche Dating-Plattform ich öffne, es geht vor allem um (sexy) Bilder. Selbst OKcupid nehme ich zunehmend als Sexy-Bilder-Plattform war. Die erste und oft einzige Hürde, sich kennenzulernen, sind Bilder. Für Menschen, die gerne unkompliziert Sex haben (und normschön sind), erfüllen sie genau diesen Zweck. Und ich finde das okay. Es ist allerdings schwer bis zu dem Punkt zu kommen, an dem es um tatsächliches Interesse aneinander geht.

Ich möchte spannende Menschen über das Internet kennenlernen. Spannende Gespräche führen und durch Profile gucken, um zu sehen, wer ähnliche Interessen und Hobbies hat, wie ich. Mit wem ich auf persönlicher Ebene matche - und dabei finde ich Six-Pack und Dick-Pics eher hinderlich. Wenn ich Penisse sehen will, gucke ich Pornos. Ich will Menschen kennenlernen, nicht deren Körperöffnungen.

Selbst soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook - funktionieren inzwischen vor allem über das Einbinden von Bildern. Viele einst sehr spannende Profile sind in der Bilderflut untergegangen oder nehmen an dem Wettbewerb um die meisten Likes (und die Algorithmen bevorzugen Posts mit Bildern gegenüber Posts ohne Bildern) nicht mehr teil. Und all die Bilder auf den Plattformen nehmen viel von der eigenen Fantasie, sich Dinge vorstellen zu können. “Pics or it didn’t happen” ist eine Form des kollektiven Misstrauens. Wer von mir verlangt, mit Bildern meine Geschichte zu “beweisen”, glaubt mir nicht. Wie soll eine Freundschaft funktionieren, wenn Menschen sich gegenseitig misstrauen?

Was ich sagen will: ich wünsche mir eine Plattform, die keine Bilder erlaubt. Bilder-basierte Plattformen gibt es inzwischen viele. Wer sich kennengelernt hat, und Bilder austauschen will, findet dafür Lösungen. Zum ernsthaften Kennenlernen von Menschen, scheinen Bilder aber eher teil des Problems als Teil der Lösung zu sein.

P.S. Das neu gestaltete Blog hat keine Kommentarfunktion mehr. Fundierte Kommentare nehme ich vie e-mail entgegen.

 
 

GmZ 000 - Nullnummer

Ich frage mich seit längerem, was genau Glaube und Religion ist … und habe beschlossen, mir das von Leuten erklären zu lassen, die sich damit auskennen. Und weil ich glaube, dass nicht nur ich das interessant finde, lasse ich ein Mikrofon mitlaufen und mache einen Podcast draus. Anfangs will ich vor allem über die großen Religionen sprechen, aber ich finde auch kleine spirituelle Gemeinden sehr spannend. Wer mir ihre/seine Religion (vor einem Mikrofon) erklären mag oder einen guten Vorschlag hat, wen ich fragen könnte/sollte, möge sich bitte melden.

Worum es in der Podcast-Reihe genauer geht, habe ich in dieser Nullnummer mit Lara Bokor (@sofakante) und Gerhard Anger (@tollwutbezirk) besprochen.

 
 

Antiaufklärung

Vor Monaten haben ich das Theaterstück “Fear” an der Berliner Schaubühne gesehen. Das war das Theaterstück, dass die AfD gerichtlich verbieten lassen wollte, damit aber gescheitert ist.

Es geht um lange überkommen geglaubten Probleme wie Rassismus und Homophobie, um wieder aufkommenden Nazirhetorik und über vereinsamte Menschen - vor allem in ländlichen Gegenden - die sich von der globalisierten Gesellschaft abgehängt fühlen. Es erzählt von Menschen, welche die alten Zeiten zurück wünschen.

Diese Menschen wurden tatsächlich von der beschleunigten, globalisierten Gesellschaft abgehangen. Und die globalisierte, durchaus auch neoliberale Gesellschaft, kümmert sich nicht um die zurückgebliebenen. Sie werden nicht beachtet und niemand möchte sie mit ihnen beschäftigen. Und diese Menschen merken das. Sie sind wütend, dass sie zurück gelassen werden und fangen an, gegen “die da oben” zu protestieren.

2013 gründete sich die AfD, 2014 wurden die Montagsdemos voller Verschwörungstheorien groß. Es folgen PeGiDa, Brexit, Trump. In Frankreich ist es die Front National, in Österreich die FPÖ. In allen gemein ist ein diffuses “Gegen die da Oben” - mit allerhand Verschwörungstheorien. Keine Argumentation, keinerlei Rationalität erreicht diese Menschen.

Michael Seemann (@mspro) hat noch vor dem Erfolg von Trump einen sehr erhellenden Text über die globale Klasse geschrieben. Er beschreibt, wie es eine Elite aus Medien und respektvollen Menschen gibt, die seit Jahren peu à peu die Gesellschaft verändert hat - und gegen diese Elite gibt es nun diesen massiven, rechten Protest.

Diese Menschen sind (häufig) der von der Globalisierung abgehängte Teil der Gesellschaft. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Warum Rassismus ein Problem ist (früher war das auch immer so!) - und das mit dem Internet. Oder warum die abgebauten Fabriken nicht wieder aufgebaut werden. Sie verstehen die veränderte Welt nicht mehr, wählen den Rückschritt und verstricken sich in Verschwörungstheorien. Sie kommen mit dem neuen Wertekompass nicht klar und wollen ihren Alten zurück haben.

Es gibt mehrere Ebenen, die sich hier aufmachen: Die konkret politisch-gesetzgeberische, die gesellschaftliche Ebene (erstarken rassistischer Attacken nach dem Brexit in UK, erstarken der Neonazis nach Trumps Sieg) und die Antiaufklärerische. Alle drei Ebenen bereiten mir massiv Sorgen. Aber: Gesetze können zurück genommen werden, gegen einzelne Gruppen lässt sich vorgehen. Aber wie kann mit der Antiaufklärung umgegangen werden? Was ist die Strategie gegen Lügen und Verschwörungstheorien? Wie können Menschen überzeugt, die Argumente nicht gelten lassen?

Was ist mit der Aufklärung passiert? Eine Gesellschaft, die nicht auf Argumente hört, kann keine Demokratie sein.

Wie lassen sich Menschen aufklären, dass es eine Methodik braucht, um Wissen zu generieren? Wie kann erklärt werden, dass genau das der Knackpunkt der Verschwörungstheorien ist? Das genau das der Unterschied zwischen Wissen und Meinen ist? Wissenschaft braucht eine Methodik um einen Gegenstand zu untersuchen um unabhängiges Wissen schaffen zu können - und Verschwörungstheorien haben keine Methodik. Jedes Gegenargument wird Teil der Verschwörung. Verschwörungstheoretiker*innen lassen keine Methodik zu - sondern ihre Meinung ist wichtiger als die Methodik. Und genau das ist das fundamentale Problem.

Was aber lässt sich dagegen tun? Eine billige Forderung nach “mehr Bildung” klingt zwar super, löst das Problem aber nicht. Es ist ja nicht so, dass Rechtspopulismus nur von ungebildeten Menschen gewählt und gefördert wird.

Ich will verstehen, wie Menschen Verschwörungstheorien glauben, aber der wissenschaftliche Methodik nicht. Trump wurde im Wahlkampf so massiv durchleuchtet und kritisiert. In meinem Verständnis muss jeder*m klar sein, dass er kein geeigneter Präsident sein kann. Warum aber, wird er trotzdem gewählt?

Handeln diese Menschen in irgendeinem Sinne noch rational? Wenn ja, in welchem? Ich bin nicht schockiert über Trump, ich bin schockiert, dass er gewählt wird. Ich bin darüber schockiert, wie diese Bewegung der Antiaufklärung gegen alle rationalen Argumente immun zu sein scheint.

Wie soll eine Demokratie sich verteidigen, wenn die Argumentationen nicht mehr zählen? Samstag, 3.12.16 bin ich auf dem Save Democracy Camp im Betahaus Hamburg. Da möchte ich gerne über Antiaufklärung diskutieren und freue mich auch vorher schon über Anregungen, Kommentare, Argumente und (links zu) gute(n) Analysen.

 
 

Progressiver Think-Tank

2014 hat sich die Progressive Plattform gegründet, die für progressive Politik stehen sollte, sowohl innerhalb der Piratenpartei, als auch außerhalb. Inzwischen ist die Domain ausgelaufen, Twitteraccount und Facebookseite verwaist.

@zweifeln soweit ich weiß nicht, ist irgendwann aufgrund Ziellosigkeit eingeschlafen @pplattform — F. A. Unterburger (@Fl0range) September 19, 2016

Die Netzszene war ein starker politischer Motor. Die Enquête-Kommission wäre ohne sie nicht eingesetzt worden. Nach dem Erfolg der Berliner Piratenpartei 2011 wurden Transparenz, Datenschutz und Bürgerbeteiligung große politische Themen. Klassische Netzpolitik wurde jahrelang ausführlich debattiert. Probleme sind klar definiert und Lösungen warten darauf umgesetzt zu werden. Das ist politisches Tagesgeschäft, das wird früher oder später passieren.

Was mir aber seit Jahren fehlt, sind politische Visionen. Mit der Piratenpartei wurden auch so Dinge wie das BGE oder Liquid Democracy diskutiert. Es wurde darüber geredet, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. Heute haben wir die AfD, da wird gefordert, die Gesellschaft solle wieder aussehen, wie vor 150 Jahren. Abseits dieser grotesken Stellvertreterdebatten gibt es aber tatsächlich große Probleme, die vor unserer Gesellschaft liegen und ich nehme keiner Organisation wahr, die sich umfassend darum kümmert.

Was passiert mit unserem Arbeitsverständis durch Peak Labour und Mechanical Turk? Wie funktioniert Bildung in Zeiten von Wikipedia? Warum werden noch Definitionen gelehrt? Ist das sinnvoll? Werden Moocs Universitäten ersetzen? Wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht? Wie verhält sich das mit den Cyborgs? Werden wir in 30 Jahren alle Cyborgs sein? Was würde das bedeuten? Wo kommt all der Hass von Pegida und Co her? Wie funktioniert Hate Speech - und welche Mittel dagegen helfen wie?

Ich will diese Debatten führen und mir fehlt ein Forum dafür.

n meinem Verständnis sind das Fragen, die klassischer Weise in Think Tanks bearbeitet werden - aber mir fällt kein Think Tank ein, der diese Fragen bearbeitet. Ich habe keine Lust auf das politische Tagesgeschäft, sondern will diesen Think Tank, der an diesen Fragen arbeitet. Die Antworten sind komplex und schwierig, aber genau das will ich: ohne Tagespolitik an den großen Fragen dieser Gesellschaft arbeiten.

Allein, ich kenne keinen Think Tank, der diese Fragen bearbeitet. Ich kenne viele gute Initiativen wie iRights, die Open Knowledge Foundation, DigiGes oder den ccc. All diese Organisationen finde ich wichtig und gut - aber sie machen klassische Netzpolitik und erarbeiten damit nur einen Teil der großen Frage, wie wir in 20, 30 oder 50 Jahren leben wollen. In Teilen werden diese Debatten auf der openmind diskutiert - aber ein Wochenende im Jahr reicht nicht, um diese Probleme umfassend zu bearbeiten.

Vielleicht werden diese Fragen schon irgendwo diskutiert. Wenn ja, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Wenn nein, warum nicht? Und: wie können wir es schaffen, diese Fragen zu bearbeiten?

Ideen, Anregungen und Kritik sind herzlich willkommen!

 
 

Ich habe eine Vision: Bildungseinkommen

In der Debatte um Automatisierung und neuer Arbeit scheint es mir zwei große Probleme zu geben:

  1. Arbeitslosigkeit. Was passiert mit den Menschen, deren Jobs durch technischen Fortschritt wegrationalisiert werden?
  2. Die Arbeitsprozesse werden immer komplexer und wirklich gutes Personal ist rar. In der IT fehlt schon jetzt in großem Maßstab gutes Personal.

Was mir seit Jahren ein Rätsel ist: Warum ist Bildung noch immer vor allem eine formale Ausbildung? Warum geht es noch immer um Zertifikate und Erlaubnisberechtigungen irgendetwas zu tun? Warum gibt es so viele formale Hürden für Bildung?

In der Debatte um wegrationalisierte Arbeitsplätze wird immer wieder das bedingungslose Grundeinkommen als Lösungsvorschlag genannt. Aber ich möchte noch darüber hinaus gehen: warum geben wir nicht all den Menschen ohne Arbeitsplatz die Möglichkeit sich umfassend (fort) zu bilden? Sowohl durch ein Grundeinkommen, als auch durch einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung?

Wenn wir als Gesellschaft sehen, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden und zeitgleich gutes Personal fehlt, warum lassen wir die Arbeitslosen nicht zu diesem Fachpersonal werden?

Bildung ist ein komplexer, vielschichtiger Prozess. Bildung wird nicht mit Zeugnissen und Zertifikaten vermittelt. Es geht mir explizit nicht um Fortbildungsmaßnahmen (wie in der Arbeitsagentur), sondern um die Möglichkeit für alle Menschen sich frei weiter zu bilden.

Sicher werden nicht alle Menschen zu IT-Experten werden, aber ich bin sehr optimistisch, dass eine rundum gebildetere Gesellschaft eine bessere ist. In Zeiten, in denen auch Bildung automatisiert wird (z.B. durch Moocs) bin ich mir sicher, dass es Möglichkeiten gibt Bildung für alle zu ermöglichen.

Ich habe nicht alle Antworten, aber ich habe viele Fragen und ich will, dass wir diese diskutieren.

Kommentare

von: Andreas

Finde ich gut! Ich hab’s immer wieder erlebt, dass interessierte und fähige Leute in langweiligen, monotonen Jobs versickern, weil sie es sich nicht leisten können, weniger zu arbeiten und sich in der dadurch gewonnenen Freizeit zu bilden, und es hat mich jedes Mal wieder traurig gemacht.

 
 

Was bedeutet es noch einem Menschen zum Geburtstag zu gratulieren?

Immer wieder sehe ich Geburtstagsgrüße in meiner Timeline.

Schnell schließen sich an die Geburtstagsgrüße weitere Geburtstagsgrüße an. Aber was bedeutet ein “happy birthday” oder “alles Gute” noch? Eigentlich ließen sich diese kurzen Gratulationen doch auch völlig automatisieren. Es ist ja nett, dass ein Kalender, Facebook oder eine vorangegangene “Alles Gute!”-Nachricht dazu animiert 3 Sekunden für eine neue Nachricht zu investieren. Aber was sagt das noch aus? Wer freut sich wirklich über diese kurzen, quasi-automatischen Nachrichten? Gratuliert ihr auch so zum Geburtstag? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

Kommentare

von: sebalis

Übrigens, wann ist eigentlich dein Geburtstag? ;-)

von: sebalis

Meine Standard-Reaktion ist Nicht-Gratulieren. Aber es gibt Ausnahmen, denn wenn ich im Laufe der Monate öfters Nachrichten schicke, in denen so etwas steht wie „Hey, in deiner Überschrift ‚Was bedeutet es noch einem Menschen zum Geburtstag zu gratulieren?‘ fehlt ein Komma nach ‚noch‘ …“, dann sollte ich doch manchmal auch etwas Nettes schreiben. :-) Das suche ich mir dann aber von Fall zu Fall aus und schreibe es meistens nicht-öffentlich. Außer wenn das Medium einen nicht-öffentlichen Weg nicht so leicht zulässt oder dieser auf diesem Medium so „intim“ konnotiert ist, dass es nicht zu der Beziehung mit der Person passt.

von: tante

Ich gratuliere nicht mehr auf Facebook etc. weil ich den Eindruck habe, damit nur die Notifications Einzelner vollzuspamen.

Es ist ja irgendwie nett gemeint, aber macht dann doch eigentlich nur Arbeit (da auf FB zu mindest das soziale Protokoll sagt, man solle sowas zu mindest Liken).

Ich bin aber auch kein gutes Beispiel, da ich meine Geburtstage nicht feiere oder ihnen Bedeutung beimesse.

 
 

#Varoufake

Chronologisch. Vermutungen sind kursiv.

  1. Die deutsche Berichterstattung über Yanis Varoufakis ist seit der Wahl am 25.01. konfrontativ.

  2. Noch im Januar entsteht der Plan Varoufakis einen Finger anzumontieren.

  3. Am 07.02. veröffentlicht der YouTube-Kanal SkriptaTV ein Video mit Yanis Varoufakis. Der Produktion des falschen Fingers ist in vollem Gange. Das Video ist Beiwerk, um das nachvollgende Video in einen Kontext zu setzen. Es wirkt vertrauenswürdiger, wenn der Channel nicht nur ein Video zu Varoufakis hat, sondern schon vorher eins zu ihm publiziert hat.

  4. Am 12.02. ist die Produktion fertig, das Video geht online - einschließlich des Mittelfingers ab 40:29.

  5. Böhmermann produziert V for Varoufakis - am Ende kommt der Mittelfinger vor. Damit sorgt Böhmermann selbst für eine größere Bekanntheit der (gefälschten) Szene.

  6. Die Jauch-Sendung kündigt an, Varoufakis zu Gast zu haben. Fernseh-Journalist*innen kennen sich häufig. Subtil(?) wird das Finger-Video an die Redaktion der Jauch-Sendung herangetragen, um sicher zu gehen, dass es gezeigt wird.

  7. Die Jauch-Sendung.

  8. Martin Beros erwähnt gegenüber The Guardian und ab 1:25 Jan Böhmermann - nimmt ihn aber zugleich auch in Schutz. Es sei okay, einen Spaß zu machen, aber die Art und Weise wie Varoufakis geframed werde, sei nicht okay.

  9. Yanis Varoufakis twittert selbst das Video von SkriptaTV. Er (oder sein Team) hat das Video selbst nur überflogen - der gesamte Kontext wirkt echt - und ist dem Fake selbst aufgesessen.

  10. Die Veröffentlichung von #Varoufake. - der Medienhack zweiter Ordnung. Im Comedy-Style erklärt und veröffentlicht Jan Böhmermann und das Neo Magazin Royale den Medienhack erster Ordnung - und streuen subtil die Vermutung, sie hätten den Fake nur gefaked. Ganz im Sinne des “Erkläre niemals deinen Witz” haben sie einfach einen zweiten Witz aus dem Footage gemacht.

 

Den Fake halte ich für echt. Die Zeit war zu kurz, um den Fake zu faken. In drei Tagen entsteht kein derartiger Medienhack zweiter Ordnung. Konzeption, Casting, Dreh, Schnitt und Postproduktion brauchen mehr als 3 Tage Zeit. In zwei Wochen geht das sehr gut, aber nicht in 3 Tagen.

Die Videos könnten alle wahr sein. Frame-by-Frame sind die einzelnen Bilder zu undeutlich, um zu sagen, welche Version die gefilmte und welche die bearbeitete ist.

Was bleibt ist ein sehr beeindruckender Medienhack und sehr viel zerstörtes Vertrauen in Politik und Medien. In Zeiten, in denen von “Lügenpresse” geredet wird, ist es fatal mit Budget und Produktionsfirmen gegen Kollegen zu produzieren. Der Hack belastet die Deutsch-Griechischen Beziehungen. Es war ein lustiger Witz mit sehr beachtlichem Ausmaß und wenig Feingefühl für eh schon brenzlige Themen.

[Update 10:52]

2014 wurde vom Neo Magazin auch eine TV-Total-Folge gehackt. - Das macht den jetzigen Hack noch wahrscheinlicher.

Yanis Varoufakis nimmt es mit Humor und Jan Böhmermann genießt den Ruhm.

[Update 13:57]

Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Die Indizien mehren sich, dass das Varoufake doch gefaked ist. Ich bin sehr beeindruckt von der Produktionsqualität des Neon Magazins und Jan Böhmermann. Es scheint doch in 3 Tagen entstanden zu sein und es gab viele Umstände, die den Fake sehr echt haben wirken lassen. Gut finde ich es trotzdem nicht.

[/Update]

 
 

Philosophiezirkel Postkante

Kant, der wohl bekannteste deutschsprachige Philosoph, ist uns zu wenig. Deshalb sind wir Post-Kant. Und weil wir ein wenig grotesk sind, sind wir Postkante.

Wir wollen philosophieren und laden dazu ein, mitzuphilosophieren. Wir wollen einen regelmäßigen Turnus haben, in dem wir uns Treffen. Am Ende jedes Treffen wird das Thema für das nächste Treffen festgelegt (und auch über die Mailingliste kommuniziert), damit sich alle zum nächsten Treffen vorbereiten können. Ein kurzes Referat soll das Thema vorstellen und anschließend diskutiert werden.

Außerdem haben wir vor, Themen in Blöcken zu bearbeiten, sodass mehrere Treffen hintereinander aufeinander aufbauen, bevor wir ein komplett neues Thema angehen wollen.

Das nächste Treffen wird am Montag, 17.03 um 19.00 Uhr in der Stiftung Johanneum, Tucholskystraße 7, 10117 Berlin, stattfinden. Thema wird die Letztbegründung von Ethik im Allgemeinen und die Letzgebründung in der Diskursethik nach Karl-Otto Apel im Speziellen sein.

Wir haben eine Mailingliste eingerichtet, um Termine und Themen zu kommunizieren. Wenn ihr mitmachen wollt, tragt euch in die Mailingliste ein und kommt vorbei!

[update 2014-03-05] Der Termin am 17.03 bedeutet übrigens nicht, dass zukünftig alle Treffen am Montag stattfinden, sondern ist der nächste Termin, der den Gründungsmitgliedern passte. Der regelmäßige Termin wird ausgedoodelt werden. [/update]

 
 

Wandel

“Change!” - Obamas Wahlkampfmotto hat sich weit verbreitet. Überall fordern Menschen Wandel, dabei ist die Forderung nach “Wandel” falsch. Wandel alleine sagt nichts aus. Wandel lässt sich nur für konkrete Vorhaben fordern. Ein Wandel in der Asyl- oder Wirtschaftspolitik ergibt Sinn. Wandel alleine ist unvollständig. Wandel im ganz Großen gibt es nicht einzeln. Wandel ist immer, denn irgendwas verändert sich immer. Diesen Wandel zu fordern ergibt keinen Sinn. Politik muss nicht vorgeben, wie sich die Welt zu verändern hat, sondern muss den Rahmen schaffen, wohin sich die Welt verändern kann. Politik kann nicht auf jede einzelne Entscheidung eingehen, sondern muss immer die großen Gesellschaftsänderungen beobachten und darauf reagieren. Den Wandel fordert, wer selbst agieren will und das große System verändern will, denn alles andere passiert aus der Eigendynamik der Gesellschaft her und braucht keine grundlegend neue Politik. Dann muss Wandel aber wirklich konkret werden. Was genau soll sich verändern? Es ist eine leere Phrase nur den “Wandel” zu fordern, ohne zu sagen, welchen. Wir, die Piratenpartei, fordern immer wieder den “Wandel”, aber niemand weiß, was genau damit gemeint ist. Wir werden selten konkret oder verbleiben nur in der Reaktion und fordern eine Anpassung vorhandener Gesetze. Wir fordern oft, dass sich Gesetze wieder auf die Grundrechte im Grundgesetz rückbesinnen sollen. Diese Forderung kann kein Wandel sein. Es ist eine Reaktion auf eine veränderte Welt, aber kein Wandel, der grundlegend die Politik verändert.

Der “digitale Wandel” ist kein Wandel. Es gibt einen technologischen Fortschritt, der auf die Gesellschaft Auswirkungen hat. Der technologische Fortschritt hat kein Anfang und kein Ende - beides ist notwendig für den Wandel. Erst wenn anhand dieses Fortschrittes ein neues Gesellschaftskonzept entwickelt wird, ist es ein konkreter und umsetzbarer Wandel. Wenn wir (Piraten) einen Wandel fordern, beziehen wir diesen im Allgemeinen auf den technologischen Fortschritt. Der Wandel muss also ein konkretes Gesellschaftskonzept beinhalten. Dieses Konzept spiegelt sich in vielen unserer Anträge wieder, aber wurde nie ausformuliert. Der Wandel, den wir fordern muss auch Phänomene wie Peak Labour beinhalten. Alles, was aus dem technologischen Fortschritt absehbar ist.

Ich denke darüber nach dieses Gesellschaftskonzept mal auszuformulieren und in ein Buch zu schreiben. Was haltet ihr davon? (Vielleicht schreibt ja @mspro gerade dieses Gesellschaftskonzept in “Das Neue Spiel”, aber gefühlt ist seine Konzeption doch eine andere.)

 
 

Peak Labour

Die SPD will also Netzpartei werden. Nun ja, nur zu, denn Netzpolitik wird als solche verschwinden. Wir (die bisherigen Netzpolitiker) haben mit “Netzpolitik” einen deutlich zu kleinen politischen Bereich bearbeitet. Wir haben den digitalen Wandel unterschätzt. Wir müssen nochmal von Vorne anfangen und die Skala vergrößern.

Der digitale Wandel wird alles verändern.

Unsere anfängliche Idee, uns um das Internet kümmern zu wollen und um die Probleme, die direkt mit der Nutzung des Internets zusammenhängen, ist zu klein. Wir müssen auch alle Veränderungen mitdenken, die mittelbar durch das Internet entstehen. Wir können uns nicht auf Netzneutralität, Datenschutz und Urheberrecht begrenzen. Wir müssen auch Wirtschafts- und Arbeitspolitik mitdenken. Wir müssen auch Verkehrspolitik und Gesundheitspolitik bedenken. Und das größte Problem, dass der digitale Wandel mitbringt ist nicht der Wandeln von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft, sondern das größte Problem ist, dass wir der digitale Wandel die Industriegesellschaft abschaffen wird, ohne neue Gesellschaftsformen zu bilden, die den vielen Menschen Arbeit gibt. Das größte Problem ist, dass sich die Gesellschaft so nachhaltig verändern wird, dass es für viele Menschen keine Arbeit mehr geben wird. Es ist nett, dass die SPD jetzt anfangen will, sich auch um das Internet zu kümmern, aber die SPD ist leider zu spät. Die Lösungen für das Internet haben wir schon seit 5 Jahren. Wir brauchen jetzt eine Politik, die sich mit dem Peak Labour beschäftigt. Wir brauchen jetzt Lösungen, wie wir mit der gewaltigen Massenarbeitslosigkeit umgehen werden, die uns in der Zukunft bevorsteht. Die Politik muss jetzt die Lösungen finden, wie Gesellschaft ohne Arbeit aussehen soll. Der bisherige Gesellschaftsvertrag hat ausgedient. Und das nicht nur, weil die Bevölkerung immer älter wird, sondern auch, weil immer weniger Menschen in der Bevölkerung von ihrer Arbeit leben können. Mindestlohn ist eine gute Idee, aber auch die funktioniert nur so lange, es überhaupt Arbeitsplätze gibt. Unsere Arbeit wird aber zunehmend mehr von Maschinen übernommen. Es ist eine Frage, wie wir mit diesem Fakt umgehen, nicht, wie dieser Fakt genau aussehen wird. Es ist eine Frage, ob wir die Bevölkerung in überholte Gesellschaftsverträge pressen wollen, oder ob wir es uns wagen neue Gesellschaftsverträge anzugehen. Wenn die SPD jetzt Netzpolitik gestalten möchte, kommt sie 5 Jahre zu spät. Wir können nicht mehr alleine über Netzpolitik reden, wir müssen neue Gesellschaftsideen diskutieren, die den digitalen Wandel umfassend mitdenkt. Und es gibt da ja durchaus Ideen, wie das bedingungslose Grundeinkommen, das lange noch nicht ausdiskutiert ist, aber immerhin eine Idee ist, die vielleicht funktionieren könnte. Wenn die SPD sich nun also endlich mit dem digitalen Wandel beschäftigen möchte, muss sie das auf einer größeren Skala machen und sich selbst und ihre Grundwerte grundsätzlich hinterfragen. Die Labour-Bewegung neigt sich zum Ende. Die Sozialdemokratie als Arbeiterbewegung hat ausgedient. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, keine neue Netzpolitik. Die haben wir schon.

Kommentare

von: Philip

Sehr guter Gedanke, den digitalen Wandel einmal nicht aus dem Blinkwinkel eines Netzwerk-Administrators zu betrachten. Ich denke, dass die digitale Welt durchaus eine neue Art von prekärer Arbeit schafft, das nennt man dann Crowdfunding oder Human Intelligence Tasks. Amazon lässt grüßen: www.mturk.com. Das Problem: bei der “selbstständigen” Heimarbeit am Computer gibt es keine Gewerkschaften und keinen Mindestlohn und schon gar keine internationalen Regeln. Die Konzerne schaffen – wie üblich – schneller Tatsachen, als die Politik da geistig mitkommt. Die Welt wird sich rasant verändern, da gebe ich Dir recht. Aber die Menschen werden nicht auf der Straße sitzen und jammern, sondern sie werden sich Ihren Hungerlohn im Internet zusammendaddeln. Das Problem wird nie mehr die Arbeitslosigkeit sein, sondern die Ausbeutung von Billiglöhnern und die Aushöhlung der sozialen Netze.

 
 

These: Staaten werden durch Plattformen abgelöst

Ich denke immer mal wieder über die Plattformneutralität, wie von mspro beschrieben, nach. Ich bin mir sehr unschlüssig, ob tatsächliche Neutralität der Plattform überhaupt möglich ist, aber zumindest das Konzept “Plattform” erscheint mir sehr schlüssig. Wir alle bewegen uns auf Plattformen. Server-Infrastruktur, die in den meisten fällen doch irgendwo gemietet ist (in meinem Fall bei den großartigen Ubernauten), Betriebssysteme, soziale Netzwerke (Twitter, Facebook, G+, tumblr oder soup.io?) - aber auch im RL gibt es überall Plattformen. Wer ein neues Regal braucht, baut das nur sehr selten selbst zusammen, sondern schnell führt der Weg zu IKEA. Wir haben zunehmend weniger eigenen Autos, sondern sind Kunden einer Mietwagenfirma. Und wenn wir erst Kunde sind, wechseln wir nur noch sehr selten. Nicht zu vergessen die Bahn oder die verschiedenen Fluglinien (die sich ja selbst auch schon Allianzen geschmiedet haben), die es gibt.

Das alles sind Plattformen für einen Dienst. Meine These ist, dass diese Dienste immer weiter miteinander interagieren und damit größere Plattformen bilden. Google übernahm erst die Suchmaschine, dann das Smartphone. Mit der Übernahme von YouTube, Nest oder Dynamics Boston zeigt sich, wie sehr die Plattform Google gerade wächst. Samsung ist eine andere Plattform, die einen Haushalt gut von Smartphone über den Kühlschrank bis zum Auto abdeckt.

Wenn Google nun mit der Bahn und Samsung mit Lufthansa Verträge schließt, wird es darauf hinaus laufen, dass Bahntickets an Google-Kunden günstiger verkauft werden und Samsung-Kunden in der Lufthansa billiger fliegen. Betriebseigene Kindergärten gibt es in großen Konzernen schon lange. Die Frage ist, wann diese Kindergärten auch auf Poweruser ausgeweitet werden. Wenn diese Entwicklung noch Krankenhäuser und Schulen erfasst, stellt sich die Frage, wofür Staaten eigentlich noch da sind. Löst der Kapitalismus damit den Nationalstaat ab? Werden wir statt eines Reisepasses in Zukunft mit Samsung- oder IKEA-ID durch die Welt reisen?

Kommentare

von: Philip

Einerseits: ja, ja, ja. Dadurch, dass Wirtschaftsunternehmen inzwischen erfolgreicher sind alsS taaten, wenn es darum geht, den Bürgern Geld aus der Tasche zu ziehen, werden diese internationalen “Plattformen” immer mehr Einfluss auf das Leben nehmen. Mehr, als das ein demokratischer Staat je getan hat. Man geht öfter zur IKEA als ins Wahllokal. Viele geben mehr für Unterhaltungsmedien aus als für Steuern (ok, das ist eine gewagte Theorie). Aber es gibt nicht nur demokratische Staaten, und die Marginalität von “Staatsgewalt” im heutigen Deutschland ist - geschichtlich gesehen - ein irrer Luxus. Hoffen wir dass sich der Staat nicht mit Gewalt zurückmeldet, weil dem Wahlvolk plötzlich Sicherheit vor Freiheit geht.

von: http://canada-goose-i-norge.pordy.net/

This iѕ a topic that is neɑr to my heart… Takе care! Exactly whereе are yoսr contact details though?

von: Gero

Hey du! Sry, dass ich erst jetzt antworte. Mein Leben funktioniert gerade nicht, wie ich es will und dann lasse ich viele Dinge (vorübergehend) unbeantwortet - siehe folgender Blogpost.

Aber zur Plattform-These:

Ich glaube nicht, dass der (National)Staat einfach verschwindet, sondern betrachte ihn eher auch als “einfache” Plattform. Ob ich einen deutschen, japanischen oder indischen Pass habe als Äquivalent zum Google-, Apple- oder Hotmailaccount.

Vielleicht bin ich etwas kulturwissenschaftsgeschädigt, aber ich glaube nicht, dass der Kapitalismus, sich aus Gesetzen ableitet, die in Staaten gemacht werden. Kapitalismus ist gänzlich andere Kategorie, die in völlig verschiedenen Staatsformen funktioniert (auch in wenig demokratischen Staaten, siehe China). Und Inkassounternehmen werden auch funktionieren, wenn es keinen Staat mehr gibt. Spätestens, wenn der Mailaccount gesperrt wird, weil die Rechnung nicht bezahlt ist, wird klar, dass das Einschreiten eines Staates eher die formale Herangehensweise ist.

Insbesondere supranationale Konstrukte, wie die EU oder auch der Commonwealth fassen die These der Plattform deutlich besser, als des Staates. Hier sind die Staaten nämlich selbst in einer Art “Überstaat”, die untereinander durch Verträgen handeln. Der Staat, wie es ihn heute gibt, leitet sich ja vor allem aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation, beginnend im 19. Jh. her. Und genau dieses Zusammengehörigkeitsgefühl verliert sich zunehmend und wird durch andere Zusammengehörigkeiten (wir sind auf Twitter, die da sind auf Facebook!) abgelöst. Formal werden Staaten natürlich weiter bestehen, aber die Form ändert sich stark von der Nation zur Plattform.

(Und im 19. Jh. war das Konzept Nation auch sehr fortschrittlich, vorher wurde die Welt ja im Wesentlichen von Monarchien regiert. Und erst mit der Geburt der Nation wurde der Staat, was er heute (noch) ist: eine Zusammenfassung von gleichwertigen Menschen auf einem bestimmten Gebiet.)

von: Maureen

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von: mark793

Wer nichts hat als einen Sprung in der Platte, dem erscheint die ganze Welt als Plattform. ;-)

Richtig ist, dass sich der Staat aus der sogenannten Daseinsvorsorge schon sehr weit zurückgezogen hat, und die Annahme, dass dieser Prozess noch nicht seinem Endpunkt erreicht hat, scheint mir auch nicht weit hergeholt. Aber daraus ein Verschwinden des (National-)Staates insgesamt abzuleiten, scheint mir sehr gewagt. Das riecht nach dem typischen Netz-Zentrismus, in den auch Michael Seemann gerne verfällt. Beim Verwalten, Gesetze machen und durchsetzen seiner Regelungen kann ich beim besten Willen keinen nachlassenden Eifer des Staates erkennen, im Gegenteil.

Dass einzelne administrative Teilbereiche an private Dienstleister outgesourct werden oder ein immer größerer Teil der Rechtssetzung auf europäischer Ebene stattfindet, setzt trotzdem weiterhin einen Staat voraus. Der wird bestimmt nicht von selbst verschwinden, nur weil wir Bürger vielleicht nicht mehr ganz so viel mit ihm zu tun haben wie in der Vergangenheit. Der Kapitalismus bedarf des Staates weiterhin zur Gewährleistung der optimalen Bedingungen seines Weiterfunktionierens, schon Marx hat das Stichwort vom Staat als dem “Exekutivkommitee des Kapitals” geprägt. Dass das das Kapital (oder weniger ideologisch ausgedrückt: der privatwirtschaftliche Sektor) zunehmend staatliche/hoheitliche Aufgabenbereiche übernimmt, steht dazu nicht grundsätzlich im Widerspruch.

Kurz gesagt, wenn Sie mehr nicht mehr (und bessere) Indizien als die Existenz von privaten Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern für ein Verschwinden des Staates anführen können, würde ich sagen, Ihre These schwebt ziemlich im luftleeren Raum.

 
 

Space

Mir fehlt ein Platz zum Sein. Ein Platz für Kunst, für Musik, für Theater, für Bücher und für Technik. Ein Platz zum Leben. Ich kenne einige Hackerspaces und ich werde nie so richtig warm mit ihnen. Die Ausrichtung eines Hackerspaces liegt mir zu sehr auf Technik und zu wenig auf Kultur.

In Essen wäre ich Stammgast im Unperfekthaus, aber in Berlin fehlt mir ein derartiger Platz. Deshalb überlege ich einen derartigen “Space” zu gründen. Und um zu gucken, ob es Mitstreiter*innen dafür gibt, schreibe ich diesen Blogpost und gucke mal, was ihr von der Idee haltet und wer vielleicht mitmachen möchte. Anregungen in die Kommentare, per Mail oder Twitter.

Ein Space für Bandproben, Theatergruppen, gemeinsames Kunstschaffen, Hacken oder einfach mal in der Ecke sitzen, Bücher lesen und ausprobieren. Was es braucht? Den Ort selbst und Leute, die sich mir anschließen wollen um diesem Space zu gründen und zu gestalten.

[Update 2014-02-27] Ich habe mal ein Doodle aufgemacht um Interessierte zusammen zu bringen. Tragt euch ein, wenn ihr mitmachen wollt! [/Update] [Update 2014-03-20] Wir treffen uns am 25.03.2014 um 20.00 Uhr im Prassnik. Alle Interessierten am Space/Salon sind herzlich eingeladen :) [/Update]]]>

Kommentare

von Tasmo

Ich kenne leider dieses Haus in Essen nicht, würde aber sehr gern Teil einer Kultur-Hack-Bewegung sein!

von Pjotr

Warum dafür nicht einfach ins nächste Atonome Zentrum (AZ) gehen?

von Gero

Hm. Ich bin nicht sooo in der autonomen Szene drinnen und so richtig wohl fühle ich mich da eher selten, wobei ich auch keinen richtigen Grund habe - eher ein Bauchgefühl. Vielleicht ist es mein doch recht spießiges Erwachsenwerden, vielleicht auch die mir zu hedonistische Auslegung von Autonomie. Vielleicht sind sie mir auch schlicht zu basisdemokratisch und konsensual - und bei den Piraten habe ich damit schlechte Erfahrungen gemacht. Allerdings ist das durchaus eine Option und ich halte die mal im Hinterkopf für das anstehende Treffen und gucke mal, was andere Menschen so zu dem Vorschlag sagen.

 
 

Softwareschmiede für's WebOffice

Ich mag freie Software. Und ich mag das Internet. Lange Zeit glaubte ich, dass sich im Internet immer freie Software durchsetzen würde, denn das Web als solches ist ja frei und offen. Irgendwann hielt ich inne und merkte: das Internet, wie ich es alltäglich nutze ist in weiten Teilen nicht offen. Viele Dienste, die ich täglich nutze sind nicht offen. Twitter, Facebook, YouTube und Google mit all seinen Diensten ist nicht offen und frei, wie ich es mir wünschen würde. Bei genauem Hinsehen ist mir dann aber auch aufgefallen, dass es für alle diese Dienste auch freie und offene Alternativen gibt. Zu fast jedem Dienst haben sich mal Idealisten hingesetzt und was offenes gebaut um nicht von den großen (quasi)Monopolisten abhängig zu sein. Und das ist einigermaßen großartig - aber leider auch nur einigermaßen. Viele der Dienste lassen sich in viel gefrickel einrichten, aber so schön und einfach wie die Konkurrenz ist die Frickellösung selten. Meinem Vater werde ich die Alternativen vermutlich nicht erklären können (Google versteht er sehr wohl).

In der Piratenpartei gab es die Idee des “OpenLV”, des offenen Landesverbandes, die sich so ein System zum Ziel setzte. Die Ausgangslage war da, dass es in der Piratenpartei unglaublich viele offene Systeme gibt, auf denen irgendwas steht, es aber nahezu unmöglich war (und ist), bei diesen vielen Plattformen die Übersicht zu behalten. Es braucht ein System zum Informationsmanagement. Letzten Sommer entstand das Konzept Gelassenheit durch Transparenz, dass Anfang des Jahres dann zum OpenLV weiterentwickelten und ein wenige konkretisiert wurde.

Wie das in ehrenamtlichen Gruppen aber so ist, kamen von Arbeitstreffen zu Arbeitstreffen weniger Leute und passierte leider auch nur noch sehr wenig. Und schließlich kamen wir an den Punkt, dass uns klar wurde, dass wir ein so umfassendes System nicht ehrenamtlich neben der restlichen ehrenamtlichen Parteiarbeit, bezahlter Arbeit und ggf. Studium durchziehen können. Das ist ein so umfassendes Projekt, dass es von einer ehrenamtlich arbeitenden Partei unmöglich gestemmt werden kann. Es braucht dafür gute Entwickler, die sich Vollzeit darum kümmern können, damit so ein System auch in absehbarer Zeit entsteht.

Der OpenLV wurde abermals umgenannt in OpenOrga und Katja hat auch mal die Domain openorga.net registriert. Seit meinem Rücktritt habe ich wieder deutlich mehr über das Projekt nachgedacht und es ist mir zu wichtig, um es nicht zumindest zu verbloggen. Und eigentlich habe ich wirklich Lust eine Softwareschmiede zu gründen, die sich freie und coole WebOffice-Tools baut - und Mitarbeiter ordentlich bezahlt. Was fehlt ist die Idee, woher das Geld zum Bezahlen kommt, also der Businessplan. Und Leute, die was vom Softwareschmieden verstehen und mitmachen wollen, auch wenn etwas ungewiss ist, was dabei heraus kommen mag. Aber vielleicht gibt es ja Menschen, die da wirklich mitmachen wollen und wir setzen uns einfach mal zusammen und gucken, was wir da tolles draus machen können. Wer an einer coolen Softwareschmiede mitarbeiten will oder noch super Hinweise hat, bitte melden!

 
 

Scheitern lernen

Den spannendsten Gedanken der re:publica gab mir Regine Heidorn mit. Den Gedanken des Scheiterns. Seit nun zwei Tagen geht mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, dass wir das Scheitern lernen müssen. Egal, ob “wir” gerade die Piraten sind, oder die Netzgemeinde. Ich glaube, scheitern sollten alle lernen. Dazu soll es im November auch ein Barcamp geben.

Das Eingeständnis, etwas nicht hinzubekommen ist nicht der Untergang der Welt. Wenn wir die Netzneutralität durch die Telekom gerade kaputt machen lassen, ist das ziemlich doof, aber wir werden davon nicht sterben. Wenn die Piratenpartei den Einzug in den Bundestag vergeigen wird, ist auch das allenfalls ein Beinbruch, nicht aber das Ende der Idee, für die sie sich mal gegründet hat und für die noch immer viele viele Piraten täglich streiten (im guten wie im schlechten Sinne).

Es ist allerdings auch wichtig, den Moment zu sehen, wenn weitere Aktivitäten nichts bringen. Manchmal ist es auch besser zu erkennen, dass das Leben auch noch aus anderen Dingen besteht und all dem Pathos (wie auch Sascha Lobo ihn fordert) zum Trotz keine weiteren Kampagnen mehr fährt, sondern zur Ruhe kommt, in sich geht und guckt, worum es eigentlich geht. Ob sich inzwischen nicht auch neue Wege aufgetan haben, wie die einstigen Ziele erreicht werden können. Vielleicht stellt sich sogar heraus, dass die einstigen Ziele überholt sind und die Aktivitäten nur noch aus Routine weiter betrieben werden.

Die Lage hat sich die letzten Jahre über verändert - sind die Methoden, die wir nutzen, noch die Richtigen? Und wie schaut es eigentlich mit den Zielen aus? Die Piratenpartei hat großartige Programme entwickelt, die ich sehr ungern in Schubladen verschwinden lassen würde, aber sind die Strukturen der Partei funktional in Ordnung, sodass die Partei auch tatsächlich Politik betreiben kann, oder braucht es vielleicht noch viel Hirnschmalz für bessere Strukturen, die uns besser arbeiten lassen? (Wie Möglicherweise die Ständige Mitgliederversammlung ein gutes Strukturupdate sein könnte?) Mir ist dabei wichtig, dass wir nicht einzelne Aspekte (wie hier möglicherweise die SMV) zum Allheilsbringer vergöttern, denn Sicher, wird eine Anpassung nicht alle Probleme der Welt lösen. Vielleicht sind einzelne “Updates” sogar ein Rückschritt, aber wir werden es nicht herausfinden, wenn wir es nicht probieren. Vielleicht kommen in 2 Jahren die Bedenkenträger, wie sie heute schnell diffamiert werden, und werden all ihre Bedenken bestätigt sehen und dann ist es an uns allen, das Scheitern einzugestehen. Vielleicht geht es danach in eine andere Richtung weiter, vielleicht wird der Schaden für die Partei sogar irreparabel, aber ich glaube, wir sollten uns darauf einlassen.

Einst bezeichnete ich die Piratenpartei als Atombombenexperiementierfeld und behauptete, der Point of no return sei überschritten. Heute bin ich mir sicher, dass das falsch war. Es gibt immer ein Zurück. Und die Partei testet auch (noch) keine Atombomben, sondern allenfalls eine Atombombensimulation. Wenn die kaputt geht, müssen wir wohl ein neues Wiki aufsetzen und eine neue Partei machen. Oder vielleicht auch ohne Wiki. Oder vielleicht auch ohne Partei aber trotzdem die gleichen Zielen. Vielleicht haben wir bis dahin auch ganz andere Ziele und erkannt, dass die bisherigen falsch waren. Wichtig ist, dass wir darüber nachdenken, was wir eigentlich tun und uns selbst nicht aus Betriebsblindheit kaputt machen. Wir sind ein Experiement, wir dürfen scheitern. Aber lasst uns das Experiment dokumentieren, damit es ggf. beim nächsten Mal besser gelingt. So lange es nichts besseres gibt, bleibe ich bei meiner Spielpartei.

Kommentare

von: karin

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ja, man muss manchmal den Moment erkennen in dem man aufhört zu kämpfen… Aber man muss bereit sein immer wieder aufzustehen und es weiter zu versuchen! Die Netzgemeinde lebt, wir sind viele und wir werden nur scheitern, wenn wir nicht endlich aufhören uns im Selbstmitleid zu baden… Ich zitiere mal die neue politische Geschäftsführerin der Piraten: Wir müssen uns den Arsch aufreißen und die anderen Parteien (ergo: ALLE PARTEIEN) vor uns her treiben!

von: Regine Heidorn

Im Bereich der Politik ist der Umgang mit dem Scheitern besonders tabuisiert. Schließlich hängt einerseits für sehr viele Menschen sehr viel von politischen Entscheidungen oder dem Aussitzen von Entscheidungen (Aussitzen - das Scheitern der Politik) bzw dem Nicht-Entscheiden ab. “Our job is to get government used to the idea of failing.” http://www.pbs.org/idealab/2013/03/reducing-the-fear-of-innovation-and-failure-at-city-halls072.html In manchen Unternehmen gibt es bereits abgegrenzte Räume (zeitlich, örtlich), in denen experimentiert werden kann, Scheitern darf sogar provoziert werden.

 
 

Konkurrenz

Vorweg: Vielen lieben Dank an @rya für das 2. Augenpaar!

Lange zögerte ich, in die Piratenpartei einzutreten, weil ich Parteien lange Zeit nicht für die richtige Organisationsform hielt, etwas an der Welt in die richtige Richtung zu schieben. Seit jeher geben mir Parteien ein merkwürdiges Gefühl (Nicht nur die Piraten, auch die Grünen fühlten sich merkwürdig an, als ich bei Malte Spitz Praktikant war).

Was genau das war, konnte ich lange nicht in Worte fassen und war nur ein diffuses Gefühl von “was passiert da komisches?”. Im April bin ich den Piraten beigetreten, weil ich glaubte, diese Partei sei die Institution, die die Macht habe, unsere Gesellschaft nachhaltig zu verändern - zu einer toleranteren, offeneren und politischeren Gesellschaft. In der Piratenpartei sah ich viele Menschen, die sehr ernsthaft an einer neuen Gesellschaft arbeiteten und ich vernahm die Hoffnung, dass dies gut ausgehen könnte - und wollte ihr dabei helfen. Schließlich kandidierte ich für den Landesvorstand und wurde auch gewählt. Ich übernahm den Geschäftsordnungsbereich Liquid Feedback und kümmere mich seither organisatorisch um Liquid Feedback, das von den Piraten eingesetzte Liquid Democracy-Tool. Ich halte dieses Tool für unglaublich mächtig und bin überzeugt davon, dass es der Gesellschaft Gutes tun kann.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, was mich so lange von Parteien ferngehalten hat. Es ist die Konkurrenz. Parteien sind konkurrierende Institutionen - sowohl die Parteien untereinander als auch parteiintern. Und ich habe damit ein Problem. Nein, Konkurrenz ist nicht per se schlecht, doch kann Konkurrenz durchaus merkwürdige Züge annehmen. Seit Jahren schleicht sich zunehmend der Neoliberalismus in die Gesellschaft und die zwischenmenschliche Konkurrenz wird stärker. Das Abitur wurde auf 12 Jahre verkürzt, damit die Schüler international konkurrenzfähiger seien. Es wurden Bachelor und Master eingeführt - Masterplätze begrenzt, ein heftiger Konkurrenzkampf um die Masterplätze entsteht - z.T. werden wichtige Bücher in Bibliotheken zerstört, um strategische Vorteile zu bekommen. Hartz4 wurde eingeführt und Geschichten über faule Sozialschmarotzer werden erzählt, wie sie uns auf der Tasche liegen.

Mit dem Refugeecamp auf dem Pariser Platz beginnt gerade ein längst überfällige Flüchtlingsdebatte. Seit Jahren werden die Außengrenzen Europas verstärkt, das Mittelmeer durch Agenturen wie Frontex komplett überwacht, Flüchtlingsboote zum Umkehren aufgefordert - auch auf die Gefahr hin, dass sie kentern könnten. Zugleich nehmen internationale Spekulationen massiv zu, die Schere zwischen Arm (und häufig weniger gebildet) und Reich (häufig mit viel Geld jede Bildung erkauft) nimmt zu. Selbst Lebensmittel werden verspekuliert - und mit der Subventionspolitik der EU auch gebilligt, wenn nicht gar gefördert.

Die insbesondere in der Piratenpartei sehr heftige Auseinandersetzung um eine mögliche Frauenquote sehe ich ebenfalls für ein Symptom dieser zunehmend konkurrierenden Gesellschaft. Slogans wie “Kompetenz statt Geschlecht” führen dazu, dass Männer massiv gefördert werden - mit der nahe liegenden Folgerung, dass Frauen inkompetent seien. Es setzt sich durch, wer das Spiel der Konkurrenz besser beherrscht und sich weniger um andere kümmert - und dies sind häufig Männer. Die Diskussion, dass die Quote nur die Symptome und nicht die Ursachen bekämpft ist ein Henne-Ei-Problem. Wenn wir gute Leute, die auch auf andere Acht geben haben wollen, wie können wir dies durchsetzen, wenn wir keinen geschützten Raum anbieten? Und wenn Frauen häufiger im Konkurrenzkampf nachgeben, ist dies nur ein weiteres Argument dafür, dass wir mehr Frauen auf allen Ebenen brauchen. Im Zweifel für die Quote.

Alle Menschen, die sich irgendwo angreifbar machen, werden angegriffen. Johannes Ponader wagt sich häufig weit aus der Deckung heraus, um auch progressiv neue Themen zu besetzen und ist regelmäßig Ziel eines Shitstorms. Ähnlich sehe ich es auch mit Julia Schramm, die immer wieder provokant auftritt. Ich finde dies gut und wichtig.

Auch in dem Fall Marina Weisband und dem Spiegel sehe ein krasses Konkurrenzproblem. Marina ist ohne Frage das bekannteste Gesicht der Partei und hat eine sehr ausgewogene Art, Themen vorzubringen, ohne sich dabei zu weit vor zu wagen. Damit ist (war?) sie sehr erfolgreich und ich nehme einen sehr massiven Neid ihr gegenüber wahr. Insbesondere die Erwiderung von Merlind Theile kommt in einem sehr schnippischen Ton daher, die jegliche inhaltliche Auseinandersetzung unterbindet. Die Schlussfolgerung von ihr, dass die Piraten nun ihre eigenen Ziele mit Füßen treten, versucht die Debatte als Parteidebatte abzutun und den Piraten Versagen vorzuwerfen. Ich halte diese gesamte Aktion für ein billiges “Klicks generieren”. Die Piraten selbst nehmen derartige Artikel immer wieder zum Anlass, ausführlich drüber zu debattieren und sorgen damit für eine massive Öffentlichkeit für solche Artikel, statt sie einfach zu ignorieren. Sie sind Teil des Konkurrenzkampfes.

Jegliche Personaldebatten sind Konkurrenzdebatten. Ich halte es für vollkommen irrelevant, wer welche Position in welcher Partei (oder auch außerhalb der Partei) inne hat. Es geht darum, wo was passiert, was die Gesellschaft in die tolerantere, offenere und politischerere Richtung schiebt. Debatten, wie sie gerade um Birgit Rydlewski geführt werden (Ob Politiker auch anzügliche Dinge twittern dürfen oder nicht) ist für mich ein massiver Einschnitt in das, was ich mir von der Partei erhoffe. Es ist eine offene und authentische Äußerung von Birgit, sich auch zu langen Sitzungen zu äußern. Wenn Medien dies hochstilisieren, ist dies ein Medienproblem und keins von Birgit. Niemand wird gezwungen, ihr auf Twitter zu folgen und zu lesen, was sie so von sich gibt. Wenn die Bild oder SPON derartige Themen aber aufgreifen und mit pseudomoralischen Ansichten kommen, dass dies schlecht sei, ist das eine Verdrehung unserer Ansichten. Wir (ich jedenfalls) kämpfe in der Piratenpartei dafür, dass auch solche Äußerungen fallen dürfen, ohne, dass es zu einem Gate hochstilisiert wird.

Dass es dennoch immer wieder zu einem Gate hochstilisiert wird, nehme ich sehr verzweifelt wahr. Ich habe inzwischen auch hier die Vermutung, dass es um einen insgeheim ausgetragenen Konkurrenzkampf geht - und nicht mehr um die eigentlichen Inhalte. Wer beginnt einzelne Köpfe heraus zu picken und zu bekämpfen (innerhalb und außerhalb der Partei), gibt sich diesem Konkurrenzkampf hin. Wenn wir nur noch unfehlbare oder verschlossene Politiker hervorbringen, die sich der Gesellschaft, deren Medien mit prüden Ansichten versuchen die Bewegung klein zu halten, haben wir den Kampf um eine offenere, tolerantere und politischere Gesellschaft verloren.

Der Kampf beginnt intern mit den Diskussionen um den Bundesvorstand, um einzelne Abgeordnete und damit, wie wir “nach außen” wirken wollen. An dem Punkt, wo uns die Außenwahrnehmung wichtig wird, als unsere Inhalte, haben wir uns dem Konkurrenzkampf der alten Parteien unterworfen und spielen ihr Spiel mit. Ich hoffe, dass wir damit wieder aufhören und wir uns dazu äußern, was uns und nicht irgendwelchen Medien wichtig ist und uns nicht einzig und allein der Konkurrenz wegen streiten.

 
 

Algorithmen werden nicht den Weltfrieden bringen.

Auf der OpenMind in Kassel habe ich einen Vortrag über Algorithmen gehalten. Im Nachgang wurde mir bewusst, dass es eigentlich gar nicht um Algorithmen geht, sondern um ein Menschenbild und eine Idee, wie Menschen so sind, geht. Ich fand den Talk und vor allem die Diskussion im Nachgang echt gut.Darum gibt es den jetzt auch hier:

Ein ganz herzlichen Dank an die großartigen Menschen, die auf der OpenMind waren, und vor allem an all die Menschen, die die OpenMind durch vieeeeel Arbeit ermöglicht haben. Danke!

 
 

Wo bleiben die Hacking-Kommunen?

Dieses Blog ist ein Stück weit ein offenes Tagebuch, in dem ich u.a. über meine Depression schreibe, vor allem aber über Strukturen, an denen ich versuche zu erkennen, wie das auf die Depression so einwirkt - und ich mache das öffentlich, weil ich davon ausgehe, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Und zu sehen, dass es anderen Menschen ähnlich geht, bringt diese Menschen zusammen und manchmal können sie sich gegenseitig helfen.

In der letzten Zeit geht es mir (siehe mein letzter Blogpost) um meine Lebensform, die sich irgendwie vom “normalen Leben” unterscheidet - und ich irgendwie zum normalen Leben “zurück” will - und irgendwie nicht. In diesem Blogpost geht es mir darum, dass Hackingspaces kein zu Hause sind - und “wir Hacker” ein zu Hause brauchen und Kommunen bilden sollten. Und unsere Lebensform vielleicht auch zu unserem “normalen Leben” machen sollten.

In den Hackerspace-Design-Patterns steht u.a., dass mensch niemanden im Hackingspace wohnen lassen sollte. Und das ist auch gut so, denn ein Hackingspace ist zum Hacken da, nicht zum Wohnen. Andererseits ist das auch hoch problematisch, denn wo leben eigentlich Haecksen und Hacker? Irgendwo in ner kleinen Wohnung/WG vor ihren Rechnern verschanzt mit nem Tiefkühl-Pizza-Vorrat und für den Koffeinmagel auch mit nem Bett. Alles Haben ist (nach mspro) virtuell, der Kontakt zu Mitmenschen in der selben Wohnung und/oder Stadt sind häufig eingeschrenkt - die Kontakte werden ganz der Filtersouveränität nur mit den Menschen gepflegt, zu denen auch der Kontakt gewünscht ist. Das führt schnell dazu, dass alle wichtige Kontakte online gehalten werden.

Wenn ich mir mein Leben seit dem Abi 2009 angucke, habe ich ne Weltreise und 4 verschiedene (mehr oder weniger feste) Wohnorte hinter mir. Nirgends lebte ich länger als 9 Monate. (Berlin durchbricht die 9 Monate gerade … sogar in der selben WG). Und irgendwie war ich all die Zeit mehr oder minder in der selben Szene, der Hackingszene. Mein Freundeskreis hat sich in der Zeit relativ konstant aufgebaut, relativ unabhängig vom Ort, wo denn gerade mein Bett steht und wo ich denn “wohne”.

Weil wir uns selbst häufig von den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung aus unterschiedlichen Gründen eher abkapseln, vereinsamen wir häufig - und (so behaupte ich) daraus entsteht dann unter Umständen eine Depression. Dazu kommen häufig Lebensentwürfe, wie Polyamorie und das Ablehnen von klassischen Geschlechterrollen und Familienbildern. Was ich ausdrücklich gut finde, aber der sozialen Interaktion mit anderen Menschen häufig eher abträglich ist - und sich die Haecksen und Hacker noch mehr in ihre eigene Welt zurück ziehen, in der soziale Interaktion auf Twitter mit #Flausch und *hug* wohl ihren Höhepunkt haben. Leider.

Mitfühlende Tweets sind super, können echte soziale Interaktionen aber nicht ersetzen. In Berlin gibt es inzwischen den Luxus, dass es hier so viele tolle Leute gibt, die auch einfach mal an der Tür klingeln, die Wohnung stürmen um den *hug*-Tweet im Meat-Space umzusetzen. Und: das ist super, klappt aber nicht immer. Schon gar nicht immer dann, wenn mensch es wirklich braucht. Hinzu kommt: je depressiver die Stimmung, je schwieriger ist es, sich Hilfe zu organisieren - oder gar zu anderen Menschen hin zu gehen, um die Einsamkeit aktiv zu unterbrechen. Wirklich hilfreich wäre es, wenn die Menschen, die sich derzeit auf Twitter/Jabber/IRC … gerade aktiv gegenseitig stützen einfach zusammen wohnen würden, damit sie für einander da sein können. Beim zusammen Wohnen sieht mensch deutlich leichter, wer gerade ernsthaft Hilfe braucht. Und das sollte nicht auf die 2er oder 3er WG beschränkt sein, sondern große WGs werden, damit Menschen sich wirklich unter einander stützen können - und immer irgendwer da ist. Ganz wie in dem Kommune-Gedanken der 68er-Generation. (Rainer Langhans hat das in den Elemantarfragen mal ganz gut dargestellt (neben vielem anderen))

Kommunen, wo unsere Lebensentwürfen akzeptiert sind und mensch sich zu Hause fühlen kann und Menschen für einander da sind, weil sie sich auch verstehen, weil sie aus der gleichen Subkultur kommen. Ich glaube, dass “wir” uns zu selten zu wenig Gedanken darüber machen, wo wir gerade wie wohnen. Wir brauchen ja nur ein Bett, Netz und ne gute Zug- und Flughafen-Anbindung. Zu Hause machen wir ja doch wenig - außer auf ein Gerät mit Netzanbindung gucken. Und das halte ich für ein Problem. Unser Zuhause muss keine exorbitanten Anforderungen erfüllen - aber es sollte voll mit Menschen sein, die wir gern haben - und nicht mit “irgendwem”, mit dem wir doch nichts zu tun haben, und dann “vereinsamen”, weil wir unsere guten Freunde nicht mehr im RealLife Treffen, wobei das so wichtig ist.

Diese Kommune, das Zuhause soll ein Rückzugsort sein - in das “wir” uns zurück ziehen können und aufgefangen werden. Wie dieses “uns” definiert wird, und wer da rein darf/soll, wird die jeweilige Kommune dann entscheiden. Vor gut ‘nem halben Jahr habe ich an dieser Idee mit einzelnen Leuten mal gesponnen, ist dann aber wieder runter gefallen. Dabei finde ich sie gut. Und halte sie für eine Beseitigung von vielen Problemen.

Super fände ich auch, wenn diese Nerd/Hacking-Kommunen dann auch ein Anlaufpunkt in einer anderen Stadt sind. Um auch in einer anderen Stadt ein “Zuhause” zu haben - so viel wie “wir” unterwegs sind. Ein bisschen wie ein Hackingspace, nur eben nicht zum Hacken, sondern zum Sein. Zum Leben. Zum Zurückziehen - und dabei dann sogar noch ein bisschen “überall”.

tl;dr: Hackingspaces sind Orte, wo (gemeinsam) an Projekten gehackt wird - und wo es ums Hacken geht. Lasst uns Kommunen bilden, wo wir für einander da sind und auch einen Lebensraum haben, wie wir ihn haben wollen. Und wo #Flausch nicht ein verbranntes Hashtag ist, sondern ein echtes für-einander-da-sein.

Kommentare

von: TollerMensch

Ein wesentliches PRoblem ist doch, dass du es mit einer sehr “eigenen” Community zu tun hast. Leichte bis schwere Soziopathen findet man schon in Hackerspaces genug, ähnlich würde es auch in einer Kommune aussehen. Wenn zu viele unterschiedliche Macken auf einem Ort sind, ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis Reibereien entstehen, und gerade in Hackerspaces sieht man oft ja auch sehr spezielle Leute, die, was soziale Beziehungen angeht, eine sehr absolute Auffassung haben - einmal ein Fehler oder ein falscher Kommentar reicht aus, dass der Mensch nie mehr mit einem spricht.

Aber: Wieso fragst du nur, wieso es sowas nicht gibt, und wieso sowas niemand macht? Es ist nur organisatorischer Aufwand, sowas auf die Beine zu stellen. Geld findet sich dann über die Mitglieder der Kommune. Hackerspaces haben quasi auch mit der c-base in Berlin angefangen, und heute gibt es sie auf der ganzen Erde.

von: Gero

Klar gibt es Soziopathen in der Szene - und klar ist auch, dass zumindest ich mit denen nicht zusammen wohnen möchte. Wie ich mit relativ vielen Menschen nicht zusammen wohnen möchte. Aber aus diesem Grund war ja auch mein Vorschlag, dass die Kommune sich selbst finden muss - und selbst entscheidet, wer rein kommt und wer nicht. JedeR soll dann eben auch doch nicht rein.

Und der Blogpost war auch eher ein Aufruf - mal gucken, wie darauf reagiert wird. Und dann natürlich auch das Initiative ergreifen, wenn es sich anbietet - und wenn jemensch einen wirklich tollen Ort hat, wo man eine Kommune neu gründen könnte (in eine vorhandene WG einziehen funktioniert halt nicht), dann immer her damit! Und dann würde es sich “irgendwie” entwickeln …

von: Julian

Nachdem ich mir mal den Wikipediaartikel zum Thema Kommune als Lebensform durchgelesen habe, würde ich für mich spontan das Leben in einer Kommune ablehnen. Konsensprinzip, Plenen, “zeitaufwendiger Diskussionprozess”, der ganze formale und philosophische Überbau der klassischen Kommune ist mir zuviel. Ich möchte nicht jeden zweiten Tag den ganzen Abend das Zusammenleben ausdiskutieren müssen.

Dass depressiven Mitbewohnern in $Zusammenlebengemeinschaft geholfen werden kann, halte ich nur dann für möglich, wenn das Verhältnis stimmt, d.h., genug nicht-depressive da sind. Es fällt mir aber schwer, das Verhältnis in Zahlen zu packen, und mir kommt gerade ein Depri-WG-Bild hoch, was ja über einen längeren Zeitraum passieren könnte.

Es ist schön, mit anderen zusammen zu leben, zusammen zu kochen und zu essen, etwas zu spielen, whatever. Ebenso habe ich es zu schätzen gelernt, alleine in Ruhe zu kochen und zu essen, oder alleine Musik zu hören, sich nur darauf zu konzentrieren und sie zu geniessen.

Wie ich/man das alles unter einen Hut bringen sollen, das habe ich noch nicht herausgefunden, denn gefühlt bieten mir WGs/Kommunen zu wenig Rückzugsraum und Freiheiten.

von: Julian

Kleine Fehler oben: s/philosophische/ideologische/

von: Gero

Sry, aber ob DU in einer Kommune leben möchtest oder nicht, ist mir vollkommen kackegal. Und nein, ich brauche auch keine KommentatorInnen, die überall ihren Senf dazu geben. Das kann ich alleine. Mach das doch auf deinem eigenen Blog. Danke.

 
 

Die Grünen haben gewonnen! - und sollten mit den Piraten zusammengehen

Die Grünen haben gewonnen. Glückwunsch!

Atomkraftwerke werden abgeschaltet, Angela Merkel(!) betreibt internationalen Natur- und Klimaschutz. Die CO2-Emissionen sollen international begrenzt werden. Seit einiger Zeit gibt es einen Wandel bei den Grünen. Von der 1-Themen-Naturschutzpartei zu einer Volkspartei. Ein Vollprogramm haben sie schon lange - und gelten inzwischen auch als Gesprächspartner zu jedem Thema - nicht nur Umweltfragen oder Atompolitik. Die Frage ist aber, was für eine Aufgabe hat eine grüne Partei? Die “wofür”-Frage. Wofür braucht es ausgerechnet die Grünen?

Ich mag die Grünen und habe sie gewählt, (damals noch in BaWü, nach Berlin zog ich zu spät um auch hier wählen zu dürfen) und kann mir gut vorstellen sie auch wieder zu wählen. Sogar gearbeitet habe ich für sie, gerne. Ich halte die Partei insgesamt für sehr fähig und inzwischen auch ganz gut organisiert. Da wird gearbeitet, da entsteht Politik. Das finde ich gut.

Eines der neueren Themen bei den Grünen ist die Netzpolitik und ich bin der Meinung, die Grünen machen eine hervorragende Netzpolitik. Es ist allerdings nicht das Thema, was alle zusammenbringt, sondern eher eines, was von ein paar wenigen bearbeitet wird.

Anders ist das bei den Piraten. Da gibt es keine Netzpolitik, da alles im Netz stattfindet. Netzpolitik wird nicht mehr thematisiert, sie ist essentielle Arbeitsgrundlage. Ohne Netz geht nichts mehr. Sie sind die erste Partei, die es verstanden hat auf das Netz aufzubauen und es nicht nur zu integrieren. Dies ist natürlich leicht gesagt, denn die Grünen haben ihre Parteiarbeit aufgenommen und Arbeitsabläufe geschaffen lange bevor das Internet zu einem Massenphänomen wurde. Ihnen einen “Netzpolitk machen aber nur wenige”-Strick zu drehen ist unfug.

Ich frage mich, warum es zwei Parteien braucht, die um die selbe Gesellschaftschicht wahlkämpfen. Seit der Abgeordnetenhauswahl sind die Piraten “etabliert” und fangen seit dem ganz mächtig zu wahlkämpfen an. Da wird verbal gehauen und gestochen, dass man meinen könnte, nächsten Sonntag wäre Wahl. Gehauen und gestochen wird gegen alle “alten” Parteien. Die SPD hat zu ihrem Bundesparteitag ganz ordentlich ihr Fett weg bekommen - aber gerade die Grünen werden in einer Vehemenz attackiert, für die mir jedes Verständnis fehlt. Nun ist das natürlich mies von der ARD Bärbel Höhn gegen Christopher Lauer zum Thema Internet zu reden, wenn der (inzwischen twitterweit bekannte) Peter Altmeier noch daneben sitzt. Allerdings lassen sich auch die Grünen eher ungern die Brot vom Butter nehmen. Nun sind sie endlich groß, da kommen die Piraten und dampfen den Erfolg ganz gut zusammen. Es Rumort bei den Grünen, allerdings wissen sie aus der politischen Erfahrung heraus (die den Piraten noch fehlt), dass es noch dauert, bis die nächsten Wahlen kommen. Entsprechend vorsichtig wird zurückgeschossen. Man könnte meinen die Grünen wissen um ihre Anfangsfehler und warten darauf, dass die Piraten die selben wiederholen. Den Tweets aus dem Abgehordenetenhaus zu folge wird da auch ganz ordentlich gemeutert - und ob das 2 Jahre bis zur Bundestagswahl (die nächste wichtige Wahl) durchhält, wage ich von Zeit zu Zeit zu bezweifeln.

Nun bin ich noch immer parteilos (aus Gründen), aber netzpolitisch aktiv. Ich will die Integration, wie die Grünen die Netzpolitik gerade in ihrer Partei etablieren auf die Gesellschaft übertragen, wie die Piraten es schon haben. Ich frage mich aber immer wieder, warum man dies nicht gemeinsam tun kann. Warum braucht es zwei Parteien, die sich in weiten Teilen sehr ähneln, um sich gegenseitig die Suppe zu versalzen, statt gemeinsam für eine positive Zukunftsvision zu kämpfen?

Ja, es gibt ganz erhebliche Unterschiede, was die Frauenpolitik angeht. Die Grünen haben gefühlt schon immer eine Frauenquote. Die Piraten nicht einmal richtige Frauenpolitik. Es schwebt der Begriff “postgender” über den Piraten - wobei sie sich wohl auch bewusst sind, dass hinter den Rechnern doch Menschen zweier Geschlechter sitzen. Ich nehme die Piraten nicht als antifeministisch war - eher als krass utopisch, auch ohne Frauenquote Geschlechtergleichberechtigung herzustellen. Leider mangelt es noch an der konkreten Idee, wie man diese Utopie Wirklichkeit werden lassen kann. Neben der Geschlechter-Politik fällt mir allerdings auch kein anderes Thema ein, in dem die beiden Parteien sich fundamental unterscheiden.

In diesem Sinne würde ich gerne eine Verschmelzung beider Parteien sehen - für eine positive Zukunftsvision, mit der eingefahrenen, gut funktionierenden Struktur der einen und den (ein Stück weit) revolutionären Köpfen der anderen. Ich behaupte, das Ergebnis würde gut werden. Und ich würde (bestimmt) Parteimitglied werden. (Die Piraten mögen zwar eine doppelte Parteimitgliedschaft erlauben, die ist allerdings nicht viel wert, da die Grünen dies nicht tun *hint*.)

P.S. Ich habe mich hier sehr stark auf Netzpolitik bezogen, weil ich aus eben dieser Ecke komme. Und, weil ich Netzpolitik für essentiell halte, wenn es um die Zukunft geht. Nichts (auch keine Weltwirtschaftskrise) wird die Welt in den nächsten 25 Jahren so sehr verändern, wie die fortschreitende Technik. Und mit Technik haben sich seit jeher beide Parteien intensiv beschäftigt - wenn auch nacheinander.

Kommentare

von: korbinian

ich habe die grünen auch öfters gewählt bevor ich 2009 zu den piraten gekommen bin, sie war immer die partei der geringsten schmerzen für mich. erst in den letzten jahren bin ich aber drauf gekommen dass die grünen eigentlich überhaupt nicht (mehr?) meinem weltbild und meinem lebensstil entsprechen. inzwischen sehe ich sie als eher konservative, aber im gegensatz zur union weltoffene partei, die gerne dinge einschränkt und reglementiert. die piraten sehe ich als progressive, linksliberale partei, die möglichst viel individuelle freiheit anstrebt ohne so assozial wie die heutige fdp zu sein. wenn man sich die piraten anschaut fällt auf dass die allermeisten die vorher in anderen parteien aktiv waren aus der fdp kommen. witzigerweise ist aber die größte programmatische überschneidung mit der linkspartei da. folgerichtig sind linke-piraten bündnisse auch die bisher häufigsten. ich sehe die piraten von der ausrichtung her daher weniger in konkurrenz zu den grünen als zu fdp und linkspartei, auch wenn sich die wählerchichten stark ähneln. egal wie absurd es erscheinen mag: es gibt glaube ich ein großes wählerspektrum das sich nicht zwischen liberalismus und kommunismus entscheiden kann, und gut bei uns aufgehoben ist :)

von: Stadler

Das was Du beschreibst, lässt sich auf das Verhältnis SPD und CDU auch übertragen. Sie kämpfen in erheblichen Teilen um dieselben Wähler und unterscheiden sich in ihrer Grundhaltung kaum mehr, auch wenn einige Sozialromantiker noch etwas anderes glauben.

Mich persönlich stört eine größere Vielfalt in der Parteienlandschaft nicht und allein deshalb begrüße ich das Auftauchen der Piraten. Sie versetzen das Establishment, zu dem die Grünen längst gehören, in Unruhe und das ist gut und notwendig. All das wäre mit einem Schlag weg, wenn die Grünen und die Piraten sich zusammenschließen. Hast Du Dir mal überlegt, was bei den Grünen tatsächlich vom Bündnis90 übrig geblieben ist?

Die Grünen sind für mich die wichtigste politische Kraft in diesem Land in den letzten 30 Jahren und die beiden große Parteien mussten entscheidende Teile der Programmatik der Grünen übernehmen, um überhaupt mehrheitsfähig zu bleiben. Mittlerweile wirken die Grünen auf mich allerdings einen Tick zu selbstgefällig. Die Piraten bieten ihnen die Chance das wieder abzulegen. ;-)

von: isarmatrose

warum entfolgst du mich, wenn wir doch genau die gleiche meinung haben? ;-) das die piraten ahnung von netzpolitik haben, bestreite ich ja nicht, aber es gibt halt mehr im leben als netzpolitik, so wichtig das auch ist, so dass eine partei sich auch mit mehr themen beschäftigen sollte.

die piratenpartei hatte zwei jahre dafür zeit, der parteitag in offenbach hat aber gezeigt, dass sie das einfach nicht können. da gibt es sozialpiraten, denen ein bedingungsloses grundeinkommen wichtig ist und sich da ernsthafte gedanken zu machen, bevor es aber eine gefestigte und meinung mit begründung gibt, stimmt die partei lieber ab und gibt ihr ja zu einer sache, von der sie noch keine vorstellungen hat, wie das gehen soll. grund dafür ist dieses undemokratische system, dass jeder abstimmen darf, der da ist. susanne wiest hat diese schwäche genutzt und versucht nun über die piratenpartei, nachdem sie zweimal an demokratischen hürden gescheitert ist, ihre vorstellungen durchzusetzen.

diejenigen, die gerne eine andere politik machen wollen, können dies ja locker auch bei den grünen versuchen, wo eine vernünftige basisdemokratie betrieben wird. auch hier kann man etwas verändern und bewegen. und es war schon auffällig, wie viele durchaus vernünftige piraten in tweets und blogs über ausstieg nachgedacht haben. der parteitag hat vielen die augen geöffnet. ansonsten ein guter artikel. :-) bis denn, dann…

_von: Von Piraten und Revolutionen, Parteien und Nicht-Mitgliedschaften Findling_

[…] in denen sich Machtstrukturen einfahren können – und die Partei zum Selbstzweck wurde, wie ich es den Grünen zum Teil vorwerfe, oder man auch sehr gut an der SPD sehen kann, die sich regelmäßig neue “soziale” […]

_von: Ich und das Atombombenexperiementierfeld Piratenpartei Findling_

[…] Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” – und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.) […]

 
 

Wie ein Mensch zum Nazi wird

Im Kraftfuttermischwerk habe ich den Arte-Film “This is England - Ende der Kindheit” gefunden. Außdrückliche Filmempfehlung, um zu verstehen, wie Menschen zu Nazis werden. Dank depublizieren ist der nicht mehr online, aber es gibt noch den Trailer:

Wer es mal schafft, den Film zu sehen, schaut ihn euch an!

Ich bin auf dem Land in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und war eine Zeit lang in einer ganz ähnlichen Szene. Einige behaupteten Punks zu sein, andere behaupteten Nazis zu sein. Ein Teil davon findet Ausländer scheiße - und alle grölten zu den “Bösen Onkelz”. Einige, weil sie ihre Nazi-Parolen gut fanden, andere behaupteten, sie machten sich mit den Parolen über Nazis lustig und sie selbst seien sicher keine Rassisten.

Rassisten sind wir aber alle, weil wir nach Hautfarbe unterscheiden. So lange wir die Hautfarbe überhaupt als Erkennungskriterium nehmen, sortieren wir die Menschen in ethische Gruppen ein und sind damit Rassisten. Andere Menschen mit dem Qausi-Schimpfwort “Rassist” zu betiteln halte ich übrigens auch für wenig sinnvoll. Es geht nicht darum, ob wir dies sind, sondern wie wir damit umgehen.

“Ich bin kein Nazi (Wahlweise auch Rassist), aber was die $Volk machen …” geht eben gar nicht. Es geht bei der Diskriminierung nicht darum, was impliziert wird, sondern darum, was bei dem Empfänger ankommt.

Der kleine Junge Shaun hat nicht verstanden, was da passiert - aber er hatte auch keine Alternative. Nazis rekrutieren sich zumeist aus gesellschaftlich wenig angesehenen Schichten. Sie geben den Außenseitern eine Heimat, wie es kaum eine andere Organisation schafft. Sie nehmen sie mit auf und setzen dann abartige Gedanken in den Kopf, die mit der Zeit reifen und menschenverachtende Ausmaße annimmt.

 
 

Kontrollverlust ist kein Urteil, sondern eine Aufgabe

Der Urvater des Kontrollverlusts, @mspro, hat sein Bild des Kontrollverlustes mal in der c’t beschrieben. An diesem Bild, dass man nicht mehr Herr seiner Daten ist, möchte ich anknüpfen.

Für die Spackeria ist es ein Anlass über eine Gesellschaft zu spekulieren, die ohne Privatsphäre besser wäre, was ich (unter Berücksichtigung der Informationellen Selbstbestimmung) auch gut finde. Nun aber soll es um den Kontrollverlust selbst gehen - und dem Umgang mit ihm. Viel zu häufig wird er als Urteil erkannt und erklärt, man könne daran nichts ändern. Diese Haltung klingt für mich nach einer Kapitulation vor den eigenen Aufgaben. Wir - als “Netzgemeinde” (diese Gemeinde als solche gibt es nicht) - können doch nicht diejenigen sein, die von dem Rest der Welt verlangen, dass sie vor dem Internet kapitulieren müssen. “Wir” sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir mit dem Internet umgehen können, ohne alle Kritiker sofort zu verscheuchen. Wir wollen das Internet - dann sollten wir uns auch Gedanken darüber machen, wie wir es am verträglichsten mit der Gesellschaft kombinieren können.

Der Kontrollverlust ist kein Urteil, sondern eine Aufgabe, wie wir mit den neuen Möglichkeiten umgehen wollen. Wie sehr wir einander achten und Rücksicht auf einander nehmen. Wenn wir wollen, dass die Mehrheitsgesellschaft im Internet angstfrei bewegt, dann müssen wir ihr Schutzräume bieten. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob es wirklich in Ordnung ist, alles sofort zu veröffentlichen. Vielleicht sollten wir wieder über eine Moral nachdenken - eine Moral, die uns Werkzeuge in die Hand gibt, zu entscheiden, was offen im Web stehen muss, und was auch auf nicht-öffentlichen Mailinglisten oder Foren gepostet werden soll. Wir sollten uns überlegen, wie wichtig die Anonymität ist, um gesellschaftliche Prozesse lostreten zu können. In der Anonymität kann man sich selbst testen, ausprobieren, spielen, um zu erfahren, ob etwas auch für das öffentliche Leben taugt. Anonymität ist wichtig, um erste Erfahrungen zu sammeln, um in einer öffentlichen Debatte schon zu wissen, über was man überhaupt spricht. Sie ist keine Dauerlösung, aber ein dauerhafter Schutzraum.

Unsere Aufgabe ist es, die Gedanken zu entwickeln, die für unser Gemeinwohl wichtig sind, in dem die ganze Gesellschaft in der erweiterten Realität des Internets angekommen ist. Und wir brauchen Werkzeuge für die Nachzügler, damit sie uns nicht unterlegen sind. Datenschutz ist ein altes Werkzeug für Minderheiten. Sollte der Datenschutz im Kontrollverlust unter gehen, so brauchen wir ein neues Werkzeug, damit Minderheiten sich schützen können. Dieses Werkzeug sehe ich in dem Schutzraum der Anonymität und Pseudonymität, sowie in einer Moral, nach der wir entscheiden, was veröffentlicht wird. Die Moral aber, muss noch entwickelt werden, auch wenn es gute Ansätze wie die Hackerethik schon gibt. Das, liebe Spackeria, ist die eigentliche Aufgabe.

Kommentare

von: akismet-244aafc3142729d19e925450ae579907

Schuldigung, aber die Hackerethik als “guten Ansatz” zu sehen entbehrt nicht einer gewissen Komik - du weisst genauso gut wie ich, dass das keine Ethik ist.

von: 9er0

Warum genau sollte die Hackerethik denn keine Ethik sein? Ja, sie ist sehr einfach und in weiten Teilen könnte sie deutlich breiter untermauert sein - aber eine Handlungsgrundlage gibt sie - und das ist, was eine Ethik tun soll. Um aber über die Handlungsgrundlage weiter zu entwickeln, fordere ich ja gerade auf, an einer umfassenderen Moral zu arbeiten. Warum sollten wir was wie tun - oder auch nicht. Gerne können wir auch noch in die Diskussion gehen, ob es eine Moral sein sollte, oder nicht eigentlich die gute Sitte, nach der wir streben - und möglicherweise müssen wir den Ansatz auch aus den vernunftgeleiteten Sitten herleiten, statt aus der medial geprägten Moral - aber genau das sollten wir mal tun. So ganz grundsätzliche Gedanken “zu Ende denken” (soweit man einen Gedanken “zu Ende” denken kann). Schade, dass die Frist für den 28C3 inzwischen durch ist - das hätte ein spannender Workshop werden können. Aber vielleicht wird’s ja zur Re:publica was. Fände ich jedenfalls sehr spannend.

 
 

Was genau ist Datenschutz?

Der Datenschutz hat sich lange vor der Privatsphären-Diskussion á la Facebook, Google und co gebildet. Er hat sich auch nicht aus Angst um die “Privatsphäre” gebildet, sondern aus Angst vor der technischen Fremdbestimmung. In den 80ern waren KI-Forscher (Künstliche Intelligenz) deutlich euphorischer als Heute und verkündeten, dass in 10 Jahren Computer das selbe könnte, wie Menschen. Es gab den Turing-Test und dieser sollte innerhalb von 10 Jahren bestanden werden. Heute, 30 Jahre später, hat es noch immer keine Maschine geschafft diesen Test zu bestehen.

Mit der Angst vor diesen denkenden Maschinen kam der Datenschutz auf. Damit hat Julia Schramm recht, wenn sie behauptet, Datenschutz ist sowas von Eighties. Damit aber war nicht der Schutz der Privatsphäre vor anderen Menschen, sondern vor der Maschine gemeint…

Heute nun, sind wir deutlich weniger euphorisch, was die denkende Maschine angeht. Es gibt zwar einige interessante Ansätze, wie die Künstlichen Neuronalen Netze, allerdings gibt es auch gute Gegenargumente, wie das Chinesische Zimmer von John Searle. Das Chinesische Zimmer zielt darauf ab, wie Semantik in der syntaktischen Funktionsweise eines Computers möglich ist. Wie der Computer es schaffen kann ein Bewusstsein zu bekommen - was sehr schwer werden dürfte. Searle behauptet, es funktioniert nicht. Ich bin da auch seeeehr skeptisch (denn so viel ich vom Gehirn verstanden habe, ist es doch deutlich komplexer als jede technische Struktur).

Festhalten lässt sich, dass wir zwar zunehmend mehr mit Technik und Computer arbeiten (und in 10 Jahren noch viel mehr als heute), doch wird der Computer so schnell noch nicht für uns denken. Er wird noch immer nur machen, was wir von ihm verlangen - allerdings gibt es eine neue Macht. Die Macht des Algorithmus. Wir nutzen mehr und mehr Algorithmen, ohne zu verstehen, wie genau diese funktionieren. Wir vertrauen den Algorithmen und hoffe, dass sie das machen, was wir von ihnen wollen. Sicher sein können wir uns dabei allerdings nicht.

Das ist der Punkt, wo der Datenschutz heute greift. Wer nicht weiß, was mit ihm (und seinen Daten) passiert, geht im Allgemeinen eher vorsichtig vor. Das passt im Allgemeinen zu der vor-digital-natives-Generation. Wir alle kennen Menschen, die ohne Internet aufgwachsen sind und diese haben eine unglaubliche Angst davor, überhaupt irgendwo etwas ins Internet zu schreiben. Da gibt es kein Facebook, kein Twitter und erst recht kein Blog.

Der Großteil der digital-natives hat aber auch keine Ahnung, wie die Algorithmen selbst aussehen, bilden sich aber ein, das Internet “verstanden” zu haben. Als einer dieser, sehe auch ich mich. Wir meinen zu wissen, was auf Facebook passiert und schreiben da freiwillig rein - allerdings mit einer Intention. Wir “wollen” Nachrichten über uns verbreiten und uns mitteilen. Um mit Freunden noch in Kontakt zu bleiben, bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als social networks zu nutzen. Die Zeit dreht sich schneller - wir leben in einer so kras beschleunigten Welt, dass wir uns nur noch digital verabreden können. Früher ist man einfach zu seinen Freunden gegangen und konnte was zusammen machen. Heute treffen wir unsere Freunde doch gar nicht an, wenn wir vor deren Tür stehen. Dafür sind wir zu viel unterwegs. Daher, so mutmaße ich, kommt es, dass wir uns immer mehr digital unterhalten und social networks nutzen.

Der heutige Datenschutz soll genau dieses ja auch nicht unterbinden, sondern sicher stellen, dass wir nur das, was wir mit Freunden austauschen wollen, auch austauschen. Der Datenschutz soll zum einen das Profil unterbinden, dass die Algorithmen von uns erstellen (und damit Macht über uns ausüben, weil sie (so lange wir nicht genau wissen, was die Algorithmen machen) bestimmen, was wir zu sehen bekommen und was nicht. So lange es nicht unsere eigenen Filter sind, sind es fremde Filter, die vor allem eins wollen: Geld.

Dieser Datenschutz wehrt sich gegen die Vorratsdatenspeicherung, den Facebook-like-button und Google. Hier sehe ich auch bei Datenschutzkritikern durchaus parallelen.

Das, was es aber auch gibt, ist der Datenschutzfundametalismus. Es solle kein Häuserfront im Internet auftauchen und man traut es sich auch nicht, überhaupt irgendwo was hin zu schreiben. Die Angst vor den Party-Kotze-Fotos. Hier allerdings kann man es gut runterbrechen auf das “Jeder stellt das von sich ins Netz, was er da haben will”, die informationelle Selbstbestimmung. Weshalb aber auch dieser Ansatz mit dem Technikdeterminismus negiert wird, verstehe ich nicht. Wie oben schon (anhand der KI) aufgezeigt, gibt es viele Vorstellungen von der Technik, die nicht eingehalten werden. Technik hat Grenzen. Technik schafft es nicht *alle* Informationen allen verfügbar zu machen. Wird sie auch nie. Die Informationen müssen eh noch immer von Hand der Technik zur Verfügung gestellt werden - dann kann man sich auch im Miteinander einigen, dass jeder nur das einstellt, was ihn betrifft. Der Rest kommt einfach nicht rein (oder wird gepixelt). Beim (materiellen) Eigentum funktioniert es ja auch. Nur weil es möglich ist ein Fahrrad zu klauen tue ich es nicht. Man nennt sowas eine “Ethik” und diese Ethik funktioniert so weit sehr gut im Netz. Sie könnte besser funktionieren - und sollte es auch - aber sie funktioniert, wie es auch funktioniert, dass angeschlossene Fahrräder nicht geklaut werden - auch wenn man das Schloss (technisch) knacken kann. Es passiert doch nur sehr selten.

Kommentare

von: *manU

Danke für Deine Erwähnung… allerdings missverstehst Du mich leider etwas, wenn Du annimmst, ich argumentiere gegen Datenschutz “mit dem Technikdeterminismus”. Lediglich meine Einleitung bezieht sich auf die Tatsache, dass der Mensch bisher so ziemlich Alles denkbare und Vorstellbare realisiert hat, auch wenn es der Gesellschaft vor der Implementation vielleicht noch abwegig erschienen sein mag. Ich glaube also tatsächlich, dass “Verstecken” immer schwieriger wird.

Aber das ist nicht der eigentliche Punkt meiner Ausführungen: Im Grunde ziele ich darauf ab, unsere individuelle ethische Sensibilität im Bezug auf den Umgang mit Daten zu schärfen. Ganz einfach gesagt, sollten wir darauf Hinwirken, dass Datenmissbrauch an sich zur Peinlichkeit wird. Wir müssen verstehen und verständlich machen, dass derjenige, der Daten für fragwürdige Zwecke entwendet und missbraucht, in einer zunehmend transparenteren und offeneren Gesellschaft immer auch selbst viel eher dazu gezwungen ist, seine Ideen und Handlungen vor einer wachen Öffentlichkeit vertreten zu können.

Allgemein zunehmende Transparenz ist ein zweischneidiges Schwert! Das schneidet nicht nur unbedarfte und unbescholtene Bürger, sondern auch den, der sich daneben benimmt! Das sollten wir im Rahmen der Diskussion um dieses Thema nicht ausklammern! Die Kontroverse Datenschutz vs. Post-Privacy wird uns doch eigentlich eher aufgesetzt… Die eigentliche Kontroverse bezieht sich auf Datenschutz/ Datenmissbrauch! In der zunehmende Transparenz ergeben sich eben auch inhärente Faktoren der Regulation, da Fehlverhalten ja auch viel eher bloßgestellt werden kann (und sollte!)… Wir haben ja bereits einige schöne stigmatisierende Begriffe, die Personen bezeichnen, die sich im Umgang mit Daten und Informationen daneben benehmen: Niemand möchte als “Spitzel”, “Lauscher”, “Spanner”, “Lästermaul”, “Schlange” oder “Klatschtante” verschrien werden… Diese Stigmata dürfen wir angesichts Datenmissbrauch gut und gerne hochhalten! ;)

Was mich hoffnungsvoll stimmt ist ein Prozess der allgemeinen “Läuterung” unserer Motive und Absichten angesichts der wachsenden “Gefahr”, dass wir uns blamieren, wenn wir uns anders verhalten, als wir es von unserem Gegenüber erwarten oder vor der Öffentlichkeit vertreten können.

Wie ich in meinem Blogartikel geschrieben habe: >> Uns sollte bewusst werden, dass auch diejenigen Subjekte, die eine (wie auch immer geartete) Form der „Überwachung“, Kontrolle (und Manipulation) auf andere Gruppen und Individuen ausüben wollen, ihre eigenen Normen, Ansichten und Auffassungen (ihre Realität!) an eben den Normen, Ansichten und Auffassungen relativieren müssen/ werden, die in der Öffentlichkeit „gehandelt“ und ‘konsolidiert’ werden. [Wir alle sind am Prozess dieser Werte-bildung (der Evaluation der Werte) beteiligt!] … wenn wir uns einbringen wollen (können?).<<


Du erwähnst in Deinem Beitrag auch das "Chinesische Zimmer". und John Searle.. :)

Künstliche Intelligenz ist ein komplexes (oft kompliziertes) Thema, das vielleicht erst in zweiter Linie damit zu tun hat, aber durchaus interessant ist.

Ich lese gerade das Buch: "The Emotion Machine”. Marvin Minsky meint, dass *Komplexität* an sich aber kein Hinderungsgrund für eine durchaus erfolgreiche Implementation künstlicher Intelligenz sein muss.

http://youtu.be/SNWVvZi3HX8 & http://youtu.be/S43WaQywDbw

 
 

Dem Terrorismus die Macht nehmen

Ich finde es erschreckend, wie in den Massenmedien die Angst vor dem Terror geschürt wird. Es ist absurd, was für Schreckens-Szenarien aufgebaut werden.

Begeistert bin ich hingegen davon, dass es doch auch Leute gibt, die bewusst dagegen argumentieren. (Wie z.B. Florian auf Netzpolitk.org)

Leider stelle ich aber häufig fest, dass die Argumentation nur auf Statistiken beruht - und mit den Statistiken lässt sich ein möglicherweise geschehener Anschlag auch nicht wegdiskutieren.

Viel wichtiger finde ich, klar zu machen, dass es Anschläge gibt. Es gibt Terroristen und es kann auch in Deutschland Anschläge geben. Und Möglicherweise werden dann auch Menschen sterben. Es ist sogar extrem wichtig, dass wir uns das klarmachen, dass Terroristen Verbrecher sind. Und sie wollen ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen. Sie wollen Angst und Schrecke in der Bevölkerung hinterlassen, um eigene Ziele durchzusetzen. Sie wollen die Bevölkerung verängstigen.

Daher sollten wir - als Gesellschaft - dem Terrorismus die Stirn bieten und keine Angst haben. Auch wenn es tatsächlich zu einem Anschlag kommen sollte, ist es absolut höchste priorität den Terroristen nicht zu zuspielen und Angst zu haben, sondern sich dem widersetzen und am gesellschafltichen Leben weiter teil zu nehmen - oder vlt sogar gerade deshalb.

Um den Terrorismus zu schwächen, dürfen wir ihm keinen Raum in der Gesellschaft geben. Wir dürfen ihm nicht eine einzige Zeile in der Tageszeitung geben. Keinen Blogartikel. Nichts.

Das ist die einzige Wirkungsvolle Strategie gegen den Terrorimus. Ihn trotz möglicher Gefahren und möglichweise auch trotz Anschlägen zu ignorieren. Wir - als Gesellschaft, als Staat - müssen uns einfach drüber hinweg setzen und dürfen uns nicht verunsichern lassen. Und wenn es Anschläge gibt und dabei Menschen sterben -  dann sterben eben Menschen, aber wir dürfen den Terroristen trotzdem nicht den Gefallen tun und sie dafür beachten.

Das mag jetzt extrem klingen, ist aber die einzige Möglichkeit, dem Terrorismus die Macht zu nehmen.

Kommentare:

von: thilo

Der Trick ist: Über etwas anderes reden bzw. anders darüber reden. Nicht “Nieder mit dem König!” rufen, sondern “Es liebe die Demokratie!”.

Um den großen Heinz von Foerster zu zitieren:

“Dazu fällt mir ein Satz von Ludwig Wittgenstein ein: Wenn man über eine Proposition „p” und ihre Verneinung „non p” spricht, heißt es bei Wittgenstein, so spricht man von demselben. Darf ich hier eine kleine Analogie anführen? Revolutionäre, die einen König stürzen wollen, machen häufig den bedauerlichen Fehler, dass sie laut und deutlich schreien: Nieder mit dem König! Das ist natürlich kostenlose Propaganda für den König, der sich bei seinen Gegnern eigentlich bedanken sollte: „Danke, dass ihr mich so oft erwähnt habt, und dass ihr nicht aufhört, meinen Namen zu rufen!” Wenn ich eine Person, eine Idee oder ein Ideal laut und deutlich negiere, ist die endgültige Trennung noch nicht geglückt. Das verneinende Phänomen kommt wieder vor und wird ex negativo erneuert in Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.”

Auf “Terrorismus” übertragen hieße das z.B. konsequent nicht von “Terroristen” zu sprechen sondern von “Verbrechern/Straftätern” oder eine Sprache zu etablieren, die Terrorismus nicht als zu verhindernden Angriff auf unseren Staat sieht, sondern als notwendigen Kollateralschaden/Unfall…

von: thilo

(Und beim Vertipper “liebe” statt “lebe” darf, wer will, natürlich gerne an Freud denken.)

von: 9er0

Hmm … interessanter Punkt.

Aber funktioniert das? Zum Königtum gibt es die Alternative der Demokratie. Was ist die Alternative zum Terrorismus? In meinem letzten Blogpost habe ich ein paar Gedanken aufgeschrieben - was genau denn Terroristen wollen und warum wir es nicht schaffen, uns mit ihnen zu sprechen.

Die Wortwahl nur auf “Verbrecher/Straftäter” zu verändern halte ich für nicht zielführend. Das bringt uns ja nicht weiter. Dadurch gibt es noch immer Anschläge und es wird noch immer Angst verbreitet. Das ist also nicht die Alternative. Wir werden die islamistischen Fundamentalisten nicht einfach bei Seite schieben. Wir können ihnen nur die Macht nehmen, indem wir sie eben nicht für voll nehmen. indem wir sie ignorieren und aus unseren Medien verbannen. Dann können sie machen was sie wollen, aber wir werden sie nicht beachten. Der Krieg in der Gummizelle.

Die notwendigen Kollateralschäden (sie sind auch nicht notwendig), müssen erwähnt werden. Ja. Das habe ich aber auch geschrieben. Wir müssen uns bewusst werden, dass es Terroristen gibt und es auch Anschläge geben kann. Aber, wir sollten uns darüber stellen. Wir sollten unser Leben in vollen Zügen genießen und eben nicht auf den Terror, den Terroristen verbreiten, reagieren. Wir sollten es ignorieren.

von: thilo

Natürlich verschwinden nicht die Menschen, die Bomben explodieren lassen, nur weil man sie plötzlich anders nennt.

Und es geht mir hier auch nicht um eine Kommunikation mit diesen Menschen - die kriegen ja im Zweifel gar nicht mit, was wir reden und wie wir sprechen.

Dennoch: Terroristen gibt es ja nur, solange es Menschen gibt, die sie Terroristen nennen. Wenn wir solche Menschen und Ereignisse anders nennen, sind sie für uns auch etwas anderes (mit anderen Bezügen, mit denen ein anderer Begriff assoziiert ist.) Und, das nur als Beispiel, die Angst vor Straftätern und Unfällen scheint mir doch eine andere zu sein, als die Angst vor Terroristen und Anschlägen. Wir müssen ja nicht zwangsläufig von einem “Krieg gegen den Terror” spreechen (und all die Assoziationen, die “Krieg” beinhaltet erzeugen).

Wenn wir anfangen wollen, die Sache anders zu betrachten, müssen wir auch eine andere Sprache verwenden.

von: 9er0

@ thilo (mehr als 2 Antworten scheint Wordpress mir nicht zu gewährleisten) …

Vom Umbennen werden die Terroristen aber auch nicht besser. Das klingt eher nach http://neusprech.org/ … Davon wird das Problem ja nicht behoben, sondern nur verlagert.

Nennen wir das Kind doch beim Namen und stellen uns dem. Denn wie wir wohl alle wissen gab es seit 27 Jahren keinen Terroranschlag mit Todesfolge mehr. So sollten wir als Gesellschaft einfach entsprechend aufpassen und uns bewusst mit Medien auseinandersetzen, sodass die Gesellschaft sich vom “Terrorismus” nicht mehr verängstigen lässt. Wer genau auch immer die Ängst schürrt.

von: Maria Seifert

“Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen. Das Ausüben von Terror zur Erreichung politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Ziele nennt man Terrorismus.”

Wikipedia hat gesprochen.

Also ran an die Terroristen! Nicht mehr über sie schreiben nicht mehr über sie sprechen - und wenn dann bitte doch das Kind beim Namen nennen: “Angela und ihre Kumpanen/Helfershelfer der fundamentalistischen Konservativen” -> und ja, sie arbeiten tatsächlich mit dem Verfassungsschutz zusammen.

von: Maria Seifert

hmm… Obwohl ich Straftäter doch schon besser finde, da sie sich an der Verfassung tatsächlich sträflich vergangen haben. Oder doch Gewalttäter, weil sie die Gewaltentrennung versuchen aufzubrechen… schwierige Frage- zugegeben ;)

von: 9er0

Können wir uns auf “Terroristen” für die Kloppies, die den Gottesstaat haben wollen, einigen - und Arschlöcher für die, die unserer Verfassung an den Leib wollen?!?

:D

von: Maria Seifert

Hmm… nein.

In China sind Terroristen die Menschen die Pressefreiheit wollen. In Russland seit neuestem auch die Tschetschenen. In der Türkei werden die Kurden seit jeher Terroristen genannt und in Burma sind eh alle Terroristen die nicht zur herrschenden Klasse gehören.

…das ist ein politischer Kampfbegriff. Die Realität ist differenzierter. Es gibt kein schwarz und weiß, sondern nachts eh nur graue Katzen.

 
 

Der Unterschied zwischen Öffentlichkeit und mangelnder Privatsphäre

-Inspiriert von Hannah Arendt - Vita Activa -, dem CRE 165 “Privatsphäre” von Tim Pritlove (timpritlove), Michael Seemann (mspro) und Christian Heller (plomlompom), sowie einer Twitterdiskussion, die Anne Roth heute morgen gebloggt hat, will ich versuchen ein paar Grundbegriffe zu klären.

Im CRE bezieht sich mspro auf Hannah Arendt und ihr Hauptwerk: Vita Activa. Hier, so mspro, erläutert sie sehr genau, was Öffentlichkeit denn heißt.

Ja, das tut sie. Das tut sie so gut, dass ich das Buch an dieser Stelle auch weiterempfehlen möchte. Aber sie erklärt auch die Privatsphäre und ihre Wichtigkeit. Die widerum nimmt mspro in die “post-privacy”-Diskussion nicht mit hinein.

Hannah Arendt geht den gesamten geschichtlichen Weg von den alten Griechen über das Mittelalter, ins 18. Jh und schließlich in die Moderne. Ihre Gegenwart wird mit eingebaut (das Buch erschien 1958) in Form der “Massengesellschaft” und ihrer Auswirkungen.

Öffentlichkeit, so Arendt, war ursprünglich der politische Diskurs in der Polis, der im Stadtrat geführt wurde. Privatsphäre hingegen war das Leben in der Familie. Die Familienoberhäupter mit der Frau, Kindern und Sklaven. Dies alles gehörte nicht in den politischen Diskurs, sondern in das private Leben. Was da vor sich ging, gehe niemanden was an. Zur Privatsphäre gehöre auch alles Wirtschaften. Wodurch, so Arendt, nach der damaligen Definition, der heutige Staat nur noch eine Private Seite habe…

In der Öffentlichkeit hingegen dürfe es keine Geheinmisse geben. In dem Stadtrat waren alle “gleich”. Gleich nicht im Sinne von “sie müssen das gleiche tun”, sondern sie hatten alle die selbe Stellung. Es wurde hier als Familienoberhäupter “unter seines Gleichen” diskutiert.

Im Mittelalter gab es keine Öffentlichkeit mehr, da der König alleine regierte. Es gab strickte Ordnungen und jegliches Leben verlief “im Privaten”, da es keinen offenen Diskurs mehr gab.

Dann kam schließlich die Demokratie mit der Französischen Revolution. Hier wurde wieder eine Öffentlichkeit geschaffen. Es wurde öffentlich diskutiert.

Jean-Jacques Rousseau war es, der eine neue Unterscheidung brachte. Er beschwerte sich, dass er nur noch “Rousseau” sei und nicht meht als “Jean-Jacques” irgendwo hingehen könne.

Damit schuf er den Grundstein der modernen Unterscheidung von “Privatsphäre und Öffentlichkeit”.

Öffentlichkeit ist der öffentliche, politische Diskurs. Privatssphäre ist all das, was da nicht mit hinein gehört.

Der Mangel an Privatsphäre - also deren Errosion - ist NICHT die Öffentlichkeit.

Ein Fehler, den ich in den Diskussionen häufig feststelle, ist, dass Öffentlichkeit als Gegensatz zur Privatsphäre gestellt wird. Genau das ist aber eben nicht der Fall.

Nur weil es Menschen gibt, die vom persönlichen Toilettengang twittern, heißt es nicht, dass es in den öffentlichen Diskurs gehört und damit zum “Öffentlichen” gehört. Das ist nur ein Mangel an Privatsphäre (sofern der Twitteraccount nicht geschützt nur für Freunde zugänglich ist).

Hervorgerufen wird dieses Phänomen, so mutmaße ich, durch die “Öffentlichen Persönlichkeiten”, die es als solches nicht geben kann/dürfte.

Wer auch immer als “Öffentliche Person” gilt, hat keine rechtliche Möglichkeit mehr, sich der Bildzeitung zu widersetzen und gegen eine unvoreilhafte Veröffentlichung seiner Person zu protestieren.

Da diese “Öffentlichen Personen” aber Lady Gaga und Robbie Williams sind, wollen wir alle so sein wie die. Und da diese mit den Medien umgehen können, haben sie gelernt alles preis zu geben, um nicht mittels einer “Recherche” diffarmiert zu werden.

So twittern und bloggen viele viele Leute über das alltägliche, banale Leben und hoffen dadurch berühmt, schön und zu einem “Star” zu werden. Denn die “Stars” tun das ja auch.

Aber all dies ist NICHT die Öffentlichkeit, die Hannah Arendt in Vita Activa geschaffen hat. Das alles ist nur ein falsch vorgelebter Mangel an Privatsphäre, der den armen “Alltagsbloggern” möglicherweise mal das Leben nachhaltig versalzen wird.

Und dennoch ist es wichtig, dass Kommunikationsmittel wie Mailinglisten und Twitter nicht nur als “Privatsphärenkaputtmacher” dargestellt werden. Denn gerade hier öffnet “das Internet” eine hervorragende Möglichkeit der öffentlichen Anteilnahme.