2016


 

Antiaufklärung

Vor Monaten haben ich das Theaterstück “Fear” an der Berliner Schaubühne gesehen. Das war das Theaterstück, dass die AfD gerichtlich verbieten lassen wollte, damit aber gescheitert ist.

Es geht um lange überkommen geglaubten Probleme wie Rassismus und Homophobie, um wieder aufkommenden Nazirhetorik und über vereinsamte Menschen - vor allem in ländlichen Gegenden - die sich von der globalisierten Gesellschaft abgehängt fühlen. Es erzählt von Menschen, welche die alten Zeiten zurück wünschen.

Diese Menschen wurden tatsächlich von der beschleunigten, globalisierten Gesellschaft abgehangen. Und die globalisierte, durchaus auch neoliberale Gesellschaft, kümmert sich nicht um die zurückgebliebenen. Sie werden nicht beachtet und niemand möchte sie mit ihnen beschäftigen. Und diese Menschen merken das. Sie sind wütend, dass sie zurück gelassen werden und fangen an, gegen “die da oben” zu protestieren.

2013 gründete sich die AfD, 2014 wurden die Montagsdemos voller Verschwörungstheorien groß. Es folgen PeGiDa, Brexit, Trump. In Frankreich ist es die Front National, in Österreich die FPÖ. In allen gemein ist ein diffuses “Gegen die da Oben” - mit allerhand Verschwörungstheorien. Keine Argumentation, keinerlei Rationalität erreicht diese Menschen.

Michael Seemann (@mspro) hat noch vor dem Erfolg von Trump einen sehr erhellenden Text über die globale Klasse geschrieben. Er beschreibt, wie es eine Elite aus Medien und respektvollen Menschen gibt, die seit Jahren peu à peu die Gesellschaft verändert hat - und gegen diese Elite gibt es nun diesen massiven, rechten Protest.

Diese Menschen sind (häufig) der von der Globalisierung abgehängte Teil der Gesellschaft. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Warum Rassismus ein Problem ist (früher war das auch immer so!) - und das mit dem Internet. Oder warum die abgebauten Fabriken nicht wieder aufgebaut werden. Sie verstehen die veränderte Welt nicht mehr, wählen den Rückschritt und verstricken sich in Verschwörungstheorien. Sie kommen mit dem neuen Wertekompass nicht klar und wollen ihren Alten zurück haben.

Es gibt mehrere Ebenen, die sich hier aufmachen: Die konkret politisch-gesetzgeberische, die gesellschaftliche Ebene (erstarken rassistischer Attacken nach dem Brexit in UK, erstarken der Neonazis nach Trumps Sieg) und die Antiaufklärerische. Alle drei Ebenen bereiten mir massiv Sorgen. Aber: Gesetze können zurück genommen werden, gegen einzelne Gruppen lässt sich vorgehen. Aber wie kann mit der Antiaufklärung umgegangen werden? Was ist die Strategie gegen Lügen und Verschwörungstheorien? Wie können Menschen überzeugt, die Argumente nicht gelten lassen?

Was ist mit der Aufklärung passiert? Eine Gesellschaft, die nicht auf Argumente hört, kann keine Demokratie sein.

Wie lassen sich Menschen aufklären, dass es eine Methodik braucht, um Wissen zu generieren? Wie kann erklärt werden, dass genau das der Knackpunkt der Verschwörungstheorien ist? Das genau das der Unterschied zwischen Wissen und Meinen ist? Wissenschaft braucht eine Methodik um einen Gegenstand zu untersuchen um unabhängiges Wissen schaffen zu können - und Verschwörungstheorien haben keine Methodik. Jedes Gegenargument wird Teil der Verschwörung. Verschwörungstheoretiker*innen lassen keine Methodik zu - sondern ihre Meinung ist wichtiger als die Methodik. Und genau das ist das fundamentale Problem.

Was aber lässt sich dagegen tun? Eine billige Forderung nach “mehr Bildung” klingt zwar super, löst das Problem aber nicht. Es ist ja nicht so, dass Rechtspopulismus nur von ungebildeten Menschen gewählt und gefördert wird.

Ich will verstehen, wie Menschen Verschwörungstheorien glauben, aber der wissenschaftliche Methodik nicht. Trump wurde im Wahlkampf so massiv durchleuchtet und kritisiert. In meinem Verständnis muss jeder*m klar sein, dass er kein geeigneter Präsident sein kann. Warum aber, wird er trotzdem gewählt?

Handeln diese Menschen in irgendeinem Sinne noch rational? Wenn ja, in welchem? Ich bin nicht schockiert über Trump, ich bin schockiert, dass er gewählt wird. Ich bin darüber schockiert, wie diese Bewegung der Antiaufklärung gegen alle rationalen Argumente immun zu sein scheint.

Wie soll eine Demokratie sich verteidigen, wenn die Argumentationen nicht mehr zählen? Samstag, 3.12.16 bin ich auf dem Save Democracy Camp im Betahaus Hamburg. Da möchte ich gerne über Antiaufklärung diskutieren und freue mich auch vorher schon über Anregungen, Kommentare, Argumente und (links zu) gute(n) Analysen.

 
 

Progressiver Think-Tank

2014 hat sich die Progressive Plattform gegründet, die für progressive Politik stehen sollte, sowohl innerhalb der Piratenpartei, als auch außerhalb. Inzwischen ist die Domain ausgelaufen, Twitteraccount und Facebookseite verwaist.

@zweifeln soweit ich weiß nicht, ist irgendwann aufgrund Ziellosigkeit eingeschlafen @pplattform — F. A. Unterburger (@Fl0range) September 19, 2016

Die Netzszene war ein starker politischer Motor. Die Enquête-Kommission wäre ohne sie nicht eingesetzt worden. Nach dem Erfolg der Berliner Piratenpartei 2011 wurden Transparenz, Datenschutz und Bürgerbeteiligung große politische Themen. Klassische Netzpolitik wurde jahrelang ausführlich debattiert. Probleme sind klar definiert und Lösungen warten darauf umgesetzt zu werden. Das ist politisches Tagesgeschäft, das wird früher oder später passieren.

Was mir aber seit Jahren fehlt, sind politische Visionen. Mit der Piratenpartei wurden auch so Dinge wie das BGE oder Liquid Democracy diskutiert. Es wurde darüber geredet, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. Heute haben wir die AfD, da wird gefordert, die Gesellschaft solle wieder aussehen, wie vor 150 Jahren. Abseits dieser grotesken Stellvertreterdebatten gibt es aber tatsächlich große Probleme, die vor unserer Gesellschaft liegen und ich nehme keiner Organisation wahr, die sich umfassend darum kümmert.

Was passiert mit unserem Arbeitsverständis durch Peak Labour und Mechanical Turk? Wie funktioniert Bildung in Zeiten von Wikipedia? Warum werden noch Definitionen gelehrt? Ist das sinnvoll? Werden Moocs Universitäten ersetzen? Wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht? Wie verhält sich das mit den Cyborgs? Werden wir in 30 Jahren alle Cyborgs sein? Was würde das bedeuten? Wo kommt all der Hass von Pegida und Co her? Wie funktioniert Hate Speech - und welche Mittel dagegen helfen wie?

Ich will diese Debatten führen und mir fehlt ein Forum dafür.

n meinem Verständnis sind das Fragen, die klassischer Weise in Think Tanks bearbeitet werden - aber mir fällt kein Think Tank ein, der diese Fragen bearbeitet. Ich habe keine Lust auf das politische Tagesgeschäft, sondern will diesen Think Tank, der an diesen Fragen arbeitet. Die Antworten sind komplex und schwierig, aber genau das will ich: ohne Tagespolitik an den großen Fragen dieser Gesellschaft arbeiten.

Allein, ich kenne keinen Think Tank, der diese Fragen bearbeitet. Ich kenne viele gute Initiativen wie iRights, die Open Knowledge Foundation, DigiGes oder den ccc. All diese Organisationen finde ich wichtig und gut - aber sie machen klassische Netzpolitik und erarbeiten damit nur einen Teil der großen Frage, wie wir in 20, 30 oder 50 Jahren leben wollen. In Teilen werden diese Debatten auf der openmind diskutiert - aber ein Wochenende im Jahr reicht nicht, um diese Probleme umfassend zu bearbeiten.

Vielleicht werden diese Fragen schon irgendwo diskutiert. Wenn ja, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Wenn nein, warum nicht? Und: wie können wir es schaffen, diese Fragen zu bearbeiten?

Ideen, Anregungen und Kritik sind herzlich willkommen!

 
 

#z2x

Ich war auf dem Festival der neuen Visionäre - organisiert von Zeit Online. Ein Festival für Menschen mit “Idee[n], um das Leben besser zu machen” im Alter von 20-29. Es wurden 500 Leute nach vorheriger Bewerbung eingeladen.

Dieses “Festival” (das eigentlich eine Konferenz war) hat für mich aus mehreren Gründen nicht funktioniert und ich will aufschreiben, warum.

1. Kommunikation

Mir wurde nicht klar, was genau Zeit Online mit diesem Festival erreichen wollte.

Mein Verständnis war: neue Gesellschaftsvisionen diskutieren; einen positive Ausblick auf eine Welt richten, die gerade wirkt, als würde sie untergehen. Eine Veranstaltung die sich vor allem an Aktivist*innen richten.

Dem war offenbar nicht so. Mein Eindruck der Leute war eher links-alternativ bis liberale “irgendwas mit Medien”-Menschen, aber insgesamt wenig aktivistisch. Irgendwie wollten schon alle die Welt verbessern, aber kaum wer hatte einen konkreten Vorschlag, wie die Welt denn nun besser wäre.

Wenn es ein vorher definiertes Ziel dieser Veranstaltung gab, warum wurde es nicht offen kommuniziert? Wäre mir der Ablauf im Vorfeld klarer gewesen, wäre ich nicht hingegangen.

Zudem war die Website unübersichtlich. Die aufgehängten Session-Pläne waren zu klein und beinhalteten keinerlei Infos außer dem Namen der Session. Jede*r bekam einen Gebäudeplan um sich zurecht zu finden. Warum gab es nicht auch einen Sessionplan? (Und Internet via WLan funktionierte nur ~50% der Zeit - ber das ist ja eher normal auf Konferenzen.)

2. Programm

Schon als der erste Entwurf des Programms veröffentlicht wurde, war ich eher … unbeeindruckt. Vielleicht liegt das daran, dass ich die letzten sechs Jahren auf etwa 50 verschiedenen politischen Konferenzen war und mit der openmind-Konferenz zwei Jahre lang selbst ein Programm für eine Konferenz gemacht habe, bei der es sich vor allem um politische Visionen dreht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es keine richtigen Vorträge gab und es daher schwierig wird, einem Thema wirklich auf den Grund zu gehen. Die “Frag mich alles”-Sessions liefen besser als erwartet (siehe meinem Blogpost über das Session-Format “Frag mich alles”) - aber wirklich Tiefgang haben sie trotzdem nicht erreicht. Die Workshops habe ich gar nicht verstanden. Inzwischen sollte doch allgemein bekannt sein, dass “Brainstorming” in Gruppen keine besonders guten Ideen hervor bringt. Zumal: wenn Menschen mit eigenen Visionen zum Festival kommen, warum werden sie mit Workshops und ganz anderen Aufgaben belagert, statt an ihren eigenen Ideen zu arbeiten? Oder diese zumindest miteinander zu diskutieren? (Warum wurden bei der Bewerbung nicht die eigenen Visionen abgefragt, sondern nur ob/welche Session angeboten wird?) Die Workshops waren 2h lang - und es liefen nur Workshops parallel. Warum konnten Teilnehmende nicht auswählen, ob sie in Workshops gehen, oder Vorträge hören? (Warum gab es als Vorträge überhaupt nur die 5min-Blitzvorträge, die Themen allenfalls anreißen, nicht aber umfassend bearbeiten können?) Und was passiert jetzt im Nachhinein mit all dem Workshop-Output? Kam da irgendeine Idee zustande, die tatsächlich noch weiter verfolgt wird?

3. Location

Das Radialsystem ist zu klein für 500 Leute in vielen verschiedenen, parallel stattfindenden Sessions - insbesondere wenn etwa die Hälfte in den kleinen Räumen oben durch die engen Treppen stattfindet. Es war gut, dass zumindest unten schon abgefangen wurde, wenn die gewünschte Session schon voll ist, aber befriedigend war das nicht. Zudem war es nirgendwo gemütlich. Alles wirkte etwas überlaufen und hatte eher Messe-Feeling. Auf Messen können Dinge verkauft werden, aber da werden keine neuen Visionen entwickelt.

4. mediale Omnipräsenz

Auf einer Veranstaltung einer Medienorganisation wird entsprechend interviewt, gefilmt und fotografiert. Hätte ich auch vorher drauf kommen können, machte die Atmosphäre aber nicht unbedingt entspannter. Ich hatte vor, selbst einzelne Leute für eine Podcast zu interviewen, was sie so machen und warum - aber die Idee habe ich sehr schnell verworfen. Vor allem wegen der schon vorhandenen medialen Omnipräsenz und dem Mangel einigermaßen ruhigen, entspannten Räume.

5. Freibier

Die Abendveranstaltung bestand im Wesentlichen aus Freibier. Das wirkt mir eher nach einem Junggesellenabschied, als nach einer visionären Veranstaltung. Nichts gegen Party, Alkohol und Drogen - aber mir fällt keine Veranstaltung ein, bei der die Gespräche durch Freibier spannender wurden. (Ich bin dann auch gegangen.) Essen ist teuer und die Portionen sind klein, aber der Alkohol ist umsonst. Ich verstehe das nicht.

6. wenig neue Ideen

Dafür, dass es das “Festival der neuen Visionäre” war, habe ich wenige visionäre Ideen wahrgenommen. Wenige Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit (Klimawandel, Digitalisierung, Arbeitsveränderung, Überalterung der westlichen Welt, Suizid, Rassismus, Schere zwischen Arm und Reich, Kriege, Seuchen, …). Das Bedingungslose Grundeinkommen wurde diskutiert. Ansonsten gab es einige Initiativen, aber ich nahm weiter nichts Visionäres war. Die drei weiter geförderten Ideen sind ein geschenktes Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag um Jugendlichen mehr Europa zu zeigen (Woohooo \o/), Jugend Rettet - eine Rettungsaktion um weniger Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen (sehr gut und wichtig) und “Köln spricht”, eine Initiative die politische Beteiligung erleichtern soll. Alle drei klingen gut und sinnvoll - sind aber keine gesellschaftlichen Visionen. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es eher um ein “ihr könnt euch einbringen” als um neue Visionen ging.

Was gut war

Es gab einige spannende Leute - und spannende Gespräche (außerhalb der Sessions). Und die Sessions wurden gut moderiert.

Fazit

Für Menschen, die gerade auf ihrer ersten Konferenz gewesen sind, mag das ein schönes Erlebnis gewesen sein. Ich fand es eher sehr ernüchternd bis nervend. Und hätte es wirklich schön gefunden, wenn im Vorfeld klarer kommuniziert werden wäre, dass die Konferenz nichts für Menschen ist, die sich schon länger mit politischen Visionen beschäftigen.

Ich habe diesen Text u.a. geschrieben, weil mich die mangelnde öffentliche Kritik nervt und ich zumindest ein paar Anregungen geben will, was nicht so toll lief.

 
 

Ich habe eine Vision: Bildungseinkommen

In der Debatte um Automatisierung und neuer Arbeit scheint es mir zwei große Probleme zu geben:

  1. Arbeitslosigkeit. Was passiert mit den Menschen, deren Jobs durch technischen Fortschritt wegrationalisiert werden?
  2. Die Arbeitsprozesse werden immer komplexer und wirklich gutes Personal ist rar. In der IT fehlt schon jetzt in großem Maßstab gutes Personal.

Was mir seit Jahren ein Rätsel ist: Warum ist Bildung noch immer vor allem eine formale Ausbildung? Warum geht es noch immer um Zertifikate und Erlaubnisberechtigungen irgendetwas zu tun? Warum gibt es so viele formale Hürden für Bildung?

In der Debatte um wegrationalisierte Arbeitsplätze wird immer wieder das bedingungslose Grundeinkommen als Lösungsvorschlag genannt. Aber ich möchte noch darüber hinaus gehen: warum geben wir nicht all den Menschen ohne Arbeitsplatz die Möglichkeit sich umfassend (fort) zu bilden? Sowohl durch ein Grundeinkommen, als auch durch einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung?

Wenn wir als Gesellschaft sehen, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden und zeitgleich gutes Personal fehlt, warum lassen wir die Arbeitslosen nicht zu diesem Fachpersonal werden?

Bildung ist ein komplexer, vielschichtiger Prozess. Bildung wird nicht mit Zeugnissen und Zertifikaten vermittelt. Es geht mir explizit nicht um Fortbildungsmaßnahmen (wie in der Arbeitsagentur), sondern um die Möglichkeit für alle Menschen sich frei weiter zu bilden.

Sicher werden nicht alle Menschen zu IT-Experten werden, aber ich bin sehr optimistisch, dass eine rundum gebildetere Gesellschaft eine bessere ist. In Zeiten, in denen auch Bildung automatisiert wird (z.B. durch Moocs) bin ich mir sicher, dass es Möglichkeiten gibt Bildung für alle zu ermöglichen.

Ich habe nicht alle Antworten, aber ich habe viele Fragen und ich will, dass wir diese diskutieren.

Kommentare

von: Andreas

Finde ich gut! Ich hab’s immer wieder erlebt, dass interessierte und fähige Leute in langweiligen, monotonen Jobs versickern, weil sie es sich nicht leisten können, weniger zu arbeiten und sich in der dadurch gewonnenen Freizeit zu bilden, und es hat mich jedes Mal wieder traurig gemacht.

 
 

Sessionformat: frag mich alles

Am kommenden Wochenende bin ich auf dem Festival der neuen Visionäre. Dort gibt es das Sessionformat “Frag mich alles” - offensichtlich angelehnt an Reddits “Ask my anything”. Spannende Menschen hinstellen und sie ausfragen lassen, klingt großartig.

Ich glaube, dieses Format kann gut funktionieren, um Lebensrealität von herausragenden Menschen aufzuzeigen. Wie trinkt Barack Obama eigentlich seinen Kaffee? Wie gehen Tour-de-France-Fahrer auf die Toilette während des Rennens? Warum entschied sich Angela Merkel von der Forschung in die Politik zu wechseln? Und wie lautet eigentlich ihr Kartoffelsuppenrezept? Warum trägt Christian Ströbele immer diesen roten Schal? Hat er da eine Geschichte zu? Warum tun sich Parlamentarier*innen den stressigen Politiker*innen-Alltag an? Warum trägt Kübra Gümüsay ein Kopftuch? Und warum ist Gesine Schwan eigentlich Mitglied der SPD?

Ich finde diese Fragen spannend, denn sie alle geben ein wenig Auskunft über das Leben von herausragenden Persönlichkeiten - und sind Fragen, die am Rande eines Vortrages nicht gestellt werden. Es sind Fragen, die auch in Interviews selten gestellt werden. Es sind Fragen, die eine sehr menschliche Seite dieser Persönlichkeiten zeigt und manchmal durchaus spannende Anekdoten hervor bringen. Und es gibt Fragenden die Möglichkeit inspirierende Menschen in ihren Leben mal fragen, was sie schon immer fragen wollten.

via GIPHY

Was ich allerdings nicht für klug halte, ist einen Kurzvortrag vor den “Frag mich alles”-Sessions - denn damit ist die Richtung der Fragen weitgehend vorgegeben. Wenn eine Person über Robotik spricht, möchte ich sie nicht nach ihren Schuhen fragen. Und: alle Menschen, die mehr als eine Konferenz besucht haben, kennen das Problem der offenen Fragerunden am Ende einer Session: die Fragen verkommen sehr häufig zu wenig hilfreichen Koreferaten.

Auf dem “Festival der neuen Visionäre” gibt es einen kurzen Einführungsvortrag der Personen, bevor sie in die Frag-mich-Alles-Runde gehen. Ich fürchte, dass wird sehr langweilig werden, aber ich bin gespannt - und werde nach der Veranstaltung ein Update hier schreiben und berichten, wie dieses Sessionformat funktioniert hat.

[Update 04.09.2016]

Die zwei Fragesessions, bei denen ich war, waren tatsächlich eher langweilig - aber weit weniger schlimm als erwartet. Nach @kuebras Fragesession habe ich etwas mit ihr über das Format geredet. Sie hatte den spannenden Punkt, dass diese Fragesession die Ebene zwischen Vortragenden und Fragenden deutlich kleiner macht und sich eher auf Augenhöhe unterhalten wird. Dem muss ich zustimmen, es fühlte sich sehr nach Gespräch auf Augenhöhe an. Allerdings machte genau das auch, dass die Sessions etwas oberflächlich blieben und irgendwie keine gut zu debattierenden Thesen hervorbrachten.

[/Update]

 
 

Uni Rant

Universitäten nerven mich. Ich habe bisher an vier verschiedenen Universitäten - Uni Freiburg, HU Berlin, FU Berlin und Fernuni Hagen - in vier Studiengängen sechs verschiedene Fächer - Philosophie, Kognitionswissenschaften, Mathe, Informatik, Chemie und Kulturwissenschaften - studiert.

Ich bin gerade durch mein erstes Modul in der Fernuni durchgefallen - mit einer Hausarbeit. Dass ich durchgefallen bin, stört mich kaum, aber das wie stört mich sehr. Ich habe mir ein sehr großes und nahezu unerforschtes Thema für die Hausarbeit gesucht, habe eine durchaus experimentelle Hausarbeit geschrieben, in der ich mich verschiedener Theorien bediente, weil ich keine passende gefunden habe mit dem starken Verdacht, dass es keine passende gibt. Ich habe zu lange nach eben dieser Theorie gesucht und mir deutlich zu wenig Zeit für das eigentliche Schreiben gelassen. Die Hausarbeit ist zu kurz, allenfalls mäßig gut formuliert, beinhaltet noch Tippfehler und ich habe mich vom ausgehandelten Thema etwas entfernt, weil ich vor allem über die Grundlagen zum eigentlich abgemachten Thema schrieb. Für das abgemachte Thema musste ich mich auf irgendwelche Grundlagen beziehen, die es noch nicht gibt. Zudem fehlte mir die Zeit, mich noch tiefer in das Thema einzuarbeiten.

Dass eben dieses kritisiert werden würde, war mir klar und ist auch völlig okay. Was mich nervt, ist der Punkt, dass es in der Bewertung der Hausarbeit null darum geht, was ich erforscht habe. Denn ja, in der Tat habe ich ein Thema erforscht, dass es bisher als solches nicht gibt: der kulturelle Unterschied zwischen dem Dorf- und Stadtleben. (Dass es einen Unterschied gibt, ist recht offensichtlich, aber woran dieser nachgewiesen oder gar gemessen werden kann, dazu habe ich keinerlei Theorie gefunden.)

Nun ist es Ansichtssache, wofür die Uni genau da sein soll. Und offensichtlich habe ich eine andere Ansicht, als der Großteil der Mitarbeitenden aller Universitäten, an denen ich studierte.

Oft wird kritisiert, dass die Universitäten zu theoretisch und praxisfern sind. Das Erlernte helfe im späteren Job allenfalls minimal. Auf der anderen Seite wird auch oft kritisiert, dass Universitäten zu Masseneinrichtungen verkommen sind. Bachelor und Master wurden eingeführt, die Universitäten mit der Bolognareform verschult.

Ich glaube, ein Problem ist, dass Universitäten beides zugleich sein wollen: Masseneinrichtungen und Elfenbeinturm, Ausbildung und Wissenschaft. Beides schließt sich gegenseitig aus. Das ist das Dilemma der Universitäten. Es führt dazu, dass der Unialltag bürokratisiert wird. Es geht nicht darum, etwas erforscht zu haben, sondern darum, formale Anforderungen zu erfüllen. Akademische Texte sollen keinen Wissenszuwachs generieren, sondern Nachweise über erbrachte Arbeitsleistungen sein. Die Bewertung obliegt allein der Lehrperson. Neben der Bürokratie geht es folglich (zumindest in Teilen) darum, eine Arbeit zu produzieren, die dieser Lehrperson gefällt. Ein klassisches Schüler*-Lehrer*-Verhältnis. Ausbildung. Ich tue, wie es der*die Lehrer*in mir sagt.

Alles andere benötigt viel Zeit, die es in den Masseneinrichtungen nicht mehr gibt. Auf der anderen Seite halten die Universitäten ihre “Wissenschaft” hoch, ihren akademischen Habitus. Sie seien natürlich keine Massenausbildungen, sondern alle besonders renomierte Universitäten, die alleine das Wissen verwalten. Wer nicht dem akademischen Habitus folgt, kann auch keine Wissenschaft betreiben, kein Erkenntnisse hervorbringen. Ohne formal korrekte Zitationsweise, kann es keine Erkenntnisse geben.

Ich will nicht sagen, dass die Zitationsweise egal ist - ganz im Gegenteil. Ordentliches kenntlich machen, woher welche Erkenntnis stammt halte ich für sehr wichtig. Der akademische Habitus aber führt dazu, die Arbeiten von Ghostwritern in Auftrag geben zu lassen. Ich kann mir meine Arbeitsleistung erkaufen, von den Expert*innen, die genau so zitieren können, wie der*die Dozentin es haben will. Ein professionelles Lektorat für Hausarbeiten scheint inzwischen normal zu sein.

Lange fühlte ich mich an der Fernuniversität sehr wohl, weil mir dort dieser Habitus nicht begegnete, vermutlich durch den wenigen Kontakt zu Dozent*innen und Kommiliton*innen. Jetzt, wo ich nur noch Hausarbeiten und Bachelorarbeit vor mir habe, ist er wieder da und ich denke darüber nach auch das vierte Studium aus dem selben Grund abzubrechen.

Ich habe die letzten sechs Jahre, seit dem ich studiere wirklich viel gelernt. Vor allem, weil mich Dinge interessierten und ich diesen hinterher forschte; weil ich viel ausprobierte und mit vielen klugen Menschen viele kluge Gedanken austauschte. Das alles aber fast ausschließlich außerhalb der Uni. Die letzten sechs Jahre fühlte sich die Universität oft hinderlich an, bei dem Versuch tatsächlich etwas zu lernen oder zu erforschen.

Und jetzt werde ich weiter über Theorien des Improtheaters lesen, obwohl ich nicht weiß, ob ich die jemals in Creditpoints verwandeln kann.

 
 

Woran scheitert die offenen Gesellschaft?

Seit Monaten stelle ich mir die Frage, was eigentlich falsch läuft, in der europäischen Gesellschaft. Ich habe wirklich keine Ahnung und bin gänzlich ratlos, was da passiert. Ich verstehe nicht, wie eine so offene und freie Gesellschaft so abdriften kann; wie das Vertrauen in jegliche Institutionen so massiv verschwinden kann.

Eine gewisse Skepsis gegenüber dem Staat halte ich grundsätzlich für angebracht - immerhin hat der Staat das Gewaltmonopol und sollte immer kritisch betrachtet werden. Nun ist der gesamte Staatsapparat sehr differenziert.

Es gibt da den Föderalismus mit seinen vielen Regierungen und Parlamenten (und all seinen langwierigen Prozessen) um die Macht möglichst stark zu zertäuben. Es gibt die Europäische Union, quasi die Föderalismus auf europäischer Ebene - um die Freiheit und Offenheit europaweit zu garantieren. Es gibt die öffentlich-rechtlichen Medien, ein Konstrukt mit selbstständiger Finanzierung, um sicher zu stellen, dass keine Regierung ihre Agenda darüber verbreiten kann. Es gibt die Deutsche Welle, die tatsächlich ein Regierungssender ist, aber im Inland gar nicht aktiv gesendet wird. Es gibt private Medien, die so ziemlich alles berichten können, was sie wollen - solange sie sich an Gesetze halten. Es gibt ein gut funktionierendes Bildungssystem - und wird in Deutschland zum großen Teil vom Staat bezahlt, um die Einstiegshürden gering zu halten. Es gibt eine unabhängige Justiz vom Amtsgericht über Verfassungsgericht, dem Europäischen Gerichtshof bis hin zum internationalen Gerichtshof in Den Haag. Es gibt unzensiertes Internet und es ist ein leichtes Medien aus allen Ländern der Welt zu konsumieren (soweit die Sprachkenntnisse es erlauben). Es gibt einen beachtlichen Topf an Kulturförderung für (politische) Kunst, die einen enorm hohen Rechtsschutz bietet.

Mir fällt kein großes Freiheitsrecht ein, dass es in der europäischen Gesellschaft nicht gibt - und sobald etwas an einem Freiheitsrecht geändert werden sollen, kommen NGOs und schaffen eine große Debatte darüber.

Und TROTZDEM gibt es seit Jahren wachsende Verschwörungs-Montagsdemo-Pegida-Demos.

Ich kriege das nicht zusammen. Wie können Menschen in einer so krass offenen Gesellschaft auf derartig abstruse Gedanken hervorbringen? Ich verstehe nicht, was den Menschen fehlt. Ich. Verstehe. Es. Nicht.

Wie kann ein Mensch behaupten, dass *alle* Instanzen der offenen Gesellschaft gegen ihn agieren? Wie kann ein Mensch ernsthaft behaupten, Angela Merkel und die “Lügenpresse” arbeiten zusammen? Alle die Landesregierungen, Gerichte, Schulen und Hochschulen? All die Künstlerinnen und Künstler in Theatern, Ausstellungen? Museen? NGOs? (Wo immer ich mir die offene Gesellschaft betrachte, sehe ich Debatten und Streit. Wie kann behauptet werden, dass die alle zusammenarbeiten?)

Wie kann sich ein Mensch gleichzeitig gegen alle Institutionen der offenen Gesellschaft richten? Ich. Verstehe. Es. Nicht.

Dabei sei völlig unbenommen, dass es politische Differenzen gibt. Es gibt vieles an den einzelnen Institutionen zu kritisieren und zu verbessern. Es geht aber nicht um Politik. Wenn hunderte Gebäude in einem Jahr “politisch motiviert” angezündet werden, ist das keine Politik, sondern Terror. Wenn Büros aller politischen Parteien angegriffen werden, ist es kein Angriff auf eine Gruppe innerhalb der offenen Gesellschaft, sondern ein Frontalangriff auf die offene Gesellschaft als solches.

Warum haben diese Gruppen Zulauf? Woran scheitert die offene Gesellschaft?

 
 

Internetdepression

Es gibt seit einiger Zeit immer wieder Texte, die nahelegen, dass das Internet bzw. Social Media für Depressionen verantwortlich ist, bzw. diese befördert.

In der Generalität ist die Aussage falsch. Ich bin depressiv und mir hilft “das Internet” in depressiven Phasen oft.

Immer wieder habe ich Phasen, in denen ich keine Gefühle habe. Ich kann den Wind spüren oder Menschen weinen oder lachen sehen, aber irgendwie fehlt die Verbindung zwischen der Außenwelt und mir. Mein Arzt hat mir deshalb die Diagnose “Depression” gegeben. Die Krankenkasse zahlt meine Psychotherapie und mein Antidepressivum - ein Medikament, dass dafür sorgt, dass es mehr Botenstoffe in meiner Hirnflüssigkeit gibt. Es gibt die Theorie, dass ein Mangel an Botenstoffen die Depression ist. Seit ich das Antidepressivum nehme, geht es mir besser - aber dennoch habe ich immer wieder diese gefühllosen Phasen.

Ich erkenne ein Muster, nach dem bei mir diese Phasen häufiger auftreten - damit kann ich sie ein bisschen vorhersagen und gewissermaßen einplanen. Die Phasen treten bei mir häufig nach stressigen Phasen auf, oder wenn ich besonders gut und stark sein will oder muss. Es ist ein bisschen, wie die allgemeine Erkältung, die häufiger auftritt nach besonders stressigen Phasen. Bei mir ist es seltener die Erkältung und häufiger die depressive Phase.

Kati Krause schreibt, dass Social Media Gift für Depressive ist. Ich kann die Argumentation nachvollziehen. Wenn Social Media in Stress ausartet, wenn ich mich immer besonders gut darstelle, immer besser sein will, verursacht das auch bei mir depressive Phasen. Ich habe Social Media nie beruflich genutzt. Eine Zeit lang sehr politisch, aber schon sehr lange nutze ich die verschiedenen Kanäle auch um mit guten Freunden zu kommunizieren und sehr ehrlich zu berichten, wie es mir so geht. Das ehrliche Kommunizieren hat bei mir noch nie Stress ausgelöst, sondern eher Wohlbefinden durch positive Rückmeldungen. Ich habe allerdings bisher auch das Glück quasi keinerlei Hatespeech ertragen zu müssen.

Manchmal hilft es mir auch zu sehen, was meine Freunde so tolles machen oder welche Hundebabies sie teilen. Manchmal hilft mir auch ein langer Spaziergang oder eine Avocado. Ich habe angefangen zu lernen, wie ich mit der Depression umgehe.

Irgendwann fing ich an, die Depression als Krankheit zu bezeichnen und mich vor mir selbst zu rechtfertigen, gerade etwas nicht zu können, weil ich halt krank bin. Jemanden mit gebrochenem Bein erlaubt die Gesellschaft auch einen Tag im Bett zu verbringen, also möge sie dies auch mit depressiven Menschen tun. (Wobei sich nicht alle depressiven Menschen ins Bett zurückziehen in ihren depressiven Phasen.) Die Krankenmetapher habe ich allerdings wieder abgelegt. Ich habe gemerkt, dass es mir nicht gut tut, mir selbst zu sagen, dass ich “krank” bin - und damit anders bin als “gesunde” Menschen. Die Depression ist kein Mangel an mir, sie ist ein Teil von mir. So, wie meine Beine ein Teil von mir sind, oder der Fakt, dass ich schwul bin. Das bin ich und daran ist nichts falsch oder “krank”. Ich habe einen Umgang mit meiner großen Körpergröße gefunden und auch mit meiner Kurzsichtigkeit. Ich bin dabei einen Umgang mit meinen depressiven Phasen zu finden. Menschen sind unterschiedlich. Manche sind groß, manche sind klein, manche haben rote Haare und manche haben gar keine. Manche spielen gerne Volleyball und andere haben Katzen. Manche haben depressive Phasen und müssen auf sich aufpassen, dass es ihnen gut geht. So wie Volleyball spielende Meschen auf ihre Handgelenke aufpassen. Wenn die kaputt sind, können sie kein Volleyball mehr spielen.

Menschen sind nicht nur unterschiedlich, sondern sie verändern sich auch. Mal wollen sie lieber Brötchen zum Frühstück und mal lieber Müsli. Manche Menschen wollen ihr ganzes Leben lang Äpfel essen, andere wechseln irgendwann zu Bananen. Vielleicht verändere ich mich irgendwann und ich habe keine depressiven Phasen mehr. Vielleicht bleiben sie.

Findet heraus, was euch gut tut. Findet heraus, wer ihr sein wollt und akzeptiert, wer ihr seid. Probiert euch aus (im Rahmen eurer Möglichkeiten). Wenn euch das Internet schlecht tut, nutzt es weniger. Wenn euch Hundebabies glücklich machen, folgt allen Hundebaby-Tumblers. Oder habt selbst einen Hund. Wenn ihr alleine schlecht weiter kommt, sucht euch eine Psychotherapie oder geht zu eurem Arzt. Wenn das zu anstrengend ist, fragt Freunde, ob sie mit euch zum Arzt gehen und euch unterstützen. Wenn ihr telefonieren könnt, ruft die Nothilfe an. Es gibt Hilfe. Gebt euch nicht auf und verteufelt die Welt nicht. Verzweifelt nicht. Es wird besser werden. Der Glaube daran hilft. Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.