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These: Staaten werden durch Plattformen abgelöst

Ich denke immer mal wieder über die Plattformneutralität, wie von mspro beschrieben, nach. Ich bin mir sehr unschlüssig, ob tatsächliche Neutralität der Plattform überhaupt möglich ist, aber zumindest das Konzept “Plattform” erscheint mir sehr schlüssig. Wir alle bewegen uns auf Plattformen. Server-Infrastruktur, die in den meisten fällen doch irgendwo gemietet ist (in meinem Fall bei den großartigen Ubernauten), Betriebssysteme, soziale Netzwerke (Twitter, Facebook, G+, tumblr oder soup.io?) - aber auch im RL gibt es überall Plattformen. Wer ein neues Regal braucht, baut das nur sehr selten selbst zusammen, sondern schnell führt der Weg zu IKEA. Wir haben zunehmend weniger eigenen Autos, sondern sind Kunden einer Mietwagenfirma. Und wenn wir erst Kunde sind, wechseln wir nur noch sehr selten. Nicht zu vergessen die Bahn oder die verschiedenen Fluglinien (die sich ja selbst auch schon Allianzen geschmiedet haben), die es gibt.

Das alles sind Plattformen für einen Dienst. Meine These ist, dass diese Dienste immer weiter miteinander interagieren und damit größere Plattformen bilden. Google übernahm erst die Suchmaschine, dann das Smartphone. Mit der Übernahme von YouTube, Nest oder Dynamics Boston zeigt sich, wie sehr die Plattform Google gerade wächst. Samsung ist eine andere Plattform, die einen Haushalt gut von Smartphone über den Kühlschrank bis zum Auto abdeckt.

Wenn Google nun mit der Bahn und Samsung mit Lufthansa Verträge schließt, wird es darauf hinaus laufen, dass Bahntickets an Google-Kunden günstiger verkauft werden und Samsung-Kunden in der Lufthansa billiger fliegen. Betriebseigene Kindergärten gibt es in großen Konzernen schon lange. Die Frage ist, wann diese Kindergärten auch auf Poweruser ausgeweitet werden. Wenn diese Entwicklung noch Krankenhäuser und Schulen erfasst, stellt sich die Frage, wofür Staaten eigentlich noch da sind. Löst der Kapitalismus damit den Nationalstaat ab? Werden wir statt eines Reisepasses in Zukunft mit Samsung- oder IKEA-ID durch die Welt reisen?

Kommentare

von: Philip

Einerseits: ja, ja, ja. Dadurch, dass Wirtschaftsunternehmen inzwischen erfolgreicher sind alsS taaten, wenn es darum geht, den Bürgern Geld aus der Tasche zu ziehen, werden diese internationalen “Plattformen” immer mehr Einfluss auf das Leben nehmen. Mehr, als das ein demokratischer Staat je getan hat. Man geht öfter zur IKEA als ins Wahllokal. Viele geben mehr für Unterhaltungsmedien aus als für Steuern (ok, das ist eine gewagte Theorie). Aber es gibt nicht nur demokratische Staaten, und die Marginalität von “Staatsgewalt” im heutigen Deutschland ist - geschichtlich gesehen - ein irrer Luxus. Hoffen wir dass sich der Staat nicht mit Gewalt zurückmeldet, weil dem Wahlvolk plötzlich Sicherheit vor Freiheit geht.

von: http://canada-goose-i-norge.pordy.net/

This iѕ a topic that is neɑr to my heart… Takе care! Exactly whereе are yoսr contact details though?

von: Gero

Hey du! Sry, dass ich erst jetzt antworte. Mein Leben funktioniert gerade nicht, wie ich es will und dann lasse ich viele Dinge (vorübergehend) unbeantwortet - siehe folgender Blogpost.

Aber zur Plattform-These:

Ich glaube nicht, dass der (National)Staat einfach verschwindet, sondern betrachte ihn eher auch als “einfache” Plattform. Ob ich einen deutschen, japanischen oder indischen Pass habe als Äquivalent zum Google-, Apple- oder Hotmailaccount.

Vielleicht bin ich etwas kulturwissenschaftsgeschädigt, aber ich glaube nicht, dass der Kapitalismus, sich aus Gesetzen ableitet, die in Staaten gemacht werden. Kapitalismus ist gänzlich andere Kategorie, die in völlig verschiedenen Staatsformen funktioniert (auch in wenig demokratischen Staaten, siehe China). Und Inkassounternehmen werden auch funktionieren, wenn es keinen Staat mehr gibt. Spätestens, wenn der Mailaccount gesperrt wird, weil die Rechnung nicht bezahlt ist, wird klar, dass das Einschreiten eines Staates eher die formale Herangehensweise ist.

Insbesondere supranationale Konstrukte, wie die EU oder auch der Commonwealth fassen die These der Plattform deutlich besser, als des Staates. Hier sind die Staaten nämlich selbst in einer Art “Überstaat”, die untereinander durch Verträgen handeln. Der Staat, wie es ihn heute gibt, leitet sich ja vor allem aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation, beginnend im 19. Jh. her. Und genau dieses Zusammengehörigkeitsgefühl verliert sich zunehmend und wird durch andere Zusammengehörigkeiten (wir sind auf Twitter, die da sind auf Facebook!) abgelöst. Formal werden Staaten natürlich weiter bestehen, aber die Form ändert sich stark von der Nation zur Plattform.

(Und im 19. Jh. war das Konzept Nation auch sehr fortschrittlich, vorher wurde die Welt ja im Wesentlichen von Monarchien regiert. Und erst mit der Geburt der Nation wurde der Staat, was er heute (noch) ist: eine Zusammenfassung von gleichwertigen Menschen auf einem bestimmten Gebiet.)

von: Maureen

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von: mark793

Wer nichts hat als einen Sprung in der Platte, dem erscheint die ganze Welt als Plattform. ;-)

Richtig ist, dass sich der Staat aus der sogenannten Daseinsvorsorge schon sehr weit zurückgezogen hat, und die Annahme, dass dieser Prozess noch nicht seinem Endpunkt erreicht hat, scheint mir auch nicht weit hergeholt. Aber daraus ein Verschwinden des (National-)Staates insgesamt abzuleiten, scheint mir sehr gewagt. Das riecht nach dem typischen Netz-Zentrismus, in den auch Michael Seemann gerne verfällt. Beim Verwalten, Gesetze machen und durchsetzen seiner Regelungen kann ich beim besten Willen keinen nachlassenden Eifer des Staates erkennen, im Gegenteil.

Dass einzelne administrative Teilbereiche an private Dienstleister outgesourct werden oder ein immer größerer Teil der Rechtssetzung auf europäischer Ebene stattfindet, setzt trotzdem weiterhin einen Staat voraus. Der wird bestimmt nicht von selbst verschwinden, nur weil wir Bürger vielleicht nicht mehr ganz so viel mit ihm zu tun haben wie in der Vergangenheit. Der Kapitalismus bedarf des Staates weiterhin zur Gewährleistung der optimalen Bedingungen seines Weiterfunktionierens, schon Marx hat das Stichwort vom Staat als dem “Exekutivkommitee des Kapitals” geprägt. Dass das das Kapital (oder weniger ideologisch ausgedrückt: der privatwirtschaftliche Sektor) zunehmend staatliche/hoheitliche Aufgabenbereiche übernimmt, steht dazu nicht grundsätzlich im Widerspruch.

Kurz gesagt, wenn Sie mehr nicht mehr (und bessere) Indizien als die Existenz von privaten Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern für ein Verschwinden des Staates anführen können, würde ich sagen, Ihre These schwebt ziemlich im luftleeren Raum.