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Der Unterschied zwischen Öffentlichkeit und mangelnder Privatsphäre

-Inspiriert von Hannah Arendt - Vita Activa -, dem CRE 165 “Privatsphäre” von Tim Pritlove (timpritlove), Michael Seemann (mspro) und Christian Heller (plomlompom), sowie einer Twitterdiskussion, die Anne Roth heute morgen gebloggt hat, will ich versuchen ein paar Grundbegriffe zu klären.

Im CRE bezieht sich mspro auf Hannah Arendt und ihr Hauptwerk: Vita Activa. Hier, so mspro, erläutert sie sehr genau, was Öffentlichkeit denn heißt.

Ja, das tut sie. Das tut sie so gut, dass ich das Buch an dieser Stelle auch weiterempfehlen möchte. Aber sie erklärt auch die Privatsphäre und ihre Wichtigkeit. Die widerum nimmt mspro in die “post-privacy”-Diskussion nicht mit hinein.

Hannah Arendt geht den gesamten geschichtlichen Weg von den alten Griechen über das Mittelalter, ins 18. Jh und schließlich in die Moderne. Ihre Gegenwart wird mit eingebaut (das Buch erschien 1958) in Form der “Massengesellschaft” und ihrer Auswirkungen.

Öffentlichkeit, so Arendt, war ursprünglich der politische Diskurs in der Polis, der im Stadtrat geführt wurde. Privatsphäre hingegen war das Leben in der Familie. Die Familienoberhäupter mit der Frau, Kindern und Sklaven. Dies alles gehörte nicht in den politischen Diskurs, sondern in das private Leben. Was da vor sich ging, gehe niemanden was an. Zur Privatsphäre gehöre auch alles Wirtschaften. Wodurch, so Arendt, nach der damaligen Definition, der heutige Staat nur noch eine Private Seite habe…

In der Öffentlichkeit hingegen dürfe es keine Geheinmisse geben. In dem Stadtrat waren alle “gleich”. Gleich nicht im Sinne von “sie müssen das gleiche tun”, sondern sie hatten alle die selbe Stellung. Es wurde hier als Familienoberhäupter “unter seines Gleichen” diskutiert.

Im Mittelalter gab es keine Öffentlichkeit mehr, da der König alleine regierte. Es gab strickte Ordnungen und jegliches Leben verlief “im Privaten”, da es keinen offenen Diskurs mehr gab.

Dann kam schließlich die Demokratie mit der Französischen Revolution. Hier wurde wieder eine Öffentlichkeit geschaffen. Es wurde öffentlich diskutiert.

Jean-Jacques Rousseau war es, der eine neue Unterscheidung brachte. Er beschwerte sich, dass er nur noch “Rousseau” sei und nicht meht als “Jean-Jacques” irgendwo hingehen könne.

Damit schuf er den Grundstein der modernen Unterscheidung von “Privatsphäre und Öffentlichkeit”.

Öffentlichkeit ist der öffentliche, politische Diskurs. Privatssphäre ist all das, was da nicht mit hinein gehört.

Der Mangel an Privatsphäre - also deren Errosion - ist NICHT die Öffentlichkeit.

Ein Fehler, den ich in den Diskussionen häufig feststelle, ist, dass Öffentlichkeit als Gegensatz zur Privatsphäre gestellt wird. Genau das ist aber eben nicht der Fall.

Nur weil es Menschen gibt, die vom persönlichen Toilettengang twittern, heißt es nicht, dass es in den öffentlichen Diskurs gehört und damit zum “Öffentlichen” gehört. Das ist nur ein Mangel an Privatsphäre (sofern der Twitteraccount nicht geschützt nur für Freunde zugänglich ist).

Hervorgerufen wird dieses Phänomen, so mutmaße ich, durch die “Öffentlichen Persönlichkeiten”, die es als solches nicht geben kann/dürfte.

Wer auch immer als “Öffentliche Person” gilt, hat keine rechtliche Möglichkeit mehr, sich der Bildzeitung zu widersetzen und gegen eine unvoreilhafte Veröffentlichung seiner Person zu protestieren.

Da diese “Öffentlichen Personen” aber Lady Gaga und Robbie Williams sind, wollen wir alle so sein wie die. Und da diese mit den Medien umgehen können, haben sie gelernt alles preis zu geben, um nicht mittels einer “Recherche” diffarmiert zu werden.

So twittern und bloggen viele viele Leute über das alltägliche, banale Leben und hoffen dadurch berühmt, schön und zu einem “Star” zu werden. Denn die “Stars” tun das ja auch.

Aber all dies ist NICHT die Öffentlichkeit, die Hannah Arendt in Vita Activa geschaffen hat. Das alles ist nur ein falsch vorgelebter Mangel an Privatsphäre, der den armen “Alltagsbloggern” möglicherweise mal das Leben nachhaltig versalzen wird.

Und dennoch ist es wichtig, dass Kommunikationsmittel wie Mailinglisten und Twitter nicht nur als “Privatsphärenkaputtmacher” dargestellt werden. Denn gerade hier öffnet “das Internet” eine hervorragende Möglichkeit der öffentlichen Anteilnahme.