Warum das mit der Netzpartei falsch ist

Netzpolitik ist unterkomplex. Es geht nicht um Netzpolitik, es geht um Politik. Das Internet ist ein sehr spannendes Phänomen und bedarf einer guten Regulierung. Da hinein gehören Datenschutz, das Unterbinden von Zensur und Netzneutralität.
Das Phänomen Internet stößt sich am derzeitigen Urheberrecht, so lässt sich auch da eine Reform fordern.

Damit ist das Internet aber nicht politisch abschließend behandelt. Das Internet drängt auch in Bildungs- und Sozialpolitik, in Wirtschaft- und Medizienpolitik. Aus der technischen Erneuerung “Internet” folgen weitere Phänomene wie dem “Peak Labour“.
Das Phänomen “Internet” lässt sich nicht ohne die Gesellschaft denken, die es nutzt und prägt. Politische Forderungen können nicht am Netzwerkkabel enden. Es gibt auch kabellos Internet. Und es gibt auch Menschen ohne Internet. Wir müssen Politik umfassend denken.

Lange haben wir uns unsere eigenen Untergrund gebaut “im Internet”. Wir müssen erkennen, dass es diesen Untergrund nicht mehr gibt und Politik komplexer ist, als nur seine Spielwiese zu verteidigen. Es ist richtig und gut komplexere politische Forderungen zu entwickeln und zu vertreten.

Piratenpartei – Postdemokratie

Seit Wochen wird in der Partei gesülzt. Dieses Gesülze (allem voran die Überbewertung der FDGO) ist im platonischen Sinne leer.

Die Begrifflichkeiten, die genutzt werden dienen nur als gut klingende Superlative. Es ist häufig unklar, was die Begriffe überhaupt bedeuten.
Die Aushöhlung von Begriffen ist ein fundamentaler Pfeiler der Postdemokratie im Sinne von Colin Crouch.

Was also seit Wochen in der Partei diskutiert wird ist leer, weil bedeutungslos, und führt in die Postdemokratie.

Es geht nur noch um Superlative und Wichtigtuerei. Es geht darum noch krassere Begrifflichkeiten zu finden (“Stalinismus” & “Nazi”).

Diese “Diskussionen” sind keine Diskussionen. Philosophisch ist es nicht mal ein Dialog. Es findet keine Vermittlung statt. Es ist leer, wie Merkels Null-Phrasen.

Das ist es, wo die Piratenpartei angekommen ist. Wollt ihr das?

Wenn nicht: lasst es. Lasst das leere Diskutieren sein. Denkt darüber nach, welche Begriffe ihr nutzt. Denkt die Begrifflichkeiten nach. Ihr müsst keine Neuen erfinden, es reicht, wenn ihr die Gedankengänge vorheriger Denker nachdenkt. Ohne Denken gibt es keinen Dialog. Wir waren mal die, die “Denkt selbst!” plakatierten. Es wäre schön, wenn zumindest “Denkt nach!” in der Partei funktionieren würde.

P.S.: Im Übrigen wird die FDGO gerade ausgehüllt. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit eurer Empörung, richtet sich doch bitte dahin.

FDGO-Rant

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist gut. Das Grundgesetz ist gut. Eine Überbewertung sollte trotzdem nicht stattfinden.

Seit Tagen geht die durch meine Timeline. Gestern kurzrantete ich dazu unterkomplex (und löschte ihn deshalb später wieder), heute ausführlich.

Die Forderung, dass die Piraten sich auf die FDGO besinnen sollen, ist quatsch. “Wir” sind die Grundrechtspartei. Mehr FDGO geht nicht. Es ist sogar wichtig, davon einen gewissen Abstand zu waren, denn eine Überbewertung führt dahin, was die FDGO selbst verhindern soll: den Totalitarismus.

Totalitarismus ist der Zustand den eine Gesellschaft einnimmt, wenn alles Handeln der gesamten Gesellschaft sich einer “totalen” Ordnung unterwirft.

Um Totalitarismus zu verhindern, ist es wichtig, einer Gesellschaft Rückzugsräume zu lassen. Um Totalitarismus zu verhindern ist es wichtig, dass Menschen sich ins Private zurückziehen können und auch anonymes handeln muss möglich sein. Das ist der Grund, warum wir uns gegen Totalüberwachung wehren. Totalüberwachung (wie z.B. die Vorratsdatenspeicherung) sorgt dafür, dass eine Gesellschaft ihre Rückzugsräume verliert und eine Ordnung sich “totaler” auf die Gesellschaft auswirkt. Dies gilt es im Sinne der Demokratie zu verhindern.

Wer auf einer einzelnen Rechtsordnung (wie der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung) einen gesamten Staat begründet, wird einen totalitären Staat begründen.

Das Rechtssystem im Rechtsstaat ist ein gemeinschaftlich ausgehandeltes System und gilt mittels Verfassung (Grundgesetz) für alle Menschen, also auch für die, die konkrete Rechtsnormen ablehnen.

Moral ist die innere Freiheit eines Menschen. Moralische und rechtliche Gesetze können unterschiedliche Handlungen schlussfolgern. “Im Zweifel für die Freiheit” und “Im Zweifel für die Pluralität der Meinungen” bedeutet, dass die moralische Handlung im Zweifel richtig ist und über der Handlung der Rechtsnorm steht.

Etwas polemisch, aber sehr schön hat dies @jselzer auf der Sigint 2012 ausgeführt (ab 22:08):

Es geht nicht um das Gesetz, sondern um die Gedanken, die ins Gesetz einst eingeflossen sind. Es ist in Ordnung, sich im Zweifel darauf zurück zu ziehen, aber die Welt verändert sich und Gesetze müssen anpassungsfähig bleiben. Wenn kein Zweifel besteht, sondern ein ernsthaftes Problem, ist es wichtig, sich nicht der Gesetzestreue zu unterwerfen, sondern das moralisch Gute zu tun.

Philosophiezirkel: Postkante

Kant, der wohl bekannteste deutschsprachige Philosoph, ist uns zu wenig. Deshalb sind wir Post-Kant. Und weil wir ein wenig grotesk sind, sind wir Postkante.

Wir wollen philosophieren und laden dazu ein, mitzuphilosophieren. Wir wollen einen regelmäßigen Turnus haben, in dem wir uns Treffen. Am Ende jedes Treffen wird das Thema für das nächste Treffen festgelegt (und auch über die Mailingliste kommuniziert), damit sich alle zum nächsten Treffen vorbereiten können. Ein kurzes Referat soll das Thema vorstellen und anschließend diskutiert werden.

Außerdem haben wir vor, Themen in Blöcken zu bearbeiten, sodass mehrere Treffen hintereinander aufeinander aufbauen, bevor wir ein komplett neues Thema angehen wollen.

Das nächste Treffen wird am Montag, 17.03 um 19.00 Uhr in der Stiftung Johanneum, Tucholskystraße 7, 10117 Berlin, stattfinden. Thema wird die Letztbegründung von Ethik im Allgemeinen und die Letzgebründung in der Diskursethik nach Karl-Otto Apel im Speziellen sein.

Wir haben eine Mailingliste eingerichtet, um Termine und Themen zu kommunizieren. Wenn ihr mitmachen wollt, tragt euch in die Mailingliste ein und kommt vorbei!

[update 2014-03-05]
Der Termin am 17.03 bedeutet übrigens nicht, dass zukünftig alle Treffen am Montag stattfinden, sondern ist der nächste Termin, der den Gründungsmitgliedern passte. Der regelmäßige Termin wird ausgedoodelt werden.
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Wandel

“Change!” – Obamas Wahlkampfmotto hat sich weit verbreitet. Überall fordern Menschen Wandel, dabei ist die Forderung nach “Wandel” falsch. Wandel alleine sagt nichts aus. Wandel lässt sich nur für konkrete Vorhaben fordern. Ein Wandel in der Asyl- oder Wirtschaftspolitik ergibt Sinn. Wandel alleine ist unvollständig.
Wandel im ganz Großen gibt es nicht einzeln. Wandel ist immer, denn irgendwas verändert sich immer. Diesen Wandel zu fordern ergibt keinen Sinn. Politik muss nicht vorgeben, wie sich die Welt zu verändern hat, sondern muss den Rahmen schaffen, wohin sich die Welt verändern kann. Politik kann nicht auf jede einzelne Entscheidung eingehen, sondern muss immer die großen Gesellschaftsänderungen beobachten und darauf reagieren. Den Wandel fordert, wer selbst agieren will und das große System verändern will, denn alles andere passiert aus der Eigendynamik der Gesellschaft her und braucht keine grundlegend neue Politik. Dann muss Wandel aber wirklich konkret werden. Was genau soll sich verändern?
Es ist eine leere Phrase nur den “Wandel” zu fordern, ohne zu sagen, welchen.
Wir, die Piratenpartei, fordern immer wieder den “Wandel”, aber niemand weiß, was genau damit gemeint ist. Wir werden selten konkret oder verbleiben nur in der Reaktion und fordern eine Anpassung vorhandener Gesetze. Wir fordern oft, dass sich Gesetze wieder auf die Grundrechte im Grundgesetz rückbesinnen sollen. Diese Forderung kann kein Wandel sein. Es ist eine Reaktion auf eine veränderte Welt, aber kein Wandel, der grundlegend die Politik verändert.

Der “digitale Wandel” ist kein Wandel. Es gibt einen technologischen Fortschritt, der auf die Gesellschaft Auswirkungen hat. Der technologische Fortschritt hat kein Anfang und kein Ende – beides ist notwendig für den Wandel. Erst wenn anhand dieses Fortschrittes ein neues Gesellschaftskonzept entwickelt wird, ist es ein konkreter und umsetzbarer Wandel.
Wenn wir (Piraten) einen Wandel fordern, beziehen wir diesen im Allgemeinen auf den technologischen Fortschritt. Der Wandel muss also ein konkretes Gesellschaftskonzept beinhalten. Dieses Konzept spiegelt sich in vielen unserer Anträge wieder, aber wurde nie ausformuliert. Der Wandel, den wir fordern muss auch Phänomene wie Peak Labour beinhalten. Alles, was aus dem technologischen Fortschritt absehbar ist.

Ich denke darüber nach dieses Gesellschaftskonzept mal auszuformulieren und in ein Buch zu schreiben. Was haltet ihr davon? (Vielleicht schreibt ja @mspro gerade dieses Gesellschaftskonzept in “Das Neue Spiel”, aber gefühlt ist seine Konzeption doch eine andere.)

Statement

Ich habe gestern Abend ein Statement geschrieben:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die demokratische Willensbildung darf niemals unterdrückt werden. Die Menschen sind der Souverän. Regierungen und Verwaltungen sind eine Dienstleistung für Menschen, um ihnen die Möglichkeiten zu geben, sich selbst zu organisieren. Es widerspricht dem Gedanken der Demokratie zutiefst, sich gegen diese Menschen zu stellen.

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Wenn sich die Staatsgewalt gegen die Menschen stellt, ist die Grundlage der Demokratie zerstört.
Im Zweifel für die Freiheit. Im Zweifel für die Pluralität der Meinungen.

Wir fordern dazu auf, anhand dieser Grundsätze tiefgehende Demokratisierungsprozesse einzuleiten und alles Handeln der Exekutive streng demokratisch zu kontrollieren.

Im Übrigen hassen wir Faschismus.

@tollwutbezirk und ich wollten ein Statement zu den Protesten auf dem Maidan schreiben. In einem Piratenpad. Halbfertig ging das Pad in den Orgastreit.
Dann schrieb ich ein neues Statement. Es wurde genereller. Es ist ein Statement, dass sowohl Janukowitschs Rücktritt fordert, als auch klar macht, dass wir uns mit den Demonstrierenden solidarisieren und uns gleichzeitig von den ebenfalls dort demonstrierenden Nazis distanzieren.

Es ist auch ein Statement zum #Bombergate: “Im Zweifel für die Freiheit. Im Zweifeln für die Pluralität der Meinungen”.

Meinung ist eine politische Äußerung im bereich der qualifizierten Freiheit. Meinung ist ein Vorschlag, wie die Welt besser sein könnte. Meinung ist nur so lange Meinung, wie sie nicht tiefgehend in das Leben eines anderen Menschen eingreift. Mobbing, Verleugnung, Beleidigung ist keine Meinung.

Ich schrieb im letzten Mai: Piratenpratei – fail by design. Ich muss mich korrigieren. Ich erkenne kein Design. Ich erkennen nur noch fail. Die Piratenpartei ist eine Akkumulation von Antipattern – von Ansammlungen, wie es nicht gemacht werden sollte. Und ich habe keine Ahnung, wie sich dies beheben lässt.

Die Partei arbeitet fast ausschließlich mit Ehrenämtern. Es gibt keine Möglichkeit ehrenamtlich tätigen Personen gegenüber Weisungen zu geben und Konsequenzen zu ziehen. Diese Ehrenämter sind unsere Regierung und die drehen gerade durch – und wir haben keine Möglichkeit sie wieder einzufangen. Womit soll der BuVo der IT denn drohen? Die IT hat den BuVo in Geiselhaft genommen – aber die IT haben wir nie gewählt, geschweige denn, dass wir (die Basis) ihnen gegenüber weisungsbefugt sind. Wir brauchen auch intern die Demokratisierungsprozesse unter strenger demokratischer Kontrolle.

Die Piratenpartei ist nicht arbeitsfähig. Einzelne Mitglieder können einzelne Themen bearbeiten und erzeugen damit regelmäßig wirklich gute Aktionen, aber die Partei als Struktur ist zerstört. Es geht nicht mehr.

Peak Labour

Die SPD will also Netzpartei werden. Nun ja, nur zu, denn Netzpolitik wird als solche verschwinden. Wir (die bisherigen Netzpolitiker) haben mit “Netzpolitik” einen deutlich zu kleinen politischen Bereich bearbeitet. Wir haben den digitalen Wandel unterschätzt. Wir müssen nochmal von Vorne anfangen und die Skala vergrößern.

Der digitale Wandel wird alles verändern.

Unsere anfängliche Idee, uns um das Internet kümmern zu wollen und um die Probleme, die direkt mit der Nutzung des Internets zusammenhängen, ist zu klein. Wir müssen auch alle Veränderungen mitdenken, die mittelbar durch das Internet entstehen. Wir können uns nicht auf Netzneutralität, Datenschutz und Urheberrecht begrenzen. Wir müssen auch Wirtschafts- und Arbeitspolitik mitdenken. Wir müssen auch Verkehrspolitik und Gesundheitspolitik bedenken. Und das größte Problem, dass der digitale Wandel mitbringt ist nicht der Wandeln von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft, sondern das größte Problem ist, dass wir der digitale Wandel die Industriegesellschaft abschaffen wird, ohne neue Gesellschaftsformen zu bilden, die den vielen Menschen Arbeit gibt. Das größte Problem ist, dass sich die Gesellschaft so nachhaltig verändern wird, dass es für viele Menschen keine Arbeit mehr geben wird.
Es ist nett, dass die SPD jetzt anfangen will, sich auch um das Internet zu kümmern, aber die SPD ist leider zu spät. Die Lösungen für das Internet haben wir schon seit 5 Jahren. Wir brauchen jetzt eine Politik, die sich mit dem Peak Labour beschäftigt. Wir brauchen jetzt Lösungen, wie wir mit der gewaltigen Massenarbeitslosigkeit umgehen werden, die uns in der Zukunft bevorsteht. Die Politik muss jetzt die Lösungen finden, wie Gesellschaft ohne Arbeit aussehen soll.
Der bisherige Gesellschaftsvertrag hat ausgedient. Und das nicht nur, weil die Bevölkerung immer älter wird, sondern auch, weil immer weniger Menschen in der Bevölkerung von ihrer Arbeit leben können. Mindestlohn ist eine gute Idee, aber auch die funktioniert nur so lange, es überhaupt Arbeitsplätze gibt. Unsere Arbeit wird aber zunehmend mehr von Maschinen übernommen.
Es ist eine Frage, wie wir mit diesem Fakt umgehen, nicht, wie dieser Fakt genau aussehen wird.
Es ist eine Frage, ob wir die Bevölkerung in überholte Gesellschaftsverträge pressen wollen, oder ob wir es uns wagen neue Gesellschaftsverträge anzugehen.
Wenn die SPD jetzt Netzpolitik gestalten möchte, kommt sie 5 Jahre zu spät. Wir können nicht mehr alleine über Netzpolitik reden, wir müssen neue Gesellschaftsideen diskutieren, die den digitalen Wandel umfassend mitdenkt.
Und es gibt da ja durchaus Ideen, wie das bedingungslose Grundeinkommen, das lange noch nicht ausdiskutiert ist, aber immerhin eine Idee ist, die vielleicht funktionieren könnte.
Wenn die SPD sich nun also endlich mit dem digitalen Wandel beschäftigen möchte, muss sie das auf einer größeren Skala machen und sich selbst und ihre Grundwerte grundsätzlich hinterfragen. Die Labour-Bewegung neigt sich zum Ende. Die Sozialdemokratie als Arbeiterbewegung hat ausgedient. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, keine neue Netzpolitik. Die haben wir schon.

Großwudicke

Ich weiß nicht weiter

Dies ist ein Depressions-Blogpost in Anlehnung an das Lied von hier an Blind der Helden.
Mir geht es schlecht und ich weiß nicht weiter und weil ich nicht weiter weiß schreibe ich mal auf, wo ich nicht weiter weiß. Vielleicht wird es konfus. Meine Probleme sind multikausal und komplex. Meine Mutter müsste mehrfach erwähnt werde, die ich aber explizit nicht erwähne, um die Thematik etwas zu vereinfachen.

Mein Vater wurde Anfang letzten Jahres krank. Als absehbar wurde, dass es sich um einen längeren Krankheitsprozess handeln würde, habe ich mich aus der aktiven Politik zurückgezogen, um mehr daheim sein zu können und mich um ihn und den Landwirtschafts- und Ferienhof kümmern können. Bis Ende August war ich beim Elektrischen Reporter arbeiten. Den September wollte ich mir für Uniprüfungen und meinen Vater und den Hof frei nehmen. Die Krankheit wurde schlimmer und mein Leben konfuser, sodass ich seit Ende August keiner geregelten Arbeit mehr nachgehe. Bis Anfang November sprach ich mehrfach mit meiner Familie, dass ich mein Studium an der Fernuni auch aus Schollene (das ist das Dorf, wo ich aufgewachsen bin und wo unser Hof ist) fortführen kann und anbiete, mich fest um den Ferienhof zu kümmern, wenn wir klären, dass ich davon leben kann. Diese Klärung zog sich lange hin und irgendwann musst ich (mit viel Hilfe meines Therapeuten) erkennen, dass es eine schlechte Idee ist, mein bisherige Leben gänzlich aufzugeben für den Verlauf einer Krebskrankheit, deren Ende nicht absehbar ist.

Anfang November zog ich mich dann weitestgehend vom Hof in Schollene zurück, um mich wieder meinem Leben zu widmen. Dem Studium und einem Job, von dem ich leben kann. Ich fand keine passende Gelegenheit wieder beim Elektrischen Reporter einzusteigen, war mir aber auch nicht so sicher, ob ich das eigentlich will, oder ob ich nicht einen anderen Job suche. Dann gab es einen neuen Krankheitsschub bei meinem Vater, sodass ich 3 Tage am Stück mit im Krankenhaus verbrachte, bis klar war, dass er kein Morphium verträgt. Danach war ich auf der “Woche der Philosophie” in Hagen, dann in Bremen alte Bekannte treffen, zurück in Berlin und wieder in Bremen auf dem Bundesparteitag. Zurück in Berlin verbrachte ich die meiste Zeit mit krank im Bett liegen. Dann kam Weihnachten bei meiner Familie. Am vierten Tag des 30c3 kam die Nachricht, dass mein Vater daheim verstorben ist.
Mein Cousin aus Dänemark nahm mich aus Hamburg mit nach Schollene. Silvester bin ich zurück nach Berlin gefahren um Zeit für mich und zum Realisieren zu haben. Am 10. Januar war die Beerdigung mit etwa 200 Gästen. Die Tage, die ich in Schollene war, haben wir über das aufzuteilenden Erbe gesprochen. Explizit über das Erbe habe ich länger mit @arte_povera und @rhotep gesprochen und eine für mich akzeptable Lösung gefunden. (Danke an dieser Stelle diesen beiden wunderbaren Menschen für die Unterstützung! Ihr habt mir sehr geholfen.)

Status quo: Depression. Ich kriege mein Leben nicht auf Reihe. Weder kümmere ich mich ordentlich um mein Studium, noch darum, einen neuen Job zu bekommen. Ich kümmere mich weder um Kindergeld und Halbwaisenrente noch räume ich mein Zimmer auf. Ich öffne keine Post mehr und habe Angst vor Rechnungen, die mein letztes Geld auffressen. Ich komme damit noch etwa 2 Monate hin.
Irgendwann werde ich ein 3-Familien-Haus in Schollene erben, aber wann genau das sein wird, ist unklar. Von den Mieterlösen sollte ich mein Lebensstandard halten können, aber werde weder Rücklagen für das Haus bilden können, noch ist das die tatsächliche Lösung für meine derzeitige Lage. Und auf Dauer möchte ich mich eigentlich auch nicht um ein Haus in Schollene kümmern.

Mit dem Tod meines Vaters hat sich gefühlt meine Familie aufgelöst. Zwar beteuern alle, jetzt besonders zusammen zu halten und sich gegenseitig helfen zu wollen, aber mein Gefühl sagt mir, dass sich der Zusammenhalt meiner Familie auflöst.
Ich weiß nicht, wo ich hingehöre und weiß nicht, wo ich hin möchte. Mir fehlt ein Rückzugsraum. Ich habe eine wunderbaren Mitbewohner, aber dieser Tage denke ich viel darüber nach, mir eine eigen Wohnung zu suchen, um besser allein sein zu können – auch wenn ich mir sicher bin, dass das alleine nicht die Lösung sein wird.
GA ist mir seit Monaten eine unfassbare Stütze und hilft mit sehr. Ich weiß nicht, wie ich ihm dafür angemessen Danken kann. Ich weiß auch nicht, ob er mein Familienersatz sein möchte – und auch nicht, ob ich ihn als Familienersatz haben möchte.
Häufig denke ich darüber nach, wieder zu reisen. Nach San Francisco, Marseille, Istanbul, Hongkong oder Goa. Ich denke darüber nach den Jakobsweg zu pilgern oder nach China in ein Shaolin-Kloster zu gehen. Ich denke darüber nach, meine Depression wegzustressen und mich als Ersatzhandlung wieder völlig der Politik zu zuwenden und auf Ämter und Mandate zu kandidieren.
Ich will wieder Musik machen und Theater spielen. Außerdem will ich mein Studium beenden und wieder einen geregelteren Alltag mit Erwerbsarbeit nachgehen. Und ich will wieder mehr nerden und Software coden.

Aber all das kriege ich gerade nicht geregelt und priorisiert. Es fängt damit an, dass mir die Kraft fehlt, mich um mein Kindergeld und Halbwaisenrente zu kümmern. Ganz zu schweigen von der anstehenden Steuererklärung. Wenn ich eine eigene Wohnung haben will, muss ich mich auch darum kümmern. (Und dafür fehlen mir gerade die Gehaltsnachweise). Ich brauchen eine Impuls, der meiner Welt die Drehung zurück gibt, aber ich weiß nicht, wo ich nach dem Impuls suchen soll.

Und ohne Impuls mache ich gar nichts und bleibe Tage lang im Bett liegen. :-/

Schließen möchte ich den Blogpost mit einem anderen Lied von Wir sind Helden: Bring mich nach Hause


Nachtrag:


Ihr seid toll. Danke für die vielen lieben Menschen, die sich per Mail, DMs, Mentions und SMS gemeldet haben. Ihr gebt mir viel Kraft und sagt mir sehr deutlich, dass es auch in Ordnung ist, langsamer zu sein. Ich kommuniziere gerade wenig, merke aber, dass es mir hilft, einfach Zeit zu haben. Bitte setzt mich nicht unter Druck und taucht nicht einfach vor meiner Tür auf. Ich brauche meinen Rückzugsraum und werde wohl auch noch die nächsten Tage und Wochen Termine sehr kurzfristig absagen, weil mir einfach nicht danach ist. Ich bitte euch darum, mir das nicht übel zu nehmen.

Aber: ich glaube, ich komme voran – wenn auch nur sehr langsam. Gestern habe ich mich an meiner Uni zurückgemeldet und eine Prüfung abgesagt, heute schreibe ich einen Vortragsentwurf für die re:publica. Viel mehr als einen Task kriege ich gerade nicht hin, aber vielleicht musst ich das auch gar nicht. Ich nehme mir für morgen vor mein Zimmer aufzuräumen und zu putzen und will mich Samstag an die vielen Formular für die Halbwaisenrente setzen. Vielleicht kümmere ich mich dann Sonntag um mein Kindergeld und nächste Woche dann wieder inhaltlich um mein Studium. Vielleicht bleibe ich aber auch noch zwei Tage länger einfach im Bett und schiebe alles noch etwas auf. Aber ich habe (dank euch) das Gefühl, dass ich dabei nichts falsch mache, sondern mir nur gerade Zeit lasse.

P.S: Der Person, die vor meiner Wohnungstür stand: bitte habe Verständnis dafür, dass ich dich nicht rein ließ. So geht das nicht und ich habe arge Zweifel, dass du mir mit diesem Verhalten wirklich helfen kannst. Lass mir bitte meine Zeit!

These: Staaten werden durch Plattformen abgelöst

Ich denke immer mal wieder über die Plattformneutralität, wie von mspro beschrieben, nach. Ich bin mir sehr unschlüssig, ob tatsächliche Neutralität der Plattform überhaupt möglich ist, aber zumindest das Konzept “Plattform” erscheint mir sehr schlüssig. Wir alle bewegen uns auf Plattformen. Server-Infrastruktur, die in den meisten fällen doch irgendwo gemietet ist (in meinem Fall bei den großartigen Ubernauten), Betriebssysteme, soziale Netzwerke (Twitter, Facebook, G+, tumblr oder soup.io?) – aber auch im RL gibt es überall Plattformen. Wer ein neues Regal braucht, baut das nur sehr selten selbst zusammen, sondern schnell führt der Weg zu IKEA. Wir haben zunehmend weniger eigenen Autos, sondern sind Kunden einer Mietwagenfirma. Und wenn wir erst Kunde sind, wechseln wir nur noch sehr selten. Nicht zu vergessen die Bahn oder die verschiedenen Fluglinien (die sich ja selbst auch schon Allianzen geschmiedet haben), die es gibt.

Das alles sind Plattformen für einen Dienst. Meine These ist, dass diese Dienste immer weiter miteinander interagieren und damit größere Plattformen bilden. Google übernahm erst die Suchmaschine, dann das Smartphone. Mit der Übernahme von YouTube, Nest oder Dynamics Boston zeigt sich, wie sehr die Plattform Google gerade wächst. Samsung ist eine andere Plattform, die einen Haushalt gut von Smartphone über den Kühlschrank bis zum Auto abdeckt.

Wenn Google nun mit der Bahn und Samsung mit Lufthansa Verträge schließt, wird es darauf hinaus laufen, dass Bahntickets an Google-Kunden günstiger verkauft werden und Samsung-Kunden in der Lufthansa billiger fliegen. Betriebseigene Kindergärten gibt es in großen Konzernen schon lange. Die Frage ist, wann diese Kindergärten auch auf Poweruser ausgeweitet werden. Wenn diese Entwicklung noch Krankenhäuser und Schulen erfasst, stellt sich die Frage, wofür Staaten eigentlich noch da sind.
Löst der Kapitalismus damit den Nationalstaat ab? Werden wir statt eines Reisepasses in Zukunft mit Samsung- oder IKEA-ID durch die Welt reisen?

Space

Mir fehlt ein Platz zum Sein. Ein Platz für Kunst, für Musik, für Theater, für Bücher und für Technik. Ein Platz zum Leben. Ich kenne einige Hackerspaces und ich werde nie so richtig warm mit ihnen. Die Ausrichtung eines Hackerspaces liegt mir zu sehr auf Technik und zu wenig auf Kultur.

In Essen wäre ich Stammgast im Unperfekthaus, aber in Berlin fehlt mir ein derartiger Platz. Deshalb überlege ich einen derartigen “Space” zu gründen. Und um zu gucken, ob es Mitstreiter*innen dafür gibt, schreibe ich diesen Blogpost und gucke mal, was ihr von der Idee haltet und wer vielleicht mitmachen möchte. Anregungen in die Kommentare, per Mail oder Twitter.

Ein Space für Bandproben, Theatergruppen, gemeinsames Kunstschaffen, Hacken oder einfach mal in der Ecke sitzen, Bücher lesen und ausprobieren. Was es braucht? Den Ort selbst und Leute, die sich mir anschließen wollen um diesem Space zu gründen und zu gestalten.

[Update 2014-02-27]
Ich habe mal ein Doodle aufgemacht um Interessierte zusammen zu bringen. Tragt euch ein, wenn ihr mitmachen wollt!
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[Update 2014-03-20]
Wir treffen uns am 25.03.2014 um 20.00 Uhr im Prassnik. Alle Interessierten am Space/Salon sind herzlich eingeladen :)
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