2011


 

Die Grünen haben gewonnen! - und sollten mit den Piraten zusammengehen

Die Grünen haben gewonnen. Glückwunsch!

Atomkraftwerke werden abgeschaltet, Angela Merkel(!) betreibt internationalen Natur- und Klimaschutz. Die CO2-Emissionen sollen international begrenzt werden. Seit einiger Zeit gibt es einen Wandel bei den Grünen. Von der 1-Themen-Naturschutzpartei zu einer Volkspartei. Ein Vollprogramm haben sie schon lange - und gelten inzwischen auch als Gesprächspartner zu jedem Thema - nicht nur Umweltfragen oder Atompolitik. Die Frage ist aber, was für eine Aufgabe hat eine grüne Partei? Die “wofür”-Frage. Wofür braucht es ausgerechnet die Grünen?

Ich mag die Grünen und habe sie gewählt, (damals noch in BaWü, nach Berlin zog ich zu spät um auch hier wählen zu dürfen) und kann mir gut vorstellen sie auch wieder zu wählen. Sogar gearbeitet habe ich für sie, gerne. Ich halte die Partei insgesamt für sehr fähig und inzwischen auch ganz gut organisiert. Da wird gearbeitet, da entsteht Politik. Das finde ich gut.

Eines der neueren Themen bei den Grünen ist die Netzpolitik und ich bin der Meinung, die Grünen machen eine hervorragende Netzpolitik. Es ist allerdings nicht das Thema, was alle zusammenbringt, sondern eher eines, was von ein paar wenigen bearbeitet wird.

Anders ist das bei den Piraten. Da gibt es keine Netzpolitik, da alles im Netz stattfindet. Netzpolitik wird nicht mehr thematisiert, sie ist essentielle Arbeitsgrundlage. Ohne Netz geht nichts mehr. Sie sind die erste Partei, die es verstanden hat auf das Netz aufzubauen und es nicht nur zu integrieren. Dies ist natürlich leicht gesagt, denn die Grünen haben ihre Parteiarbeit aufgenommen und Arbeitsabläufe geschaffen lange bevor das Internet zu einem Massenphänomen wurde. Ihnen einen “Netzpolitk machen aber nur wenige”-Strick zu drehen ist unfug.

Ich frage mich, warum es zwei Parteien braucht, die um die selbe Gesellschaftschicht wahlkämpfen. Seit der Abgeordnetenhauswahl sind die Piraten “etabliert” und fangen seit dem ganz mächtig zu wahlkämpfen an. Da wird verbal gehauen und gestochen, dass man meinen könnte, nächsten Sonntag wäre Wahl. Gehauen und gestochen wird gegen alle “alten” Parteien. Die SPD hat zu ihrem Bundesparteitag ganz ordentlich ihr Fett weg bekommen - aber gerade die Grünen werden in einer Vehemenz attackiert, für die mir jedes Verständnis fehlt. Nun ist das natürlich mies von der ARD Bärbel Höhn gegen Christopher Lauer zum Thema Internet zu reden, wenn der (inzwischen twitterweit bekannte) Peter Altmeier noch daneben sitzt. Allerdings lassen sich auch die Grünen eher ungern die Brot vom Butter nehmen. Nun sind sie endlich groß, da kommen die Piraten und dampfen den Erfolg ganz gut zusammen. Es Rumort bei den Grünen, allerdings wissen sie aus der politischen Erfahrung heraus (die den Piraten noch fehlt), dass es noch dauert, bis die nächsten Wahlen kommen. Entsprechend vorsichtig wird zurückgeschossen. Man könnte meinen die Grünen wissen um ihre Anfangsfehler und warten darauf, dass die Piraten die selben wiederholen. Den Tweets aus dem Abgehordenetenhaus zu folge wird da auch ganz ordentlich gemeutert - und ob das 2 Jahre bis zur Bundestagswahl (die nächste wichtige Wahl) durchhält, wage ich von Zeit zu Zeit zu bezweifeln.

Nun bin ich noch immer parteilos (aus Gründen), aber netzpolitisch aktiv. Ich will die Integration, wie die Grünen die Netzpolitik gerade in ihrer Partei etablieren auf die Gesellschaft übertragen, wie die Piraten es schon haben. Ich frage mich aber immer wieder, warum man dies nicht gemeinsam tun kann. Warum braucht es zwei Parteien, die sich in weiten Teilen sehr ähneln, um sich gegenseitig die Suppe zu versalzen, statt gemeinsam für eine positive Zukunftsvision zu kämpfen?

Ja, es gibt ganz erhebliche Unterschiede, was die Frauenpolitik angeht. Die Grünen haben gefühlt schon immer eine Frauenquote. Die Piraten nicht einmal richtige Frauenpolitik. Es schwebt der Begriff “postgender” über den Piraten - wobei sie sich wohl auch bewusst sind, dass hinter den Rechnern doch Menschen zweier Geschlechter sitzen. Ich nehme die Piraten nicht als antifeministisch war - eher als krass utopisch, auch ohne Frauenquote Geschlechtergleichberechtigung herzustellen. Leider mangelt es noch an der konkreten Idee, wie man diese Utopie Wirklichkeit werden lassen kann. Neben der Geschlechter-Politik fällt mir allerdings auch kein anderes Thema ein, in dem die beiden Parteien sich fundamental unterscheiden.

In diesem Sinne würde ich gerne eine Verschmelzung beider Parteien sehen - für eine positive Zukunftsvision, mit der eingefahrenen, gut funktionierenden Struktur der einen und den (ein Stück weit) revolutionären Köpfen der anderen. Ich behaupte, das Ergebnis würde gut werden. Und ich würde (bestimmt) Parteimitglied werden. (Die Piraten mögen zwar eine doppelte Parteimitgliedschaft erlauben, die ist allerdings nicht viel wert, da die Grünen dies nicht tun *hint*.)

P.S. Ich habe mich hier sehr stark auf Netzpolitik bezogen, weil ich aus eben dieser Ecke komme. Und, weil ich Netzpolitik für essentiell halte, wenn es um die Zukunft geht. Nichts (auch keine Weltwirtschaftskrise) wird die Welt in den nächsten 25 Jahren so sehr verändern, wie die fortschreitende Technik. Und mit Technik haben sich seit jeher beide Parteien intensiv beschäftigt - wenn auch nacheinander.

Kommentare

von: korbinian

ich habe die grünen auch öfters gewählt bevor ich 2009 zu den piraten gekommen bin, sie war immer die partei der geringsten schmerzen für mich. erst in den letzten jahren bin ich aber drauf gekommen dass die grünen eigentlich überhaupt nicht (mehr?) meinem weltbild und meinem lebensstil entsprechen. inzwischen sehe ich sie als eher konservative, aber im gegensatz zur union weltoffene partei, die gerne dinge einschränkt und reglementiert. die piraten sehe ich als progressive, linksliberale partei, die möglichst viel individuelle freiheit anstrebt ohne so assozial wie die heutige fdp zu sein. wenn man sich die piraten anschaut fällt auf dass die allermeisten die vorher in anderen parteien aktiv waren aus der fdp kommen. witzigerweise ist aber die größte programmatische überschneidung mit der linkspartei da. folgerichtig sind linke-piraten bündnisse auch die bisher häufigsten. ich sehe die piraten von der ausrichtung her daher weniger in konkurrenz zu den grünen als zu fdp und linkspartei, auch wenn sich die wählerchichten stark ähneln. egal wie absurd es erscheinen mag: es gibt glaube ich ein großes wählerspektrum das sich nicht zwischen liberalismus und kommunismus entscheiden kann, und gut bei uns aufgehoben ist :)

von: Stadler

Das was Du beschreibst, lässt sich auf das Verhältnis SPD und CDU auch übertragen. Sie kämpfen in erheblichen Teilen um dieselben Wähler und unterscheiden sich in ihrer Grundhaltung kaum mehr, auch wenn einige Sozialromantiker noch etwas anderes glauben.

Mich persönlich stört eine größere Vielfalt in der Parteienlandschaft nicht und allein deshalb begrüße ich das Auftauchen der Piraten. Sie versetzen das Establishment, zu dem die Grünen längst gehören, in Unruhe und das ist gut und notwendig. All das wäre mit einem Schlag weg, wenn die Grünen und die Piraten sich zusammenschließen. Hast Du Dir mal überlegt, was bei den Grünen tatsächlich vom Bündnis90 übrig geblieben ist?

Die Grünen sind für mich die wichtigste politische Kraft in diesem Land in den letzten 30 Jahren und die beiden große Parteien mussten entscheidende Teile der Programmatik der Grünen übernehmen, um überhaupt mehrheitsfähig zu bleiben. Mittlerweile wirken die Grünen auf mich allerdings einen Tick zu selbstgefällig. Die Piraten bieten ihnen die Chance das wieder abzulegen. ;-)

von: isarmatrose

warum entfolgst du mich, wenn wir doch genau die gleiche meinung haben? ;-) das die piraten ahnung von netzpolitik haben, bestreite ich ja nicht, aber es gibt halt mehr im leben als netzpolitik, so wichtig das auch ist, so dass eine partei sich auch mit mehr themen beschäftigen sollte.

die piratenpartei hatte zwei jahre dafür zeit, der parteitag in offenbach hat aber gezeigt, dass sie das einfach nicht können. da gibt es sozialpiraten, denen ein bedingungsloses grundeinkommen wichtig ist und sich da ernsthafte gedanken zu machen, bevor es aber eine gefestigte und meinung mit begründung gibt, stimmt die partei lieber ab und gibt ihr ja zu einer sache, von der sie noch keine vorstellungen hat, wie das gehen soll. grund dafür ist dieses undemokratische system, dass jeder abstimmen darf, der da ist. susanne wiest hat diese schwäche genutzt und versucht nun über die piratenpartei, nachdem sie zweimal an demokratischen hürden gescheitert ist, ihre vorstellungen durchzusetzen.

diejenigen, die gerne eine andere politik machen wollen, können dies ja locker auch bei den grünen versuchen, wo eine vernünftige basisdemokratie betrieben wird. auch hier kann man etwas verändern und bewegen. und es war schon auffällig, wie viele durchaus vernünftige piraten in tweets und blogs über ausstieg nachgedacht haben. der parteitag hat vielen die augen geöffnet. ansonsten ein guter artikel. :-) bis denn, dann…

_von: Von Piraten und Revolutionen, Parteien und Nicht-Mitgliedschaften Findling_

[…] in denen sich Machtstrukturen einfahren können – und die Partei zum Selbstzweck wurde, wie ich es den Grünen zum Teil vorwerfe, oder man auch sehr gut an der SPD sehen kann, die sich regelmäßig neue “soziale” […]

_von: Ich und das Atombombenexperiementierfeld Piratenpartei Findling_

[…] Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” – und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.) […]

 
 

Liste: Straftaten im Internet

Heute gab es mal wieder eine VDS-Diskussion auf Twitter. Alle waren sich einig, die Vorratsdatenspeicherung ist doof. Bei der Definition, wo die Vorratsdatenpeicherung anfängt und wo sie aufhöhrt, war man sich dann schon nicht mehr so einig.

Seit Jahren wird Alvar Freude immer wieder ins Kreuzfeuer genommen, da er laut Kritikermeinung die “IP-VDS” fordere. (An dieser Stelle der wichtige Hinweis, dass Alvar nicht “umgefallen” sei. Er fordert die IP-Speicherung, seit dem ich ihn kenne!)

In der heutigen Diskussion ging es mal wieder um genau diese IP-Speicherung. Ob man sie braucht, oder nicht. Ob sie gut ist, oder nicht. Ich bin ein Gegner der Vorratsdatenspeicherung, einschließlich der IP-Speicherung - allerdings gibt es selbstverständlich auch gute Argumente für die systematische Speicherung von IPs.

Ich hoffe, ich tue Alvar nicht unrecht, wenn ich ihn zusammenfasse mit: “IP-Adresse sollen gespeichert werden für die Strafverfolgung - also für all das, was juristisch die “Straftat” erfüllt”. Die Twitterdiskussion kann man nachlesen. Ich finde es richtig, dass Straftaten verfolgt werden. Und ich frage mich, was an Straftaten im Internet geschehen können und möchte sie daher hier mal sammeln.

Ich bin kein Jurist und werde mit Sicherheit eine ganze Reihe vergessen. Daher bitte ich weitere Straftaten im Internet in den Kommentaren zu posten, damit ich diese hier updaten kann. Mit der Liste kann man vielleicht verdeutlichen, um was es eigentlich geht. Was für Hürden es braucht, um an die Daten heranzukommen, wenn die IP-Speicherung (wieder) aktiv ist, aber auch, wofür sie gut sein kann.

Mir fällt spontan ein mit Update (2.):

Update: Hier fehlt ein ganz essentieller Punkt, auf den mich fasel aufmerksam gemacht hat (und ich vorher vollkommen verdrengt), denn es fallen hier natürlich auch alle Morde, Vergewaltigungen, Raubmorde, schwerer Diebstahl … rein, die irgendwie mit über das Internet geplant wurden - oder wie im Mord, wo der Täter das Opfer im Internet kennengelernt hat. Da wäre die gespeicherte IP-Adresse natürlich auch seeeehr hilfreich, wenngleich wohl kaum das einzige Spur. Sollte dies doch so sein, so wäre eben diese Spur mit der IP-Adresse verloren gegangen. Das ist sehr wohl ein gutes Argument für Alvars Standpunkt, wenngleich die Frage bleibt, ob damit der “Generalverdacht” im Verhältnis steht. (Und Alvar argumentiert weiter mit der geringen Eingriffstiefe der IP-Speicherung im Vergleich zur Handyortung.)

(Sollte ich Alvar noch immer sinnentstellend zitiert haben, bitte ich ihn, doch selbst was zu bloggen, dass ich dann selbstverständlich verlinken werde ;-) ) Alvar hat selbstverständlich häufiger dazu gebloggt - daher verweise ich einfach auf sein Blog als solches, da sind mehrere Artikel dazu.

Kommentare

von: Alvar Freude

Vorneweg: Es gibt kein „Diebstahl geistigen Eigentums“. Diebstahl ist das Wegnehmen eines Gegenstandes. Das was Du meinst ist eine Urheberrechtsverletzung, kein Diebstahl oder „Klauen“ oder ähnliches!

Ansonsten und abgesehen davon, dass man jegliche Art der Kommunikation übers Internet durchführen kann, und man darüber natürlich auch Straftaten verabredet, kommuniziert, vorbereitet und sonstwas werden können, fehlt noch einiges: z.B. Kreditkartenbetrug. Also mit kopierter Kreditkartennummer einkaufen, solche Nummern anbieten bzw. damit handeln usw.

Diverse Äußerungsdelikte: Beleidigung und Verleumdung hast Du schon angesprochen; üble Nachrede gehört auch dazu. Und das folgende ist gar nicht mal so selten: es gibt Leute, über die systematisch „ich bin ne geile Sau, ruf mich an unter ……“ in diversen Foren geschrieben wird, mit Name, Anschrift, Telefonnummer. Typischer Fall von: hier gibt es ausschließlich die IP-Adresse, und das ganze fällt evtl. erst Tage oder Wochen später auf. Habe selbst schon entsprechende Fälle gehabt, wo in von mir angebotenen Diensten entsprechendes über unbeteiligte Dritte geschrieben wurde. Und glaub’ mir: das ist für die Betroffenen alles andere als schön. Im großen gab es das bei I-Share-Gossip, aber das ist ein ganz anderer Fall und hat auch mit der Diskussion nix zu tun.

Stalking fällt auch unter diese Rubrik.

Unter Äußerungsdelikte fällt auch diverser Nazikram, angefangen vom „Heil-Hitler“-Ruf bis hin zu allem was man sich vorstellen kann.

Aber auch Mordaufruf. Oder angekündigter Selbstmord. Hatte ich auch beides schon (wobei der Mordaufruf nicht wirklich ernst zu nehmen war).

„Hacker-Angriffe“, also der Versuch des unerlaubten Eindringens in ein fremde Systeme gehört auch dazu. In diversesten Varianten. z.B. fremde Mailaccounts “hacken”. Hatte auch schon einen entsprechenden Fall: Täter konnte nicht ermittelt werden, weil schon 5 Stunden nach Tat die IP weg war (hatte Nachts um 4 Uhr jemandem im NOC es Access-Providers erreicht).

DDoS-Angriffe gibt es auch noch, inkl. Erpressung und Co. Bombendrohungen.

Und so weiter und so fort. Nicht alles ist ernst gemeint und passend für das Thema, über das wir diskutieren, aber natürlich gilt: Überall fallen IP-Adressen an; mehr oder minder. In vielen Situationen können sie genutzt werden.

Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass nicht alles was irgendwie hilfreich sein mag auch nötig ist. Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung wäre natürlich hilfreich, aber in einem solchen Staat will keiner leben. Die Eingriffstiefe ist bei der IP-Adresse allerdings sehr gering (nahezu keine Eingriffstiefe), und der Nutzen vorhanden, also überwiegt er deutlich.

Bei Handy-Standortdaten sieht das wiederum ganz anders aus. Brauchen wir nicht zu diskutieren.

von: mars

Internetbetrug, Omatrug, Stalking, Contentnutzung… Nette Ideen aber das BVerfG sagt: VDS Daten nur bei schweren Straftaten. Punkt.

von: fasel (@fasel)

mars: das stimmt nicht. Erstens ist die IP-Zuordnung nicht “die VDS”, zweitens hat sich das BVerfG ausdrücklich zur diesem Aspekt geäußert. Bevor man ein “Punkt.” macht, schlaumachen

von: Alvar

Richtig, das BVerfG hat gesagt, dass die Zugriffshürden für “die VDS” hoch sein müssen. Bei den IP-Adressen haben sie aber andere (geringere) Anforderungen, weil auch die Eingriffstiefe viel geringer ist. Steht auch im Urteil, ganz klar und deutlich. Da steht sogar, das Internet würde ein “rechtsfreier Raum” werden, wenn man diese Zuordnung nicht hätte.

von: V.

@Alvar: Selbstmord ist keine Straftat, also auch nicht der Aufruf dazu! Diese finale Art der Sabotage des kapitalistischen Normalzustandes kann uns eigentlich auch niemensch nehmen.

BTW: Warum erwähnst du eigentlich nicht virtuellen Landfriedensbruch?

von: 9er0

Ich hab das “Mailaccount hacken” als digitalen Landfriedensbruch verstanden. Wobei ich da offline natürlich auch das Problem habe, dass wenn jemand meinen Garten Betritt und wieder verlässt (und ich ihn nicht sofort dabei erwische), kaum eine Chance habe, ihn/sie zu verfolgen.

Der Aufruf zum Selbstmord ist keine Straftat? Das würde mich aber arg wundern. Die Ankündigung zum Selbstmord ist keine Straftat, allerdings gehe ich fest davon aus, dass merkwürdige Vereine der absurdisten Art/Sekten sehr wohl dafür zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie zum massiven Suizid aufrufen.

von: 9er0

Was mir noch unklar ist: wie genau wird eine DDoS-Attacke juristisch bewertet? Eigentlich ist es ja eher eine Misschung zwischen digitaler Sitzblockade und Flashmob. Nach meinem Rechtsverständnis wäre auch hier allenfalls die Nutzung des Botnetzes strafbar, nutzen von Ressourcen, die auf Grund von Viren/Würmen/Trojanern ohne Einwilligung des Besitzers hinzukommen. Oder mache ich es mir jetzt zu leicht? Die restlichen Punkte update ich im Artikel …

von: V.

@9er0: juristische Bewertung zum Suizid siehe z.B. http://www.geistigenahrung.org/ftopic21185.html

zum “Mailaccount hacken”) Das trifft eher andere Straftatbestände. Ich meinte damit eher “Bedrohungen von Menschen mit einer Gewalttätigkeit, die aus einer Menschenmenge in einer die öffentliche Sicherheit gefährdenden Weise mit vereinten Kräften begangen werden, als Täter oder Teilnehmer beteiligt oder wer auf die Menschenmenge einwirkt, um ihre Bereitschaft zu solchen Handlungen zu fördern,” (§ 125 StGB) in die digitale Welt (Rants, Flamewars u.s.w.) übertragen. Und natürlich auch Alvars persönliche Erfahrungen (ODEM, S21).

 
 

Wie ein Mensch zum Nazi wird

Im Kraftfuttermischwerk habe ich den Arte-Film “This is England - Ende der Kindheit” gefunden. Außdrückliche Filmempfehlung, um zu verstehen, wie Menschen zu Nazis werden. Dank depublizieren ist der nicht mehr online, aber es gibt noch den Trailer:

Wer es mal schafft, den Film zu sehen, schaut ihn euch an!

Ich bin auf dem Land in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und war eine Zeit lang in einer ganz ähnlichen Szene. Einige behaupteten Punks zu sein, andere behaupteten Nazis zu sein. Ein Teil davon findet Ausländer scheiße - und alle grölten zu den “Bösen Onkelz”. Einige, weil sie ihre Nazi-Parolen gut fanden, andere behaupteten, sie machten sich mit den Parolen über Nazis lustig und sie selbst seien sicher keine Rassisten.

Rassisten sind wir aber alle, weil wir nach Hautfarbe unterscheiden. So lange wir die Hautfarbe überhaupt als Erkennungskriterium nehmen, sortieren wir die Menschen in ethische Gruppen ein und sind damit Rassisten. Andere Menschen mit dem Qausi-Schimpfwort “Rassist” zu betiteln halte ich übrigens auch für wenig sinnvoll. Es geht nicht darum, ob wir dies sind, sondern wie wir damit umgehen.

“Ich bin kein Nazi (Wahlweise auch Rassist), aber was die $Volk machen …” geht eben gar nicht. Es geht bei der Diskriminierung nicht darum, was impliziert wird, sondern darum, was bei dem Empfänger ankommt.

Der kleine Junge Shaun hat nicht verstanden, was da passiert - aber er hatte auch keine Alternative. Nazis rekrutieren sich zumeist aus gesellschaftlich wenig angesehenen Schichten. Sie geben den Außenseitern eine Heimat, wie es kaum eine andere Organisation schafft. Sie nehmen sie mit auf und setzen dann abartige Gedanken in den Kopf, die mit der Zeit reifen und menschenverachtende Ausmaße annimmt.

 
 

Kontrollverlust ist kein Urteil, sondern eine Aufgabe

Der Urvater des Kontrollverlusts, @mspro, hat sein Bild des Kontrollverlustes mal in der c’t beschrieben. An diesem Bild, dass man nicht mehr Herr seiner Daten ist, möchte ich anknüpfen.

Für die Spackeria ist es ein Anlass über eine Gesellschaft zu spekulieren, die ohne Privatsphäre besser wäre, was ich (unter Berücksichtigung der Informationellen Selbstbestimmung) auch gut finde. Nun aber soll es um den Kontrollverlust selbst gehen - und dem Umgang mit ihm. Viel zu häufig wird er als Urteil erkannt und erklärt, man könne daran nichts ändern. Diese Haltung klingt für mich nach einer Kapitulation vor den eigenen Aufgaben. Wir - als “Netzgemeinde” (diese Gemeinde als solche gibt es nicht) - können doch nicht diejenigen sein, die von dem Rest der Welt verlangen, dass sie vor dem Internet kapitulieren müssen. “Wir” sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir mit dem Internet umgehen können, ohne alle Kritiker sofort zu verscheuchen. Wir wollen das Internet - dann sollten wir uns auch Gedanken darüber machen, wie wir es am verträglichsten mit der Gesellschaft kombinieren können.

Der Kontrollverlust ist kein Urteil, sondern eine Aufgabe, wie wir mit den neuen Möglichkeiten umgehen wollen. Wie sehr wir einander achten und Rücksicht auf einander nehmen. Wenn wir wollen, dass die Mehrheitsgesellschaft im Internet angstfrei bewegt, dann müssen wir ihr Schutzräume bieten. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob es wirklich in Ordnung ist, alles sofort zu veröffentlichen. Vielleicht sollten wir wieder über eine Moral nachdenken - eine Moral, die uns Werkzeuge in die Hand gibt, zu entscheiden, was offen im Web stehen muss, und was auch auf nicht-öffentlichen Mailinglisten oder Foren gepostet werden soll. Wir sollten uns überlegen, wie wichtig die Anonymität ist, um gesellschaftliche Prozesse lostreten zu können. In der Anonymität kann man sich selbst testen, ausprobieren, spielen, um zu erfahren, ob etwas auch für das öffentliche Leben taugt. Anonymität ist wichtig, um erste Erfahrungen zu sammeln, um in einer öffentlichen Debatte schon zu wissen, über was man überhaupt spricht. Sie ist keine Dauerlösung, aber ein dauerhafter Schutzraum.

Unsere Aufgabe ist es, die Gedanken zu entwickeln, die für unser Gemeinwohl wichtig sind, in dem die ganze Gesellschaft in der erweiterten Realität des Internets angekommen ist. Und wir brauchen Werkzeuge für die Nachzügler, damit sie uns nicht unterlegen sind. Datenschutz ist ein altes Werkzeug für Minderheiten. Sollte der Datenschutz im Kontrollverlust unter gehen, so brauchen wir ein neues Werkzeug, damit Minderheiten sich schützen können. Dieses Werkzeug sehe ich in dem Schutzraum der Anonymität und Pseudonymität, sowie in einer Moral, nach der wir entscheiden, was veröffentlicht wird. Die Moral aber, muss noch entwickelt werden, auch wenn es gute Ansätze wie die Hackerethik schon gibt. Das, liebe Spackeria, ist die eigentliche Aufgabe.

Kommentare

von: akismet-244aafc3142729d19e925450ae579907

Schuldigung, aber die Hackerethik als “guten Ansatz” zu sehen entbehrt nicht einer gewissen Komik - du weisst genauso gut wie ich, dass das keine Ethik ist.

von: 9er0

Warum genau sollte die Hackerethik denn keine Ethik sein? Ja, sie ist sehr einfach und in weiten Teilen könnte sie deutlich breiter untermauert sein - aber eine Handlungsgrundlage gibt sie - und das ist, was eine Ethik tun soll. Um aber über die Handlungsgrundlage weiter zu entwickeln, fordere ich ja gerade auf, an einer umfassenderen Moral zu arbeiten. Warum sollten wir was wie tun - oder auch nicht. Gerne können wir auch noch in die Diskussion gehen, ob es eine Moral sein sollte, oder nicht eigentlich die gute Sitte, nach der wir streben - und möglicherweise müssen wir den Ansatz auch aus den vernunftgeleiteten Sitten herleiten, statt aus der medial geprägten Moral - aber genau das sollten wir mal tun. So ganz grundsätzliche Gedanken “zu Ende denken” (soweit man einen Gedanken “zu Ende” denken kann). Schade, dass die Frist für den 28C3 inzwischen durch ist - das hätte ein spannender Workshop werden können. Aber vielleicht wird’s ja zur Re:publica was. Fände ich jedenfalls sehr spannend.

 
 

im offenen Geist liegen Datenschutz und post-privacy dicht zusammen

Auf der OpenMind, einer von Piraten organisierten Konferenz gibt es die Zeit, die im Alltag so häufig fehlt: mal nachzudenken - über das, was wir so machen und wo es hin führt. Und, wo es hinführen soll mit dem Internet. Viele “Vertreter” der Spackeria habe ich dort getroffen - und nur wenige Datenschützer. Nun waren zeitglich die Datenspuren vom CCC in Dresden, sodass es sich die Netzgemeinde möglicherweise ein bisschen aufgeteilt hat in “Spackos” und “Datenschützer”. Nun war ich als “Datenschützer” auf der OpenMind und irgendwie gezwungen den Spackos zu zuhören. Das war gut.

Im “Menscheln”-Barcamp-Slot ging es darum Menschlichkeit zu zeigen. Es fühlte sich etwas nach Selbsthilfegruppe an “wir reden über unsere Probleme und stellen fest, dass ganz viele Menschen Probleme haben”. Das war es, was einen Denkprozess in mir ausgelöst hat. Schon seit Jahren spricht @plomlompom davon, dass die Gesellschaft besser werden würde, wenn alle alles wissen würden. Er hält es für eine Utopie, ich hielt für eine Dystopie.

In der Metadiskussion ging es um das Erzählen von Problemen an sich. Problemen erzählen hilft. Das Problem wird in Worte gepackt - und dadurch kann man daran arbeiten. Es lässt sich “greifen”. Den Zuhörenden hilft es, einen Einblick in andere Personen zu bekommen - und auch Probleme von sich selbst zu erzählen um sie packen und lösen zu können. Dafür braucht es ein gewisses Vertrauen - und um eben dieses geht es.

Sich zu “öffnen” ist ein gewisser Prozess, den man häufig nur in einer vertrauten Runde angehen kann. Manchmal nicht einmal da - und spätestens dann wird ein Psychologe hilfreich, der das Handwerk gelernt hat, Menschen erzählen zu lassen.

Aus der Sicht der Allgemeinheit können Zuhörende auch etwas davon haben, dass sie zuhören. Sie können die Gesellschaft als das fassen, was sie ist: krank. Depression zum Beispiel ist längst zur Volkskrankheit geworden - aber niemand spricht drüber. Dieses Schweigen ist es, dass jedem vorschreibt, nicht “krank” zu sein. Keine Schwäche zeigen, denn andere haben ja auch keine “Schwächen”.

Fraglich aber ist, ob diese “Schwächen” überhaupt Schwächen sind, wenn wir es schaffen, zu ihnen zu stehen. In dem Moment des Öffnens verschwindet die angreifbare Stelle. Wenn allgemein bekannt ist, dass der Herr Nachbar gerne rote Kleider trägt, verliert es sein Drohmoment. So lange nur der beste Freund davon weiß, ist es eine potentielle Drohung, dass der Chef das mitbekommen könnte - was viele Menschen wiederum beschäftigt und Teil der Gesellschaftskrankheit wird.

Datenschützer erklären häufig vereinfacht: “schreibe keine eigenen Schwächen ins Internet, denn das ist gefährlich”. Dieser Ansatz ist es, der von der Spackeria angegriffen wird, denn man selbst sollte doch selbst entscheiden können, was man veröffentlicht.

Dreh- und Angelpunkt bleibt dabei die informationelle Selbstbestimmung, denn es ist durchaus eine gewisse “Stärke” von Nöten, um auf seine “Schwächen” angesprochen zu werden und entsprechend darauf reagieren zu können. Wer diese Stärke nicht hat - oder keinen positiven Nutzen darin sieht, Dinge über sich zu veröffentlichen (und wenn es nur das Angst nehmen von anderen Menschen, sich auch zu öffnen) sollten dies auch nicht tun müssen. Dies wiederum leitet sich aus der Handlungsfreiheit des Einzelnen ab. Und Freiheit ist gut.

Damit liegen Datenschutz und Spackeria gar nicht so weit entfernt. Und immerhin hat mir auch der @mspro erklärt, er hätte Geheimnisse, sodass auch klar sein dürfte, dass dieses “alle müssen alle Daten veröffentlichen” eher ein advocatus diaboli ist, um überhaupt einen Diskussionsraum zu eröffnen - ganz nach dem Namen der Konferenz: Open (your) Mind!

Kommentare

von: foobar

…aber mal ehrlich: sich vor anderen personen zu “öffnen” und über probleme zu reden und solche dinge hat doch nichts mit dem post-privacy-gedanken zu tun. das sind doch zwei verschiedene dinge.

ich zeige meine schwächen, wo es angemessen ist. aber ich stelle meine intimsphäre nicht öffentlich aus. und ich will auch bestimmte dinge von leuten, die ich nicht oder kaum kenne, nicht wissen. wenn jeder alles veröffentlicht, wird alles bedeutungslos.

post-privacy kann auch nur funktionieren, wenn jeder alles preisgeben *muss*, denn nur dann kann sichergestellt werden, dass nicht einige vielleicht doch sich einen vorteil verschaffen, indem sie etwas “verheimlichen”.

letztlich stellt die post-privacy-philosophie doch vor allem eine pseudotiefgängige rationalisierung für dummen umgang mit persönlichen daten dar. facebook & co. freuen sich.

von: 9er0

Ganz die Frage, was genau “post-privacy” ist. Eine einheitliche Definition gibt es nicht … und jeder nutzt ihn, wie er/sie es gerade will. Das halte ich für ein Grundproblem in der Diskussion um post-privacy und die Spackeria. “Nach-Privates” (oder in der “Zeit nach der Privatsphäre”) trifft es eben nicht ganz.

von: laprintemps

Ok, und wieso weißt du, was genau Post-privacy ist. Für mich ist es ekaxt das, was Gero beschreibt. Und schön, dass du deine “Schwächen” kennst und darüber reden kannst. Viele Menschen können es eben nicht, auf Grund von Zwängen und Diskriminierung. Das ist ja der Grund, wieso gewisse “Probleme” in Private abgeschoben werden.

Die Ideen hinter Post-Privacy gehen WEIT über Facebook hinaus. Schade, dass es selbst jetzt nicht anerkannt wird, wo jemand persönlich davon berichtet.

von: 9er0

Ich würde die post-privacy-Debatte von der Facebook-Debatte sogar loslösen. Zumindest finde ich Facebook doof (auch aus Datenschutzgründen), will aber trotzdem, dass Menschen sich mehr öffnen. Nur sollten die Menschen dabei auch wissen, dass sie sich öffnen. Und man sollte ihnen nicht einreden, “dass das Internet böse ist”, sondern aufklären, was da wie passiert. Und: man sollte animieren, dass Menschen weiter miteinander kommunizieren, denn Kommunikation ist es, dass die Menschheit sich fortentwickeln lässt :)

von: asdasdffasd

wenn ihr wollt, dass menschen sich mehr öffnen und mehr miteinander reden, dann *sagt das einfach*. sagt nicht “post-privacy”, sondern sagt “wir wollen, dass menschen sich mehr öffnen und mehr miteinander reden”. wo liegt das problem?

von: laprintemps

Weil das eben nur ein Teilaspekt ist. Es geht ja um die Systematik dahinter.

von: asdasdffasd

dann tut nicht so als wäre es alles. warum werden die persönlichen, privaten dinge, die auf der veranstaltung erzählt worden sind, nicht nach außen getragen und sämtlich im internet veröffentlicht?

weil die dinge persönlich und privat sind. weil die gesellschaft keine selbsthilfegruppe ist.

von: #om11 Nachtrag: Utopie und Schutzraum « H I E R

[…] Wieder eine grandiose Session. Wieder eine Gruppentherapie bei der jeder sichtlich von der Offenheit des Anderen profitierte. Sogar Gero, FoeBud-gestählter Datenschützer, statte der Diskurs mit einer neuen Grundsympathie für die Ideen der Spackeria aus. […]

von: Nico

Sicherlich hat jeder seine Gebrechen, aber die Krankenversicherung wird dennoch selektieren wenn die gesundheitlichen Gegebenheiten aller Patienten offen liegen. Auch Arbeitgeber würden darauf achten welche unterschiedlichen psychischen und körperlichen Voraussetzungen die Bewerber mitbringen wenn sie in deren Krankenakten einsehen dürften, und so lange nicht alle Menschen das gleiche Einkommen beziehen wird es Neider geben - gerade wenn alle Kontoauszüge offen gelegt sind. Diskriminierung von Minderheiten wird man durch deren völlige Entblößung nicht verhindern können. Natürlich hat jeder Mensch auch Schwächen, aber nicht alle Menschen haben die gleichen Schwächen. Deshalb würde es auch in einer post-privacy-Gesellschaft immer zu Selektionen und Benachteiligungen kommen. “Schwächen” sind aber nur ein Aspekt. Auch die Herkunft oder Religionszugehörigkeit wird nicht auf breitere Akzeptanz stoßen wenn sie nur transparenter vorgeführt wird. Ganz im Gegenteil: Wenn die Religionszugehörigkeit der Menschen jederzeit und von jedem abgerufen werden könnte, würde eine Diskriminierung von Muslimen in Europa (z.B. im Reiesverkehr) definitiv zunehmen. Und Ausländerfeindlichkeit entsteht nicht etwa weil sich zu wenige Ausländer als solche zu erkennen geben würden.

von: 9er0

Da gebe ich dir vollkommen recht: es gibt Neider - und das ist ein Problem. Aber es geht (mir) eben auch nicht darum, dass jeder alle Daten öffentlich machen muss (ich bin auch noch immer gegen VDS und eGK…), sondern, dass wir keine Angst haben zu kommunizieren - und von der perfekten Gesellschaft abkommen. Wir sind alle nicht perfekt (der Philosoph würde fragen, was Perfektion ist und wie ein Mensch sie überhaupt erreichen könnte). So lange wir aber nur super ausgewähltes veröffentlichen, sorgt es dafür, dass wir alle voneinander denken, dass die anderen perfekt sind - und daran zersetzt sich die Gesellschaft. Da drunter entsteht der Zwang auch (mindestens) perfekt zu sein, sodass wir alle daran zugrunde gehen. Das ist es, was zu den unglaublichen Suizidraten in Japan führt (wo man noch viel weniger kommuniziert und noch mehr darauf aus ist, perfekt zu sein). Mit anderen Worten: Ich bin für mehr kommunikation, aber gegen Datenbanken. Datenbanken kann man algorithmisch auslesen - aber kein Algorithmus ist umfassend genug, die ganze Kommunikation auszuwerten ;-)

von: asdasdffasd

nur eins dazu:

“Datenbanken kann man algorithmisch auslesen – aber kein Algorithmus ist umfassend genug, die ganze Kommunikation auszuwerten ;)”

da irrst du dich. das ist ein ähnlicher trugschluss wie “es gibt so viele daten über uns, die kann doch eh keiner mehr auswerten”. die algorithmen matchen und verknüpfen besser, als du dir das wahrscheinlich vorstellen kannst, das sag ich dir als jemand der eine anwendung für ordnung und durchsuchung von ein paar zig mio. verknüpfungen entwickelt hat. und die benötigte rechenkapazität gibt es heute bei aldi.

von: 9er0

Ähm - jain. Klar kann man in Texten Schlagworte erkennen lassen und auswerten. Und die Schlagwörter können in diversesten Kategorien und Gewichtungen zueinander stehen - aber der Algorithmus ist nicht all umfassend. Ja, Facebook hat einen “happiness”-Anlysator, der deine Beiträge und Mails durchleuchtet und ja, auch Tweets können darauf untersucht werden, dass Twitterer Abends am glücklichsten sind, aber der exakte Inhalt lässt sich nicht herausfinden, denn Sprache lebt. Sie verändert sich und wird angepasst. Wie wird welcher Begriff verwendet? Was genau soll damit ausgedrückt werden? Begriffe sind nicht fix und lassen sich daher von Algorithmen nicht absolut analysieren. Das ist widerum auch ein sehr großes Problem an “einfacher” analyse der Kommunikation - und der Grund, warum Facebook davon immer weiter weg geht und man doch seinen Beziehungsstatus, seine Arbeit, seinen Wohnort, etc. fest angeben. Dieses Problem ist es auch, warum Algorithmen immer wieder falsch liegen - sie können nicht interpretieren. Und daher gehören sie (meines Erachtens) auch verboten - was aber nichts mit der Kommunikation an und für sich zu tun hat.

von: micha

ein interessanter beitrag, wie ich finde. ich bin nicht in der lage, mir eine abschließende meinung dazu zu bilden und ich kann auch die bedenken zur mächtigkeit zukünftiger robots nachvollziehen, aber drei punkte haben mich im beitrag besonders berührt:

1.) die auswirkung dessen, probleme in sprache zu fassen und damit eine entwicklung im umgang mit problemen und deren lösung anzustoßen, zumindest aber eine damit einhergehende blickwinkelerweiterung. ich bin mir nur nicht sicher, ob und inwieweit das gesprochene wort innerhalb einer runde von menschen (real life) mit dem geschriebenen wort z.b. auf einer mailingliste, in einem forum oder einem “social” network gleiche auswirkungen hat.

2.) die öffnung des sehens auf zustände unserer gesellschaft um zu erkennen und anzuerkennen, was da ist und was vor sich geht. die erschreckende verbreitung von depressionen, süchten, armut, vereinsamungen und ausblendungen (etc.) ist etwas, was mich an auszüge aus einem beitrag von oskar negt erinnert. herr negt spricht in einem vortrag aus 1981 (!) von einer “erosionskrise”, siehe seite 5ff. hier: http://wiki.vorratsdatenspeicherung.de/images/Die_zwei_realit%C3%A4ten_und_die_funktion_des_demonstrationsrechts_-_oskar_negt_1981.pdf

vor allem aber:

3.) die auch aufgrund der datenschutzdiskussion zum teil bestehende angst von menschen, sich zu öffnen und damit (zumindest im einzelfall) erst die möglichkeit des internets zu eröffnen, freiheit im austausch von gedanken, ideen, anregungen und gefühlen zu leben. ob das unbedingt zur zersetzung der gesellschaft führt - keine ahnung. aber bedenklich ist das schon, finde ich jedenfalls.

wie geschrieben: ich habe keinen festen standpunkt zu alledem und die datenschutztechnischen bedenken sind - in aller nüchternheit und sachlichkeit - bei mir sehr sehr groß. aber effekte, die einzelne menschen ihre freiheiten beschränken sind genauso bedenklich.

auf jeden fall: danke für den guten beitrag, gero! :)

 
 

Das europäische Parlament wartet auf Postkarten gegen das PNR-Abkommen

Na, wer schreibt noch “Postkarten”? Klingt wie schon so altbacken, sind aber eigentlich ganz cool.

Noch cooler wird’s, wenn wir nicht (nur) unserer Familie und unseren Freunden schreiben, dass das Wetter gut ist, sondern auch noch dem Europäischen Parlament, dass sie doch bitte unseren Urlaub nicht überwachen brauchen. Konkret geht es um das “Passagiernamensregister” (passenger name record), welches vorsieht so ziemlich alles, was Airlines an Daten von uns kriegen, für 15 Jahre zu speichern. Wem das etwas zu viel ist, ist herzlich eingeladen, sich an der Postkartenaktion zu beteiligen und an die Mitglieder des “Libe”-Ausschusses eine Postkarte zu senden. Besonders schön ist dies, wenn man dies vom Urlaubsland aus macht, geht aber auch von zu Hause. Auf eine Postkarte kommt kein Absender, damit kann man nicht nachvollziehen, ob ihr wirklich im Urlaub seid, oder den Urlaub im Park um die Ecke verbringt.

In der Postkarte sollte klar mitgeteilt werden, was ihr von dem “PNR”-Abkommen haltet - die Wassertemperatur des Pools darf dafür auch wegbleiben - wir wollen ja Daten sparen ;-)

P.S. Es ist sinnvoll den Mitglieder des “Libe”-Ausschusses auch in deren Sprache zu schreiben. Wenn sie die Postkarte nicht verstehen, bringt das wenig. Für die deutschen Mitglieder gibt es daher noch eine extra-Liste.

P.P.S. Die Adressen der Abgeordneten gibt es, wenn man auf deren Namen klickt und ganz nach unten scrollt.

 
 

4,26€ Stundenlohn der Enquête

Fefe hat sich über die Bezahlung der Enquête ausgelassen. Auf Twitter habe ich vor allem die “ach so gut bezahlten Sachverständigen” wahrgenommen. Dem will ich mal ein bisschen auf den Grund gehen …

Da ich selbst die Enquête eher aus der Ferne betrachte, muss ich mich darauf verlassen, was mir so zugetragen wird. Einst habe ich etwas von ca. 8.000€ pro Jahr pro Sachverständigen gehört. Alvar twitterte, dass es 681,75€/Monat seien (8.181€ pro Jahr). Als Student, alleine lebend, etc. könnte man davon leben. Nicht gut, aber verhungert würde man auch nicht. Aber darum geht es nicht …

Es geht darum, dass Arbeit bezahlt wird. Leider habe ich keine Auflistung der ganzen Enquête-Termine gefunden, von daher muss ich mich auch da auf Alvars Vermutung verlassen: 30-50 Arbeitsstunden pro Woche. (Und wenn ich mir mein nebenbei-Aktivistenleben angucke, finde ich 30-50 Stunden für das, was Alvar im AKZ macht, schon sehr wenig geschätzt.) Nehmen wir der Einfachheit wegen aber 40 Stunden. Das macht 8 Stunden pro Arbeitstag. Ein Monat hat im Schnitt 20 Arbeitstage, das macht 160 Arbeitsstunden pro Monat. Die 681,75€/160 Stunden macht einen Stundenlohn von 4,26€. Und dann überlege ich mir, dass ich als Fahrradkurrier derzeit knapp das doppelte die Stunde verdiene (und mich schon unterbezahlt fühle …).

Nun, wo genau werden da nun unsere Steuergelder verpulvert? Und warum sind Sachverständige der Enquête eig soooo dämlich diesen verdammt schlecht bezahltern Job zu machen? Ich meine, dass sind Experten … die können noch ein bisschen mehr verdienen, wie ich als Fahrradkurrier …

Kommentare

von: Lonesome Walker

Nun ja, sicher mag das wenig sein, aber es ist immerhin besser als nix, und man kann auch nebenher noch ein wenig verdienen; und schon ist aus dem wenig ein Zweiteinkommen geworden ;-)

von: 9er0

Ja, das müssen sie ja auch. Ich könnte mit nicht mal 700€ keine Familie durchbringen. Und m.W.n. tut dies auch Alvar nicht, sondern geht “nebenher” richtig arbeiten. Es geht ja auch nicht darum, wie sie überleben, sondern darum, dass sie nicht “ordentlich” bezahlt werden, sondern aus Überzeugung in der Enquête arbeiten, und zumindest ein kleiner Teil wieder gut gemacht wird.

von: L3viathan

Ohne zum Thema selbst was sagen zu können: Deine Rechnung stimmt nicht: Bezahlt werden sie ja für ihre Arbeit in der Enquete, was sicherlich nicht 30-50 h pro Woche sind, sondern weitaus weniger. Da ist der Stundenlohn dann doch höher.

von: Dave

für vernünftige Arbeit muß es auch einen vernünftigen Lohn geben, alles andere ist ganz großer Käse, schließlich arbeitet man um zu leben und nicht umgekehrt, einer der Gründe warum ich da arbeite wo man auch Geld verdient, und das ist nicht Deutschland. Der Arbeiter oder Angestellte wird bewusst kurz und dumm gehalten, dies gehört mitlerweile schon zur Firmenphilosophie, wenn ich die Margen sehe für die teilweise gearbeitet wird, mit der Begründung “ die Masse machts” wird mir ganz übel….so wird das auf lange Zeit gesehen überhauptnix

von: 9er0

Hast du dir die Berge an Arbeitspapieren mal angesehen? Wann meinst du, bereiten sich die Sachverständigen denn auf eine Sitzung vor? Meinst du etwa ein Rechtsanwalt sollte nur die Zeit bezahlt werden, die er auch im Gericht sitzt? Dann könntest du recht haben …

BTW: Wenn es eine ordentliche Auflistung aller Sitzungen gibt, bitte ich den Link in die Kommentare zu posten. Ich hätte mich auch gerne dazu geäußert, habe aber keine Ahnung, wie häufig sie sich wirklich treffen.

von: wanderer

Ich denke dass alle Sachverständigen VORHER wussen wieviel Geld sie für ihre Arbeit bekommen. Jetzt darüber zu jammern finde ich einfach nur peinlich. Jeder Einzelne hat seine Entscheidung dort mitzuarbeiten freiwillig und ohne Zwang getroffen.

von: 9er0

Es geht nicht ums jammern (außerdem bin ich selbst nicht in der Enquête … warum sollte ich also jammern?), sondern darum, dass die sich den Arsch aufreißen (und zwar freiwillig). Wenn dann ein Fefe kommt und sich auch noch drüber auslässt, dass die damit Geld “verdienen”, ist das eine Verdrehung der Tatsachen.

von: L3viathan

Ich sage ja auch gar nicht, man soll die Stunden, die sie wahrhaftig in der Enquete sitzen, zählen, ich glaube bloß nicht, dass es 30-50 Stunden pro Woche sind, lasse mich aber gerne belehren.

von: 9er0

Eine feste Arbeitsstundenzahl im Aktivistenbereich zu benennen ist extrem schwierig. Gehört das Feierabendbier dazu, bei dem mit einem Politiker aus dem Überwachungsfanatikerlager überzeugt werden soll, dass die VDS doof ist? Wie sieht das mit der FsA-Nachbesprechung aus, die Nachts um halb 2 stattfindet? Und wenn man im Bus noch eben eine Twitter-Dikussion um Netzsperren führt? Es ist kein “9 to 5”-Job, sondern einer, der immer stattfindet, wenn sich Zeit dafür aus den Rippen schneiden lässt. Letztes Jahr habe ich ne Zeit lang die FsA vollzeit mitorganisiert. Da wäre mir der ein oder andere nur 10-Stunden-Tag echt lieb gewesen … (in dem Fall hatte ich eine “Job” von 10 bis 6. Das Büro verlassen habe ich selten von 22 Uhr.)

von: wuerzbach

Ich find die 681€ auch nicht wirklich angemessenen, aber im Friseurhandwerk in Thüringen sind 4€ bis 5€ pro Stunde Tariflohn. Also lasst die Debatte. Es ist eine Aufwandsentschädigung. Und die Enquette ist auch nur das übliche Demokratietheater: die Sachverständigen haben Zugang zu Entscheidern, aber selbst kein Mandat.

von: 9er0

Es handelt sich hier aber nicht um irgendeinen zu schlecht bezahlten Friseur/Friseurin (die auch zu schlecht bezahlt werden, keine Frage), sondern um Experten, die locker das 10 bis 20 Fache in der freien Wirtschaft verdienen könnten, aber darauf verzichten. Das mit dem “Demokratietheater” sehe ich ja nicht so … aber das ist ein anderes Thema und gehört hier gerade nicht hin :)

von: archi

Hm, danke, dass das mal jemand aufgreift. Ich habe selbst ein Jahr freiwilliges, ehrenamtliches Engagement hinter mir und habe auch eine Aufwandsentschädigung dafür bekommen. Damit bin ich zwar nur auf maximal 3 Euro die Stunde gekommen, aber die Idee ist nicht “Ich mache die Arbeit um Geld zu verdienen” sondern “ich habe einen Aufwand mit meiner freiwilligen Arbeit, und in der Zeit kann ich kein Geld verdienen” (plus in meinem Fall nichts für mein Studium tun, was als Bachelor Student im 9. Semester nicht soooo cool ist). Einige sollten wirklich mal davon weg kommen, dass Aufwandsentschädigungen wie normale Gehälter zu Handhaben sind. Wenn er Geld verdienen will, dann kann er locker das 10-fache machen. Oder eben die knapp über 650 Euro mit nur wenig Arbeitsstunden die Woche. Kleine Rechnung: Bei 20 Euro die Stunde muss er etwa 32 Stunden den Monat arbeiten, also irgendwas um die 8 Stunden pro Woche. Sprich: Ein normaler Arbeitstag. Und wer sollte den Job sonst machen? Ein Datenschutzexperte, der von Facebook 5000€ im Monat bekommt? Ne Danke. So Späße haben wir leider viel zu oft.

von: VonFernSeher

Erstens ist es eine Aufwandsentschädigung, die nicht die Aktivistentätigkeit finanzieren, sondern nur den direkten Arbeitsaufwand entschädigen soll. Zweitens ist es eine Aufwandsentschädigung, die nur einen Aufwand entschädigt und keinen Lohn zahlt. Drittens ist es eine Aufwandsentschädigung, die durchaus im normalen Rahmen liegt und nicht nach unten hinausfällt.

von: Stadler

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Für Selbständige wie Alvar ist eine Tätigkeit in der Enquete - von dem was er für den AK Zensur völlig kostenlos macht, ganz zu schweigen - mit einem deutlichen Einkommensverlusten verbunden. Das müsste eigentlich auch Fefe klar sein, aber das ist halt kein geeigneter Ausgangspunkt für einen reißerisches Blogeintrag.

Nur für Menschen, die ansonsten vom Staat bezahlt werden (Beamte) oder professionelle Lobbyisten, für die solche Tätigkeiten ohnehin Teil ihrer Berufsausübung ist, ist ein solches Engagement im Grunde denkbar.

Umso höher muss man es jemandem wie Alvar anrechnen, dass er aus idealistischen Motiven da reingeht und unsere Interessen vertritt, Fefe basht Alvar und padeluun als gutbezahlte Sachverständige. Zu padeluun hat Fefe, nach dem Bashing noch angefügt, dass er sein Freund sei. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Es gibt hier sicherlich einiges an inhaltlicher Kritik zu äußern. Aber die Verknüpfung mit der Unterstellung, Alvar und padeluun würden sich mit ihrer Enquete-Tätigkeit eine goldene Nase verdienen, muss man im Grunde als Böswilligkeit betrachten.

von: Franzl

Ich kenne Alvars Stundensätze nicht, aber für einen vermutlich gut bezahlten Experten sind – anders als für einen Studenten – 600 € sicher vom finanziellen Standpunkt kein Anreiz, mehrmals die Woche nach Berlin zu pendeln! Wer einen Stundensatz von sagen wir mal 200 € hat, für den ist das bestenfalls ein nettes Beibrot, bedeutet aber im Endeffekt erhebliche Einkommensverluste, wie Thomas richtig schreibt. Also einfach mal im Verhältnis sehen!

von: Robert

Die Unterstellung war ja sogar, nicht nur, dass sie sich eine goldene Nase verdienen, sondern dass insbesondere padeluun sich hat seine Meinung kaufen lassen, dass er sich bei den Abstimmungen so verhalten hat, damit er weiter verdient, mit anderen Worten, dass er praktisch bestochen worden sei.

von: gendalus

Kannst du denn Beziffern wie hoch die Einkommenseinbußen sind?? Denn für Aufwandsentschädigungen weiß ich gerade nicht wie die Anrechnung sich auswirkt.

Ich will dabei gerade nicht fefe das Wort reden, da ich seine Beiträge für uninformiertes Getrolle halte, aber es wäre für die Frage, ob die Entschädigung zu hoch ist oder nicht, eine recht praktische Sache mal zu wissen was als Verdienst wirklich bleibt.

Ansonsten sollten wir uns einfach noch mal Bewusst machen, dass das System der Aufwandsentschädigung ja gerade nicht darauf angelegt ist, dass Menschen damit ihr Leben finanzieren, sondern es als eine Entschädigung für neben der Erwerbstätigkeit geleisteten (formalisiert ehrenamtlichen) Arbeit ist. Damit hinken Vergleichsrechnungen zu Löhnen für Erwerbstätigkeit immer, da diese immer im die Rechnung mit einbezogen werden müssen…

von: Leena

Lieber Gero, danke für deinen Beitrag. Du hast es schön vereinfacht dargestellt. Etwas konkreter sieht es so aus: Da die meisten Sachverständigen ja noch ein Leben neben der Enquete führen, trifft die Schätzung von 40 Stunden pro Woche nicht so ganz. Alvar hat allerdings recht damit, dass es eigentlich nötig wäre 40 bis 50 Stunden zu investieren. Da das einfach nicht drin ist, muss eben in Kauf genommen werden, dass man auf die eine oder andere Sache nicht so gut vorbereitet ist. Was jedoch eine durchaus realistische Zeiteinschätzung ist, sind etwa 25 Stunden pro Woche. Das wären nach deiner Rechnung dann etwa 6,8€ “Stundenlohn”.

Dazu kommen jedoch noch drei weitere Faktoren. 1) Die Sachverständigen haben auch Ausgaben, die teilweise nicht vom Bundestag übernommen werden. Da läppert sich ganz schön was zusammen. Deswegen wird es auch nicht als “Gehalt” bezeichnet, sondern als Aufwandsentschädigung. 2) Dieses Geld muss natürlich noch versteuert werden. Du kannst also da nochmal knapp die Hälfte von abziehen. Dann sind wir sogar unter dem von dir errechneten Stundenlohn. 3) Die Zeit, die die Sachverständigen für die Enquete-Arbeit investieren könnten sie andernorts, wie RAStadler schon schrieb, sehr viel gewinnbringender einsetzen.

Die Enquete-Arbeit ist also ein absoultes Verlustgeschäft. Selbst deine Einschätzung ist damit noch zu hoch.

Darüber hinaus halte ich es übrigens prinzipiell für eine echte Frechheit, dass immer erwartet wird, dass Leute, die für die “gute Sache” arbeiten, das ehrenamtlich tun. Immerhin müssen die auch essen und für die Rente vorsorgen. Selbst WENN, die Sachverständigen einen guten Stundenlohn hätten, wäre das nicht kritikwürdig, sondern begrüßenswert! Dass wir von diesem Trip mal runterkommen sollten, dass man für seine Aktivistenarbeit prinzipiell nicht bezahlt werden sollte habe ich in meinem Blogbeitrag über alte Mythen der digitalen Gesellschaft schon dargestellt. Warum sollen wir immer nur unsere Feinde bezahlen? Sollten wir nicht lieber mal unsere Freunde bezahlen?

von: Stinkekäse

Ich hab fefes Kritik an padeluuns Abstimmungverhalten bzgl. Netzneutralität eher so verstanden, dass er kritisiert, dass padeluun in seine Erwägungen auch seine persönliche Zukunft als FDP-Netzaktivist (drohender Rauswurf) und Politikerspielchen (spätere Abstimmung wird folgenloser sein als die nun vertagte, weil das dann “Tagespolitik” ist, somit ist die Empfehlung “im Herbst” für die Tonne, egal wie sie ausgeht; wichtiger war “Gesichtswahrung” für Koalition) mit einbezogen hat, und so zu einer Entscheidung kam, die vielleicht seine persönlichen Interessen noch etwas höher hing als die Netzneutralität (die, nebenbei bemerkt, seit gestern nun schon Geschichte ist - hat nur noch keiner so richtig realisiert, weil ja alle damit beschäftigt sind, fefe zu kritisieren, dafür dass er Säulenheilige kritisierte).

Den Herren Freude und padeluun danke ich recht herzlich für ihre Bemühungen, an einem weitergehenden Personenkult möchte ich mich aber nicht beteiligen.

 
 

Ein (Gesellschafts)System Diskurs

Vorhin stellte ich (auf Twitter) zwei Thesen auf:

These 1: Das System krankt, weil die Macht von Politik zu Wirtschaft verschoben wurde - und man auf die Wirtschaft (fast) keinen Einfluss hat.

These 2: Erst mit dem (Massen)Internet gibt es die Infrastruktur diese Machtverschiebung sichtbar zu machen.

Darauf hin ergab sich ein Diskurs mit @BiWi2010. Da Twitter mangels Zeichenumfang aber keine Systemtheorie-Diskussionen erlaubt, soll sie hier fortgeführt werden.

Mein Standpunkt: Kapitalismus ist nicht per se schlecht, aber ab absurdum geführt. BiWi2010s Standpunkt: Lasst uns ein neues System kreieren, ganz unabhängig von dem, wie es bisher läuft. Die Diskussion soll in den Kommentaren fortgeführt werden.

 

Kommentare

von: 9er0

Ich bin mir unsicher, wie eine Theorie so losgelöst aufgebaut werden kann. Bei “Null” anfangen mag zwar gut klingen, aber man baut ja doch “immer” auf andere auf. Unser ganzes Denken ist per se Geprägt von unserer Erziehung und unseren Erfahrungen. Daher halte ich es für unmöglich eine Theorie “aus dem Nichts” auf zu bauen (wenn es auch spannend klingt).

von: Say

Nichts kann aus dem Nichts gebaut werden. Das war ein Mis(t)verstehen? ;-)

Was ich twitterte war: Etwas Neues machen.

Das aber bedeutet im Sinne des Lernens (nehmen wir mal konstruktivistische Basics) - wir verknüpfen Dinge die vorher nicht zusammen waren.

Beispiel wäre die Schulentwicklung durch die Überwindung der getrennten Kulturen von Lehrer/Eltern/Schüler und hin zu einer gemeinsamen Kultur, in der Rückzugsraum für jeden ist. Und das eher nach den individuellen Bedürfnissen und nicht nach Rollenverteilung. Denn die wird im Wechsel vom Wissensvermittler zum Lernprozessbegleiter ohnehin anders. Die Akteuere werden nicht ihrer Wichtigkeit enthoben, sondern sie bekommen NEUE Handlungsräume.

So in der Art…..

:-)

von: 9er0

Sagen die Bildungsforscher :)

Die Systemkritik greift aber tiefer. Es geht darum, wie unser Leben funktioniert. Derzeit (und seit einigen Tausend Jahren) funktioniert es mir Geld - eine Tauschwährung, damit wir Tauschprodukte lagern können, bevor wir sie weiter tauschen. Bisher wurde dieser Tauschhandel aber auf einer anderen Ebene organisiert - in der Politik. Meine These ist nun, dass diese Ebene die Macht der Organisation selbst abgegeben hat - und sich dem Tauschhandel (Wirtschaft) selbst untergeben muss. Für die internationalisierte Wirtschaft gibt es derzeit keine funktionierenden Organisation/Regulierung. Da setzt meine Frage an: Wie kann das verbessert werden? Wie gesagt, ich selbst finde das Konzept Geld gut (zumindest hat mich noch kein Gegenargument überzeugt).

Wenn wir aber noch tiefer ansetzen (von noch weiter oben drauf gucken), stellt sich die Frage, wie unser Leben geregelt wird - wenn nicht durch Geld. Da aber fehlt mir (derzeit) die Kreativität, eine andere Lebensregulation zu finden.

von: Say

Muss es ohne Geld sein? Ich denke das wird ein ein evolutionärer Prozess - wenn es nicht mehr um die künstliche Mangelsituation geht, dann wird das Geld vielleicht irgendwann ersetzt.

Ich gebe Dir schon recht, es sind Probleme, dass keiner weiss wer mit wem was und wo ausgemacht hat. Aber ich mag das auch gar nicht mehr betrachten. Denn “auf dem Hügel” heisst ja nicht da oben zu stehen um zu erkennen welche Straßen, Wege und Trampelpfade es gibt um die Trampelpfade zu Autobahnen zu machen und die Straßen verfallen zu lassen. Sondern es heisst, zu sehen was da ist und wo einfach Sackgassen sind. Diese dann mal eben nicht auch noch zu nutzen, sondern die Systeme in den Chancen und Herausforderungen zu sehen und dann eben einen Schritt weiter zu gehen. Weiter im Denken und Handeln. Schwer es in Worte zu fassen. Darf ich bei dem Thema Schule bleiben?

:-)

Also…. Schule im Brennpunkt ….. alles verbrennt, alle brennen aus… die Papierkörbe sowieso. Was also tun? Druck ist bis zum Anschlag ….. noch mehr geht nicht. Wenn sich nun die Akteure an einen Tisch setzten - mit einem, der quasi auf dem Hügel steht, können die Probleme (Sackgassen) kurz notiert und angelegt werden. Im nächsten Schritt kann dann geschaut werden WAS BRAUCHEN WIR und dann nach Lösungen geschaut werden. Es gibt eines nicht mehr: “geht eh nicht” “haben wir schon mal probiert”.

Es geht um eine grundsätzliche Änderung der Haltung. Dazu müssen Probleme, Ängste und Befürchtungen bewusst werden, benannt werden…. reflexive Prozesse müssen in Gang kommen UND adäquat begleitet werden. Aber immer im Prozess des Neuen-Wachsen-Lassen.

Dazu braucht es eines…. Sicherheit. Die kann jemand geben, der es erlebt habt. (und hier kommt ganz klar die interdisziplinäre Zusammenarbeit ins Spiel –> Lernen am Modell / Resilienz / Neurobiologie……. hier unter anderem das Thema Spiegelneuronen)

Du musst also eines schaffen…. Aus den Ideen, die Du grad versuchst zu generieren AUSSTEIGEN. Dir kein Bild machen wollen, sondern einfach mal sammeln, was kommt. Ohne Bewertung und vor allem collaborativ. Und hier kommt das Web hinzu. Wir haben heute die Werkzeuge (und einige von uns das Wissen) das zu tun. Also Kontakte zu knüpfen, Gedanken zu teilen, uns auf die Prozesse einzulassen…..

Übrigends - die Schulen findest Du im “Netzwerk Archiv der Zukunft” - und da ist auch gerade viel im Prozess. Aus den “Best Practice” Dokumentationen müssen nun “practice” Beispiele werden. Nicht als Benchmark, sondern als Möglichkeit wie es sein kann….. nur als Modell….. nicht als “non plus ultra”.

Auch hier lernen wir gerade umzudenken. Und das braucht wieder Austausch, bewusst - werden, formulieren und reflexives Lernen.

:-))

von: mschaki

Tauschhandel, Wirtschaft, Geld

ich glaube die Probleme zurzeit liegen tief darin verwurzelt das sich Geld bzw. der Finanzmarkt von der produzierenden Wirtschaft abgekoppelt hat und derzeit die Politik (weltweit) nicht in der Lage ist die Eigendynamik des Finanzmarktes zu stoppen. Der Tauschhandel funktioniert nicht mehr.

Das führt leider die aktuelle politische Bildungsdiskussion ( hier im Hinblick auf Bildung für bessere Berufschancen gemeint) in ein Dilemma. Trotz hohem Ausbildungsstandard sinken für die Mehrheit der Bevölkerung die Reallöhne, die Kaufkraft und der Lebensstandard. In der für die Wirtschaftskraft eigentlich so wichtigen Mittelschicht ist dies schon deutlich zu spüren. Die Umverteilung in der Sozialpolitik ist mit Maßnahmen wie Aufstocklöhne für voll arbeitende Geringverdiener auf dem Weg die Sozialpolitik zu Gunsten der Wirtschaftsunternehmen gegen die Wand zu fahren. Hier profitieren nicht die Geringverdiener, sondern die Unternehmen. Wenn Geld keine produzierte Ware mehr im Gegenwert hat, sondern eine Eigendynamik entwickelt, wird es auf lange Sicht wertlos. Die derzeitige Finanzkrise zeigt solche Tendenzen. Gleichzeitig ist es kontraproduktiv wenn “gebildete” Menschen in der Gesellschaft keine oder zu geringe Wertschätzung erfahren, weil die Produktion (und somit das Arbeiten gehen des überwiegenden Teils der Menschen) für die Geldvermehrung nur noch von geringer Bedeutung ist. Sie sind nicht mehr wichtig in der Gesellschaft. (Tendenz erkennbar in der vieldiskutierten Politikverdrossenheit, die Menschen spüren das sie im derzeitigen System nichts mehr ändern können.

Lösung: Der Weltfinanzmarkt muss wieder in politisch regulierbare Formen gebracht werden, sonst fährt das derzeitige Gesellschaftssystem mit sich potenzierender Geschwindigkeit gegen die Wand.

Lichtblick für die Bildung: Eine solche Lösung ist nur mit gebildeten Menschen möglich, die eine Allgemeinbildung besitzen, die es Ihnen ermöglicht weit über ihren eigenen Horizont zu schauen.

Deswegen weiterhin alle Kraft in Bildung.

von: Say

Puh….

Hier scheint mir implizit wieder die Forderung nach 1. einer Art “Bildungselite”, welche das alles überblickt und 2. eine Regelung von “irgendwoher”.

Wie wäre es die Politikverdrossenheit zu lassen und statt in dem Antagonismus zu frönen einfach zu tun? Also Dinge anzupacken und handeln?

Ich bleibe einfach - der Übersichtlichkeit der Fäden beim Thema Schule. TUN nicht warten. http://www.buendnis-bildung.eu/projekte/schulen-der-zukunft/index.html

Ohne zu irgendwas zu rufen einfach Handeln, statt Grabenkämpfe zu diskutieren, die einfach nur Energie binden.

:-)

von: Say

by the way…. es geht in allen Themen. Wie geschrieben - Schule ist einfach nur ein Thema.

von: 9er0

Ich nehme da die Kontraposition ein. Ich glaube, dass es einen unglaublich gut funktionierenden Tauschhandel funktioniert. Er funktioniert so gut, dass er eine Eigendynamik entwickelt hat, die man nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Nun ist aber die Frage, wie man dies doch wieder unter kontrolle kriegen *kann*.

Wir befinden uns in einer Phase, die von dem “der Stärkere gewinnt” nicht mehr weit weg ist. Vlt. ist genau diese schon erreicht. Der, der besser handelt, gewinnt. Daran ist nichts zu rütteln. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Bildung da hinaus führt, denn auch diese bringt ja nur “Stärkere” und “Schwächere” hervor. Egal, wie gut sie ist. Es wird immer Gewinner und Verlierer geben. Die Kunst der Politik bestand darin, eine Balance zwischen dem “Stärkeren” und “Schwächeren” herzustellen. Einen Minderheitenschutz aufbauen. Sicherstellen, dass der Schwächere vom Stärkeren nicht zum Sklaven gemacht wird. Genau dies aber ist nicht mehr gegeben. Es kann durch die Politik nicht mehr sichergestellt werden, dass der “Schwächere” geschützt wird. Dies liegt, so vermute ich, an der Globalisierung, die den Staaten die Hände bindet. Egal, wie progressiv eine Regierung sein mag, die Unternehmen sind stärker - und gehen bei Bedarf in ein anderes Land. Eine Regelung könnte also allenfalls auf UN-Ebene funktionieren, dafür gibt es derzeit aber keine (wirkliche) Initiative und die UN hat dafür auch zu wenig Kompetenzen. Es ist die Frage, ob es jemals zu so einer Regulierung “von Oben” kommen kann, oder ob es mit den Revolutionen, die gerade überall so hervorquellen, nicht doch etwas komplett anderes geschaffen wird - um die Machtkonstellation radikal zu ändern, denn die vielen Menschen zusammen sind immer mächtiger, als die wenigen, die die Macht konzentriert haben. Wenn dies aber geschieht, bleibt die Frage, was danach kommt. Was daraus entspringt und wie die Welt danach aussehen wird.

von: Say

… gero - hier schieb ich Luhmann ein. Du sprichst die ganzen Ebenen an. Ja - Systeme, sinnvoll begonnen um Dinge zu regeln. Und die dann eine Eigendynamik bekommen haben. Wenn wir nun nach neuen Regelungen rufen, rufen wir neue System und neue Regelungen, die wieder geregelt werden müssen. (hol mal Ulrich Beck und die alte Ausgabe der Risikogesellschaft aus dem Eck - hier ist es rückwirkend hervorragend zu sehen)

Wenn wir nun - statt die Politik und Wirtschaft zu rufen selbst beginnen - zb Götz Werner mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen - dann mag es Menschen geben, die es als Hängematte nutzen. Und? Diese Menschen haben im Moment auch keine Option es anders zu machen. Wir haben definitiv nicht genug Arbeit für alle. Ergo wird es immer “Verlierer im System” geben. Wenn wir nun hingehen und ihnen die Möglichkeit eröffnen wirklich zu W Ä H L E N…. ?

Vielleicht (und hier ist halt die Haltung als Erfahrung und deren emotionale Bewertung ein wichtiger Aspekt, der subjektiv beim Individuum liegt) - vielleicht passiert dass, was Falko Peschl im Unterricht erlebt. Das Kinder die zu ihm rüberkommen, erstmal GAR NICHTS tun. Und das ihnen das nach einer Weile echt zu langweilig wird WEIL sie nicht gezwungen werden.

Dazu müssen die “Leitenden” aber eine andere Haltung haben. Statt “Nun muss der aber mal……” zu einem “er wird - weil er es in sich hat”. Vertrauen und das Aushalten der Unwägbarkeit des Wie und Wann.

von: Say

“Da Kinder und Jugendliche nicht ausreichende Teilhaberechte in der Gesellschaft der Gegenwart besitzen, da ihre Bildung und Erziehung nicht hinreichend vor dem Zu- und Übergriff durch sparsame, sorglose und zuwenig an der weiteren Zukunft orientierten Menschen, insbesondere Politiker der kurzsichtigen Machterhaltung geschützt ist, die ihre Entscheidungen zunehmend mehr mit aktuellen Angeboten an die schnellebige Befriedigung von Interessen von Wählergruppen binden, sind Lehrende und Lernende als Anwälte für die Notwendigkeit und Kosten des Lernens wichtig.” Reich 2008

So…. wenn wir das betrachten, steht da nichts anderes, als die Problembeschreibung, dass Systeme sich selbst erhalten wollen. Ich würde sagen, das an sich ist legitim. Nun brauchen wir den Schritt zu fragen, was ist dabei ethisch vertretbar und wie kann es gelingen, diese Ethik zu transportieren? Wie können die Politiker, die auch hier wieder negativ benannt werden, ihre Aufgabe erfüllen?

Aus der Erfahrung mit dem Schulthema - es ist die Angst um den eigenen Platz, der da das Handeln bestimmt. Also müssen diese Ängste gefühlt, benannt und bearbeitet werden. Und das mit Druck in Form von “Ihr müsst nun aber….” geht nicht. Unter Druck geht gar nichts. Doch…. Kampf oder Flucht - oder Toter Käfer spielen.

Machen viele Kids in der Schule. Nennt sich dann “mangelnde Anstrengungsbereitschaft” oder “Verweigerung”…..

von: 9er0

Vorweg: Ich habe Luhmann (noch) nicht gelesen.

Ich glaube nicht daran, dass sich durch dieses “einfach machen” etwas wirklich ändert. Das bedingungslose Grundeinkommen kann man ja auch nicht “einfach so” einführen, sondern das muss mindestens in der ganzen BRD kommen. Ob alle Konsequenzen (wie wird’s finanziert) bearbeitet sein müssen, weiß ich nicht. Ich glaube sogar, dass das gar nciht geht, weil vollkommen unabsehbar ist, wie die Gesellschaft sich dann entwickeln wird. Dass jedenfalls wäre ein sehr sehr tiefgreifender Einschnitt. Ich gebe dir allerdings recht, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt - oder sie zumindest grundlegend neu verteilt werden muss. Wenn sie aber neu verteilt wird, braucht sie neue Maßstäbe. Diese Maßstäbe wiederum müssten aber klar sein, bevor irgendwas verändert wird, denn ansonsten ist die Skepsis in der Bevölkerung zu groß, als dass sie einfach drauf los preschen. Dann wird die ganze Idee kaputt diskutiert - wie das m.M.n. auch mit dem Sozialismus passiert ist (den ich nicht per se für schlecht halte).

von: Say

Stopp…. Geht nicht gibbet nich…

:-)

Und Luhmann kannst du nicht “lesen” - irgendwann macht es klick… und dann ist ein Fensterchen offen..und dann macht es mal wieder klick… dann ist noch eines offen. Ich glaube Luhmann ist Haltung.

Aber zu der prinzipiellen Frage nochmal Kersten Reich - und das ist alles unter dem Aspekt der Konstruktivistischen Didaktik geschrieben - nicht als Gesellschaftskritik:

” Sie (Lernende und Lehrende) sollen unter dem Anspruch handeln, dass jede Beobachtung eine neue Möglichkeit eröffnet, die bisher nicht gesehen wurde, so dass Offenheit nicht in Beliebigkeit kontemplativ zerfällt, sondern in aktive Teilnahme und Nutzung umschlagen kann” Reich 2008, S. 172

von: 9er0

Wo habe ich denn “geht nicht” behauptet?

Und was für Fenster sollen sich öffnen (mit einem *klick*), wenn ich doch garnicht weiß, was Luhmann überhaupt gesagt/geschrieben/behauptet hat? Wenn ich seine Schriften nicht lese, werde ich es wohl auch nicht verstehen können, oder?

Das Zitat ist ja auch ganz schön … nur knüpft das irgendwie an meine Frage nach den Maßstäben an? Meine Thesen waren im Übrigen auch nicht auf die Schule bezogen, sondern allgemein als Gesellschaftsanalyse/-kritik zu verstehen. Ich glaube auch nicht, dass man unser gesellschaftliches Leben in der Schule ändern kann…

von: Say

Habe ich geschrieben, dass Du Luhmann nicht lesen sollst? ;-)

Und auch war mir Schule nur als Beispiel. Eine Metatheorie ist eine super Idee - aber damit kommt doch keiner mehr mit. Also sollten wir beim Überlegen erstmal in den Bezügen bleiben, mit denen die Menschen etwas anfangen können. Nennt man auch Situiertheit.

Eigentlich braucht es für jedes ein eigenes Konzept - aber den Transfer können wir dann versuchen. ;-)

von: 9er0

Eine Metatheorie ist essentiell um eine wirkliche Veränderung her zu führen. Zurück zu meiner ersten These: “Das System krankt, weil die Macht von Politik zu Wirtschaft verschoben wurde – und man auf die Wirtschaft (fast) keinen Einfluss hat.” Damit greife ich das System als solches ja schon an. Ich gehe nicht davon aus, dass man das System aus sich selbst heraus verändern kann, sondern denke, dass das System, wie es derzeit funktioniert krankt. Wenn dem so ist und es wirklich krankt, dann können wir die Lösung aber nicht in dem System selbst suchen, sondern müssen darüber hinaus gehen. Und wenn wir darüber hinausgehen, brauchen wir eine neue Metatheorie (wie der Kapitalismus auch eine Metatheorie ist (war)).

von: Say

Metatheorien gibt es. Aber bisher auch die damit erhoffte Veränderung Oder nicht immer wieder nur weitere Ausdifferenzierungen der Systeme - mit der Folge, dass diese sich erhalten wollen?

Damit würdest Du dem Ganzen weiter Vorschub leisten. Quasi analysieren welche Instanzen wie agieren und neue Instanzen davorschalten, um dies zu beschränken oder zu verändern. Innerhalb der Systeme würden aber die gleichen selbstreferenziellen Prozesse ablaufen…..

Darum möchte ich es runterbrechen und ganz pragmatisch den Ansatz der interdisziplinären Vernetzung gehen. Wie können Individuen an einen Tisch geholt werden, deren bisherige Schutzmechanismen ein Abschotten als Lösung hatten? Wie kann ein Raum gestaltet werden, der eine Öffnung ermöglicht….

Meines Erachtens durch die Objektivierung der subjektiven Theorien. Zum Thema machen, was innen ist. Wie geht es mir. Was macht mir Angst. Warum will ich nicht aus meinen Strukturen heraus.

Und dazu braucht es Menschen, die das erlebt haben und die es als “Modell” zeigen. Das es geht. Wir sind Menschen und als solche gibt es soziale Mechanismen. Die aber nicht mechanisch laufen, sondern die über Spiegelneurone ermöglicht werden.

Vielleicht magst Du Joachim Bauer vor Luhmann lesen…. “Das Prinzip Menschlichkeit”

von: 9er0

Ich werde aus deinem Kommentar einfach nicht schlau. Wenn ich über eine neue Metatheorie philosophiere, bleibe ich ja gerade nicht im System, sondern denke drüber nach, wie das System aussehen sollte. Nun wirfst du mir vor, ich bliebe in dem System … Wie soll ich in dem System bleiben, wenn ich doch gerade über eine Alternative dazu nachdenke?

Nun meinst du, dass man das ganz praktisch und interdisziplinär lösen kann … wie sieht denn dann deine Lösung aus? Vom Zusammensetzen verschiedenster Experten alleine ist ja noch keine Lösung geschaffen… Aber was muss denn verändert werden, damit alles gut wird?

von: Say

Oh no no…..

Ich habe nicht formuliert (auch nicht implizit), dass Du im System wärst. By the way…. wir sind TEIL - wir können gar nicht raus. :-)

Aber wir sind grad in der Beobachterposition und schauen aus unserer subjektiven Perspektive auf den Teil, der vor uns liegt. Wobei Du was anderes siehst als ich - ganz einfach, weil Du andere mentale Repräsentationen in Dir hast. Was wir aber grad tun ist eine spannende Sache - wir reflektieren, dass wir verschiedene Dinge aus der Perspektive sehen und machen damit subjektive Wahrnehmung explizit. Und das in einem Raum (nett hier bei Dir im Blog), der und den Rahmen ermöglicht angstfrei zu explorieren was der Andere überhaupt meint.

Da wir aber ein Ziel haben - nämlich etwas zu finden, das einen Ansatzpunkt bietet, dass wir als Akteure (als Teilnehmer) das System beinflussen (was wir aber immer tun) können, damit es sich verändert. Zu …. ja, zu was eigentlich?

Vielleicht müssten wir an der Stelle unsere Vorstellungen der Gesellschaft (wie sie sein könnte) formulieren?

Was soll nach Deiner Vorstellung passieren? Wie soll das Verhältnis von Politik und Wirtschaft aussehen?

von: 9er0

Wir reden an einander vorbei. Wir können nicht aus dem System heraus, denn wir sind von ihm allgegenwärtig umgeben - und doch können wir uns was anderes vorstellen. Wir können uns aus dem System aber heraus denken. Wir können Konzepte erdenken und uns daran argumentieren. Wir können auch unmögliche Bedingungen *denken*, z.B. es gäbe kein Licht. Wenn es kein Licht gäbe, wären wir alle blind. Wenn wir alle blind sind, bekommen wir Probleme mit dem Autofahren, denn wir können nicht mehr sehen, was auf der Straße ist. Wir könnten also kein Auto mehr fahren. Du siehst, wir können uns in eine Idee hineindenken, ohne das sie wahr ist. Also können wir auch ein anderes System *denken”. Mit Kant: “… aber denken muss es sich doch lassen”. Wir können *immer* abstrahieren und damit uns auch andere Systeme denken, obwohl wir in einem gefangen sind. Wir sind möglicherweise in einem gewissen subjektiven Sichtfeld, welches sich auch auf unsere Gedanken nierderschlägt - so gar sehr sicher ist das so, aber dies ist kein Argument dagegen, dass wir nicht Systeme *denken* können.

Diese Frage nach dem, wie die Gesellschaft funktionieren soll, habe ich damit ja gestellt. Meine Thesen waren ja, dass die Gesellschaft krankt, weil es eine Machtverschiebung zur Wirtschaft gab. Wenn es diese Machtverschiebung tatsächlich gibt, sollte die Frage sein, wie wir diese wieder zurückschieben. Oder wir machen etwas ganz anderes, weil es unmöglich ist zurück zu verschieben. In dem Fall brauchen wir einen neue Metatheorie der Gesellschaft. Wie diese denn aber aussieht, bleibt offen. (Da gab es Ideen von Marx … die aber gesellschaftlich verbrannt sind, wenn sie auch nie angewandt wurden.)

von: Say

Cool - ein Aufhänger….

Marx.

Und ein gutes Beispiel der Perspektive. Er hat eine Diagnose der Gegenwart gestellt. Beschrieben was er wahrgenommen hat. Und dann seine Idee entwickelt und ausformuliert.

Aber damit verlor er die Anbindung an das, was passierte.

Bismark führte die ersten sozialen Absicherungen ein - und nahm damit einen Teil des sozialen Sprengstoffs. Die Ausdifferenzierung in Arbeiter und Angestellte teilte die Masse der arbeitenden Klasse….. aus einer (von ihm definierten) Klasse entstanden zwei Klassen, die sich wiederum ausdifferenzierten…… Die Gewerkschaften nahmen die (tarif)politische Arbeit auf…..

Also änderten sich die Rahmenbedingungen.

Wir haben völlig andere Rahmenbedingungen als Marx - sie sind noch komplexer geworden. Können wir eine Reduktion vornehmen, die diese Ebene erreicht?

Ich vermute nicht.

Ein andrer Aspekt: Marx baute auf die Kraft der Menschen als Klasse…. als EINE Bewegung. Zum einen macht das Bauchweh…. Massen in Bewegung zu setzen ….. Zum anderen kann es heute um die Partizipation gehen - um das Sehen und Handlungsräume nutzen. DIE ja da sind. Darum mein Ansatz zu zeigen, was es schon gibt. Wo Partizipation und Handlung gelebt wird.

Denn das ist eine Mischung aus Bottom -Up und Top-Down. Es ist die Verbindung von “Ich mache und wer macht mit”.

Theorien haben wir genug. Für alles und gegen alles. :-) Oft auch für Dazwischen.

Oder wie Hüther sagt: Wir haben kein Erkenntnisproblem - wir haben ein Umsetzungsproblem. Und Umsetzen kann ich, was mir als Rahmen ermöglicht wird und wo mich jemand begleitet.

Somit müssen wir schauen - WAS ist das, was Du ändern willst und wie lässt sich das ansetzen. Welche Handlungsspielräume haben die Akteure in DEM jeweiligen Themenfeld.

:-)

von: maxen

Zu These 1 (9er0):”Das System krankt, weil die Macht von Politik zu Wirtschaft verschoben wurde – und man auf die Wirtschaft (fast) keinen Einfluss hat.”

In These 1 begegnet mir viel Einzahl: ein System, die Macht, die Wirtschaft. In Einzahl kann ich zu der These kaum etwas sagen, und in der Mehrzahl nichts Neues: Es gibt viele Systeme, seien es nur ‘die etablierten, vorherrschenden Systeme’ in Rente, Pflege, Bildung, Gesundheit .. aber es gibt ein all’diese Systeme verbindendes System, ich nenne es Geldwert-System, andere nennen es Geldsystem; und wenn das krank/kaputt ist, dann sind auch alle, vom Geldwert abhängigen Systeme krank/kaputt.

Ich verfolge die These, dass das Geldwert-System krank (und mittlerweile kaputt) ist, seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes zum Jahrtausendwechsel. Zu der Zeit hätte nicht nur der Neue Markt eine neue Bewertung/Gesundung erfahren ‘müssen’. Das geschah (auch) in Vorbereitung auf den Euro nicht, und in Folge der Ereignisse um den 11.Sept.2001 wurde das Geldwert-Problem von der Geld-Nachfrage durch Krieg überlagert. Natürlich ist der Geldwert abhängig von der Geldmenge.

Es freut mich sehr, dass intensiv am Beispiel Schule argumentiert. Ich kam auf Schule, weil http://maxen.de/infragestell.txt und versuche den Gedanken weiter aus-zu-bauen und zu verbreiten[0]. Aber es interessiert niemanden, kein Feedback, seit fast zehn Jahren .. und ja, ist der Gedanke denn wirklich so schlecht oder gilt (nur) der Prophet im eigenen Lande nichts ;-)

[0] http://bit.ly/kvevoo

von: 9er0

Hmm … Idee ist ja nicht schlecht (d.h. ich bin auch der Meinung, dass Bildung eher Lebensaufgabe ist, d.h. jeder, der keine Arbeit hat, sollte gefälligst auf die Uni gehen können - so lange, bis er/sie kein Bock mehr auf Uni hat, sondern arbeiten gehen möchte (die Welt auch wirklich bewegen)), allerdings nicht umfassend genug formuliert. Mit “Zettel und Stift und in die Schule gehen” ist es eben nicht getan. Was genau soll denn ein jeder dann in der Schule machen? Was soll die Schulleitung in dem Fall mit dir machen? Zurück zum “Systemdiskurs”: Was genau willst du mit “der” Wirtschaft (die es so natürlich nicht gibt …) machen? Wie solle das Schulsystem deiner Meinung nach den aussehen? Braucht es noch so was wie Klassen? Wie schafft man Leistungsnachweise? Und wie wird man “der” Wirtschaft ihre Leute geben? Womit willst du sie ausbilden? Was müssen Schulabgänger alles können? Wann sollten sie die Schule verlassen? Wie werden die Kosten für das Bildungssystem gedeckt? Wenn das beantwortet werden kann, können wir uns darüber unterhalten, die Gesellschaft in der Schule/Uni zu organisieren…

von: Say

Geniale Fragen mein Lieber…

Hallo maxen!

Also

Braucht es noch so was wie Klassen?

Nein - es braucht soziale Bezugsgruppen, die aber altersheterogen auch entsprechende Impulse bieten. Peer to Peer …. Kollaboratives und Kooperatives Lernen….

Wie schafft man Leistungsnachweise?

Definiere die Leistung….. Faktenwissen oder Kompetenzen? Prozessorientiert?

Und wie wird man „der“ Wirtschaft ihre Leute geben?

Mit den obigen Lernformen wird es eher wahrscheinlich, team-orientierte Kräfte zu bilden, die ihre eigene Aufgabe über den Tellerrand sehen.

Womit willst du sie ausbilden? Was müssen Schulabgänger alles können? Wann sollten sie die Schule verlassen? Die Fragen verstehe ich nicht….

Wie werden die Kosten für das Bildungssystem gedeckt?

Wie werden sie bisher gedeckt…..

von: 9er0

Leistungsnachweise sollen klar machen, was der Schüler/Lehrling/Student kann. Wenn “die” Wirtschaft kommt und Mitarbeiter einstellen will, möchte sie wissen, wie gut jemand in Mathe, Deutsch und Biologie ist. Dafür gibt es derzeit Noten, an denen man sich orientieren kann (und sie geben nur eine Orientierung wieder, sie sind nie ein Spiegel der tatsächlichen Leistung, was häufig unter den Tisch fällt …). Wie soll dies in einem “peer-to-peer-Netzwerk” gesichert werden?

Wenn Teams ausgebildet werden, wie “sehe” ich, wie teamfähig ein Einzelner ist (aus Sicht “der” Wirtschaft)?

Zu: “Was müssen Schulabgänger alles können?…” Wenn wir die Schule umkrempeln, welche Inhalte soll diese haben? Was soll in der Schule vermittelt werden? Sollen die Inhalte die gleichen sein, wie sie es derzeit sind? (Mathe/Deutsch/Musik/Naturwissenschaften/Sozialkunde …etc.) Teams neigen dazu, Aufgaben so aufzuteilen, dass jeder immer das macht, was er am besten kann. Wie wird gesichert, dass er auch das lernt, was immer die anderen im Team machen? Jemand der kein Mathe kann, wird versuchen Mathe immer auf die anderen abzuwälzen … wie wird gesichert, das er trotzdem Mathe lernt?

Und: wenn “peer-to-peer” in der Schule funktioniert, wie lange soll es funktionieren? Wann soll ein Abschluss erreicht werden? Und wie soll der Abschluss aussehen? Wann gehen Schüler in die Ausbildung in einen Betrieb? Wann sollen sie anfangen zu studieren?

Kosten für’s Bildungssystem werden durch Kostenminimierung (große Klassen, altes Lehrmaterial …) und Steuereinnahmen der Wirtschaft gedeckt. Wenn wir Klassen (oder wie auch immer die Gruppen bezeichnet werden sollen) verkleinern und mehr Lehrpersonal haben, werden die Kosten aufgebläht. Wie werden diese gedeckt?

von: maxen

Du stellst Fragen ;-) Jede Schule ist anders, und ich gebe so wenig vor wie möglich! Alles andere kann als Geheimnis verstanden, entdeckt werden; es steckt ein Zauber dahinter und dieser soll erhalten bleiben.

Die Idee ist nicht neu, und das Modell: Schulen als Knoten, und Straßen und Wege als Graphen im Netz, ist leicht zu verstehen. Gemeint sind alle Schulen, auf der ganzen Erde. Das ist für mich umfassend.

Also betrachte ich alle Schulen verbindende Gemeinsamkeiten und zeige Mittel und Wege auf -> die aus eigener Kraft reproduzierbar, wieder und wieder herstellbar sind. Dahinter steckt das in Schule zu vermittelnde Wissen und Können.

Der Antrieb ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse, wenigstens der Kinder. Essen, Schlafen, Kleidung und Bildung in Mitteln und Wegen und Reproduktion, zur Organisation (Logistik) und Verwaltung für die Grundbedürfnisbefriedigung.

(Gero): Mit „Zettel und Stift und in die Schule gehen“ ist es eben nicht getan. (maxen): Es genügt zur Schule zu gehen und sich ein zu bringen. Zettel und Stift sind nicht notwendig, könnten aber, wie ein Fahrrad, von Vorteil sein.

(G) Was genau soll denn ein jeder dann in der Schule machen? (m) Jede’r das, was ihm/ihr liegt, sie/ihn interessiert. Du willst es genau. Es wird alles Mögliche sein, orientiert an den Notwendigkeiten für den Selbsterhalt. Lesen, Schreiben und Mathe werden natürlich (Organisation & Verwaltung) gebraucht. Fahrrad fahren für schulübergreifenden Transport & Logistik. Kräuter pflanzen, Tomaten ernten, .. kochen, Transport-Fahrräder warten. Und mit dem bevorstehenden Währungskollaps .. (Handwerks-)Betriebe, Küchen, Gärten und vor allem deren Mitarbeiter’innen einbinden, Sozialstationen, Kitas, Jugendzentren und Altenheime anbinden. Natürlich ist die Zusammenarbeit mit Hochschulen, wo möglich, ausdrücklich erwünscht und eindringlich erbeten

Die Schule wird also nicht unbedingt der Hauptaufenthaltsort der Schülerinnen und Schüler bleiben (und ist dazu auch oft nicht geeignet), sondern tatsächlich als regio-lokaler Knoten für die eigene Organisation und Verwaltung (Arbeitsprozess begleitendes Lernen) genutzt.

(G) Was soll die Schulleitung in dem Fall mit dir machen? (m) Nichts soll Sie mit mir oder anderen machen. Sie hat die Voraussetzungen zu schaffen, ‘das Leben mit der Schule’ zu verbinden und die Freiheiten dazu zu gewähren.

(G) Zurück zum „Systemdiskurs“: Was genau willst du mit „der“ Wirtschaft (die es so natürlich nicht gibt …) machen? (m) Aus eigener Kraft selbst wirtschaften, und so lange ‘Wirtschaft’ existiert ist diese Eingeladen mit zu machen und auszubilden.

(G) Wie solle das Schulsystem deiner Meinung nach den aussehen? (m) Global vernetzt, verteilt und nicht_hierarchisch. (G) Braucht es noch so was wie Klassen? (m) Offensichtlich nicht. Aber wieso sollte eine Schule nicht auch Klassen haben, wenn die beteiligten Schulangehörigen sich dazu entscheiden. (G) Wie schafft man Leistungsnachweise? (m) Wer Leistungsnachweise wünscht sollte sie auch in Form von Zertifikaten oder Zeugnissen erhalten können. (G) Und wie wird man „der“ Wirtschaft ihre Leute geben? (m) Wenn die Wirtschaft soo geil auf Leute ist, wird sie frühzeitig mit ihnen, Schule und UNI in Kontakt treten, Ausbildung vorbereiten und durchführen. (G) Womit willst du sie ausbilden? (m) Mit sich selbst an Ihren Wünschen und Träumen (G) Was müssen Schulabgänger alles können? (m) Können müssen geht nicht; ebensowenig wie wollen müssen (Du musst nur wollen) oder richtig wollen (Du musst richtig wollen). Ansonsten ist das abhängig von lokal-regionalen Gepflogenheiten. Nicht jede’r muss(!)Lesen und Schreiben(!)können; Lesen und Schreiben ist keine Voraussetzung dafür, ein guter oder liebevoller Mensch zu sein. (G) Wann sollten sie die Schule verlassen? (m) Wenn es der Entwicklung dienlich ist, nie oder täglich. (G) Wie werden die Kosten für das Bildungssystem gedeckt? (m) Das Funktionieren ohne Geld war/ist Voraussetzung für das Modell, wie ich es mir wünschte und gefunden habe.

(G) Wenn das beantwortet werden kann, können wir uns darüber unterhalten, die Gesellschaft in der Schule/Uni zu organisieren… (m) Das mag identitätsstiftend, aus den Betroffenen heraus selbst entstehen.

von: maxen

Hi 9er0,

wie (unsere) Zeit hier mal schnell, dort langsam vergeht .. Entwicklung drängt sich auf. Ich begehe Medienbruch und beantworte Deine per Kurznachricht gestellte Frage hier.

(G) Was für “Aufgaben” soll sie [Schule] in der Gesellschaft erfüllen? Und wie soll dies geschehen?

Aufgaben Aufgaben sollen von den Schulen selbst gewählt werden; sie bestimmen selbst ihr ‘Minimum’ und ihre Spezialisierungen, erkennen sich und ihr Umfeld und Gestalten darin und daraus ihr Eigenes selbst (regio-lokal Wert schaffend).

(Aufgaben) .. in der Gesellschaft Welchen Anspruch haben die Schul-Angehörigen an sich selbst? Funktionieren die Familien der Kinder? Was gehörte dazu, einem von den Schul-Angehörigen selbst gewählten Minimal-Anspruch zu genügen, das die Kinder genug zu Essen haben, Essen angeboten werden kann (wenn Geld grad mal nicht funktioniert).

Aufgaben bedeuten (mir) Grundfunktionen von Gesellschaft, wenn sich Schule die Schuhe anziehen möchte (boot-prozess) [weil es andere nicht können oder nicht tun]: Grundversorgung wenigstens der Kinder, Familien der Kinder und Organisation der Pflege der ganz Alten. Näher an die ‘Betroffenen’, als über Schule, ist die Organisation und Verwaltung von Grundversorgung kaum verortbar.

Ich bin mir sehr unsicher, ein Struktur für Entscheidungen vor-zu-schlagen; das gäbe viel vor, was ich mir aus den Schul-Angehörigen selbst heraus erhoffe, oder mischte sich ein, in Dinge die ich nicht überschau’ oder erfassen kann[0].

Ich weiß’nicht ob Schulen sich unbedingt eine Verfassung geben sollten, oder ob sich an Schulen Räte bilden sollten. Ist es notwendig? Ich ‘muss’ wohl definieren, was ich unter einer Gemeindeschule, was unter einer Schulgemeinde verstehe, und was darin ‘Eine Stimme’ bedeutet. Ich muss darüber schlafen ..

Ähnliche Unsicherheit hatte ich bei der ‘Benutzerverwaltung’. Ich habe mich Jahre nicht dran getraut. Jetzt glaube ich, einen guten Ansatz gefunden zu haben. Dass [1] stark inspiriert ist, wenn nicht gar geklaut[2], ‘nu ja, in der Vergangenheit hat es ja nicht nur Scheiße gegeben ;-)

Gero, DANKe für die Fragen!

Alles Gute und bis bald maxen

[0] Ich will nicht empfehlen, dass es von Vorteil sein könnte, sich täglich Gesicht, Hände und Füße zu waschen und das Gemächt, oder täglich Gymnastik zu machen, wobei die Himmelsrichtung eine Rolle spielt. (was ist alle Verbindendes)

[1] http://wiki.skolelinux.de/ChristianMaxen/PPP

[2] Zum Verfahren (belastetes Wort, aber): Leitbild Ohne Dich mit Eigenem abzumühen, wildere in allen Revieren, bis Du zusammen hast, was Du suchst. Beachte wesentliche Kenntnis der Entwicklungen vergangener Jahrhunderte. Und Detailkenntnisse aktueller Entwicklungen.

von: maxen

Nachtrag .. von Wegen .. ein mal Vollspacke’, bitte ;-) http://plus.google.com/109256288594370953258

 
 

Was genau ist Datenschutz?

Der Datenschutz hat sich lange vor der Privatsphären-Diskussion á la Facebook, Google und co gebildet. Er hat sich auch nicht aus Angst um die “Privatsphäre” gebildet, sondern aus Angst vor der technischen Fremdbestimmung. In den 80ern waren KI-Forscher (Künstliche Intelligenz) deutlich euphorischer als Heute und verkündeten, dass in 10 Jahren Computer das selbe könnte, wie Menschen. Es gab den Turing-Test und dieser sollte innerhalb von 10 Jahren bestanden werden. Heute, 30 Jahre später, hat es noch immer keine Maschine geschafft diesen Test zu bestehen.

Mit der Angst vor diesen denkenden Maschinen kam der Datenschutz auf. Damit hat Julia Schramm recht, wenn sie behauptet, Datenschutz ist sowas von Eighties. Damit aber war nicht der Schutz der Privatsphäre vor anderen Menschen, sondern vor der Maschine gemeint…

Heute nun, sind wir deutlich weniger euphorisch, was die denkende Maschine angeht. Es gibt zwar einige interessante Ansätze, wie die Künstlichen Neuronalen Netze, allerdings gibt es auch gute Gegenargumente, wie das Chinesische Zimmer von John Searle. Das Chinesische Zimmer zielt darauf ab, wie Semantik in der syntaktischen Funktionsweise eines Computers möglich ist. Wie der Computer es schaffen kann ein Bewusstsein zu bekommen - was sehr schwer werden dürfte. Searle behauptet, es funktioniert nicht. Ich bin da auch seeeehr skeptisch (denn so viel ich vom Gehirn verstanden habe, ist es doch deutlich komplexer als jede technische Struktur).

Festhalten lässt sich, dass wir zwar zunehmend mehr mit Technik und Computer arbeiten (und in 10 Jahren noch viel mehr als heute), doch wird der Computer so schnell noch nicht für uns denken. Er wird noch immer nur machen, was wir von ihm verlangen - allerdings gibt es eine neue Macht. Die Macht des Algorithmus. Wir nutzen mehr und mehr Algorithmen, ohne zu verstehen, wie genau diese funktionieren. Wir vertrauen den Algorithmen und hoffe, dass sie das machen, was wir von ihnen wollen. Sicher sein können wir uns dabei allerdings nicht.

Das ist der Punkt, wo der Datenschutz heute greift. Wer nicht weiß, was mit ihm (und seinen Daten) passiert, geht im Allgemeinen eher vorsichtig vor. Das passt im Allgemeinen zu der vor-digital-natives-Generation. Wir alle kennen Menschen, die ohne Internet aufgwachsen sind und diese haben eine unglaubliche Angst davor, überhaupt irgendwo etwas ins Internet zu schreiben. Da gibt es kein Facebook, kein Twitter und erst recht kein Blog.

Der Großteil der digital-natives hat aber auch keine Ahnung, wie die Algorithmen selbst aussehen, bilden sich aber ein, das Internet “verstanden” zu haben. Als einer dieser, sehe auch ich mich. Wir meinen zu wissen, was auf Facebook passiert und schreiben da freiwillig rein - allerdings mit einer Intention. Wir “wollen” Nachrichten über uns verbreiten und uns mitteilen. Um mit Freunden noch in Kontakt zu bleiben, bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als social networks zu nutzen. Die Zeit dreht sich schneller - wir leben in einer so kras beschleunigten Welt, dass wir uns nur noch digital verabreden können. Früher ist man einfach zu seinen Freunden gegangen und konnte was zusammen machen. Heute treffen wir unsere Freunde doch gar nicht an, wenn wir vor deren Tür stehen. Dafür sind wir zu viel unterwegs. Daher, so mutmaße ich, kommt es, dass wir uns immer mehr digital unterhalten und social networks nutzen.

Der heutige Datenschutz soll genau dieses ja auch nicht unterbinden, sondern sicher stellen, dass wir nur das, was wir mit Freunden austauschen wollen, auch austauschen. Der Datenschutz soll zum einen das Profil unterbinden, dass die Algorithmen von uns erstellen (und damit Macht über uns ausüben, weil sie (so lange wir nicht genau wissen, was die Algorithmen machen) bestimmen, was wir zu sehen bekommen und was nicht. So lange es nicht unsere eigenen Filter sind, sind es fremde Filter, die vor allem eins wollen: Geld.

Dieser Datenschutz wehrt sich gegen die Vorratsdatenspeicherung, den Facebook-like-button und Google. Hier sehe ich auch bei Datenschutzkritikern durchaus parallelen.

Das, was es aber auch gibt, ist der Datenschutzfundametalismus. Es solle kein Häuserfront im Internet auftauchen und man traut es sich auch nicht, überhaupt irgendwo was hin zu schreiben. Die Angst vor den Party-Kotze-Fotos. Hier allerdings kann man es gut runterbrechen auf das “Jeder stellt das von sich ins Netz, was er da haben will”, die informationelle Selbstbestimmung. Weshalb aber auch dieser Ansatz mit dem Technikdeterminismus negiert wird, verstehe ich nicht. Wie oben schon (anhand der KI) aufgezeigt, gibt es viele Vorstellungen von der Technik, die nicht eingehalten werden. Technik hat Grenzen. Technik schafft es nicht *alle* Informationen allen verfügbar zu machen. Wird sie auch nie. Die Informationen müssen eh noch immer von Hand der Technik zur Verfügung gestellt werden - dann kann man sich auch im Miteinander einigen, dass jeder nur das einstellt, was ihn betrifft. Der Rest kommt einfach nicht rein (oder wird gepixelt). Beim (materiellen) Eigentum funktioniert es ja auch. Nur weil es möglich ist ein Fahrrad zu klauen tue ich es nicht. Man nennt sowas eine “Ethik” und diese Ethik funktioniert so weit sehr gut im Netz. Sie könnte besser funktionieren - und sollte es auch - aber sie funktioniert, wie es auch funktioniert, dass angeschlossene Fahrräder nicht geklaut werden - auch wenn man das Schloss (technisch) knacken kann. Es passiert doch nur sehr selten.

Kommentare

von: *manU

Danke für Deine Erwähnung… allerdings missverstehst Du mich leider etwas, wenn Du annimmst, ich argumentiere gegen Datenschutz “mit dem Technikdeterminismus”. Lediglich meine Einleitung bezieht sich auf die Tatsache, dass der Mensch bisher so ziemlich Alles denkbare und Vorstellbare realisiert hat, auch wenn es der Gesellschaft vor der Implementation vielleicht noch abwegig erschienen sein mag. Ich glaube also tatsächlich, dass “Verstecken” immer schwieriger wird.

Aber das ist nicht der eigentliche Punkt meiner Ausführungen: Im Grunde ziele ich darauf ab, unsere individuelle ethische Sensibilität im Bezug auf den Umgang mit Daten zu schärfen. Ganz einfach gesagt, sollten wir darauf Hinwirken, dass Datenmissbrauch an sich zur Peinlichkeit wird. Wir müssen verstehen und verständlich machen, dass derjenige, der Daten für fragwürdige Zwecke entwendet und missbraucht, in einer zunehmend transparenteren und offeneren Gesellschaft immer auch selbst viel eher dazu gezwungen ist, seine Ideen und Handlungen vor einer wachen Öffentlichkeit vertreten zu können.

Allgemein zunehmende Transparenz ist ein zweischneidiges Schwert! Das schneidet nicht nur unbedarfte und unbescholtene Bürger, sondern auch den, der sich daneben benimmt! Das sollten wir im Rahmen der Diskussion um dieses Thema nicht ausklammern! Die Kontroverse Datenschutz vs. Post-Privacy wird uns doch eigentlich eher aufgesetzt… Die eigentliche Kontroverse bezieht sich auf Datenschutz/ Datenmissbrauch! In der zunehmende Transparenz ergeben sich eben auch inhärente Faktoren der Regulation, da Fehlverhalten ja auch viel eher bloßgestellt werden kann (und sollte!)… Wir haben ja bereits einige schöne stigmatisierende Begriffe, die Personen bezeichnen, die sich im Umgang mit Daten und Informationen daneben benehmen: Niemand möchte als “Spitzel”, “Lauscher”, “Spanner”, “Lästermaul”, “Schlange” oder “Klatschtante” verschrien werden… Diese Stigmata dürfen wir angesichts Datenmissbrauch gut und gerne hochhalten! ;)

Was mich hoffnungsvoll stimmt ist ein Prozess der allgemeinen “Läuterung” unserer Motive und Absichten angesichts der wachsenden “Gefahr”, dass wir uns blamieren, wenn wir uns anders verhalten, als wir es von unserem Gegenüber erwarten oder vor der Öffentlichkeit vertreten können.

Wie ich in meinem Blogartikel geschrieben habe: >> Uns sollte bewusst werden, dass auch diejenigen Subjekte, die eine (wie auch immer geartete) Form der „Überwachung“, Kontrolle (und Manipulation) auf andere Gruppen und Individuen ausüben wollen, ihre eigenen Normen, Ansichten und Auffassungen (ihre Realität!) an eben den Normen, Ansichten und Auffassungen relativieren müssen/ werden, die in der Öffentlichkeit „gehandelt“ und ‘konsolidiert’ werden. [Wir alle sind am Prozess dieser Werte-bildung (der Evaluation der Werte) beteiligt!] … wenn wir uns einbringen wollen (können?).<<


Du erwähnst in Deinem Beitrag auch das "Chinesische Zimmer". und John Searle.. :)

Künstliche Intelligenz ist ein komplexes (oft kompliziertes) Thema, das vielleicht erst in zweiter Linie damit zu tun hat, aber durchaus interessant ist.

Ich lese gerade das Buch: "The Emotion Machine”. Marvin Minsky meint, dass *Komplexität* an sich aber kein Hinderungsgrund für eine durchaus erfolgreiche Implementation künstlicher Intelligenz sein muss.

http://youtu.be/SNWVvZi3HX8 & http://youtu.be/S43WaQywDbw

 
 

Die Ausweispflicht im Netz – was für ein Quatsch!

Es gibt inzwischen einen e-Pass, einen e-Perso mit „elektronischer Autentifizierung“; es wird über die Vorratsdatenspeicherung debattiert und von Zeit zu Zeit hört man (zumeist Konservative) Politiker von einem „Vermummungsverbot im Internet“.

Die erste Reaktion ist zumeist „Geht ja mal gar nicht“. Nach etwas drüber nachdenken kam ich zu: „vollkommener Humbug“.

Aber warum eigentlich?

Das Internet wurde entwickelt um Informationen überall abrufbar zu halten – und mit anderen Informationen zu verbinden. Aus diesen ganzen Verbindungen ergibt sich dann das Netz - das Internet.

Warum darin aber ausweisen?

Mit Arendt würde ich argumentieren, dass es für die Öffentlichkeit wichtig ist, von wem welche Informationen kommen – um nachvollziehbar machen zu können, welche Interessen dahinter stehen. Diese Argumentation scheitert aber an der Technik. Eine Identifikation kann nie 100%ig sicher sein.

Jeder kann immer, überall was ins Netz stellen – da aber die meisten nicht so richtig mit dem Internet können, wird für dieses „ins Netz stellen“ Facebook verwendet. Facebook identifiziert grundsätzlich – vermeintlich.

Andere Nutzer schreiben Blogs, Twitter und andere Webseiten voll. Auch dies tun sie zumeist unter einer Identität. Diese Identitäten sind zumeist durch Passwörter geschützt, sodass niemand anders diese Identität benutzen kann um anderen Inhalt im Namen dieser Identität zu veröffentlichen. Die Passwörter sind unterschiedlich gut – aber klar ist, dass sie nicht unüberwindbar sind. Es handelt sich immer nur um eine Frage der verfügbaren Rechenpower und Zeit.

Bemerkenswert ist, dass dies äußerst selten passiert. Manchmal werden Fake-Accounts erstellt und die Medien damit gehackt (wie z.B. @muentefering ), aber das vorhandene Account übernommen werden und es nicht auffällt … da ist mir kein Fall bekannt. (Wer einen kennt, bitte in die Kommentare posten!).

Warum aber nicht? Wäre das nicht cool Obamas Twitter-Account zu haben? Oder zumindest den von Regierungssprecher Seibert?

Ganz einfach: es würde auffallen. Es gibt ja noch deutlich mehr Kommunikationswege als Twitter. Alle Personen, die ständig in der Öffentlichkeit stehen, haben auch ständig Medien um sich herum. Den könnte man schnell mitteilen, dass der Account nicht mehr unter der eigenen Kontrolle steht.

Ein „einfacher“ Account mit unter 500 Followern (wie ich es bin), ist einfach vollkommen irrelevant. Was genau sollte man denn mit meinem Account anstellen können? Genau. Vollkommen langweilig. Dafür lohnt die mühe nicht.

Und selbst wenn, hat doch jeder seine eigene Art zu schreiben und bringt andere Informationen „unters Volk“. Ein Cracker muss sich schon echt gut anstellen, dass dies nicht auffällt.

Anders sieht es allerdings aus, wenn es sich um mehr als ein „ich habe aber auch was zu sagen“-Format á la Twitter handelt. Wenn auf einmal der eBay-Account gehackt wurde und damit fremde Dinge gekauft und ersteigert werden.

Das geschieht auch nur äußerst selten, ist aber möglich. Hier hat die Bundesregierung eingesetzt und meint, dass man sich dafür doch mit dem ePerso ausweisen könne. Gut, dass der ePerso nicht sicher ist hat der CCC gezeigt. Aber wie genau sollte man denn sonst dafür sorgen, dass kein Schindluder damit getrieben wird?

Gar nicht. Das Internet ist eine Informationsverbreitungs-Maschine. Alles, was nicht der Informationsverbreitung dient, hat im Internet nur bedingt etwas verloren. Wem es wichtig ist, der kümmert sich selbst darum, dass die Informationen nicht weiter verbreitet werden. Wer das aber nicht kann – einfach nicht die Kompetenz besitzt (wie ich einer dieser nur bedingt kompetenten bin), sollte die Finger einfach davon lassen.

Das mag nun nach Internet-Öko anhören, ist aber ernst gemeint. Wer nicht auf eBay, Amazon und co verzichten kann, muss mit dem Risiko leben. Ein vollkommen abgesichertes Netz wird es nicht geben (können). Die Technik wurde nicht dafür entwickelt und wird auch nicht dafür verwendet.

Äußerst wichtig sehe ich, dass in dieser Diskussion klar ist, dass ein Staat nicht auf das Internet bauen darf, so lange es eine eindeutige Identifizierung benötigt. Der Kommunikationspartner ist nur wirklich sicher, wenn er mir gegenübersteht – und dies wird sich auch nicht ändern. Wer also davon schwärmt, seine Ämterbesuche aufs Netz zu verlagern, sollte sich darüber Gedanken machen, wie er sich ausweisen wollte, wenn seine online-Identität jemand anderes hat und er selbst die Menschen vom Amt nicht mehr kennt. Warum sollte ihm das Amt dann mehr glauben, als seiner (Online-)Identität?

Was Zwischenmenschliches angeht, bin ich der Meinung, dass das Internet nur erweiternd wirken kann – es kann das Treffen „im realen Leben“ einfach nicht ersetzen. Dafür ist jede Kommunikation über Netz zu begrenzt. Übers Netz kann man wen anders einfach nicht riechen – egal wie sehr man sich darum bemüht. (Und ja, wir kommunizieren (unterbewusst) auch über Gerüche.)

Wenn aber klar ist, dass das Internet nur ein „Zusatzkanal“ der Kommunikation (sowohl mit den Massen, wie auch mit dem Einzelnen) ist, sollte sich auch die Frage stellen, in wie weit Kommunikation eigentlich gefährlich werden kann. Wer anführt, dass gehackte Bankkonten ohne Vorratsdatenspeicherung nicht aufgeklärt werden können, der sollte grundsätzlich überlegen, wie weit die Identität überhaupt im Netz für die reale Person stehen soll. Warum können wir Überweisungen nicht mehr am Schalter machen? Der allgemeine Stress hat zugenommen und wir alle versuchen alles so schnell wie möglich zu erledigen – und Online-Banking geht schneller als zur Bank zu laufen. Aber ist das die Welt, die wir wollen? Dass uns der Neoliberalismus diesen Stress gebracht hat und einer schneller ist, als der andere, mag dazu führen, dass wir uns alle selbst aufgeben. Wissen wir das?

Nun gleitet meine Argumentation in eine Kapitalismuskritik, um die es nicht gehen sollte. Dazu blogge ich ein anderes mal. Ich bin gespannt auf Kommentare.

 
 

Für Bildung streiken?

Der Bildungsstreik.

In den letzten Jahren hat die Kampagne eine bemerkenswerte Öffentlichkeit herstellen können. Massenproteste haben sich von Wien aus über Österreich und Deutschland ausgebreitet. Unis wurden besetzt, Forderungen nach dem Abschaffen des Bachelors und Abschaffung der (wenn vorhanden) Studiengebühren gestellt und überhaupt sollte mehr für die Bildung getan werden.

Trotz guter Medienresonanz und beachtlicher Proteste in vielen Unistädten hat sich wenig getan in der Bildungspolitik. “Es wird nachgebessert” hieß es aus dem Bildungsministerium. Mit anderen Worten: “Wir hören euch zu, stellt eure Proteste ein, und wenn ihr ruhig seid, geht es weiter, wie bisher”.

Und, die Taktik hat funktioniert. Die Bildungsdemos sind kleiner geworden. Sie bestehen nur noch aus Hunderten, statt Zehntausenden. Darauf muss man als Minister auch nicht mehr hören.

Noch immer gibt es Bildungsdemos, aber die Resonanz ist dürftig. Die Demos sind klein, die Forderungen radikal und das Bündnis zu klein für wirkliche Veränderungen.

Alleine der Name “Bildungsstreik” ist grotesk. Man hätte es auch “wir gegen das Bildungsministerium und die Regierung überhaupt” nennen können. Flyer mit Texten wie “Schwarz-geld muss fallen” stehen für wenig Inhalt, sondern für oppositionelle Polemik.

Opposition ist richtig und wichtig - aber es ist eine Frage dessen, was man erreichen möchte. Entweder man macht Oppositionspolitik und kritisiert die Regierungsparteien, oder es wird für eine bessere Bildungspolitik gestritten. Ich sehe in der Bildungsstreik-Bewegung leider nur noch den oppositionellen Nutzen. Es ist ein prinzipiell kritisiertes Thema, mit der sich jede Opposition bewaffnen kann. Schade.

Die Themen der Bewegung finde ich nämlich durchaus diskussionswürdig, aber weder kann ich die Radikalität unterstützen, noch stimme ich mit allen Themen überein (10 Jahre gemeinsames Lernen hat mit den Grundwerten dessen, was Bildung eigentlich vermitteln sollte (Eigenständigkeit, Engagement, Interesse an der Welt) einfach nichts zu tun, sondern ist eine nicht durchsetzbare, plakative Forderung).

Freie Bildung ist ein ehrenwertes zu erkämpfendes Ziel, aber warum steht nur die Linksjugend ‘solid dahinter? Sowohl Grüne, als auch SPD lehnen Studiengebühren ab – aber warum sind diese nicht auch in dem Bündnis? Warum werden die Forderungen nicht auf ein umsetzbares Maß reduziert und das Bündnis vergrößert, sodass auch tatsächlich etwas umgesetzt werden kann?

Ganz zu schweigen von den irrwitzigen Maßnahmen, wie Hörsäle zu besetzen. Der Streik ist eine Methode, mit der dem Arbeitgeber massive Einbußen zukommen, sodass er handeln muss. Aber in der Hochschule? Da schadet man sich nur selbst. Hier ist jeder selbst der eigene Arbeitgeber seiner Lernerfolge. Wie kann da gestreikt werden?

Entweder habe ich etwas ganz Grundsätzliches nicht verstanden (dann bitte ich um die Klarstellung in den Kommentaren), oder der Bildungsstreik wurde zum reinen Polemik-Thema um auf die Regierung ein zu hauen. Schäde wär’s.

Kommentare

von: 9er0

Und - hatte ich ganz verplant - der Hashtag #unibrennt sagt ja alleine schon sehr genau aus, um was es geht. Es geht eben nicht mehr um eine Verbesserung, sondern es geht darum dem Unmut freien Lauf zu lassen und sich aus zu kotzen. “Alles Scheiße”. Und so.

von: Tweets that mention Für Bildung streiken? « Findling – Topsy.com

[…] This post was mentioned on Twitter by pbeccard, Gero. Gero said: Gebloggt: Für Bildung streiken? http://9er0.wordpress.com/2011/01/22/fur-bildung-streiken/ #Bildungsstreik #Bildungsdemo […]

von: WordPress am 22.01.2011 - Twitter-Aggregator

[…] schrieb: Für die Tagaktiv(ist)en nochmal: http://9er0.wordpress.com/2011/01/22/fur-bildung-streiken/ #Bildungsstreik #Bildungsdemo […]