Politics


 

Copyright Riotcop


Photo: Konstanze Burkhart

Yesterday I went to the “BerlinGegen13”-demonstration and planned an art performance containing taking pictures of protest signs and confronting protesters about potential copyright violations of their signs - as the distopian future character “Copyright-Riotcop” that I portraied some time ago for the collectively written theater play “The Time is Right”.

The theater play is about time travel and a way over the top copyright, that acutally destroyes art itself. So pretty much, what the upload filters may become. So that is why I felt that this art intervention is very precise to the point.

Art is a way of free thinking and boundaries breaking social intervention. Art is widely understood as a performative construct. Art becomes art, when it is seen and recognized as art. There is no rule based logically explainable definition that can be applyed by algorithms. Every intention in building filtering algorithms will fail to some degree. I say that as an artist but also as someone working for an AI startup. Machine Learning is basically pattern recognizion - however art cannot be detecte by patterns but only by context. So far there is no computer understandable way of context - and that will make it pretty much impossible for filters to detect art.

Sadly I could not conclude the performance as the real police confiscated the main part of my costume as they claimed it would be a “passive weapon” and held me nearly one hour, so I missed a big part of the demonstration - and the chance for the actual confronting part of the planned performance.

It is quite ironic that an art performance based on a theater play about repressions against artists was shut down at a demonstration about freedom of art. (Though the law used against this art performance has nothing to do with art or copyright. In the theater play the repressions against artists are copyright based too.)

If you happen to have taken pictures of me as Copyright Riotcop, please send them to me: gero [at] zweifeln.org

However the protest signs I got to take pictures of were pretty awesome:

 
 

Manöverkritik: #brauchtBewegung

Es gibt die neue politische Initiative #brauchtBewegung. Sie will “für Gerechtigkeit und Demokratie” zur Bundestagswahl antreten.

Ich denke schon länger darüber nach, ob es nicht an der Zeit wäre, eine neue politische Bewegung zu starten, um dem Rechtsruck etwas entgegen zu setzen:

Manchmal glaube ich, es wäre an der Zei für eine neue politische Bewegung. Und dann denke ich an das letzte gescheiterte Experiment. — Gero Nagel (@zweifeln) January 7, 2017

Dies ist eine Manöverkritik. Ich finde die Idee wirklich gut, neue Bewegung in den Politikbetrieb zu bringen - aber nicht so.

Laura Dornheim meint, dass eine neue Partei keine Lösung ist und auch ich sehe da ein großes Problem mit einer neuen Partei.

Antje Schrupp hat aufgeschrieben, warum es wichtig ist, eine der großen fünf Parteien zu wählen - und argumentiert damit indirekt auch gegen #brauchtBewegung.

Mir erscheint, als wäre den Organisator*innen von #brauchtBewegung nicht so richtig klar, wie Politik funktioniert. Die deutsche Piratenpartei hat durchaus viel bewegt - auch wenn (mit Ausnahme von @twena) nie in irgendeiner Regierungsverantwortung. Der große Erfolg der Piratenpartei, war, dass alle Parteien gesehen haben, dass es ein Momentum für Netzpolitik gab. Transparenzgesetze wurden geschrieben, Internetzensur gestoppt und der Datenschutz hat eine neue europäische Verordnung bekommen. Selbst die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung kam erst, als die Piratenpartei schon weitgehend bedeutungslos war. Das Druckmittel hatte sich aufgebraucht.

Die AfD hat gerade Bundespolitisch sehr viel Erfolg, weil alle Parteien meinen, dass sie mit deren Agenda Stimmen gewinnen könnten. Horst Seehofer scheint mit der CSU die AfD noch rechts überholen zu wollen, aber wie Michael Spreng schon im Mai 2016 schrieb, wird diese Strategie nicht funktionieren. Piratenanhänger wollten immer lieber Piraten wählen (bis sie sich selbst kaputt machten), AfD-Anhänger wollen ihr Original, die AfD, wählen.

Der Punkt ist: Wer die Deutungshoheit hat, kann Politik beeinflussen. Unabhängig von formalen Ämter oder Mandaten.

Erfolgreiche politische Organisationen entstehen aus Momentum heraus. Der Plan “wir wollen in den Bundestag” ist ein schlechter. Politische Ziele sind kein “wir wollen ins Parlament”, sondern sind “wir wollen $konkretesThema”. Wenn das Momentum da ist, verändert sich die Politik insgesamt - und dann ist der Zeitpunkt zu gucken, wie das politische Ziel am besten zu erreichen ist.

Wer von Anfang an gegen die anderen Partein antritt, macht sich diese zum Feind. Wer eine große Bewegung ist, wird von den Parteien umworben, weil alle die Stimmen wollen. Selbst für Wahlen anzutreten, halte ich erst für sinnvoll, wenn klar ist, dass die Bewegung von keiner vorhandenen Partei aufgenommen wird. Solange das nicht der Fall ist, sollte die Öffentlichkeit genutzt werden, um die vorhandenen Parteien in die eigene Richtung zu schieben.

Martin Oetting schreibt, dass #brauchtBewegung eigentlich das gleiche will, wie die SPD. Wenn dem so ist, halte ich es für sehr klug, dass sehr laut zu sagen und sich von der SPD einladen zu lassen. Katharina Barley arbeitet als Generalsekretärin gerade hart daran, die SPD zu öffenen, siehe #openSPD. Mit Martin Schulz als Kanzlerkandidat hat die SPD einen klaren pro-Europäer, der ansonsten bundespolitisch noch recht unbeschrieben ist. Was seine Themen für den Wahlkampf sein werden, ist noch offen. Wenn es gerade irgendwo eine relevante Option gibt, die deutsche Politik vom Rechtsruck zurück in die Mitte, vielleicht sogar nach links zu schieben, dann mit der SPD. Da kommt es auf uns an, die wir uns eine linkere Politik wünschen, laut und deutlich die SPD zu einem linken Kurs zu zwingen.

(Die Linkspartei mit Spitzenkandidatin und Russlandfreundin Sahra Wagenknecht, die offensichtlich eine Querfront mit der AfD gegen Merkel bilden will ist keine Option. Und auch die Grünen, die ihrer Vorsitzenden Simone Peter offen in den Rücken fallen, als diese rassistische Maßnahmen der Kölner Polizei anmahnt, scheinen gerade keine linke Politik machen zu wollen.)

 
 

Antiaufklärung

Vor Monaten haben ich das Theaterstück “Fear” an der Berliner Schaubühne gesehen. Das war das Theaterstück, dass die AfD gerichtlich verbieten lassen wollte, damit aber gescheitert ist.

Es geht um lange überkommen geglaubten Probleme wie Rassismus und Homophobie, um wieder aufkommenden Nazirhetorik und über vereinsamte Menschen - vor allem in ländlichen Gegenden - die sich von der globalisierten Gesellschaft abgehängt fühlen. Es erzählt von Menschen, welche die alten Zeiten zurück wünschen.

Diese Menschen wurden tatsächlich von der beschleunigten, globalisierten Gesellschaft abgehangen. Und die globalisierte, durchaus auch neoliberale Gesellschaft, kümmert sich nicht um die zurückgebliebenen. Sie werden nicht beachtet und niemand möchte sie mit ihnen beschäftigen. Und diese Menschen merken das. Sie sind wütend, dass sie zurück gelassen werden und fangen an, gegen “die da oben” zu protestieren.

2013 gründete sich die AfD, 2014 wurden die Montagsdemos voller Verschwörungstheorien groß. Es folgen PeGiDa, Brexit, Trump. In Frankreich ist es die Front National, in Österreich die FPÖ. In allen gemein ist ein diffuses “Gegen die da Oben” - mit allerhand Verschwörungstheorien. Keine Argumentation, keinerlei Rationalität erreicht diese Menschen.

Michael Seemann (@mspro) hat noch vor dem Erfolg von Trump einen sehr erhellenden Text über die globale Klasse geschrieben. Er beschreibt, wie es eine Elite aus Medien und respektvollen Menschen gibt, die seit Jahren peu à peu die Gesellschaft verändert hat - und gegen diese Elite gibt es nun diesen massiven, rechten Protest.

Diese Menschen sind (häufig) der von der Globalisierung abgehängte Teil der Gesellschaft. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Warum Rassismus ein Problem ist (früher war das auch immer so!) - und das mit dem Internet. Oder warum die abgebauten Fabriken nicht wieder aufgebaut werden. Sie verstehen die veränderte Welt nicht mehr, wählen den Rückschritt und verstricken sich in Verschwörungstheorien. Sie kommen mit dem neuen Wertekompass nicht klar und wollen ihren Alten zurück haben.

Es gibt mehrere Ebenen, die sich hier aufmachen: Die konkret politisch-gesetzgeberische, die gesellschaftliche Ebene (erstarken rassistischer Attacken nach dem Brexit in UK, erstarken der Neonazis nach Trumps Sieg) und die Antiaufklärerische. Alle drei Ebenen bereiten mir massiv Sorgen. Aber: Gesetze können zurück genommen werden, gegen einzelne Gruppen lässt sich vorgehen. Aber wie kann mit der Antiaufklärung umgegangen werden? Was ist die Strategie gegen Lügen und Verschwörungstheorien? Wie können Menschen überzeugt, die Argumente nicht gelten lassen?

Was ist mit der Aufklärung passiert? Eine Gesellschaft, die nicht auf Argumente hört, kann keine Demokratie sein.

Wie lassen sich Menschen aufklären, dass es eine Methodik braucht, um Wissen zu generieren? Wie kann erklärt werden, dass genau das der Knackpunkt der Verschwörungstheorien ist? Das genau das der Unterschied zwischen Wissen und Meinen ist? Wissenschaft braucht eine Methodik um einen Gegenstand zu untersuchen um unabhängiges Wissen schaffen zu können - und Verschwörungstheorien haben keine Methodik. Jedes Gegenargument wird Teil der Verschwörung. Verschwörungstheoretiker*innen lassen keine Methodik zu - sondern ihre Meinung ist wichtiger als die Methodik. Und genau das ist das fundamentale Problem.

Was aber lässt sich dagegen tun? Eine billige Forderung nach “mehr Bildung” klingt zwar super, löst das Problem aber nicht. Es ist ja nicht so, dass Rechtspopulismus nur von ungebildeten Menschen gewählt und gefördert wird.

Ich will verstehen, wie Menschen Verschwörungstheorien glauben, aber der wissenschaftliche Methodik nicht. Trump wurde im Wahlkampf so massiv durchleuchtet und kritisiert. In meinem Verständnis muss jeder*m klar sein, dass er kein geeigneter Präsident sein kann. Warum aber, wird er trotzdem gewählt?

Handeln diese Menschen in irgendeinem Sinne noch rational? Wenn ja, in welchem? Ich bin nicht schockiert über Trump, ich bin schockiert, dass er gewählt wird. Ich bin darüber schockiert, wie diese Bewegung der Antiaufklärung gegen alle rationalen Argumente immun zu sein scheint.

Wie soll eine Demokratie sich verteidigen, wenn die Argumentationen nicht mehr zählen? Samstag, 3.12.16 bin ich auf dem Save Democracy Camp im Betahaus Hamburg. Da möchte ich gerne über Antiaufklärung diskutieren und freue mich auch vorher schon über Anregungen, Kommentare, Argumente und (links zu) gute(n) Analysen.

 
 

Progressiver Think-Tank

2014 hat sich die Progressive Plattform gegründet, die für progressive Politik stehen sollte, sowohl innerhalb der Piratenpartei, als auch außerhalb. Inzwischen ist die Domain ausgelaufen, Twitteraccount und Facebookseite verwaist.

@zweifeln soweit ich weiß nicht, ist irgendwann aufgrund Ziellosigkeit eingeschlafen @pplattform — F. A. Unterburger (@Fl0range) September 19, 2016

Die Netzszene war ein starker politischer Motor. Die Enquête-Kommission wäre ohne sie nicht eingesetzt worden. Nach dem Erfolg der Berliner Piratenpartei 2011 wurden Transparenz, Datenschutz und Bürgerbeteiligung große politische Themen. Klassische Netzpolitik wurde jahrelang ausführlich debattiert. Probleme sind klar definiert und Lösungen warten darauf umgesetzt zu werden. Das ist politisches Tagesgeschäft, das wird früher oder später passieren.

Was mir aber seit Jahren fehlt, sind politische Visionen. Mit der Piratenpartei wurden auch so Dinge wie das BGE oder Liquid Democracy diskutiert. Es wurde darüber geredet, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. Heute haben wir die AfD, da wird gefordert, die Gesellschaft solle wieder aussehen, wie vor 150 Jahren. Abseits dieser grotesken Stellvertreterdebatten gibt es aber tatsächlich große Probleme, die vor unserer Gesellschaft liegen und ich nehme keiner Organisation wahr, die sich umfassend darum kümmert.

Was passiert mit unserem Arbeitsverständis durch Peak Labour und Mechanical Turk? Wie funktioniert Bildung in Zeiten von Wikipedia? Warum werden noch Definitionen gelehrt? Ist das sinnvoll? Werden Moocs Universitäten ersetzen? Wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht? Wie verhält sich das mit den Cyborgs? Werden wir in 30 Jahren alle Cyborgs sein? Was würde das bedeuten? Wo kommt all der Hass von Pegida und Co her? Wie funktioniert Hate Speech - und welche Mittel dagegen helfen wie?

Ich will diese Debatten führen und mir fehlt ein Forum dafür.

n meinem Verständnis sind das Fragen, die klassischer Weise in Think Tanks bearbeitet werden - aber mir fällt kein Think Tank ein, der diese Fragen bearbeitet. Ich habe keine Lust auf das politische Tagesgeschäft, sondern will diesen Think Tank, der an diesen Fragen arbeitet. Die Antworten sind komplex und schwierig, aber genau das will ich: ohne Tagespolitik an den großen Fragen dieser Gesellschaft arbeiten.

Allein, ich kenne keinen Think Tank, der diese Fragen bearbeitet. Ich kenne viele gute Initiativen wie iRights, die Open Knowledge Foundation, DigiGes oder den ccc. All diese Organisationen finde ich wichtig und gut - aber sie machen klassische Netzpolitik und erarbeiten damit nur einen Teil der großen Frage, wie wir in 20, 30 oder 50 Jahren leben wollen. In Teilen werden diese Debatten auf der openmind diskutiert - aber ein Wochenende im Jahr reicht nicht, um diese Probleme umfassend zu bearbeiten.

Vielleicht werden diese Fragen schon irgendwo diskutiert. Wenn ja, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Wenn nein, warum nicht? Und: wie können wir es schaffen, diese Fragen zu bearbeiten?

Ideen, Anregungen und Kritik sind herzlich willkommen!

 
 

Ich habe eine Vision: Bildungseinkommen

In der Debatte um Automatisierung und neuer Arbeit scheint es mir zwei große Probleme zu geben:

  1. Arbeitslosigkeit. Was passiert mit den Menschen, deren Jobs durch technischen Fortschritt wegrationalisiert werden?
  2. Die Arbeitsprozesse werden immer komplexer und wirklich gutes Personal ist rar. In der IT fehlt schon jetzt in großem Maßstab gutes Personal.

Was mir seit Jahren ein Rätsel ist: Warum ist Bildung noch immer vor allem eine formale Ausbildung? Warum geht es noch immer um Zertifikate und Erlaubnisberechtigungen irgendetwas zu tun? Warum gibt es so viele formale Hürden für Bildung?

In der Debatte um wegrationalisierte Arbeitsplätze wird immer wieder das bedingungslose Grundeinkommen als Lösungsvorschlag genannt. Aber ich möchte noch darüber hinaus gehen: warum geben wir nicht all den Menschen ohne Arbeitsplatz die Möglichkeit sich umfassend (fort) zu bilden? Sowohl durch ein Grundeinkommen, als auch durch einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung?

Wenn wir als Gesellschaft sehen, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden und zeitgleich gutes Personal fehlt, warum lassen wir die Arbeitslosen nicht zu diesem Fachpersonal werden?

Bildung ist ein komplexer, vielschichtiger Prozess. Bildung wird nicht mit Zeugnissen und Zertifikaten vermittelt. Es geht mir explizit nicht um Fortbildungsmaßnahmen (wie in der Arbeitsagentur), sondern um die Möglichkeit für alle Menschen sich frei weiter zu bilden.

Sicher werden nicht alle Menschen zu IT-Experten werden, aber ich bin sehr optimistisch, dass eine rundum gebildetere Gesellschaft eine bessere ist. In Zeiten, in denen auch Bildung automatisiert wird (z.B. durch Moocs) bin ich mir sicher, dass es Möglichkeiten gibt Bildung für alle zu ermöglichen.

Ich habe nicht alle Antworten, aber ich habe viele Fragen und ich will, dass wir diese diskutieren.

Kommentare

von: Andreas

Finde ich gut! Ich hab’s immer wieder erlebt, dass interessierte und fähige Leute in langweiligen, monotonen Jobs versickern, weil sie es sich nicht leisten können, weniger zu arbeiten und sich in der dadurch gewonnenen Freizeit zu bilden, und es hat mich jedes Mal wieder traurig gemacht.

 
 

Woran scheitert die offenen Gesellschaft?

Seit Monaten stelle ich mir die Frage, was eigentlich falsch läuft, in der europäischen Gesellschaft. Ich habe wirklich keine Ahnung und bin gänzlich ratlos, was da passiert. Ich verstehe nicht, wie eine so offene und freie Gesellschaft so abdriften kann; wie das Vertrauen in jegliche Institutionen so massiv verschwinden kann.

Eine gewisse Skepsis gegenüber dem Staat halte ich grundsätzlich für angebracht - immerhin hat der Staat das Gewaltmonopol und sollte immer kritisch betrachtet werden. Nun ist der gesamte Staatsapparat sehr differenziert.

Es gibt da den Föderalismus mit seinen vielen Regierungen und Parlamenten (und all seinen langwierigen Prozessen) um die Macht möglichst stark zu zertäuben. Es gibt die Europäische Union, quasi die Föderalismus auf europäischer Ebene - um die Freiheit und Offenheit europaweit zu garantieren. Es gibt die öffentlich-rechtlichen Medien, ein Konstrukt mit selbstständiger Finanzierung, um sicher zu stellen, dass keine Regierung ihre Agenda darüber verbreiten kann. Es gibt die Deutsche Welle, die tatsächlich ein Regierungssender ist, aber im Inland gar nicht aktiv gesendet wird. Es gibt private Medien, die so ziemlich alles berichten können, was sie wollen - solange sie sich an Gesetze halten. Es gibt ein gut funktionierendes Bildungssystem - und wird in Deutschland zum großen Teil vom Staat bezahlt, um die Einstiegshürden gering zu halten. Es gibt eine unabhängige Justiz vom Amtsgericht über Verfassungsgericht, dem Europäischen Gerichtshof bis hin zum internationalen Gerichtshof in Den Haag. Es gibt unzensiertes Internet und es ist ein leichtes Medien aus allen Ländern der Welt zu konsumieren (soweit die Sprachkenntnisse es erlauben). Es gibt einen beachtlichen Topf an Kulturförderung für (politische) Kunst, die einen enorm hohen Rechtsschutz bietet.

Mir fällt kein großes Freiheitsrecht ein, dass es in der europäischen Gesellschaft nicht gibt - und sobald etwas an einem Freiheitsrecht geändert werden sollen, kommen NGOs und schaffen eine große Debatte darüber.

Und TROTZDEM gibt es seit Jahren wachsende Verschwörungs-Montagsdemo-Pegida-Demos.

Ich kriege das nicht zusammen. Wie können Menschen in einer so krass offenen Gesellschaft auf derartig abstruse Gedanken hervorbringen? Ich verstehe nicht, was den Menschen fehlt. Ich. Verstehe. Es. Nicht.

Wie kann ein Mensch behaupten, dass *alle* Instanzen der offenen Gesellschaft gegen ihn agieren? Wie kann ein Mensch ernsthaft behaupten, Angela Merkel und die “Lügenpresse” arbeiten zusammen? Alle die Landesregierungen, Gerichte, Schulen und Hochschulen? All die Künstlerinnen und Künstler in Theatern, Ausstellungen? Museen? NGOs? (Wo immer ich mir die offene Gesellschaft betrachte, sehe ich Debatten und Streit. Wie kann behauptet werden, dass die alle zusammenarbeiten?)

Wie kann sich ein Mensch gleichzeitig gegen alle Institutionen der offenen Gesellschaft richten? Ich. Verstehe. Es. Nicht.

Dabei sei völlig unbenommen, dass es politische Differenzen gibt. Es gibt vieles an den einzelnen Institutionen zu kritisieren und zu verbessern. Es geht aber nicht um Politik. Wenn hunderte Gebäude in einem Jahr “politisch motiviert” angezündet werden, ist das keine Politik, sondern Terror. Wenn Büros aller politischen Parteien angegriffen werden, ist es kein Angriff auf eine Gruppe innerhalb der offenen Gesellschaft, sondern ein Frontalangriff auf die offene Gesellschaft als solches.

Warum haben diese Gruppen Zulauf? Woran scheitert die offene Gesellschaft?

 
 

#Varoufake

Chronologisch. Vermutungen sind kursiv.

  1. Die deutsche Berichterstattung über Yanis Varoufakis ist seit der Wahl am 25.01. konfrontativ.

  2. Noch im Januar entsteht der Plan Varoufakis einen Finger anzumontieren.

  3. Am 07.02. veröffentlicht der YouTube-Kanal SkriptaTV ein Video mit Yanis Varoufakis. Der Produktion des falschen Fingers ist in vollem Gange. Das Video ist Beiwerk, um das nachvollgende Video in einen Kontext zu setzen. Es wirkt vertrauenswürdiger, wenn der Channel nicht nur ein Video zu Varoufakis hat, sondern schon vorher eins zu ihm publiziert hat.

  4. Am 12.02. ist die Produktion fertig, das Video geht online - einschließlich des Mittelfingers ab 40:29.

  5. Böhmermann produziert V for Varoufakis - am Ende kommt der Mittelfinger vor. Damit sorgt Böhmermann selbst für eine größere Bekanntheit der (gefälschten) Szene.

  6. Die Jauch-Sendung kündigt an, Varoufakis zu Gast zu haben. Fernseh-Journalist*innen kennen sich häufig. Subtil(?) wird das Finger-Video an die Redaktion der Jauch-Sendung herangetragen, um sicher zu gehen, dass es gezeigt wird.

  7. Die Jauch-Sendung.

  8. Martin Beros erwähnt gegenüber The Guardian und ab 1:25 Jan Böhmermann - nimmt ihn aber zugleich auch in Schutz. Es sei okay, einen Spaß zu machen, aber die Art und Weise wie Varoufakis geframed werde, sei nicht okay.

  9. Yanis Varoufakis twittert selbst das Video von SkriptaTV. Er (oder sein Team) hat das Video selbst nur überflogen - der gesamte Kontext wirkt echt - und ist dem Fake selbst aufgesessen.

  10. Die Veröffentlichung von #Varoufake. - der Medienhack zweiter Ordnung. Im Comedy-Style erklärt und veröffentlicht Jan Böhmermann und das Neo Magazin Royale den Medienhack erster Ordnung - und streuen subtil die Vermutung, sie hätten den Fake nur gefaked. Ganz im Sinne des “Erkläre niemals deinen Witz” haben sie einfach einen zweiten Witz aus dem Footage gemacht.

 

Den Fake halte ich für echt. Die Zeit war zu kurz, um den Fake zu faken. In drei Tagen entsteht kein derartiger Medienhack zweiter Ordnung. Konzeption, Casting, Dreh, Schnitt und Postproduktion brauchen mehr als 3 Tage Zeit. In zwei Wochen geht das sehr gut, aber nicht in 3 Tagen.

Die Videos könnten alle wahr sein. Frame-by-Frame sind die einzelnen Bilder zu undeutlich, um zu sagen, welche Version die gefilmte und welche die bearbeitete ist.

Was bleibt ist ein sehr beeindruckender Medienhack und sehr viel zerstörtes Vertrauen in Politik und Medien. In Zeiten, in denen von “Lügenpresse” geredet wird, ist es fatal mit Budget und Produktionsfirmen gegen Kollegen zu produzieren. Der Hack belastet die Deutsch-Griechischen Beziehungen. Es war ein lustiger Witz mit sehr beachtlichem Ausmaß und wenig Feingefühl für eh schon brenzlige Themen.

[Update 10:52]

2014 wurde vom Neo Magazin auch eine TV-Total-Folge gehackt. - Das macht den jetzigen Hack noch wahrscheinlicher.

Yanis Varoufakis nimmt es mit Humor und Jan Böhmermann genießt den Ruhm.

[Update 13:57]

Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Die Indizien mehren sich, dass das Varoufake doch gefaked ist. Ich bin sehr beeindruckt von der Produktionsqualität des Neon Magazins und Jan Böhmermann. Es scheint doch in 3 Tagen entstanden zu sein und es gab viele Umstände, die den Fake sehr echt haben wirken lassen. Gut finde ich es trotzdem nicht.

[/Update]

 
 

Über Neutralität und Fairness

Ziel: Gerechtigkeit. Sowohl Neutralität als auch Fairness haben einen Anspruch darauf gerecht zu sein und niemanden zu bevorteilen oder zu benachteiligen. Und doch gibt es einen großen Unterschied, ob ich mich zu einem Konflikt neutral verhalte und mich nicht einmische, oder ob ich einer Konfliktseite beistehe und Position beziehe.

Auf dem 30c3 gab es den Talk “No Neutral Ground in a Burning World” von @quinnnorton und @dymaxion, in dem sie sehr gut erklären, wo das Problem der Neutralität liegt:

Neutralität ist häufig der Vorwand, sich nicht um ein Problem zu kümmern und Ungerechtigkeiten geschehen zu lassen. Neutralität kann keine moralische Instanz sein (wie auch die FDGO nicht als moralische Instanz funktioniert).

Auf dem Landesparteitag der Piraten Bremen haben ich als Versammlungsleitung einen Homophobie verharmlosenden Redebeitrag angemahnt und damit die absolute Neutralität als Versammlungsleitung verletzt und ein Stück weit Position bezogen, indem ich den Redebeitrag bewertet habe. Die Person konnte meine Mahnung nicht nachvollziehen und wollte lieber die Mahnung als die laufenden Beratung eines Satzungsantrages diskutieren. Weil sie auch auf mehrfache Anordnung dies zu unterlassen und dem Angebot, ihm das gerne später zu erklären, nicht nachkam, habe ich meine Machtposition als Versammlungsleitung genutzt und die Person der Versammlung verwiesen. (In der Hoffnung, dass Ruhe einkehren würde und der Parteitag weiter gehen würde. Tat er nicht. Es gab Tumult und schließlich haben wir den Parteitag auf Sonntag vertagt, damit sich alle wieder beruhigen können.)

Immer wieder denke ich darüber nach, ob ich damit meine Befugnisse als Versammlungsleitung überschritten habe und ob meine Handlung richtig war. Und ja, ich glaube, es war richtig nicht neutral, sondern fair zu sein - gerade aus der Verantwortung heraus einer Machtposition, wie sie die Versammlungsleitung nun einmal ist.

Neutralität ignoriert den Konflikt. Aber wenn ich meine Augen verschließe, verschwindet der Konflikt nicht. Seid im Zweifelsfall besser fair als neutral.

 
 

Wie sieht der Plan aus um Überwachung zu beenden?

Vor knapp einem Jahr erzählte uns Edward Snowden von der globalen Überwachung. Wir werden alle überwacht. Und jetzt?

Gefühlt empören sich weite Teile des Internets seither über die Überwachung. Es wird protestiert und gemeckert, aber ich sehe keinen Plan. Es gibt Demonstrationen und weitere Demonstrationen werden geplant. Es gibt Untersuchungsausschüsse in Parlamenten, die untersuchen sollen, die wichtigen Informationen aber auch nicht kriegen.

</img> (Unterlagen, die der Untersuchungsausschuss im Herbst von der NSA zum “aufklären” bekam, via @ThomasOppermann.)

Wir haben Regierungen, die sich so künstlich empören, dass klar ist, dass sie seit langem davon wissen und keinerlei Handlungsbedarf sehen. Wir, die selbsternannte “Internetlobby” sind uns einig, dass die Überwachung aufhören muss.

Wie sieht der Plan aus, um Überwachung zu beenden?

Es gibt viel Empörung und wird viel Transparenz und Aufklärung gefordert. Selbst wenn wir all dies bekommen, heißt das noch nicht, dass die Überwachung aufhört. Ein knappes Jahr nach den Enthüllungen sehen wir, dass die Empörung alleine nicht reicht. Wir brauchen einen Plan. Vielleicht gibt es schon gute Pläne, dann wüsste ich davon gerne, denn ich wäre gerne Teil eines geplanten Anti-Überwachungs-Widerstandes, aber Empörung und blinder Aktivismus allein helfen nicht. Wenn es diesen Plan nicht gibt, lasst uns einen entwickeln. Lasst uns treffen und einen großen Plan entwickeln. Wer macht mit?

 
 

Lobbyismus hilft nicht gegen Machtmissbrauch

Sascha Lobo schlägt auf der re:publica vor, Netzaktivismus besser zu finanzieren und die Politik stärker zu lobbyieren, damit wir eine bessere Netzpolitik bekommen.

Er ruft zu einem Kampf gegen die Überwachungs-“Feinde” auf. Dieser Plan, dieser Kampf wird scheitern.

Ich lobbyierte selbst einige Zeit deutsche und europäische Politik - gegen die Vorratsdatenspeicherung. Gesetzesvorhaben können lobbyiert werden. Wie aber werden selbstermächtigte Geheimdienste lobbyiert? Ihre ‘Stärke’ besteht darin, dass sie sich nicht demokratisch kontrollieren lassen.

Gegen Vorgehen, die nicht mal in Parlamenten diskutiert werden, kann nicht lobbyistisch vorgegangen werden. Wer soll wie lobbyiert werden? Was Sascha Lobo eigentlich will, ist direkter Einfluss auf die Regierung, denn wenn es irgendwo die Macht gibt, Geheimdiensten Einhalt zu gebieten, dann auf Regierungsebene.

Es geht dabei auch nicht um Netzpolitik, sondern um Politik. Es geht um Macht. Geheimdienste sind dafür geschaffen worden zu überwachen. Das lässt sich nicht mit Reformen beenden. Es geht nicht darum, dass Merkel das BKA zähmen soll, es geht darum für eine Gesellschaft zu kämpfen, die Überwachung nicht braucht. Es geht nicht um das Internet, sondern um Menschen. Es geht nicht um TTIP oder ACTA, sondern darum, wie wir das grundsätzliche Zusammenspiel von Individuum, Gesellschaft und Staat gestalten. Dieser Kampf wird nicht in Parlamenten entschieden, die wir lobbyieren können, sondern in der gesamten Gesellschaft.

Wenn wir aktiv werden, müssen wir das große Bild vor Augen haben. Wir können Regierungen und Geheimdienste nur angreifen, indem wir eine neue Welt gestalten, in der es keinen Platz mehr für Geheimdienste gibt. Lasst uns diese Welt gestalten!

 
 

Warum das mit der Netzpartei falsch ist

Netzpolitik ist unterkomplex. Es geht nicht um Netzpolitik, es geht um Politik. Das Internet ist ein sehr spannendes Phänomen und bedarf einer guten Regulierung. Da hinein gehören Datenschutz, das Unterbinden von Zensur und Netzneutralität. Das Phänomen Internet stößt sich am derzeitigen Urheberrecht, so lässt sich auch da eine Reform fordern.

Damit ist das Internet aber nicht politisch abschließend behandelt. Das Internet drängt auch in Bildungs- und Sozialpolitik, in Wirtschaft- und Medizienpolitik. Aus der technischen Erneuerung “Internet” folgen weitere Phänomene wie dem “Peak Labour”. Das Phänomen “Internet” lässt sich nicht ohne die Gesellschaft denken, die es nutzt und prägt. Politische Forderungen können nicht am Netzwerkkabel enden. Es gibt auch kabellos Internet. Und es gibt auch Menschen ohne Internet. Wir müssen Politik umfassend denken.

Lange haben wir uns unsere eigenen Untergrund gebaut “im Internet”. Wir müssen erkennen, dass es diesen Untergrund nicht mehr gibt und Politik komplexer ist, als nur seine Spielwiese zu verteidigen. Es ist richtig und gut komplexere politische Forderungen zu entwickeln und zu vertreten.

Kommentare

von: Gero

Ich habe keine Idee, wie wir langfristig Handelsabkommen unterbinden wollen, die auf das Internet negativ auswirken, ohne eine neue Wirtschaftspolitik zu konzipieren.

von: @buntomat

Jetzt stellt euch nur einmal den Vorstand einer solchen Netzpartei vor, die versucht mit Hilfe des Internets Politik zu machen, aber die Regeln des Internets nicht verstanden hat bzw. diese ständig missachtet. Dieser Vorstand würde vermutlich versuchen, den durch das Internet entstehenden Kontrollverlust zu begrenzen, in dem es Macht auf seine Mitglieder ausübt, um die Partei auf eine Linie zu bringen. Das wird nicht gelingen, weil die Regeln im “Digitalen Zeitalter” nun mal ganz andere sind.

Nur gut, dass es keine Netzpartei gibt.

von: Tobias C.

Hi, der schöne Unterschied zwischen kompliziert und komplex ist, dass ich das Komplizierte, auch wenn ich mir u. U. viel Mühe bereitet, vollständig erklären kann. Dies kann im Komplexen nie klappen. Hier bin ich gezwungen, modellhaft zu denken und zu vereinfachen.

Du kannst zu recht darauf hinweisen, dass da “im Internet” alles mit allem zusammenhängt. Nur ist es dann leider so: Wenn ich weiß, dass alles miteinander zusammenhängt, weiß ich letztlich nichts!

Wenn wir uns also nicht in die Reihe einer Politik vom alten Schlag einreihen wollen, dass heißt in die Schlange von nichts genau wissenden Generalisten, halte ich es für völlig legitim, sich auf Kernbereiche zu konzentrieren. Wir sollten uns zuvörderst da bewegen, wo wir glauben, echte Fragen und Probleme identifiziert zu haben, zu denen wir den Menschen echte Antworten liefern können.

Alles andere ist Zusatz, bei dem wir demütig annehmen sollten, dass die Generalisten anderer Parteien genauso falsche wie richtige Antworten liefern können, da sie die Komplexität nicht besser oder schlechter verstanden haben werden, wie wir.

 
 

Piratenpartei - Postdemokratie

Seit Wochen wird in der Partei gesülzt. Dieses Gesülze (allem voran die Überbewertung der FDGO) ist im platonischen Sinne leer.

Die Begrifflichkeiten, die genutzt werden dienen nur als gut klingende Superlative. Es ist häufig unklar, was die Begriffe überhaupt bedeuten. Die Aushöhlung von Begriffen ist ein fundamentaler Pfeiler der Postdemokratie im Sinne von Colin Crouch.

Was also seit Wochen in der Partei diskutiert wird ist leer, weil bedeutungslos, und führt in die Postdemokratie.

Es geht nur noch um Superlative und Wichtigtuerei. Es geht darum noch krassere Begrifflichkeiten zu finden (“Stalinismus” & “Nazi”).

Diese “Diskussionen” sind keine Diskussionen. Philosophisch ist es nicht mal ein Dialog. Es findet keine Vermittlung statt. Es ist leer, wie Merkels Null-Phrasen.

Das ist es, wo die Piratenpartei angekommen ist. Wollt ihr das?

Wenn nicht: lasst es. Lasst das leere Diskutieren sein. Denkt darüber nach, welche Begriffe ihr nutzt. Denkt die Begrifflichkeiten nach. Ihr müsst keine Neuen erfinden, es reicht, wenn ihr die Gedankengänge vorheriger Denker nachdenkt. Ohne Denken gibt es keinen Dialog. Wir waren mal die, die “Denkt selbst!” plakatierten. Es wäre schön, wenn zumindest “Denkt nach!” in der Partei funktionieren würde.

P.S.: Im Übrigen wird die FDGO gerade ausgehüllt. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit eurer Empörung, richtet sich doch bitte dahin.

Kommentare

von: Gero

Ich schrieb auch nicht, dass in der Partei *nur* gesülzt wird. Klar gibt es auch komplexere Argumentationen, derzeit aber extrem viel Übergeneralisierung, unzureichende Verkürzungen und leere Phrasen.

von: SD

Es werden ja nicht nur Schlagworte benutzt. Ich schätze mal der Eindruck entsteht, da z.B. auf Twitter aufgrund der Zeichenbeschränkung komplexe Sachverhalte oft zwangsweise in (auch nicht immer 100% passende) Schlagwörter gefasst werden müssen. Und da diese häufig auch Reizwörter sind, bleiben sie eben eher im Gedächtnis, als ausführlichere Darlegungen.

Was den Stalinismus angeht, kann ich das nicht genau aufklären. Ich verwende den Begriff nicht, weil ich ihn unpassend finde. Mein “educated guess” wäre allerdings, dass es sich auf die politische Verfolgung von Abweichlern von der reinen kommunistischen Lehre zu Zeiten Stalins bezieht. Offenbar empfinden einige den Umgang mit Leuten, die sich nicht das von sehr links orientierten Parteimitgliedern gewünschte Verhaltensschema aneignen wollen, so. Wohlwollend könnte man es wohl als Stilmittel der Übertreibung, um einen Punkt zu machen, einordnen. Sonderlich konstruktiv finde ich den Begriff allerdings nicht. Wenn du es genau wissen willst, wirst du jemanden fragen müssen, der den Begriff verwendet.

von: Gero

Wenn nur Schlagworte benutzt werden - ohne es jemals konkret zu machen - schon. Aber vielleicht magst du mir ja erklären, was genau mit dem “Stalinismus”-Vorwurf gemeint sein soll? Was ist das denn? Stalinismus?

von: SD

Nur weil dir nicht klar wird, was andere zu sagen versuchen, ist es noch lange nicht “leer”.

 
 

FDGO-Rant

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist gut. Das Grundgesetz ist gut. Eine Überbewertung sollte trotzdem nicht stattfinden.

Seit Tagen geht die durch meine Timeline. Gestern kurzrantete ich dazu unterkomplex (und löschte ihn deshalb später wieder), heute ausführlich.

Schon interessant der Rückgriff auf Gesetze als letzte moralische Instanz.— OA (@oasenrasen) March 12, 2014

Die Forderung, dass die Piraten sich auf die FDGO besinnen sollen, ist quatsch. “Wir” sind die Grundrechtspartei. Mehr FDGO geht nicht. Es ist sogar wichtig, davon einen gewissen Abstand zu waren, denn eine Überbewertung führt dahin, was die FDGO selbst verhindern soll: den Totalitarismus.

Totalitarismus ist der Zustand den eine Gesellschaft einnimmt, wenn alles Handeln der gesamten Gesellschaft sich einer “totalen” Ordnung unterwirft.

Um Totalitarismus zu verhindern, ist es wichtig, einer Gesellschaft Rückzugsräume zu lassen. Um Totalitarismus zu verhindern ist es wichtig, dass Menschen sich ins Private zurückziehen können und auch anonymes handeln muss möglich sein. Das ist der Grund, warum wir uns gegen Totalüberwachung wehren. Totalüberwachung (wie z.B. die Vorratsdatenspeicherung) sorgt dafür, dass eine Gesellschaft ihre Rückzugsräume verliert und eine Ordnung sich “totaler” auf die Gesellschaft auswirkt. Dies gilt es im Sinne der Demokratie zu verhindern.

Wer auf einer einzelnen Rechtsordnung (wie der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung) einen gesamten Staat begründet, wird einen totalitären Staat begründen.

Das Rechtssystem im Rechtsstaat ist ein gemeinschaftlich ausgehandeltes System und gilt mittels Verfassung (Grundgesetz) für alle Menschen, also auch für die, die konkrete Rechtsnormen ablehnen.

Moral ist die innere Freiheit eines Menschen. Moralische und rechtliche Gesetze können unterschiedliche Handlungen schlussfolgern. “Im Zweifel für die Freiheit” und “Im Zweifel für die Pluralität der Meinungen” bedeutet, dass die moralische Handlung im Zweifel richtig ist und über der Handlung der Rechtsnorm steht.

Etwas polemisch, aber sehr schön hat dies @jselzer auf der Sigint 2012 ausgeführt (ab 22:08):

Es geht nicht um das Gesetz, sondern um die Gedanken, die ins Gesetz einst eingeflossen sind. Es ist in Ordnung, sich im Zweifel darauf zurück zu ziehen, aber die Welt verändert sich und Gesetze müssen anpassungsfähig bleiben. Wenn kein Zweifel besteht, sondern ein ernsthaftes Problem, ist es wichtig, sich nicht der Gesetzestreue zu unterwerfen, sondern das moralisch Gute zu tun.

Kommentare

von: Gero

Stimmt, my bad. Ich hab’s raus genommen.

Worauf ich eig hinaus wollte, ist das der FDGO eine Regelung fehlt, die eigene Perversion zu unterbinden - was in Widerstand gegen die FDGO enden muss. Es lässt sich verargumentieren, dass das Beseitigen natürlich auch in der Perversion besteht (wie gerade Geheimdienste derartige Persionen sind), aber das derailt den Punkt und führt selbst zur Überbewertung.

von: Stefan

Das Widerstandsrecht gilt ja gerade nur dann, wenn die FDGO beseitigt werden soll. Wo du gerade reklamierst, Begriffe richtig zu gebrauchen. #justsaying

von: lawgunsandfreedom

Den 20/4 kann man in der Pfeife rauchen. Warum, das habe ich hier gebloggt (2. Hälfte des Textes): http://lawgunsandfreedom.wordpress.com/2013/09/13/gewaltmonopol-und-die-paragraphen-32-35-stgb/

von: lawgunsandfreedom

Nix gegen das Grundgesetz und die FDGO (im Gegenteil), aber wie wäre es mal mit einer echten Verfassung, in der man die inhärenten und teilweise historisch gewachsenen Fehler ausbügeln und weglassen könnte?

 
 

Wandel

“Change!” - Obamas Wahlkampfmotto hat sich weit verbreitet. Überall fordern Menschen Wandel, dabei ist die Forderung nach “Wandel” falsch. Wandel alleine sagt nichts aus. Wandel lässt sich nur für konkrete Vorhaben fordern. Ein Wandel in der Asyl- oder Wirtschaftspolitik ergibt Sinn. Wandel alleine ist unvollständig. Wandel im ganz Großen gibt es nicht einzeln. Wandel ist immer, denn irgendwas verändert sich immer. Diesen Wandel zu fordern ergibt keinen Sinn. Politik muss nicht vorgeben, wie sich die Welt zu verändern hat, sondern muss den Rahmen schaffen, wohin sich die Welt verändern kann. Politik kann nicht auf jede einzelne Entscheidung eingehen, sondern muss immer die großen Gesellschaftsänderungen beobachten und darauf reagieren. Den Wandel fordert, wer selbst agieren will und das große System verändern will, denn alles andere passiert aus der Eigendynamik der Gesellschaft her und braucht keine grundlegend neue Politik. Dann muss Wandel aber wirklich konkret werden. Was genau soll sich verändern? Es ist eine leere Phrase nur den “Wandel” zu fordern, ohne zu sagen, welchen. Wir, die Piratenpartei, fordern immer wieder den “Wandel”, aber niemand weiß, was genau damit gemeint ist. Wir werden selten konkret oder verbleiben nur in der Reaktion und fordern eine Anpassung vorhandener Gesetze. Wir fordern oft, dass sich Gesetze wieder auf die Grundrechte im Grundgesetz rückbesinnen sollen. Diese Forderung kann kein Wandel sein. Es ist eine Reaktion auf eine veränderte Welt, aber kein Wandel, der grundlegend die Politik verändert.

Der “digitale Wandel” ist kein Wandel. Es gibt einen technologischen Fortschritt, der auf die Gesellschaft Auswirkungen hat. Der technologische Fortschritt hat kein Anfang und kein Ende - beides ist notwendig für den Wandel. Erst wenn anhand dieses Fortschrittes ein neues Gesellschaftskonzept entwickelt wird, ist es ein konkreter und umsetzbarer Wandel. Wenn wir (Piraten) einen Wandel fordern, beziehen wir diesen im Allgemeinen auf den technologischen Fortschritt. Der Wandel muss also ein konkretes Gesellschaftskonzept beinhalten. Dieses Konzept spiegelt sich in vielen unserer Anträge wieder, aber wurde nie ausformuliert. Der Wandel, den wir fordern muss auch Phänomene wie Peak Labour beinhalten. Alles, was aus dem technologischen Fortschritt absehbar ist.

Ich denke darüber nach dieses Gesellschaftskonzept mal auszuformulieren und in ein Buch zu schreiben. Was haltet ihr davon? (Vielleicht schreibt ja @mspro gerade dieses Gesellschaftskonzept in “Das Neue Spiel”, aber gefühlt ist seine Konzeption doch eine andere.)

 
 

Statement

Ich habe gestern Abend ein Statement geschrieben:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die demokratische Willensbildung darf niemals unterdrückt werden. Die Menschen sind der Souverän. Regierungen und Verwaltungen sind eine Dienstleistung für Menschen, um ihnen die Möglichkeiten zu geben, sich selbst zu organisieren. Es widerspricht dem Gedanken der Demokratie zutiefst, sich gegen diese Menschen zu stellen. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Wenn sich die Staatsgewalt gegen die Menschen stellt, ist die Grundlage der Demokratie zerstört. Im Zweifel für die Freiheit. Im Zweifel für die Pluralität der Meinungen. Wir fordern dazu auf, anhand dieser Grundsätze tiefgehende Demokratisierungsprozesse einzuleiten und alles Handeln der Exekutive streng demokratisch zu kontrollieren. Im Übrigen hassen wir Faschismus.

@tollwutbezirk und ich wollten ein Statement zu den Protesten auf dem Maidan schreiben. In einem Piratenpad. Halbfertig ging das Pad in den Orgastreit. Dann schrieb ich ein neues Statement. Es wurde genereller. Es ist ein Statement, dass sowohl Janukowitschs Rücktritt fordert, als auch klar macht, dass wir uns mit den Demonstrierenden solidarisieren und uns gleichzeitig von den ebenfalls dort demonstrierenden Nazis distanzieren.

Es ist auch ein Statement zum #Bombergate: “Im Zweifel für die Freiheit. Im Zweifeln für die Pluralität der Meinungen”.

Meinung ist eine politische Äußerung im bereich der qualifizierten Freiheit. Meinung ist ein Vorschlag, wie die Welt besser sein könnte. Meinung ist nur so lange Meinung, wie sie nicht tiefgehend in das Leben eines anderen Menschen eingreift. Mobbing, Verleugnung, Beleidigung ist keine Meinung.

Ich schrieb im letzten Mai: Piratenpratei - fail by design. Ich muss mich korrigieren. Ich erkenne kein Design. Ich erkennen nur noch fail. Die Piratenpartei ist eine Akkumulation von Antipattern - von Ansammlungen, wie es nicht gemacht werden sollte. Und ich habe keine Ahnung, wie sich dies beheben lässt.

Die Partei arbeitet fast ausschließlich mit Ehrenämtern. Es gibt keine Möglichkeit ehrenamtlich tätigen Personen gegenüber Weisungen zu geben und Konsequenzen zu ziehen. Diese Ehrenämter sind unsere Regierung und die drehen gerade durch - und wir haben keine Möglichkeit sie wieder einzufangen. Womit soll der BuVo der IT denn drohen? Die IT hat den BuVo in Geiselhaft genommen - aber die IT haben wir nie gewählt, geschweige denn, dass wir (die Basis) ihnen gegenüber weisungsbefugt sind. Wir brauchen auch intern die Demokratisierungsprozesse unter strenger demokratischer Kontrolle.

Die Piratenpartei ist nicht arbeitsfähig. Einzelne Mitglieder können einzelne Themen bearbeiten und erzeugen damit regelmäßig wirklich gute Aktionen, aber die Partei als Struktur ist zerstört. Es geht nicht mehr.

Kommentare

von: Gero

Antipattern.

von: Sebastian

An der Pluralität der Meinungen scheint es gerade nicht zu mangeln. Ich kann viele verschiedene Meinungen wahrnehmen. Die Frage ist halt, ob da auch eine konsensfähige dabei ist. Ich vermisse da auf beiden Seiten die Bereitschaft, das jeweilige Gegenüber als legitimen Gesprächspartner mit legitimen Gründen für die jeweilige Meinung anzuerkennen.

Organisations- bzw spieltheoretisch ist das Problem wohl, dass die “Pöbelstrategie” gegenüber der “kollaborativen Strategie” zur Zeit erfolgversprechender ist. Damit werden mittelfristig alle Spieler entweder diese Strategie wählen oder aber aus dem Spiel ausscheiden.

Um diesem Antipattern entgegenzutreten, müsste man die Spielregeln so ändern, dass die Pöbelstrategie weniger erfolgsversprechend wird. Das kann nur dadurch passieren, dass die Basis konsequent diese Strategie ächtet. Wer auch nur ansatzweise shitstormt, darf nicht gewählt werden. Idealerweise auch nicht retweetet, nicht gefolgt, nicht gefavt, kein gar nichts. Da ist es auch egal, ob ich den Pöbler als “meinem Lager” zugehörig empfinde. Dieser Erkenntnisprozess wird wohl noch etwas dauern.

Es gibt demnächst auf der LMVB die Möglichkeit dazu, bei der Wahl auf die bisherigen Kommunikationsformen der Kandidierenden zu achten. Das sollte man tun.

von: @FBMri

Ist die Tatsache, dass die (verantwortlichen) Berliner Piraten ihre Support für LQFB-Plattformen quasi eingestellt haben eigentlich auch #Orgastreik?

von: Gero

Ja.

von: nicht lesen

naja wer hat denn den buvo gewählt? einige privilegierte mit genügend zeit und geld.

 
 

Peak Labour

Die SPD will also Netzpartei werden. Nun ja, nur zu, denn Netzpolitik wird als solche verschwinden. Wir (die bisherigen Netzpolitiker) haben mit “Netzpolitik” einen deutlich zu kleinen politischen Bereich bearbeitet. Wir haben den digitalen Wandel unterschätzt. Wir müssen nochmal von Vorne anfangen und die Skala vergrößern.

Der digitale Wandel wird alles verändern.

Unsere anfängliche Idee, uns um das Internet kümmern zu wollen und um die Probleme, die direkt mit der Nutzung des Internets zusammenhängen, ist zu klein. Wir müssen auch alle Veränderungen mitdenken, die mittelbar durch das Internet entstehen. Wir können uns nicht auf Netzneutralität, Datenschutz und Urheberrecht begrenzen. Wir müssen auch Wirtschafts- und Arbeitspolitik mitdenken. Wir müssen auch Verkehrspolitik und Gesundheitspolitik bedenken. Und das größte Problem, dass der digitale Wandel mitbringt ist nicht der Wandeln von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft, sondern das größte Problem ist, dass wir der digitale Wandel die Industriegesellschaft abschaffen wird, ohne neue Gesellschaftsformen zu bilden, die den vielen Menschen Arbeit gibt. Das größte Problem ist, dass sich die Gesellschaft so nachhaltig verändern wird, dass es für viele Menschen keine Arbeit mehr geben wird. Es ist nett, dass die SPD jetzt anfangen will, sich auch um das Internet zu kümmern, aber die SPD ist leider zu spät. Die Lösungen für das Internet haben wir schon seit 5 Jahren. Wir brauchen jetzt eine Politik, die sich mit dem Peak Labour beschäftigt. Wir brauchen jetzt Lösungen, wie wir mit der gewaltigen Massenarbeitslosigkeit umgehen werden, die uns in der Zukunft bevorsteht. Die Politik muss jetzt die Lösungen finden, wie Gesellschaft ohne Arbeit aussehen soll. Der bisherige Gesellschaftsvertrag hat ausgedient. Und das nicht nur, weil die Bevölkerung immer älter wird, sondern auch, weil immer weniger Menschen in der Bevölkerung von ihrer Arbeit leben können. Mindestlohn ist eine gute Idee, aber auch die funktioniert nur so lange, es überhaupt Arbeitsplätze gibt. Unsere Arbeit wird aber zunehmend mehr von Maschinen übernommen. Es ist eine Frage, wie wir mit diesem Fakt umgehen, nicht, wie dieser Fakt genau aussehen wird. Es ist eine Frage, ob wir die Bevölkerung in überholte Gesellschaftsverträge pressen wollen, oder ob wir es uns wagen neue Gesellschaftsverträge anzugehen. Wenn die SPD jetzt Netzpolitik gestalten möchte, kommt sie 5 Jahre zu spät. Wir können nicht mehr alleine über Netzpolitik reden, wir müssen neue Gesellschaftsideen diskutieren, die den digitalen Wandel umfassend mitdenkt. Und es gibt da ja durchaus Ideen, wie das bedingungslose Grundeinkommen, das lange noch nicht ausdiskutiert ist, aber immerhin eine Idee ist, die vielleicht funktionieren könnte. Wenn die SPD sich nun also endlich mit dem digitalen Wandel beschäftigen möchte, muss sie das auf einer größeren Skala machen und sich selbst und ihre Grundwerte grundsätzlich hinterfragen. Die Labour-Bewegung neigt sich zum Ende. Die Sozialdemokratie als Arbeiterbewegung hat ausgedient. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, keine neue Netzpolitik. Die haben wir schon.

Kommentare

von: Philip

Sehr guter Gedanke, den digitalen Wandel einmal nicht aus dem Blinkwinkel eines Netzwerk-Administrators zu betrachten. Ich denke, dass die digitale Welt durchaus eine neue Art von prekärer Arbeit schafft, das nennt man dann Crowdfunding oder Human Intelligence Tasks. Amazon lässt grüßen: www.mturk.com. Das Problem: bei der “selbstständigen” Heimarbeit am Computer gibt es keine Gewerkschaften und keinen Mindestlohn und schon gar keine internationalen Regeln. Die Konzerne schaffen – wie üblich – schneller Tatsachen, als die Politik da geistig mitkommt. Die Welt wird sich rasant verändern, da gebe ich Dir recht. Aber die Menschen werden nicht auf der Straße sitzen und jammern, sondern sie werden sich Ihren Hungerlohn im Internet zusammendaddeln. Das Problem wird nie mehr die Arbeitslosigkeit sein, sondern die Ausbeutung von Billiglöhnern und die Aushöhlung der sozialen Netze.

 
 

Salzig wie die Träne - Analyse #btw13

Ohne Grundsätze ist der Mensch wie ein Schiff ohne Steuer und Kompaß, das von jedem Wind hin und her getrieben wird, aber gegen den Wind zu kreuzen bringt einen manchmal schneller zum Ziel als mit dem Wind zu segeln.

Aus den Ereignissen der letzten zwei Jahre können wir aber schlußfolgern, daß wohl kein Wind demjenigen günstig ist, der nicht weiß, wohin er segeln soll. Und wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist auch kein Wind der richtige. Andererseits fällt auf einem wankenden Schiff um, wer stillsteht und nicht wer sich bewegt.

Es ist nicht die Größe des Bootes, sondern die Bewegung des Ozeans. Das Meer ist salzig wie die Träne, die Träne ist salzig wie das Meer. Das Meer und die Träne sind sich durch die Einsamkeit verwandt. Wir haben die See zu lange gekannt, um an ihren Respekt für Anständigkeit zu glauben. Da rast die See und will ihr Opfer haben!

Worte sind zwar Luft - aber die Luft wird zum Wind, und der Wind macht die Schiffe Segeln. Wir müssen jedoch da vorsichtig sein, wo mehr Segel als Ballast vorhanden ist.

Wenn’s Schiff gut geht, will jeder Schiffsherr sein, aber auf einem Dampfer, der in die falsche Richtung fährt, kann man nicht sehr weit in die richtige Richtung gehen. Und letztendlich sitzen wir immer mit Pyrrhons Schwein im selben Boot, denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

Komplikationen entstehen, dauern an und werden überwunden. Das sicherste Mittel gegen Seekrankheit ist natürlich, sich unter einen Apfelbaum legen.

Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer! Wir dürfen das Schiff aber auch nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden. Doch welch ein Anker ist die Hoffnung!

Ein richtiger Steuermann fährt mit zerrissenem Segel, und wenn er die Takelage verloren hat, zwingt er dennoch den entmasteten Rumpf des Schiffes an den Kurs. Piraten sind Politiker des Meeres. Wind und Wellen sind immer auf der Seite des besseren Seefahrers. Auf, Matrosen, die Anker gelichtet, Segel gespannt, den Kompass gerichtet!

Wir danken: Lucius Annaeus Seneca St. Matthäus Evangelista Michel de Montaigne Friedrich Schiller Wilhelm Christoph Gerhard Horatio Nelson, 1st Viscount Nelson William Penn Joseph Conrad Karl Gutzkow Antoine de Saint-Exupéry Sully Prudhomme Ambrose Bierce Edward Gibbon Michael Ende Jack Sparrow

Danke dem Co-Autor: @tollwutbezirk

Kommentare

von: F0O0

Danke :)

 
 

Ich wähle Piraten und sage euch auch warum

Meine gesamten politischen Forderungen kann ich auf zwei Grundforderungen runterbrechen: soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Fortschritt. Beides kommt in der Piratenpartei zusammen, wie in keiner anderen Partei - und deshalb werde ich sie wählen.

Der Linkspartei nehme ich es (als einziger im Bundestag vertretenen Parteien) ab, wirklich für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen, habe aber häufig das Gefühl, dass sie den technologischen und gesellschaftlichen Wandel nicht weit genug verstanden hat und in ihre Ideen einbaut. Die Grünen haben wirklich gute Netzpolitiker und sind mir durchweg sympathisch. Ich finde die Energiewende ein wirklich wichtiges Thema und glaube auch, dass wir dort weiter dran arbeiten müssen. Meine Wahlausrichtung liegt aber noch weiter in der Zukunft. Ich glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir die Energiewende vollzogen haben und uns vollständig mit Erneuerbarer Energie versorgen. Ich mache mir allerdings viele Sorgen darüber, wie wir es als Gesellschaft schaffen in das digitale Zeitalter mit möglichst wenig Kollateralschäden zu wechseln. Je früher wir diesen Wandel angehen werden, je weniger Kollateralschäden wird es geben. Und genau deshalb werde ich die Piraten wählen. Ich will, dass der Bundestag sich mit den Fragen der Zukunft beschäftigt und ich glaube, dass es für diese Fragen hilft, wenn eine neue gesellschaftliche Generation mit einer eigenen Fraktion im Bundestag vertreten ist. Und neben all den Fortschrittsproblemen vernachlässigen die Piraten auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit nicht, sondern passen die Frage auf die heutige Zeit an und beantworten sie mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen.

Es stimmt, dass es in der Partei auch sehr viele Probleme gibt. Wir haben keine ständige Mitgliederversammlung (SMV) auf Bundesebene und es gibt noch immer Arschlöcher in der Partei. Ich sehe, dass an beiden Problemen mit Hochdruck gearbeitet wird. Ich gehe stark davon aus, dass wir die SMV auf dem nächsten Bundesparteitag in Bremen beschließen. Ein Vorbereitungstreffen zur SMV gibt’s Anfang Oktober in Heidelberg und zumindest für den Landesverband Berlin weiß ich, dass Parteiausschlussverfahren gegen die Arschlöcher der Partei angelaufen sind.

Zu guter Letzt hat die Piratenpartei durchaus einige wirklich gute Kandidaten wie Miriam Seyffarth oder Lena Rohrbach und ich traue denen auch zu die Ausfälle auf anderen Listen zu kompensieren.

Und ob es wirklich für den Einzug in den Bundestag reicht oder nicht, ist mir egal. Auch wenn wir mit 4,8% am Einzug gehindert werden, so ist das trotzdem ein deutliches Zeichen, dass sich die Politik dieses Landes mehr der Zukunft widmen muss.

In diesem Sinne: Geht am Sonntag wählen und wählt die Piraten!

 
 

#FsA13-Rant

Die “Freiheit statt Angst”-Demo ist eine besonders perfide Erscheinung. Zum einen sind mir die Themen dieser Demo wirklich wichtig (ich war zwei mal selbst im Orgateam), zum anderen läuft da so viel schief, dass ich nicht anders kann, als diesen Rant zu schreiben.

Die Situation ist, dass wir alle eigentlich viel vereinter zusammen stehen müssten, um aus dem riesigen Überwachungsskandal etwas zu bewegen und dafür zu sorgen, dass sich wirklich was verändert. Und ich bin überzeugt davon, dass wir, die “Netzgemeinde”, das eigentlich könnten.

Und dann kommen da die vielen vielen kleinen Fehler, die dafür sorgen, dass das alles nichts wird. Und diese vielen vielen kleinen Fehler, waren absehbar, was mich noch mehr aufbringt, denn ich weiß, dass es besser gehen könnte.

  1. Ist der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung als Veranstaltungsorganisation von der DigitalCourage unterlaufen. Ein Großteil der AKV-Mitgstreiter sind von der DigitalCourage bezahlte Mitarbeiter\*innen. Die ganze Demo wurde in einen Spendenmarathon für DigitalCourage verwandelt. Ich behaupte, dass der Hauptgrund für die Demo die äußerst klammen Kassen der DigitalCourage ist. Zudem halte ich die Organisation für bigott. Sie ist \*die\* Datenschutzorganisation, aber ihre Newsletter habe keine opt-out Funktion. Auf eine Mail hin haben sie immerhin reagiert, auch wenn ich gerne gewusst hätte, wie mehrere meiner Mailadressen in ihre Verteiler kamen. Sie schafft es seit Jahren nicht, ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, so fehlt z.B. im Transparenzbericht die Telekom mit ihrer 150.000€-Spende
  2. Hat padeluun auf mehreren Ebenen seine Integrität verloren. Er ruft zum Zerstören von neuer Technik auf, weil eine Kamera darin eingebaut ist, nutzt aber selbst seit Jahren iPhones - und fordert zeitgleich mehr freie Software. Er ist eine schlechter Moderator im großen (eigene Reden nach den eigentlichen Redner\*innen) und im Kleinen (sehr chaotische Bündnistreffen, unvorbereitetes Erscheinen, teils fehlende Sachkenntnis).
  3. Fehlt das Fingerspitzengefühl für Bündnispartner. Dass der CCC erst 3 Tage vorher für die Demo aufruft spricht Bände. Redner des CCC haben abgesagt. Das Problem ist Hausgemacht, so haben auf einem Bündnistreffen im Mai sich sowohl die Grünen, die DigiGes, die Hedonistische Internationale als auch die Piraten (damals durch mich vertreten) gegen die Demo in dieser Form ausgesprochen. Dass (irgendwie) doch alle mitgemacht haben, liegt an den äußerst glücklichen Umständen des krassen NSA-Skandals.
  4. Hat die FsA (insbesondere padeluun) inzwischen ein merkwürdiges Verhältnis zur Polizei. Er lobt die unglaublich gute Zusammenarbeit (erinnert er sich vlt auch an die Prügelpolizisten von 2009?) und trotzdem lässt er sich 3 Wochen vor der Demo noch einen neuen Demoort vorschreiben, weil er es (vermutlich) auch verpeilt hat, sich den Demoort bestätigen zu lassen. (Solche Dinge müssen fest sein, bevor Plakate gedruckt werden) Und dann trägt die Polizei sogar noch seine völlig übertriebene Angabe von 20.000 Demonstrierenden mit. (Ich schätze es waren tatsächlich 8.000. Vlt auch 10.000 aber mehr waren es nicht.)
  5. Gibt es im Demobündnis keinerlei Konsequenzen für gelebten Antiamerikanismus und Nationalismus, sondern wird sogar noch gefördert. Es wäre ein leichtes auf beides schlicht zu verzichten. Das würde die Forderungen nicht weniger wichtig machen. Und weder mit Antiamerikanismus noch mit Nationalismus will ich identifiziert werden.
  6. Braucht die Bewegung bessere Narrative. Der Begriff "Datenschutz" funktioniert nicht. Was ist denn bitte "Datenschutz"? Werden da Daten mit Stacheldraht vor Algorithmen geschützt? Wie soll das gehen? Und was sind eigentliche Daten? Wir verstehen selbst kaum, was er eigentlich bedeutet, wie sollen es dann erst die Leute verstehen, denen wir das unglaublich komplexe Thema erklären wollen? Es geht nicht um Datenschutz, es geht um Selbstbestimmung und freie Entfaltung des einzelnen Menschen. Ich halte auch das Narrativ der "Überwachung" für kaputt. Ob ich persönlich überwacht werde oder nicht, ist mir tatsächlich egal. Aber ganz und gar nicht egal ist, dass mein Leben kontrolliert wird. Das wird es sowohl durch die Steuer-ID, als auch durch die Schere im Kopf, die entsteht, wenn ich darüber nachdenke, ob es eine gute Idee ist zivilen Ungehorsam auf Twitter zu organisieren. Es geht nicht darum, dass irgendwer mitliest, es geht darum, dass das Institutionen mitlesen, die mein Leben fremdbestimmen können. Es geht um Macht.

Mir ist bewusst, dass dieser Blogpost die FsA in ein sehr negatives Licht rückt und das tut mir auch leid. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, die Probleme sehr genau zu benennen, um es dann beim nächsten mal besser zu machen.

P.S. padeluun ist eigentlich ein toller Mensch, nur als Kopf der Bewegung ist er ungeeignet.

Kommentare

von: pluto

Was der slash sagt.

Ak Vorrat ist eng mit foebud / digitalcoueage verbunden. So what? Da “unterwandert” zu sagen impliziert eine Feindschaft. Oder versucht sie zu erzeugen.

Arbeit kostet Geld. Von Teilnehmern zu sammeln ist legitim. Und das padeluun damit was sinnvolles anstellen wird glaube ich ihm jederzeit. Immerhin ist er schon so lang Aktivist wie du auf der Welt bist und ich kenne ihn davon knapp 20 Jahre.

von: V.

Ist der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung als Veranstaltungsorganisation von der DigitalCourage unterlaufen. Ein Großteil der AKV-Mitgstreiter sind von der DigitalCourage bezahlte Mitarbeiter\*innen.

Eigentlich bin ich im Urlaub und habe überhaupt keine Lust auf diese Diskussion: Bitte stelle diese Aussage richtig, bevor du damit noch größeren Schaden anrichtest. Danke.

von: emi

umso größer solche veranstaltungen werden, umso anschlussfähiger werden die inhalte für allerlei kackscheiße. ich denke, deswegen gehen mittlerweile auch viele nicht mehr hin, was ich persönlich gut verstehen kann. dumme promo-demos sind dumm.

von: Slarthy Bartfass

Was gibt es denn an gelebtem Anti-Amerikanismus auszusetzen? Die Politik der Geheimgerichte, Leute ohne Verhandlung auf Jahre wegsperren, foltern usw.usf. ist nichts, was auch noch verteidigt gehört, oder wie jetzt? Das soll nicht heissen, dass man sich damit gegen Amerikaner (also die Menschen) ausspricht, sondern die Policies ihrer Administration. Sie betrachten uns Europäer mit Ausnahme der Engländer doch auch nichts als Freunde oder Partner, sondern im besten Falle noch als Geschäftspartner.

Von daher sehe ich nicht, dass ein Demoveranstalter dagegen vorgehen muss (zumindest solange es keine ‘Schland-Kacke ist). Wegen der anderen Sachen bin ich in weiten Teilen deiner Einschätzung d’accor.

von: Heiko

padeluun hat mit seinem Abstimmungsverhalten in der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” schon sehr viel Kredit bei sehr vielen Netzaktivisten verspielt und er hat in danach in meinen Augen wenig bis gar nichts dafür getan, dieses verspielte Vertrauen zurück zu gewinnen.

von: Slash

Dieses “ewige Mimimi, die sind aber böse, 99,99 % sind nicht genug und Person X geht mal gar nicht” ist die Sollbruchstelle einer geeinten Netzgemeinde. Es ist schon ganz schön ironisch, dass ein Blobeitrag der das Who is Who des Zwist-Sähens ausführt im Grundsatz als Plädoyer für mehr Zusammenhalt gedacht ist. DigitalCourage unterwandert… DigitalCourage will doch nur Spendengelder… die Piraten wollen doch nur Wählerstimmen - Einigkeit braucht Toleranz und Pragmatik; was ich jedoch sehe ist, wie einige wenige die Leute links und rechts von sich wie ihre ärgsten Feinde behandeln, obwohl sie doch mit ihnen auf der gleichen Seite stehen - zumindest an diesem einen Tag auf der Straße. So ein Verhalten ist schrecklich dumm, unumsichtig, unreflektiert und politisch instinktlos. So ein Verhalten ist es übrigens auch, was früher mal für viel Stunk bei den Piraten gesorgt hat; es gibt einfach manche Menschen, für die ist jeder “der Feind”, der sich nicht als absoluter Erfüllungsgehilfe ihrer Weltsicht verhält. Traurig ist das. Und unterdessen macht Merkel die Merkelraute und sieht zu, wie sich die Gegenbewegung aufgrund einiger Soziopathen in ihrern Reihen selbst zerlegt. Ich muss ganz ehrlich sagen; die Piraten haben wenigstens mittlerweile dazu gelernt; die Bloggo-Femi-Hackersphäre scheint davon leider noch entfernt. Das Wort heißt Pragmatismus; deal with it.

von: Daniel Lücking

Sachlich vorgetragen und es weckt einige Fragen, die nur dann aufgeworfen werden können, wenn man sich länger mit dieser Entwicklung / Bewegung befasst hat. Die Spendensammlung vor Ort stieß mir auch recht seltsam auf und mich beschäftigte eher die Frage, wie man die Masse erreicht, als wie groß die Masse war.

(Halbwegs) sicheres surfen muss möglich sein - eine sichere, vertrauliche eMail-Kommunikation als Grundrecht von Bürgern angesehen werden und Journalisten müssen sich in die Pflicht nehmen, verlässliche und schutzbietende Anlaufstellen für Whistleblower zu sein.

http://www.medienkonsument.de/2013/09/08/1562/

von: Anna Weber

Die FsA ist leider inzwischen nicht mehr als ein in Aussagelosigkeit erstarrter Traditionsmarsch - wie der Erste-Mai-Umzug, nur mit weniger Gewerkschaftern. Wenn ich mir die Transparente ansehe, kann ich nicht einmal sagen, wofür überhaupt demonstriert wurde. Männer sind Schweine, die NSA auch. Es wundert mich, dass nicht auch noch für die Rückgabe Nordamerikas an die Ureinwohner geworben wurde, hat doch auch irgendwie mit Freiheit zu tun.

“Wir sind hier, wir sind laut” - vor allem letzteres. Laut sein, das ist ganz wichtig. Und ganz viel bedrucktes Papier verteilen, völlig egal, ob’s jemand liest. Hauptsache, man kann damit posen, 10.000 Flyer verteilt zu haben, während man neben dem Transpi herlief und den Promis zuhörte, wie sie über den Lauti ganz tolle Redi hielten.

A propos Zahlen: Warum haben wir nicht gleich behauptet, es waren 100.000 Teilnehmer, ach was, eine Millionen, egal: 10 Milliarden? Und die Praktikanten aus der Zeitungsredaktion übernehmen ungeprüft diese Zahl. Am Anfang schreiben sie noch “nach Teilnehmerangaben”, aber das fällt auch irgendwann weg. So fälscht man Geschichte, und die Presse spielt sogar noch mit.

Manchmal glaube ich, diese angebliche Großdemo ist nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver, einzig dazu gedacht, möglichst viele Leute in Vorbereitungsaktivitäten und später in der seligen Annahme, unglaublich viel für “die Freiheit” (was auch immer das sein mag) getan zu haben, zu binden und so zu verhindern, dass sie irgendetwas unternehmen, was wirklich etwas ändern könnte.

von: Alex

Stimmt, eher konstruktive Kritik. Und der kann ich weitestgehend zustimmend - zumindest aus der Entfernung eines Teilnehmenden und Nicht-Beteiligten (organisatorisch). Ich denke es waren auch eher knapp 10.000 Menschen in Berlin am Wochenende beteiligt.

Vergleichen kann man das gut mit den Blockupy-Demos in Frankfurt, da waren über 20.000 Leute da - und auch sichtbarer als jetzt in Berlin. Ich fand die FsA im großen und ganzen in Ordnung, hat viel Spaß gemacht, habe Leute aus dem digitalen Leben in echt getroffen und mit denen gesprochen und ausgetauscht. Fast schon wie eine kleine Loveparade. Von den Sprechern habe ich nicht viel mitbekommen, lag auch daran, das ich nicht wirklich Interesse daran hatte bei einer Demo das zu hören, was ich eh schon weiß. Ist ähnlich wie Bäckermeister zu einer Brotback-Weiterbildung zu schicken.. (einen eigenen Blogpost dazu habe ich auch vor zu schreiben, also zur FsA)

von: Sebastian

Also für einen Rant ist das immer noch sehr freundlich. Danke für das Statement.

von: juna

Das ist kein Rant. Das würde ich als differenzierte Kritik eines Insiders bezeichnen. Danke für die Informationen. (Ändert natürlich nix an meiner Meinung. Wo kämen wir denn da hin;-))

 
 

Rücktritt

Ich bin gestern, am 26.05.2013 mit Ende der Vorstandssitzung vom Amt des Beisitzers im Landesvorstand aus persönlichen Gründen zurück getreten. Die “persönlichen Gründe” möchte ich gerne ausführen.

Ich bin noch immer Vollzeitstudent an der Fernuni Hagen und habe letztes Semester auch 2 Prüfungen geschrieben und bestanden (mehr schlecht als recht). Daneben arbeite ich nach wie vor beim Elektrischen Reporter um meine Miete und mein Brot bezahlen zu können. Und dazu kam noch ein gefühlter Vollzeitjob Landesvorstand als Ehrenamt. Das ist <a href=”http://zweifeln.org/2012/280-stress-mein-leben-als-politiker/”wie ich schon schrieb</a> mit sehr viel Stress verbunden. Ich versuchte das zu minimieren und weniger zu machen - und ich habe auch weniger gemacht. Aber das Niveau liegt noch immer deutlich über dem, was ich für gut für mich halte.

Dazu kommt, dass ich meinen eigenen Anforderungen nicht gerecht werde. Ich trat an, um möglichst gute Strukturen zu bauen und auch an tools zu arbeiten, die helfen Diskussionskultur waren und der Chancengleichheit helfen. Ich war auch überzeugt vom Konzept “Gelassenheit durch Transparenz”. Nach einiger Verzögerung lief das im Januar auch an und wir haben aus dem “Teppich” den “OpenLV” gemacht und allerhand Ideen zusammengetragen und teils strukturiert, wie wir uns die vegane eierlegende Wollmilchsau denn haben wollen. Viel weiter kamen wir damit leider auch nicht. Es fehlte an wirklich engangierten Leuten, die sich da rein hängen und das Projekt wuppen. Möglicherweise war es auch falsch, das ganze innerparteilich von Ehrenamtlichen wuppen lassen zu wollen, denn so ein großes Softwareprojekt ist ein großes Softwareprojekt und wenn das ordentlich laufen soll, sind hauptamtliche Entwickler extrem vorteilhaft, damit da wirklich 20-40/Woche dran entwickelt werden kann und das Projekt nicht erst nach der Eröffnung des BER fertig wird.

Daneben habe ich die Liquid-Treffen koordiniert vor allem den großartigen Björn als Hauptadmin und Mario als weiteren Admin vom Liquid mit Arbeit versorgt. (An dieser Stelle mal ganz ganz vielen Dank den beiden!) Die automatisierte Akkreditierung für’s Liquid via Whitelist steht leider noch aus, aber darum werde ich mich wie um eine ordentliche Dokumentation des Liquid-Systembriebs noch kümmern. (Ich will mich dafür beauftragen lassen, damit ich das auch weiterhin tun kann.)

Daneben allerdings ist von dem, was ich mir vornahm sehr wenig passiert. Der Vorstandsjob als solcher frisst sehr viel Zeit für Meta-Organisation, Befindlichkeiten und innerparteilichen Reibereien, in die eins als Vorstand immer wieder rein gezogen wird. Auch das sehe ich als eine Aufgabe des Vorstandes an, mit dem Mitgliedern ordentlich zu kommunizieren. In letzter Zeit allerdings fiel mir eine angemessene Kommunikation zunehmend schwerer. Es passierte, dass ich einzelnen Menschen gegenüber ausfallend wurde. Ich schiebe es auf meinen derzeitigen Lebensstress, weiß aber auch, dass das keine Entschuldigung sein kann. Für einen Vorstand gehört es auch, die nötige Contenance zu wahren und ansprechbar zu sein.

Gerade die Ansprechbarkeit ist bei mir nicht mehr gegeben. Zu den zwei anderen Jobs (Studium und Elektrischer Reporter) kam noch ein Krankheitsfall in meiner Familie, der mir zusätzliche Zeit und vor allem Nerven raubt. Selbst wenn das nicht gewesen wäre, fehlt mir auf Dauer der Ausgleich zu der vielen Arbeit um die Arbeit auch ordentlich machen zu können. Ich merke selbst, dass alle drei Jobs sich in meinem Leben gerade gegeneinander ausspielen und insbesondere mein Studium darunter leidet. Das muss enden. Und da ich mein Studium schon zweimal umsattelte und einen bezahlten Job brauche um meine Miete zahlen zu können, muss der ehrenamtliche Job gehen.

Hinzu kommt, dass ich immer mehr das Gefühl habe vom geplanten, durchdachten Aktivismus zum Aktionismus überzugehen, um überhaupt was zu machen. Und wenn Aktivismus in Aktionismus übergeht, ist es Zeit aufzuhören und darüber nachzudenken. Vielleicht wieder neue Kraft zu tanken neue Ideen aus der neuen Erfahrung zu entwickeln und sich dann auch wieder stärker einbringen. Wenn ich in paar Monaten wieder die Kraft habe, für die Partei zu brennen, dann werde ich mich auch wieder einbringen. Auf welchem Posten ist zweitrangig.

Danke, Berliner Pirat*innen. Das war eine extrem spannende Zeit und ich habe unglaublich viel in der Zeit gelernt. Danke insbesondere auch an meine Vorstandskollegen GA, Benny, Gordon, Manuel, F0o0 und Frank. Ich hätte mir kaum bessere Kollegen wünschen können. Die Zusammenarbeit mit euch war durchweg super. Wie GA sagte: “wir können uns ja auch weiter treffen”. Und ich bin mir sicher, das werden wir - auch wenn vlt nicht mehr so häufig, wie zuvor :)

Kommentare

von: Rohrwallpirat

Danke für deine tolle bisherige Arbeit und Engagement. Ich kann deine Begründung sehr gut nachvollziehen. Du bist dann ja nicht aus der Welt. Einfach mal Danke für deinen bisherigen und aich zukünftigen Einsatz.

von: Etienne

Lieber Gero,

schade, sehr schade, aber sehr gut nachzuvollziehen. Du hast vieles versucht anzuschieben, aber leider fehlt wohl in Berlin an allen Ecken und Enden derzeit die Energie. Und das, was noch da ist, wird aufgesaugt durch unnötige Reibereien.

Erhol Dich, komm zur Ruhe, dann komm wieder, in dem Maße, in dem es Dir möglich ist.

Danke für Deinen Einsatz,

Etienne

 
 

Piratenpartei - fail by design

Pyth ist ausgetreten. Ich möchte der Partei global vor die Füße kotzen. Nicht, dass HerrUrbach und Ennomane nicht schon Grund genug gewesen wären. Ich möchte wild um mich schlagen, zetern und die Partei retten. Allein, ich schaffe es nicht. Und dabei bin ich mindestens mitschuldig. Auch ich sitze im Berliner Vorstand mir meinen Arsch platt und bleibe bei schön klingenden allgemien-Blah-Blah (Link zum Archiv der Berliner Liste - ihr müsst dafür Abonnenten der Liste sein). Auf Nachfrage, dass wir als Vorstand auch konkret vorgehen sollen, reagiere ich nicht. Ich hätte gerne geantwortet, ja, machen wir. Ich würde tatsächlich gerne PAVs verteilen. Allein, ich schaffe es nicht.

Nach Rücksprache mit dem Landesschiedsgericht haben wir geklärt, dass wir, der Landesvorstand, PAVs (gut begründet) beschließen müssen, um sie dann dem BuVo zu geben, der das nochmal beschließt, um dann zurück auf Landeseben vor das Landesscheidsgericht zu ziehen und wenn wir wirklich gut nachgewiesen haben, dass ein “großer Schaden für die Partei” entstanden ist, können wir drauf hoffen, dass ein Mitglied aus der Partei ausgeschlossen wird. Und alles, was selbst daraus folgt ist, dass sich das Mitglied nicht mehr auf Veranstaltungen akkreditieren kann. Es darf dort weiterhin auftauchen und es kann auch weiterhin Mailinglisten und Twitter betrollen. Es kann weiterhin Blogposts schreiben und es kann auch weiter behaupten, im Herzen schon immer Pirat gewesen zu sein. Dagegen gibt es keinerlei Vorgehensweise. Es ist schlicht nicht vorgesehen, dass wir oder irgendeine andere Institution irgendwie dagegen vorgehen kann. “Wir sind doch offen.”

Zusammengefasst: wir können den Vorständen und Schiedsgerichten unglaublich viel Arbeit machen um dann formal korrekt festzustellen, dass die rausgeschmissenen Menschen noch immer die Partei kaputt trollen können. Es also auch nichts bringt - bis auf einen haufen Arbeit, für nicht bezahlte Vollzeitjobs.

Es ist in der Struktur der Partei so angelegt. Wir wollten das so. Wir behaupteten, das sei ein Feature. Wir stellen fest, es ist ein Bug. Fail by design. Die Partei besitzt keine Struktur, die es erlaubt, wirksam gegen trollende, hetzende, pöblende Menschen vorzugehen. Und das ist mit Abstand der größte Fail dieser Partei - und ich habe keine Idee, wie und ob wir das wieder gut machen können.

Kommentare

von: Bunki

Ich finde mit WP001 ist schon die Lösung integriert:

Verrückt ist auch normal

Der Bundesparteitag der PIRATEN möge diesen Antrag gegebenenfalls auch modular beschließen und den Inhalt im Programmbereich Psyche einfügen:

Modul 0

Änderung des Programmbereichstitel

Der Wahlprogrammbereich Psyche wird umbenannt in Verrückt ist auch normal.[…]Das Ziel der politischen Arbeit der PIRATEN ist eine größtmögliche Inklusion aller Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, beziehen wir die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in unser Programm mit ein. Die Gesundheitspolitik hat die Ziele medizinische und psychosoziale Hilfe zu gewährleisten, eine Behandlung zu garantieren, wo diese nötig ist …

von: corax

Nein. Laut SGO BUND §1 (Abs 2) http://wiki.piratenpartei.de/Bundessatzung#.C2.A71-_Grundlagen

kann kein LV eine abweichende SGO haben die in wesentlichen Punkten abweicht.

Natürlich darf ein Landesvorstand ein PAV beantragen, aber nicht direkt beim LSG sondern erst einmal beim BuVo. Jede niederschwelligere Ordnungsmaßnahme kann er selbst verhängen. Ziel der Regelung ist es, dass der BuVo bei solch schwerwiegenden Entscheidungen informiert ist und sich der Fail mit Bodo Thiesen ‘Ne bis in idem’ http://de.wikipedia.org/wiki/Ne_bis_in_idem nicht wiederholt.

Der LaVo kann ein PAV beantragen, aber beim BuVo, der prüft es und leitet es dann ans zuständige LSG weiter.

verständlich?

von: Gero

Gefühlt bringen “normale” Ordnungsmaßnahmen genau nichts. Davon haben wir inzwischen schon einige verteilt, aber es gibt quasi keinerlei positiven Effekt. Zumal OMen im Allgemeinen nicht-öffentlich beschlossen werden und auch nicht öffentlich zugestellt werden, sodass nur die Betroffenen und wir als Vorstand davon wissen. Pasteiausschluss sagt zumindest ganz deutlich, dass manche Menschen in der Partei nicht willkommen sind.

von: Gero

Ohne Beauftragung oder Amt ist niemand berechtigt, für die Partei zu sprechen. Das ist immer justiziabel. Ob die Person ein Parteiausweis hat oder nicht ist egal.

von: Gero

Mir war dieser Beschluss nicht bewusst. Nun ist er es und ich werde die nächsten Tage und Wochen uns einige Arbeit damit machen, Leute von Mailinglisten zu verbannen.

von: Gero

Es sind zwei Bugs. Der eine ist in der Berliner Satzung, die nicht besagt, dass der Vorstand ein PAV beantragen darf. Das ist unser Berliner Problem.

Der zweite Bug ist (soweit ich das verstanden habe und ich finde das alles einigermaßen verwirrend) die Schiedsgerichtsordnung als Teil der Bundessatzung, die sich nur auf die restliche Bundessatzung bezieht und nicht explizit auf Landessatzungen. In der Bundessatzung steht danach aber nur, dass der BuVo PAVen darf und nicht ein LaVo. Das jedenfalls haben mir neulich unsere Schiedsrichter*innen erklärt. (Und das würde auch erklären, warum das mir einzig bekannte erfolgreiche PAV in MV statt fand, denn da haben sie eine eigene Scheidsgerichtsordnung.)

von: Stefan

Das ist nicht richtig. PAV wird vom Landesvorstand beim Landesschiedsgericht beantragt und von diesem verhängt. Das ist Rechtsprechung des Bundesschiedsgerichts. Alles andere ist Legende.

von: Gero

Danke für den Hinweis des virtuellen Hausverbotes. Mir war schlicht nicht klar, dass wir dazu tatsächlich schonmal Dinge beschlossen haben und kam auch selbst nicht auf die Idee, dazu einfach was zu beschließen. (warum auch immer das nicht von selbst in meinen Kopf kam, weiß ich nicht.) In der Tat haben wir (also unsere Vorgänger*innen) das ziemlich kluges dazu beschlossen: https://wiki.piratenpartei.de/BE:Beschlussantrag_Vorstandssitzung/2011-04-13/03 und genau das werde ich jetzt auf allen MLs, die ich überfliege konsequent durchziehen. Damit hoffe ich zumindest in Berlin an einem besseren Klima arbeiten zu können. Danke nochmal :)

von: Bkill

Muss mich nochmal korrigieren. Ein PAV benötigt die Autorisierung des Bundesvorstands. Frage ist ob man das ändern sollte.

von: Pompeius

Dass ihr PAVs erst noch dem Bundesvorstand vorlegt, ist eine Angelegenheit eurer Berliner Satzung. Andere LVs machen das direkt. Ändert natürlich nichts daran, dass das gut begründet sein muss.

Und natürlich könnt ihr Leute als Ordnungsmaßnahme von Mailinglisten ausschließen, wenn ihr euch da entsprechende Regelwerke gebt. Womöglich haben Parteimitglieder ein Widerspruchsrecht vor dem Schiedsgericht. Nicht-Mitglieder könnt ihr jederzeit ausschließen.

von: corax

PAVs können nur vom BuVo beim zuständigem SG beantragt werden.

§6 (Abs 2) Satz 2

http://wiki.piratenpartei.de/Bundessatzung#.C2.A76-_Ordnungsma.C3.9Fnahmen

Das ist kein Bug der Berliner Satzung, das ist die korrekte Umsetzung der Bundessatzung.

Andere Ordnungsmaßnahmen kann die jeweilige Gliederung selber verhängen.

von: Björn

Psychische Gewalt, z.B. Mobbing sehe ich als vollkommen berechtigten Grund zur Verhängung von Hausverboten. Das IST Gefahrenabwehr. Dass die Dokumentation da vernünftig gemacht werden muss, und das auch durchaus nicht immer ganz leicht abzugrenzen ist - richtig. Die Methode halte ich trotzdem für gerechtfertigt :-)

von: Saliko

Wir können konsequent ignorieren. Jeder einzelne von uns. Wir müssen uns nur jeder dazu entschließen. Bei uns (Sachsen-Anhalt) habe ich den Eindruck, klappt das grade ganz gut. Ignorieren macht auch keine Orga-Arbeit. Bei Veranstaltungen Hausverbote.

von: Oni

Ignorieren ist keine Option. Das hieße, dass Mobber unwidersprochen innerhalb der Partei schlechte Stimmung machen dürfen. Die Angegriffenen *werden* davon verletzt. Das dürfen wir nicht ignorieren.

von: Andreas Romeyke

Ganz ehrlich, jeder Vorstand hat die Mittel sich klar zu positionieren.

Ja, es stimmt, daß wir früher das Problem hatten, Ordnungsmaßnahmen (OM) zu verhängen, einfach weil die Kriterien nicht vorhanden waren. Der damailige Landesvorstand Sachsen ist aber konsequent gegen Leute vorgegangen, die zB. in den Geschäftsräumen der Partei andere angespuckt haben, oder beleidigend wurden. Leider waren es dann Äußerungen von Peukert (scheint ja hinzugelernt zu haben) und Co., die der Meinung waren, diese Maßnahmen wären nicht gerechtfertigt gewesen.

Als Vorstand muß man aufpassen, daß man zum einen Schaden für die Partei abwendet, zum anderen, daß man aber nicht berechtigte, aber unbequeme Kritik sanktioniert. Mittlerweile gibt es ja wenigstens die Diskussion über das Thema und entsprechende Urteile der Schiedsgerichte, die eine Anwendung von Ordnungsmaßnahmen zu lassen.

Dennoch ist es niemals eine leichte Entscheidung. OM zu verhängen bedeutet für einen Vorstand immer auch erheblichen Aufwand, da er ja die Entscheidung (zu recht) dokumentieren und nachvollziehbar und von Schiedsgerichten überprüfbar machen muss.

Die von Occcu ins Gespräch gebrachte Variante der Hausverbote halte ich für ungeeignet, da dort in der vergangenen Zeit genau diese Dokumentation, Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit die OMs erfordern nicht sichergestellt wurde. Ich erinnere hier an das Hausverbot an Herrn Plagge, welches zur Piratinnenkon ausgesprochen, bis heute aber nicht wirklich begründet wurde (es gab 3 “offizielle” Statements, die sich widersprachen). Hausverbote wären IMHO nur zur Gefahrenabwehr auszusprechen.

Ich hoffe, ich habe ein wenig zu einer differenzierten Betrachtungsweise beigetragen

Mit freundlichen Grüßen

Andreas

von: Petra

Danke für deinen Beitrag und danke @netnrd für die Anregungen! Hausverbote - virtuelle und reale - finde ich sehr erwägenswert. Trauen wir uns, eine Liste zu veröffentlichen und dafür zu sorgen, dass sie überall bekannt ist? Ich bin dabei, couragierte Leute zu finden, die die anderen darin zu bestärken, klare Kante zu zeigen und wirklich jemanden rauszuwerfen! Und was Mailinglisten angeht: Klare Regeln und entschiedene Admins. Warum klappt das nicht? Was braucht es hier noch, um das umzusetzen?

von: Bkill

Zum Kommentar von Daniel: das ist möglich und sogar nötig! An die die hier dann noch Offenheit einfordern: Personen die es soweit gebracht haben das sie von einem LSG feierlich zu Ex-Piraten ernannt werden haben ihre Chance gehabt! Es gelten nicht die gleichen Regeln wie für nicht Piraten die sich einbringen wollen!

PS: die Tatsache das ihr ein PAV vom BuVo machen lassen müsst ist ein Bug in der Berliner Satzung. In NRW wird das LSG auf Anruf des Landesvorstand sofort tätig!

von: AR

Als Außenstehender, der inhaltlich mit den politischen Zielen der Piraten sympathisiert, sind es diese persönlichen Berichte über das Innenleben der Partei, die interne “Diskussionskultur”, Mobbing, Verleumdungen, falsche Anschuldigungen etc., die mich von einem Parteibeitritt abhalten. Ja, ich habe Sympathien für die Piraten aber ich habe keine Sympathien für eine Partei (und deren Vorstände), die diese Vorkommnisse durch Nichtstun und Totschweigen duldet und akzeptiert.

von: zig

Sry aber “es macht keinen Unterschied” lasse ich nicht gelten. Doch, es macht einen Unterschied. Ich muss mich nicht mehr fragen lassen warum solche Menschen immer noch in der Partei sein dürfen. Ich kann ihnen sagen: Geh weg, du bist hier nicht gewünscht. Ich kann Angegriffenen die Gewissheit geben, dass sie unterstützt werden und sie nicht ohne Halt durch ihren Vorstand dastehen. Ich kann rechtlich gegen diese Menschen vorgehen wenn sie ihre Meinung immer noch im Namen der Partei verbreiten. Und ich als Aussenstehender muss mich nicht mehr fragen warum so ein toller LV wie Berlin solche Idioten duldet…

von: Oni

Einerseits: Ja, neurotische Mobber werden auch von außerhalb Engagierte belästigen. Andererseits: Es macht durchaus einen qualitativen Unterschied ob Menschen von innerhalb der Partei gemobbt werden oder ob offiziell festgestellt ist, dass die Mobber nicht in unsere Partei passen. Davon abgesehen gibt es durchaus andere Ordnungsmaßnahmen die ein Vorstand ergreifen kann, wenn die Hoffnung auf ein erfolgreiches PAV aus seiner Sicht nicht groß genug ist. Auch das setzt ein Zeichen, dass man nicht ungestraft Menschen verletzen darf.

von: @netnrd Daniel Schwerd

Vor allen Dingen kann man ein Hausverbot - also ein Verbot, auf Stamtischen aufzutauchen, aber auch ein virtuelles, also auf Mailinglisten und Foren zu trollen - auch ohne Schiedsgericht ausgesprochen werden. Das kann ein Vorstand einfach so tun, eine Gliederung kann sie auch per Beschluss dazu auffordern. Man realisiert damit die politische Komponente einer solchen Entscheidung: Sich klar zu distanzieren, Position zu beziehen. Die juristische überlässt man den (Schieds-)Gerichten.

Es ist traurig, dass die Partei das nicht begreift, das politisches Handeln, politisches Positionieren auch darin besteht, sich von Brandstiftern und diskriminierenden Personen zu distanzieren. Und es unbedingt sein muss.

von: corax

Legende. Aha. Ich hab den Satzungsabschnitt oben verlinkt. Aber meint ihr alle mal alles besser zu wissen. Hat bei Bodo Thiesen ja auch super geklappt ihr Experten.

von: occcu

Was ist mit Hausverboten? Als Veranstalter haben Vorstände immer das Recht, Hausverbote auszusprechen. Die allein würden vielen Betroffenen schon helfen, weil sie eine gewisse Sicherheit darstellen und unheimlich stark gegen ein Klima der Angst helfen können. Ich selbst war jahrelang nicht auf Veranstaltungen, weil keiner meiner Vorstände sich dazu durchringen konnte. Die Folge war, dass ich nur noch online kommunizierte und die Angst nur immer größer wurde, weil ich nicht in Treffen vor Ort überprüfen konnte, ob mein absolut angstbesetztes Bild dieser Partei noch realistisch ist. Wäre es mir möglich gewesen, solche Treffen zu besuchen, hätte ich viel eher gemerkt, dass bei weitem nicht alle Piraten so sind, wie es in meinem Kopf durch meine Filterbubble wirkte.

von: Gero

Hausverbote sprechen wir durchaus auch aus. Das Problem besteht allerdings nur ganz bedingt auf real-life-Parteiveranstaltungen und viel mehr auf Twitter, Mailinglisten, Blogkommentaren. Und natürlich auf nem Crewtreffen hier und auf nem Biertrinken da, bei dem über die eine oder andere Person hergezogen wird und Verleumdungen und Falschbehauptungen aufgestellt werden. Die direkte Aussprache findet nur ganz selten statt, sondern es ist häufig ein “über dritte”, was die Stimmung so vergiftet. Und ich glaube, es gibt einige Menschen, die ganz besonders gut darin sind, die Stimmung zu vergiften und um die wir uns kümmern müssen, nur das wie ist nicht so ganz leicht zu beantworten.

 
 

Anti-Überwachungsdemo: am 27.4. in Berlin

[Update] Die Demo für den 27.4. ist abgesagt. Am Montag auf dem Bündnistreffen im Haus der Demokratie waren wir konsensual der Meinung, dass für die kurzen Zeit (bis Samstag) sich zu wenig Leute in die Demoorga hängen und haben sie deshalb abgesagt. Die Arbeitsbelastung für die wenigen ist über die kurze Zeit zu hoch und es ist nicht absehbar, dass die Demo am Samstag größer/bedeutender werden würde, als die am 14.4.

Das Bündnis möchte aber explizit weiter aktiv bleiben und sich auf dem 1.6. konzentrieren, an dem Anonymous den “International Day for Privacy” ausruft und eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor geplant ist. Weitere Koordination geht über die Berliner AKV-Liste (abonniert die bitte, wenn ihr mithelfen wollt) und über ein Teampad (auch da dürft ihr euch gerne einen Account klicken und ich werde den dann schnellstmöglich bestätigen). Ansprechpartner für Organisatorisches ist Holger (h.werner [at] clof . eu), Pressearbeit übernehme (vorerst) ich. [/Update]

Am Sonntag war die BDA-Demo mit etwa 250 Teilnehmer*innen zwar recht klein, aber die Stimmung war super :) Und aus der guten Stimmung heraus entschlossen wir uns, den nächsten BDA-Demo-Termin am Samstag, 27.4. auch wahr nehmen zu wollen.

Um vor allem um coole Aktionen zur Demo zu planen und etwas vorbereiteter in die nächste Demo zu gehen, wollen wir uns nächsten Montag, 22.4. von 17.00 Uhr bis 20.00 Uhr wieder im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, Raum 1209 (2. Hinterhof, 2. OG und dort klingeln). Der Termin kam gerade bei einem Telefonat mit Holger von clof zusammen, die uns unterstützen und die den Raum stellen um parteiübergrifend Politik machen zu können.

Auf der Demo fehlten leider coole Banner … wo liegen denn die vielen über die Jahre selbstgemalten FSA-Banner? Wenn wir sie nicht wieder finden, lasst uns am kommenden Wochenende doch einfach ein paar neue malen! Das Wetter ist super, und Banner lassen sich ganz super im Park malen :)

Weiter brauchen wir ne coole Demo-Route (die von Sonntag fand ich ziemlich gut, aber ich mag ungern die selbe wieder nehmen :) ) und einen Demoanmelder. Aus Überparteilichkeitsgründen fände ich es ziemlich spitze, wenn Anmelder jemand ohne Parteibuch, oder zumindest jemensch außerhalb der Piraten tun könnte. Wenn sich niemand findet, kann ich das auch machen, aber ich hätte gerne ein Setting, in dem sich auch DigiGes, CCC, Grüne und Linke wohl fühlen :)

Lasst uns einen kreativen Protest haben und verteilit die Infos bitte weiter, mit dem Hinweis, dass die Berliner AK-Vorrat-ML die Koordinations-ML ist. Hier kann mensch sich darauf subscriben.

 
 

Spielpartei

Oder: warum ich nicht austrete.

Die Piratenpartei ist eine Spielpartei. Wir haben wenig, wir können nur wenig verlieren.

Ich mache den Scheiß nicht, weil ich mir die Bestandsdatenauskunft auf den Sack geht. Ich mache den Scheiß sogar trotz den ekelhaften Maskulinisten in dieser Partei. Ich mache den Scheiß, weil es eine Spielpartei ist.

Ich glaube, diese Partei ist ein unglaublich krasses Experiment und ich möchte gerne herausfinden, was wir noch alles in dem Experiment lernen können. Vielleicht scheitert es. Vielleicht geht es aber auch gut.

Die Gesellschaft erlebt eine so umfassenden Neuausrichtung, dass ich es für unbedingt erforderlich halte, dass wir eine neue Politik wagen müssen. Technischer Fortschritt rationalisiert lange Zeit fest geglaubte Arbeitsplätze weg. Die Idee der “Vollbeschäftigung” ist Geschichte. Der kulturelle Unterschied zwischen Berlin und Schollene, dass Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, keine 100km von Berlin, ist größer, als der zwischen Unterschied zwischen Berlin und Tokyo. Die Idee der Nationalstaaten wird zerfallen. Ich sehe einen Politikverdruss, wie es ihn in der Neuzeit noch nicht gegeben hat - und auch der hält sich nicht an Grenzen. Ich bin überzeugt davon, dass wir die aktuellen und vor allem die kommenden Probleme nur mit neue Formen der Mitbestimmung wie Liquid Democracy gelöst werden können.

Vor allem aber sehe ich keine bessere Gesellschaftsschmiede, als die Piratenpartei. Es mag sein, dass sie absolut schlecht ist und noch dabei schlechtes tut. Aber wenn nicht in dieser Partei, wo testen wir dann neue Gesellschaftsformen? Wo können wir an der gesamten Gesellschaft besser ausprobieren, wie die Gesellschaft in Zukunft aussehen wird? So lange es nichts besseres gibt, als die Piratenpartei, in der wirklich Gesellschaft mit all ihren Problemen gelebt wird - so lange werde ich diese Plattform nutzen um Gesellschaft zu entwickeln und zu testen. Wo auch immer ihr das tut, bitte hört nicht auf, an eine bessere Gesellschaft zu glauben und für eine bessere Gesellschaft einzustehen. Ich glaube, das Gesellschaftsupdate ist dringend.

An dieser Stelle ganz herzlichen Dank für die sehr viele Arbeit an Herrn Urbach und Ennomane.

Kommentare

von: Gero

Es waren Anlässe, die sie austreten lassen haben, keine Gründe. Ich weiß von beiden, dass sie seit einigen Monaten darüber nachdachten, die Partei zu verlassen. Das jetzt waren nur Anlässe. Die Gründe gibt es seit Monaten (und davon sehe auch ich genug).

von: johannes

die weisheit “wo wenig zu verlieren ist, ist auch wenig zu gewinnen.” finde ich gut. ich persoenlich halte es fuer viel was sich gewinnen laesst: eine organisation darstellen die wirklich als ein ort der politischen willensbildung funktioniert. ich glaube, dass es viel zu verlieren gibt: das erreichte verspielen. die piraten sind bekannt als gut aufgestellte alternative zu den bekannten atzen. manche sagen vlt zu leichtfertig: wat solls, es bedarf meiner nich, ich such mir was anderes, statt: “I´ll stand my ground.” naja, so halt.

von: Gero

Stimmt, die OpenMind ist super. Die letzten zwei Jahre war ich auch da und dieses Jahr werde ich auch wieder hinfahren. Aber die findet leider nur 1x im Jahr statt - und das restliche Jahr will ich auch irgendwo Utopien entwickeln :)

von: Thobias

Vor allem aber sehe ich keine bessere Gesellschaftsschmiede, als die Piratenpartei. > fahre zur openmind

von: Gero

Diskussionskultur ist ein sehr großer Teil der Gesellschaftsschmiedekunst. Kultur als solches macht eine Gesellschaft aus. Hätten wir eine gute Kultur, bräuchten wir diese Partei nicht. Wir brauchen sie aber, gerade weil wir ganz viele neue Probleme noch nicht gelöst haben und dies zeigt sich unter anderem am Umgang miteinander, der in der Tat sehr schlecht ist.

von: Michael K.

Um eine gute “Gesellschaftsschmiede” zu sein, bräuchte es eine Diskussionkultur, die tatsächlich das Ziel hat Verbesserungen zu erreichen. Das funktioniert aber gerade nicht.

von: Ansgar Michels

Wenn ich mir die Austrittsbegründungen ansehe (Urbach: Das geht euch nichts an, Ennomane: Die haben im Forum ein Plugin aktiviert, das mir nicht passt, ich muss es zwar nicht aktivieren, aber das reicht mir nicht), bin ich vom Durchhaltevermögen beider etwas enttäuscht.

von: Gero

Ich glaube, dass wir tatsächlich viel gewinnen können, aber verlieren? In meiner Wahrnehmung hat die Partei eher wenig erreicht - und ich bin um das erreichte auch eher nicht traurig, wenn das nichts wieder verschwindet. “gut aufgestellte Alternative” sehe ich nicht. Nirgends.

 
 

Netzneutralitätskampagne

Ich mache Politik, weil ich eine Lebenswelt verbessern möchte. Meine Lebenswelt besteht zu einem großen Teil aus dem Netz, darum mache ich Netzpolitik. Zudem ist das Internet die krasseste Entwicklung, die ich mir vorstellen kann und es völlig absurd finde, sich gesellschaftlich nicht darum zu kümmern.

Die letzten Monate, vlt sogar Jahre kamen wir, die wir an der Netz-Lebenswelt arbeiten, immer wieder ins Hintertreffen. Wir, die wir das alle ehrenamtlich nebenbei und ohne Geld machen und von Webseiten und Klick-Aufträge daneben leben, wir haben nicht die Möglichkeiten, uns auf die Schlachten derer einzulassen, die unsere Lebenswelt verkaufen, vermarkten oder zerschlagen wollen. Aber genau das haben wir die letzten Monate und Jahre immer wieder versucht. Wir haben versucht die konservative Maschinerie von alten Verlagen, konservativen Parteien und den alteingesessenen Machtstrukturen auf ihren Gebieten zu schlagen. Ich bin sehr glücklich, dass es so Organisationen wie die DigiGes gibt, die massiv an einer besseren Welt arbeiten. Danke dafür! Das gute: die DigiGes nimmt immer wieder die hochgradig kaputten Initiativen konservativer Machenschaften auseinander und sagt, wie diese in gut aussehen würde. Das schlechte: die DigiGes nimmt immer wieder die hochgradig kaputten Initiativen konservativer Machenschaften auseinander und sagt, wie diese in gut aussehen würde.

Die DigiGes hat sich auf das politische Klein-Klein eingelassen, wie es nur von der Piratenpartei übertroffen wird. Die meint, auf jede Äußerung eines beliebigen Gegners eine nahezu nichtssagende PM zu schreiben. Dieses politsche Klein-Klein ist wichtig und gut. Die PMs sind wichtig - aber sie verändern unsere Welt nicht. Sie sind kein Auslöser, sie machen die Welt nicht besser, sondern sind Standardantworten, die in den Machtkalkulationen mächtiger Menschen in diesem Land eingeplant sind.

Was wir aber neben all dem Klein-Klein vergessen haben, ist das, warum wir den Scheiß eigentlich machen. Die bessere Welt. Lasst uns endlich klar machen, was wir eigentlich wollen - und zwar ganz abseits von dem ganzen tagtäglichen Klein-Klein. Lasst uns wieder auf die Straße gehen und fordern, wie die Welt aussehen soll! Lasst uns unsere Leben leben, ohne uns vom nächsten kaputten Gesetzentwurf aus der Fassung bringen zu lassen!

Ich glaube, dass die wirklich große Debatte sich an der Netzneutralität entzünden wird - wenn wir sie gut angehen. Datenschutz, Netzsperren (wie auch das LSR) sind prinzipiell Verteidigungskämpfe. Wir sagen in den Debatten seit Jahren , was wir nicht wollen. Wir müssen aber wieder auf die Straße gehen und sagen *was* wir wollen!

Lasst die Sandförmchen weg und bewerft euch nicht mehr gegenseitig, sondern bewerft wieder die, die unsere Welt wirklich kaputt machen wollen! Ich will wieder eine Bewegung wie es die “Freiheit statt Angst”-Bewegung war. Ich will eine Initiative, die sich nicht an Vereins- und Parteistrukturen hält. Ich will eine Bewegung, wo es egal ist, ob einzelne Akteure sich bei der SPD bei Google oder der der DigiGes engangieren. Ich will, dass das Netz frei ist und ich will, dass es unabhängig ist.

Das Netz ist eine so unglaublich krasse Veränderung alles bisher dagewesenen, dass die Folgen sich nicht abschätzen lassen. Und ich bin überzeugt davon, dass wir für eine freie Gesellschaft freie Kommunikation brauchen und fordere deshalb die Netzneutralität!

Ich habe die letzten beiden FSA-Demos mitorganisiert, ich weiß wie das geht und ich will das wir das wieder tun und werde deshalb Unterstützer für eine Netzneutralitätskampagne suchen! Bitte helft mir bei dieser Kampagne!

 
 

280% Stress - mein Leben als Politiker

[Update]

Danke!

Nun vergingen einige Tage, in denen allerhand passierte und ich mir viele Gedanken gemacht habe - und schiebe Sie mal als Update hinterher. Danke für die viele Unterstützung, ganz gleich, was ihr mir empfehlt. Ich hab hier ne Menge Kommentare bekommen, viele Mails, Tweets, Anrufe und habe mich auch mit Leute persönlich unterhalten und das Problem gefühlt ganz gut aufgearbeitet.

Am Mittwoch haben wir ein Liquid-Treffen. Meine eigene Vorgabe für dieses Treffen ist es, das gesamte Tagesgeschäft bis mindestens Mitte März weg zu delegieren. Alles, für das sie niemand findet, wird bis Mitte März liegen bleiben. Ich werde (zumindest zeitweise) bei der LMVB und AVB13 sein und habe vor auch weiter zu den Vorstandssitzungen zu gehen. Alles andere, was darüber hinaus nicht super dringend ist, wird bis mitte März warten müssen. Sollte ich mich da nicht dran halten, haut mir bitte auf die Finger! (Damit das mit den Prüfungen was wird ;) )

Vorerst werde ich also nicht zurücktreten, sondern mir die Zeit nehmen, die ich brauche. Wenn das gar nichts wird, dann bleibt die Option als letzte mögliche natürlich auch weiterhin bestehen.

[/Update]

Ich überlege als Beisitzer des Berliner Piraten-Landesvorstandes zurückzutreten und will hier meine Gedanken öffentlich machen und hoffe, ihr könnt mir in der Entscheidung helfen durch eure Ansichten und Ratschläge.

Ich habe mit der Vorstellung kandidiert, etwa 20 Stunden/Woche für den Landesverband zu arbeiten. Das war eine sehr romantische Vorstellung, die gut mit dem Vollzeitstudium zusammen gehen sollte. Mit der Wahl kam die Einarbeitungsphase. Das waren so 30-40 Stunden/Woche und damtit 10-20 zu viel. Nun gut, das ist die Einarbeitungsphase. Ich musste viel lernen, viele Prozesse und Menschen erst kennenlernen. Irgendwann würde es besser werden. Inzwischen behaupte ich, ich bin ganz gut eingearbeitet und stelle fest: ich arbeite immer noch 30-40 Stunden/Woche. Es ist ein unbezahlter Vollzeitjob. Die Zeit, die ich nutze, ist sinnvoller, ich bin produktiver und weiß besser, wie ich mit neuen Dingen umgehe, aber der Arbeitsaufwand hat sich für mich nicht verringert. Vielleicht stürze ich mich in zu viele Projekte (wie gerade in den OpenLV) und versuche auch da möglichst viel zu bewegen. Es war gefühlt *das Projekt*, dass der neue Vorstand sich vornahm und dann ist lange nicht passiert. Also müssen wir es doch nun endlich annehmen. Und dann dümpelt da noch immer der X018 rum, an den ich mich dringend mal eben 3 Tage zusammenhängend setzen muss, analysieren, auswerten, zusammenfassen und kommunizieren. Und dann ggf. Anträge für die nächste LMV schreiben, die besser werden als der X018. Und dann die sMV auf Landes- und Bundesebene, auf der ich mitarbeiten möchte … Und daneben müssen wir dringend eine Teilnehmerprüfung um Landesliquid haben und den akreditierungsprozess automatisieren und mehr Leute haben, die sich um den Support kümmern. Und vlt. sollte ich als Liquid-LaVo auch mehr mit der saftigen Kumquat zusammen arbeiten, um genauer zu wissen, wie das Liquid so aussehen kann, wenn die API nur fertig ist. Apropos API, wäre es nicht eigentlich an der Zeit, eine Spendenkampagne zu starten, damit wir die als Auftragsentwicklung fertig entlickeln lassen? Und daneben natürlich das ganze Klein-klein mit hier ein Umlauf, da jemand, der was zum Liquid wissen will, da ein Beauftragter, der auf den aktuellen Stand gebracht werden will … (diese Liste lässt sich beliebig erweitern … wie dieses hässliche Blog, das dringend mal geupdatet werden sollte und mal einen echten Kalendern zeigen sollte) Das alles ist ein Hamsterrad. Die Idee, damit mal fertig zu werden, ist absurd. Es gibt immer etwas, für das ich mich irgendwie zuständig fühle - oder zumindest das Gefühl habe, dass ich als Vorstand daran arbeiten sollte.

Daneben studiere ich Vollzeit an der FernUni-Hagen Kulturwissenschaften. Das ist sehr flexibel und passt ganz gut, aber in 5 Wochen schreibe ich Prüfungen und muss mir deutlich mehr Zeit für die Prüfungsvorbereitung nehmen, wenn ich die 3 Prüfungen bestehen will.

All dies, ließe sich aber vielleicht noch irgendwie koordinieren lassen - aber all das ist unbezahlt und meine Miete zahlt sich nicht von alleine. Seit Anfang des Jahres bin ich selbstständig und arbeite 2-3 Tage die Woche für den Elektrischen Reporter um meine Miete und mein Brot bezahlen zu können. Als i-Tüpfelchen kommt da jetzt noch ein Umzug dazu. Wir haben unsere WG zum 28.2. gekündigt und müssen hier die nächsten 4 Wochen raus und noch haben wir keine Zusage, für eine neue Wohnung. Eine Wohnung sieht ganz gut aus, aber sicher ist das nicht. Wenn das nichts wird, muss ich in den nächsten 4 Wochen noch was anderes finden - und eine Woche später Prüfungen schreiben.

Das überfordert mich. Ich bin 24/7 unter Strom. Fällt der Strom aus, sacke ich zusammen und bewege ich mich 2 Tage lange nicht - geschweige denn, dass ich die Zeit sinnvoll für das Studium nutzen würde. Die Energie ist einfach nicht mehr da. Das ist mein Problem und deshalb überlege ich, mich vom zeitlich größten Posten, dem Landesvorstand, zurück zu ziehen, um zumindest das restliche Leben auf die Reihe zu bekommen. Zumal: selbst bei dem derzeitigen Zeitaufwand für den LaVo werde ich meinen eigenen Ansprüchen an den Landesvorstand nicht gerecht. Vielleicht ist es einfach zu viel, was ich von mir selbst als Landesvorstand erwarte, aber ich reiße dauernd meine eigenen Deadlines und verpeile wichtige Vorhaben (wie das Treffen mit dem Landesdatenschutzbeauftragten, den ich vor 4 Wochen per Mail nach einem Treffen fragte, aber auf seine Antwort es noch immer nicht zu Bürozeiten schaffte anzurufen ) Seit Wochen versuche ich mich irgendwo zurück zu ziehen und weniger zu tun, damit der Rest besser funktioniert, aber ich schaffe es nicht. “Ein bisschen zurückziehen” geht nicht, ohne meine eigenen Anforderungen an den Landesvorstand noch mehr zu widerstreben. Und wie sähe ein “bisschen zurückziehen” aus? Ich antworte nicht mehr auf Anfragen? Ich kümmere mich nicht mehr ums Liquid? Ich versuche nicht mal mehr die Umläufe zu verfolgen? Ich gehe nicht mehr zu Sitzungen?

Ich glaube, es lässt sich nur ganz oder gar nicht machen. “Ein bisschen Politiker” geht nicht. Wenn ich es nicht kann, ist die logische Konsequenz zurück zu treten. Dabei fühle ich mich allerdings auch schlecht. Ich wurde gewählt, also sollte ich das auch durchziehen. Hätte ich die Wahl nicht angenommen, säße jetzt Therese mit im Vorstand, nachrücken kann sie leider nicht. Also überließe ich auch den anderen 6 Leuten noch mehr Arbeit. Macht es das besser? Wenn der Umzug und meine Prüfungen durch sind, sollte ich auch wieder mehr Zeit haben, sodass ich mich dem LaVo wieder mehr widmen könnte. Vielleicht aber auch nicht.

Und nun? Was tue ich in dieser Situation? Habt ihr Empfehlungen für mich?

Kommentare

von: Gero

Hallo ihdl,

dieses “wie stellst du dir dein Leben denn in 10 Jahren vor” ist ein wirklich guter Punkt. Danke dafür! Ich habe nachdem ich von Fabio im Kinski gefragt wurde, ob ich für den LaVo kandidiere (was mir bis zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn kam, dass ich sowas ja tun könnte), mit ein paar Leuten (u.a. mit Tom aus dem alten Vorstand) gesprochen, was das eigentlich bedeutet. Dann war ich fast 4 Wochen in Frankreich, offline auf einem Workcamp, und habe sehr viel über genau deine Frage nachgedacht. “Was will ich? Will ich das mit der Politik? Will ich das nur am Rande (in Form einer NGO) begleiten? Will ich möglicherweise mal ein Mandat haben und noch viel mehr Tagespolitik gestalten? …” Der Grund, warum ich dann kandidiert habe, war die relativ kurze Amtszeit. Laut Satzung ist der LaVo nach maximal 400 Tagen neu zu wählen. Dieses gute Jahr wollte ich mir nehmen, um zu gucken, was passiert - und ob ich im nachhinein die Fragen, was ich denn eigentlich mit meinem Leben tun will, besser beantworten kann. Die gesamte Zeit, die ich derzeit in der Piratenpartei verbringe, sehe ich gewissermaßen als Experiment, ob ich das kann und will, oder nicht. Und bisher habe ich noch keine endgültige Antwort darauf, aber lerne tagtäglich immer neue Aspekte kennen und möchte diese Erfahrungen auch nicht missen.

Sehr viel denke ich allerdings darüber nach, nicht wieder für den LaVo zu kandidieren und nach dem Bundestagswahlkampf (der vermutlich noch sehr anstrengend werden wird) nochmal eine längere Auszeit zu nehmen und mir klarer zu werden, was ich eigentlich will. Derzeit geistert mir die Idee durch den Kopf für ein paar Monate durch den arabischen Raum zu trampen und nochmal eine ganz andere Welt zu sehen. Vielleicht von Berlin aus einfach (mit viel Zeit zwischendrin) nach Indien trampen. Mit dem Fernstudium ist das prinzipiell auch möglich in der Zeit weiter zu studieren. Außerdem denke ich immer wieder über einen Master am Berliner Bernsteincenter nach, und damit wieder in die Neurologie einzusteigen: http://www.bccn-berlin.de/Graduate+Programs/Master+Program/ In Freiburg habe ich neben der Philosophie ja Kognitionswissenschaft studiert (und abgebrochen) und daneben einige Neurologievorlesungen der Biologen oder Mediziner besucht und fand die nicht unspannend. Ob ich mit einem B.A. als Kulturwissenschaftler auf einen doch sehr mathematischen Master mit 10(!) Plätzen pro Semester eine Chance habe, ist da allenfalls der Realitätsabgleich. Ob ich darin glücklich werde, weiß ich nicht. Und wie sich das (ggf.) mit der Politik verbindet, weiß ich auch nicht. Das sind alles nur Ideen, die immer mal wieder durch meinen Kopf gehen und für die ich mir nach der Bundestagswahl und nach der Amtszeit mehr Gedanken machen will.

von: tante

Es klingt eindeutig danach, dass Du den LV Job aufgeben solltest und Dich lieber auf einzelne Teil Projekte in der Arbeit für den LV konzentrierst.

von: Boomel

Tu das was du schaffst für Piraten und der Rest fällt eben hinten runter. Wer sich darüber aufregt bekommt “Du hast den Job!” an den Kopf geworfen oder du schickst ihn zu mir und ich erklär dem/derjenigen das dann :)

Viel Erfolg bei den Prüfungen und beim Umzug!

von: ein_pirat

meiner meinung nach müssen die bundesvorstände und landesvorstände endlich aufwandsentschädigungen bekommen für ihre arbeit.

es ist inzwischen viel geld in den kassen, aber es wird immer noch zu wenig für 3 wesentliche dinge ausgegeben 1) räumlichkeiten, in denen sich piraten treffen und zusammenarbeiten können 2) fahrtkostenerstattungen, die allen piraten die mitarbeit ermöglichen 3) aufwandsentschädigungen für amtsträger

wenn sich hier nichts tut, wird die piratenpartei viele engagierte mitglieder verlieren. sie werden sich zurückziehen und sich auf privates konzentrieren, um klarzukommen. übrig bleiben die, die es sich leisten können und die, die eh nix zu verlieren haben (wie z.B. job oder familie).

an deiner stelle würde ich tatsächlich zurücktreten, wenn du nicht das angebot von basispiraten aus deinem verband bekommst, deine arbeit in form von beauftragungen zu übernehmen.

du musst immer zuerst an dich denken, bevor du an die partei und die rettung der menschheit denkst! sonst wirst du weder die partei noch die menschheit verbessern können.

von: Stefan

Du musst in erster Linie dich schützen, also gib den Vorstandsposten auf. Es ist schwer bis unmöglich, da das Tempo zu drosseln, das ist ganz oder gar nicht.

Und niemand hindert andere Piraten daran, deine Arbeiten zu übernehmen. Man muss nicht im Vorstand sein, um zu arbeiten.

von: Michael Eisner

Ich biete mal meine Mitarbeit bezüglich des X018 an, um möglichst bald Klarheit hinsichtlich des LQFB zu haben. Sinnvoll wäre wohl ein Treffen zusammen mit dem Initiator und anderen Interessierten, um entweder den Antrag in den Teilen zu retten die umsetzbar sind oder einen neuen umsetzbaren Antrag zu verfassen. Du kannst mich über @AMEis_e erreichen oder die ML der Piraten Lichtenberg.

Ansonsten kann ich nur delegieren empfehlen oder wenn das nicht funktioniert und die Gesundheit geschädigt wird eben die richtige Konsequenz.

von: rka

Das was du beschreibst kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch muss sich an der derzeitigen Situation auf jeden Fall etwas ändern. Ich komme aber zu einer anderen Schlussfolgerung als die meisten hier, und denke nicht, dass die Aufgabe des LV Vorstandspostens die richtige Konsequenz ist. Du hattest zu deiner Kandidatur ja angekündigt, nur 20 Std. für diese Aufgabe aufwenden zu können. Mehr haben deine Wähler nicht erwartet, sonst hätten sie dich nicht gewählt. Daran solltest du dich also orientieren. Aber wie? Priorisieren, delegieren (ich weiß, einfach gesagt, und du hast ganz andere Voraussetzungen als ich derzeit - trotzdem, versuchen!). Nicht alles was erledigt werden muss, musst du selbst machen. Ev. hilft auch nochmal der Vortrag von Bernd über Stabsarbeit weiter, den ich selbst leider auch immer noch nicht gesehen habe. https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&ved=0CDIQtwIwAA&url=http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DCLJTvzjENAA&ei=LhkJUcfYEc7Bswa344GgDA&usg=AFQjCNFwzvWwrog2oaeQZPaefqtY4fsQqQ&bvm=bv.41642243,d.Yms

Was ich als hilfreich empfunden habe, sind regelmäßige (wöchentlich bis monatlich) Treffen mit deinen Unterstützern, die dir konkrete Arbeit abnehmen möchten.

Ich möchte dir aber hier eigentlich auch gar keine superschlauen Tipps geben, die du vielleicht schon ausprobiert, und ‘aus Gründen’ verworfen hast. Ich ruf dich einfach nochmal an (auch aufgrund meiner Kommentare ;)) http://zweifeln.org/ich-und-das-atombombenexperimentierfeld-piratenpartei/#comment-256 http://zweifeln.org/ich-kandidiere/#comment-277

Mein leichtfertig dahingeschriebener Wunschzettel:

  1. behalte dein Amt als Vorstandsmitglied bei
  2. wende weniger Zeit für die Piraten auf
  3. fordere Unterstützung ein (gerade, wenn Dinge erledigt werden sollen)
  4. mache nachvollziehbar, was liegenbleibt

von: @celfridge

Erstmal ein großes Danke, dass du mit deinen Problemen in die Öffentlichkeit gehst. Als einer der dich grad mit Kleinigkeiten zusätzlich stresst und der sich selber immer viel zuviel vornimmt, will ich auch mal meinen Senf dazu geben.

Auch wenn das jetzt vermutlich alles sehr altklug klingt und ich sowas eigentlich ziemlich ekelig finde, will ich doch ein paar Hinweise geben, an die ich versuche mich zu halten um als Bezirksverordneter klar zu kommen:

  1. Lerne ‘NEIN’ zu sagen! Ich weiß es ist verlockend sich bei neuen Projekte reinzuhängen, weil sie interessant sind, weil sie Spaß bringen und weil sie tlw. Abwechselung bringen. Aber du solltest dabei immer auf dich und deinen Körper achten. Wenn du weißt, dass etwas eigentlich zu viel wird, sag nein. Und sage auch anderen, dass sie darauf achten sollen und dich im Fall der Fälle darauf aufmerksam machen.

  2. Als LaVo trägst du Verantwortung für das Ergebnis, nicht für die Umsetzung. Daher solltest du so viel wie möglich delegieren. Sei es nun die Arbeit um den X018 oder die Bezirksliquids. Wir haben viele schlaue, fähige und engagierte Menschen im LV die dir das sicherlich abnehmen würden. Nutze das doch.

  3. “Ein LaVo muss tun, was ein LaVo tun muss”… oder so ähnlich… mach als LaVo nichts, was nicht unbedingt sein muss und was nicht in deinem Aufgabenbereich liegt. In meinen Augen schreiben LaVos keine Anträge. In meinen Augen entwicklen LaVos nicht an OpenLV mit oder übernehmen die Projektkoordination. In Meinen Augen kümmern sich LaVos nicht um die Umsetzung einer SMV. Wenn dir diese Sachen wichtiger sind, ist ein Posten im LaVo vielleicht doch nicht die beste Wahl.

  4. Mut zur Lücke… wenn sich für eine Aufgabe mal niemand findet… wird sie halt nicht gemacht. Wenn es irgendetwas wichtiges ist, wird sich schon Jemand (TM) finden, der das übernimmt. Wenn nicht, wars wohl nicht so wichtig.

  5. Setze Prioritäten! Zuerst du, dann deine Freunde, dann je nach Situation Broterwerb oder Partei. Wenn dann Parteiaufgaben hinten runter fallen, dann ist das halt so.

Und zum Schluss noch eine Sache: Bitte tritt nicht zurück. Du machst einen großartigen Job im LaVo und ich bin mir sicher, er wird nicht weniger großartig, wenn du die Zeit die dafür draufgeht auf ein für dich verträgliches Maß reduzierst.

von: Silja goetzmann

Gero, Du hast meinen gößten Respekt und Achtung für Deine Arbeit und mein vollstes Verständniss für Deine missliche Lage. Wie Dir geht es wohl vielen angagierten Piraten. Wir dürfen Euch nicht verheizen!!!Wir brauchen Euch! Ich wünsche Dir, daß Du einen Weg findest Dich zu schützen. Silja

von: Fabio Reinhardt

Hi Gero,

im Grunde das was der RKA sagt. Mache dir klar, dass derjenige, der die strengsten und höchsten Erwartungen an dich und deine Arbeit hat, du selbst bist und schraube sie herunter.

Alles Liebe, Fabio

von: ihdl

vielleicht ist das abgrenzen, nein sagen, deligieren, runterschrauben, was viele hier vorschlagen, das beste was du machen kannst, die verschiedenen interessen in deinem leben unter einen hut zu kriegen. das bedeutet aber kontinuierliche arbeit, die du (zusätzlich) auch noch einplanen musst und die, gerade in noch relativ unstrukturierten kontexten wie deinem, nicht aufhören. wie oft macht man sachen am ende doch selbst, weil das sich mit anderen absprechen und dann damit leben, dass sie es etwas anders machen als man selbst, zeit kostet und unbefriedigend ist? und wie lange dauert es manchmal, sich durchzuringen, ob man x jetzt auch noch übernehmen will oder es *wirklich* nicht geht. du kennst das sicher.

mein tipp wäre, mal ne schritt zurück zu gehen und zu überlegen, wo deine prioritäten sind und wie das in deine lebensplanung schaffst. und zwar ergebnisoffen. willst du dich intensiv im kontext der uni mit akademischen sachen beschäftigen, das studium also nicht nur nur nebenbei irgendwie durchziehen mit der gefahr, dass es doch nicht klappt? dann muss die politik platz machen. oder kannst du dir gut vorstellen, dass der gero in 10 jahren vielleicht gar keinen abschluss hat, aber dafür viel politische erfahrung und andere praktische skills, die dir was nutzen? auch auf die gefahr hin, dass das fehlende studium oder der BA erst mit anfang 30 irgendwelche leuten komisch aufstoßen? das ist auch eine legitime entscheidung, die aber auch ihre konsequenzen hat. das erscheint jetzt sehr radikal, und wie gesagt, vielleicht funktioniert das vereinbarkeitsmodell ja doch. aber man muss sich manchmal die freiheit nehmen, die sache grundsätzlicher zu betrachten. viel erfolg!

von: Angelika

Hallo Gero,

zunächst einmal vielen Dank für den großartigen Vorstandsjob. Ich kann mich nur celfridge und rka anschließen. Lerne nein zu sagen und zu delegieren. Bitte nicht den Posten aufgeben.

Viel Erfolg bei Deinen Prüfungen Angelika

von: @chaosrind

Lieber Gero,

RKA und Fabio haben Recht. Du bist gewählt worden für das, was Du gesagt hast. Niemand kann und wird Dir Deine Gesundheit erhalten, wenn DU es nicht tust. Dass Du im Vorstand bist, heisst nicht, dass Du alles allein machen musst. Gib Aufgaben ab, die Dich belasten und die nicht zwangsweise ein Vorstandsmitglied machen muss.

Wir wollen keine Berufspolitiker, sagen wir immer. Darum MUSS Dein Privat- und Dein Berufsleben Priorität haben. Wir können es uns nicht erlauben, engagierte Leute wie Dich einfach ausbrennen zu lassen. Du hast viele Aufgaben genannt, die jedes andere Mitglied auch machen kann, dann ist halt mal weniger Zeit zum Nörgeln.

Ich rufe darum alle auf: Helfen statt meckern!

Und: Danke, Gero!

von: Therese

Lieber Gero,

stopp, bitte pass auf Dich auf, Deine Gesundheit, Dein Studium und Deine Existenzsicherung haben immer Vorrang vor dem Ehrenamt. Trete einen Schritt zur Seite und nimm die hier in den Kommentaren schon angebotene Hilfe ohne den kleinsten Gewissensbissen an.

In Prüfungsphasen und Deinen momentanen existentiellen Baustellen, ist es besser alles zu stoppen, nimm Dir ruhig 6 Wochen vorstandsfrei, vielleicht kannst Du Umläufe beobachten und bei Bedarf entscheiden, die Berichte der Beauftragten und Mithelfer lesen, abnicken und bitte mehr nicht. Ich rate, erst dann wieder aktiv projektbezogen zu arbeiten, wenn diese akute existentielle Notphase überstanden ist. Zurücktreten musst und solltest Du deshalb bitte nicht.

Danach überlege, ob Du nicht wirklich ein Zeitmanagement ohne schlechtes Gewissen mit höchstens 10 Stunden Woche + kleinen Pufferzonen für Dein Amt probieren möchtest. (mehr ist bei Erwerbsarbeit + Vollzeitstudium nicht realisierbar) Ich beobachte bei den Bezirksverordneten z. B. ein ganz ähnliches Problem, da müssen wir mit unseren Ansprüchen und unserem Perfektionismusstreben achtsamer werden.

Ich drücke Dich und bin zuversichtlich, dass Du das schaffst

Lieber Gruß von Therese

von: siusmart

Gero, mein Lieber,

falls es Dir schwer fallen sollte, Aufgaben abzugeben, weil sie eigentlich zu spannend sind/ gerade in einer entscheidenden Phase/ Du doch da schon so viel Arbeit reingesteckt hast/ Du doch gewählt worden bist und Deine Wähler nicht enttäuschen möchtest, oder was sonst auch immer, bedenke bitte auch Folgendes: Vielleicht hatten (und haben) die Piraten zu wenig Geld und waren und sind auf ehrenamtliche, unentgeltliche Arbeit wie die Deine angewiesen; das mag für eine Zeit gehen. Wer aber ein solches Arbeitspensum zu bewältigen hat wie die Piratenpartei, der hat irgendwann auch die Verpflichtung, das so zu organisieren, daß Leute, die diese Arbeit erledigen, nicht dabei drauf gehen. Es dann weiter so laufen zu lassen, bedeutet, es zuzulassen, daß die (Des-) Organisation systematischen Charakter annimmt - und es zeigt Desinteresse: an der Arbeit und den arbeitenden Leuten. Das nennt man dann Ausbeutung. Unter diesem Aspekt ist es nur gerechtfertigt, JEDE Aufgabe, die Dir zuviel wird (aus welchen Gründen auch immer), abzugeben. Du wirst sehen: das System kollabiert nicht, es wird, in ähnlicher Weise wie bisher, weiter funktionieren. Unterschied: Du steckst nicht mehr oder in anderer Form drin, und Du schädigst Dich nicht mehr selbst in elementarer Weise. Und noch was: natürlich ist der Leidensdruck gerade bei Dir am größten, der Du mit den Aufgaben unmittelbar befaßt bist. Dennoch ist es eigentlich nicht DEINE Aufgabe, für Strukturen zu sorgen, in denen Du diese Arbeit auch delegieren kannst (und gleichzeitig eine Ergebnissicherung betreiben kannst). Das wäre schon der nächste Job, solche Strukturen zu schaffen.

Ich bin einigermaßen entsetzt über das, was ich gerade gelesen habe. Laß Dir sagen, daß das sehr typische Strukturen und Abläufe in so jungen politischen Bewegungen sind; sie sind barbarisch, nehmen ALLES, was man ihnen gibt und fressen es in sich hinein und bereichern sich daran, und zwar genauso lange, WIE man ihnen etwas gibt. Sie sind genauso wie vorzugsweise suchtkranke Menschen, die einen so lange ausbeuten, wie man sie läßt, um ihre Sucht zu füttern, und sich in dem Moment, wo man sich von ihnen abwendet, andere Opfer suchen, die sie ausbeuten können.
Deine Arbeit ist offenbar gut; dann kann die Partei sie auch honorieren. Finanziell. Sonst hat sie sie auch nicht verdient.

Yours very sincerely, S.

von: @00v3rdr1v3

Kein Scheiss, lerne Deligieren. Du bist zu wichtig im Vorstand, um alles selbst zu machen. Ernsthaft, das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun. Du bist in den Vorstand gewählt worden, weil man Dich, Deine Einschätzungen und Deine Art dort haben möchte. Wenn Du vor lauter Arbeit nicht mehr dazu kommst, Dich einzubringen, ist das nicht im Sinne der Wähler. Deshalb: Such Dir ein paar Leute, die bereit sind, Jobs von Dir zu übernehmen. Und nochmal: das hat nichts mit Chef-gehabe zu tun. Es dient dazu, dass Du auch morgen noch den Job machen kannst, den die Wähler dir gegeben haben: Dich in den Vorstand einzubringen.

von: Bugspriet

Nimm Dir mal eine Woche oder zwei Wochen Urlaub, und guck Dir an, was in der Zeit gut oder nicht gelaufen ist. Die Zeit kannst Du für Deine Erholung nutzen und Dir dann überlegen was du von den Jobs abgeben kannst oder mit weniger Zunder befülltern musst. Ansonsten bin ich jetzt ruhig. Die schlauen Dinge hat ja schon der rka geschrieben.

von: Manu

Lieber Gero, wie auch schon besprochen, halte ich, wenn du dich (was ich für den LaVo gut fände) gegen den Rücktritt entscheidest, eine Begrenzung der Zeit, die du effektiv für den LaVo hergibst, für erforderlich. Ich selbst organisiere mich inzwischen recht gut mit einem persönlichen “Stundenplan”. Ich überlege, welche Projekte anstehen, und wie viel Zeit ich für diese aufbringen kann. So werden die Tage strukturiert. Was in dieser Zeit geschafft ist, ist weg. Was liegenbleibt, war nicht zu schaffen. Wenn das überhaupt nicht zusammenpasst, müssen Aufgaben abgegeben/anders verteilt/anders bewertet werden. Aufschreiben der Tasks (der “kleinen Portionen”) und des - auch unsichtbar - effektiv Erledigten (auch banal Scheinendes wie “1/2h nachgedacht”)hat mir dabei wirklich bei der Selbsterkenntnis, wo die Zeit eigentlich hin ist, geholfen.

Ich finde den Vorschlag sehr sinnvoll, die nächsten ca. 4W Vorstandsurlaub zu machen - so bekommst du mehr dringend benötigte Zeit für die Prüfungen und den Umzug. Ggf. kannst du in der Zeit ja 1/2-1h pro Tag für Umläufe etc. einplanen, aber mehr nicht. Dann heißt es allerdings auch, dass du dich an deinen Urlaub halten musst. Soll dich jemand dran erinnern? ;-)

Vergiss übrigens nicht, ganz egal, wie deine Entscheidung am Ende ausfällt: Du machst es für dich genau richtig.

LG Manu

von: Etienne

Hi Gero,

pass auf Dich auf - ja das haben schon alle hier geschrieben, ich tu es trotzdem noch mal, da ich das was Du beschreibst in meiner Zeit als ich studiert habe ebenso erlebt hab (damals als Mitarbeiter im AStA der Hochschule).

Du hast das einzig richtige gemacht: es ausgesprochen. Denn das verdrängt man oft viel zu lang. Jedoch können die anderen nur dann darauf reagieren.

Ich würde auch gerne so viel mehr machen in der Partei, aber es geht neben Job und Freund nicht - und das ist auch gut so.

Zum Schluss noch ein konkretes Angebot: Du weißt ja so in etwa, worin meine Fähigkeiten liegen - wenn Du also etwas konkretes hast, was sich fest umreißen lässt und Du loswerden willst/kannst, dann lass es mich wissen. Wenn ich es zeitlich und inhaltlich leisten kann, werde ich es gerne tun.

Alles Gute, halt die Ohren steif und viel Glück bei allem was da auf Dich zukommt in den kommenden Wochen und darüberhinaus.

LG Etienne

 
 

Google kotzt mich an

Google hat <a href”http://www.google.de/campaigns/deinnetz/”>eine Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht</a> ins Leben gerufen und vermischt damit (ich behaupte bewusst) ihre eigenen Interessen und die, der LSR-Gegner. Ich finde das Leistungsschutzrecht für Presseverlage schwierig, wenn nicht gar falsch. Aber, ich sehe da durchaus auch sinnvolle Idee drin, denn auch ich halte ein Urheberrecht grundsätzlich für hilfreich.

Mich jetzt weiter gegen das Leistungsschutzrecht zu engagieren, ist quasi unmöglich, ohne Google zu unterstützen. Ja, ich nutze Google, allerdings bezeichne ich mich eher nicht als Fangirl. Genau genommen finde ich die Art und Weise, wie Google seit Jahren die Netzszene lobbyiert schwierig. Ich war selbst Experte in der 6. Initiative des IG Collaboratory und schon da, war mir ein bisschen unwohl. Nein, Google hat keine Inhalte vorgegeben und auch keinerlei Klauseln unterschreiben lassen. Zudem ist nachvollziehbar, dass das Collab quasi ausschließlich von Google finanziert wird und wer im Lenkungskreis von Google kommt.

Billige “Google macht Lobbyismus”-Vorwürfe greifen nicht. Google lobbyiert in sehr vorbildlicher Form - transparent. Google nimmt aber seit Jahren die Netzszene immer weiter für sich ein. Der Collab-Thinktank vereinnahmt natürlich die Experten. Mir hat niemand gesagt, ich dürfe nicht schlecht über Google schreiben und doch fällt es sehr schwer, den Leuten, die mir helfen, aktiv zu sein und möglichst viel erreichen zu können, auf die Finger zu hauen. Ich möchte auch explizit niemanden persönlich beschimpfen. Alle Google-Mitarbeiter, mit denen ich bisher zu tun hatte, haben sich vorbildlich verhalten und keinen möchte ich böse Absichten vorwerfen. Und doch nervt es mich, wie Google uns vereinnahmt - und sie es uns schwerer machen, uns von ihnen loszusagen.

Das System Google kotzt mich trotzdem an. Und zwar gewaltig. Es nervt mich, wie es zum Standart wird, Google zu nutzen. Wie es normal wird, für Google zu kämpfen. Und vor allem nervt mich, wie Google zunehmend unseren Staat außen vor lässt. Ich halte mich für einen durchaus staatskritischen Menschen, aber unser Staat ist zumindest grundsätzlich demokratisch legitimiert. Google ist ein Konzern und Google tut, was Google Geld einbringt. Jede “nette Gabe” ist auch eine Imagekampagne für einen Konzern, dem es darum geht, Geld zu verdienen.

Ich habe Angst davor, dass wir in 10 oder 15 Jahren unsere Staatsmacht an Provider verloren haben, auf die wir keinen Einfluss mehr haben. Ich sehen große Probleme darin, dass wir uns nicht nur auf das geborgte Internet vor Google verlassen, sondern sie auch anfangen unseren Interessen zu vertreten und ein Stück weit unser neuer Staat werden. Und ich möchte, dass wir uns von Google in aller Deutlichkeit lossagen - und das Leistungsschutzrecht trotzdem nicht kommen wird. Pfui Google! Pfui Leistungsschutzrecht!

Kommentare

von: Nicolai

Oberlehrerkommentar:

Standard ist ein 2D-Wort!

Es nervt mich, wie es zum Standart wird, Google zu nutzen.

von: V.

Ich wäre hingegen gar nicht traurig, wenn wir in 10 oder 15 Jahren unsere Staatsmacht verloren haben. Letzlich schützt die Staatsmacht nämlich immer das Kapital - also auch Google.

 
 

Algorithmen werden nicht den Weltfrieden bringen.

Auf der OpenMind in Kassel habe ich einen Vortrag über Algorithmen gehalten. Im Nachgang wurde mir bewusst, dass es eigentlich gar nicht um Algorithmen geht, sondern um ein Menschenbild und eine Idee, wie Menschen so sind, geht. Ich fand den Talk und vor allem die Diskussion im Nachgang echt gut.Darum gibt es den jetzt auch hier:

Ein ganz herzlichen Dank an die großartigen Menschen, die auf der OpenMind waren, und vor allem an all die Menschen, die die OpenMind durch vieeeeel Arbeit ermöglicht haben. Danke!

 
 

Ich kandidiere

Ich werde als Beisitzer für den Berliner Landesvorstand kandidieren. Warum?

Ende April 2012 bin ich den Piraten beigetreten und damit wohl eindeutig ein “Neupirat”. Wirklich neu fühle ich mich allerdings nicht, da ich schon lange im Piraten und Netzpolitik-Umfeld bin. Einige der “Altpiraten” kenne ich ganz gut und bin mit ihnen auch befreundet. Den Piraten bin ich beigetreten, weil sie eine Mächtigkeit erlangt haben, die sie über den “point of ne return” gebracht haben. Ich glaube, das Experiment Piratenpartei lässt sich nicht mehr aufhalten. “Wir” haben uns für das Experiment entscheiden, nun müssen wir es durchziehen und hoffen auf einen guten Ausgang. Die Erkenntnis, dass Politik noch immer in Parlamenten gemacht wird, sorgte für die Gründung der Piratenpartei. Alle andere Politikformen haben “wir” schon getestet und nirgends war der Einfluss groß genug. Nur als Partei gibt es die Möglichkeit in Parlamente einzuziehen und damit die Möglichkeit zu haben, die “größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” durchzusetzen. Ein wesentlicher Schritt dazu ist eine Neuausrichtung des politischen Apparates. Daran möchte ich mitwirken.

Warum “nur” als Beisitzer? Ich habe bisher keine Funktion in der Partei ausgeführt und kenne die Partei auch nicht gut genug um sie umfassend vertreten zu können. Als Beisitzer bin ich nicht die Repräsentationsfigur, auf die sich die Presse stürzt, sondern habe mit Themen zu tun, an denen ich mitarbeiten möchte: die Ausrichtung der Partei als solches und wie damit der Politikhack Erfolg haben kann. Vor allem aber, möchte mein Studium nicht aufgeben. Ich habe gerade an die Fern Uni Hagen gewechselt und bin damit zwar sehr flexibel, werde auf Dauer aber kaum mehr als 20h die Woche unentgeltlich für die Partei arbeiten können. “Teilzeit-Landesvorsitzender” halte ich für keine Option. Dazu kommt noch, dass ich vor einem halben Jahr mich aus dem aktiven Aktivismus zurück gezogen habe, weil es mir zu viel wurde und ich mein Leben nicht mehr im Griff hatte. Ich habe Angst, dass ich mich wieder übernehme und insbesondere an den teils sehr rauen Umgangston der Piraten kaputt gehe. Ich hoffe, dass ich als Beisitzer nicht all zu häufig ins Zentrum eines Shitstorms gerate und mein Leben dabei im Griff behalte.

So. Nun ist es raus und bin gespannt, was es für Rückmeldungen gibt.

Kommentare:

von: V.

Da muss ich maxen leider in vielen Punkten zustimmen: Auch ich hoffe, dass dich die Vorstandsarbeit im Moloch der Partei nicht kaputt macht. Trotzdem, wünsche ich dir viel Erfolg und Durchhaltekraft (vor allem fürs Studium).

von: rka

Genauso wie ich mich freute als du den Piraten beigetreten bist, freue ich mich nun auch über deine Kandidatur. Ich bin mir sicher, dass du mit deinen frischen Ideen und dem Hinterfragen von unklaren Abläufen wie ich sie im AK Vorrat kennengelernt habe, als Beisitzer einen guten Job machen wirst. Dass du dich dabei nicht bis zur Selbstaufgabe in Arbeit stürzt, daran will ich dich gerne beizeiten erinnern ;)

von maxen

Ich denke, Du bist sehr feinfühlig und friedfertig. Die innerparteiliche Diskussionskultur ist (hingegen) nicht entwickelt genug, um Dir zu genügen. So dass überhebliche Selbstdarsteller’innen Dir den letzten Nerv raubten.

Dass die Piratenpartei Wege zur Emanzipation (Aufklärung und Befreiung) von Macht und Gewalt vorlebt, ist kaum mehr zu erwarten. Sie stecken noch in den sechs Urkonflikt-Formationen - wie Johan Galtung sie beschreibt und benennt (Buch) ‘Frieden mit friedlichen Mitteln’ + (Vortrag) speziell ab 1:17 http://www.youtube.com/watch?v=ngxDAAkgVr8

Über Gewaltfreie Kommunikation hinaus, gibt es friedliche Mittel und Wege. Mediation kann dazu beitragen, den Umgang miteinander zu üben. Schlichtung ist (nicht schlecht, aber) ein Zeichen für vorhergehenden Mangel.

Nun, wo Du feinfühlig sein magst, bin ich über-feinfühlig (hyper-sensibel). Natürlich freue ich mich, wenn ‘so Typen’ in der Partei (aktiv) sind, die ich noch mindestens einmal wähle #BTW2013. Doch mach ich mir mehr ‘Sorgen’ um das Wohlergehen Einzelner (Deines), als um das einer Partei.

 
 

Frauen können Politik - Beispiel: Amnesty

Frauen gehören in die Politik. Aber da sind sich wohl alle einig. Fakt ist: Es sind weniger Frauen als Männer in Parteien aktiv. Die Grünen haben eine Quote und damit mindestens 50% Frauenanteil in allen Gewählten Gremien - doch in der Partei haben aber selbst die Grünen nur 37% Frauen.

Häufig höre ich ein “Frauen können eben keine Politik” oder ähnliches. Dies zu diskutieren bin ich leid.

Anfang 2011 habe ich angefangen mich bei Amnesty International (in Freiburg) zu engagieren und schon damals ist mir der hohe Frauenanteil aufgefallen. Gefühlt waren es auch damals 2/3 Frauen - habe aber keine Zahlen, die das untermauern. Gestern nun habe ich es endlich zur Amnesty-Hochschulgruppe der HU geschafft und 11 Frauen zu 5 Männern beim Plenum gezählt. Finde ich gut. Aufgefallen ist mir auch, dass die wenigen Männer noch immer sehr präsent waren und der Sprechanteil von Mann zu Frau wohl bei der Hälfte lag. Ganz besonders ist mir aber die extrem angenehme Atmosphäre aufgefallen, die in Runden mit vielen Frauen häufig auftritt. Menschen lassen sich eher ausreden, fallen sich seltener ins Wort, Hacken weniger aufeinander ein, wenn sie Fehler machen.

Ich muss euch sagen: ich mag das.

Spannend finde ich auch, dass Amnesty, die erste mir auffallenden Organisation ist, die sich nicht explizit mit Frauen beschäftigt, das Engagement aber trotzdem mehrheitlich von Frauen voran getrieben wird. Eine Vermutung ist, es liegt an den relativ “weichen” Themen. “Menschenrechte” lassen sich selten mit einem “Ja/Nein” beantworten, es sind immer graduelle Prozesse, die in die richtige Richtung geschoben werden. Vielleicht ist es auch die relativ geringe Engagements-Hürde, die Amnesty “von Oben” durch gute Infopakete und fertige Petitionen schon vorgibt. Das bei männlich sozialisierten Menschen häufiger anzutreffende Beweisen, was sie tolles geschafft haben, fällt damit weg. “Sich beweisen, wie viele Unterschriften sie gesammelt haben” ist kein guter Beweis, wie toll man(n) doch ist.

Vielleicht liegt es auch wo ganz anders dran. Fakt ist: Frauen können Politik. Und sie machen dazu eine unglaublich wichtige Arbeit.

Kommentare

von: Jule

heiho,

ich bin auch bei amnesty (jugendgruppe) und bezüglich der ugend-/hochschulgruppenmilieus kann ich deine schilderungen total nachvollziehen. ich war allerdings letztens erst bei der jahresversammlung, und habe mich unter anderem mit leuten aus der kogruppe (koordinationsgruppe) menschenrechtsverletzungen an frauen unterhalten, die sehr eindrücklich von dem kampf um verschiedene frauenrechtsthemen innerhalb der deutschen sektion berichtet haben (zum beispiel gilt immer noch, für ganz amnesty, dass abtreibungen nur in fällen von vergewaltigung, inzest und “schwerwiegender” gefahr für die gesundheit der frau zu “entkriminalisieren” sind (also keine legalisierung). und amnesty deutschland hat sich sehr eingesetzt für striktere formulierungen u.ä.. außerdem hatte amnesty recht lange zeit null konzept zur geschlechtergerechten arbeit.) aber das ist vermutlich nur so zeug, das gerade von den älteren in der sektion stark vertreten wird, und wie gesagt, bei den jugend- und hochschulgruppen habe ich dasselbe gefühl wie du : )

von: Gero

Es ging mir in dem Blogpost auch nicht darum, ob Amnesty gute Frauen-Politik macht, sondern darum, dass dort eben viele Frauen politisch aktiv sind und dabei ganz wunderbare Arbeit leisten - ohne jedes Prollgehabe :)

Das Amnesty inhaltlich noch viele andere Punkte mit aufnehmen könnte/sollte/müsste in vielen Bereichen (wie ich es persönlich auch total super fände, wenn sie Überwachungstechnologien in ihre Waffendealsforderungen mit rein schreiben würden, (denn Überwachungstechnologien sind Waffen!)), darüber lässt sich lange streiten. Je mehr Forderungen sie formulieren, je stärker machen sie sich auch angreifbar. Irgendwann kommt immer der Punkt, wo einzelne Meinungen auseinander gehen - und je mehr Meinungen aufgenommen werden, je schwieriger wird es, allen Menschen damit gerecht zu werden ohne, anderen Menschen mit anderen Meinungen auf die Füße zu treten. Und wo Meinung anfängt und grundsätzliche Menschenrechte aufhören ist schon wieder Meinung, sodass es wirklich schwierig wird, da eine ordentliche Position zu finden. Und auch wenn ich gerne noch andere Punkte in den Amesty-Forderungen sehen würde, so bin grundsätzlich doch ganz zufrieden mit den Vorhandenen und mit Amnesty als super NGO :o)

 
 

Urheberrechtsbarcamp

Die Akteure der Urheberechtsdebatte hören sich nicht zu. Wer sich nicht zuhört, kann auch keine gemeinsame Lösung finden.

Um einen Dialog zu versuchen, ist ein Urheberrechtsbarcamp in Wien geplant, zum kollektiven Brainstorming auf der Suche nach einer Lösung, mit der Verwertungsgesellschaften und Immaterialschaffende zufrieden sind, ohne “unser” Internet kaputt zu machen. Die Planung für das Urheberrechtsbarcamp findet im Etherpad statt, und es gibt einen Termin-Doodle um einen Termin für das Barcamp fest zu machen.

Tragt euch ein und beteiligt euch - und vor allem: ladet Vertreter der Verwertungsgesellschaften, Kreativschaffende ein, sowie alle anderen, die vom Urheberrecht betroffen sind/leben.

Eine Urheberrechtslösung mit der alle glücklich werden, lässt sich nur gemeinsam finden.

 
 

Ich und das Atombombenexperimentierfeld Piratenpartei

Eingetreten.

Seit Mai 2009 spiele ich mit dem Gedanken, nun habe ich es getan. Ich bin “Pirat”, halte das System “Partei” aber für falsch. Die Piratenpartei, das Atombombenexperimentierfeld der Demokratie - ein Ort wo mensch die Sinnhaftigkeit von Parteien hoffentlich ganz grundsätzlich diskutieren kann, was ich so hoch spannend finde, dass ich mich da nun einfach mal gucke, was passiert.

Parteien halte ich für das Hauptproblem heutiger Politikverdrossenheit. Politik ist hochkomplex - sich effektiv einbringen macht extrem viel Arbeit. Die Ochsentour verschleißt viele gute Ideen, Initiativen und vor allem Menschen. Es gibt gute Gründe warum im antiken Griechenland kein Stadtstaat mehr als 10.000 Einwohner hatte - da kannten die Menschen sich unter einander und haben bei Problemen direkt miteinander gesprochen. Die heutige Demokratie ist eine Stellvertreter-Demokratie. Niemand ist selbst verantwortlich - immer war es jemand anders oder die einzelne Person übernimmt die Verantwortung für etwas, um Glaubwürdigkeit zu beweisen. Das diese Person aber tatsächlich verantwortlich ist, ist sehr unwahrscheinlich, da unser gesamtes Gesellschaftssystem nur durch Delegation funktioniert. Wo nur noch delegiert wird, wird es schwierig die Bürger offen mit einzubeziehen. In dieser Krise stecken alle modernen Demokratien und insbesondere die Parteien, die die Demokratien verkörpern.

Aus eben diesem Grund halte ich Parteien per se als Teil des Problems und nur bedingt als Teil der Lösung - und aus diesem Grund habe ich es vermieden einer Partei - trotz jahrelangem politischen Engagement - beizutreten.

Mit der Piraten-Bewegung verändert sich die Parteienlandschaft nachhaltig. Es scheint, als würde es eine Neuerfindung des politischen Rads geben - und zugleich bilden sich in den Piraten auch die gleichen Muster wie in allen bisherigen Parteien auch. Es geht zunehmend um “die Partei”, um Umfragen und Machtansprüche, es bildet sich ein Fraktionszwang.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” - und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.)

So bin ich nun teil der Piraten-Crew, will aber nicht Partei, sondern Utopie und gute Politik - unabhängig vom Parteibuch und nach Möglichkeit irgendwann ganz ohne Parteibuch. Mal sehen was sich auf dem Atombombenexperimentierfeld so ergibt und wo die Reise noch so hingeht.

Kommentare

von: rka

herzlich willkommen! wenn du die piratenpartei als eine möglichkeit betrachtest, die deinen politischen ideen eine grundlage zum wachsen gibt, dann kannst du viel schönes erleben. wichtig ist: sich selbst nicht vergessen und zu wissen, dass piraten kein familienersatz sind.

gruß rka

 
 

Vom Urheberrecht zur Urheberanerkennung

Auf SpOn hat mspro steile Thesen vorgelegt und auf seinem Blog noch ein wenig berichtigt.

Frei zusammengefasst schreibt er: “Das Urheberrecht gehört abgeschafft, weil im Internet immer kopiert wird.” - und der Begründung kann ich nicht widersprechen. Ob die Abschaffung aber die richtige Folgerung daraus ist, bezweifele ich. Aber mal langsam:

Das Urheberrecht entstand aus dem Patentrecht, welches entwickelt wurde, damit Menschen die unglaublich viel Zeit (und Geld) in die Entwicklung von Ideen (Erfindungen, Geschichten, Bilder, Filme, Musik …) stecken, nicht leer ausgehen - für den Fall, dass eine andere Person kommt und ihre Ideen kopiert um sie dann selbst zu vermarkten (weil die andere Person möglicherweise besser vermarkten kann).

In Zeiten, in denen jeder Mensch arbeiten muss, damit er sich Nahrung kaufen kann und an der Gesellschaft teilhaben kann, war es zudem ein Mittel zum Lebensunterhalt verdienen. Da wir diese Zeit aber gerade überschreiten (in der Menschen sich mittels Technik selbst ihre Arbeit “zerstören”), müssen wir auch in der Urheberrechtsdebatte zurück auf Null und von Vorne beginnen.

Es geht um die Frage der Anerkennung einer anderen Person (oder Gruppe) gegenüber, die großartige Immaterialien geschaffen haben. Ein Tischler, der Schränke baut, baut Schränke, die er dann verkaufen kann (in der Theorie …). Das derzeitige Urheberrecht gibt Schriftstellern, die einen Roman schreiben, das gleiche Recht - was nun obsolet wird, weil der Inhalt quasi Kostenfrei kopiert werden kann (bis Makerbots Schränke drucken dauert das noch ein wenig). Nicht obsolet ist aber die Anerkennung für das Werk, welches Geschaffen wurde. Der Tischlerin danken wir indirekt, indem wir den Schrank kaufen und sie damit bezahlen.

Wie aber danken wir den Schriftstellern? Das ist die Frage nach der Anerkennung - und da müssen wir von vorne beginnen uns ein Modell auszudenken, wie wir uns in angemessener Form bedanken können. Die (ebenfalls von mspro eingeworfene) Idee “warum geben wir den künstlern nicht einfach geld?” basiert auf dem Prinzip, dass Kreative sich auch selbst vermarkten - was sie häufig aber gar nicht tun wollen - und daher ja die Verwertungsgemeinschaften geschaffen haben (die uns nun zu einem so großen Problem sind). Wenn sich Kreative nicht selbst vermarkten, braucht es immernoch ein gesellschaftliches Anerkennungsmodell um sich von der Tischlerin nicht vorwerfen lassen zu müssen, sie würden nichts tun und der Gesellschaft nichts zurück geben.

Flattr ist ein solches Anerkennungsmodell, da es vor allem zählt, wie viele Menschen sich wofür bedanken und damit die Arbeit anerkennen. Das es bei Flattr “auch” um Geld geht, halte ich für ein zweitrangiges Feature. Damit es aber wirklich funktioniert, müsste jeder Flattr nutzen und wir auch alles Flattrn können - was de facto nicht geht. Aber vielleicht kommen wir da ja noch hin (und wenn es nicht Flattr ist, vielleicht ein anderer Dienst, der sich noch entwickelt).

Die Frage nach dem Lebensunterhalt stellt sich nicht “nur” bei den Kreativen, sondern auch bei allen Menschen, die durch den technischen Fortschritt keine Arbeit mehr haben und muss auch aus diesem Ansatz heraus angegangen werden. Das Urheberrecht dafür zu “missbrauchen” kann das Problem nicht lösen.

Kommentare

von: Gero

Ich gebe dem Urheberrecht ja gerade ein “Ziel”: Die Anerkennung der Kreativen.

Historisch gesehen wurde das Urheberrecht sehr wohl zur finanziellen Sicherung geschaffen – nur passt das heute eben nur noch bedingt und gehört daher reformiert (oder abgeschafft, oder was auch immer). Die Gesetzgebung ist mir selbst allerdings ziemlich egal. Es geht mir darum ein Bewusstsein und einen Ethos in dem Urheberrechtsbereich zu schaffen und die Debatte einfach weiter zu führen (viel “neues” im Vergleich zu mspro gibt’s hier ja auch nicht. Aber ich empfinde es wichtig die Debatte überhaupt so weit wie irgend möglich zu führen, damit mehr Leute davon mitbekommen und einen Ethos entwickeln können. Die Gesetzgebung wird dann nur ein staatlich verordneter Ethos sein, der sich aus der Debatte hervor tun wird.

In wie Weit Künstler “einfach bezahlt werden können” ist auch das eine moralisch-ethische Frage, wie “gut” die Gesellschaft ist – und auch dies verändert sich mit einer öffentlichen Debatte ja durchaus – auch wenn es derzeit schon sehr stark die “Kostenlos-Kultur” ist, die immer wieder angeprangert wird, muss es diese doch nicht bleiben. Und ich z.B. gehe prinzipiell davon aus, dass die Gesellschaft auch bereit ist, etwas für gute Immaterialien zu zahlen. (Der Glaube an das Gute und so.)

von: krizm0

Was ich in der gesamten Urheberrechtsdiskussion immer vermisse ist die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses Rechts überhaupt. Keiner (ausser ein paar wenigen) stellt die Existenz der Urheberrechts in Frage, nur scheint es keinen Konsens darüber zu geben, was überhaupt das ZIEL dieses Rechts sein soll. Man kann doch kein Gesetz entwerfen, wenn nicht klar was das Ziel sein soll. Ein weit verbreiterter Trugschluss ist ja, dass der Sinn des Urheberrechts die finanzielle Sicherung der Urheber herstellen soll. Ich persönlich fand immer einen Zitat von Rick Falkvinge als sehr treffend: “The copyright monopoly legislation is a balance between the public’s interest of having access to culture, and the same public’s interest of having new culture created.” http://awurl.com/RhGfmAymj Je nachdem wie die Definition des Ziels des Urheberrechts ist, kann man auch sehr schön sehen, wer überhaupt an dieser Debatte beteiligt sein sollte und wer nicht.

Wenn gefragt wird, warum wir den Künstlern nicht einfach Geld geben, müssen wir uns glaube ich die gesellschaftliche Realität vor Auge halten, die scheinbar nicht so aussieht, als ob freiwillige Zahlungsbereitschaft besteht. Zumindest nicht im kommerziellen Sektor. http://farlion.com/archives/316-Quelle-Internet-Wer-schnorrt-denn-wirklich-im-WWW.html

 
 

Die Grünen haben gewonnen! - und sollten mit den Piraten zusammengehen

Die Grünen haben gewonnen. Glückwunsch!

Atomkraftwerke werden abgeschaltet, Angela Merkel(!) betreibt internationalen Natur- und Klimaschutz. Die CO2-Emissionen sollen international begrenzt werden. Seit einiger Zeit gibt es einen Wandel bei den Grünen. Von der 1-Themen-Naturschutzpartei zu einer Volkspartei. Ein Vollprogramm haben sie schon lange - und gelten inzwischen auch als Gesprächspartner zu jedem Thema - nicht nur Umweltfragen oder Atompolitik. Die Frage ist aber, was für eine Aufgabe hat eine grüne Partei? Die “wofür”-Frage. Wofür braucht es ausgerechnet die Grünen?

Ich mag die Grünen und habe sie gewählt, (damals noch in BaWü, nach Berlin zog ich zu spät um auch hier wählen zu dürfen) und kann mir gut vorstellen sie auch wieder zu wählen. Sogar gearbeitet habe ich für sie, gerne. Ich halte die Partei insgesamt für sehr fähig und inzwischen auch ganz gut organisiert. Da wird gearbeitet, da entsteht Politik. Das finde ich gut.

Eines der neueren Themen bei den Grünen ist die Netzpolitik und ich bin der Meinung, die Grünen machen eine hervorragende Netzpolitik. Es ist allerdings nicht das Thema, was alle zusammenbringt, sondern eher eines, was von ein paar wenigen bearbeitet wird.

Anders ist das bei den Piraten. Da gibt es keine Netzpolitik, da alles im Netz stattfindet. Netzpolitik wird nicht mehr thematisiert, sie ist essentielle Arbeitsgrundlage. Ohne Netz geht nichts mehr. Sie sind die erste Partei, die es verstanden hat auf das Netz aufzubauen und es nicht nur zu integrieren. Dies ist natürlich leicht gesagt, denn die Grünen haben ihre Parteiarbeit aufgenommen und Arbeitsabläufe geschaffen lange bevor das Internet zu einem Massenphänomen wurde. Ihnen einen “Netzpolitk machen aber nur wenige”-Strick zu drehen ist unfug.

Ich frage mich, warum es zwei Parteien braucht, die um die selbe Gesellschaftschicht wahlkämpfen. Seit der Abgeordnetenhauswahl sind die Piraten “etabliert” und fangen seit dem ganz mächtig zu wahlkämpfen an. Da wird verbal gehauen und gestochen, dass man meinen könnte, nächsten Sonntag wäre Wahl. Gehauen und gestochen wird gegen alle “alten” Parteien. Die SPD hat zu ihrem Bundesparteitag ganz ordentlich ihr Fett weg bekommen - aber gerade die Grünen werden in einer Vehemenz attackiert, für die mir jedes Verständnis fehlt. Nun ist das natürlich mies von der ARD Bärbel Höhn gegen Christopher Lauer zum Thema Internet zu reden, wenn der (inzwischen twitterweit bekannte) Peter Altmeier noch daneben sitzt. Allerdings lassen sich auch die Grünen eher ungern die Brot vom Butter nehmen. Nun sind sie endlich groß, da kommen die Piraten und dampfen den Erfolg ganz gut zusammen. Es Rumort bei den Grünen, allerdings wissen sie aus der politischen Erfahrung heraus (die den Piraten noch fehlt), dass es noch dauert, bis die nächsten Wahlen kommen. Entsprechend vorsichtig wird zurückgeschossen. Man könnte meinen die Grünen wissen um ihre Anfangsfehler und warten darauf, dass die Piraten die selben wiederholen. Den Tweets aus dem Abgehordenetenhaus zu folge wird da auch ganz ordentlich gemeutert - und ob das 2 Jahre bis zur Bundestagswahl (die nächste wichtige Wahl) durchhält, wage ich von Zeit zu Zeit zu bezweifeln.

Nun bin ich noch immer parteilos (aus Gründen), aber netzpolitisch aktiv. Ich will die Integration, wie die Grünen die Netzpolitik gerade in ihrer Partei etablieren auf die Gesellschaft übertragen, wie die Piraten es schon haben. Ich frage mich aber immer wieder, warum man dies nicht gemeinsam tun kann. Warum braucht es zwei Parteien, die sich in weiten Teilen sehr ähneln, um sich gegenseitig die Suppe zu versalzen, statt gemeinsam für eine positive Zukunftsvision zu kämpfen?

Ja, es gibt ganz erhebliche Unterschiede, was die Frauenpolitik angeht. Die Grünen haben gefühlt schon immer eine Frauenquote. Die Piraten nicht einmal richtige Frauenpolitik. Es schwebt der Begriff “postgender” über den Piraten - wobei sie sich wohl auch bewusst sind, dass hinter den Rechnern doch Menschen zweier Geschlechter sitzen. Ich nehme die Piraten nicht als antifeministisch war - eher als krass utopisch, auch ohne Frauenquote Geschlechtergleichberechtigung herzustellen. Leider mangelt es noch an der konkreten Idee, wie man diese Utopie Wirklichkeit werden lassen kann. Neben der Geschlechter-Politik fällt mir allerdings auch kein anderes Thema ein, in dem die beiden Parteien sich fundamental unterscheiden.

In diesem Sinne würde ich gerne eine Verschmelzung beider Parteien sehen - für eine positive Zukunftsvision, mit der eingefahrenen, gut funktionierenden Struktur der einen und den (ein Stück weit) revolutionären Köpfen der anderen. Ich behaupte, das Ergebnis würde gut werden. Und ich würde (bestimmt) Parteimitglied werden. (Die Piraten mögen zwar eine doppelte Parteimitgliedschaft erlauben, die ist allerdings nicht viel wert, da die Grünen dies nicht tun *hint*.)

P.S. Ich habe mich hier sehr stark auf Netzpolitik bezogen, weil ich aus eben dieser Ecke komme. Und, weil ich Netzpolitik für essentiell halte, wenn es um die Zukunft geht. Nichts (auch keine Weltwirtschaftskrise) wird die Welt in den nächsten 25 Jahren so sehr verändern, wie die fortschreitende Technik. Und mit Technik haben sich seit jeher beide Parteien intensiv beschäftigt - wenn auch nacheinander.

Kommentare

von: korbinian

ich habe die grünen auch öfters gewählt bevor ich 2009 zu den piraten gekommen bin, sie war immer die partei der geringsten schmerzen für mich. erst in den letzten jahren bin ich aber drauf gekommen dass die grünen eigentlich überhaupt nicht (mehr?) meinem weltbild und meinem lebensstil entsprechen. inzwischen sehe ich sie als eher konservative, aber im gegensatz zur union weltoffene partei, die gerne dinge einschränkt und reglementiert. die piraten sehe ich als progressive, linksliberale partei, die möglichst viel individuelle freiheit anstrebt ohne so assozial wie die heutige fdp zu sein. wenn man sich die piraten anschaut fällt auf dass die allermeisten die vorher in anderen parteien aktiv waren aus der fdp kommen. witzigerweise ist aber die größte programmatische überschneidung mit der linkspartei da. folgerichtig sind linke-piraten bündnisse auch die bisher häufigsten. ich sehe die piraten von der ausrichtung her daher weniger in konkurrenz zu den grünen als zu fdp und linkspartei, auch wenn sich die wählerchichten stark ähneln. egal wie absurd es erscheinen mag: es gibt glaube ich ein großes wählerspektrum das sich nicht zwischen liberalismus und kommunismus entscheiden kann, und gut bei uns aufgehoben ist :)

von: Stadler

Das was Du beschreibst, lässt sich auf das Verhältnis SPD und CDU auch übertragen. Sie kämpfen in erheblichen Teilen um dieselben Wähler und unterscheiden sich in ihrer Grundhaltung kaum mehr, auch wenn einige Sozialromantiker noch etwas anderes glauben.

Mich persönlich stört eine größere Vielfalt in der Parteienlandschaft nicht und allein deshalb begrüße ich das Auftauchen der Piraten. Sie versetzen das Establishment, zu dem die Grünen längst gehören, in Unruhe und das ist gut und notwendig. All das wäre mit einem Schlag weg, wenn die Grünen und die Piraten sich zusammenschließen. Hast Du Dir mal überlegt, was bei den Grünen tatsächlich vom Bündnis90 übrig geblieben ist?

Die Grünen sind für mich die wichtigste politische Kraft in diesem Land in den letzten 30 Jahren und die beiden große Parteien mussten entscheidende Teile der Programmatik der Grünen übernehmen, um überhaupt mehrheitsfähig zu bleiben. Mittlerweile wirken die Grünen auf mich allerdings einen Tick zu selbstgefällig. Die Piraten bieten ihnen die Chance das wieder abzulegen. ;-)

von: isarmatrose

warum entfolgst du mich, wenn wir doch genau die gleiche meinung haben? ;-) das die piraten ahnung von netzpolitik haben, bestreite ich ja nicht, aber es gibt halt mehr im leben als netzpolitik, so wichtig das auch ist, so dass eine partei sich auch mit mehr themen beschäftigen sollte.

die piratenpartei hatte zwei jahre dafür zeit, der parteitag in offenbach hat aber gezeigt, dass sie das einfach nicht können. da gibt es sozialpiraten, denen ein bedingungsloses grundeinkommen wichtig ist und sich da ernsthafte gedanken zu machen, bevor es aber eine gefestigte und meinung mit begründung gibt, stimmt die partei lieber ab und gibt ihr ja zu einer sache, von der sie noch keine vorstellungen hat, wie das gehen soll. grund dafür ist dieses undemokratische system, dass jeder abstimmen darf, der da ist. susanne wiest hat diese schwäche genutzt und versucht nun über die piratenpartei, nachdem sie zweimal an demokratischen hürden gescheitert ist, ihre vorstellungen durchzusetzen.

diejenigen, die gerne eine andere politik machen wollen, können dies ja locker auch bei den grünen versuchen, wo eine vernünftige basisdemokratie betrieben wird. auch hier kann man etwas verändern und bewegen. und es war schon auffällig, wie viele durchaus vernünftige piraten in tweets und blogs über ausstieg nachgedacht haben. der parteitag hat vielen die augen geöffnet. ansonsten ein guter artikel. :-) bis denn, dann…

_von: Von Piraten und Revolutionen, Parteien und Nicht-Mitgliedschaften Findling_

[…] in denen sich Machtstrukturen einfahren können – und die Partei zum Selbstzweck wurde, wie ich es den Grünen zum Teil vorwerfe, oder man auch sehr gut an der SPD sehen kann, die sich regelmäßig neue “soziale” […]

_von: Ich und das Atombombenexperiementierfeld Piratenpartei Findling_

[…] Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” – und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.) […]

 
 

Wie ein Mensch zum Nazi wird

Im Kraftfuttermischwerk habe ich den Arte-Film “This is England - Ende der Kindheit” gefunden. Außdrückliche Filmempfehlung, um zu verstehen, wie Menschen zu Nazis werden. Dank depublizieren ist der nicht mehr online, aber es gibt noch den Trailer:

Wer es mal schafft, den Film zu sehen, schaut ihn euch an!

Ich bin auf dem Land in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und war eine Zeit lang in einer ganz ähnlichen Szene. Einige behaupteten Punks zu sein, andere behaupteten Nazis zu sein. Ein Teil davon findet Ausländer scheiße - und alle grölten zu den “Bösen Onkelz”. Einige, weil sie ihre Nazi-Parolen gut fanden, andere behaupteten, sie machten sich mit den Parolen über Nazis lustig und sie selbst seien sicher keine Rassisten.

Rassisten sind wir aber alle, weil wir nach Hautfarbe unterscheiden. So lange wir die Hautfarbe überhaupt als Erkennungskriterium nehmen, sortieren wir die Menschen in ethische Gruppen ein und sind damit Rassisten. Andere Menschen mit dem Qausi-Schimpfwort “Rassist” zu betiteln halte ich übrigens auch für wenig sinnvoll. Es geht nicht darum, ob wir dies sind, sondern wie wir damit umgehen.

“Ich bin kein Nazi (Wahlweise auch Rassist), aber was die $Volk machen …” geht eben gar nicht. Es geht bei der Diskriminierung nicht darum, was impliziert wird, sondern darum, was bei dem Empfänger ankommt.

Der kleine Junge Shaun hat nicht verstanden, was da passiert - aber er hatte auch keine Alternative. Nazis rekrutieren sich zumeist aus gesellschaftlich wenig angesehenen Schichten. Sie geben den Außenseitern eine Heimat, wie es kaum eine andere Organisation schafft. Sie nehmen sie mit auf und setzen dann abartige Gedanken in den Kopf, die mit der Zeit reifen und menschenverachtende Ausmaße annimmt.

 
 

Das europäische Parlament wartet auf Postkarten gegen das PNR-Abkommen

Na, wer schreibt noch “Postkarten”? Klingt wie schon so altbacken, sind aber eigentlich ganz cool.

Noch cooler wird’s, wenn wir nicht (nur) unserer Familie und unseren Freunden schreiben, dass das Wetter gut ist, sondern auch noch dem Europäischen Parlament, dass sie doch bitte unseren Urlaub nicht überwachen brauchen. Konkret geht es um das “Passagiernamensregister” (passenger name record), welches vorsieht so ziemlich alles, was Airlines an Daten von uns kriegen, für 15 Jahre zu speichern. Wem das etwas zu viel ist, ist herzlich eingeladen, sich an der Postkartenaktion zu beteiligen und an die Mitglieder des “Libe”-Ausschusses eine Postkarte zu senden. Besonders schön ist dies, wenn man dies vom Urlaubsland aus macht, geht aber auch von zu Hause. Auf eine Postkarte kommt kein Absender, damit kann man nicht nachvollziehen, ob ihr wirklich im Urlaub seid, oder den Urlaub im Park um die Ecke verbringt.

In der Postkarte sollte klar mitgeteilt werden, was ihr von dem “PNR”-Abkommen haltet - die Wassertemperatur des Pools darf dafür auch wegbleiben - wir wollen ja Daten sparen ;-)

P.S. Es ist sinnvoll den Mitglieder des “Libe”-Ausschusses auch in deren Sprache zu schreiben. Wenn sie die Postkarte nicht verstehen, bringt das wenig. Für die deutschen Mitglieder gibt es daher noch eine extra-Liste.

P.P.S. Die Adressen der Abgeordneten gibt es, wenn man auf deren Namen klickt und ganz nach unten scrollt.

 
 

4,26€ Stundenlohn der Enquête

Fefe hat sich über die Bezahlung der Enquête ausgelassen. Auf Twitter habe ich vor allem die “ach so gut bezahlten Sachverständigen” wahrgenommen. Dem will ich mal ein bisschen auf den Grund gehen …

Da ich selbst die Enquête eher aus der Ferne betrachte, muss ich mich darauf verlassen, was mir so zugetragen wird. Einst habe ich etwas von ca. 8.000€ pro Jahr pro Sachverständigen gehört. Alvar twitterte, dass es 681,75€/Monat seien (8.181€ pro Jahr). Als Student, alleine lebend, etc. könnte man davon leben. Nicht gut, aber verhungert würde man auch nicht. Aber darum geht es nicht …

Es geht darum, dass Arbeit bezahlt wird. Leider habe ich keine Auflistung der ganzen Enquête-Termine gefunden, von daher muss ich mich auch da auf Alvars Vermutung verlassen: 30-50 Arbeitsstunden pro Woche. (Und wenn ich mir mein nebenbei-Aktivistenleben angucke, finde ich 30-50 Stunden für das, was Alvar im AKZ macht, schon sehr wenig geschätzt.) Nehmen wir der Einfachheit wegen aber 40 Stunden. Das macht 8 Stunden pro Arbeitstag. Ein Monat hat im Schnitt 20 Arbeitstage, das macht 160 Arbeitsstunden pro Monat. Die 681,75€/160 Stunden macht einen Stundenlohn von 4,26€. Und dann überlege ich mir, dass ich als Fahrradkurrier derzeit knapp das doppelte die Stunde verdiene (und mich schon unterbezahlt fühle …).

Nun, wo genau werden da nun unsere Steuergelder verpulvert? Und warum sind Sachverständige der Enquête eig soooo dämlich diesen verdammt schlecht bezahltern Job zu machen? Ich meine, dass sind Experten … die können noch ein bisschen mehr verdienen, wie ich als Fahrradkurrier …

Kommentare

von: Lonesome Walker

Nun ja, sicher mag das wenig sein, aber es ist immerhin besser als nix, und man kann auch nebenher noch ein wenig verdienen; und schon ist aus dem wenig ein Zweiteinkommen geworden ;-)

von: 9er0

Ja, das müssen sie ja auch. Ich könnte mit nicht mal 700€ keine Familie durchbringen. Und m.W.n. tut dies auch Alvar nicht, sondern geht “nebenher” richtig arbeiten. Es geht ja auch nicht darum, wie sie überleben, sondern darum, dass sie nicht “ordentlich” bezahlt werden, sondern aus Überzeugung in der Enquête arbeiten, und zumindest ein kleiner Teil wieder gut gemacht wird.

von: L3viathan

Ohne zum Thema selbst was sagen zu können: Deine Rechnung stimmt nicht: Bezahlt werden sie ja für ihre Arbeit in der Enquete, was sicherlich nicht 30-50 h pro Woche sind, sondern weitaus weniger. Da ist der Stundenlohn dann doch höher.

von: Dave

für vernünftige Arbeit muß es auch einen vernünftigen Lohn geben, alles andere ist ganz großer Käse, schließlich arbeitet man um zu leben und nicht umgekehrt, einer der Gründe warum ich da arbeite wo man auch Geld verdient, und das ist nicht Deutschland. Der Arbeiter oder Angestellte wird bewusst kurz und dumm gehalten, dies gehört mitlerweile schon zur Firmenphilosophie, wenn ich die Margen sehe für die teilweise gearbeitet wird, mit der Begründung “ die Masse machts” wird mir ganz übel….so wird das auf lange Zeit gesehen überhauptnix

von: 9er0

Hast du dir die Berge an Arbeitspapieren mal angesehen? Wann meinst du, bereiten sich die Sachverständigen denn auf eine Sitzung vor? Meinst du etwa ein Rechtsanwalt sollte nur die Zeit bezahlt werden, die er auch im Gericht sitzt? Dann könntest du recht haben …

BTW: Wenn es eine ordentliche Auflistung aller Sitzungen gibt, bitte ich den Link in die Kommentare zu posten. Ich hätte mich auch gerne dazu geäußert, habe aber keine Ahnung, wie häufig sie sich wirklich treffen.

von: wanderer

Ich denke dass alle Sachverständigen VORHER wussen wieviel Geld sie für ihre Arbeit bekommen. Jetzt darüber zu jammern finde ich einfach nur peinlich. Jeder Einzelne hat seine Entscheidung dort mitzuarbeiten freiwillig und ohne Zwang getroffen.

von: 9er0

Es geht nicht ums jammern (außerdem bin ich selbst nicht in der Enquête … warum sollte ich also jammern?), sondern darum, dass die sich den Arsch aufreißen (und zwar freiwillig). Wenn dann ein Fefe kommt und sich auch noch drüber auslässt, dass die damit Geld “verdienen”, ist das eine Verdrehung der Tatsachen.

von: L3viathan

Ich sage ja auch gar nicht, man soll die Stunden, die sie wahrhaftig in der Enquete sitzen, zählen, ich glaube bloß nicht, dass es 30-50 Stunden pro Woche sind, lasse mich aber gerne belehren.

von: 9er0

Eine feste Arbeitsstundenzahl im Aktivistenbereich zu benennen ist extrem schwierig. Gehört das Feierabendbier dazu, bei dem mit einem Politiker aus dem Überwachungsfanatikerlager überzeugt werden soll, dass die VDS doof ist? Wie sieht das mit der FsA-Nachbesprechung aus, die Nachts um halb 2 stattfindet? Und wenn man im Bus noch eben eine Twitter-Dikussion um Netzsperren führt? Es ist kein “9 to 5”-Job, sondern einer, der immer stattfindet, wenn sich Zeit dafür aus den Rippen schneiden lässt. Letztes Jahr habe ich ne Zeit lang die FsA vollzeit mitorganisiert. Da wäre mir der ein oder andere nur 10-Stunden-Tag echt lieb gewesen … (in dem Fall hatte ich eine “Job” von 10 bis 6. Das Büro verlassen habe ich selten von 22 Uhr.)

von: wuerzbach

Ich find die 681€ auch nicht wirklich angemessenen, aber im Friseurhandwerk in Thüringen sind 4€ bis 5€ pro Stunde Tariflohn. Also lasst die Debatte. Es ist eine Aufwandsentschädigung. Und die Enquette ist auch nur das übliche Demokratietheater: die Sachverständigen haben Zugang zu Entscheidern, aber selbst kein Mandat.

von: 9er0

Es handelt sich hier aber nicht um irgendeinen zu schlecht bezahlten Friseur/Friseurin (die auch zu schlecht bezahlt werden, keine Frage), sondern um Experten, die locker das 10 bis 20 Fache in der freien Wirtschaft verdienen könnten, aber darauf verzichten. Das mit dem “Demokratietheater” sehe ich ja nicht so … aber das ist ein anderes Thema und gehört hier gerade nicht hin :)

von: archi

Hm, danke, dass das mal jemand aufgreift. Ich habe selbst ein Jahr freiwilliges, ehrenamtliches Engagement hinter mir und habe auch eine Aufwandsentschädigung dafür bekommen. Damit bin ich zwar nur auf maximal 3 Euro die Stunde gekommen, aber die Idee ist nicht “Ich mache die Arbeit um Geld zu verdienen” sondern “ich habe einen Aufwand mit meiner freiwilligen Arbeit, und in der Zeit kann ich kein Geld verdienen” (plus in meinem Fall nichts für mein Studium tun, was als Bachelor Student im 9. Semester nicht soooo cool ist). Einige sollten wirklich mal davon weg kommen, dass Aufwandsentschädigungen wie normale Gehälter zu Handhaben sind. Wenn er Geld verdienen will, dann kann er locker das 10-fache machen. Oder eben die knapp über 650 Euro mit nur wenig Arbeitsstunden die Woche. Kleine Rechnung: Bei 20 Euro die Stunde muss er etwa 32 Stunden den Monat arbeiten, also irgendwas um die 8 Stunden pro Woche. Sprich: Ein normaler Arbeitstag. Und wer sollte den Job sonst machen? Ein Datenschutzexperte, der von Facebook 5000€ im Monat bekommt? Ne Danke. So Späße haben wir leider viel zu oft.

von: VonFernSeher

Erstens ist es eine Aufwandsentschädigung, die nicht die Aktivistentätigkeit finanzieren, sondern nur den direkten Arbeitsaufwand entschädigen soll. Zweitens ist es eine Aufwandsentschädigung, die nur einen Aufwand entschädigt und keinen Lohn zahlt. Drittens ist es eine Aufwandsentschädigung, die durchaus im normalen Rahmen liegt und nicht nach unten hinausfällt.

von: Stadler

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Für Selbständige wie Alvar ist eine Tätigkeit in der Enquete - von dem was er für den AK Zensur völlig kostenlos macht, ganz zu schweigen - mit einem deutlichen Einkommensverlusten verbunden. Das müsste eigentlich auch Fefe klar sein, aber das ist halt kein geeigneter Ausgangspunkt für einen reißerisches Blogeintrag.

Nur für Menschen, die ansonsten vom Staat bezahlt werden (Beamte) oder professionelle Lobbyisten, für die solche Tätigkeiten ohnehin Teil ihrer Berufsausübung ist, ist ein solches Engagement im Grunde denkbar.

Umso höher muss man es jemandem wie Alvar anrechnen, dass er aus idealistischen Motiven da reingeht und unsere Interessen vertritt, Fefe basht Alvar und padeluun als gutbezahlte Sachverständige. Zu padeluun hat Fefe, nach dem Bashing noch angefügt, dass er sein Freund sei. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Es gibt hier sicherlich einiges an inhaltlicher Kritik zu äußern. Aber die Verknüpfung mit der Unterstellung, Alvar und padeluun würden sich mit ihrer Enquete-Tätigkeit eine goldene Nase verdienen, muss man im Grunde als Böswilligkeit betrachten.

von: Franzl

Ich kenne Alvars Stundensätze nicht, aber für einen vermutlich gut bezahlten Experten sind – anders als für einen Studenten – 600 € sicher vom finanziellen Standpunkt kein Anreiz, mehrmals die Woche nach Berlin zu pendeln! Wer einen Stundensatz von sagen wir mal 200 € hat, für den ist das bestenfalls ein nettes Beibrot, bedeutet aber im Endeffekt erhebliche Einkommensverluste, wie Thomas richtig schreibt. Also einfach mal im Verhältnis sehen!

von: Robert

Die Unterstellung war ja sogar, nicht nur, dass sie sich eine goldene Nase verdienen, sondern dass insbesondere padeluun sich hat seine Meinung kaufen lassen, dass er sich bei den Abstimmungen so verhalten hat, damit er weiter verdient, mit anderen Worten, dass er praktisch bestochen worden sei.

von: gendalus

Kannst du denn Beziffern wie hoch die Einkommenseinbußen sind?? Denn für Aufwandsentschädigungen weiß ich gerade nicht wie die Anrechnung sich auswirkt.

Ich will dabei gerade nicht fefe das Wort reden, da ich seine Beiträge für uninformiertes Getrolle halte, aber es wäre für die Frage, ob die Entschädigung zu hoch ist oder nicht, eine recht praktische Sache mal zu wissen was als Verdienst wirklich bleibt.

Ansonsten sollten wir uns einfach noch mal Bewusst machen, dass das System der Aufwandsentschädigung ja gerade nicht darauf angelegt ist, dass Menschen damit ihr Leben finanzieren, sondern es als eine Entschädigung für neben der Erwerbstätigkeit geleisteten (formalisiert ehrenamtlichen) Arbeit ist. Damit hinken Vergleichsrechnungen zu Löhnen für Erwerbstätigkeit immer, da diese immer im die Rechnung mit einbezogen werden müssen…

von: Leena

Lieber Gero, danke für deinen Beitrag. Du hast es schön vereinfacht dargestellt. Etwas konkreter sieht es so aus: Da die meisten Sachverständigen ja noch ein Leben neben der Enquete führen, trifft die Schätzung von 40 Stunden pro Woche nicht so ganz. Alvar hat allerdings recht damit, dass es eigentlich nötig wäre 40 bis 50 Stunden zu investieren. Da das einfach nicht drin ist, muss eben in Kauf genommen werden, dass man auf die eine oder andere Sache nicht so gut vorbereitet ist. Was jedoch eine durchaus realistische Zeiteinschätzung ist, sind etwa 25 Stunden pro Woche. Das wären nach deiner Rechnung dann etwa 6,8€ “Stundenlohn”.

Dazu kommen jedoch noch drei weitere Faktoren. 1) Die Sachverständigen haben auch Ausgaben, die teilweise nicht vom Bundestag übernommen werden. Da läppert sich ganz schön was zusammen. Deswegen wird es auch nicht als “Gehalt” bezeichnet, sondern als Aufwandsentschädigung. 2) Dieses Geld muss natürlich noch versteuert werden. Du kannst also da nochmal knapp die Hälfte von abziehen. Dann sind wir sogar unter dem von dir errechneten Stundenlohn. 3) Die Zeit, die die Sachverständigen für die Enquete-Arbeit investieren könnten sie andernorts, wie RAStadler schon schrieb, sehr viel gewinnbringender einsetzen.

Die Enquete-Arbeit ist also ein absoultes Verlustgeschäft. Selbst deine Einschätzung ist damit noch zu hoch.

Darüber hinaus halte ich es übrigens prinzipiell für eine echte Frechheit, dass immer erwartet wird, dass Leute, die für die “gute Sache” arbeiten, das ehrenamtlich tun. Immerhin müssen die auch essen und für die Rente vorsorgen. Selbst WENN, die Sachverständigen einen guten Stundenlohn hätten, wäre das nicht kritikwürdig, sondern begrüßenswert! Dass wir von diesem Trip mal runterkommen sollten, dass man für seine Aktivistenarbeit prinzipiell nicht bezahlt werden sollte habe ich in meinem Blogbeitrag über alte Mythen der digitalen Gesellschaft schon dargestellt. Warum sollen wir immer nur unsere Feinde bezahlen? Sollten wir nicht lieber mal unsere Freunde bezahlen?

von: Stinkekäse

Ich hab fefes Kritik an padeluuns Abstimmungverhalten bzgl. Netzneutralität eher so verstanden, dass er kritisiert, dass padeluun in seine Erwägungen auch seine persönliche Zukunft als FDP-Netzaktivist (drohender Rauswurf) und Politikerspielchen (spätere Abstimmung wird folgenloser sein als die nun vertagte, weil das dann “Tagespolitik” ist, somit ist die Empfehlung “im Herbst” für die Tonne, egal wie sie ausgeht; wichtiger war “Gesichtswahrung” für Koalition) mit einbezogen hat, und so zu einer Entscheidung kam, die vielleicht seine persönlichen Interessen noch etwas höher hing als die Netzneutralität (die, nebenbei bemerkt, seit gestern nun schon Geschichte ist - hat nur noch keiner so richtig realisiert, weil ja alle damit beschäftigt sind, fefe zu kritisieren, dafür dass er Säulenheilige kritisierte).

Den Herren Freude und padeluun danke ich recht herzlich für ihre Bemühungen, an einem weitergehenden Personenkult möchte ich mich aber nicht beteiligen.

 
 

Ein (Gesellschafts)System Diskurs

Vorhin stellte ich (auf Twitter) zwei Thesen auf:

These 1: Das System krankt, weil die Macht von Politik zu Wirtschaft verschoben wurde - und man auf die Wirtschaft (fast) keinen Einfluss hat.

These 2: Erst mit dem (Massen)Internet gibt es die Infrastruktur diese Machtverschiebung sichtbar zu machen.

Darauf hin ergab sich ein Diskurs mit @BiWi2010. Da Twitter mangels Zeichenumfang aber keine Systemtheorie-Diskussionen erlaubt, soll sie hier fortgeführt werden.

Mein Standpunkt: Kapitalismus ist nicht per se schlecht, aber ab absurdum geführt. BiWi2010s Standpunkt: Lasst uns ein neues System kreieren, ganz unabhängig von dem, wie es bisher läuft. Die Diskussion soll in den Kommentaren fortgeführt werden.

 

Kommentare

von: 9er0

Ich bin mir unsicher, wie eine Theorie so losgelöst aufgebaut werden kann. Bei “Null” anfangen mag zwar gut klingen, aber man baut ja doch “immer” auf andere auf. Unser ganzes Denken ist per se Geprägt von unserer Erziehung und unseren Erfahrungen. Daher halte ich es für unmöglich eine Theorie “aus dem Nichts” auf zu bauen (wenn es auch spannend klingt).

von: Say

Nichts kann aus dem Nichts gebaut werden. Das war ein Mis(t)verstehen? ;-)

Was ich twitterte war: Etwas Neues machen.

Das aber bedeutet im Sinne des Lernens (nehmen wir mal konstruktivistische Basics) - wir verknüpfen Dinge die vorher nicht zusammen waren.

Beispiel wäre die Schulentwicklung durch die Überwindung der getrennten Kulturen von Lehrer/Eltern/Schüler und hin zu einer gemeinsamen Kultur, in der Rückzugsraum für jeden ist. Und das eher nach den individuellen Bedürfnissen und nicht nach Rollenverteilung. Denn die wird im Wechsel vom Wissensvermittler zum Lernprozessbegleiter ohnehin anders. Die Akteuere werden nicht ihrer Wichtigkeit enthoben, sondern sie bekommen NEUE Handlungsräume.

So in der Art…..

:-)

von: 9er0

Sagen die Bildungsforscher :)

Die Systemkritik greift aber tiefer. Es geht darum, wie unser Leben funktioniert. Derzeit (und seit einigen Tausend Jahren) funktioniert es mir Geld - eine Tauschwährung, damit wir Tauschprodukte lagern können, bevor wir sie weiter tauschen. Bisher wurde dieser Tauschhandel aber auf einer anderen Ebene organisiert - in der Politik. Meine These ist nun, dass diese Ebene die Macht der Organisation selbst abgegeben hat - und sich dem Tauschhandel (Wirtschaft) selbst untergeben muss. Für die internationalisierte Wirtschaft gibt es derzeit keine funktionierenden Organisation/Regulierung. Da setzt meine Frage an: Wie kann das verbessert werden? Wie gesagt, ich selbst finde das Konzept Geld gut (zumindest hat mich noch kein Gegenargument überzeugt).

Wenn wir aber noch tiefer ansetzen (von noch weiter oben drauf gucken), stellt sich die Frage, wie unser Leben geregelt wird - wenn nicht durch Geld. Da aber fehlt mir (derzeit) die Kreativität, eine andere Lebensregulation zu finden.

von: Say

Muss es ohne Geld sein? Ich denke das wird ein ein evolutionärer Prozess - wenn es nicht mehr um die künstliche Mangelsituation geht, dann wird das Geld vielleicht irgendwann ersetzt.

Ich gebe Dir schon recht, es sind Probleme, dass keiner weiss wer mit wem was und wo ausgemacht hat. Aber ich mag das auch gar nicht mehr betrachten. Denn “auf dem Hügel” heisst ja nicht da oben zu stehen um zu erkennen welche Straßen, Wege und Trampelpfade es gibt um die Trampelpfade zu Autobahnen zu machen und die Straßen verfallen zu lassen. Sondern es heisst, zu sehen was da ist und wo einfach Sackgassen sind. Diese dann mal eben nicht auch noch zu nutzen, sondern die Systeme in den Chancen und Herausforderungen zu sehen und dann eben einen Schritt weiter zu gehen. Weiter im Denken und Handeln. Schwer es in Worte zu fassen. Darf ich bei dem Thema Schule bleiben?

:-)

Also…. Schule im Brennpunkt ….. alles verbrennt, alle brennen aus… die Papierkörbe sowieso. Was also tun? Druck ist bis zum Anschlag ….. noch mehr geht nicht. Wenn sich nun die Akteure an einen Tisch setzten - mit einem, der quasi auf dem Hügel steht, können die Probleme (Sackgassen) kurz notiert und angelegt werden. Im nächsten Schritt kann dann geschaut werden WAS BRAUCHEN WIR und dann nach Lösungen geschaut werden. Es gibt eines nicht mehr: “geht eh nicht” “haben wir schon mal probiert”.

Es geht um eine grundsätzliche Änderung der Haltung. Dazu müssen Probleme, Ängste und Befürchtungen bewusst werden, benannt werden…. reflexive Prozesse müssen in Gang kommen UND adäquat begleitet werden. Aber immer im Prozess des Neuen-Wachsen-Lassen.

Dazu braucht es eines…. Sicherheit. Die kann jemand geben, der es erlebt habt. (und hier kommt ganz klar die interdisziplinäre Zusammenarbeit ins Spiel –> Lernen am Modell / Resilienz / Neurobiologie……. hier unter anderem das Thema Spiegelneuronen)

Du musst also eines schaffen…. Aus den Ideen, die Du grad versuchst zu generieren AUSSTEIGEN. Dir kein Bild machen wollen, sondern einfach mal sammeln, was kommt. Ohne Bewertung und vor allem collaborativ. Und hier kommt das Web hinzu. Wir haben heute die Werkzeuge (und einige von uns das Wissen) das zu tun. Also Kontakte zu knüpfen, Gedanken zu teilen, uns auf die Prozesse einzulassen…..

Übrigends - die Schulen findest Du im “Netzwerk Archiv der Zukunft” - und da ist auch gerade viel im Prozess. Aus den “Best Practice” Dokumentationen müssen nun “practice” Beispiele werden. Nicht als Benchmark, sondern als Möglichkeit wie es sein kann….. nur als Modell….. nicht als “non plus ultra”.

Auch hier lernen wir gerade umzudenken. Und das braucht wieder Austausch, bewusst - werden, formulieren und reflexives Lernen.

:-))

von: mschaki

Tauschhandel, Wirtschaft, Geld

ich glaube die Probleme zurzeit liegen tief darin verwurzelt das sich Geld bzw. der Finanzmarkt von der produzierenden Wirtschaft abgekoppelt hat und derzeit die Politik (weltweit) nicht in der Lage ist die Eigendynamik des Finanzmarktes zu stoppen. Der Tauschhandel funktioniert nicht mehr.

Das führt leider die aktuelle politische Bildungsdiskussion ( hier im Hinblick auf Bildung für bessere Berufschancen gemeint) in ein Dilemma. Trotz hohem Ausbildungsstandard sinken für die Mehrheit der Bevölkerung die Reallöhne, die Kaufkraft und der Lebensstandard. In der für die Wirtschaftskraft eigentlich so wichtigen Mittelschicht ist dies schon deutlich zu spüren. Die Umverteilung in der Sozialpolitik ist mit Maßnahmen wie Aufstocklöhne für voll arbeitende Geringverdiener auf dem Weg die Sozialpolitik zu Gunsten der Wirtschaftsunternehmen gegen die Wand zu fahren. Hier profitieren nicht die Geringverdiener, sondern die Unternehmen. Wenn Geld keine produzierte Ware mehr im Gegenwert hat, sondern eine Eigendynamik entwickelt, wird es auf lange Sicht wertlos. Die derzeitige Finanzkrise zeigt solche Tendenzen. Gleichzeitig ist es kontraproduktiv wenn “gebildete” Menschen in der Gesellschaft keine oder zu geringe Wertschätzung erfahren, weil die Produktion (und somit das Arbeiten gehen des überwiegenden Teils der Menschen) für die Geldvermehrung nur noch von geringer Bedeutung ist. Sie sind nicht mehr wichtig in der Gesellschaft. (Tendenz erkennbar in der vieldiskutierten Politikverdrossenheit, die Menschen spüren das sie im derzeitigen System nichts mehr ändern können.

Lösung: Der Weltfinanzmarkt muss wieder in politisch regulierbare Formen gebracht werden, sonst fährt das derzeitige Gesellschaftssystem mit sich potenzierender Geschwindigkeit gegen die Wand.

Lichtblick für die Bildung: Eine solche Lösung ist nur mit gebildeten Menschen möglich, die eine Allgemeinbildung besitzen, die es Ihnen ermöglicht weit über ihren eigenen Horizont zu schauen.

Deswegen weiterhin alle Kraft in Bildung.

von: Say

Puh….

Hier scheint mir implizit wieder die Forderung nach 1. einer Art “Bildungselite”, welche das alles überblickt und 2. eine Regelung von “irgendwoher”.

Wie wäre es die Politikverdrossenheit zu lassen und statt in dem Antagonismus zu frönen einfach zu tun? Also Dinge anzupacken und handeln?

Ich bleibe einfach - der Übersichtlichkeit der Fäden beim Thema Schule. TUN nicht warten. http://www.buendnis-bildung.eu/projekte/schulen-der-zukunft/index.html

Ohne zu irgendwas zu rufen einfach Handeln, statt Grabenkämpfe zu diskutieren, die einfach nur Energie binden.

:-)

von: Say

by the way…. es geht in allen Themen. Wie geschrieben - Schule ist einfach nur ein Thema.

von: 9er0

Ich nehme da die Kontraposition ein. Ich glaube, dass es einen unglaublich gut funktionierenden Tauschhandel funktioniert. Er funktioniert so gut, dass er eine Eigendynamik entwickelt hat, die man nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Nun ist aber die Frage, wie man dies doch wieder unter kontrolle kriegen *kann*.

Wir befinden uns in einer Phase, die von dem “der Stärkere gewinnt” nicht mehr weit weg ist. Vlt. ist genau diese schon erreicht. Der, der besser handelt, gewinnt. Daran ist nichts zu rütteln. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Bildung da hinaus führt, denn auch diese bringt ja nur “Stärkere” und “Schwächere” hervor. Egal, wie gut sie ist. Es wird immer Gewinner und Verlierer geben. Die Kunst der Politik bestand darin, eine Balance zwischen dem “Stärkeren” und “Schwächeren” herzustellen. Einen Minderheitenschutz aufbauen. Sicherstellen, dass der Schwächere vom Stärkeren nicht zum Sklaven gemacht wird. Genau dies aber ist nicht mehr gegeben. Es kann durch die Politik nicht mehr sichergestellt werden, dass der “Schwächere” geschützt wird. Dies liegt, so vermute ich, an der Globalisierung, die den Staaten die Hände bindet. Egal, wie progressiv eine Regierung sein mag, die Unternehmen sind stärker - und gehen bei Bedarf in ein anderes Land. Eine Regelung könnte also allenfalls auf UN-Ebene funktionieren, dafür gibt es derzeit aber keine (wirkliche) Initiative und die UN hat dafür auch zu wenig Kompetenzen. Es ist die Frage, ob es jemals zu so einer Regulierung “von Oben” kommen kann, oder ob es mit den Revolutionen, die gerade überall so hervorquellen, nicht doch etwas komplett anderes geschaffen wird - um die Machtkonstellation radikal zu ändern, denn die vielen Menschen zusammen sind immer mächtiger, als die wenigen, die die Macht konzentriert haben. Wenn dies aber geschieht, bleibt die Frage, was danach kommt. Was daraus entspringt und wie die Welt danach aussehen wird.

von: Say

… gero - hier schieb ich Luhmann ein. Du sprichst die ganzen Ebenen an. Ja - Systeme, sinnvoll begonnen um Dinge zu regeln. Und die dann eine Eigendynamik bekommen haben. Wenn wir nun nach neuen Regelungen rufen, rufen wir neue System und neue Regelungen, die wieder geregelt werden müssen. (hol mal Ulrich Beck und die alte Ausgabe der Risikogesellschaft aus dem Eck - hier ist es rückwirkend hervorragend zu sehen)

Wenn wir nun - statt die Politik und Wirtschaft zu rufen selbst beginnen - zb Götz Werner mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen - dann mag es Menschen geben, die es als Hängematte nutzen. Und? Diese Menschen haben im Moment auch keine Option es anders zu machen. Wir haben definitiv nicht genug Arbeit für alle. Ergo wird es immer “Verlierer im System” geben. Wenn wir nun hingehen und ihnen die Möglichkeit eröffnen wirklich zu W Ä H L E N…. ?

Vielleicht (und hier ist halt die Haltung als Erfahrung und deren emotionale Bewertung ein wichtiger Aspekt, der subjektiv beim Individuum liegt) - vielleicht passiert dass, was Falko Peschl im Unterricht erlebt. Das Kinder die zu ihm rüberkommen, erstmal GAR NICHTS tun. Und das ihnen das nach einer Weile echt zu langweilig wird WEIL sie nicht gezwungen werden.

Dazu müssen die “Leitenden” aber eine andere Haltung haben. Statt “Nun muss der aber mal……” zu einem “er wird - weil er es in sich hat”. Vertrauen und das Aushalten der Unwägbarkeit des Wie und Wann.

von: Say

“Da Kinder und Jugendliche nicht ausreichende Teilhaberechte in der Gesellschaft der Gegenwart besitzen, da ihre Bildung und Erziehung nicht hinreichend vor dem Zu- und Übergriff durch sparsame, sorglose und zuwenig an der weiteren Zukunft orientierten Menschen, insbesondere Politiker der kurzsichtigen Machterhaltung geschützt ist, die ihre Entscheidungen zunehmend mehr mit aktuellen Angeboten an die schnellebige Befriedigung von Interessen von Wählergruppen binden, sind Lehrende und Lernende als Anwälte für die Notwendigkeit und Kosten des Lernens wichtig.” Reich 2008

So…. wenn wir das betrachten, steht da nichts anderes, als die Problembeschreibung, dass Systeme sich selbst erhalten wollen. Ich würde sagen, das an sich ist legitim. Nun brauchen wir den Schritt zu fragen, was ist dabei ethisch vertretbar und wie kann es gelingen, diese Ethik zu transportieren? Wie können die Politiker, die auch hier wieder negativ benannt werden, ihre Aufgabe erfüllen?

Aus der Erfahrung mit dem Schulthema - es ist die Angst um den eigenen Platz, der da das Handeln bestimmt. Also müssen diese Ängste gefühlt, benannt und bearbeitet werden. Und das mit Druck in Form von “Ihr müsst nun aber….” geht nicht. Unter Druck geht gar nichts. Doch…. Kampf oder Flucht - oder Toter Käfer spielen.

Machen viele Kids in der Schule. Nennt sich dann “mangelnde Anstrengungsbereitschaft” oder “Verweigerung”…..

von: 9er0

Vorweg: Ich habe Luhmann (noch) nicht gelesen.

Ich glaube nicht daran, dass sich durch dieses “einfach machen” etwas wirklich ändert. Das bedingungslose Grundeinkommen kann man ja auch nicht “einfach so” einführen, sondern das muss mindestens in der ganzen BRD kommen. Ob alle Konsequenzen (wie wird’s finanziert) bearbeitet sein müssen, weiß ich nicht. Ich glaube sogar, dass das gar nciht geht, weil vollkommen unabsehbar ist, wie die Gesellschaft sich dann entwickeln wird. Dass jedenfalls wäre ein sehr sehr tiefgreifender Einschnitt. Ich gebe dir allerdings recht, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt - oder sie zumindest grundlegend neu verteilt werden muss. Wenn sie aber neu verteilt wird, braucht sie neue Maßstäbe. Diese Maßstäbe wiederum müssten aber klar sein, bevor irgendwas verändert wird, denn ansonsten ist die Skepsis in der Bevölkerung zu groß, als dass sie einfach drauf los preschen. Dann wird die ganze Idee kaputt diskutiert - wie das m.M.n. auch mit dem Sozialismus passiert ist (den ich nicht per se für schlecht halte).

von: Say

Stopp…. Geht nicht gibbet nich…

:-)

Und Luhmann kannst du nicht “lesen” - irgendwann macht es klick… und dann ist ein Fensterchen offen..und dann macht es mal wieder klick… dann ist noch eines offen. Ich glaube Luhmann ist Haltung.

Aber zu der prinzipiellen Frage nochmal Kersten Reich - und das ist alles unter dem Aspekt der Konstruktivistischen Didaktik geschrieben - nicht als Gesellschaftskritik:

” Sie (Lernende und Lehrende) sollen unter dem Anspruch handeln, dass jede Beobachtung eine neue Möglichkeit eröffnet, die bisher nicht gesehen wurde, so dass Offenheit nicht in Beliebigkeit kontemplativ zerfällt, sondern in aktive Teilnahme und Nutzung umschlagen kann” Reich 2008, S. 172

von: 9er0

Wo habe ich denn “geht nicht” behauptet?

Und was für Fenster sollen sich öffnen (mit einem *klick*), wenn ich doch garnicht weiß, was Luhmann überhaupt gesagt/geschrieben/behauptet hat? Wenn ich seine Schriften nicht lese, werde ich es wohl auch nicht verstehen können, oder?

Das Zitat ist ja auch ganz schön … nur knüpft das irgendwie an meine Frage nach den Maßstäben an? Meine Thesen waren im Übrigen auch nicht auf die Schule bezogen, sondern allgemein als Gesellschaftsanalyse/-kritik zu verstehen. Ich glaube auch nicht, dass man unser gesellschaftliches Leben in der Schule ändern kann…

von: Say

Habe ich geschrieben, dass Du Luhmann nicht lesen sollst? ;-)

Und auch war mir Schule nur als Beispiel. Eine Metatheorie ist eine super Idee - aber damit kommt doch keiner mehr mit. Also sollten wir beim Überlegen erstmal in den Bezügen bleiben, mit denen die Menschen etwas anfangen können. Nennt man auch Situiertheit.

Eigentlich braucht es für jedes ein eigenes Konzept - aber den Transfer können wir dann versuchen. ;-)

von: 9er0

Eine Metatheorie ist essentiell um eine wirkliche Veränderung her zu führen. Zurück zu meiner ersten These: “Das System krankt, weil die Macht von Politik zu Wirtschaft verschoben wurde – und man auf die Wirtschaft (fast) keinen Einfluss hat.” Damit greife ich das System als solches ja schon an. Ich gehe nicht davon aus, dass man das System aus sich selbst heraus verändern kann, sondern denke, dass das System, wie es derzeit funktioniert krankt. Wenn dem so ist und es wirklich krankt, dann können wir die Lösung aber nicht in dem System selbst suchen, sondern müssen darüber hinaus gehen. Und wenn wir darüber hinausgehen, brauchen wir eine neue Metatheorie (wie der Kapitalismus auch eine Metatheorie ist (war)).

von: Say

Metatheorien gibt es. Aber bisher auch die damit erhoffte Veränderung Oder nicht immer wieder nur weitere Ausdifferenzierungen der Systeme - mit der Folge, dass diese sich erhalten wollen?

Damit würdest Du dem Ganzen weiter Vorschub leisten. Quasi analysieren welche Instanzen wie agieren und neue Instanzen davorschalten, um dies zu beschränken oder zu verändern. Innerhalb der Systeme würden aber die gleichen selbstreferenziellen Prozesse ablaufen…..

Darum möchte ich es runterbrechen und ganz pragmatisch den Ansatz der interdisziplinären Vernetzung gehen. Wie können Individuen an einen Tisch geholt werden, deren bisherige Schutzmechanismen ein Abschotten als Lösung hatten? Wie kann ein Raum gestaltet werden, der eine Öffnung ermöglicht….

Meines Erachtens durch die Objektivierung der subjektiven Theorien. Zum Thema machen, was innen ist. Wie geht es mir. Was macht mir Angst. Warum will ich nicht aus meinen Strukturen heraus.

Und dazu braucht es Menschen, die das erlebt haben und die es als “Modell” zeigen. Das es geht. Wir sind Menschen und als solche gibt es soziale Mechanismen. Die aber nicht mechanisch laufen, sondern die über Spiegelneurone ermöglicht werden.

Vielleicht magst Du Joachim Bauer vor Luhmann lesen…. “Das Prinzip Menschlichkeit”

von: 9er0

Ich werde aus deinem Kommentar einfach nicht schlau. Wenn ich über eine neue Metatheorie philosophiere, bleibe ich ja gerade nicht im System, sondern denke drüber nach, wie das System aussehen sollte. Nun wirfst du mir vor, ich bliebe in dem System … Wie soll ich in dem System bleiben, wenn ich doch gerade über eine Alternative dazu nachdenke?

Nun meinst du, dass man das ganz praktisch und interdisziplinär lösen kann … wie sieht denn dann deine Lösung aus? Vom Zusammensetzen verschiedenster Experten alleine ist ja noch keine Lösung geschaffen… Aber was muss denn verändert werden, damit alles gut wird?

von: Say

Oh no no…..

Ich habe nicht formuliert (auch nicht implizit), dass Du im System wärst. By the way…. wir sind TEIL - wir können gar nicht raus. :-)

Aber wir sind grad in der Beobachterposition und schauen aus unserer subjektiven Perspektive auf den Teil, der vor uns liegt. Wobei Du was anderes siehst als ich - ganz einfach, weil Du andere mentale Repräsentationen in Dir hast. Was wir aber grad tun ist eine spannende Sache - wir reflektieren, dass wir verschiedene Dinge aus der Perspektive sehen und machen damit subjektive Wahrnehmung explizit. Und das in einem Raum (nett hier bei Dir im Blog), der und den Rahmen ermöglicht angstfrei zu explorieren was der Andere überhaupt meint.

Da wir aber ein Ziel haben - nämlich etwas zu finden, das einen Ansatzpunkt bietet, dass wir als Akteure (als Teilnehmer) das System beinflussen (was wir aber immer tun) können, damit es sich verändert. Zu …. ja, zu was eigentlich?

Vielleicht müssten wir an der Stelle unsere Vorstellungen der Gesellschaft (wie sie sein könnte) formulieren?

Was soll nach Deiner Vorstellung passieren? Wie soll das Verhältnis von Politik und Wirtschaft aussehen?

von: 9er0

Wir reden an einander vorbei. Wir können nicht aus dem System heraus, denn wir sind von ihm allgegenwärtig umgeben - und doch können wir uns was anderes vorstellen. Wir können uns aus dem System aber heraus denken. Wir können Konzepte erdenken und uns daran argumentieren. Wir können auch unmögliche Bedingungen *denken*, z.B. es gäbe kein Licht. Wenn es kein Licht gäbe, wären wir alle blind. Wenn wir alle blind sind, bekommen wir Probleme mit dem Autofahren, denn wir können nicht mehr sehen, was auf der Straße ist. Wir könnten also kein Auto mehr fahren. Du siehst, wir können uns in eine Idee hineindenken, ohne das sie wahr ist. Also können wir auch ein anderes System *denken”. Mit Kant: “… aber denken muss es sich doch lassen”. Wir können *immer* abstrahieren und damit uns auch andere Systeme denken, obwohl wir in einem gefangen sind. Wir sind möglicherweise in einem gewissen subjektiven Sichtfeld, welches sich auch auf unsere Gedanken nierderschlägt - so gar sehr sicher ist das so, aber dies ist kein Argument dagegen, dass wir nicht Systeme *denken* können.

Diese Frage nach dem, wie die Gesellschaft funktionieren soll, habe ich damit ja gestellt. Meine Thesen waren ja, dass die Gesellschaft krankt, weil es eine Machtverschiebung zur Wirtschaft gab. Wenn es diese Machtverschiebung tatsächlich gibt, sollte die Frage sein, wie wir diese wieder zurückschieben. Oder wir machen etwas ganz anderes, weil es unmöglich ist zurück zu verschieben. In dem Fall brauchen wir einen neue Metatheorie der Gesellschaft. Wie diese denn aber aussieht, bleibt offen. (Da gab es Ideen von Marx … die aber gesellschaftlich verbrannt sind, wenn sie auch nie angewandt wurden.)

von: Say

Cool - ein Aufhänger….

Marx.

Und ein gutes Beispiel der Perspektive. Er hat eine Diagnose der Gegenwart gestellt. Beschrieben was er wahrgenommen hat. Und dann seine Idee entwickelt und ausformuliert.

Aber damit verlor er die Anbindung an das, was passierte.

Bismark führte die ersten sozialen Absicherungen ein - und nahm damit einen Teil des sozialen Sprengstoffs. Die Ausdifferenzierung in Arbeiter und Angestellte teilte die Masse der arbeitenden Klasse….. aus einer (von ihm definierten) Klasse entstanden zwei Klassen, die sich wiederum ausdifferenzierten…… Die Gewerkschaften nahmen die (tarif)politische Arbeit auf…..

Also änderten sich die Rahmenbedingungen.

Wir haben völlig andere Rahmenbedingungen als Marx - sie sind noch komplexer geworden. Können wir eine Reduktion vornehmen, die diese Ebene erreicht?

Ich vermute nicht.

Ein andrer Aspekt: Marx baute auf die Kraft der Menschen als Klasse…. als EINE Bewegung. Zum einen macht das Bauchweh…. Massen in Bewegung zu setzen ….. Zum anderen kann es heute um die Partizipation gehen - um das Sehen und Handlungsräume nutzen. DIE ja da sind. Darum mein Ansatz zu zeigen, was es schon gibt. Wo Partizipation und Handlung gelebt wird.

Denn das ist eine Mischung aus Bottom -Up und Top-Down. Es ist die Verbindung von “Ich mache und wer macht mit”.

Theorien haben wir genug. Für alles und gegen alles. :-) Oft auch für Dazwischen.

Oder wie Hüther sagt: Wir haben kein Erkenntnisproblem - wir haben ein Umsetzungsproblem. Und Umsetzen kann ich, was mir als Rahmen ermöglicht wird und wo mich jemand begleitet.

Somit müssen wir schauen - WAS ist das, was Du ändern willst und wie lässt sich das ansetzen. Welche Handlungsspielräume haben die Akteure in DEM jeweiligen Themenfeld.

:-)

von: maxen

Zu These 1 (9er0):”Das System krankt, weil die Macht von Politik zu Wirtschaft verschoben wurde – und man auf die Wirtschaft (fast) keinen Einfluss hat.”

In These 1 begegnet mir viel Einzahl: ein System, die Macht, die Wirtschaft. In Einzahl kann ich zu der These kaum etwas sagen, und in der Mehrzahl nichts Neues: Es gibt viele Systeme, seien es nur ‘die etablierten, vorherrschenden Systeme’ in Rente, Pflege, Bildung, Gesundheit .. aber es gibt ein all’diese Systeme verbindendes System, ich nenne es Geldwert-System, andere nennen es Geldsystem; und wenn das krank/kaputt ist, dann sind auch alle, vom Geldwert abhängigen Systeme krank/kaputt.

Ich verfolge die These, dass das Geldwert-System krank (und mittlerweile kaputt) ist, seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes zum Jahrtausendwechsel. Zu der Zeit hätte nicht nur der Neue Markt eine neue Bewertung/Gesundung erfahren ‘müssen’. Das geschah (auch) in Vorbereitung auf den Euro nicht, und in Folge der Ereignisse um den 11.Sept.2001 wurde das Geldwert-Problem von der Geld-Nachfrage durch Krieg überlagert. Natürlich ist der Geldwert abhängig von der Geldmenge.

Es freut mich sehr, dass intensiv am Beispiel Schule argumentiert. Ich kam auf Schule, weil http://maxen.de/infragestell.txt und versuche den Gedanken weiter aus-zu-bauen und zu verbreiten[0]. Aber es interessiert niemanden, kein Feedback, seit fast zehn Jahren .. und ja, ist der Gedanke denn wirklich so schlecht oder gilt (nur) der Prophet im eigenen Lande nichts ;-)

[0] http://bit.ly/kvevoo

von: 9er0

Hmm … Idee ist ja nicht schlecht (d.h. ich bin auch der Meinung, dass Bildung eher Lebensaufgabe ist, d.h. jeder, der keine Arbeit hat, sollte gefälligst auf die Uni gehen können - so lange, bis er/sie kein Bock mehr auf Uni hat, sondern arbeiten gehen möchte (die Welt auch wirklich bewegen)), allerdings nicht umfassend genug formuliert. Mit “Zettel und Stift und in die Schule gehen” ist es eben nicht getan. Was genau soll denn ein jeder dann in der Schule machen? Was soll die Schulleitung in dem Fall mit dir machen? Zurück zum “Systemdiskurs”: Was genau willst du mit “der” Wirtschaft (die es so natürlich nicht gibt …) machen? Wie solle das Schulsystem deiner Meinung nach den aussehen? Braucht es noch so was wie Klassen? Wie schafft man Leistungsnachweise? Und wie wird man “der” Wirtschaft ihre Leute geben? Womit willst du sie ausbilden? Was müssen Schulabgänger alles können? Wann sollten sie die Schule verlassen? Wie werden die Kosten für das Bildungssystem gedeckt? Wenn das beantwortet werden kann, können wir uns darüber unterhalten, die Gesellschaft in der Schule/Uni zu organisieren…

von: Say

Geniale Fragen mein Lieber…

Hallo maxen!

Also

Braucht es noch so was wie Klassen?

Nein - es braucht soziale Bezugsgruppen, die aber altersheterogen auch entsprechende Impulse bieten. Peer to Peer …. Kollaboratives und Kooperatives Lernen….

Wie schafft man Leistungsnachweise?

Definiere die Leistung….. Faktenwissen oder Kompetenzen? Prozessorientiert?

Und wie wird man „der“ Wirtschaft ihre Leute geben?

Mit den obigen Lernformen wird es eher wahrscheinlich, team-orientierte Kräfte zu bilden, die ihre eigene Aufgabe über den Tellerrand sehen.

Womit willst du sie ausbilden? Was müssen Schulabgänger alles können? Wann sollten sie die Schule verlassen? Die Fragen verstehe ich nicht….

Wie werden die Kosten für das Bildungssystem gedeckt?

Wie werden sie bisher gedeckt…..

von: 9er0

Leistungsnachweise sollen klar machen, was der Schüler/Lehrling/Student kann. Wenn “die” Wirtschaft kommt und Mitarbeiter einstellen will, möchte sie wissen, wie gut jemand in Mathe, Deutsch und Biologie ist. Dafür gibt es derzeit Noten, an denen man sich orientieren kann (und sie geben nur eine Orientierung wieder, sie sind nie ein Spiegel der tatsächlichen Leistung, was häufig unter den Tisch fällt …). Wie soll dies in einem “peer-to-peer-Netzwerk” gesichert werden?

Wenn Teams ausgebildet werden, wie “sehe” ich, wie teamfähig ein Einzelner ist (aus Sicht “der” Wirtschaft)?

Zu: “Was müssen Schulabgänger alles können?…” Wenn wir die Schule umkrempeln, welche Inhalte soll diese haben? Was soll in der Schule vermittelt werden? Sollen die Inhalte die gleichen sein, wie sie es derzeit sind? (Mathe/Deutsch/Musik/Naturwissenschaften/Sozialkunde …etc.) Teams neigen dazu, Aufgaben so aufzuteilen, dass jeder immer das macht, was er am besten kann. Wie wird gesichert, dass er auch das lernt, was immer die anderen im Team machen? Jemand der kein Mathe kann, wird versuchen Mathe immer auf die anderen abzuwälzen … wie wird gesichert, das er trotzdem Mathe lernt?

Und: wenn “peer-to-peer” in der Schule funktioniert, wie lange soll es funktionieren? Wann soll ein Abschluss erreicht werden? Und wie soll der Abschluss aussehen? Wann gehen Schüler in die Ausbildung in einen Betrieb? Wann sollen sie anfangen zu studieren?

Kosten für’s Bildungssystem werden durch Kostenminimierung (große Klassen, altes Lehrmaterial …) und Steuereinnahmen der Wirtschaft gedeckt. Wenn wir Klassen (oder wie auch immer die Gruppen bezeichnet werden sollen) verkleinern und mehr Lehrpersonal haben, werden die Kosten aufgebläht. Wie werden diese gedeckt?

von: maxen

Du stellst Fragen ;-) Jede Schule ist anders, und ich gebe so wenig vor wie möglich! Alles andere kann als Geheimnis verstanden, entdeckt werden; es steckt ein Zauber dahinter und dieser soll erhalten bleiben.

Die Idee ist nicht neu, und das Modell: Schulen als Knoten, und Straßen und Wege als Graphen im Netz, ist leicht zu verstehen. Gemeint sind alle Schulen, auf der ganzen Erde. Das ist für mich umfassend.

Also betrachte ich alle Schulen verbindende Gemeinsamkeiten und zeige Mittel und Wege auf -> die aus eigener Kraft reproduzierbar, wieder und wieder herstellbar sind. Dahinter steckt das in Schule zu vermittelnde Wissen und Können.

Der Antrieb ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse, wenigstens der Kinder. Essen, Schlafen, Kleidung und Bildung in Mitteln und Wegen und Reproduktion, zur Organisation (Logistik) und Verwaltung für die Grundbedürfnisbefriedigung.

(Gero): Mit „Zettel und Stift und in die Schule gehen“ ist es eben nicht getan. (maxen): Es genügt zur Schule zu gehen und sich ein zu bringen. Zettel und Stift sind nicht notwendig, könnten aber, wie ein Fahrrad, von Vorteil sein.

(G) Was genau soll denn ein jeder dann in der Schule machen? (m) Jede’r das, was ihm/ihr liegt, sie/ihn interessiert. Du willst es genau. Es wird alles Mögliche sein, orientiert an den Notwendigkeiten für den Selbsterhalt. Lesen, Schreiben und Mathe werden natürlich (Organisation & Verwaltung) gebraucht. Fahrrad fahren für schulübergreifenden Transport & Logistik. Kräuter pflanzen, Tomaten ernten, .. kochen, Transport-Fahrräder warten. Und mit dem bevorstehenden Währungskollaps .. (Handwerks-)Betriebe, Küchen, Gärten und vor allem deren Mitarbeiter’innen einbinden, Sozialstationen, Kitas, Jugendzentren und Altenheime anbinden. Natürlich ist die Zusammenarbeit mit Hochschulen, wo möglich, ausdrücklich erwünscht und eindringlich erbeten

Die Schule wird also nicht unbedingt der Hauptaufenthaltsort der Schülerinnen und Schüler bleiben (und ist dazu auch oft nicht geeignet), sondern tatsächlich als regio-lokaler Knoten für die eigene Organisation und Verwaltung (Arbeitsprozess begleitendes Lernen) genutzt.

(G) Was soll die Schulleitung in dem Fall mit dir machen? (m) Nichts soll Sie mit mir oder anderen machen. Sie hat die Voraussetzungen zu schaffen, ‘das Leben mit der Schule’ zu verbinden und die Freiheiten dazu zu gewähren.

(G) Zurück zum „Systemdiskurs“: Was genau willst du mit „der“ Wirtschaft (die es so natürlich nicht gibt …) machen? (m) Aus eigener Kraft selbst wirtschaften, und so lange ‘Wirtschaft’ existiert ist diese Eingeladen mit zu machen und auszubilden.

(G) Wie solle das Schulsystem deiner Meinung nach den aussehen? (m) Global vernetzt, verteilt und nicht_hierarchisch. (G) Braucht es noch so was wie Klassen? (m) Offensichtlich nicht. Aber wieso sollte eine Schule nicht auch Klassen haben, wenn die beteiligten Schulangehörigen sich dazu entscheiden. (G) Wie schafft man Leistungsnachweise? (m) Wer Leistungsnachweise wünscht sollte sie auch in Form von Zertifikaten oder Zeugnissen erhalten können. (G) Und wie wird man „der“ Wirtschaft ihre Leute geben? (m) Wenn die Wirtschaft soo geil auf Leute ist, wird sie frühzeitig mit ihnen, Schule und UNI in Kontakt treten, Ausbildung vorbereiten und durchführen. (G) Womit willst du sie ausbilden? (m) Mit sich selbst an Ihren Wünschen und Träumen (G) Was müssen Schulabgänger alles können? (m) Können müssen geht nicht; ebensowenig wie wollen müssen (Du musst nur wollen) oder richtig wollen (Du musst richtig wollen). Ansonsten ist das abhängig von lokal-regionalen Gepflogenheiten. Nicht jede’r muss(!)Lesen und Schreiben(!)können; Lesen und Schreiben ist keine Voraussetzung dafür, ein guter oder liebevoller Mensch zu sein. (G) Wann sollten sie die Schule verlassen? (m) Wenn es der Entwicklung dienlich ist, nie oder täglich. (G) Wie werden die Kosten für das Bildungssystem gedeckt? (m) Das Funktionieren ohne Geld war/ist Voraussetzung für das Modell, wie ich es mir wünschte und gefunden habe.

(G) Wenn das beantwortet werden kann, können wir uns darüber unterhalten, die Gesellschaft in der Schule/Uni zu organisieren… (m) Das mag identitätsstiftend, aus den Betroffenen heraus selbst entstehen.

von: maxen

Hi 9er0,

wie (unsere) Zeit hier mal schnell, dort langsam vergeht .. Entwicklung drängt sich auf. Ich begehe Medienbruch und beantworte Deine per Kurznachricht gestellte Frage hier.

(G) Was für “Aufgaben” soll sie [Schule] in der Gesellschaft erfüllen? Und wie soll dies geschehen?

Aufgaben Aufgaben sollen von den Schulen selbst gewählt werden; sie bestimmen selbst ihr ‘Minimum’ und ihre Spezialisierungen, erkennen sich und ihr Umfeld und Gestalten darin und daraus ihr Eigenes selbst (regio-lokal Wert schaffend).

(Aufgaben) .. in der Gesellschaft Welchen Anspruch haben die Schul-Angehörigen an sich selbst? Funktionieren die Familien der Kinder? Was gehörte dazu, einem von den Schul-Angehörigen selbst gewählten Minimal-Anspruch zu genügen, das die Kinder genug zu Essen haben, Essen angeboten werden kann (wenn Geld grad mal nicht funktioniert).

Aufgaben bedeuten (mir) Grundfunktionen von Gesellschaft, wenn sich Schule die Schuhe anziehen möchte (boot-prozess) [weil es andere nicht können oder nicht tun]: Grundversorgung wenigstens der Kinder, Familien der Kinder und Organisation der Pflege der ganz Alten. Näher an die ‘Betroffenen’, als über Schule, ist die Organisation und Verwaltung von Grundversorgung kaum verortbar.

Ich bin mir sehr unsicher, ein Struktur für Entscheidungen vor-zu-schlagen; das gäbe viel vor, was ich mir aus den Schul-Angehörigen selbst heraus erhoffe, oder mischte sich ein, in Dinge die ich nicht überschau’ oder erfassen kann[0].

Ich weiß’nicht ob Schulen sich unbedingt eine Verfassung geben sollten, oder ob sich an Schulen Räte bilden sollten. Ist es notwendig? Ich ‘muss’ wohl definieren, was ich unter einer Gemeindeschule, was unter einer Schulgemeinde verstehe, und was darin ‘Eine Stimme’ bedeutet. Ich muss darüber schlafen ..

Ähnliche Unsicherheit hatte ich bei der ‘Benutzerverwaltung’. Ich habe mich Jahre nicht dran getraut. Jetzt glaube ich, einen guten Ansatz gefunden zu haben. Dass [1] stark inspiriert ist, wenn nicht gar geklaut[2], ‘nu ja, in der Vergangenheit hat es ja nicht nur Scheiße gegeben ;-)

Gero, DANKe für die Fragen!

Alles Gute und bis bald maxen

[0] Ich will nicht empfehlen, dass es von Vorteil sein könnte, sich täglich Gesicht, Hände und Füße zu waschen und das Gemächt, oder täglich Gymnastik zu machen, wobei die Himmelsrichtung eine Rolle spielt. (was ist alle Verbindendes)

[1] http://wiki.skolelinux.de/ChristianMaxen/PPP

[2] Zum Verfahren (belastetes Wort, aber): Leitbild Ohne Dich mit Eigenem abzumühen, wildere in allen Revieren, bis Du zusammen hast, was Du suchst. Beachte wesentliche Kenntnis der Entwicklungen vergangener Jahrhunderte. Und Detailkenntnisse aktueller Entwicklungen.

von: maxen

Nachtrag .. von Wegen .. ein mal Vollspacke’, bitte ;-) http://plus.google.com/109256288594370953258

 
 

Was genau ist Datenschutz?

Der Datenschutz hat sich lange vor der Privatsphären-Diskussion á la Facebook, Google und co gebildet. Er hat sich auch nicht aus Angst um die “Privatsphäre” gebildet, sondern aus Angst vor der technischen Fremdbestimmung. In den 80ern waren KI-Forscher (Künstliche Intelligenz) deutlich euphorischer als Heute und verkündeten, dass in 10 Jahren Computer das selbe könnte, wie Menschen. Es gab den Turing-Test und dieser sollte innerhalb von 10 Jahren bestanden werden. Heute, 30 Jahre später, hat es noch immer keine Maschine geschafft diesen Test zu bestehen.

Mit der Angst vor diesen denkenden Maschinen kam der Datenschutz auf. Damit hat Julia Schramm recht, wenn sie behauptet, Datenschutz ist sowas von Eighties. Damit aber war nicht der Schutz der Privatsphäre vor anderen Menschen, sondern vor der Maschine gemeint…

Heute nun, sind wir deutlich weniger euphorisch, was die denkende Maschine angeht. Es gibt zwar einige interessante Ansätze, wie die Künstlichen Neuronalen Netze, allerdings gibt es auch gute Gegenargumente, wie das Chinesische Zimmer von John Searle. Das Chinesische Zimmer zielt darauf ab, wie Semantik in der syntaktischen Funktionsweise eines Computers möglich ist. Wie der Computer es schaffen kann ein Bewusstsein zu bekommen - was sehr schwer werden dürfte. Searle behauptet, es funktioniert nicht. Ich bin da auch seeeehr skeptisch (denn so viel ich vom Gehirn verstanden habe, ist es doch deutlich komplexer als jede technische Struktur).

Festhalten lässt sich, dass wir zwar zunehmend mehr mit Technik und Computer arbeiten (und in 10 Jahren noch viel mehr als heute), doch wird der Computer so schnell noch nicht für uns denken. Er wird noch immer nur machen, was wir von ihm verlangen - allerdings gibt es eine neue Macht. Die Macht des Algorithmus. Wir nutzen mehr und mehr Algorithmen, ohne zu verstehen, wie genau diese funktionieren. Wir vertrauen den Algorithmen und hoffe, dass sie das machen, was wir von ihnen wollen. Sicher sein können wir uns dabei allerdings nicht.

Das ist der Punkt, wo der Datenschutz heute greift. Wer nicht weiß, was mit ihm (und seinen Daten) passiert, geht im Allgemeinen eher vorsichtig vor. Das passt im Allgemeinen zu der vor-digital-natives-Generation. Wir alle kennen Menschen, die ohne Internet aufgwachsen sind und diese haben eine unglaubliche Angst davor, überhaupt irgendwo etwas ins Internet zu schreiben. Da gibt es kein Facebook, kein Twitter und erst recht kein Blog.

Der Großteil der digital-natives hat aber auch keine Ahnung, wie die Algorithmen selbst aussehen, bilden sich aber ein, das Internet “verstanden” zu haben. Als einer dieser, sehe auch ich mich. Wir meinen zu wissen, was auf Facebook passiert und schreiben da freiwillig rein - allerdings mit einer Intention. Wir “wollen” Nachrichten über uns verbreiten und uns mitteilen. Um mit Freunden noch in Kontakt zu bleiben, bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als social networks zu nutzen. Die Zeit dreht sich schneller - wir leben in einer so kras beschleunigten Welt, dass wir uns nur noch digital verabreden können. Früher ist man einfach zu seinen Freunden gegangen und konnte was zusammen machen. Heute treffen wir unsere Freunde doch gar nicht an, wenn wir vor deren Tür stehen. Dafür sind wir zu viel unterwegs. Daher, so mutmaße ich, kommt es, dass wir uns immer mehr digital unterhalten und social networks nutzen.

Der heutige Datenschutz soll genau dieses ja auch nicht unterbinden, sondern sicher stellen, dass wir nur das, was wir mit Freunden austauschen wollen, auch austauschen. Der Datenschutz soll zum einen das Profil unterbinden, dass die Algorithmen von uns erstellen (und damit Macht über uns ausüben, weil sie (so lange wir nicht genau wissen, was die Algorithmen machen) bestimmen, was wir zu sehen bekommen und was nicht. So lange es nicht unsere eigenen Filter sind, sind es fremde Filter, die vor allem eins wollen: Geld.

Dieser Datenschutz wehrt sich gegen die Vorratsdatenspeicherung, den Facebook-like-button und Google. Hier sehe ich auch bei Datenschutzkritikern durchaus parallelen.

Das, was es aber auch gibt, ist der Datenschutzfundametalismus. Es solle kein Häuserfront im Internet auftauchen und man traut es sich auch nicht, überhaupt irgendwo was hin zu schreiben. Die Angst vor den Party-Kotze-Fotos. Hier allerdings kann man es gut runterbrechen auf das “Jeder stellt das von sich ins Netz, was er da haben will”, die informationelle Selbstbestimmung. Weshalb aber auch dieser Ansatz mit dem Technikdeterminismus negiert wird, verstehe ich nicht. Wie oben schon (anhand der KI) aufgezeigt, gibt es viele Vorstellungen von der Technik, die nicht eingehalten werden. Technik hat Grenzen. Technik schafft es nicht *alle* Informationen allen verfügbar zu machen. Wird sie auch nie. Die Informationen müssen eh noch immer von Hand der Technik zur Verfügung gestellt werden - dann kann man sich auch im Miteinander einigen, dass jeder nur das einstellt, was ihn betrifft. Der Rest kommt einfach nicht rein (oder wird gepixelt). Beim (materiellen) Eigentum funktioniert es ja auch. Nur weil es möglich ist ein Fahrrad zu klauen tue ich es nicht. Man nennt sowas eine “Ethik” und diese Ethik funktioniert so weit sehr gut im Netz. Sie könnte besser funktionieren - und sollte es auch - aber sie funktioniert, wie es auch funktioniert, dass angeschlossene Fahrräder nicht geklaut werden - auch wenn man das Schloss (technisch) knacken kann. Es passiert doch nur sehr selten.

Kommentare

von: *manU

Danke für Deine Erwähnung… allerdings missverstehst Du mich leider etwas, wenn Du annimmst, ich argumentiere gegen Datenschutz “mit dem Technikdeterminismus”. Lediglich meine Einleitung bezieht sich auf die Tatsache, dass der Mensch bisher so ziemlich Alles denkbare und Vorstellbare realisiert hat, auch wenn es der Gesellschaft vor der Implementation vielleicht noch abwegig erschienen sein mag. Ich glaube also tatsächlich, dass “Verstecken” immer schwieriger wird.

Aber das ist nicht der eigentliche Punkt meiner Ausführungen: Im Grunde ziele ich darauf ab, unsere individuelle ethische Sensibilität im Bezug auf den Umgang mit Daten zu schärfen. Ganz einfach gesagt, sollten wir darauf Hinwirken, dass Datenmissbrauch an sich zur Peinlichkeit wird. Wir müssen verstehen und verständlich machen, dass derjenige, der Daten für fragwürdige Zwecke entwendet und missbraucht, in einer zunehmend transparenteren und offeneren Gesellschaft immer auch selbst viel eher dazu gezwungen ist, seine Ideen und Handlungen vor einer wachen Öffentlichkeit vertreten zu können.

Allgemein zunehmende Transparenz ist ein zweischneidiges Schwert! Das schneidet nicht nur unbedarfte und unbescholtene Bürger, sondern auch den, der sich daneben benimmt! Das sollten wir im Rahmen der Diskussion um dieses Thema nicht ausklammern! Die Kontroverse Datenschutz vs. Post-Privacy wird uns doch eigentlich eher aufgesetzt… Die eigentliche Kontroverse bezieht sich auf Datenschutz/ Datenmissbrauch! In der zunehmende Transparenz ergeben sich eben auch inhärente Faktoren der Regulation, da Fehlverhalten ja auch viel eher bloßgestellt werden kann (und sollte!)… Wir haben ja bereits einige schöne stigmatisierende Begriffe, die Personen bezeichnen, die sich im Umgang mit Daten und Informationen daneben benehmen: Niemand möchte als “Spitzel”, “Lauscher”, “Spanner”, “Lästermaul”, “Schlange” oder “Klatschtante” verschrien werden… Diese Stigmata dürfen wir angesichts Datenmissbrauch gut und gerne hochhalten! ;)

Was mich hoffnungsvoll stimmt ist ein Prozess der allgemeinen “Läuterung” unserer Motive und Absichten angesichts der wachsenden “Gefahr”, dass wir uns blamieren, wenn wir uns anders verhalten, als wir es von unserem Gegenüber erwarten oder vor der Öffentlichkeit vertreten können.

Wie ich in meinem Blogartikel geschrieben habe: >> Uns sollte bewusst werden, dass auch diejenigen Subjekte, die eine (wie auch immer geartete) Form der „Überwachung“, Kontrolle (und Manipulation) auf andere Gruppen und Individuen ausüben wollen, ihre eigenen Normen, Ansichten und Auffassungen (ihre Realität!) an eben den Normen, Ansichten und Auffassungen relativieren müssen/ werden, die in der Öffentlichkeit „gehandelt“ und ‘konsolidiert’ werden. [Wir alle sind am Prozess dieser Werte-bildung (der Evaluation der Werte) beteiligt!] … wenn wir uns einbringen wollen (können?).<<


Du erwähnst in Deinem Beitrag auch das "Chinesische Zimmer". und John Searle.. :)

Künstliche Intelligenz ist ein komplexes (oft kompliziertes) Thema, das vielleicht erst in zweiter Linie damit zu tun hat, aber durchaus interessant ist.

Ich lese gerade das Buch: "The Emotion Machine”. Marvin Minsky meint, dass *Komplexität* an sich aber kein Hinderungsgrund für eine durchaus erfolgreiche Implementation künstlicher Intelligenz sein muss.

http://youtu.be/SNWVvZi3HX8 & http://youtu.be/S43WaQywDbw

 
 

Die Ausweispflicht im Netz – was für ein Quatsch!

Es gibt inzwischen einen e-Pass, einen e-Perso mit „elektronischer Autentifizierung“; es wird über die Vorratsdatenspeicherung debattiert und von Zeit zu Zeit hört man (zumeist Konservative) Politiker von einem „Vermummungsverbot im Internet“.

Die erste Reaktion ist zumeist „Geht ja mal gar nicht“. Nach etwas drüber nachdenken kam ich zu: „vollkommener Humbug“.

Aber warum eigentlich?

Das Internet wurde entwickelt um Informationen überall abrufbar zu halten – und mit anderen Informationen zu verbinden. Aus diesen ganzen Verbindungen ergibt sich dann das Netz - das Internet.

Warum darin aber ausweisen?

Mit Arendt würde ich argumentieren, dass es für die Öffentlichkeit wichtig ist, von wem welche Informationen kommen – um nachvollziehbar machen zu können, welche Interessen dahinter stehen. Diese Argumentation scheitert aber an der Technik. Eine Identifikation kann nie 100%ig sicher sein.

Jeder kann immer, überall was ins Netz stellen – da aber die meisten nicht so richtig mit dem Internet können, wird für dieses „ins Netz stellen“ Facebook verwendet. Facebook identifiziert grundsätzlich – vermeintlich.

Andere Nutzer schreiben Blogs, Twitter und andere Webseiten voll. Auch dies tun sie zumeist unter einer Identität. Diese Identitäten sind zumeist durch Passwörter geschützt, sodass niemand anders diese Identität benutzen kann um anderen Inhalt im Namen dieser Identität zu veröffentlichen. Die Passwörter sind unterschiedlich gut – aber klar ist, dass sie nicht unüberwindbar sind. Es handelt sich immer nur um eine Frage der verfügbaren Rechenpower und Zeit.

Bemerkenswert ist, dass dies äußerst selten passiert. Manchmal werden Fake-Accounts erstellt und die Medien damit gehackt (wie z.B. @muentefering ), aber das vorhandene Account übernommen werden und es nicht auffällt … da ist mir kein Fall bekannt. (Wer einen kennt, bitte in die Kommentare posten!).

Warum aber nicht? Wäre das nicht cool Obamas Twitter-Account zu haben? Oder zumindest den von Regierungssprecher Seibert?

Ganz einfach: es würde auffallen. Es gibt ja noch deutlich mehr Kommunikationswege als Twitter. Alle Personen, die ständig in der Öffentlichkeit stehen, haben auch ständig Medien um sich herum. Den könnte man schnell mitteilen, dass der Account nicht mehr unter der eigenen Kontrolle steht.

Ein „einfacher“ Account mit unter 500 Followern (wie ich es bin), ist einfach vollkommen irrelevant. Was genau sollte man denn mit meinem Account anstellen können? Genau. Vollkommen langweilig. Dafür lohnt die mühe nicht.

Und selbst wenn, hat doch jeder seine eigene Art zu schreiben und bringt andere Informationen „unters Volk“. Ein Cracker muss sich schon echt gut anstellen, dass dies nicht auffällt.

Anders sieht es allerdings aus, wenn es sich um mehr als ein „ich habe aber auch was zu sagen“-Format á la Twitter handelt. Wenn auf einmal der eBay-Account gehackt wurde und damit fremde Dinge gekauft und ersteigert werden.

Das geschieht auch nur äußerst selten, ist aber möglich. Hier hat die Bundesregierung eingesetzt und meint, dass man sich dafür doch mit dem ePerso ausweisen könne. Gut, dass der ePerso nicht sicher ist hat der CCC gezeigt. Aber wie genau sollte man denn sonst dafür sorgen, dass kein Schindluder damit getrieben wird?

Gar nicht. Das Internet ist eine Informationsverbreitungs-Maschine. Alles, was nicht der Informationsverbreitung dient, hat im Internet nur bedingt etwas verloren. Wem es wichtig ist, der kümmert sich selbst darum, dass die Informationen nicht weiter verbreitet werden. Wer das aber nicht kann – einfach nicht die Kompetenz besitzt (wie ich einer dieser nur bedingt kompetenten bin), sollte die Finger einfach davon lassen.

Das mag nun nach Internet-Öko anhören, ist aber ernst gemeint. Wer nicht auf eBay, Amazon und co verzichten kann, muss mit dem Risiko leben. Ein vollkommen abgesichertes Netz wird es nicht geben (können). Die Technik wurde nicht dafür entwickelt und wird auch nicht dafür verwendet.

Äußerst wichtig sehe ich, dass in dieser Diskussion klar ist, dass ein Staat nicht auf das Internet bauen darf, so lange es eine eindeutige Identifizierung benötigt. Der Kommunikationspartner ist nur wirklich sicher, wenn er mir gegenübersteht – und dies wird sich auch nicht ändern. Wer also davon schwärmt, seine Ämterbesuche aufs Netz zu verlagern, sollte sich darüber Gedanken machen, wie er sich ausweisen wollte, wenn seine online-Identität jemand anderes hat und er selbst die Menschen vom Amt nicht mehr kennt. Warum sollte ihm das Amt dann mehr glauben, als seiner (Online-)Identität?

Was Zwischenmenschliches angeht, bin ich der Meinung, dass das Internet nur erweiternd wirken kann – es kann das Treffen „im realen Leben“ einfach nicht ersetzen. Dafür ist jede Kommunikation über Netz zu begrenzt. Übers Netz kann man wen anders einfach nicht riechen – egal wie sehr man sich darum bemüht. (Und ja, wir kommunizieren (unterbewusst) auch über Gerüche.)

Wenn aber klar ist, dass das Internet nur ein „Zusatzkanal“ der Kommunikation (sowohl mit den Massen, wie auch mit dem Einzelnen) ist, sollte sich auch die Frage stellen, in wie weit Kommunikation eigentlich gefährlich werden kann. Wer anführt, dass gehackte Bankkonten ohne Vorratsdatenspeicherung nicht aufgeklärt werden können, der sollte grundsätzlich überlegen, wie weit die Identität überhaupt im Netz für die reale Person stehen soll. Warum können wir Überweisungen nicht mehr am Schalter machen? Der allgemeine Stress hat zugenommen und wir alle versuchen alles so schnell wie möglich zu erledigen – und Online-Banking geht schneller als zur Bank zu laufen. Aber ist das die Welt, die wir wollen? Dass uns der Neoliberalismus diesen Stress gebracht hat und einer schneller ist, als der andere, mag dazu führen, dass wir uns alle selbst aufgeben. Wissen wir das?

Nun gleitet meine Argumentation in eine Kapitalismuskritik, um die es nicht gehen sollte. Dazu blogge ich ein anderes mal. Ich bin gespannt auf Kommentare.

 
 

Für Bildung streiken?

Der Bildungsstreik.

In den letzten Jahren hat die Kampagne eine bemerkenswerte Öffentlichkeit herstellen können. Massenproteste haben sich von Wien aus über Österreich und Deutschland ausgebreitet. Unis wurden besetzt, Forderungen nach dem Abschaffen des Bachelors und Abschaffung der (wenn vorhanden) Studiengebühren gestellt und überhaupt sollte mehr für die Bildung getan werden.

Trotz guter Medienresonanz und beachtlicher Proteste in vielen Unistädten hat sich wenig getan in der Bildungspolitik. “Es wird nachgebessert” hieß es aus dem Bildungsministerium. Mit anderen Worten: “Wir hören euch zu, stellt eure Proteste ein, und wenn ihr ruhig seid, geht es weiter, wie bisher”.

Und, die Taktik hat funktioniert. Die Bildungsdemos sind kleiner geworden. Sie bestehen nur noch aus Hunderten, statt Zehntausenden. Darauf muss man als Minister auch nicht mehr hören.

Noch immer gibt es Bildungsdemos, aber die Resonanz ist dürftig. Die Demos sind klein, die Forderungen radikal und das Bündnis zu klein für wirkliche Veränderungen.

Alleine der Name “Bildungsstreik” ist grotesk. Man hätte es auch “wir gegen das Bildungsministerium und die Regierung überhaupt” nennen können. Flyer mit Texten wie “Schwarz-geld muss fallen” stehen für wenig Inhalt, sondern für oppositionelle Polemik.

Opposition ist richtig und wichtig - aber es ist eine Frage dessen, was man erreichen möchte. Entweder man macht Oppositionspolitik und kritisiert die Regierungsparteien, oder es wird für eine bessere Bildungspolitik gestritten. Ich sehe in der Bildungsstreik-Bewegung leider nur noch den oppositionellen Nutzen. Es ist ein prinzipiell kritisiertes Thema, mit der sich jede Opposition bewaffnen kann. Schade.

Die Themen der Bewegung finde ich nämlich durchaus diskussionswürdig, aber weder kann ich die Radikalität unterstützen, noch stimme ich mit allen Themen überein (10 Jahre gemeinsames Lernen hat mit den Grundwerten dessen, was Bildung eigentlich vermitteln sollte (Eigenständigkeit, Engagement, Interesse an der Welt) einfach nichts zu tun, sondern ist eine nicht durchsetzbare, plakative Forderung).

Freie Bildung ist ein ehrenwertes zu erkämpfendes Ziel, aber warum steht nur die Linksjugend ‘solid dahinter? Sowohl Grüne, als auch SPD lehnen Studiengebühren ab – aber warum sind diese nicht auch in dem Bündnis? Warum werden die Forderungen nicht auf ein umsetzbares Maß reduziert und das Bündnis vergrößert, sodass auch tatsächlich etwas umgesetzt werden kann?

Ganz zu schweigen von den irrwitzigen Maßnahmen, wie Hörsäle zu besetzen. Der Streik ist eine Methode, mit der dem Arbeitgeber massive Einbußen zukommen, sodass er handeln muss. Aber in der Hochschule? Da schadet man sich nur selbst. Hier ist jeder selbst der eigene Arbeitgeber seiner Lernerfolge. Wie kann da gestreikt werden?

Entweder habe ich etwas ganz Grundsätzliches nicht verstanden (dann bitte ich um die Klarstellung in den Kommentaren), oder der Bildungsstreik wurde zum reinen Polemik-Thema um auf die Regierung ein zu hauen. Schäde wär’s.

Kommentare

von: 9er0

Und - hatte ich ganz verplant - der Hashtag #unibrennt sagt ja alleine schon sehr genau aus, um was es geht. Es geht eben nicht mehr um eine Verbesserung, sondern es geht darum dem Unmut freien Lauf zu lassen und sich aus zu kotzen. “Alles Scheiße”. Und so.

von: Tweets that mention Für Bildung streiken? « Findling – Topsy.com

[…] This post was mentioned on Twitter by pbeccard, Gero. Gero said: Gebloggt: Für Bildung streiken? http://9er0.wordpress.com/2011/01/22/fur-bildung-streiken/ #Bildungsstreik #Bildungsdemo […]

von: WordPress am 22.01.2011 - Twitter-Aggregator

[…] schrieb: Für die Tagaktiv(ist)en nochmal: http://9er0.wordpress.com/2011/01/22/fur-bildung-streiken/ #Bildungsstreik #Bildungsdemo […]

 
 

Dem Terrorismus die Macht nehmen

Ich finde es erschreckend, wie in den Massenmedien die Angst vor dem Terror geschürt wird. Es ist absurd, was für Schreckens-Szenarien aufgebaut werden.

Begeistert bin ich hingegen davon, dass es doch auch Leute gibt, die bewusst dagegen argumentieren. (Wie z.B. Florian auf Netzpolitk.org)

Leider stelle ich aber häufig fest, dass die Argumentation nur auf Statistiken beruht - und mit den Statistiken lässt sich ein möglicherweise geschehener Anschlag auch nicht wegdiskutieren.

Viel wichtiger finde ich, klar zu machen, dass es Anschläge gibt. Es gibt Terroristen und es kann auch in Deutschland Anschläge geben. Und Möglicherweise werden dann auch Menschen sterben. Es ist sogar extrem wichtig, dass wir uns das klarmachen, dass Terroristen Verbrecher sind. Und sie wollen ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen. Sie wollen Angst und Schrecke in der Bevölkerung hinterlassen, um eigene Ziele durchzusetzen. Sie wollen die Bevölkerung verängstigen.

Daher sollten wir - als Gesellschaft - dem Terrorismus die Stirn bieten und keine Angst haben. Auch wenn es tatsächlich zu einem Anschlag kommen sollte, ist es absolut höchste priorität den Terroristen nicht zu zuspielen und Angst zu haben, sondern sich dem widersetzen und am gesellschafltichen Leben weiter teil zu nehmen - oder vlt sogar gerade deshalb.

Um den Terrorismus zu schwächen, dürfen wir ihm keinen Raum in der Gesellschaft geben. Wir dürfen ihm nicht eine einzige Zeile in der Tageszeitung geben. Keinen Blogartikel. Nichts.

Das ist die einzige Wirkungsvolle Strategie gegen den Terrorimus. Ihn trotz möglicher Gefahren und möglichweise auch trotz Anschlägen zu ignorieren. Wir - als Gesellschaft, als Staat - müssen uns einfach drüber hinweg setzen und dürfen uns nicht verunsichern lassen. Und wenn es Anschläge gibt und dabei Menschen sterben -  dann sterben eben Menschen, aber wir dürfen den Terroristen trotzdem nicht den Gefallen tun und sie dafür beachten.

Das mag jetzt extrem klingen, ist aber die einzige Möglichkeit, dem Terrorismus die Macht zu nehmen.

Kommentare:

von: thilo

Der Trick ist: Über etwas anderes reden bzw. anders darüber reden. Nicht “Nieder mit dem König!” rufen, sondern “Es liebe die Demokratie!”.

Um den großen Heinz von Foerster zu zitieren:

“Dazu fällt mir ein Satz von Ludwig Wittgenstein ein: Wenn man über eine Proposition „p” und ihre Verneinung „non p” spricht, heißt es bei Wittgenstein, so spricht man von demselben. Darf ich hier eine kleine Analogie anführen? Revolutionäre, die einen König stürzen wollen, machen häufig den bedauerlichen Fehler, dass sie laut und deutlich schreien: Nieder mit dem König! Das ist natürlich kostenlose Propaganda für den König, der sich bei seinen Gegnern eigentlich bedanken sollte: „Danke, dass ihr mich so oft erwähnt habt, und dass ihr nicht aufhört, meinen Namen zu rufen!” Wenn ich eine Person, eine Idee oder ein Ideal laut und deutlich negiere, ist die endgültige Trennung noch nicht geglückt. Das verneinende Phänomen kommt wieder vor und wird ex negativo erneuert in Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.”

Auf “Terrorismus” übertragen hieße das z.B. konsequent nicht von “Terroristen” zu sprechen sondern von “Verbrechern/Straftätern” oder eine Sprache zu etablieren, die Terrorismus nicht als zu verhindernden Angriff auf unseren Staat sieht, sondern als notwendigen Kollateralschaden/Unfall…

von: thilo

(Und beim Vertipper “liebe” statt “lebe” darf, wer will, natürlich gerne an Freud denken.)

von: 9er0

Hmm … interessanter Punkt.

Aber funktioniert das? Zum Königtum gibt es die Alternative der Demokratie. Was ist die Alternative zum Terrorismus? In meinem letzten Blogpost habe ich ein paar Gedanken aufgeschrieben - was genau denn Terroristen wollen und warum wir es nicht schaffen, uns mit ihnen zu sprechen.

Die Wortwahl nur auf “Verbrecher/Straftäter” zu verändern halte ich für nicht zielführend. Das bringt uns ja nicht weiter. Dadurch gibt es noch immer Anschläge und es wird noch immer Angst verbreitet. Das ist also nicht die Alternative. Wir werden die islamistischen Fundamentalisten nicht einfach bei Seite schieben. Wir können ihnen nur die Macht nehmen, indem wir sie eben nicht für voll nehmen. indem wir sie ignorieren und aus unseren Medien verbannen. Dann können sie machen was sie wollen, aber wir werden sie nicht beachten. Der Krieg in der Gummizelle.

Die notwendigen Kollateralschäden (sie sind auch nicht notwendig), müssen erwähnt werden. Ja. Das habe ich aber auch geschrieben. Wir müssen uns bewusst werden, dass es Terroristen gibt und es auch Anschläge geben kann. Aber, wir sollten uns darüber stellen. Wir sollten unser Leben in vollen Zügen genießen und eben nicht auf den Terror, den Terroristen verbreiten, reagieren. Wir sollten es ignorieren.

von: thilo

Natürlich verschwinden nicht die Menschen, die Bomben explodieren lassen, nur weil man sie plötzlich anders nennt.

Und es geht mir hier auch nicht um eine Kommunikation mit diesen Menschen - die kriegen ja im Zweifel gar nicht mit, was wir reden und wie wir sprechen.

Dennoch: Terroristen gibt es ja nur, solange es Menschen gibt, die sie Terroristen nennen. Wenn wir solche Menschen und Ereignisse anders nennen, sind sie für uns auch etwas anderes (mit anderen Bezügen, mit denen ein anderer Begriff assoziiert ist.) Und, das nur als Beispiel, die Angst vor Straftätern und Unfällen scheint mir doch eine andere zu sein, als die Angst vor Terroristen und Anschlägen. Wir müssen ja nicht zwangsläufig von einem “Krieg gegen den Terror” spreechen (und all die Assoziationen, die “Krieg” beinhaltet erzeugen).

Wenn wir anfangen wollen, die Sache anders zu betrachten, müssen wir auch eine andere Sprache verwenden.

von: 9er0

@ thilo (mehr als 2 Antworten scheint Wordpress mir nicht zu gewährleisten) …

Vom Umbennen werden die Terroristen aber auch nicht besser. Das klingt eher nach http://neusprech.org/ … Davon wird das Problem ja nicht behoben, sondern nur verlagert.

Nennen wir das Kind doch beim Namen und stellen uns dem. Denn wie wir wohl alle wissen gab es seit 27 Jahren keinen Terroranschlag mit Todesfolge mehr. So sollten wir als Gesellschaft einfach entsprechend aufpassen und uns bewusst mit Medien auseinandersetzen, sodass die Gesellschaft sich vom “Terrorismus” nicht mehr verängstigen lässt. Wer genau auch immer die Ängst schürrt.

von: Maria Seifert

“Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen. Das Ausüben von Terror zur Erreichung politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Ziele nennt man Terrorismus.”

Wikipedia hat gesprochen.

Also ran an die Terroristen! Nicht mehr über sie schreiben nicht mehr über sie sprechen - und wenn dann bitte doch das Kind beim Namen nennen: “Angela und ihre Kumpanen/Helfershelfer der fundamentalistischen Konservativen” -> und ja, sie arbeiten tatsächlich mit dem Verfassungsschutz zusammen.

von: Maria Seifert

hmm… Obwohl ich Straftäter doch schon besser finde, da sie sich an der Verfassung tatsächlich sträflich vergangen haben. Oder doch Gewalttäter, weil sie die Gewaltentrennung versuchen aufzubrechen… schwierige Frage- zugegeben ;)

von: 9er0

Können wir uns auf “Terroristen” für die Kloppies, die den Gottesstaat haben wollen, einigen - und Arschlöcher für die, die unserer Verfassung an den Leib wollen?!?

:D

von: Maria Seifert

Hmm… nein.

In China sind Terroristen die Menschen die Pressefreiheit wollen. In Russland seit neuestem auch die Tschetschenen. In der Türkei werden die Kurden seit jeher Terroristen genannt und in Burma sind eh alle Terroristen die nicht zur herrschenden Klasse gehören.

…das ist ein politischer Kampfbegriff. Die Realität ist differenzierter. Es gibt kein schwarz und weiß, sondern nachts eh nur graue Katzen.

 
 

„Öffentlichkeit“- auf dem Netzkongress der Grünen

Vor einer Woche habe ich über Hannah Arendt und den unterschied zwischen „Öffentlichkeit“ und mangelnder Privatsphäre gebloggt.

Dazu gibt es nun ein Update. Mit mspro habe ich mich zu einer kleinen Session auf dem Barcamp beim Netzpolitischen Kongress der Grünen verabredet.

In der Session (dabei waren neben @mspro, auch @rka, @jensbest, @elicee, @herrurbach, @gedankenstuecke) haben wir kurz über Hannah Arendt selbst gesprochen und ihre Unterscheidung zwischen dem „Erscheinungsraum“ und der „Öffentlichkeit“. So ist der Erscheinungsraum nur das Zusammentreffen von Menschen. Wenn zu dem Zusammentreffen der Menschen aber noch ein politischer Wille kommt, entsteht Macht. Diese Macht sorgt dafür, dass aus dem „Erscheinungsraum“ eine „Öffentlichkeit“ wird.

Die Feminismusbewegung sprach dem „Privaten“ ab, nicht politisch zu sein. Also auch jede private Mitteilung sei auch (in einem gewissen Grade) politisch.

Im Privaten, so behauptet es ein Teil der Feminismusbewegung, werden Frauen unterdrückt und deshalb müssen diese Privatsphäre aufgehoben werden. Wie genau ich dazu stehe, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Diese These hat auch mspro eingenommen und sieht eben in jedem privaten Gespräch auch einen politischen Aspekt – und damit die Ausweitung des „Öffentlichen“ auf den gesamten „Erscheinungsraum“.

Das führt nun dazu, dass die Privatsphäre immer weiter zurück gedrängt wird und sich schließlich auflösen wird. Und schon heute haben wir eine Gesellschaft, die Profil verlangt. Es ist gut, auch Fehler zu machen und diese müssen nicht mehr verheimlicht werden. Die Gesellschaft gewöhne sich daran, dass jeder Fehler macht und die inzwischen auch nicht mehr verheimlicht werden können. Zumal man ja zu den Fehlern stehen soll, denn damit gibt man diese zu und kann dafür nicht mehr angegriffen werden.

ie Technik schreite voran und ermögliche immer neue Möglichkeiten der Informationsverarbeitung und -zusammenführung. Jeder Kampf dagegen sei nutzlos, da Internet sich nicht an Staatengrenzen hält und damit ein Nationalstaat alleine nichts dagegen bewirken kann.

Das wiederum eine Regelung in der UN getroffen werde, ist auch recht unwahrscheinlich. So könnten wir auch gleich den Kampf aufgeben und uns dem „CTRL-Verlust“ hingeben.

Dazu kommt, so mspro, dass selbst wenn es in allen Staaten der Welt gleich geregelt wäre, so wird es noch immer technische Möglichkeiten geben, Schadsoftware zu bauen (etwa das „Gaydar“, dass Facebook-Accounts auf ihre Freunde überprüft und darüber raus bekommen will, ob der User schwul sei oder nicht. Diese Programm existiert und hat eine sehr hohe Treffsicherheit.).

Ich beschreibe das ganze nun als „Schere“ zwischen der Technischen Möglichkeit und der Gesellschaftlichen Akzeptanz. Mspro behauptet, dass die Gesellschaft sich wandelt und es irgendwann einfach egal ist, was ich wann wie wo gemacht habe.

Der andere Scherbalken wäre, dass die Technik so datenschutzfreundlich wird, dass die Gesellschaft nicht alles zu wissen bekommt.

Für möglich halte ich aber auch, dass die Schere zerbrechen wird und nur die, die selbstbewusst genug sind, die Daten zu veröffentlichen und dazu zu stehen. Dann würde sich die Gesellschaft teilen. Ein Teil, der damit umgehen kann und ein Teil, der das nicht kann.

So jedenfalls habe ich gerade versucht meine Gedanken zu ordnen. Mit ein wenig mehr Zeit zum darüber nachdenken, werde ich mich wohl nochmal dazu äußern.

Kommentare

von: Andreas

Mal unabhängig vom Inhalt: Die Menschen haben doch Namen, ich find es persönlich sehr nervig, wenn Leute beim Twitter-Account personifiziert werden. Face2Face fast noch schlimmer (wenn die Leute es so wollen ists natürlich jedem frei gestellt, aber irgendwie find ichs selbst trotzdem doof).

von: 9er0

Hi Andreas! Ja, die Menschen haben Namen. Aber mspro ist nunmal wesentlich bekannter unter “mspro” als unter Michael Seemann. Von den anderen weiß ich teils nichtmal die Namen, sondern eben nur die Twitteraccounts. Und ich glaube, es ist auch in Ordnung so. Finde ich jedenfalls.

von: Andreas

Ja klar, die Welt wird nicht unter gehen davon ;) Gut, da würde ich dann ggf schreiben, besser bekannt als mspro, oder sowas. Ist ja auch nur meine kleine Macke vielleicht ;)

von: Jens

Hallo 9er0! Wenn ich mich nicht tauesche - ich muesste es bei Hannah mal wieder genauer nachlesen - dann sollte das Private nie oeffentlich werden, weil das nur in totalitären Systemen geschieht. Denjenigen, die die Oeffentlichkeit suchen ist es egal (Berlusconi z.B.) aber nicht denjenigen die im Privaten bleiben wollen - oder halt anonym in der Oeffentlichkeit publizieren.

von: Jens

Hannah bewunderte ja John Adams. Adams sagte sinngemäß, dass es nichts erstrebenswerteres gaebe, als in der Oeffentlichkeit “bewundert” zu werden. Das mag so sein, aber heute ist es ja auch existentiell fuer einge, da sie von den Publikationen leben oder mal spaeter Karriere machen wollen. die Frage ist also, warum sucht jemand DIE Oeffentlichkeit? Wobei es DIE Oeffentlichkeit wohl gar nicht mehr gibt, sondern viele Sub-Oeffentlichkeiten.

von: 9er0

Nach Arendt ist Öffentlichkeit das Zusammentreffen von Menschen - UND das Zustandekommen von Macht. Macht entsteht, wenn Menschen sich gemeinsam ein politisches Ziel setzen.

In der Feminismusbewegung gibt/gab es Forderungen, dass jede Privatsphäre aufgehoben wird, weil es Raum für die Unterdrückung der Frauen gibt. Daraus entstand dann die Idee, dass jede Tätigkeit (wie der Umgang von Mann und Frau miteinander) eine politische ist. Das greift auch mspro auf und argumentiert damit, dass es keine “rein privaten Tätigkeiten” gibt.

Und zu meist handelt es sich garnicht um die “Öffentlichkeit”, sondern um einen Erscheinungsraum. Denn wenn Menschen zusammenkommen - ohne politisches Ziel - handelt es sich nicht um einen “Öffentlichen Raum” sondern nur um einen “Erscheinungsraum”. Das jedenfalls sagt Arendt.

von: Gedankenstücke

Ein kurzes Fazit vom Netzpolitischen Kongress…

Die Bundestagsfraktion der Grünen hatte für die letzten beiden Tage zu ihrem Kongress zu Netzpolitik in den Räumen des Paul-Löbe-Haus geladen und zusammen mit dem bezaubernden Herrn Urbach habe ich mich auch auf den Weg dahin gemacht. Und eigentlich ka…

von: Jens

Damit (Daraus entstand dann die Idee, dass jede Tätigkeit … eine politische ist. Das greift auch mspro auf und argumentiert damit, dass es keine “rein privaten Tätigkeiten” gibt.) bin ich einverstanden. Trotzdem gibt es eine privaten “Raum” der geschützt sein muss vor der Öffentlichkeit.

Ich habe gestern Abend noch mal den 7. Abschnitt der Vita Activa gelesen. Mich irritiert der Begriff “Erscheinungsraum”. Den kenne ich bei ihr so nicht. Sie spricht dort nur vom Raum des politischen oder halt den privaten Bereich. Hast du da einen Hinweis für mich?

von: 9er0

@ Jens:

Im 5. Kapitel “Das Handeln” in Vita Activa gibt es den Paragrafen 28. Dieser nennt sich “Der Erscheinungsraum und das Phänomen der Macht”.

In der Piper-Ausgabe beginnt der Paragraf auf Seite 251.

Ich gebe dir vollkommen recht, dass es einen gewissen Bereich geben muss, der “Privat” ist. Wenn wir aber jede Tätigkeit als eine politische sehen, weiß ich nicht, wo grundsätzlich die Linie zu ziehen. Wo ist nun Öffentlichkei und wo Privatsphäre? Mir fehlt da eine Definition. Wobei ich mir auch nicht sicher bin, ob ich tatsächlich jede Tätigkeit als eine politische Ansehe. Alice Schwarzer meint zwar auch in das Privatleben einer jeden Frau hineinzueilen um ihr zu erklären, wie sich diese zu verhalten hat … aber ich bin zu wenig in der Gender-Debatte integriert, als dass ich da nun ein Urteil drüber fällen möchte.

von: Jens

Danke, habe ich nachgelesen. Ist mir nach 4 Jahren entfallen, weil der Begriff mir bei Arendt wohl nicht so wichtig war.

Hier noch ein link zu unserer Diskussion:

http://laprintemps.blog.com/2010/11/24/arendt-und-privatssphare/

_von: Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter Herr Urbach bloggt_

[…] hat, „Öffentlichkeit“ zu definieren und die Grenze zum Privaten zu ziehen. Darüber hat @9er0 schon gebloggt und ich habe es leider nicht vorher geschafft, meine Gedanken dazu zu Papier zu bringen. Schon vor […]

 
 

Der Unterschied zwischen Öffentlichkeit und mangelnder Privatsphäre

-Inspiriert von Hannah Arendt - Vita Activa -, dem CRE 165 “Privatsphäre” von Tim Pritlove (timpritlove), Michael Seemann (mspro) und Christian Heller (plomlompom), sowie einer Twitterdiskussion, die Anne Roth heute morgen gebloggt hat, will ich versuchen ein paar Grundbegriffe zu klären.

Im CRE bezieht sich mspro auf Hannah Arendt und ihr Hauptwerk: Vita Activa. Hier, so mspro, erläutert sie sehr genau, was Öffentlichkeit denn heißt.

Ja, das tut sie. Das tut sie so gut, dass ich das Buch an dieser Stelle auch weiterempfehlen möchte. Aber sie erklärt auch die Privatsphäre und ihre Wichtigkeit. Die widerum nimmt mspro in die “post-privacy”-Diskussion nicht mit hinein.

Hannah Arendt geht den gesamten geschichtlichen Weg von den alten Griechen über das Mittelalter, ins 18. Jh und schließlich in die Moderne. Ihre Gegenwart wird mit eingebaut (das Buch erschien 1958) in Form der “Massengesellschaft” und ihrer Auswirkungen.

Öffentlichkeit, so Arendt, war ursprünglich der politische Diskurs in der Polis, der im Stadtrat geführt wurde. Privatsphäre hingegen war das Leben in der Familie. Die Familienoberhäupter mit der Frau, Kindern und Sklaven. Dies alles gehörte nicht in den politischen Diskurs, sondern in das private Leben. Was da vor sich ging, gehe niemanden was an. Zur Privatsphäre gehöre auch alles Wirtschaften. Wodurch, so Arendt, nach der damaligen Definition, der heutige Staat nur noch eine Private Seite habe…

In der Öffentlichkeit hingegen dürfe es keine Geheinmisse geben. In dem Stadtrat waren alle “gleich”. Gleich nicht im Sinne von “sie müssen das gleiche tun”, sondern sie hatten alle die selbe Stellung. Es wurde hier als Familienoberhäupter “unter seines Gleichen” diskutiert.

Im Mittelalter gab es keine Öffentlichkeit mehr, da der König alleine regierte. Es gab strickte Ordnungen und jegliches Leben verlief “im Privaten”, da es keinen offenen Diskurs mehr gab.

Dann kam schließlich die Demokratie mit der Französischen Revolution. Hier wurde wieder eine Öffentlichkeit geschaffen. Es wurde öffentlich diskutiert.

Jean-Jacques Rousseau war es, der eine neue Unterscheidung brachte. Er beschwerte sich, dass er nur noch “Rousseau” sei und nicht meht als “Jean-Jacques” irgendwo hingehen könne.

Damit schuf er den Grundstein der modernen Unterscheidung von “Privatsphäre und Öffentlichkeit”.

Öffentlichkeit ist der öffentliche, politische Diskurs. Privatssphäre ist all das, was da nicht mit hinein gehört.

Der Mangel an Privatsphäre - also deren Errosion - ist NICHT die Öffentlichkeit.

Ein Fehler, den ich in den Diskussionen häufig feststelle, ist, dass Öffentlichkeit als Gegensatz zur Privatsphäre gestellt wird. Genau das ist aber eben nicht der Fall.

Nur weil es Menschen gibt, die vom persönlichen Toilettengang twittern, heißt es nicht, dass es in den öffentlichen Diskurs gehört und damit zum “Öffentlichen” gehört. Das ist nur ein Mangel an Privatsphäre (sofern der Twitteraccount nicht geschützt nur für Freunde zugänglich ist).

Hervorgerufen wird dieses Phänomen, so mutmaße ich, durch die “Öffentlichen Persönlichkeiten”, die es als solches nicht geben kann/dürfte.

Wer auch immer als “Öffentliche Person” gilt, hat keine rechtliche Möglichkeit mehr, sich der Bildzeitung zu widersetzen und gegen eine unvoreilhafte Veröffentlichung seiner Person zu protestieren.

Da diese “Öffentlichen Personen” aber Lady Gaga und Robbie Williams sind, wollen wir alle so sein wie die. Und da diese mit den Medien umgehen können, haben sie gelernt alles preis zu geben, um nicht mittels einer “Recherche” diffarmiert zu werden.

So twittern und bloggen viele viele Leute über das alltägliche, banale Leben und hoffen dadurch berühmt, schön und zu einem “Star” zu werden. Denn die “Stars” tun das ja auch.

Aber all dies ist NICHT die Öffentlichkeit, die Hannah Arendt in Vita Activa geschaffen hat. Das alles ist nur ein falsch vorgelebter Mangel an Privatsphäre, der den armen “Alltagsbloggern” möglicherweise mal das Leben nachhaltig versalzen wird.

Und dennoch ist es wichtig, dass Kommunikationsmittel wie Mailinglisten und Twitter nicht nur als “Privatsphärenkaputtmacher” dargestellt werden. Denn gerade hier öffnet “das Internet” eine hervorragende Möglichkeit der öffentlichen Anteilnahme.

 
 

Das Problem Google

Google ist eines der mächtigsten Unternehmen der Welt. Kein Unternehemen ist je zuvor in so kurzer Zeit so erfolgreich geworden. Google hat es geschafft. Google ist da, wo jedes Unternehemen hinkommen will.

Wie hat Google das gemacht? - Voll im Zeitalter der “Wissensgesellschaft”, hat es Wissen gesammelt und verkauft. Einfaches Konzept.

Soweit, sogut. Oder eben nicht. Denn es gibt Widerstand. Die Menschheit beginnt zu begreifen, dass Daten einen Wert haben. Und dass, wo man mittels moderner Technik alle Daten unendlich verfielfältigen kann. Jeder hat alles immer.

Die Menschen fangen an zu verstehen, dass es in dieser “Jeder-hat-alle-Informationen-immer-überall” keine Geheimnisse mehr geben kann, es sei denn, sie werden nicht digitalisiert und in den unendlichen Rachen des Internets geschmissen.

Da Computer und Internet aber inzwischen überall sind und das Leben bestimmen, sind auch alle Daten überall. Auch die, die eigentlich mal geheim bleiben sollten. Pech gehabt, denn wenn die Daten interessant sind, hat sie jeder. Und ohne das nötige Kleingeld verschwinden sie auch nicht wieder. Manchmal verschwinden sie nie, egal was man macht.

Nun hat Google eine Suchmaschine gebaut und jeder wirft da die aller intimsten Fragen rein. Kann man auch machen, denn die weiß dann ja auch nur Google und der liebe Onkel Google erzählt es ja niemanden. Hoffentlich.

Nun hat Google sich was ganz tolles ausgedacht. Nachdem das gesamte Internet nur noch mittels Google beherrschbar ist und ganz ganz viele Bücher in den Rachen von Google geschmissen wurde, wird nun auch die restliche Welt katalogisiert und unter die Herrschaft von Google gestellt.

Doof dabei ist, dass nicht nur das Internet Google gehört, sondern demnächst auch noch die normale Welt. Eigentlich ist aber auch das garnicht schlimm, denn Google tut ja nichts böses und wir können die richtige Welt von unseren Computern und Smartphones aus begucken. Da kann der Tramper gucken, wo die beste Stelle ist, sich wieder auf die Reise zu begeben, da kann mit neuen Freunden gucken, wo man wohnt und wo man den Abend noch hingeht und da kann man den Urlaub planen. Alles super Sachen.

Nun kommt aber der doofe Datenschutz und macht alles kaput. Aber warum?

Google fotografiert nicht nur Straßen und Häußern, nein, wie das auf Fotos so ist, sind da auch Menschen, Autos und das altägliche Leben abgebildet. Schlimm ist das aber auch nicht, solange da nichts schlimmes drauf zu sehen ist. Was ist nun aber, wenn ich gerade aus einem Pornoladen komme und meine Oma sieht das auf Google? Da wird mir dann aber nochmal eine lange Geschichte über Moral, Bienen und Blüten erzühlt werden.

Ich werde mich bei Google beklagen und die werden das Bild unkenntlich machen. Was ist aber, wenn ich nicht aus dem Pronoladen kam, sondern beim Bücken fotografiert wurde und mein Tiger-Tanga sichtbar ist? Dann wird nicht nur Oma mit mir reden, sondern auch all meine Freunde, wenn sie das Bild auf Facebook geladen haben und sich drüber lustigmachen.

Dann werde ich mich wieder bei Google beklagen, das Bild wird da verschwinden, aber auf Facebook wird es bleiben. Und wenn nicht auf Facebook, dann vielleicht auf Flickr, Picasa, StudiVZ, MySpace oder es liegt noch auf irgendeinem Blog. Pech gehabt.

Das ist das Problem mit dem Datenschutz und Google. Ich sehe da aber noch ein ganz anderes. Konstantin von Notz (MdB für die Grünen) hat es auf seinem Blog im letzten Absatz kurz angerissen.

Es geht um den Verkauf des öffentlichen Raumes. Es geht darum, dass wir mit Google nicht nur Sexspielzeuge suchen, sondern auch gucken, wo wir in den Urlaub fahren. Unter der Aufsicht von Google.

Es geht darum, dass Google sein Monopol ausbaut und die gesamte Gesellschaft Gefahr läuft, sich dem Monopol nichtmehr widersetzen zu können. Wir machen uns gerade abhängig von einem einzigen Unternehmen, dass soviel Einfluss auf uns hat, dass es uns vorschreiben kann, was wir anklicken und welche Internetseiten wir sehen. Demnächst wird es uns auch vorschrieben, wo wir Urlaub machen und in welchen “Offline-Geschäften” wir einkaufen. Bald werden wir ein Streetview haben, dass uns auf dieses oder jenes Geschäft aufmerksam macht.

Das ist das eigentliche Problem mit Google.

Streetview selbst ist eine wunderbare Sache, mit der viel Sinnvolles getan werden kann. Aber warum bauen wir dann nicht unser eigenes Streetview? Die Wikipedia (wie umstritten sie auch sein mag) hat geschafft, den Bertelsmann abzulösen. Warum löst ein Gemeinschaftsprojekt nicht auch Google ab? Warum bauen wir nicht unser eigenes Streetview? Fotos haben wir mehr gemacht, als Google je machen kann - wir haben die Telefone zu Millionen mit Megapixel-Kameras. Nicht Google. Und trotzdem sind wir abhängiger von Google als Google von uns. Vielleicht ist Google nicht nur eines, der mächstigsten Unternehmen der Welt, sondern wahrscheinlicher ist, dass es DAS mächtigste Unternehem der Welt ist. Und wir sind abhängig davon. Wir können uns davon nicht befreien und werden es in der Zukunft noch viel weniger tun können.

Kommentare

von: dave büttler

diese warnung stimmt, aber wikipedia ist einfach aufzubauen als ein google oder streetview. ich denke dieser vorschlag ist utopisch. vermutlich ist es einfacher wenn das volk griffige gesetze zur kontrolle von solchen superkonzernen schafft.

von: 9er0

Danke :) Ich weiß nicht, ob eine Wikipedia soviel einfacher aufzubauen ist, als Google … Google ist im wesentlichen ein Algorhytmus … Die Wikipedia gut 1.000.000 Artikel. Und eine Millionen Artikel zu schreiben ist eine verdammt große Arbeit. Und klar ist es eine Utopie, denn Google macht ja Streetview und nicht die Wikimedia Foundation … mittels ehrenamtlicher Helfer.

Das Problem liegt weniger in den Gesetzen zur Kontrolle dieser Superkonzerne - es liegt in der fehlenden Macht des Staates für die Grundversorgung. Der Staat ist für seine Bürger da - so jedenfalls die Definition - und damit muss der Staat öffentliche Aufgaben warnehemen, was er aber nicht macht, weil der “Liberalismus” - der keiner ist - behauptet, das regele der Markt. Wenn öffentliche, der Gemeinschaft dienende Aufgaben vom Staat abgesichert wären, und es ein Unternehmen trotzdem schaffen würde so groß zu werden, finde ich das super. Denn dann hat das Unternehmen ein funktionierendes Konzept, das nicht auf der Unfähigkeit des Staates basiert. (Aldi z.B.)

 
 

Politik. Das Spiel der Strategie.

So formuliere ich, was ich in vier Tagen Bundestag gelernt habe.

Seit einigen Jahren gibt es das Planspiel „Jugend und Parlament“. Dieses Planspiel hat zum Ziel, Jugendlichen die politische Arbeit näher zu bringen.

Vor ein paar Jahren wollte ich schon einmal teilnehmen, habe mich aber zu spät gemeldet. Die Jahre drauf, wurde die Möglichkeit in meinem Wahlkreis nicht öffentlich gemacht, doch dieses Jahr hat es geklappt.

So begab es sich, dass ich in den Bundestag durfte. Aber nicht einfach nur in den Bundestag – Nein, auch in den Plenarsaal. Und in die Fraktions- und Ausschussräume, Mensen, Büros und allem, wo man im Bundestag nur hinkommen will.

Aber: Ich durfte nicht nur in all den Räumlichkeiten platz nehmen und mich umschauen – nein, ich durfte auch Politik machen. In Landesgruppe, Fraktionen und Ausschüssen organisiert. Nur hat leider all das, was wir gemacht haben, auf die reale Politik keinen Einfluss.

Am Samstag, dem 5.6. bin ich als Gero Nagel, der Mensch, der ich im wahren Leben bin, durch das Paul-Löbe-Haus in den Bundestag gekommen.

Dort musste ich meinen „Nazis Raus“ -Aufkleber von meiner Tasche lösen, denn „mit diesem politischen Symbol darf man nicht in den Bundestag“. So habe ich dann meinen Aufkleber entfernt und durfte nun in die Gesetzesfabrik des deutschen Volkes.

Drinnen wurde mir dann meine Biografie gegeben. Den Namen – Ijon Tichy – durfte ich mir noch selbst aussuchen, der Rest wurde vorgeschrieben. Mit 55 Jahren, verwitwet, 4 Kinder, bei der ältesten Tochter in Wesel lebend, in der CVP-Fraktion (Christliche Volkspartei) hätte es kaum schlimmer kommen können. Ok, ich war Lehrer und nicht aus dem bayrischen Landesverband – das war dann doch schon fast wieder erträglich.

Die Landesgruppen trafen sich und gingen zusammen in den Plenarsaal, wo die Vizepräsidentin ein Grußwort sprach und ein paar Formalitäten erklärte.

Danach gab es eine Reichstags-Gebäude-Führung, Abendessen und das erste Landesgruppentreffen. Das treffen hielten wir noch mit unseren richtigen Identitäten ab. Jeder stellte seinen Nachbarn vor und durfte noch einen Zettel ausfüllen, was er sich von dem Planspiel zu lernen erhoffte.

Anschließend wurden wir dann entlassen und fuhren zum Hostel nach Friedrichshain. Der Abend klang ruhig aus.

Den nächsten morgen sind wir schon um 6.30 aufgestanden, denn ab 6.45 gab es Frühstück.

Um 8.30 waren wir im Bundestag und um 9 trafen wir uns erneut in den Landesgruppen. Nun war ich Abgeordneter Ijon Tichy. Die Identität „Gero Nagel“ hatte ich mit dem Mantel abgegeben, wie manch Abgeordneter sein Gewissen mit dem Mantel abgibt.

In der Landesgruppe haben sich alle Abgeordnete vorgestellt und nach einer Pause wurde über ein Fraktionsvorstandsmitglied abgestimmt. Aus jeder Landesgruppe musste es ein Fraktionsvorstandsmitglied geben.

Ich wurde vorgeschlagen, doch fehlten mir 2 Stimmen, sodass eine 60-Jährige Physikerin zum Landesgruppenvorsitzenden gewählt wurde. Ein Schriftführer wurde ebenfalls gewählt.

Um 11 gab es dann die große Fraktionssitzung, wo nun die vier Landesgruppen zusammen kamen und 2 Stunden nach einem Fraktionsvorsitzenden suchten. Zur Auswahl standen die vier Landesgruppenvorsitzenden. Nach einer Pause und anschließender Stichwahl wurde Gerd Nehr aus der Landesgruppe Bayern gewählt.

Schließlich wurden wir in Arbeitsgruppen aufgeteilt, um uns mit den vier vorliegenden Anträgen zu beschäftigen.

Ich war in der Arbeitsgruppe Bau, Verkehr und Stadtentwicklung, die als beratenden Gruppe dem Thema „Vollendung der Deutsche Einheit“ zugeordnet war.

Nach einer weiteren Pause berieten alle drei Arbeitsgruppen zu diesem Thema in dem Fraktionssaal der FDP in einem der vier Türme des Reichstagsgebäudes.

Dort wurde uns auch Material gegeben, mit dem wir arbeiten sollten – schlecht nur, dass da nichts für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung dabei war. Unsere Aufgabe war es vor allem über ein Konzept nachzudenken, wie wir die Einheit schließlich am besten vollenden konnten. Im Zusammenhang mit dem Solidarpakt 2, der 2019 ausläuft, haben wir einstimmig abgestimmt, dass der zukünftige Solidarpakt nicht nach Ost- und West unterteilt wird. Es soll einen Solidarpakt für ganz Deutschland geben. Überall, wo geholfen werden muss, soll der neue Solidarpakt greifen.

Der weiteren haben wir einige Punkte gesetzt, die besonders wichtig sind: öffentlicher Nahverkehr, Breitbandausbau und Anreizschaffung für Unternehmen zur Investition.

Anschließend haben wir dieses Konzept den anderen beiden Arbeitsgruppen vorgestellt und darüber diskutiert. Es gab kleinere Meinungsverschiedenheiten, aber es blieb doch Konsens-nah.

Nach Abstimmung über die Ergebnisse gab es eine weitere Fraktionssitzung, wo jedes der vier bearbeiteten Themen vorgestellt wurde und zur Abstimmung kam. Zum Thema Alkoholverbot für Jugendliche gab es eine sehr langwierige Diskussion, doch schließlich hat sich die entsprechende Gruppe durchgesetzt und eine positive Abstimmung erzwungen.

Nach dem Abendessen (gegen 9) war dann für den Tag Schluss.

Montag begann nach dem Frühstück im Plenarsaal. Um 9 verlas die Vizepräsidentin die vier vorliegenden Anträge, nachdem die Formalitäten abgearbeitet waren (wie dem Abgeordneten Ijon Tichy zum 56. Geburtstag zu gratulieren).

In einer weiteren Fraktionssitzung wurde das weitere Vorgehen erklärt und es ging in die Ausschusssitzungen. Hier saßen die Arbeitsgruppen des Vortages aus allen Fraktionen zusammen und erklärten den jeweiligen Standpunkt der Fraktion.

Nun trafen erstmals die „politischen Gegner“ direkt aufeinander. Teilweise diskutierten wir sachlich, teilweise ging es aber auch nur darum, den Gegner zu diffamieren und anzugreifen. So gingen wir natürlich auf keinen Punkt der „Mauerbauer“ ein. Mit den Ökos haben wir allerdings eine Allianz probiert. Unsere Standpunkte waren nicht so weit entfernt und er wäre schön gewesen, wenn diese mit uns im Plenarsaal gemeinsam stimmen würden.

Die Punkte der Liberalen haben wir bestmöglich eingebaut, denn immerhin koalieren wir miteinander.

Letzten Endes war es jedoch ein sehr klares Ergebnis: Die Regierung gegen die Opposition. Die Regierung hatte mehr Stimmen und hat damit die Opposition überstimmt. Die 2-stündige Diskussion vorher war eher sinnlos. Es gab nur geringe Ergänzungen durch den Koalitionspartner

Wir waren quasi fertig mit der Diskussion, als noch eine Stadtentwicklungsprofessorin zu Wort kam und unsere Fragen beantwortet hat. Dies wurde aber leider nicht als Grundlage genommen den Antrag auszuarbeiten, sondern nur noch als Nagelfeile um die eigenen Argumente unterlegen zu können.

Nach dem Mittagessen wurde eine Stadtrundfahrt angeboten, die ich allerdings nicht wahr nahm. Stattdessen habe ich mir die verschiedenen Gebäude des Bundestags sehr genau angeguckt. Ein FDP-Abgeordneter ließ eine anderen JuP und mich einen Blick in den schönsten Raum des Bundestages schauen. Der Fraktionsvorstandsraum der FDP liegt in einem Wintergarten auf dem Jakob-Kaiser-Haus an der Ecke zum Reichstagsgebäude. Man hat einen gigantischen Blick von etwas unterhalb der Oberkante des Reichstagsgebäudes auf die Kuppel und direkt daneben die Spree – ein Traum von Bildkomposition. Und ich machte kein Bild(!).

Um vier gab es eine weitere Fraktionssitzung und es wurde erneut über die Anträge diskutiert und abgestimmt. Der Alkoholverbotsantrag wurde kurz vorher nochmal neu geschrieben, sodass es nur ein handgeschriebenes Exemplar auf dem Overheadprojektor gab.

Dies wiederum war das gefundene Fressen der fraktionsinternen Kritiker. Es wurde hart diskutiert und auch in der Abstimmung gab es viele Abweichler, aber es hat gereicht. Es gab noch eindringliche Aufforderungen, dass man sich in der Plenarabstimmung doch zumindest enthalten möge, wenn man sich nicht dafür entscheiden könne. Anderes würde aussehen, als ob unsere Fraktion keinerlei zusammenhalte.

Die anderen Anträge gingen gut durch.

Am Abend gab es Essen im Kasino des Kaiser-Jakob-Hauses. Hier waren auch tatsächliche Abgeordnete (wie z.B. Müntefering) anwesend, die es genossen Fotos mit JuPies zu machen.

Bald darauf ging ich ins Bett.

Dienstag, der letzte Tag wurde mit der 2. und 3. Lesung begonnen. Es wurde das Prozedere erklärt und dann debattierten wir zu jedem der 4 Themen eine gute halbe Stunde. debattieren war in dem Fall dass ein Redner am Rednerpult stand, und seine (auf 2-3 Minuten gekürzte) Rede hielt und Zwischenfragen der anderen Fraktionen kamen, oder die bekannten Zwischenrufe. Abgesehen von der kurzen Redezeit war dies vier hitzige Debatten. In 3 Fällen hat sich die Regierung durchgesetzt, in dem 4. Fall hätten wir eine 2/3 Mehrheit gebraucht, die wir nicht bekommen haben, aber auch dies war eigentlich vorgesehen, denn wir wollten den Antrag auch nicht, konnten uns öffentlich aber auch nicht gegen mehr direkter Demokratie stellen. Jedenfalls wollten wir dies nicht.

Wolfgang Thierse hat zwischenzeitlich sehr rigoros zum Protokoll dirigiert. Wir waren im Zeitverzug und Herr Thierse hat dann keine Zwischenfragen mehr erlaubt, damit wir fertig werden. Auch hat er sehr strickt darauf bestanden, dass jeder nach seiner Redezeit auch zum Ende kam. Ein Abgeordneter der LRP (Liberale ReformPartei) durfte nicht einmal den letzten Satz beenden.

Um kurz nach 12 (wir waren fast pünktlich) gab es dann ein Snack und im Anschluss eine sehr beeindruckende Gesprächsrunde mit den Fraktionsvorsitzenden aller im Parlament vertretenen Parteien (CDU, SPD, FDP, Grüne, Linke). So kamen Herr Gysi, Frau Künast, Frau Homburger, Herr Steinmeier und für die CDU „nur“ der Stellvertreter Herr Kretschmar.

Herr Deppendorf (ARD Hauptstadtstudio) hat (versucht) zu moderieren. Leider kann er es einfach nicht, sondern hat selbst Fragen gestellt, die aber sich aber allersamt nur schmeichelnd um das Fraktionszusammenleben drehten. Schließlich kam der Einwurf, dass es für uns eine Fragerunde sein sollte und damit kam mehr Bewegung in die Sache. Schließlich ist ein Hinweis auf das (am Vortag beschlossene) Elterngeld gefallen, worauf Künast und Gysi nahezu ausgerastet sind und auf Frau Homburger und Herrn Kretschmar eingedroschen haben, dass hab ich noch nicht erlebt. Das war eine „noch nicht dagewesene Frechheit“. „Unglaublich“. Der Politikeralltag.

Es ging auch hier nicht um Problemlösungen, sondern um strategische Deformierung des „politischen Gegners“.

So war also nicht nur unsere 4 Tage nahezu reine Strategie, sondern auch im richtigen Politiker-Alltag läuft dies genau so. Das war erschreckend.

An tatsächlichen Lösungen haben wir NUR in den Arbeitsgruppen (2 Stunden) gearbeitet. Dann gab es hier und da noch kleine Ausbesserungen, aber nur noch sehr sehr wenig inhaltliche Arbeit.

Ich hatte den Abgeordneten „Ijon Tichy“ hinter mir gelassen und war wieder ich selbst. Gero.

Und ich war beeindruckt, all diese Erfahrungen gemacht zu haben, aber auch traurig, dass so wenig konstruktiv gearbeitet wird. Im Parlament, da wo unser aller Probleme gelöst werden sollen.

Kommentare

von: Ionette Tychy

welcome to the horrors of politics & economics….

wenn man gerne redet, kann man politik machen. wenn man aber gerne auch an dem besprochenem arbeitet, kann man sich engagieren - in der sogenannten apo (alles was nicht durch parteienfinanzierung verhunzt wird). da macht man wenigstens auch was außer machtfragen anderer menschen zu lösen….

gruß ans ende der welt,

fräulein gelb-grün hinter den ohren

von: 9er0

Ja, da magst du Recht haben - nur muss man leider auch im Parlament sitzen UND da auch noch eine Mehrheit haben um Gesetze zu machen. Das wiederum können APOs nicht. Leider.

Da kann man allenfalls wieder zum Verfassungsgericht ziehen und all das, was eben nicht Verfassungskonform ist, verbieten lassen. Damit kann man das ein oder andere Übel abwenden, aber man kann es auch nicht zum positiven wenden. Das kann man nur, wenn man sich auch auf das Machtgeschacherre einlässt.

Gruß zurück an die “Ionette” :)

von: Luise

Hallo Gero,

dein Bericht klingt sehr interessant. Hier noch einen Tipp, den ich damals von Rena erhalten habe und mir eindringlich im Gedächtnis geblieben ist:

Düstere Aussichten Vor der Afghanistan-Abstimmung verrät der SPD-Mann Marco Bülow, was Bundestagsmitglieder wirklich zu sagen haben: fast nichts.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/3658