2014


 

Depression - #NotJustSad

[Triggerwarnung: Depression und Suizid] [Disclaimer: Ich bin kein Psychologe, sondern betroffen.]

Mir war bis zum Hashtag #NotJustSad nicht klar, wie systematisch die Depression ist. Bisher hielt ich Depression für ein sehr persönliches Problem, aber das ist es nicht. Es hilft, sich nicht nur sagen lassen, nicht alleine zu sein, sondern zu sehen, wie andere Menschen exakt die gleichen Muster ausformulieren und ich mich darin wieder finde. Danke.

Vor Einsamkeit ersticken aber keine Menschen ertragen. #NotJustSad — Rapunzel. (@meerisch) November 10, 2014

Es gibt verschiedene Wege mit einer Depression umzugehen.
Eine sehr tragische ist der Suizid - der “schnelle” Exit aus der Depression.
Ein anderer ist die Psychotherapie, die deutlich länger dauert und zumindest bei mir immer wieder große Schmerzen verursacht, aber Schmerzen sind gut, denn es ist immerhin überhaupt ein Gefühl.

I rarely feel sad. I often feel empty. #NotJustSad — Gero Nagel (@zweifeln) November 11, 2014

Depression ist die Abwesenheit von Gefühl. Für mich ist sie stumpfe, graue Leere. Mit Schmerz lässt sich umgehen, mit Leere nicht. Das ist, was die Depression so schwer macht.

Es gibt wenige Dinge, die in einer akuten Depression wirklich helfen. Versuche mich aufzumuntern oder mich irgendwo hinzunehmen waren fast immer kontraproduktiv. Was mir hilft, ist nicht allein zu sein. Wissen, dass irgendwer da ist, ohne auch nur irgendwas zu tun. Und wenn es mein Mitbewohner ist, der ab und zu anklopft und fragt, ob er was tun kann. Das beste, was er tun kann, ist nachfragen und mir verdeutlichen, dass er für mich da sein will, auch wenn ich ihn gerade ablehne. Drängt eine depressive Person zu nichts, aber seid anwesend, so lange sie euch nicht explizit wegschickt.

Gut visualisiert sind Depressionen auf Hyperbole and a Half. Außerdem ist “Loving Someone with Depression” ein sehr guter Artikel zum Umgang mit depressiven Menschen.

Auf dem Barcamp des Scheiterns wurde mir deutlich, wie wichtig es ist, richtig zu scheitern. Es ist okay, wenn das Bett mehrere Tage nicht verlassen werden kann. Strenge und Druck machen die Depression nur schlimmer. Seid nachsichtig mit euch selbst und lasst das Scheitern und den Schmerz zu. Ich glaube, das hilft akute Depressionen zu vermeiden.

Bild: CC-BY-NC-ND 4.0 robot-hugs.com

 
 

Der Tag wird kommen.

“Du weiß nicht, wie das ist, wenn man immer eine Maske trägt.”

Ich bin schwul und es sollte keiner Rolle spielen. Inzwischen lebe ich in Berlin und es spielt fast keine Rolle mehr. Aber ich bin auf dem Land aufgewachsen, da wo es doch eine Rolle spielt. Da, wo du für deine Sexualität manchmal eben gehasst, gemobbt, geschlagen, getreten, erniedrigt und bedroht wirst. Da wo es vorkommt, dass Kindheitsfreunde sich von dir abwenden, weil sie von deiner Sexualität erfahren. Da, wo du niemanden erzählen kannst, dass du am Versuch gescheitert bist, dir das Leben zu nehmen, weil auch das nur weiteren Hass herbeiführen würde.

In dieser Welt versuchte ich lange unentdeckt und möglichst “hetero” zu bleiben. Es ist das Leben, in dem ich mich vor mir selbst ekelte, weil ich nicht mal zu mir selbst ehrlich sein konnte. Es ist das Leben, in dem du dir einredest, es wäre nur eine “Phase” und würde vorbei gehen. Es ist das Leben, in dem du dich versteckst und verkriechst und dich allein bei dem Gedanken an deine Sexualität schlecht fühlst. Es ist ein Leben in versuchter Anonymität.

Immer wieder dient dieses Leben als Beispiel, warum Anonymität so wichtig ist. Und doch ist es falsch. Es gibt viele gute Gründe für die Anonymität. Dass sich Menschen vor sich selbst ekeln, weil sie nicht sein können, wer sie doch sind, ist es nicht. Erklärt Homosexuellen nicht, dass sie sich verstecken sollen. Erklärt ihnen, dass sie stolz sein sollen, weil sie überlebt haben. Erklärt ihnen, dass sie Vorbilder sind und manchmal auch als Helden angesehen werden, weil sie es geschafft haben eine Welt zu erschaffen, in der sie offen leben können.

Viele trauen sich nicht sich zu outen und es ist wichtig sie nicht zu zwingen. Aber damit Homosexualität normal wird, darf die Gesellschaft die Homosexualität nicht verstecken. Die eigene Sexualität ist nichts, was versteckt gehört. Sie ist ein Teil von euch, versteckt euch nicht dafür.

Pro Homo.

 
 

Über Neutralität und Fairness

Ziel: Gerechtigkeit. Sowohl Neutralität als auch Fairness haben einen Anspruch darauf gerecht zu sein und niemanden zu bevorteilen oder zu benachteiligen. Und doch gibt es einen großen Unterschied, ob ich mich zu einem Konflikt neutral verhalte und mich nicht einmische, oder ob ich einer Konfliktseite beistehe und Position beziehe.

Auf dem 30c3 gab es den Talk “No Neutral Ground in a Burning World” von @quinnnorton und @dymaxion, in dem sie sehr gut erklären, wo das Problem der Neutralität liegt:

Neutralität ist häufig der Vorwand, sich nicht um ein Problem zu kümmern und Ungerechtigkeiten geschehen zu lassen. Neutralität kann keine moralische Instanz sein (wie auch die FDGO nicht als moralische Instanz funktioniert).

Auf dem Landesparteitag der Piraten Bremen haben ich als Versammlungsleitung einen Homophobie verharmlosenden Redebeitrag angemahnt und damit die absolute Neutralität als Versammlungsleitung verletzt und ein Stück weit Position bezogen, indem ich den Redebeitrag bewertet habe. Die Person konnte meine Mahnung nicht nachvollziehen und wollte lieber die Mahnung als die laufenden Beratung eines Satzungsantrages diskutieren. Weil sie auch auf mehrfache Anordnung dies zu unterlassen und dem Angebot, ihm das gerne später zu erklären, nicht nachkam, habe ich meine Machtposition als Versammlungsleitung genutzt und die Person der Versammlung verwiesen. (In der Hoffnung, dass Ruhe einkehren würde und der Parteitag weiter gehen würde. Tat er nicht. Es gab Tumult und schließlich haben wir den Parteitag auf Sonntag vertagt, damit sich alle wieder beruhigen können.)

Immer wieder denke ich darüber nach, ob ich damit meine Befugnisse als Versammlungsleitung überschritten habe und ob meine Handlung richtig war. Und ja, ich glaube, es war richtig nicht neutral, sondern fair zu sein - gerade aus der Verantwortung heraus einer Machtposition, wie sie die Versammlungsleitung nun einmal ist.

Neutralität ignoriert den Konflikt. Aber wenn ich meine Augen verschließe, verschwindet der Konflikt nicht. Seid im Zweifelsfall besser fair als neutral.

 
 

Digitales Vergessen

Ich finde Vergessen doof. Dauernd vergesse ich irgendwas. Ganz besonders häufig vergesse ich Namen. Was bin ich glücklich, wenn ich auf meinem Telefon nachgucken kann, wie die Person denn heißt, wenn ich sie schon das fünfte mal treffe. Erinnern bereichert mein Leben. Und weil mein Gedächtnis immer wieder Dinge vergisst, bin ich glücklich, dass es Technologien gibt, die mir beim Erinnern helfen. Fotos z.B. Oder eben Suchmaschinen.

Und schon heute nervt es mich, wenn ich alte Blogposts lese und die Links darin nicht mehr funktionieren. Teils weil CMS’ umgebaut wurden, teils weil Internetseiten doch immer wieder vom Netz genommen werden. Ganze Social Networks sind im Nirvana verschwunden. Das Internet vergisst eben doch.

Es gibt also durchaus ein “vergessen werden” im Internet. Fraglich bleibt, ob es noch ein Recht auf Vergessenwerden braucht. Ich glaube diese Regelung ist zu viel vergessen, denn vergessen hilft der Menschheit nicht. Ich will, dass wir uns möglichst gut erinnern können, denn ich bin überzeugt davon, dass mehr Wissen die Menschheit weiter bringt.

Das Recht auf Vergessenwerden halte ich für kontraproduktiv.

 
 

Goal wanted

I don’t know what my goal is. What I work for. What I want to do.

In December 2013 my dad past away and with him the centre of my family disappeared. In May 2013 I stepped back as a board member of the Berlin Pirate Party and in August 2013 I quit my job at a TV-Production. In June 2014 I started working for a NGO, and I quit in July again. I feel, I’m not doing anything and I guess I’m simply missing a goal. I tried pulling out old goals, but that doesn’t really work neither.

I have experience in quite a range of things (from growing up on a farm in rural Germany, working as a bike courier, for a TV-Production, several NGOs and political parties to studying philosophy, cognitive science, maths, computer science and culture studies) but none of this feels like it may give me a goal again. So I’m looking for a new one. Something that makes my get out of bed in the morning.

In 2009 I went to Australia as a gap after I left school. In that time I noticed I like reading about net politics more that surfing at awesome Australian beaches. I came back to Germany and got involved into net politics. First at NGOs, later in political parties. Until than everything was somehow pretty good. I struggled on a goal before moving on from NGOs to political parties (first an internship at the green party, later as a board member of the pirate party). I had goals to fight for and I had a team to fight with.

Now after my missed chance to get back to net politics I noticed, I don’t really see my goal in net politics anymore. Maybe I just learned to much about how politics and the world is working, maybe I’m just bored about the same topics again and again not seeing any real progress.

I noticed I need a goal. I still study culture studies at the distance university of Hagen and I really like these studies, as there are pretty interesting, but I’m missing my goal there. The obvious goal is the degree, but I’m not really studying for the degree. Actually I miss the bigger picture. A degree is mainly a step to somewhere and I don’t know where I want to step to. I guess that is the reason why I didn’t really focus on my studies for the past year. I’m missing the goal in there.

In October I want to travel again (first: hitch-hiking to Istanbul), as travelling helped my in 2009 to discover what I wanted. Now I hope that will work again. And I’m blogging these Ideas, as I noticed blogging Ideas makes my thoughts more complete and maybe someone has even some Idea how I can figure out, what may give me a goal again to make me drive for something. Or someone has some Ideas where to travel to or what job to try. Or any other recommendations.

(Sorry for blogging in English. Sometimes it feels easier that way. And please correct my faults, as I’m not a native speaker :) )

Kommentare

von: Gero

Right now I have the goal openmind and that works pretty good for now. It keeps me busy with tasks I like a lot - and I still have the feeling there is somehow a bigger picture behind that conference and that bigger picture feels good.

Like, I don’t do it for the conference itself. I do it for knowing lots of people caring about how the future society may look like. These people are working hard on achieving that better society. This is what makes me go right now.

How it is a week after the conference, I have no clue. But I’ll find out soon :)

von: Stephan

Lieber Gero,

Die Reise “Netzpolitik” mag beendet sein, aber die Abenteuer gehen weiter. Ich hoffe, du findest was du suchst - aber am Ende werden wir doch von etwas gefunden :)

Alles Gute, Stephan

von: Kia

Do you really need a goal? Like one of these massive, big, golden arches that you strive to?

I would more think you need a path and some incremental, small, and achievable goals. The big ones don’t happen overnight, as you rightfully said - you travelled for a year to find one. Looks like currently looking at the immediate things, as painful as they are, makes more sense. Once hey are done, search your goal. Purposefully float for a while.

 
 

Wie sieht der Plan aus um Überwachung zu beenden?

Vor knapp einem Jahr erzählte uns Edward Snowden von der globalen Überwachung. Wir werden alle überwacht. Und jetzt?

Gefühlt empören sich weite Teile des Internets seither über die Überwachung. Es wird protestiert und gemeckert, aber ich sehe keinen Plan. Es gibt Demonstrationen und weitere Demonstrationen werden geplant. Es gibt Untersuchungsausschüsse in Parlamenten, die untersuchen sollen, die wichtigen Informationen aber auch nicht kriegen.

</img> (Unterlagen, die der Untersuchungsausschuss im Herbst von der NSA zum “aufklären” bekam, via @ThomasOppermann.)

Wir haben Regierungen, die sich so künstlich empören, dass klar ist, dass sie seit langem davon wissen und keinerlei Handlungsbedarf sehen. Wir, die selbsternannte “Internetlobby” sind uns einig, dass die Überwachung aufhören muss.

Wie sieht der Plan aus, um Überwachung zu beenden?

Es gibt viel Empörung und wird viel Transparenz und Aufklärung gefordert. Selbst wenn wir all dies bekommen, heißt das noch nicht, dass die Überwachung aufhört. Ein knappes Jahr nach den Enthüllungen sehen wir, dass die Empörung alleine nicht reicht. Wir brauchen einen Plan. Vielleicht gibt es schon gute Pläne, dann wüsste ich davon gerne, denn ich wäre gerne Teil eines geplanten Anti-Überwachungs-Widerstandes, aber Empörung und blinder Aktivismus allein helfen nicht. Wenn es diesen Plan nicht gibt, lasst uns einen entwickeln. Lasst uns treffen und einen großen Plan entwickeln. Wer macht mit?

 
 

Lobbyismus hilft nicht gegen Machtmissbrauch

Sascha Lobo schlägt auf der re:publica vor, Netzaktivismus besser zu finanzieren und die Politik stärker zu lobbyieren, damit wir eine bessere Netzpolitik bekommen.

Er ruft zu einem Kampf gegen die Überwachungs-“Feinde” auf. Dieser Plan, dieser Kampf wird scheitern.

Ich lobbyierte selbst einige Zeit deutsche und europäische Politik - gegen die Vorratsdatenspeicherung. Gesetzesvorhaben können lobbyiert werden. Wie aber werden selbstermächtigte Geheimdienste lobbyiert? Ihre ‘Stärke’ besteht darin, dass sie sich nicht demokratisch kontrollieren lassen.

Gegen Vorgehen, die nicht mal in Parlamenten diskutiert werden, kann nicht lobbyistisch vorgegangen werden. Wer soll wie lobbyiert werden? Was Sascha Lobo eigentlich will, ist direkter Einfluss auf die Regierung, denn wenn es irgendwo die Macht gibt, Geheimdiensten Einhalt zu gebieten, dann auf Regierungsebene.

Es geht dabei auch nicht um Netzpolitik, sondern um Politik. Es geht um Macht. Geheimdienste sind dafür geschaffen worden zu überwachen. Das lässt sich nicht mit Reformen beenden. Es geht nicht darum, dass Merkel das BKA zähmen soll, es geht darum für eine Gesellschaft zu kämpfen, die Überwachung nicht braucht. Es geht nicht um das Internet, sondern um Menschen. Es geht nicht um TTIP oder ACTA, sondern darum, wie wir das grundsätzliche Zusammenspiel von Individuum, Gesellschaft und Staat gestalten. Dieser Kampf wird nicht in Parlamenten entschieden, die wir lobbyieren können, sondern in der gesamten Gesellschaft.

Wenn wir aktiv werden, müssen wir das große Bild vor Augen haben. Wir können Regierungen und Geheimdienste nur angreifen, indem wir eine neue Welt gestalten, in der es keinen Platz mehr für Geheimdienste gibt. Lasst uns diese Welt gestalten!

 
 

Warum das mit der Netzpartei falsch ist

Netzpolitik ist unterkomplex. Es geht nicht um Netzpolitik, es geht um Politik. Das Internet ist ein sehr spannendes Phänomen und bedarf einer guten Regulierung. Da hinein gehören Datenschutz, das Unterbinden von Zensur und Netzneutralität. Das Phänomen Internet stößt sich am derzeitigen Urheberrecht, so lässt sich auch da eine Reform fordern.

Damit ist das Internet aber nicht politisch abschließend behandelt. Das Internet drängt auch in Bildungs- und Sozialpolitik, in Wirtschaft- und Medizienpolitik. Aus der technischen Erneuerung “Internet” folgen weitere Phänomene wie dem “Peak Labour”. Das Phänomen “Internet” lässt sich nicht ohne die Gesellschaft denken, die es nutzt und prägt. Politische Forderungen können nicht am Netzwerkkabel enden. Es gibt auch kabellos Internet. Und es gibt auch Menschen ohne Internet. Wir müssen Politik umfassend denken.

Lange haben wir uns unsere eigenen Untergrund gebaut “im Internet”. Wir müssen erkennen, dass es diesen Untergrund nicht mehr gibt und Politik komplexer ist, als nur seine Spielwiese zu verteidigen. Es ist richtig und gut komplexere politische Forderungen zu entwickeln und zu vertreten.

Kommentare

von: Gero

Ich habe keine Idee, wie wir langfristig Handelsabkommen unterbinden wollen, die auf das Internet negativ auswirken, ohne eine neue Wirtschaftspolitik zu konzipieren.

von: @buntomat

Jetzt stellt euch nur einmal den Vorstand einer solchen Netzpartei vor, die versucht mit Hilfe des Internets Politik zu machen, aber die Regeln des Internets nicht verstanden hat bzw. diese ständig missachtet. Dieser Vorstand würde vermutlich versuchen, den durch das Internet entstehenden Kontrollverlust zu begrenzen, in dem es Macht auf seine Mitglieder ausübt, um die Partei auf eine Linie zu bringen. Das wird nicht gelingen, weil die Regeln im “Digitalen Zeitalter” nun mal ganz andere sind.

Nur gut, dass es keine Netzpartei gibt.

von: Tobias C.

Hi, der schöne Unterschied zwischen kompliziert und komplex ist, dass ich das Komplizierte, auch wenn ich mir u. U. viel Mühe bereitet, vollständig erklären kann. Dies kann im Komplexen nie klappen. Hier bin ich gezwungen, modellhaft zu denken und zu vereinfachen.

Du kannst zu recht darauf hinweisen, dass da “im Internet” alles mit allem zusammenhängt. Nur ist es dann leider so: Wenn ich weiß, dass alles miteinander zusammenhängt, weiß ich letztlich nichts!

Wenn wir uns also nicht in die Reihe einer Politik vom alten Schlag einreihen wollen, dass heißt in die Schlange von nichts genau wissenden Generalisten, halte ich es für völlig legitim, sich auf Kernbereiche zu konzentrieren. Wir sollten uns zuvörderst da bewegen, wo wir glauben, echte Fragen und Probleme identifiziert zu haben, zu denen wir den Menschen echte Antworten liefern können.

Alles andere ist Zusatz, bei dem wir demütig annehmen sollten, dass die Generalisten anderer Parteien genauso falsche wie richtige Antworten liefern können, da sie die Komplexität nicht besser oder schlechter verstanden haben werden, wie wir.

 
 

Piratenpartei - Postdemokratie

Seit Wochen wird in der Partei gesülzt. Dieses Gesülze (allem voran die Überbewertung der FDGO) ist im platonischen Sinne leer.

Die Begrifflichkeiten, die genutzt werden dienen nur als gut klingende Superlative. Es ist häufig unklar, was die Begriffe überhaupt bedeuten. Die Aushöhlung von Begriffen ist ein fundamentaler Pfeiler der Postdemokratie im Sinne von Colin Crouch.

Was also seit Wochen in der Partei diskutiert wird ist leer, weil bedeutungslos, und führt in die Postdemokratie.

Es geht nur noch um Superlative und Wichtigtuerei. Es geht darum noch krassere Begrifflichkeiten zu finden (“Stalinismus” & “Nazi”).

Diese “Diskussionen” sind keine Diskussionen. Philosophisch ist es nicht mal ein Dialog. Es findet keine Vermittlung statt. Es ist leer, wie Merkels Null-Phrasen.

Das ist es, wo die Piratenpartei angekommen ist. Wollt ihr das?

Wenn nicht: lasst es. Lasst das leere Diskutieren sein. Denkt darüber nach, welche Begriffe ihr nutzt. Denkt die Begrifflichkeiten nach. Ihr müsst keine Neuen erfinden, es reicht, wenn ihr die Gedankengänge vorheriger Denker nachdenkt. Ohne Denken gibt es keinen Dialog. Wir waren mal die, die “Denkt selbst!” plakatierten. Es wäre schön, wenn zumindest “Denkt nach!” in der Partei funktionieren würde.

P.S.: Im Übrigen wird die FDGO gerade ausgehüllt. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit eurer Empörung, richtet sich doch bitte dahin.

Kommentare

von: Gero

Ich schrieb auch nicht, dass in der Partei *nur* gesülzt wird. Klar gibt es auch komplexere Argumentationen, derzeit aber extrem viel Übergeneralisierung, unzureichende Verkürzungen und leere Phrasen.

von: SD

Es werden ja nicht nur Schlagworte benutzt. Ich schätze mal der Eindruck entsteht, da z.B. auf Twitter aufgrund der Zeichenbeschränkung komplexe Sachverhalte oft zwangsweise in (auch nicht immer 100% passende) Schlagwörter gefasst werden müssen. Und da diese häufig auch Reizwörter sind, bleiben sie eben eher im Gedächtnis, als ausführlichere Darlegungen.

Was den Stalinismus angeht, kann ich das nicht genau aufklären. Ich verwende den Begriff nicht, weil ich ihn unpassend finde. Mein “educated guess” wäre allerdings, dass es sich auf die politische Verfolgung von Abweichlern von der reinen kommunistischen Lehre zu Zeiten Stalins bezieht. Offenbar empfinden einige den Umgang mit Leuten, die sich nicht das von sehr links orientierten Parteimitgliedern gewünschte Verhaltensschema aneignen wollen, so. Wohlwollend könnte man es wohl als Stilmittel der Übertreibung, um einen Punkt zu machen, einordnen. Sonderlich konstruktiv finde ich den Begriff allerdings nicht. Wenn du es genau wissen willst, wirst du jemanden fragen müssen, der den Begriff verwendet.

von: Gero

Wenn nur Schlagworte benutzt werden - ohne es jemals konkret zu machen - schon. Aber vielleicht magst du mir ja erklären, was genau mit dem “Stalinismus”-Vorwurf gemeint sein soll? Was ist das denn? Stalinismus?

von: SD

Nur weil dir nicht klar wird, was andere zu sagen versuchen, ist es noch lange nicht “leer”.

 
 

FDGO-Rant

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist gut. Das Grundgesetz ist gut. Eine Überbewertung sollte trotzdem nicht stattfinden.

Seit Tagen geht die durch meine Timeline. Gestern kurzrantete ich dazu unterkomplex (und löschte ihn deshalb später wieder), heute ausführlich.

Schon interessant der Rückgriff auf Gesetze als letzte moralische Instanz.— OA (@oasenrasen) March 12, 2014

Die Forderung, dass die Piraten sich auf die FDGO besinnen sollen, ist quatsch. “Wir” sind die Grundrechtspartei. Mehr FDGO geht nicht. Es ist sogar wichtig, davon einen gewissen Abstand zu waren, denn eine Überbewertung führt dahin, was die FDGO selbst verhindern soll: den Totalitarismus.

Totalitarismus ist der Zustand den eine Gesellschaft einnimmt, wenn alles Handeln der gesamten Gesellschaft sich einer “totalen” Ordnung unterwirft.

Um Totalitarismus zu verhindern, ist es wichtig, einer Gesellschaft Rückzugsräume zu lassen. Um Totalitarismus zu verhindern ist es wichtig, dass Menschen sich ins Private zurückziehen können und auch anonymes handeln muss möglich sein. Das ist der Grund, warum wir uns gegen Totalüberwachung wehren. Totalüberwachung (wie z.B. die Vorratsdatenspeicherung) sorgt dafür, dass eine Gesellschaft ihre Rückzugsräume verliert und eine Ordnung sich “totaler” auf die Gesellschaft auswirkt. Dies gilt es im Sinne der Demokratie zu verhindern.

Wer auf einer einzelnen Rechtsordnung (wie der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung) einen gesamten Staat begründet, wird einen totalitären Staat begründen.

Das Rechtssystem im Rechtsstaat ist ein gemeinschaftlich ausgehandeltes System und gilt mittels Verfassung (Grundgesetz) für alle Menschen, also auch für die, die konkrete Rechtsnormen ablehnen.

Moral ist die innere Freiheit eines Menschen. Moralische und rechtliche Gesetze können unterschiedliche Handlungen schlussfolgern. “Im Zweifel für die Freiheit” und “Im Zweifel für die Pluralität der Meinungen” bedeutet, dass die moralische Handlung im Zweifel richtig ist und über der Handlung der Rechtsnorm steht.

Etwas polemisch, aber sehr schön hat dies @jselzer auf der Sigint 2012 ausgeführt (ab 22:08):

Es geht nicht um das Gesetz, sondern um die Gedanken, die ins Gesetz einst eingeflossen sind. Es ist in Ordnung, sich im Zweifel darauf zurück zu ziehen, aber die Welt verändert sich und Gesetze müssen anpassungsfähig bleiben. Wenn kein Zweifel besteht, sondern ein ernsthaftes Problem, ist es wichtig, sich nicht der Gesetzestreue zu unterwerfen, sondern das moralisch Gute zu tun.

Kommentare

von: Gero

Stimmt, my bad. Ich hab’s raus genommen.

Worauf ich eig hinaus wollte, ist das der FDGO eine Regelung fehlt, die eigene Perversion zu unterbinden - was in Widerstand gegen die FDGO enden muss. Es lässt sich verargumentieren, dass das Beseitigen natürlich auch in der Perversion besteht (wie gerade Geheimdienste derartige Persionen sind), aber das derailt den Punkt und führt selbst zur Überbewertung.

von: Stefan

Das Widerstandsrecht gilt ja gerade nur dann, wenn die FDGO beseitigt werden soll. Wo du gerade reklamierst, Begriffe richtig zu gebrauchen. #justsaying

von: lawgunsandfreedom

Den 20/4 kann man in der Pfeife rauchen. Warum, das habe ich hier gebloggt (2. Hälfte des Textes): http://lawgunsandfreedom.wordpress.com/2013/09/13/gewaltmonopol-und-die-paragraphen-32-35-stgb/

von: lawgunsandfreedom

Nix gegen das Grundgesetz und die FDGO (im Gegenteil), aber wie wäre es mal mit einer echten Verfassung, in der man die inhärenten und teilweise historisch gewachsenen Fehler ausbügeln und weglassen könnte?

 
 

Philosophiezirkel Postkante

Kant, der wohl bekannteste deutschsprachige Philosoph, ist uns zu wenig. Deshalb sind wir Post-Kant. Und weil wir ein wenig grotesk sind, sind wir Postkante.

Wir wollen philosophieren und laden dazu ein, mitzuphilosophieren. Wir wollen einen regelmäßigen Turnus haben, in dem wir uns Treffen. Am Ende jedes Treffen wird das Thema für das nächste Treffen festgelegt (und auch über die Mailingliste kommuniziert), damit sich alle zum nächsten Treffen vorbereiten können. Ein kurzes Referat soll das Thema vorstellen und anschließend diskutiert werden.

Außerdem haben wir vor, Themen in Blöcken zu bearbeiten, sodass mehrere Treffen hintereinander aufeinander aufbauen, bevor wir ein komplett neues Thema angehen wollen.

Das nächste Treffen wird am Montag, 17.03 um 19.00 Uhr in der Stiftung Johanneum, Tucholskystraße 7, 10117 Berlin, stattfinden. Thema wird die Letztbegründung von Ethik im Allgemeinen und die Letzgebründung in der Diskursethik nach Karl-Otto Apel im Speziellen sein.

Wir haben eine Mailingliste eingerichtet, um Termine und Themen zu kommunizieren. Wenn ihr mitmachen wollt, tragt euch in die Mailingliste ein und kommt vorbei!

[update 2014-03-05] Der Termin am 17.03 bedeutet übrigens nicht, dass zukünftig alle Treffen am Montag stattfinden, sondern ist der nächste Termin, der den Gründungsmitgliedern passte. Der regelmäßige Termin wird ausgedoodelt werden. [/update]

 
 

Wandel

“Change!” - Obamas Wahlkampfmotto hat sich weit verbreitet. Überall fordern Menschen Wandel, dabei ist die Forderung nach “Wandel” falsch. Wandel alleine sagt nichts aus. Wandel lässt sich nur für konkrete Vorhaben fordern. Ein Wandel in der Asyl- oder Wirtschaftspolitik ergibt Sinn. Wandel alleine ist unvollständig. Wandel im ganz Großen gibt es nicht einzeln. Wandel ist immer, denn irgendwas verändert sich immer. Diesen Wandel zu fordern ergibt keinen Sinn. Politik muss nicht vorgeben, wie sich die Welt zu verändern hat, sondern muss den Rahmen schaffen, wohin sich die Welt verändern kann. Politik kann nicht auf jede einzelne Entscheidung eingehen, sondern muss immer die großen Gesellschaftsänderungen beobachten und darauf reagieren. Den Wandel fordert, wer selbst agieren will und das große System verändern will, denn alles andere passiert aus der Eigendynamik der Gesellschaft her und braucht keine grundlegend neue Politik. Dann muss Wandel aber wirklich konkret werden. Was genau soll sich verändern? Es ist eine leere Phrase nur den “Wandel” zu fordern, ohne zu sagen, welchen. Wir, die Piratenpartei, fordern immer wieder den “Wandel”, aber niemand weiß, was genau damit gemeint ist. Wir werden selten konkret oder verbleiben nur in der Reaktion und fordern eine Anpassung vorhandener Gesetze. Wir fordern oft, dass sich Gesetze wieder auf die Grundrechte im Grundgesetz rückbesinnen sollen. Diese Forderung kann kein Wandel sein. Es ist eine Reaktion auf eine veränderte Welt, aber kein Wandel, der grundlegend die Politik verändert.

Der “digitale Wandel” ist kein Wandel. Es gibt einen technologischen Fortschritt, der auf die Gesellschaft Auswirkungen hat. Der technologische Fortschritt hat kein Anfang und kein Ende - beides ist notwendig für den Wandel. Erst wenn anhand dieses Fortschrittes ein neues Gesellschaftskonzept entwickelt wird, ist es ein konkreter und umsetzbarer Wandel. Wenn wir (Piraten) einen Wandel fordern, beziehen wir diesen im Allgemeinen auf den technologischen Fortschritt. Der Wandel muss also ein konkretes Gesellschaftskonzept beinhalten. Dieses Konzept spiegelt sich in vielen unserer Anträge wieder, aber wurde nie ausformuliert. Der Wandel, den wir fordern muss auch Phänomene wie Peak Labour beinhalten. Alles, was aus dem technologischen Fortschritt absehbar ist.

Ich denke darüber nach dieses Gesellschaftskonzept mal auszuformulieren und in ein Buch zu schreiben. Was haltet ihr davon? (Vielleicht schreibt ja @mspro gerade dieses Gesellschaftskonzept in “Das Neue Spiel”, aber gefühlt ist seine Konzeption doch eine andere.)

 
 

Statement

Ich habe gestern Abend ein Statement geschrieben:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die demokratische Willensbildung darf niemals unterdrückt werden. Die Menschen sind der Souverän. Regierungen und Verwaltungen sind eine Dienstleistung für Menschen, um ihnen die Möglichkeiten zu geben, sich selbst zu organisieren. Es widerspricht dem Gedanken der Demokratie zutiefst, sich gegen diese Menschen zu stellen. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Wenn sich die Staatsgewalt gegen die Menschen stellt, ist die Grundlage der Demokratie zerstört. Im Zweifel für die Freiheit. Im Zweifel für die Pluralität der Meinungen. Wir fordern dazu auf, anhand dieser Grundsätze tiefgehende Demokratisierungsprozesse einzuleiten und alles Handeln der Exekutive streng demokratisch zu kontrollieren. Im Übrigen hassen wir Faschismus.

@tollwutbezirk und ich wollten ein Statement zu den Protesten auf dem Maidan schreiben. In einem Piratenpad. Halbfertig ging das Pad in den Orgastreit. Dann schrieb ich ein neues Statement. Es wurde genereller. Es ist ein Statement, dass sowohl Janukowitschs Rücktritt fordert, als auch klar macht, dass wir uns mit den Demonstrierenden solidarisieren und uns gleichzeitig von den ebenfalls dort demonstrierenden Nazis distanzieren.

Es ist auch ein Statement zum #Bombergate: “Im Zweifel für die Freiheit. Im Zweifeln für die Pluralität der Meinungen”.

Meinung ist eine politische Äußerung im bereich der qualifizierten Freiheit. Meinung ist ein Vorschlag, wie die Welt besser sein könnte. Meinung ist nur so lange Meinung, wie sie nicht tiefgehend in das Leben eines anderen Menschen eingreift. Mobbing, Verleugnung, Beleidigung ist keine Meinung.

Ich schrieb im letzten Mai: Piratenpratei - fail by design. Ich muss mich korrigieren. Ich erkenne kein Design. Ich erkennen nur noch fail. Die Piratenpartei ist eine Akkumulation von Antipattern - von Ansammlungen, wie es nicht gemacht werden sollte. Und ich habe keine Ahnung, wie sich dies beheben lässt.

Die Partei arbeitet fast ausschließlich mit Ehrenämtern. Es gibt keine Möglichkeit ehrenamtlich tätigen Personen gegenüber Weisungen zu geben und Konsequenzen zu ziehen. Diese Ehrenämter sind unsere Regierung und die drehen gerade durch - und wir haben keine Möglichkeit sie wieder einzufangen. Womit soll der BuVo der IT denn drohen? Die IT hat den BuVo in Geiselhaft genommen - aber die IT haben wir nie gewählt, geschweige denn, dass wir (die Basis) ihnen gegenüber weisungsbefugt sind. Wir brauchen auch intern die Demokratisierungsprozesse unter strenger demokratischer Kontrolle.

Die Piratenpartei ist nicht arbeitsfähig. Einzelne Mitglieder können einzelne Themen bearbeiten und erzeugen damit regelmäßig wirklich gute Aktionen, aber die Partei als Struktur ist zerstört. Es geht nicht mehr.

Kommentare

von: Gero

Antipattern.

von: Sebastian

An der Pluralität der Meinungen scheint es gerade nicht zu mangeln. Ich kann viele verschiedene Meinungen wahrnehmen. Die Frage ist halt, ob da auch eine konsensfähige dabei ist. Ich vermisse da auf beiden Seiten die Bereitschaft, das jeweilige Gegenüber als legitimen Gesprächspartner mit legitimen Gründen für die jeweilige Meinung anzuerkennen.

Organisations- bzw spieltheoretisch ist das Problem wohl, dass die “Pöbelstrategie” gegenüber der “kollaborativen Strategie” zur Zeit erfolgversprechender ist. Damit werden mittelfristig alle Spieler entweder diese Strategie wählen oder aber aus dem Spiel ausscheiden.

Um diesem Antipattern entgegenzutreten, müsste man die Spielregeln so ändern, dass die Pöbelstrategie weniger erfolgsversprechend wird. Das kann nur dadurch passieren, dass die Basis konsequent diese Strategie ächtet. Wer auch nur ansatzweise shitstormt, darf nicht gewählt werden. Idealerweise auch nicht retweetet, nicht gefolgt, nicht gefavt, kein gar nichts. Da ist es auch egal, ob ich den Pöbler als “meinem Lager” zugehörig empfinde. Dieser Erkenntnisprozess wird wohl noch etwas dauern.

Es gibt demnächst auf der LMVB die Möglichkeit dazu, bei der Wahl auf die bisherigen Kommunikationsformen der Kandidierenden zu achten. Das sollte man tun.

von: @FBMri

Ist die Tatsache, dass die (verantwortlichen) Berliner Piraten ihre Support für LQFB-Plattformen quasi eingestellt haben eigentlich auch #Orgastreik?

von: Gero

Ja.

von: nicht lesen

naja wer hat denn den buvo gewählt? einige privilegierte mit genügend zeit und geld.

 
 

Peak Labour

Die SPD will also Netzpartei werden. Nun ja, nur zu, denn Netzpolitik wird als solche verschwinden. Wir (die bisherigen Netzpolitiker) haben mit “Netzpolitik” einen deutlich zu kleinen politischen Bereich bearbeitet. Wir haben den digitalen Wandel unterschätzt. Wir müssen nochmal von Vorne anfangen und die Skala vergrößern.

Der digitale Wandel wird alles verändern.

Unsere anfängliche Idee, uns um das Internet kümmern zu wollen und um die Probleme, die direkt mit der Nutzung des Internets zusammenhängen, ist zu klein. Wir müssen auch alle Veränderungen mitdenken, die mittelbar durch das Internet entstehen. Wir können uns nicht auf Netzneutralität, Datenschutz und Urheberrecht begrenzen. Wir müssen auch Wirtschafts- und Arbeitspolitik mitdenken. Wir müssen auch Verkehrspolitik und Gesundheitspolitik bedenken. Und das größte Problem, dass der digitale Wandel mitbringt ist nicht der Wandeln von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft, sondern das größte Problem ist, dass wir der digitale Wandel die Industriegesellschaft abschaffen wird, ohne neue Gesellschaftsformen zu bilden, die den vielen Menschen Arbeit gibt. Das größte Problem ist, dass sich die Gesellschaft so nachhaltig verändern wird, dass es für viele Menschen keine Arbeit mehr geben wird. Es ist nett, dass die SPD jetzt anfangen will, sich auch um das Internet zu kümmern, aber die SPD ist leider zu spät. Die Lösungen für das Internet haben wir schon seit 5 Jahren. Wir brauchen jetzt eine Politik, die sich mit dem Peak Labour beschäftigt. Wir brauchen jetzt Lösungen, wie wir mit der gewaltigen Massenarbeitslosigkeit umgehen werden, die uns in der Zukunft bevorsteht. Die Politik muss jetzt die Lösungen finden, wie Gesellschaft ohne Arbeit aussehen soll. Der bisherige Gesellschaftsvertrag hat ausgedient. Und das nicht nur, weil die Bevölkerung immer älter wird, sondern auch, weil immer weniger Menschen in der Bevölkerung von ihrer Arbeit leben können. Mindestlohn ist eine gute Idee, aber auch die funktioniert nur so lange, es überhaupt Arbeitsplätze gibt. Unsere Arbeit wird aber zunehmend mehr von Maschinen übernommen. Es ist eine Frage, wie wir mit diesem Fakt umgehen, nicht, wie dieser Fakt genau aussehen wird. Es ist eine Frage, ob wir die Bevölkerung in überholte Gesellschaftsverträge pressen wollen, oder ob wir es uns wagen neue Gesellschaftsverträge anzugehen. Wenn die SPD jetzt Netzpolitik gestalten möchte, kommt sie 5 Jahre zu spät. Wir können nicht mehr alleine über Netzpolitik reden, wir müssen neue Gesellschaftsideen diskutieren, die den digitalen Wandel umfassend mitdenkt. Und es gibt da ja durchaus Ideen, wie das bedingungslose Grundeinkommen, das lange noch nicht ausdiskutiert ist, aber immerhin eine Idee ist, die vielleicht funktionieren könnte. Wenn die SPD sich nun also endlich mit dem digitalen Wandel beschäftigen möchte, muss sie das auf einer größeren Skala machen und sich selbst und ihre Grundwerte grundsätzlich hinterfragen. Die Labour-Bewegung neigt sich zum Ende. Die Sozialdemokratie als Arbeiterbewegung hat ausgedient. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, keine neue Netzpolitik. Die haben wir schon.

Kommentare

von: Philip

Sehr guter Gedanke, den digitalen Wandel einmal nicht aus dem Blinkwinkel eines Netzwerk-Administrators zu betrachten. Ich denke, dass die digitale Welt durchaus eine neue Art von prekärer Arbeit schafft, das nennt man dann Crowdfunding oder Human Intelligence Tasks. Amazon lässt grüßen: www.mturk.com. Das Problem: bei der “selbstständigen” Heimarbeit am Computer gibt es keine Gewerkschaften und keinen Mindestlohn und schon gar keine internationalen Regeln. Die Konzerne schaffen – wie üblich – schneller Tatsachen, als die Politik da geistig mitkommt. Die Welt wird sich rasant verändern, da gebe ich Dir recht. Aber die Menschen werden nicht auf der Straße sitzen und jammern, sondern sie werden sich Ihren Hungerlohn im Internet zusammendaddeln. Das Problem wird nie mehr die Arbeitslosigkeit sein, sondern die Ausbeutung von Billiglöhnern und die Aushöhlung der sozialen Netze.

 
 

Ich weiß nicht weiter

Dies ist ein Depressions-Blogpost in Anlehnung an das Lied von hier an Blind der Helden. Mir geht es schlecht und ich weiß nicht weiter und weil ich nicht weiter weiß schreibe ich mal auf, wo ich nicht weiter weiß. Vielleicht wird es konfus. Meine Probleme sind multikausal und komplex. Meine Mutter müsste mehrfach erwähnt werde, die ich aber explizit nicht erwähne, um die Thematik etwas zu vereinfachen.

Mein Vater wurde Anfang letzten Jahres krank. Als absehbar wurde, dass es sich um einen längeren Krankheitsprozess handeln würde, habe ich mich aus der aktiven Politik zurückgezogen, um mehr daheim sein zu können und mich um ihn und den Landwirtschafts- und Ferienhof kümmern können. Bis Ende August war ich beim Elektrischen Reporter arbeiten. Den September wollte ich mir für Uniprüfungen und meinen Vater und den Hof frei nehmen. Die Krankheit wurde schlimmer und mein Leben konfuser, sodass ich seit Ende August keiner geregelten Arbeit mehr nachgehe. Bis Anfang November sprach ich mehrfach mit meiner Familie, dass ich mein Studium an der Fernuni auch aus Schollene (das ist das Dorf, wo ich aufgewachsen bin und wo unser Hof ist) fortführen kann und anbiete, mich fest um den Ferienhof zu kümmern, wenn wir klären, dass ich davon leben kann. Diese Klärung zog sich lange hin und irgendwann musst ich (mit viel Hilfe meines Therapeuten) erkennen, dass es eine schlechte Idee ist, mein bisherige Leben gänzlich aufzugeben für den Verlauf einer Krebskrankheit, deren Ende nicht absehbar ist.

Anfang November zog ich mich dann weitestgehend vom Hof in Schollene zurück, um mich wieder meinem Leben zu widmen. Dem Studium und einem Job, von dem ich leben kann. Ich fand keine passende Gelegenheit wieder beim Elektrischen Reporter einzusteigen, war mir aber auch nicht so sicher, ob ich das eigentlich will, oder ob ich nicht einen anderen Job suche. Dann gab es einen neuen Krankheitsschub bei meinem Vater, sodass ich 3 Tage am Stück mit im Krankenhaus verbrachte, bis klar war, dass er kein Morphium verträgt. Danach war ich auf der “Woche der Philosophie” in Hagen, dann in Bremen alte Bekannte treffen, zurück in Berlin und wieder in Bremen auf dem Bundesparteitag. Zurück in Berlin verbrachte ich die meiste Zeit mit krank im Bett liegen. Dann kam Weihnachten bei meiner Familie. Am vierten Tag des <a href”https://events.ccc.de/congress/2013/wiki/Main_Page”>30c3</a> kam die Nachricht, dass mein Vater daheim verstorben ist. Mein Cousin aus Dänemark nahm mich aus Hamburg mit nach Schollene. Silvester bin ich zurück nach Berlin gefahren um Zeit für mich und zum Realisieren zu haben. Am 10. Januar war die Beerdigung mit etwa 200 Gästen. Die Tage, die ich in Schollene war, haben wir über das aufzuteilenden Erbe gesprochen. Explizit über das Erbe habe ich länger mit @arte_povera und @rhotep gesprochen und eine für mich akzeptable Lösung gefunden. (Danke an dieser Stelle diesen beiden wunderbaren Menschen für die Unterstützung! Ihr habt mir sehr geholfen.)

Status quo: Depression. Ich kriege mein Leben nicht auf Reihe. Weder kümmere ich mich ordentlich um mein Studium, noch darum, einen neuen Job zu bekommen. Ich kümmere mich weder um Kindergeld und Halbwaisenrente noch räume ich mein Zimmer auf. Ich öffne keine Post mehr und habe Angst vor Rechnungen, die mein letztes Geld auffressen. Ich komme damit noch etwa 2 Monate hin. Irgendwann werde ich ein 3-Familien-Haus in Schollene erben, aber wann genau das sein wird, ist unklar. Von den Mieterlösen sollte ich mein Lebensstandard halten können, aber werde weder Rücklagen für das Haus bilden können, noch ist das die tatsächliche Lösung für meine derzeitige Lage. Und auf Dauer möchte ich mich eigentlich auch nicht um ein Haus in Schollene kümmern.

Mit dem Tod meines Vaters hat sich gefühlt meine Familie aufgelöst. Zwar beteuern alle, jetzt besonders zusammen zu halten und sich gegenseitig helfen zu wollen, aber mein Gefühl sagt mir, dass sich der Zusammenhalt meiner Familie auflöst. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre und weiß nicht, wo ich hin möchte. Mir fehlt ein Rückzugsraum. Ich habe eine wunderbaren Mitbewohner, aber dieser Tage denke ich viel darüber nach, mir eine eigen Wohnung zu suchen, um besser allein sein zu können - auch wenn ich mir sicher bin, dass das alleine nicht die Lösung sein wird. GA ist mir seit Monaten eine unfassbare Stütze und hilft mit sehr. Ich weiß nicht, wie ich ihm dafür angemessen Danken kann. Ich weiß auch nicht, ob er mein Familienersatz sein möchte - und auch nicht, ob ich ihn als Familienersatz haben möchte. Häufig denke ich darüber nach, wieder zu reisen. Nach San Francisco, Marseille, Istanbul, Hongkong oder Goa. Ich denke darüber nach den Jakobsweg zu pilgern oder nach China in ein Shaolin-Kloster zu gehen. Ich denke darüber nach, meine Depression wegzustressen und mich als Ersatzhandlung wieder völlig der Politik zu zuwenden und auf Ämter und Mandate zu kandidieren. Ich will wieder Musik machen und Theater spielen. Außerdem will ich mein Studium beenden und wieder einen geregelteren Alltag mit Erwerbsarbeit nachgehen. Und ich will wieder mehr nerden und Software coden.

Aber all das kriege ich gerade nicht geregelt und priorisiert. Es fängt damit an, dass mir die Kraft fehlt, mich um mein Kindergeld und Halbwaisenrente zu kümmern. Ganz zu schweigen von der anstehenden Steuererklärung. Wenn ich eine eigene Wohnung haben will, muss ich mich auch darum kümmern. (Und dafür fehlen mir gerade die Gehaltsnachweise). Ich brauchen eine Impuls, der meiner Welt die Drehung zurück gibt, aber ich weiß nicht, wo ich nach dem Impuls suchen soll.

Und ohne Impuls mache ich gar nichts und bleibe Tage lang im Bett liegen. :-/

Schließen möchte ich den Blogpost mit einem anderen Lied von Wir sind Helden: Bring mich nach Hause

Nachtrag:

Ihr seid toll. Danke für die vielen lieben Menschen, die sich per Mail, DMs, Mentions und SMS gemeldet haben. Ihr gebt mir viel Kraft und sagt mir sehr deutlich, dass es auch in Ordnung ist, langsamer zu sein. Ich kommuniziere gerade wenig, merke aber, dass es mir hilft, einfach Zeit zu haben. Bitte setzt mich nicht unter Druck und taucht nicht einfach vor meiner Tür auf. Ich brauche meinen Rückzugsraum und werde wohl auch noch die nächsten Tage und Wochen Termine sehr kurzfristig absagen, weil mir einfach nicht danach ist. Ich bitte euch darum, mir das nicht übel zu nehmen.

Aber: ich glaube, ich komme voran - wenn auch nur sehr langsam. Gestern habe ich mich an meiner Uni zurückgemeldet und eine Prüfung abgesagt, heute schreibe ich einen Vortragsentwurf für die re:publica. Viel mehr als einen Task kriege ich gerade nicht hin, aber vielleicht musst ich das auch gar nicht. Ich nehme mir für morgen vor mein Zimmer aufzuräumen und zu putzen und will mich Samstag an die vielen Formular für die Halbwaisenrente setzen. Vielleicht kümmere ich mich dann Sonntag um mein Kindergeld und nächste Woche dann wieder inhaltlich um mein Studium. Vielleicht bleibe ich aber auch noch zwei Tage länger einfach im Bett und schiebe alles noch etwas auf. Aber ich habe (dank euch) das Gefühl, dass ich dabei nichts falsch mache, sondern mir nur gerade Zeit lasse.

P.S: Der Person, die vor meiner Wohnungstür stand: bitte habe Verständnis dafür, dass ich dich nicht rein ließ. So geht das nicht und ich habe arge Zweifel, dass du mir mit diesem Verhalten wirklich helfen kannst. Lass mir bitte meine Zeit!

Kommentare

von: Gero

Danke! (Hugs nehme ich in den allermeisten Fällen gerne. Sowohl virtuell, als auch im RL (falls wir uns irgendwann mal treffen))

von: Kathrin

Ich kenne dich ebenfalls nicht persönlich, möchte dir allerdings ein bisschen von meiner Erfahrung mitteilen.

Ich habe vor drei Jahren meinen besten Freunden plötzlich nach nur wenigen Tagen Krankenhausaufenthalt verloren. Das kam 2 Monate vor meinen Abiprüfungen, nach dem ersten Schock, habe ich mich schnell zusammengerissen und gelernt, weil ich wirklich nicht begriffen habe, was das nun eigentlich heisst. Gleichzeitig habe ich meinen Freund kennengelernt und er hat mich wirklich in einer komischen Zeit kennengelernt. Er hat mich durch diese Zeit gebracht und mir Halt gegeben. Meine Eltern und auch gemeinsame Freunde konnten mit dieser Situation weniger gut umgehen. Der Einbruch oder besser das Verstehen was passiert ist, kam dann aber erst nach den Abiprüfungen. Ich habe danach viel Zeit gebraucht zu begreifen, was mir mein Leben nun eigentlich wert ist. Wie ich damit eigentlich leben soll, dass da nun so ein Riesenloch ist, was niemand füllen kann und soll. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich wieder etwas wirklich geniessen konnte. Manchmal ist es jetzt noch so, dass ich mich an den besten Tagen, wo alles gut läuft sehr an ihn erinnere, weil ich das nun gerne mit ihm teilen würde. Ich kann nicht sagen ob ich das wirklich begriffen habe, ich denke schon, aber ich habe auf jeden Fall gelernt, das zu machen was ich will oder meine zu wollen, und nicht in einem Jahr sondern jetzt. Ich habe viel Zeit gebraucht und Ruhe, aber auch Menschen um mich herum, die mir wirklich wichtig sind und die mich so mögen wie ich bin. Es ist super wenn du einen guten Therapeuten hast, den Schritt habe ich bis jetzt noch nicht gemacht, und natürlich ersetzt ein MItbewohner keine Familie, aber für mich war es damals wichtig, wenigstens nicht allein zu sein, zumindest auch gefühlt jemanden in der Nähe zu haben. Jeden den ich neu kennenlerne und schätze erzähle ich nach ein paar Treffen von meinem besten Freund, und es nervt mich selbst irgendwo, aber es tut auch gut, weil er einfach ein klasse Mensch war. Vielleicht hat dir das ein bisschen geholfen, vielleicht auch nicht. Ich wünsche dir viel Kraft!

von: Gero

Danke dir! Ja, es hilft durchaus Geschichten von anderen Menschen zu hören, denen es ähnlich geht/ging.

Den Therapeuten habe ich seit gut einem Jahr und das, weil ich depressiv bin - völlig unabhängig von der Geschichte mit meinem Vater. Natürlich verstärkt der Tod die Depression, aber mit einer anhaltenden Depression habe ich seit Jahren zu tun, auch wenn ich noch nie in so einem krassen Loch war. (Und ich merke, wie es mir hilft, überhaupt darüber zu kommunizieren.)

Oh, und GA (@tollwutbezirk) ist nicht mein Mitbewohner, sondern mein Freund/Verhältnis/Beziehung. Also, vielleicht ergeht es mir da ein bisschen ähnlich wie dir. Nur geht es mir so, dass ich auch ihn nicht an mich heran lasse, obwohl ich ihn sehr gerne hab. Irgendwie verwahre ich mich auch ihm gegenüber immer wieder. Mein Mitbewohner ist @dedalusroot, ebenfalls ein sehr toller Mensch, aber der ersetzt meine Familie tatsächlich nicht - da hab ich mich doof ausgedrückt :-/

von: r.

Das klingt alles nach sehr viel Stress. Ich kenne dich nicht persönlich, aber schicke dir mal virtuelle Hugs (falls ok) und viel was-auch-immer-du-gerade-brauchst. Pass auf dich auf. <3

von: samy

du weißt jetzt, wo du mich finden kannst - wann immer - lieben Gruß

 
 

These: Staaten werden durch Plattformen abgelöst

Ich denke immer mal wieder über die Plattformneutralität, wie von mspro beschrieben, nach. Ich bin mir sehr unschlüssig, ob tatsächliche Neutralität der Plattform überhaupt möglich ist, aber zumindest das Konzept “Plattform” erscheint mir sehr schlüssig. Wir alle bewegen uns auf Plattformen. Server-Infrastruktur, die in den meisten fällen doch irgendwo gemietet ist (in meinem Fall bei den großartigen Ubernauten), Betriebssysteme, soziale Netzwerke (Twitter, Facebook, G+, tumblr oder soup.io?) - aber auch im RL gibt es überall Plattformen. Wer ein neues Regal braucht, baut das nur sehr selten selbst zusammen, sondern schnell führt der Weg zu IKEA. Wir haben zunehmend weniger eigenen Autos, sondern sind Kunden einer Mietwagenfirma. Und wenn wir erst Kunde sind, wechseln wir nur noch sehr selten. Nicht zu vergessen die Bahn oder die verschiedenen Fluglinien (die sich ja selbst auch schon Allianzen geschmiedet haben), die es gibt.

Das alles sind Plattformen für einen Dienst. Meine These ist, dass diese Dienste immer weiter miteinander interagieren und damit größere Plattformen bilden. Google übernahm erst die Suchmaschine, dann das Smartphone. Mit der Übernahme von YouTube, Nest oder Dynamics Boston zeigt sich, wie sehr die Plattform Google gerade wächst. Samsung ist eine andere Plattform, die einen Haushalt gut von Smartphone über den Kühlschrank bis zum Auto abdeckt.

Wenn Google nun mit der Bahn und Samsung mit Lufthansa Verträge schließt, wird es darauf hinaus laufen, dass Bahntickets an Google-Kunden günstiger verkauft werden und Samsung-Kunden in der Lufthansa billiger fliegen. Betriebseigene Kindergärten gibt es in großen Konzernen schon lange. Die Frage ist, wann diese Kindergärten auch auf Poweruser ausgeweitet werden. Wenn diese Entwicklung noch Krankenhäuser und Schulen erfasst, stellt sich die Frage, wofür Staaten eigentlich noch da sind. Löst der Kapitalismus damit den Nationalstaat ab? Werden wir statt eines Reisepasses in Zukunft mit Samsung- oder IKEA-ID durch die Welt reisen?

Kommentare

von: Philip

Einerseits: ja, ja, ja. Dadurch, dass Wirtschaftsunternehmen inzwischen erfolgreicher sind alsS taaten, wenn es darum geht, den Bürgern Geld aus der Tasche zu ziehen, werden diese internationalen “Plattformen” immer mehr Einfluss auf das Leben nehmen. Mehr, als das ein demokratischer Staat je getan hat. Man geht öfter zur IKEA als ins Wahllokal. Viele geben mehr für Unterhaltungsmedien aus als für Steuern (ok, das ist eine gewagte Theorie). Aber es gibt nicht nur demokratische Staaten, und die Marginalität von “Staatsgewalt” im heutigen Deutschland ist - geschichtlich gesehen - ein irrer Luxus. Hoffen wir dass sich der Staat nicht mit Gewalt zurückmeldet, weil dem Wahlvolk plötzlich Sicherheit vor Freiheit geht.

von: http://canada-goose-i-norge.pordy.net/

This iѕ a topic that is neɑr to my heart… Takе care! Exactly whereе are yoսr contact details though?

von: Gero

Hey du! Sry, dass ich erst jetzt antworte. Mein Leben funktioniert gerade nicht, wie ich es will und dann lasse ich viele Dinge (vorübergehend) unbeantwortet - siehe folgender Blogpost.

Aber zur Plattform-These:

Ich glaube nicht, dass der (National)Staat einfach verschwindet, sondern betrachte ihn eher auch als “einfache” Plattform. Ob ich einen deutschen, japanischen oder indischen Pass habe als Äquivalent zum Google-, Apple- oder Hotmailaccount.

Vielleicht bin ich etwas kulturwissenschaftsgeschädigt, aber ich glaube nicht, dass der Kapitalismus, sich aus Gesetzen ableitet, die in Staaten gemacht werden. Kapitalismus ist gänzlich andere Kategorie, die in völlig verschiedenen Staatsformen funktioniert (auch in wenig demokratischen Staaten, siehe China). Und Inkassounternehmen werden auch funktionieren, wenn es keinen Staat mehr gibt. Spätestens, wenn der Mailaccount gesperrt wird, weil die Rechnung nicht bezahlt ist, wird klar, dass das Einschreiten eines Staates eher die formale Herangehensweise ist.

Insbesondere supranationale Konstrukte, wie die EU oder auch der Commonwealth fassen die These der Plattform deutlich besser, als des Staates. Hier sind die Staaten nämlich selbst in einer Art “Überstaat”, die untereinander durch Verträgen handeln. Der Staat, wie es ihn heute gibt, leitet sich ja vor allem aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation, beginnend im 19. Jh. her. Und genau dieses Zusammengehörigkeitsgefühl verliert sich zunehmend und wird durch andere Zusammengehörigkeiten (wir sind auf Twitter, die da sind auf Facebook!) abgelöst. Formal werden Staaten natürlich weiter bestehen, aber die Form ändert sich stark von der Nation zur Plattform.

(Und im 19. Jh. war das Konzept Nation auch sehr fortschrittlich, vorher wurde die Welt ja im Wesentlichen von Monarchien regiert. Und erst mit der Geburt der Nation wurde der Staat, was er heute (noch) ist: eine Zusammenfassung von gleichwertigen Menschen auf einem bestimmten Gebiet.)

von: Maureen

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von: mark793

Wer nichts hat als einen Sprung in der Platte, dem erscheint die ganze Welt als Plattform. ;-)

Richtig ist, dass sich der Staat aus der sogenannten Daseinsvorsorge schon sehr weit zurückgezogen hat, und die Annahme, dass dieser Prozess noch nicht seinem Endpunkt erreicht hat, scheint mir auch nicht weit hergeholt. Aber daraus ein Verschwinden des (National-)Staates insgesamt abzuleiten, scheint mir sehr gewagt. Das riecht nach dem typischen Netz-Zentrismus, in den auch Michael Seemann gerne verfällt. Beim Verwalten, Gesetze machen und durchsetzen seiner Regelungen kann ich beim besten Willen keinen nachlassenden Eifer des Staates erkennen, im Gegenteil.

Dass einzelne administrative Teilbereiche an private Dienstleister outgesourct werden oder ein immer größerer Teil der Rechtssetzung auf europäischer Ebene stattfindet, setzt trotzdem weiterhin einen Staat voraus. Der wird bestimmt nicht von selbst verschwinden, nur weil wir Bürger vielleicht nicht mehr ganz so viel mit ihm zu tun haben wie in der Vergangenheit. Der Kapitalismus bedarf des Staates weiterhin zur Gewährleistung der optimalen Bedingungen seines Weiterfunktionierens, schon Marx hat das Stichwort vom Staat als dem “Exekutivkommitee des Kapitals” geprägt. Dass das das Kapital (oder weniger ideologisch ausgedrückt: der privatwirtschaftliche Sektor) zunehmend staatliche/hoheitliche Aufgabenbereiche übernimmt, steht dazu nicht grundsätzlich im Widerspruch.

Kurz gesagt, wenn Sie mehr nicht mehr (und bessere) Indizien als die Existenz von privaten Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern für ein Verschwinden des Staates anführen können, würde ich sagen, Ihre These schwebt ziemlich im luftleeren Raum.