Wofür braucht es CSDs?

Disclaimer: In diesem Text wird mehrfach "cis Heten" verwendet. Einige (cis heterosexuelle) Menschen fühlen sich von dieser Formulierung angegriffen.
Ich nutze es hier ausschließlich als Beschreibung. Irgendwie müssen non-Queers benannt werden und wer sich von "cis Hete" angegriffen fühlt, mag vielleicht mal darüber nachdenken, was eine sichtbar queere Person im Alltag so zu hören bekommt.

Was sollen die Regenbogen-Fahnen und bunten Luftballons? Braucht es dieses bunte Volksfest?

2025 gab es mehr CSDs in Brandenburg als jemals zuvor. Einige der CSDs wurden von rechten Gegendemos "begleitet". Der CSD Berlin wurde etwas zusammengeschrumpft, weil es schlicht weniger Geld gab.

Homosexualität (zwischen Männern) ist seit 1994 in Deutschland keine Straftat mehr.
Seit 2017 gibt es in Deutschland die "Ehe für alle".
Das Selbstbestimmungsgesetzt trat 2024 in Kraft.
Gemischtes Resumé. Aber insgesamt schon ziemlich erfolgreich. Viele andere soziale Bewegung haben viel länger gebraucht, um solche Erfolge zu haben.

Ich war für ein paar Monate Teil der CSD-Prignitz-Orga. In einer eher hitzigen Debatte stellt ich genau diese Frage: "Wofür braucht es den CSD? Was wollen wir überhaupt?" ~ einige Wochen vor dem CSD 2025.
Die Antwort sinngemäß: "Oh, gute Idee, wir könnten ja Forderungen aufstellen! Lasst uns da mal bis zum nächsten Treffen drüber nachdenken, was wir eigentlich fordern wollen."

Es reihten sich ein paar Redebeiträge ein, wie viel (cis hetero) Menschen aus dem Orga-Team durch die Existenz des CSDs gelernt haben. Wie viele queere Menschen es in der Prignitz doch gebe und die überhaupt mal wahrzunehmen sei doch gut.

Für den Kontext: der CSD Prignitz (in Wittenberge) wird federführend vom Kreisjugendring Prignitz organisiert. Es gab im Jugendforum Prignitz den Wunsch einen eigenen CSD zu haben und dann hat der Kreisjugendring das übernommen (plus einige interessierte Leute aus dem Umfeld). Das ist eine total schöne Geste: die cis Heten übernehmen die Organisation für einen CSD. Das spricht für exzellente Verbündete. Ganz unironisch, ich finde den Ansatz ehrenhaft und gut. Das ist die Unterstützung, die die Szene braucht und Brücken schlägt. Der Ansatz ist super.

Aber.

Beim ersten Orgatreffen im Januar 2025 bei dem ich dabei war, wurde über einen entblösten Arsch gelästert. Ich war ganz neu dabei, lernte neue Leute kennen, kannte den Kontext nicht und habe es einfach ignoriert. Beim übernächsten Treffen wurde das wieder Thema. Auf nachfrage lernte ich, das beim ersten Wittenberger CSD 2022 ein Mann einen Jockstrap trug - und dafür angezeigt wurde. Das CSD-Team habe sich von ihm distanziert. Seinen Arsch in der Öffentlichkeit zeigen, gehe ja nicht. Was sollen denn die Kinder denken? Niemand in der CSD-Orga wusste auch nur, wie das ikonische Kleidungsstück der schwulen Szene auch nur heißt.

Wie können Menschen einen CSD organisieren, wenn sie keinerlei Berührungspunkte zur eigentlichen Szene haben? Das ist eine nachgelagerte Frage. Wichtiger: wofür soll ein CSD denn überhaupt da sein?

Rechte Gegendemos gegen CSDs sind ein gutes Argument für die Notwendigkeit von CSDs nach wie vor.
Einige CSDs, wie der CSD in Eberswalde oder der CSD in Bernau nutzen Front-Transparente "CSD statt AfD". Der von "Aufstehen gegen Rassismus" geprägte Slogan suggeriert, dass es einen Gegensatz zwischen AfD und den CSDs gibt.
Wenn der CSD aber primär als Gegenpol zur AfD wahrgenommen wird, nimmt er sich selbst viel Macht - und gibt die Aufmerksamkeit den Rechtsradikalen.
Die Nazis wollen offensichtlich genau das. Mit jeder Demo gegen einen CSD kommen sie in die Medien - auch wenn da nur zwanzig Nazis stehen und auf dem CSD tausende Menschen sind.

Es führt dazu, dass ein CSD als Anti-Nazi-Protest wahrgenommen wird.
Anti-Nazi-Proteste sind wichtig. Aber ein CSD muss mehr und anderes sein, als nur ein Anti-Nazi-Protest.

Wenn eine CDU-Bundestagspräsidentin vom CSD als "Zirkus" spricht, liegt das Problem nicht nur bei den Rechtsradikalen.

Was sollen nun aber die CSDs? Wofür braucht es sie?

Noch etwas Hintergrund.

Yaron Tausky ist im Dezember 2021 in Berlin gestorben. 2015-16 waren wir ein Paar. Er war ein ausgesprochen sanfter, guter Mensch. Nach unserer Trennung, wurde der Kontakt weniger.
Über sein Ableben lernte ich Jahre später.
In der Todesanzeige steht, es gab einen Trauerfeier auf einem Berliner Friedhof. Ich suchte vergeblich sein Grab. Die Friedhofsverwaltung sagt, es gibt kein Grab für Yaron Tausky. Ich vermute seine Eltern haben ihn in Israel begraben.

Yaron ist nicht der einzige Mensch, der nicht durch Altersschwäche oder Krankheit starb. 2018 starb Sheldon. Auch von seinem Ableben lernte ich erst einige Zeit später. Ich kannte niemanden aus seiner Familie. Was als Couchsurf-Bekanntschaft begann, wurde nie eine feste Beziehung. Und doch verband mich viel mit ihm.

Was Yaron und Sheldon auch verbindet: beide suchten immer nach einem Ort, an dem sie sein konnten, wie sie waren. An dem sie existieren durften. Beide kamen nach Berlin und blieben in der Stadt, die so viel ermöglicht und so viel zulässt. Und doch war selbst Berlin für sie nicht der Ort, an dem sie alt werden sollten.

Ich wollte Yaron immer Schollene zeigen – das Dorf, in dem ich aufwuchs. Aber er wollte nicht mit. Er hatte Angst vor Ostdeutschland. Vor dem Dorfleben. Vor Nazis. Vor Anfeindungen.

Die schwule Lebensrealität ist viel Einsamkeit. (Langer sehr guter, englischer Artikel dazu).

Viele von uns haben ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Familie. Falls überhaupt. Die meisten Familien der Menschen, mit denen ich Beziehungen hatte, habe ich nie kennengelernt. Sei es, weil sie ungeoutet sind. Sei es, weil die schwule Welt "inkompatibel" mit dem Kleinstadtleben ist. Sei es, weil ich mich (inzwischen) weigere, den "Kumpel" vor der Familie zu spielen. Ich bin es leid, mich selbst zu verleugnen.

"Du weißt nicht wie es ist, wenn man immer eine Maske trägt" singt Marcus Wiebusch in der Tag wird kommen. 2014.

Auch wenn juristisch einiges passiert ist, meine Lebensrealität fühlt sich kaum anders an als vor 12 Jahren. Egal ob in Kreuzberg oder Wittenberge. Ich erlebe (gelegentlich) Anfeindungen, für wer ich bin. "Das ist halt so."
Ständig denke ich drüber nach, wie "queer" ich gerade sein kann/darf. Ob ich die lange Haare offen tragen kann, oder sie besser unter einer Mütze verstecke. Ob ich mich traue Nagellack oder Eyeliner zu tragen. Oder – Gott bewahre – in High-Heels aus dem Haus gehe.

Queerness ist heute akzeptierter als noch vor 20 oder 30 Jahren. Mein Eindruck aber: das sind vor allem Lippenbekenntnisse.
Die Szene achtet auf einander. Aber die vermeintlichen "Verbündeten" sind erstaunlich ruhig, wenn es Anfeindungen gibt. Ich vermute, das liegt vor allem daran, dass sie mit solchen Situationen überfordert sind. Es ist nicht deren Lebensrealität. Ich werfe es denen nicht vor. Ich würde solche Situationen auch lieber nicht kennen und dann damit überfordert sein. Aber ich bin damit aufgewachsen, geschlagen, getreten, bespuckt oder Treppen runter geschubst zu werden. Es gibt Gründe, warum ich einige Jahre Kampfsport trainiert habe und glücklicherweise ist mir körperlich nie wirklich viel passiert.
Aber wenn ich das Haus verlasse, habe ich trotzdem einen All-Round-Scan an, für wer mich gerade angreifen könnte.
Es ist so oft die Entscheidung zwischen mehr riskieren und mehr ich sein - oder mich selbst ein bisschen mehr verleugnen und vermutlich etwas sicherer sein. Das frisst wahnsinnig viel Energie. Einige von uns geben irgendwann auf. Sie haben die Kraft für diesen permanenten Kampf nicht mehr. Wie Yaron oder Sheldon.

ein Transparent 'Sexarbeit ist Arbeit' auf dem Berliner CSD 2019 gehalten von einem Menschen in Jeans und Hemd - und einem in Jockstrap und High-Heels (ich). Im Hintergrund ein Plakat 'Fuck the patriarchy but not for free'
Photo: privat

CSDs sind dafür da, uns das Gefühl zu geben, dass wir okay sind. Dass nicht wir das Problem sind, sondern eine in teilen queerfeindliche Gesellschaft, in der wir leben.

Eine Veranstaltung haben, in der wir uns nicht verstecken müssen. Bei der wir nicht das Gefühl haben "zu queer" zu sein. Zu anders. Eine Demonstration um Menschen in ihrer Queerness zu akzeptieren. Ja, das kann auch ein Arsch in Jockstrap sein.
Es geht nicht um die Sexparty. Aber es ist eine Demonstration für sexuelle Minderheiten und das diese Demonstration auch sexuell aufgeladen ist, liegt in der Sache selbst.

Wofür es CSDs nicht braucht: Lippenbekenntnisse, die uns hinterher in den Rücken fallen, weil wir eben tatsächlich lesbisch, schwul, bi, trans oder sonst wie queer sind. CSDs, die uns erzählen, wie wir zu sein haben, braucht niemand. Das tun rechts-konservative Medien schon reichlich genug.

"Stonewall was a riot."

Ja, vielleicht verschreckt ein CSD den einen oder die andere etwas. Das ist okay. Vielleicht regt es sogar zum Nachdenken an.

Ich wünsche mir den Effekt, dass Queers ihr Leben nicht mehr beenden wollen und nicht mehr von Fanatikern bedroht oder angegriffen werden. Dafür demonstriere ich.
Leben zu dürfen. Wenn ich das selbst auf einem CSD nur kann, indem ich mich der Mehrheitsgesellschaft unterordne, hat der CSD seine Daseinsberechtigung verloren.

Ich sage nicht, dass CSD-Orgas wollen, dass wir uns der Mehrheitsgesellschaft unterordnen. Aber ich sehe ich deutliche Tendenz dazu für alle da sein zu wollen. Und so schön ich die Idee auch finde, die offene Gesellschaft geht kaputt, wenn wir ihre Feinde nicht ausschließen. Es geht beim CSD eben nicht um ein buntes Stadtfest, sondern um eine Demonstration für sexuelle Minderheiten. Eine Klima-Demo will auch nicht die Öl-Lobby einladen.

Macht CSDs für die Menschen, um die es hier geht. Nicht für die Passanten, die sich vielleicht über bunte Luftballons freuen - während die Queers selbst wegbleiben, weil sich verraten fühlen.

Lasst uns weniger um die Gunst der cis Heten buhlen und mehr für uns einstehen und uns verteidigen.
Dafür braucht es CSDs.

 
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