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Personal - page 2

Leben, Politische Korrektheit und Depression

Ich hab den Aktivismus aufgegeben, um wieder mehr “echtes Leben” zu leben. Und die Entscheidung war gut - aber es reicht nicht.

Ich lehne aus politischen/ethischen/moralischen Gründen viele Lebenseinstellungen ab (wie ich es z.B. nicht lustig finde, sich über andere Menschen lustig zu machen - schon gar nicht aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung u.ä.) - und aus diesem Grund halte ich mich von vielen Menschen fern, die eben dieses tun. Irgendwie versuche ich ein diffus “politisch korrektes Leben” zu leben. So ohne massiven Drogenkonsum, möglichst ohne Ausbeutung anderer Menschen und mit möglichst wenig Gesetzeskonflikten (Generell finde ich nämlich Gesetze eine gute Sache).

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir diese Lebenseinstellung einen großen Teil dessen, was ich eigentlich Leben möchte, “verbietet”.

Nein, mir geht es dabei nicht um den massiven Drogenkonsum und auch nicht darum, mich über andere Menschen lustig machen zu können. Da habe ich keine Freude dran. Mir geht es um eine leichtere Lebensweise. Mir geht es u.a. um Extremsport. Nicht, dass ich ihn selbst dringend machen muss - aber er ist ein gutes Beispiel dessen, was ich an meinem Leben nachhaltig vermisse. “Verrückte Dinge tun”

Menschen, die dies tun, haben diese “leichtere Lebensweise” (behaupte ich). Sie machen sich nicht zu viele Gedanken darüber, was passiert, wenn der Fallschirm nicht aufgeht - oder was passiert, wenn sie beim Skaten falsch aufkommen und sich den Arm brechen. Bei den Menschen, die dies tun, nehme ich überproportional häufig “Kackscheiße” wahr. Da wird den Mädels der Arsch gegrabscht und “schwul” als Schimpfwort genutzt. Aus eben diesem Grunde meide ich sehr häufig diese Menschen.

Ich schaffe es nicht einmal, ohne Helm Fahrrad zu fahren. Also, ich fahre schon auch ohne Helm (und habe auch keine Angst davor), halte es aber für eine äußerst gute Idee, mit Helm zu fahren (Es erhöht die Chance zu Überleben im Falle eines ersten Unfalls einfach massiv). Dazu kommt, dass ich längere Zeit als Fahrradkurier gearbeitet habe (ich kann also wirklich Fahrrad fahren ;-) ) - und mich in der Zeit daran gewöhnt habe, mit Helm zu fahren. Das mit-Helm-fahren wiederum führt dazu, dass jede Person, die mich sieht, sich denken muss “ach, der fährt mit Helm. Ist ja ein ganz sicherer …”. Oder zumindest interpretiere ich das in andere Menschen hinein, was wiederum dazu führt, dass ich mich eben so verhalte, als würde sie das denken - und versuche mich irgendwie abzugrenzen (weil die anderen ja ohne Helm fahren und bestimmt doof sind).

Natürlich ist das etwas überspitzt, aber zur Verdeutlichung, was in mir so für Gedanken sind, wohl ganz gut.

Und ich glaube, dass diese Haltung mich häufig in die Depression zieht. Das, was von außen wohl so aussieht, als hätte ich ‘nen Stock im Arsch. Und wahrscheinlich habe ich das auch - aber genau das ist es auch, weshalb mich von den Menschen, die das so sehen, abwende. Und übrig bleiben Menschen, die (ähnlich wie ich) sich sehr viele Gedanken zu allem machen und politisch korrekt leben.

Diese Menschen sind wahrscheinlich auch die allermeisten, die mein Blog lesen - und, ihr politisch korrekt lebenden Menschen: Ich mag euch. Ich mag euch sogar sehr - aber mir fehlt das “Verrückte Dinge tun”. Vielleicht tut ihr das die ganze Zeit, und ihr nehmt mich einfach nicht mit (was ich gemein fände!), vielleicht ist aber auch das verrückteste, was ihr tut, am Linux-Kernel mit zu programmieren. Ja, das ist irgendwie auch verrückt - und politisch super korrekt und wichtig. Und ich bitte euch, dies auch weiterhin zu tun, denn Linux ist super! - aber es ist nicht das “verrückt”, was ich meine. Mir verleiht so ein Linux-Kernel einfach keinen Adrenalin-Schub. Und das ist es, was mir in meinem Leben so häufig fehlt.

Update: Was mir so fehlt, in noch deutlicher:

Und das Video ist schon ganz schön kackscheiße.

Oder:

Weniger offensichtliche kackscheiße, dafür mehr krasse First-World-Probleme. Und das Gefühl den Rucksack nehmen zu wollen um für ne Zeit nach Indien zu gehen. Und dann das Problem haben, krass reicher Mensch aus dem Westen zu sein, der es sich dort quasi ausbeuterisch gut gehen lassen kann. Und womit ist zu rechtfertigen, das es mir so gut geht, wo ich so wenig arbeite - und warum es vielen Indern so schlecht geht, obwohl sie viel mehr arbeiten als ich. Müsste ich denen nicht all mein Haben geben? Krasse Gedankengänge in meinem Kopf. Aber so sind sie.

Kommentare

von: Julian

Kurz und knapp: Jammern auf hohem Niveau. Im Vergleich zu den meisten Menschen führst Du ein Leben auf der Überholspur, was den meisten schon verrückt genug wäre. Wieso um alles in der Welt sollte ein häufiger Adrenalinschub erstrebenswert sein? Weil die Welt, in der wir leben, eh schon verrückt genug ist, und man dadurch noch eines oben drauf setzen will, auf diese durchgeknallte Realität da draussen, die einen abstumpfen läßt?

Ist das dann nicht schon fast wie Ritzen, weil normale Reize schon nicht mehr wahrgenommen werden, und der Schmerz zeigt: “Ah, ich lebe ja doch noch.” Sind die Zeiten, wo man sich nach durchzechter Nacht alleine wohin setzt, und in Ruhe einen schönen Sonneaufgang beobachtet, und dieses als wunderschönes, einmaliges Erlebnis wahrnimmt vorbei?

Was ist so toll an Extremsport? Ist es der Adrenalischub? Oder vielleicht doch die Anerkennung, die einem andere zollen? Sofern sie einen nicht für total bescheuert halten. Naja, solange das Solidarsystem die auf die Schnauze fliegenden Skater, Kletterer, Fallschirmspringer, etc. auffängt, ist ja alles ok.

Bisschen überspitzt, komprimiert und unsortiert, aber das ist der Uhrzeit geschuldet :)

von: Gero

Du hast natürlich recht, dass ich schon einiges im Leben gemacht habe - und zugleich das “Leben” dabei ganz häufig zu kurz gekommen ist. Also ein Stück weit ist es auch die Frage: Warum das alles? Für was? Was an dem bisherigen Leben ist denn so unglaublich erstrebenswert?

Und ja, mich langweilt mein Leben. Ganz häufig, ganz massiv. Irgendwann ist die Zeit durch, die es besonders spannend ist, Demos zu organisieren, Politiker zu belabern, vagabundierend durch die Gegend ziehen, rumnerden. Das alles langweilt mich. Es langweilt mich, weil ich so selten eine Antwort darauf habe “Warum tue ich das eigentlich?”

Wo ist der Unterschied, ob ich mich als Aktivist in verschiedenen Gruppen kaputt arbeite, großartige philosophische Texte lese, oder einfach vor dem Fernsehen abhänge? Und warum tue ich letzteres nicht? Okay, ich habe keinen Fernseher - und das Fernsehen langweilt mich sogar noch mehr, als irgendwelche Demos zu organisieren. Und nein, Demos organisieren ist nicht langweilig - im Gegenteil eher echt stressig. Aber erfüllen tut es mich trotzdem nicht. Ich erkenne den Selbstzweck darin nicht. Das große Ganze fehlt mir dahinter. Ja, die Demos sind wichtig - aber was habe *ich* davon? Warum sollten wir das Internet retten? Für was? Wo ist das lebenswerte Leben dahinter?

Warum sind meine Freunde so häufig gegenseitige Hilfsbeziehungen? Warum habe ich so häufig Freunde um XYZ zu erreichen? Was hat mich so krass durchrationalisiert?

Ich habe neulich endlich mal den Kinderfilm Momo gesehen - und frage mich, ob wir nicht auch alle den grauen, rauchenden Männern auf den Leim gingen und nun unsere ganze Zeit rationalisiert wird. Aber was haben wir davon? Wo ist das Leben, das es sich noch zu leben lohnt? Zumindest suche ich eben dieses. Irgendwas, was nicht in irgendeiner Art und Weise nützlich für etwas anderes ist, sondern einfach Selbstzweck. Ein Leben, das mir irgendwas gibt. Freunde, bei denen ich nicht das Gefühl habe, wir sind nur Freunde, weil wir uns gegenseitig für ein gemeinsames Projekt brauchen - sondern welche, die ich gern habe, weil wir uns gegenseitig ganz ohne Hintergedanken wirklich gut verstehen. Dieses “normale Leben” - mit all dem, was es lebenswert macht. Irgendeine Art von Kick.

Ja, es gibt die Scheinweisheiten, dass die Kicks doch auch alle nicht das Wahre sind, und ein erfülltes Leben ohne funktionieren sollte - aber dem widerspreche ich. Ich glaube, dass jeder Mensch eine Passion braucht, die ihn erfüllt - und das sind nunmal häufig auch Adrenalinkicks. Und wenn es die nicht sind, dann gibt es aber eine echte Passion irgendwofür - und drum herum ein “normales” Leben mit echten Freunden. Und eben dieses fehlt mir. (Ja, ich habe echte Freunde und die sind auch toll. Aber es sind halt wenige - und aus einem sehr bestimmten aktivistischen/nerdigen Kreis - und darüber hinaus recht wenige).

von: Gero

Ich verstehe nicht ganz was du mir sagen willst. Genau genommen gar nicht. Was willst du mir dann sagen? Dass es mir ja so gut geht und ich mich nicht so anstellen soll?

Weshalb genau führe ich ein Leben “auf der Überholspur”?

Und: Nein, Ritzen (Selbstverstümmelung) ist nicht das gleiche wie Extremsport. Der Vergleich ist mächtig schief.

von: Julian

Bzgl. der These der (lebens)notwendigen Passion und der Kicks haben wir einen Dissens. Du hast doch bestimmt mal Siddhartha gelesen. Wie wirkte das Buch auf dich?

Und noch kurz zu den echten Freunden: wer behauptet, mehr als eine Handvoll zu haben, der weiss nicht, was echte Freunde sind. Von daher ist das imho voll ok, wenn du wenige hast, weil man viele nicht haben kann.

von: Karl

@Gero:

Hab grade dein Blog gefunden, gefällt mir! Kann sehr gut nachempfinden was du beschreibst. Vor so ca. 2 Jahren gings mir ganz ähnlich (da war so ein Höhepunkt, aber dieses Grundgefühl hat mich schon viele Jahre begleitet). Habe mich durch mein ständiges Alles-Hinterfragen, von allen Seiten beleuchten, mich und meine Handlungen analysieren, ein korrektes Leben zu führen usw. geradezu vom Leben abgeschnitten gefühlt, oder zumindest unfähig, einfach mal nur zu tun, einfach nur zu sein. (Vielleicht trifft das auch gar nicht so sehr deine eigene Verfassung, aber ich hab mich einfach in deinen Beschreibungen wiedergefunden, vor allem bei den Sachen, die du in deinem Leben vermisst.) Manchmal hilft wirklich nur, sich zu zwingen, einfach mal Sachen zu tun, Neues auszuprobieren ohne darüber nachzudenken, und sich aus den alltäglichen Strukturen rauszureißen. Einen Schritt dazu scheinst du ja schon gemacht zu haben, indem du dich vorerst vom allesfressenden Aktivismus zurückgezogen hast. Dadurch lernt man auch nochmal neue Leute kennen, die im besten Fall einen ganz anderen Zugang zur Welt haben (deine ‘Extremsportler’, bei mir wars ne Freundin, die Kunst gemacht hat) und deren Leichtigkeit einfach nur ansteckend ist.

Hoffe du schaffst es, deine Lebensweise und dich selbst so zu verändern, dass du Teile dessen, was dir fehlt, dazugewinnst und gleichzeitig das Gefühl behältst, du selbst zu sein.

@Julian:

Wie du hier angesichts eines Menschen, der offenbar in einer Sinnkrise steckt (und mit dem du zu allem Überfluss befreundet zu sein scheinst), mit den hinterletzten Binsenweisheiten um die Ecke kommst und dabei in jedem Satz seine Gefühle kleinredest, ist eklig. Die wenigsten Probleme lassen sich lösen, indem man jemanden damit zuschwallt, dass seine/ihre Probleme keine Probleme sind.

von: TollerMensch

Habe auch gerade diesen Blog hier gefunden und finde ihn nett, vor allem diesen Beitrag hier finde ich gut, kann mich darin teilweise auch gut wiederfinden.

Ich denke, das Problem ist nicht, dass man tatsächlich zu wenig erlebt, sondern dass man diese Dinge zu schnell annimmt und als nichts besonderes mehr ansieht. Mach dir einfach mal bewusst, was du für ein Leben führst! Woanders schreibst du, du würdest um die Welt reisen, Konferenzen besuchen, häufig umziehen, Demos organisieren, politische Diskussionen führen. Ist das nicht aufregend? Als du jünger warst, war das sicher eine Art “Traum”. Nur wenn man dann eben an dieser Stufe ist, nimmt man die Sachen zu schnell als gegeben an, “es macht ja jeder”, weil sich das soziale Umfeld auch entsprechend ändert. Aber die anderen, die machen die interessanten Dinge.

Als ich 16 war, habe ich von genau dem Leben, das ich jetzt führe, geträumt. Mit Freunden jede Gegend und jeden Winkel zu erkunden, die Nächte durchzucoden an geilen Projekten, 12 Stunden durch halb Europa zu Konferenzen zu fahren, auf riesige Hackercamps gehen, Dinge digital zu erkunden. Ich habe lange auf einen Job hingearbeitet, weil ich lange davon geträumt hatte. Aber noch mit der Zeit zwischen der Bestätigung und dem Jobanfang hatte es wieder seine Aufregung verloren, und ich sah dadrin nur noch eine Verpflichtung.

Und heute? Da denke ich auch, hätte ich mal was aufregenderes tun sollen, oder sollte jetzt was aufregenderes tun. Aber wenn man sich überlegt, was man in dieser Community erlebt, was man tut, wozu man beiträgt, dann ist das schon eine der aufregendsten Dinge, die man tun kann. Es ist von außen gesehen vielleicht nicht so, aber ich denke schon - es ist sehr viel aufregender ein solches Leben zu führen, als tagein, tagaus das gleiche zu machen, und wochenends dann zu feiern und ggf. mal einen bestimmten Sport zu machen, oder irgendein Erlebnisprogramm aufzulegen, damit man mal was besonderes macht (Fallschirmspringen, $Droge konsumieren, was auch immer). Das kann jeder.

Adrenalinschübe aus einer Gefahr heraus sind imho eine ziemlich eklige Sache. Im eigentlichen Moment sind sie unschön und man denkt an etwas komplett anderes, als was für einen Spaß man gerade habe bzw. wie toll es doch eigentlich ist, was man macht. Im Nachhinein bleibt dann eine schöne Geschichte, wenn es denn überhaupt folgenlos weitergeht, aber auf Dauer wird daraus auch nicht mehr werden als ein Hobby. Der Fallschirmspringer wird nach dem hundertsten Sprung sicher auch nicht mehr das Gefühl haben, er mache gerade etwas sehr besonderes, sondern es macht ihm einfach Spaß. Aber das Gefühl, das du bei sowas hättest, kannst du auch mit sehr viel einfacheren Dingen erreichen. Schon Segeln oder Klettern hat eine sehr ausgleichende Wirkung, oder mal bei schwerem Wetter mit einem Kajak (auch auf dem Wannsee) unterwegs zu sein. Wirklich lebensgefährlich oder unmoralisch wird das nicht, aber in dem Moment denkt man anders.

von: Gero

Es geht mir dabei gar nicht so sehr um die Adrenalin-Schübe selbst, sondern mehr um die Leute, mit denen man (gemeinsam) tolle Sachen macht.

Ja, ich mache viele tolle Sachen - und ich versuche mir das auch immer mal wieder bewusst zu machen - aber ich mache sehr viele von diesen tollen Sachen alleine. Also, ich mache sie natürlich nicht ganz alleine, aber es fühlt sich oft so an, als würde ich sie alleine machen. Auch wenn mensch im Internet ganz viele tolle Dinge auch mit anderen Menschen zusammen zu machen, ist es doch nicht das gleiche, wie etwas im RL zusammen zu machen. Das Verbindende Moment ist nicht da. Dabei bewegen wir uns physische nicht. Und wenn es nur das aus der Laune heraus entsandene Wettrennen ist, das spontane Volleyball- oder Federball-Spiel, das macht mensch mit anderen Menschen zusammen und mensch bewegt sich dabei, was zum besseren Wohlgefühl im Nachhinein führt. Es ist auch nicht so, dass ich keinen Sport mache - aber auch den mache ich zumeist alleine und auch wenn ich das im Nachhinein anderen Menschen im Jabber erzählen kann, ist es doch nicht das gleiche, wie gemeinsam Joggen gegangen zu sein. Und das ist so ein bisschen mein Problem.

Im nächsten Blogpost (zu der Hacking-Kommune) bin ich darauf ja weiter eingegangen und sehe das Problem (inzwischen) auch weniger darin, dass ich so wenig mache, oder mein Leben so langweilig ist, sondern dass ich mit den Leuten, die eine ähnliche Lebenseinstellung haben wie ich, einfach mehr zusammen tun sollte. Und da ich Biertrinken mit Kalendereintrag auch doof finde, halte ich es für die beste Möglichkeit einfach zusammen zu wohnen, dann kann mensch einfach nach Hause kommen und sich ein Bier zusammen nehmen - ohne allen Orgakram …

 
 

Ich und das Atombombenexperimentierfeld Piratenpartei

Eingetreten.

Seit Mai 2009 spiele ich mit dem Gedanken, nun habe ich es getan. Ich bin “Pirat”, halte das System “Partei” aber für falsch. Die Piratenpartei, das Atombombenexperimentierfeld der Demokratie - ein Ort wo mensch die Sinnhaftigkeit von Parteien hoffentlich ganz grundsätzlich diskutieren kann, was ich so hoch spannend finde, dass ich mich da nun einfach mal gucke, was passiert.

Parteien halte ich für das Hauptproblem heutiger Politikverdrossenheit. Politik ist hochkomplex - sich effektiv einbringen macht extrem viel Arbeit. Die Ochsentour verschleißt viele gute Ideen, Initiativen und vor allem Menschen. Es gibt gute Gründe warum im antiken Griechenland kein Stadtstaat mehr als 10.000 Einwohner hatte - da kannten die Menschen sich unter einander und haben bei Problemen direkt miteinander gesprochen. Die heutige Demokratie ist eine Stellvertreter-Demokratie. Niemand ist selbst verantwortlich - immer war es jemand anders oder die einzelne Person übernimmt die Verantwortung für etwas, um Glaubwürdigkeit zu beweisen. Das diese Person aber tatsächlich verantwortlich ist, ist sehr unwahrscheinlich, da unser gesamtes Gesellschaftssystem nur durch Delegation funktioniert. Wo nur noch delegiert wird, wird es schwierig die Bürger offen mit einzubeziehen. In dieser Krise stecken alle modernen Demokratien und insbesondere die Parteien, die die Demokratien verkörpern.

Aus eben diesem Grund halte ich Parteien per se als Teil des Problems und nur bedingt als Teil der Lösung - und aus diesem Grund habe ich es vermieden einer Partei - trotz jahrelangem politischen Engagement - beizutreten.

Mit der Piraten-Bewegung verändert sich die Parteienlandschaft nachhaltig. Es scheint, als würde es eine Neuerfindung des politischen Rads geben - und zugleich bilden sich in den Piraten auch die gleichen Muster wie in allen bisherigen Parteien auch. Es geht zunehmend um “die Partei”, um Umfragen und Machtansprüche, es bildet sich ein Fraktionszwang.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” - und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.)

So bin ich nun teil der Piraten-Crew, will aber nicht Partei, sondern Utopie und gute Politik - unabhängig vom Parteibuch und nach Möglichkeit irgendwann ganz ohne Parteibuch. Mal sehen was sich auf dem Atombombenexperimentierfeld so ergibt und wo die Reise noch so hingeht.

Kommentare

von: rka

herzlich willkommen! wenn du die piratenpartei als eine möglichkeit betrachtest, die deinen politischen ideen eine grundlage zum wachsen gibt, dann kannst du viel schönes erleben. wichtig ist: sich selbst nicht vergessen und zu wissen, dass piraten kein familienersatz sind.

gruß rka

 
 

Ich lasse das mit dem Aktivismus

Wie ich heute schon auf Twitter verkündet habe, lasse ich das mit dem Aktivismus. Ich ziehe mich zurück.

Warum? Weil ich kann. Und weil ich will. Wie im Winter üblich, wurde ich ende November wieder depressiv. Zunehmend dunklere Tage, ekelhaftes Wetter, kaum Freizeit. Ich habe (nachdem ich Franks Blogpost zur Winter-Depressionsbekämfpung gelesen habe) mein Tagesablauf umgestellt - und kurz danach bin ich in der Uni kürzer getreten und habe ein Fach aufgegeben. Es wurde ein wenig ruhiger und es wurde Weihnachten, der 28c3 kam - alles war gut. Dann ging die Uni wieder los und ich lag eine Woche krank im Bett. Kaum war ich zurück in der Uni wurde mir klar, dass ich Java einfach zu schlecht kann, als dass ich mich mit den “Grundlagen der Programmierung” weiter plagen sollte. Das zweite Fach von dreien schmiss ich über Bord.

Dann hatte ich wieder Zeit, mich “dem Aktivismus” zu zuwenden, was ich auch recht bald tat. Ich sortierte und laß Hunderte von Mails der AK-Vorrat-ML um mich irgendwo einzubringen - vergeblich. Mir fehlte der Punkt, an dem ich mich hätte einbringen sollen.

Vor zwei Tagen schrieb ich eine Mail auf die Liste zur Europäischen Bürgerinitiative (man überlegt im AK, ob man diese Bürgerinitiative nutzen möchte, um mit 1.000.000 Unterschriften die Kommission aufzufordern, die Vorratsdatenspeicherung abzuschaffen), in der ich für eine Professionalisierung des AKV plädierte - es sollten endlich Leute bezahlt werden, die sich wirklich einbringen können und daran arbeiten könnten - statt sich vor allem in Mailinglistendiskursen zu verstricken, die häufig das gesamte Pensum an Zeit, die man für den AK “opfert”, aufbraucht. (Zumindest ist das bei mir so). Dies wurde abgelehnt. Möglicherweise zurecht, da der AKV eben genau so funktioniert. Da wird niemand bezahlt. Punkt. Dann setzte sich ein Denkprozess in Gang, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Genau genommen gab es ihn schon vorher, nur habe ich ihn gewissermaßen unterdrückt. Ich fragte mich “wofür” das alles? Warum bin ich eigentlich Aktivist. Dazu kam, dass ein Freund mich fragte, warum ich so selten Zeit habe “You’re always so busy … You have never time to go out!” und ich ihm erklärte, dass ich das mit dem Aktivismus ja noch neben dem Studium mache. Und genau dann feststellte, dass dieser Aktivismus mich fast 2 Jahre quasi nicht mehr ausgehen lassen hat. Alle Freizeit, die ich entbehren konnte, steckte ich darein, Mailinglisten zu lesen und selbst voll zu schreiben, auf Twitter zu ranten oder Abgeordnete anzuschreiben. Häufiger war ich auch auf irgendwelchen Kongressen und Meetings, um über Überwachungsbekämpfungsmaßnahmen zu diskutieren. Ich stellte fest, dass ich seit dem ich im August nach Berlin gekommen bin, nicht einmal richtig feiern war (mit Ausnahme der 28c3-Afterparty, sowie Silvester - wiederum in der C-Base).

Ich glaube, meinen Rant gegen das Studium trifft das falsche Opfer. Noch immer finde ich das Studium “irgendwie” doof, aber mein Lebensinhalt stahl nicht das Studium, sondern meine falschen Vorstellungen vom Aktivismus. Ich redete mir ein, ich müsse doch noch etwas gegen die neue, personalisierte “Google+ Suche” machen, weil sie böse sei. Dies seien die tatsächlichen Aufgaben, statt in der Uni Übungsaufgaben zu lösen. Vor zwei Tagen wollte ich mich gar für das Europaparlament aufstellen lassen, um mehr ausrichten zu können, im “Kampf gegen die Bösen”.

Ich glaube ich habe mich da in etwas hinein gesteigert, in das ich mich nicht hätte hinein steigern sollen. Seit etwa 2 Jahren optimiere ich mein Leben dahin gehend, mehr Aktivismus betreiben zu können - und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.

Und genau deshalb mache ich jetzt Schluss mit dem Aktivismus. Vorerst. Ich habe mich von allen AKV-Listen gestrichen, um mir Ruhe zu verordnen. Ein paar andere Listen (mit deutlich weniger Traffic) lese ich weiter, um zumindest das Wesentlich mit zu bekommen. Ich brauche diese Ruhe, um mir selbst mal wieder Gedanken darüber zu machen, wie mein Leben eigentlich aussehen soll. Und was ich damit noch so anfangen will.

Diese Entscheidung ist in mir gereift. Sie betrifft zwar vor allem (neben mir selbst), den AK Vorrat - aber er ist nicht schuld. Die Leute, die sich noch immer im AK Vorrat engagieren, machen eine unglaublich tolle Arbeit. Danke dafür! Gerne würde ich mich bei jedem(!) persönlich bedanken, weiß aber, dass ich immer irgendwen unter den Tisch fallen lassen würde - und damit mir selbst, aber vor allem deren Arbeit nicht gerecht werden würde. Deshalb Danke ich nur pauschal: DANKE!

Vielleicht komme ich bald wieder. Vielleicht auch nicht. So lange aber, bleibe ich den AKV-Liste fern. Für diesen abartigen Tweet, entschuldige ich mich. Das ist Bullshit. Natürlich kann man im Aktivismus etwas erreichen - und ich fordere jeden weiter auf, sich einzumischen. Das ist wichtig. Aber, man möge sich auch weiter selbst-hinterfragen: “Was genau tue ich hier? - Und: Warum?”. Ich suche darauf nun erst mal eine Antwort. Und sehe dann weiter.

Kommentare

von: Herr Urbach

Lieber Gero,

willkommen an dem Punkt, an dem jeder Aktivist mal steht. Ich hatte das im Februar letzten Jahres: http://blog.stephanurbach.de/?p=450

Auch das ist eine Form der Depression oder des Burnouts. Wo ist der Sinn in dem, was ich tue? Ist es effektiv? Nützt es jemanden?

Ich will dich nicht überzeugen, weiter zu machen - wen du es aber tust, such dir eine aktivismusform, die dir goutiert. Die dir zeit und Raum lässt, Dinge für dich zu tun. Gib dir selbst Raum, etwas zu tun.

Ich bin mir sicher, wir sehen uns in einem Jahr wieder - als Aktivisten auf einer Konferenz. Bis dahin: genieße das Leben. Bald ist Frühling und mit den Sonnenstrahlen kommt auch die Energie wieder. Bis dahin: Du, ich, Bier :)

Herr Urbach

von: 9er0

Lieber Herr Urbach,

ich habe die letzten beiden Tage viel an dich und deinen sehr offenem Umgang mit deinen Zweifeln am Aktivismus gedacht. Du warst der Grund, warum ich diesen Blogpost geschrieben habe, statt es für mich zu behalten, und leise, still und heimlich zurück zu ziehen.

Und ja, auch ich glaube nicht, dass ich so ganz ohne kann. Aber gerade muss ich ohne, ansonsten gehe ich daran kaputt. Und das wäre doof.

Das mit dem Bier können wir aber trotzdem (oder gerade daraum?) gerne mal wieder machen!

von: Tee Jay

Lieber 9ero,

natürlich respektiere ich Deine Entscheidung und bedanke mich herzlich für Dein Engagement im AK Vorrat. Dass Du komplett aussteigst, bedauere ich sehr, zumal ich zwischen lichterloh Brennen und Nichtstun noch viel Zwischentöne sehe. Natürlich musste bei Deinem Arbeitspensum irgendwann einmal der Punkt erreicht sein, an den selbst Idealisten wie Du an ihre Grenzen stoßen. Ich kann mir deswegen auch vorstellen, dass Du Dich eine Weile erholen musst. Danach wäre ich aber froh, Dich wieder im AK zu sehen. Der Einzige, der von Dir verlangt, Dein gesamtes Leben irgendeinem Engagement unterzuordnen, bist Du selbst. Ich kenne den Effekt, weil ich in Deinem Alter den gleichen Fehler beging. Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst. Die Antwort lautet vielmehr, ein gesundes Maß für sein Engagement zu finden. Dieser Balanceakt ist äußerst schwierig, und Du wirst mehrmals das Gleichgewicht verlieren, aber ich behaupte, es ist der Weg, den Du gehen solltest.

von: missi

Hi Gero, mach dir mal keinen Kopp, zuweilen ist Entschleunigung gut und richtig, um wieder auf nen grünen Zweig zu kommen. Ich kenne das selbst sehr gut, gerade aus dem Aktivismusbereich, wo ich ja auch schon ein paar Jährchen unterwegs bin: Irgendwann kommt immer (wieder) der Punkt, da wirds einfach zuviel, insbesondere dannn auch noch, wenn man immer wieder gegen Mauern rennt und das Gefühl bekommt, es geht nix weiter. Da nervt dann auch jede Email, in der dann scheinbar nur gefaselt wird. Mach dir einfach keinen Stress, entschuldige dich nicht bei der Welt dafür, überleg nicht, was du verpassen könntest, wenn du da jetzt nicht 42²³ Emails/Links/etc. am Tag liest (Du verpasst nix, wirklich. Glaubs einfach. ;)) und mach einfach mal was ganz anderes, irgendwas, worauf du gerade Bock hast. (Bau z.B. noch ein paar Radios, die brauchen wir dann eh für den Weltuntergang. :o)) Und mach auch nicht den Fehler, dir ne Deadline für dein Comeback zu setzen (Du wirst irgendwann wiederkommen, in welchem Feld auch immer, aber du bist kein Lemming. :o)), auch wenn deine Pause Jahre dauert, mach einfach. Frustriert und gestresst kannst du auch nix bewegen, machs also nicht zu einem Zwang, wenn du keinen Kopf dafür hast: Nimm ihn weg da.

Nochwas: “und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.” Es gibt nichts frustrierendes, wenn man “die Welt gerettet hat” (oder im realen Rahmen: Etwas netter machte) und dann nach Hause kommt und feststellt: Die eigene ist dabei kaputt gegangen, weil man sich nicht um sie kümmerte. Sei egoistischer und fix deine Prioritäten.

von: Lars

Hi Gero,

Finde es toll dass Du diesen Schritt öffentlich vollzogen hast. Ich war 2001 in einer ähnlichen Situation, hatte schon 2 Studiengänge hingeschmissen und bin erstmal nach Mexiko um meinen “Aktivismus” voll auszuleben. Glücklicher bin ich dabei nicht geworden.

Das Glück kehrte zu mir zurück, als ich alle Aktivitäten gecanceled und mein 3. Studium angefangen habe. Mit dem Ziel es diesmal durchzuziehen, aber nicht alleine sondern mit Leuten die ähnlich denken wie ich. Ähnlich denken bezüglich des Studiums, nicht politisch. Auf einmal rückten Leute in mein Blickfeld die ich früher übersehen hätte, Menschen die meistens in der Vorlesung waren, ihre Übungen gemacht haben und sich in allem was die Uni anging Mühe gaben. Und auf einmal ging studieren ganz leicht und auch privat kam alles wieder ins Lot.

Und die im Studium erworbenen Fähigkeiten (neben dem Informatikzeug vor allem eine realistischere Selbsteinschätzung) helfen mir heute bei jeder Art von Aktivismus und ich bin glücklich wie ich es niemals für möglich gehalten hätte.

Wünsche Dir viel Erfolg auf Deinem Weg, lass Dir nicht erzählen was Du tun mußt sondern finde raus was Du(!) tun willst um in dieser (ungerechten) Welt glücklich zu sein

Gruß

Lars

von: Alex

Hey Gero,

ich hoffe zu den Listen, die du nicht gestrichen hast, gehört auch die PNR Liste ;)

Im Ernst: Leb mal ein Studentenleben wie es sich gehört und kümmer dich um die Sachen, die du die letzen Jahre versäumt hast. Wenn du wieder Lust hast, kannst du ja wieder Aktivist werden ;) Hoff dich mal bald wieder in nem Keller der Entscheidungen zu treffen :)

Greetz Alex

von: Ingo Jürgensmann

Hallo Gero!

Schade, dass Du aufhoeren, oder wie ich eher hoffe: pausieren moechtest. Da ich das mit der Winterdepression auch schon durch habe, kann ich Franks Ratschlaege eigentlich nur bestaetigen: Licht und Bewegung waren auch bei mir sehr hilfreich. Ein anderer Punkt war aber auch, dass ich einfach wusste, dass es eine Winterdepri ist. Seitdem ich weiss, dass ich empfindlich auf Lichtmangel reagiere, hatte ich auch keine Depri mehr. Ich bemuehe mich z.B. am Fenster zu sehen, wenn ich arbeite. Und ich gehe in der Mittagspause dann auch mal raus anstatt in die hauseigene Kantine.

Was den Aktivismus angeht: ich lese ja nun wirklich nicht viele MLs und dort auch laengst nicht jede Mail, aber ich habe auch meine Aktivismusform gefunden, mit der ich gut leben kann. Ich denke und hoffe, dass auch Du deine Form finden wirst. Also goenn dir ruhig eine Auszeit! Bis dann! :-)

von: Katta

Hallo Gero,

ich kann das total nachvollziehen, dass dir das zu viel wird. Und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der letzten Mail von mir - vielleicht war das schließlich der letzte Tropfen der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Du hast in den letzten Jahren unglaublich viel für den AK gemacht. Demos und Kongresse und dann auch noch dieses ständige klein-klein auf den Mailinglisten schlaucht. Manchmal ist Team-Work ist manchmal einfach nur anstrengend, weil mehr Zeit für Koordination draufgeht als für alles andere..

Ich kenne das Gefühl, dann in immer mehr Arbeit reingezogen zu werden. Ohne die notwendige Distanz und zwischenzeitliches “Abschalten” geht das auf die Dauer nicht gut. Wenn dann noch das Studium mit der Java-Keule daherkommt ist das einfach zu viel.

Ich fand den Kommentar schon ganz passend:

“Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst.”

Vielleicht findet sich der berühmte Mittelweg irgendwann ganz von alleine, wenn man sich mal ne Atempause gönnt. Der Mensch braucht immer nen Gegenpol, sonst wird es auf die Dauer zu viel.

Ich würde jedenfalls gerne auch abseits des Aktivismus mit dir Bier trinken :)

Katta

von: 9er0

Hey Katta,

mach dir keine Sorgen - es liegt wirklich nicht am AKV - und auch nicht an irgendeiner Mail von dir (oder irgendwem anders). Vielleicht hat es mir die Augen geöffnet, was mich selbst nervt, aber es hat mich niemand vertrieben.

Den Mittelweg will ich gerade für mich ausloten. Ohne kann ich nämlich tatsächlich nicht - nur tüftele ich gerade an dem Maß und an meiner Aktivismusform.

Bier aber, klingt immer gut :D Da komme ich drauf zurück!

LG

von: rka

Moin Gero,

ich erinner mich noch sehr gut, wie ich dich das erste mal beim AK Vorrat gesehen habe, und du voller Tatendrang warst. Du hast dich sehr schnell und sehr stark engagiert, wie es viele tun, die mit voller Kraft ein Ziel erreichen wollen. Ich glaube, dass es zu der Zeit richtig war, dass du dich so stark engagiert hast, genauso wie es jetzt für dich richtig ist, dich zurückzuziehen. Und das ist das wichtigste: bei allem Aktivismus sich nicht selbst vergessen. Sich selbst auch nicht zu vernachlässigen. Die Welt besteht nicht nur aus anderen, sondern auch aus dir! Nur wenn es dir gut geht, hast du auch genügend Kraft, um sie ins Studium, in den Aktivismus oder anderes zu investieren. Ich hoffe, bin mir da aber auch recht sicher, du wendest dich irgendwann wieder dem Aktivismus zu. Dann vielleicht mit einer geringeren Intensität, aber sicherlich nicht mit weniger positiven Auswirkungen. Wie andere auch, würde ich mich auch freuen, dir abseits vom Aktivistendasein übern Weg zu laufen. Vielleicht ergibt sich das ja mal… Beste Grüße rka

von: Manu

Hey Gero, ich hab das erst jetzt gelesen. Gut, dass du die Reißleine ziehst, es ist manchmal schwer, die zu finden, aber umso wichtiger, sie zu ergreifen, wenn es drauf ankommt.

Ich selbst habe das leider auch schon durchlebt, und die Reißleine, an der ich glaubte, ziehen zu müssen, hat so manche Wunde sowohl bei mir als auch bei anderen gerissen, wohl heftigere als du möglicherweise mit diesem einen Tweet.

Damit dieser Winter kein total Durchsoffener wird, biete ich dir mal lieber Teetrinken statt Bier an ;) Und bin ziemlich sicher, dass du deinen Weg als Aktivist, was auch immer das genau bedeuten mag, finden wirst, mit genau so vielen oder so wenig Kurven wie erforderlich.

Kraft tanken ist wichtig. Und sich selbst nicht verlieren. Oder jedenfalls wiederfinden.

Alles Gute Manu

von: V.

Hallo Gero,

ein sehr trauriger aber richtiger Schritt. Es bringt nix, wenn du dich durch Aktivismus innerlich selbst zerstörst, es reichen schon die äußeren Einflüsse die uns oft genug zu schaffen machen.

Beste Grüße, V.

PS: Habe stets ein offenes Ohr, falls du jemensch zum Reden brauchst.

 
 

Die Sache Mit Dem Studium

Ein Unternehmen würde es “in eigener Sache” nennen. Ich nenne es “post-privacy”. Es geht um mich.Lange wollte ich endlich studieren - dann endlich begann ich ein Philosophie-Studium in Freiburg und die ersten Zweifel kamen. Ja, Zweifel während des Studiums sind normal, sowie man immer mal wieder Zweifel bekommen wird - und muss. Wer nicht zweifelt, der denkt nicht.

Nach einem Semester, als mir eine geschrieben Prüfung nicht anerkannt werden konnte, weil ich mich zur Nachprüfung mit Daten anmelden hätte müssen, die in einem Brief gestanden haben, den ich nie bekam, habe ich das erste Mal ernsthaft darüber nachgedacht, mein Studium “hin zu schmeißen”. Kurz danach habe ich mich nach Alternativen umgesehen und wollte nach Berlin kommen. Schließlich habe ich mich hier beworben und wurde genommen - nur nicht in Philosophie, was ich eigentlich weiter machen wollte, sondern in Mathe und Informatik als Kombi-Bachelor. Ein Kombination, zu der es keine Studienordnung gibt - und man eben deshalb wechseln sollte.

Das wiederum wollte ich auch noch nicht, da ich zum Sommersemester (Bewerbungsfrist ist der 15.1.(!)) mich auf Philosophie als Hauptfach bewerben wollte (habe ich noch nicht und überlege gerade, ob der Aufwand lohnt) und ich dafür aber im Kombi-Bachelor bleiben sollte. (Die Empfehlung war, sich als Monobachelor für Mathe oder Informatik einzuschreiben).Seit dem studiere ich nur Informatik. Ich besuche alle Veranstaltungen der Mono-Informatiker (die ich als Kombi-Bachelor Nebenfach auch machen würde - aber eben nicht alle in einem Semester ;-) ), weil ich das prinzipiell spannend finde. Die Umsetzung ist allerdings wieder dieses Kleinkindhafte: “Löse diese Hausaufgaben zu nächster Woche. Du musst xzy% aller Aufgaben richtig lösen, damit du zur Prüfung zugelassen wirst”. Und es nervt mich. Ich will keine Aufgaben lösen, sondern lernen. Ich will Wissen erlangen, statt dumme Hausaufgaben zu erledigen. Nein, sie sind nicht vollkommen sinnlos, denn auch dabei kann man lernen - häufig lernt man (ich zumindest) aber genau nichts dabei, sitzt aber 10 Stunden an ein paar Aufgaben, um für eine Prüfung zugelassen zu werden, um ein paar Punkte zu bekommen, die Sagen, dass man dies nun kann. Ob das tatsächlich so ist, ist irrelevant.

Das nervt mich.

Und genau deshalb denke ich seit einigen Wochen wieder drüber nach, das Studium “hin zu schmeißen”. Hinzu kommt, dass ich nicht sehe, dass die Universität sich mit der Welt beschäftigt. Wir haben so viele Probleme in der Welt - aber ich sehe nicht, dass sie in der Uni angegangen werden. Das passt nicht in die Richtlinien. Ich glaube: “Börokratie fressen Uni auf”. Es geht doch nicht darum, “Punkte” zu sammeln, sondern darum, etwas zu lernen? Alle erbrachten Punkte bringen doch nichts, wenn man nichts gelernt, sondern gut abgeschrieben hat. Das “Plagiieren” ist natürlich verboten - aber wir alle tun es. Dauernd. Anders können wir den Anforderungen der Uni nicht gerecht werden. Niemals könnten wir das alles alleine machen - dafür ist die Arbeitszeit zu kurz. Ja, vielleicht sind wir alle faul und sollten mal “ordentliche 40 Stunden die Woche arbeiten!!11!1!”, vielleicht lässt sich lernen aber auch einfach nicht in Stunden messen. Wir sind nicht an der Uni um Arbeit zu leisten, sondern um zu lernen, Systeme verstehen, Wissen erlangen. Begreifen.Studere heißt auf Latein: sich bemühen. Es geht um das sich bemühen. Selbst machen, nicht Vorgaben bekommen und auswendig lernen. Und ja, auch mentale Arbeit strengt an. Natürlich kann man damit keine 40 Stunden konsequent durcharbeiten, sondern braucht Pausen. Wer das nicht versteht, hat die Idee des Studierens nicht verstanden.

Zurück zu mir. Ich habe das Gefühl selbst mit dem besten Willen an der Uni nichts erreichen zu können. Ich forsche gerne und erlange gerne neues Wissen. Ich bin der festen Überzeugung, Wissenschaft ist super - aber ich sehe nicht, wie sie in der Uni ordentlich umgesetzt wird. Oder wie mspro einst twitterte: “Das Internet ist meine Uni” Und ja, auch ich fühle so. Die größte Bibliothek, die wir haben, ist das Internet - und auch das schnellste. Nie waren Querverweise schneller als ein Link. Warum, aber ist all dies noch nicht in den Unis angekommen?Das sind meine offenen Fragen - hinzu kommt, dass ich gerade so viele wirklich wichtige Themen sehe, die so dringend behandelt werden müssen (wie gerade der Versuch von Google, das Internet zu übernehmen) und zu denen ich gerne arbeiten würde - aber stattdessen arbeite ich an Hausaufgaben. Das fühlt sich so falsch an.

Und damit bin ich mal wieder am Überlegen, mein Studium “hin zu werfen” und mir einen echten Job suchen, in dem ich an “echten Problemen” arbeiten kann - und zugleich einfach den unbürokratischen Zugang zu all dem Wissen bekommen kann, dass mich gerade interessiert. Vielleicht schaffe ich es auch dann, all die Bücher mal zu lesen, zu denen mich das Studium gerade nicht kommen lässt … (z.B. das Kapital von Marx oder die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas).

An dieser Stelle stehe ich mal wieder und weiß nicht weiter. Und gucke mal, ob es sich gelohnt hat, die Gedanken zu veröffentlichen - und gute weitere Gedanken (von euch!) hinzukommen.

Kommentare

von: Robert

Für das Informatik-Studium (und andere technische Studiengänge) an den meisten Unis gilt leider:

Das Grundstudium ist meist sogar so viel Arbeit, dass man gar keine Zeit mehr für private Experimente hat, mit denen man den Spaß-Mangel ausgleichen könnte.

Jedenfalls kann ich gut nachfühlen, was du beschrieben hast. Auch ich stand mehrfach davor, das Studium hinzuschmeißen - besonders im Grundstudium. Das ist bedenklich, denn ich brenne eigentlich leidenschaftlich für die Informatik und bin inzwischen auf meine eigene Art ein Überflieger* (bei mir sind es die Leidenschaft und der Ehrgeiz statt überragende Intelligenz).

Wenn sogar *ich* diese Erfahrungen gemacht habe bzw. bestätigen kann, dann muss wirklich etwas kaputt sein. ;-)

* B.Sc.-Abschluss mit 21 Jahren (Studienbeginn mit 18) und sehr guten Noten

von: 9er0

Haha!

Danke für den Kommentar und die Anregungen. Ich schlafe nochmal eine Nacht drüber - und hoffe dann einfach, dass der FoeBuD meine Bewerbung annimmt: http://www.foebud.org/aboutus/foebud-sucht-campaigner-redakteurin-m-w-fuer-buergerrechte-datenschutz-und-netzpolitik/

Damit würde ich dann eine 24h-Stelle haben, sodass ich nicht mehr voll studieren könnte - aber vielleicht verleiht mir dies den entsprechenden Abstand, dass ich es wieder zum Studieren schaffe - und das auch “gerne” tue. Nur bin ich mir noch immer unsicher, ob ich wirklich Informatik weiter machen möchte - oder neben Philosophie, vielleicht nicht doch noch was anderes wähle. Möglicherweise mache ich noch Mathe dazu - aber auch da muss ich nochmal eine Nacht drüber schlafen.

Dir nochmal ein: DANKESCHÖN!

von: teiler

Hey, wollte nur sagen ich finde mich in deinem Text teilweise wieder. Auch ich bin mit hohen Erwartungen an die Uni (Master in Computer Science in Schweden) gegangen, so von wegen Ort des Wissens, Humbold’sches Bildungsideal etc. und wurde jäh enttäuscht. Das Studium wirkt auf mich verschult und altbacken. Bücher lesen, Aufgaben erledigen, Klausuren schreiben. Klausuren schreiben! In Funktionaler Programmierung! Aber eine Alternative zur Uni sehe ich nirgends am Horizint. Man muss halt das Beste draus machen.