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Urheberrechtsbarcamp

Die Akteure der Urheberechtsdebatte hören sich nicht zu. Wer sich nicht zuhört, kann auch keine gemeinsame Lösung finden.

Um einen Dialog zu versuchen, ist ein Urheberrechtsbarcamp in Wien geplant, zum kollektiven Brainstorming auf der Suche nach einer Lösung, mit der Verwertungsgesellschaften und Immaterialschaffende zufrieden sind, ohne “unser” Internet kaputt zu machen. Die Planung für das Urheberrechtsbarcamp findet im Etherpad statt, und es gibt einen Termin-Doodle um einen Termin für das Barcamp fest zu machen.

Tragt euch ein und beteiligt euch - und vor allem: ladet Vertreter der Verwertungsgesellschaften, Kreativschaffende ein, sowie alle anderen, die vom Urheberrecht betroffen sind/leben.

Eine Urheberrechtslösung mit der alle glücklich werden, lässt sich nur gemeinsam finden.

 
 

Ich und das Atombombenexperimentierfeld Piratenpartei

Eingetreten.

Seit Mai 2009 spiele ich mit dem Gedanken, nun habe ich es getan. Ich bin “Pirat”, halte das System “Partei” aber für falsch. Die Piratenpartei, das Atombombenexperimentierfeld der Demokratie - ein Ort wo mensch die Sinnhaftigkeit von Parteien hoffentlich ganz grundsätzlich diskutieren kann, was ich so hoch spannend finde, dass ich mich da nun einfach mal gucke, was passiert.

Parteien halte ich für das Hauptproblem heutiger Politikverdrossenheit. Politik ist hochkomplex - sich effektiv einbringen macht extrem viel Arbeit. Die Ochsentour verschleißt viele gute Ideen, Initiativen und vor allem Menschen. Es gibt gute Gründe warum im antiken Griechenland kein Stadtstaat mehr als 10.000 Einwohner hatte - da kannten die Menschen sich unter einander und haben bei Problemen direkt miteinander gesprochen. Die heutige Demokratie ist eine Stellvertreter-Demokratie. Niemand ist selbst verantwortlich - immer war es jemand anders oder die einzelne Person übernimmt die Verantwortung für etwas, um Glaubwürdigkeit zu beweisen. Das diese Person aber tatsächlich verantwortlich ist, ist sehr unwahrscheinlich, da unser gesamtes Gesellschaftssystem nur durch Delegation funktioniert. Wo nur noch delegiert wird, wird es schwierig die Bürger offen mit einzubeziehen. In dieser Krise stecken alle modernen Demokratien und insbesondere die Parteien, die die Demokratien verkörpern.

Aus eben diesem Grund halte ich Parteien per se als Teil des Problems und nur bedingt als Teil der Lösung - und aus diesem Grund habe ich es vermieden einer Partei - trotz jahrelangem politischen Engagement - beizutreten.

Mit der Piraten-Bewegung verändert sich die Parteienlandschaft nachhaltig. Es scheint, als würde es eine Neuerfindung des politischen Rads geben - und zugleich bilden sich in den Piraten auch die gleichen Muster wie in allen bisherigen Parteien auch. Es geht zunehmend um “die Partei”, um Umfragen und Machtansprüche, es bildet sich ein Fraktionszwang.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” - und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.)

So bin ich nun teil der Piraten-Crew, will aber nicht Partei, sondern Utopie und gute Politik - unabhängig vom Parteibuch und nach Möglichkeit irgendwann ganz ohne Parteibuch. Mal sehen was sich auf dem Atombombenexperimentierfeld so ergibt und wo die Reise noch so hingeht.

Kommentare

von: rka

herzlich willkommen! wenn du die piratenpartei als eine möglichkeit betrachtest, die deinen politischen ideen eine grundlage zum wachsen gibt, dann kannst du viel schönes erleben. wichtig ist: sich selbst nicht vergessen und zu wissen, dass piraten kein familienersatz sind.

gruß rka

 
 

Vom Urheberrecht zur Urheberanerkennung

Auf SpOn hat mspro steile Thesen vorgelegt und auf seinem Blog noch ein wenig berichtigt.

Frei zusammengefasst schreibt er: “Das Urheberrecht gehört abgeschafft, weil im Internet immer kopiert wird.” - und der Begründung kann ich nicht widersprechen. Ob die Abschaffung aber die richtige Folgerung daraus ist, bezweifele ich. Aber mal langsam:

Das Urheberrecht entstand aus dem Patentrecht, welches entwickelt wurde, damit Menschen die unglaublich viel Zeit (und Geld) in die Entwicklung von Ideen (Erfindungen, Geschichten, Bilder, Filme, Musik …) stecken, nicht leer ausgehen - für den Fall, dass eine andere Person kommt und ihre Ideen kopiert um sie dann selbst zu vermarkten (weil die andere Person möglicherweise besser vermarkten kann).

In Zeiten, in denen jeder Mensch arbeiten muss, damit er sich Nahrung kaufen kann und an der Gesellschaft teilhaben kann, war es zudem ein Mittel zum Lebensunterhalt verdienen. Da wir diese Zeit aber gerade überschreiten (in der Menschen sich mittels Technik selbst ihre Arbeit “zerstören”), müssen wir auch in der Urheberrechtsdebatte zurück auf Null und von Vorne beginnen.

Es geht um die Frage der Anerkennung einer anderen Person (oder Gruppe) gegenüber, die großartige Immaterialien geschaffen haben. Ein Tischler, der Schränke baut, baut Schränke, die er dann verkaufen kann (in der Theorie …). Das derzeitige Urheberrecht gibt Schriftstellern, die einen Roman schreiben, das gleiche Recht - was nun obsolet wird, weil der Inhalt quasi Kostenfrei kopiert werden kann (bis Makerbots Schränke drucken dauert das noch ein wenig). Nicht obsolet ist aber die Anerkennung für das Werk, welches Geschaffen wurde. Der Tischlerin danken wir indirekt, indem wir den Schrank kaufen und sie damit bezahlen.

Wie aber danken wir den Schriftstellern? Das ist die Frage nach der Anerkennung - und da müssen wir von vorne beginnen uns ein Modell auszudenken, wie wir uns in angemessener Form bedanken können. Die (ebenfalls von mspro eingeworfene) Idee “warum geben wir den künstlern nicht einfach geld?” basiert auf dem Prinzip, dass Kreative sich auch selbst vermarkten - was sie häufig aber gar nicht tun wollen - und daher ja die Verwertungsgemeinschaften geschaffen haben (die uns nun zu einem so großen Problem sind). Wenn sich Kreative nicht selbst vermarkten, braucht es immernoch ein gesellschaftliches Anerkennungsmodell um sich von der Tischlerin nicht vorwerfen lassen zu müssen, sie würden nichts tun und der Gesellschaft nichts zurück geben.

Flattr ist ein solches Anerkennungsmodell, da es vor allem zählt, wie viele Menschen sich wofür bedanken und damit die Arbeit anerkennen. Das es bei Flattr “auch” um Geld geht, halte ich für ein zweitrangiges Feature. Damit es aber wirklich funktioniert, müsste jeder Flattr nutzen und wir auch alles Flattrn können - was de facto nicht geht. Aber vielleicht kommen wir da ja noch hin (und wenn es nicht Flattr ist, vielleicht ein anderer Dienst, der sich noch entwickelt).

Die Frage nach dem Lebensunterhalt stellt sich nicht “nur” bei den Kreativen, sondern auch bei allen Menschen, die durch den technischen Fortschritt keine Arbeit mehr haben und muss auch aus diesem Ansatz heraus angegangen werden. Das Urheberrecht dafür zu “missbrauchen” kann das Problem nicht lösen.

Kommentare

von: Gero

Ich gebe dem Urheberrecht ja gerade ein “Ziel”: Die Anerkennung der Kreativen.

Historisch gesehen wurde das Urheberrecht sehr wohl zur finanziellen Sicherung geschaffen – nur passt das heute eben nur noch bedingt und gehört daher reformiert (oder abgeschafft, oder was auch immer). Die Gesetzgebung ist mir selbst allerdings ziemlich egal. Es geht mir darum ein Bewusstsein und einen Ethos in dem Urheberrechtsbereich zu schaffen und die Debatte einfach weiter zu führen (viel “neues” im Vergleich zu mspro gibt’s hier ja auch nicht. Aber ich empfinde es wichtig die Debatte überhaupt so weit wie irgend möglich zu führen, damit mehr Leute davon mitbekommen und einen Ethos entwickeln können. Die Gesetzgebung wird dann nur ein staatlich verordneter Ethos sein, der sich aus der Debatte hervor tun wird.

In wie Weit Künstler “einfach bezahlt werden können” ist auch das eine moralisch-ethische Frage, wie “gut” die Gesellschaft ist – und auch dies verändert sich mit einer öffentlichen Debatte ja durchaus – auch wenn es derzeit schon sehr stark die “Kostenlos-Kultur” ist, die immer wieder angeprangert wird, muss es diese doch nicht bleiben. Und ich z.B. gehe prinzipiell davon aus, dass die Gesellschaft auch bereit ist, etwas für gute Immaterialien zu zahlen. (Der Glaube an das Gute und so.)

von: krizm0

Was ich in der gesamten Urheberrechtsdiskussion immer vermisse ist die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses Rechts überhaupt. Keiner (ausser ein paar wenigen) stellt die Existenz der Urheberrechts in Frage, nur scheint es keinen Konsens darüber zu geben, was überhaupt das ZIEL dieses Rechts sein soll. Man kann doch kein Gesetz entwerfen, wenn nicht klar was das Ziel sein soll. Ein weit verbreiterter Trugschluss ist ja, dass der Sinn des Urheberrechts die finanzielle Sicherung der Urheber herstellen soll. Ich persönlich fand immer einen Zitat von Rick Falkvinge als sehr treffend: “The copyright monopoly legislation is a balance between the public’s interest of having access to culture, and the same public’s interest of having new culture created.” http://awurl.com/RhGfmAymj Je nachdem wie die Definition des Ziels des Urheberrechts ist, kann man auch sehr schön sehen, wer überhaupt an dieser Debatte beteiligt sein sollte und wer nicht.

Wenn gefragt wird, warum wir den Künstlern nicht einfach Geld geben, müssen wir uns glaube ich die gesellschaftliche Realität vor Auge halten, die scheinbar nicht so aussieht, als ob freiwillige Zahlungsbereitschaft besteht. Zumindest nicht im kommerziellen Sektor. http://farlion.com/archives/316-Quelle-Internet-Wer-schnorrt-denn-wirklich-im-WWW.html

 
 

Ich lasse das mit dem Aktivismus

Wie ich heute schon auf Twitter verkündet habe, lasse ich das mit dem Aktivismus. Ich ziehe mich zurück.

Warum? Weil ich kann. Und weil ich will. Wie im Winter üblich, wurde ich ende November wieder depressiv. Zunehmend dunklere Tage, ekelhaftes Wetter, kaum Freizeit. Ich habe (nachdem ich Franks Blogpost zur Winter-Depressionsbekämfpung gelesen habe) mein Tagesablauf umgestellt - und kurz danach bin ich in der Uni kürzer getreten und habe ein Fach aufgegeben. Es wurde ein wenig ruhiger und es wurde Weihnachten, der 28c3 kam - alles war gut. Dann ging die Uni wieder los und ich lag eine Woche krank im Bett. Kaum war ich zurück in der Uni wurde mir klar, dass ich Java einfach zu schlecht kann, als dass ich mich mit den “Grundlagen der Programmierung” weiter plagen sollte. Das zweite Fach von dreien schmiss ich über Bord.

Dann hatte ich wieder Zeit, mich “dem Aktivismus” zu zuwenden, was ich auch recht bald tat. Ich sortierte und laß Hunderte von Mails der AK-Vorrat-ML um mich irgendwo einzubringen - vergeblich. Mir fehlte der Punkt, an dem ich mich hätte einbringen sollen.

Vor zwei Tagen schrieb ich eine Mail auf die Liste zur Europäischen Bürgerinitiative (man überlegt im AK, ob man diese Bürgerinitiative nutzen möchte, um mit 1.000.000 Unterschriften die Kommission aufzufordern, die Vorratsdatenspeicherung abzuschaffen), in der ich für eine Professionalisierung des AKV plädierte - es sollten endlich Leute bezahlt werden, die sich wirklich einbringen können und daran arbeiten könnten - statt sich vor allem in Mailinglistendiskursen zu verstricken, die häufig das gesamte Pensum an Zeit, die man für den AK “opfert”, aufbraucht. (Zumindest ist das bei mir so). Dies wurde abgelehnt. Möglicherweise zurecht, da der AKV eben genau so funktioniert. Da wird niemand bezahlt. Punkt. Dann setzte sich ein Denkprozess in Gang, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Genau genommen gab es ihn schon vorher, nur habe ich ihn gewissermaßen unterdrückt. Ich fragte mich “wofür” das alles? Warum bin ich eigentlich Aktivist. Dazu kam, dass ein Freund mich fragte, warum ich so selten Zeit habe “You’re always so busy … You have never time to go out!” und ich ihm erklärte, dass ich das mit dem Aktivismus ja noch neben dem Studium mache. Und genau dann feststellte, dass dieser Aktivismus mich fast 2 Jahre quasi nicht mehr ausgehen lassen hat. Alle Freizeit, die ich entbehren konnte, steckte ich darein, Mailinglisten zu lesen und selbst voll zu schreiben, auf Twitter zu ranten oder Abgeordnete anzuschreiben. Häufiger war ich auch auf irgendwelchen Kongressen und Meetings, um über Überwachungsbekämpfungsmaßnahmen zu diskutieren. Ich stellte fest, dass ich seit dem ich im August nach Berlin gekommen bin, nicht einmal richtig feiern war (mit Ausnahme der 28c3-Afterparty, sowie Silvester - wiederum in der C-Base).

Ich glaube, meinen Rant gegen das Studium trifft das falsche Opfer. Noch immer finde ich das Studium “irgendwie” doof, aber mein Lebensinhalt stahl nicht das Studium, sondern meine falschen Vorstellungen vom Aktivismus. Ich redete mir ein, ich müsse doch noch etwas gegen die neue, personalisierte “Google+ Suche” machen, weil sie böse sei. Dies seien die tatsächlichen Aufgaben, statt in der Uni Übungsaufgaben zu lösen. Vor zwei Tagen wollte ich mich gar für das Europaparlament aufstellen lassen, um mehr ausrichten zu können, im “Kampf gegen die Bösen”.

Ich glaube ich habe mich da in etwas hinein gesteigert, in das ich mich nicht hätte hinein steigern sollen. Seit etwa 2 Jahren optimiere ich mein Leben dahin gehend, mehr Aktivismus betreiben zu können - und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.

Und genau deshalb mache ich jetzt Schluss mit dem Aktivismus. Vorerst. Ich habe mich von allen AKV-Listen gestrichen, um mir Ruhe zu verordnen. Ein paar andere Listen (mit deutlich weniger Traffic) lese ich weiter, um zumindest das Wesentlich mit zu bekommen. Ich brauche diese Ruhe, um mir selbst mal wieder Gedanken darüber zu machen, wie mein Leben eigentlich aussehen soll. Und was ich damit noch so anfangen will.

Diese Entscheidung ist in mir gereift. Sie betrifft zwar vor allem (neben mir selbst), den AK Vorrat - aber er ist nicht schuld. Die Leute, die sich noch immer im AK Vorrat engagieren, machen eine unglaublich tolle Arbeit. Danke dafür! Gerne würde ich mich bei jedem(!) persönlich bedanken, weiß aber, dass ich immer irgendwen unter den Tisch fallen lassen würde - und damit mir selbst, aber vor allem deren Arbeit nicht gerecht werden würde. Deshalb Danke ich nur pauschal: DANKE!

Vielleicht komme ich bald wieder. Vielleicht auch nicht. So lange aber, bleibe ich den AKV-Liste fern. Für diesen abartigen Tweet, entschuldige ich mich. Das ist Bullshit. Natürlich kann man im Aktivismus etwas erreichen - und ich fordere jeden weiter auf, sich einzumischen. Das ist wichtig. Aber, man möge sich auch weiter selbst-hinterfragen: “Was genau tue ich hier? - Und: Warum?”. Ich suche darauf nun erst mal eine Antwort. Und sehe dann weiter.

Kommentare

von: Herr Urbach

Lieber Gero,

willkommen an dem Punkt, an dem jeder Aktivist mal steht. Ich hatte das im Februar letzten Jahres: http://blog.stephanurbach.de/?p=450

Auch das ist eine Form der Depression oder des Burnouts. Wo ist der Sinn in dem, was ich tue? Ist es effektiv? Nützt es jemanden?

Ich will dich nicht überzeugen, weiter zu machen - wen du es aber tust, such dir eine aktivismusform, die dir goutiert. Die dir zeit und Raum lässt, Dinge für dich zu tun. Gib dir selbst Raum, etwas zu tun.

Ich bin mir sicher, wir sehen uns in einem Jahr wieder - als Aktivisten auf einer Konferenz. Bis dahin: genieße das Leben. Bald ist Frühling und mit den Sonnenstrahlen kommt auch die Energie wieder. Bis dahin: Du, ich, Bier :)

Herr Urbach

von: 9er0

Lieber Herr Urbach,

ich habe die letzten beiden Tage viel an dich und deinen sehr offenem Umgang mit deinen Zweifeln am Aktivismus gedacht. Du warst der Grund, warum ich diesen Blogpost geschrieben habe, statt es für mich zu behalten, und leise, still und heimlich zurück zu ziehen.

Und ja, auch ich glaube nicht, dass ich so ganz ohne kann. Aber gerade muss ich ohne, ansonsten gehe ich daran kaputt. Und das wäre doof.

Das mit dem Bier können wir aber trotzdem (oder gerade daraum?) gerne mal wieder machen!

von: Tee Jay

Lieber 9ero,

natürlich respektiere ich Deine Entscheidung und bedanke mich herzlich für Dein Engagement im AK Vorrat. Dass Du komplett aussteigst, bedauere ich sehr, zumal ich zwischen lichterloh Brennen und Nichtstun noch viel Zwischentöne sehe. Natürlich musste bei Deinem Arbeitspensum irgendwann einmal der Punkt erreicht sein, an den selbst Idealisten wie Du an ihre Grenzen stoßen. Ich kann mir deswegen auch vorstellen, dass Du Dich eine Weile erholen musst. Danach wäre ich aber froh, Dich wieder im AK zu sehen. Der Einzige, der von Dir verlangt, Dein gesamtes Leben irgendeinem Engagement unterzuordnen, bist Du selbst. Ich kenne den Effekt, weil ich in Deinem Alter den gleichen Fehler beging. Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst. Die Antwort lautet vielmehr, ein gesundes Maß für sein Engagement zu finden. Dieser Balanceakt ist äußerst schwierig, und Du wirst mehrmals das Gleichgewicht verlieren, aber ich behaupte, es ist der Weg, den Du gehen solltest.

von: missi

Hi Gero, mach dir mal keinen Kopp, zuweilen ist Entschleunigung gut und richtig, um wieder auf nen grünen Zweig zu kommen. Ich kenne das selbst sehr gut, gerade aus dem Aktivismusbereich, wo ich ja auch schon ein paar Jährchen unterwegs bin: Irgendwann kommt immer (wieder) der Punkt, da wirds einfach zuviel, insbesondere dannn auch noch, wenn man immer wieder gegen Mauern rennt und das Gefühl bekommt, es geht nix weiter. Da nervt dann auch jede Email, in der dann scheinbar nur gefaselt wird. Mach dir einfach keinen Stress, entschuldige dich nicht bei der Welt dafür, überleg nicht, was du verpassen könntest, wenn du da jetzt nicht 42²³ Emails/Links/etc. am Tag liest (Du verpasst nix, wirklich. Glaubs einfach. ;)) und mach einfach mal was ganz anderes, irgendwas, worauf du gerade Bock hast. (Bau z.B. noch ein paar Radios, die brauchen wir dann eh für den Weltuntergang. :o)) Und mach auch nicht den Fehler, dir ne Deadline für dein Comeback zu setzen (Du wirst irgendwann wiederkommen, in welchem Feld auch immer, aber du bist kein Lemming. :o)), auch wenn deine Pause Jahre dauert, mach einfach. Frustriert und gestresst kannst du auch nix bewegen, machs also nicht zu einem Zwang, wenn du keinen Kopf dafür hast: Nimm ihn weg da.

Nochwas: “und zugleich lasse ich mir persönlich wirklich wichtige Dinge hinten runter fallen “die können warten, bis dass wir die Welt gerettet haben”.” Es gibt nichts frustrierendes, wenn man “die Welt gerettet hat” (oder im realen Rahmen: Etwas netter machte) und dann nach Hause kommt und feststellt: Die eigene ist dabei kaputt gegangen, weil man sich nicht um sie kümmerte. Sei egoistischer und fix deine Prioritäten.

von: Lars

Hi Gero,

Finde es toll dass Du diesen Schritt öffentlich vollzogen hast. Ich war 2001 in einer ähnlichen Situation, hatte schon 2 Studiengänge hingeschmissen und bin erstmal nach Mexiko um meinen “Aktivismus” voll auszuleben. Glücklicher bin ich dabei nicht geworden.

Das Glück kehrte zu mir zurück, als ich alle Aktivitäten gecanceled und mein 3. Studium angefangen habe. Mit dem Ziel es diesmal durchzuziehen, aber nicht alleine sondern mit Leuten die ähnlich denken wie ich. Ähnlich denken bezüglich des Studiums, nicht politisch. Auf einmal rückten Leute in mein Blickfeld die ich früher übersehen hätte, Menschen die meistens in der Vorlesung waren, ihre Übungen gemacht haben und sich in allem was die Uni anging Mühe gaben. Und auf einmal ging studieren ganz leicht und auch privat kam alles wieder ins Lot.

Und die im Studium erworbenen Fähigkeiten (neben dem Informatikzeug vor allem eine realistischere Selbsteinschätzung) helfen mir heute bei jeder Art von Aktivismus und ich bin glücklich wie ich es niemals für möglich gehalten hätte.

Wünsche Dir viel Erfolg auf Deinem Weg, lass Dir nicht erzählen was Du tun mußt sondern finde raus was Du(!) tun willst um in dieser (ungerechten) Welt glücklich zu sein

Gruß

Lars

von: Alex

Hey Gero,

ich hoffe zu den Listen, die du nicht gestrichen hast, gehört auch die PNR Liste ;)

Im Ernst: Leb mal ein Studentenleben wie es sich gehört und kümmer dich um die Sachen, die du die letzen Jahre versäumt hast. Wenn du wieder Lust hast, kannst du ja wieder Aktivist werden ;) Hoff dich mal bald wieder in nem Keller der Entscheidungen zu treffen :)

Greetz Alex

von: Ingo Jürgensmann

Hallo Gero!

Schade, dass Du aufhoeren, oder wie ich eher hoffe: pausieren moechtest. Da ich das mit der Winterdepression auch schon durch habe, kann ich Franks Ratschlaege eigentlich nur bestaetigen: Licht und Bewegung waren auch bei mir sehr hilfreich. Ein anderer Punkt war aber auch, dass ich einfach wusste, dass es eine Winterdepri ist. Seitdem ich weiss, dass ich empfindlich auf Lichtmangel reagiere, hatte ich auch keine Depri mehr. Ich bemuehe mich z.B. am Fenster zu sehen, wenn ich arbeite. Und ich gehe in der Mittagspause dann auch mal raus anstatt in die hauseigene Kantine.

Was den Aktivismus angeht: ich lese ja nun wirklich nicht viele MLs und dort auch laengst nicht jede Mail, aber ich habe auch meine Aktivismusform gefunden, mit der ich gut leben kann. Ich denke und hoffe, dass auch Du deine Form finden wirst. Also goenn dir ruhig eine Auszeit! Bis dann! :-)

von: Katta

Hallo Gero,

ich kann das total nachvollziehen, dass dir das zu viel wird. Und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der letzten Mail von mir - vielleicht war das schließlich der letzte Tropfen der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Du hast in den letzten Jahren unglaublich viel für den AK gemacht. Demos und Kongresse und dann auch noch dieses ständige klein-klein auf den Mailinglisten schlaucht. Manchmal ist Team-Work ist manchmal einfach nur anstrengend, weil mehr Zeit für Koordination draufgeht als für alles andere..

Ich kenne das Gefühl, dann in immer mehr Arbeit reingezogen zu werden. Ohne die notwendige Distanz und zwischenzeitliches “Abschalten” geht das auf die Dauer nicht gut. Wenn dann noch das Studium mit der Java-Keule daherkommt ist das einfach zu viel.

Ich fand den Kommentar schon ganz passend:

“Die Antwort darauf besteht jedoch nicht im totalen Rückzug. Das wird Leuten wie Dir ohnehin auf Dauer nicht gelingen, weil Du Dich viel zu sehr für Dinge interessierst.”

Vielleicht findet sich der berühmte Mittelweg irgendwann ganz von alleine, wenn man sich mal ne Atempause gönnt. Der Mensch braucht immer nen Gegenpol, sonst wird es auf die Dauer zu viel.

Ich würde jedenfalls gerne auch abseits des Aktivismus mit dir Bier trinken :)

Katta

von: 9er0

Hey Katta,

mach dir keine Sorgen - es liegt wirklich nicht am AKV - und auch nicht an irgendeiner Mail von dir (oder irgendwem anders). Vielleicht hat es mir die Augen geöffnet, was mich selbst nervt, aber es hat mich niemand vertrieben.

Den Mittelweg will ich gerade für mich ausloten. Ohne kann ich nämlich tatsächlich nicht - nur tüftele ich gerade an dem Maß und an meiner Aktivismusform.

Bier aber, klingt immer gut :D Da komme ich drauf zurück!

LG

von: rka

Moin Gero,

ich erinner mich noch sehr gut, wie ich dich das erste mal beim AK Vorrat gesehen habe, und du voller Tatendrang warst. Du hast dich sehr schnell und sehr stark engagiert, wie es viele tun, die mit voller Kraft ein Ziel erreichen wollen. Ich glaube, dass es zu der Zeit richtig war, dass du dich so stark engagiert hast, genauso wie es jetzt für dich richtig ist, dich zurückzuziehen. Und das ist das wichtigste: bei allem Aktivismus sich nicht selbst vergessen. Sich selbst auch nicht zu vernachlässigen. Die Welt besteht nicht nur aus anderen, sondern auch aus dir! Nur wenn es dir gut geht, hast du auch genügend Kraft, um sie ins Studium, in den Aktivismus oder anderes zu investieren. Ich hoffe, bin mir da aber auch recht sicher, du wendest dich irgendwann wieder dem Aktivismus zu. Dann vielleicht mit einer geringeren Intensität, aber sicherlich nicht mit weniger positiven Auswirkungen. Wie andere auch, würde ich mich auch freuen, dir abseits vom Aktivistendasein übern Weg zu laufen. Vielleicht ergibt sich das ja mal… Beste Grüße rka

von: Manu

Hey Gero, ich hab das erst jetzt gelesen. Gut, dass du die Reißleine ziehst, es ist manchmal schwer, die zu finden, aber umso wichtiger, sie zu ergreifen, wenn es drauf ankommt.

Ich selbst habe das leider auch schon durchlebt, und die Reißleine, an der ich glaubte, ziehen zu müssen, hat so manche Wunde sowohl bei mir als auch bei anderen gerissen, wohl heftigere als du möglicherweise mit diesem einen Tweet.

Damit dieser Winter kein total Durchsoffener wird, biete ich dir mal lieber Teetrinken statt Bier an ;) Und bin ziemlich sicher, dass du deinen Weg als Aktivist, was auch immer das genau bedeuten mag, finden wirst, mit genau so vielen oder so wenig Kurven wie erforderlich.

Kraft tanken ist wichtig. Und sich selbst nicht verlieren. Oder jedenfalls wiederfinden.

Alles Gute Manu

von: V.

Hallo Gero,

ein sehr trauriger aber richtiger Schritt. Es bringt nix, wenn du dich durch Aktivismus innerlich selbst zerstörst, es reichen schon die äußeren Einflüsse die uns oft genug zu schaffen machen.

Beste Grüße, V.

PS: Habe stets ein offenes Ohr, falls du jemensch zum Reden brauchst.

 
 

Die Sache Mit Dem Studium

Ein Unternehmen würde es “in eigener Sache” nennen. Ich nenne es “post-privacy”. Es geht um mich.Lange wollte ich endlich studieren - dann endlich begann ich ein Philosophie-Studium in Freiburg und die ersten Zweifel kamen. Ja, Zweifel während des Studiums sind normal, sowie man immer mal wieder Zweifel bekommen wird - und muss. Wer nicht zweifelt, der denkt nicht.

Nach einem Semester, als mir eine geschrieben Prüfung nicht anerkannt werden konnte, weil ich mich zur Nachprüfung mit Daten anmelden hätte müssen, die in einem Brief gestanden haben, den ich nie bekam, habe ich das erste Mal ernsthaft darüber nachgedacht, mein Studium “hin zu schmeißen”. Kurz danach habe ich mich nach Alternativen umgesehen und wollte nach Berlin kommen. Schließlich habe ich mich hier beworben und wurde genommen - nur nicht in Philosophie, was ich eigentlich weiter machen wollte, sondern in Mathe und Informatik als Kombi-Bachelor. Ein Kombination, zu der es keine Studienordnung gibt - und man eben deshalb wechseln sollte.

Das wiederum wollte ich auch noch nicht, da ich zum Sommersemester (Bewerbungsfrist ist der 15.1.(!)) mich auf Philosophie als Hauptfach bewerben wollte (habe ich noch nicht und überlege gerade, ob der Aufwand lohnt) und ich dafür aber im Kombi-Bachelor bleiben sollte. (Die Empfehlung war, sich als Monobachelor für Mathe oder Informatik einzuschreiben).Seit dem studiere ich nur Informatik. Ich besuche alle Veranstaltungen der Mono-Informatiker (die ich als Kombi-Bachelor Nebenfach auch machen würde - aber eben nicht alle in einem Semester ;-) ), weil ich das prinzipiell spannend finde. Die Umsetzung ist allerdings wieder dieses Kleinkindhafte: “Löse diese Hausaufgaben zu nächster Woche. Du musst xzy% aller Aufgaben richtig lösen, damit du zur Prüfung zugelassen wirst”. Und es nervt mich. Ich will keine Aufgaben lösen, sondern lernen. Ich will Wissen erlangen, statt dumme Hausaufgaben zu erledigen. Nein, sie sind nicht vollkommen sinnlos, denn auch dabei kann man lernen - häufig lernt man (ich zumindest) aber genau nichts dabei, sitzt aber 10 Stunden an ein paar Aufgaben, um für eine Prüfung zugelassen zu werden, um ein paar Punkte zu bekommen, die Sagen, dass man dies nun kann. Ob das tatsächlich so ist, ist irrelevant.

Das nervt mich.

Und genau deshalb denke ich seit einigen Wochen wieder drüber nach, das Studium “hin zu schmeißen”. Hinzu kommt, dass ich nicht sehe, dass die Universität sich mit der Welt beschäftigt. Wir haben so viele Probleme in der Welt - aber ich sehe nicht, dass sie in der Uni angegangen werden. Das passt nicht in die Richtlinien. Ich glaube: “Börokratie fressen Uni auf”. Es geht doch nicht darum, “Punkte” zu sammeln, sondern darum, etwas zu lernen? Alle erbrachten Punkte bringen doch nichts, wenn man nichts gelernt, sondern gut abgeschrieben hat. Das “Plagiieren” ist natürlich verboten - aber wir alle tun es. Dauernd. Anders können wir den Anforderungen der Uni nicht gerecht werden. Niemals könnten wir das alles alleine machen - dafür ist die Arbeitszeit zu kurz. Ja, vielleicht sind wir alle faul und sollten mal “ordentliche 40 Stunden die Woche arbeiten!!11!1!”, vielleicht lässt sich lernen aber auch einfach nicht in Stunden messen. Wir sind nicht an der Uni um Arbeit zu leisten, sondern um zu lernen, Systeme verstehen, Wissen erlangen. Begreifen.Studere heißt auf Latein: sich bemühen. Es geht um das sich bemühen. Selbst machen, nicht Vorgaben bekommen und auswendig lernen. Und ja, auch mentale Arbeit strengt an. Natürlich kann man damit keine 40 Stunden konsequent durcharbeiten, sondern braucht Pausen. Wer das nicht versteht, hat die Idee des Studierens nicht verstanden.

Zurück zu mir. Ich habe das Gefühl selbst mit dem besten Willen an der Uni nichts erreichen zu können. Ich forsche gerne und erlange gerne neues Wissen. Ich bin der festen Überzeugung, Wissenschaft ist super - aber ich sehe nicht, wie sie in der Uni ordentlich umgesetzt wird. Oder wie mspro einst twitterte: “Das Internet ist meine Uni” Und ja, auch ich fühle so. Die größte Bibliothek, die wir haben, ist das Internet - und auch das schnellste. Nie waren Querverweise schneller als ein Link. Warum, aber ist all dies noch nicht in den Unis angekommen?Das sind meine offenen Fragen - hinzu kommt, dass ich gerade so viele wirklich wichtige Themen sehe, die so dringend behandelt werden müssen (wie gerade der Versuch von Google, das Internet zu übernehmen) und zu denen ich gerne arbeiten würde - aber stattdessen arbeite ich an Hausaufgaben. Das fühlt sich so falsch an.

Und damit bin ich mal wieder am Überlegen, mein Studium “hin zu werfen” und mir einen echten Job suchen, in dem ich an “echten Problemen” arbeiten kann - und zugleich einfach den unbürokratischen Zugang zu all dem Wissen bekommen kann, dass mich gerade interessiert. Vielleicht schaffe ich es auch dann, all die Bücher mal zu lesen, zu denen mich das Studium gerade nicht kommen lässt … (z.B. das Kapital von Marx oder die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas).

An dieser Stelle stehe ich mal wieder und weiß nicht weiter. Und gucke mal, ob es sich gelohnt hat, die Gedanken zu veröffentlichen - und gute weitere Gedanken (von euch!) hinzukommen.

Kommentare

von: Robert

Für das Informatik-Studium (und andere technische Studiengänge) an den meisten Unis gilt leider:

Das Grundstudium ist meist sogar so viel Arbeit, dass man gar keine Zeit mehr für private Experimente hat, mit denen man den Spaß-Mangel ausgleichen könnte.

Jedenfalls kann ich gut nachfühlen, was du beschrieben hast. Auch ich stand mehrfach davor, das Studium hinzuschmeißen - besonders im Grundstudium. Das ist bedenklich, denn ich brenne eigentlich leidenschaftlich für die Informatik und bin inzwischen auf meine eigene Art ein Überflieger* (bei mir sind es die Leidenschaft und der Ehrgeiz statt überragende Intelligenz).

Wenn sogar *ich* diese Erfahrungen gemacht habe bzw. bestätigen kann, dann muss wirklich etwas kaputt sein. ;-)

* B.Sc.-Abschluss mit 21 Jahren (Studienbeginn mit 18) und sehr guten Noten

von: 9er0

Haha!

Danke für den Kommentar und die Anregungen. Ich schlafe nochmal eine Nacht drüber - und hoffe dann einfach, dass der FoeBuD meine Bewerbung annimmt: http://www.foebud.org/aboutus/foebud-sucht-campaigner-redakteurin-m-w-fuer-buergerrechte-datenschutz-und-netzpolitik/

Damit würde ich dann eine 24h-Stelle haben, sodass ich nicht mehr voll studieren könnte - aber vielleicht verleiht mir dies den entsprechenden Abstand, dass ich es wieder zum Studieren schaffe - und das auch “gerne” tue. Nur bin ich mir noch immer unsicher, ob ich wirklich Informatik weiter machen möchte - oder neben Philosophie, vielleicht nicht doch noch was anderes wähle. Möglicherweise mache ich noch Mathe dazu - aber auch da muss ich nochmal eine Nacht drüber schlafen.

Dir nochmal ein: DANKESCHÖN!

von: teiler

Hey, wollte nur sagen ich finde mich in deinem Text teilweise wieder. Auch ich bin mit hohen Erwartungen an die Uni (Master in Computer Science in Schweden) gegangen, so von wegen Ort des Wissens, Humbold’sches Bildungsideal etc. und wurde jäh enttäuscht. Das Studium wirkt auf mich verschult und altbacken. Bücher lesen, Aufgaben erledigen, Klausuren schreiben. Klausuren schreiben! In Funktionaler Programmierung! Aber eine Alternative zur Uni sehe ich nirgends am Horizint. Man muss halt das Beste draus machen.

 
 

Wo Kathrin Passig Irrt Und Ihre Algorithmen Kritik Kritik Falsch Liegt

Ihr solltet ihren Artikel lesen. Ich gebe Ihr recht. Quasi in allen Punkten.

Algorithmen verdammen ist grober Unfug. Wir brauchen sie und können ohne sie nicht mehr klarkommen. Es ist egal, ob es die Banken sind, die darauf angewiesen sind, oder ob es unsere alltägliche Informationsverarbeitung ist. Wir können nicht mehr ohne Algorithmen in der heutigen Welt leben; und es sinnbefreit, Algorithmen als solches zu verdammen. Die Frage nach den “Ja” oder “Nein” zu Algorithmen stellt sich nicht.

Ich gebe ihr allerdings nur in quasi allen Punkten Recht. Algorithmen verdammen ist mit unter: feiner Fug.

Sie schrieb:<blockquote>Der Informatiker David Gelernter kritisierte im April 2010 in der FAZ im Zusammenhang mit Klimamodellen, die Softwaremodelle, auf die wir uns verließen, seien zu komplex. Ihre Urteile ähnelten “den unerfindlichen bürokratischen Diktaten eines kafkaesken Staats, denen fraglos Folge zu leisten ist, obwohl keiner sie erklären kann”. Der entscheidende Unterschied zum kafkaesken Diktat ist aber bei Empfehlungen wie bei Klimamodellen, dass man problemlos feststellen kann, wie zutreffend sie sind. Den empfohlenen Film sieht man sich an, beim Klima muss man ein paar Jahre warten, aber in beiden Fällen ist die Übereinstimmung von Prognose und Realität leicht zuüberprüfen.</blockquote>

Ich kritisiere sie dafür, dass sie davon ausgeht, dass die Algorithmen zwar nicht mehr a priori untersuchbar bleiben, aber ihr Ergebnis doch einfach überprüft werden könne.

Ganz so einfach ist es eben nicht. Denn mit der durch Algorithmen gegebenen Information verändert sich die eigene Welt. Jeder auf uns einströmende Information verändert uns “irgendwie”. Voraussagen verändern die Zukunft - da sie nicht “festgelegt” ist. Wenn wir aber vermeintlich wissen, wie die Zukunft werden wird/soll, können wir dagegen arbeiten, oder dafür.

Wenn wir uns aber auf Algorithmen verlassen (und das tun wir alle) und niemand weiß, ob sie überhaupt richtig sind, verlassen wir uns auf eine Zukunft, die möglicherweise gar nicht wahr ist. Wir beginnen für oder gegen eine Zukunft zu arbeiten, die es möglicherweise gar nicht gibt - weil der Algorithmus, der sie ausspuckte, falsch liegt. Damit aber verändern wir unweigerlich die “echte” Zukunft - und das vielleicht auf eine ganz andere Weise, wie wir das eigentlich wollten. Ihr Punkt “Es wird sich heraus stellen, ob sie richtig sind oder nicht” greift hier nicht weit geung. Zukunft kommt nicht aus dem Objektiven, sondern aus der Subjektivität alles Seins. Zukunft gibt es nur in der eigenen Welt - ohne die vermeintlich objektive, die uns alle umgibt.Wie man nun aber damit umgeht, weiß ich nicht. An eben dieser Stelle habe ich keine ethische Handlungsempfehlung. Ich weiß nicht, ob es “besser” ist, sich darauf zu verlassen, oder eben nicht. Und genau daran müssen wir arbeiten. An der Ethik. An der Ethik der Algorithmen, des Kontrollverlustes und des Digitalen. Und hier wieder stimme ich Kathrin Passig zu, dass ein einfaches “die Algorithmen sind böse” zu undifferenziert klingt und den eigentlichen Kern nicht trifft.

Kommentare

von: V.

Seltsam, sie schreibt im Exposé: “Was in die Liste kommt, entscheiden Algorithmen. Diese Programme wurden in letzter Zeit häufig kritisiert - doch viele machen es sich dabei zu einfach.” Dabei sind Algorithmen und Programme doch sehr unterschiedliche Dinge - wie jeder Informatik Studierende in den ersten Semestern lernt. Liegt hier nicht schon das Missverständnis?

von: 9er0

Hmm … puh. Gute Frage. Ich glaube, diese Frage müssen sich aber alle FeutonnistInnen stellen. Ich behaupte, dass vielen von ihnen den Unterschied nicht kennen. Aber das ist nicht mein Punkt den ich kritisiere (aber vielleicht ein 2. :) )

von: Daniel

In dem Zusammenhang kann ich folgende Links empfehlen. Der Autor hielt dazu vor einiger Zeit eine sehr gute Lesung in der FU Berlin.

http://www.scilogs.de/wblogs/blog/mathematik-im-alltag/allgemein/2007-12-23/ich-war-s-nicht.-der-algorithmus-war-s.

http://page.math.tu-berlin.de/~mdmv/archive/17/mdmv-17-3-148.pdf

http://page.math.tu-berlin.de/~mdmv/archive/18/mdmv-18-2-100.pdf

Schönen Abend, bis die Tage in der Uni

von: 9er0

Scilogs sollte Punkte in den Überschriften nicht in den Link übernehmen … Kein Brower erkennt, dass der Punkt am Ende des Links mit in die URL gehört. Hinweis daher: URL manuell copy-pasten … (Und auf PDFs Linken ist manchmal ja ein wenig Ansträngend :) )

 
 

Die Grünen haben gewonnen! - und sollten mit den Piraten zusammengehen

Die Grünen haben gewonnen. Glückwunsch!

Atomkraftwerke werden abgeschaltet, Angela Merkel(!) betreibt internationalen Natur- und Klimaschutz. Die CO2-Emissionen sollen international begrenzt werden. Seit einiger Zeit gibt es einen Wandel bei den Grünen. Von der 1-Themen-Naturschutzpartei zu einer Volkspartei. Ein Vollprogramm haben sie schon lange - und gelten inzwischen auch als Gesprächspartner zu jedem Thema - nicht nur Umweltfragen oder Atompolitik. Die Frage ist aber, was für eine Aufgabe hat eine grüne Partei? Die “wofür”-Frage. Wofür braucht es ausgerechnet die Grünen?

Ich mag die Grünen und habe sie gewählt, (damals noch in BaWü, nach Berlin zog ich zu spät um auch hier wählen zu dürfen) und kann mir gut vorstellen sie auch wieder zu wählen. Sogar gearbeitet habe ich für sie, gerne. Ich halte die Partei insgesamt für sehr fähig und inzwischen auch ganz gut organisiert. Da wird gearbeitet, da entsteht Politik. Das finde ich gut.

Eines der neueren Themen bei den Grünen ist die Netzpolitik und ich bin der Meinung, die Grünen machen eine hervorragende Netzpolitik. Es ist allerdings nicht das Thema, was alle zusammenbringt, sondern eher eines, was von ein paar wenigen bearbeitet wird.

Anders ist das bei den Piraten. Da gibt es keine Netzpolitik, da alles im Netz stattfindet. Netzpolitik wird nicht mehr thematisiert, sie ist essentielle Arbeitsgrundlage. Ohne Netz geht nichts mehr. Sie sind die erste Partei, die es verstanden hat auf das Netz aufzubauen und es nicht nur zu integrieren. Dies ist natürlich leicht gesagt, denn die Grünen haben ihre Parteiarbeit aufgenommen und Arbeitsabläufe geschaffen lange bevor das Internet zu einem Massenphänomen wurde. Ihnen einen “Netzpolitk machen aber nur wenige”-Strick zu drehen ist unfug.

Ich frage mich, warum es zwei Parteien braucht, die um die selbe Gesellschaftschicht wahlkämpfen. Seit der Abgeordnetenhauswahl sind die Piraten “etabliert” und fangen seit dem ganz mächtig zu wahlkämpfen an. Da wird verbal gehauen und gestochen, dass man meinen könnte, nächsten Sonntag wäre Wahl. Gehauen und gestochen wird gegen alle “alten” Parteien. Die SPD hat zu ihrem Bundesparteitag ganz ordentlich ihr Fett weg bekommen - aber gerade die Grünen werden in einer Vehemenz attackiert, für die mir jedes Verständnis fehlt. Nun ist das natürlich mies von der ARD Bärbel Höhn gegen Christopher Lauer zum Thema Internet zu reden, wenn der (inzwischen twitterweit bekannte) Peter Altmeier noch daneben sitzt. Allerdings lassen sich auch die Grünen eher ungern die Brot vom Butter nehmen. Nun sind sie endlich groß, da kommen die Piraten und dampfen den Erfolg ganz gut zusammen. Es Rumort bei den Grünen, allerdings wissen sie aus der politischen Erfahrung heraus (die den Piraten noch fehlt), dass es noch dauert, bis die nächsten Wahlen kommen. Entsprechend vorsichtig wird zurückgeschossen. Man könnte meinen die Grünen wissen um ihre Anfangsfehler und warten darauf, dass die Piraten die selben wiederholen. Den Tweets aus dem Abgehordenetenhaus zu folge wird da auch ganz ordentlich gemeutert - und ob das 2 Jahre bis zur Bundestagswahl (die nächste wichtige Wahl) durchhält, wage ich von Zeit zu Zeit zu bezweifeln.

Nun bin ich noch immer parteilos (aus Gründen), aber netzpolitisch aktiv. Ich will die Integration, wie die Grünen die Netzpolitik gerade in ihrer Partei etablieren auf die Gesellschaft übertragen, wie die Piraten es schon haben. Ich frage mich aber immer wieder, warum man dies nicht gemeinsam tun kann. Warum braucht es zwei Parteien, die sich in weiten Teilen sehr ähneln, um sich gegenseitig die Suppe zu versalzen, statt gemeinsam für eine positive Zukunftsvision zu kämpfen?

Ja, es gibt ganz erhebliche Unterschiede, was die Frauenpolitik angeht. Die Grünen haben gefühlt schon immer eine Frauenquote. Die Piraten nicht einmal richtige Frauenpolitik. Es schwebt der Begriff “postgender” über den Piraten - wobei sie sich wohl auch bewusst sind, dass hinter den Rechnern doch Menschen zweier Geschlechter sitzen. Ich nehme die Piraten nicht als antifeministisch war - eher als krass utopisch, auch ohne Frauenquote Geschlechtergleichberechtigung herzustellen. Leider mangelt es noch an der konkreten Idee, wie man diese Utopie Wirklichkeit werden lassen kann. Neben der Geschlechter-Politik fällt mir allerdings auch kein anderes Thema ein, in dem die beiden Parteien sich fundamental unterscheiden.

In diesem Sinne würde ich gerne eine Verschmelzung beider Parteien sehen - für eine positive Zukunftsvision, mit der eingefahrenen, gut funktionierenden Struktur der einen und den (ein Stück weit) revolutionären Köpfen der anderen. Ich behaupte, das Ergebnis würde gut werden. Und ich würde (bestimmt) Parteimitglied werden. (Die Piraten mögen zwar eine doppelte Parteimitgliedschaft erlauben, die ist allerdings nicht viel wert, da die Grünen dies nicht tun *hint*.)

P.S. Ich habe mich hier sehr stark auf Netzpolitik bezogen, weil ich aus eben dieser Ecke komme. Und, weil ich Netzpolitik für essentiell halte, wenn es um die Zukunft geht. Nichts (auch keine Weltwirtschaftskrise) wird die Welt in den nächsten 25 Jahren so sehr verändern, wie die fortschreitende Technik. Und mit Technik haben sich seit jeher beide Parteien intensiv beschäftigt - wenn auch nacheinander.

Kommentare

von: korbinian

ich habe die grünen auch öfters gewählt bevor ich 2009 zu den piraten gekommen bin, sie war immer die partei der geringsten schmerzen für mich. erst in den letzten jahren bin ich aber drauf gekommen dass die grünen eigentlich überhaupt nicht (mehr?) meinem weltbild und meinem lebensstil entsprechen. inzwischen sehe ich sie als eher konservative, aber im gegensatz zur union weltoffene partei, die gerne dinge einschränkt und reglementiert. die piraten sehe ich als progressive, linksliberale partei, die möglichst viel individuelle freiheit anstrebt ohne so assozial wie die heutige fdp zu sein. wenn man sich die piraten anschaut fällt auf dass die allermeisten die vorher in anderen parteien aktiv waren aus der fdp kommen. witzigerweise ist aber die größte programmatische überschneidung mit der linkspartei da. folgerichtig sind linke-piraten bündnisse auch die bisher häufigsten. ich sehe die piraten von der ausrichtung her daher weniger in konkurrenz zu den grünen als zu fdp und linkspartei, auch wenn sich die wählerchichten stark ähneln. egal wie absurd es erscheinen mag: es gibt glaube ich ein großes wählerspektrum das sich nicht zwischen liberalismus und kommunismus entscheiden kann, und gut bei uns aufgehoben ist :)

von: Stadler

Das was Du beschreibst, lässt sich auf das Verhältnis SPD und CDU auch übertragen. Sie kämpfen in erheblichen Teilen um dieselben Wähler und unterscheiden sich in ihrer Grundhaltung kaum mehr, auch wenn einige Sozialromantiker noch etwas anderes glauben.

Mich persönlich stört eine größere Vielfalt in der Parteienlandschaft nicht und allein deshalb begrüße ich das Auftauchen der Piraten. Sie versetzen das Establishment, zu dem die Grünen längst gehören, in Unruhe und das ist gut und notwendig. All das wäre mit einem Schlag weg, wenn die Grünen und die Piraten sich zusammenschließen. Hast Du Dir mal überlegt, was bei den Grünen tatsächlich vom Bündnis90 übrig geblieben ist?

Die Grünen sind für mich die wichtigste politische Kraft in diesem Land in den letzten 30 Jahren und die beiden große Parteien mussten entscheidende Teile der Programmatik der Grünen übernehmen, um überhaupt mehrheitsfähig zu bleiben. Mittlerweile wirken die Grünen auf mich allerdings einen Tick zu selbstgefällig. Die Piraten bieten ihnen die Chance das wieder abzulegen. ;-)

von: isarmatrose

warum entfolgst du mich, wenn wir doch genau die gleiche meinung haben? ;-) das die piraten ahnung von netzpolitik haben, bestreite ich ja nicht, aber es gibt halt mehr im leben als netzpolitik, so wichtig das auch ist, so dass eine partei sich auch mit mehr themen beschäftigen sollte.

die piratenpartei hatte zwei jahre dafür zeit, der parteitag in offenbach hat aber gezeigt, dass sie das einfach nicht können. da gibt es sozialpiraten, denen ein bedingungsloses grundeinkommen wichtig ist und sich da ernsthafte gedanken zu machen, bevor es aber eine gefestigte und meinung mit begründung gibt, stimmt die partei lieber ab und gibt ihr ja zu einer sache, von der sie noch keine vorstellungen hat, wie das gehen soll. grund dafür ist dieses undemokratische system, dass jeder abstimmen darf, der da ist. susanne wiest hat diese schwäche genutzt und versucht nun über die piratenpartei, nachdem sie zweimal an demokratischen hürden gescheitert ist, ihre vorstellungen durchzusetzen.

diejenigen, die gerne eine andere politik machen wollen, können dies ja locker auch bei den grünen versuchen, wo eine vernünftige basisdemokratie betrieben wird. auch hier kann man etwas verändern und bewegen. und es war schon auffällig, wie viele durchaus vernünftige piraten in tweets und blogs über ausstieg nachgedacht haben. der parteitag hat vielen die augen geöffnet. ansonsten ein guter artikel. :-) bis denn, dann…

_von: Von Piraten und Revolutionen, Parteien und Nicht-Mitgliedschaften Findling_

[…] in denen sich Machtstrukturen einfahren können – und die Partei zum Selbstzweck wurde, wie ich es den Grünen zum Teil vorwerfe, oder man auch sehr gut an der SPD sehen kann, die sich regelmäßig neue “soziale” […]

_von: Ich und das Atombombenexperiementierfeld Piratenpartei Findling_

[…] Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” – und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.) […]

 
 

Liste: Straftaten im Internet

Heute gab es mal wieder eine VDS-Diskussion auf Twitter. Alle waren sich einig, die Vorratsdatenspeicherung ist doof. Bei der Definition, wo die Vorratsdatenpeicherung anfängt und wo sie aufhöhrt, war man sich dann schon nicht mehr so einig.

Seit Jahren wird Alvar Freude immer wieder ins Kreuzfeuer genommen, da er laut Kritikermeinung die “IP-VDS” fordere. (An dieser Stelle der wichtige Hinweis, dass Alvar nicht “umgefallen” sei. Er fordert die IP-Speicherung, seit dem ich ihn kenne!)

In der heutigen Diskussion ging es mal wieder um genau diese IP-Speicherung. Ob man sie braucht, oder nicht. Ob sie gut ist, oder nicht. Ich bin ein Gegner der Vorratsdatenspeicherung, einschließlich der IP-Speicherung - allerdings gibt es selbstverständlich auch gute Argumente für die systematische Speicherung von IPs.

Ich hoffe, ich tue Alvar nicht unrecht, wenn ich ihn zusammenfasse mit: “IP-Adresse sollen gespeichert werden für die Strafverfolgung - also für all das, was juristisch die “Straftat” erfüllt”. Die Twitterdiskussion kann man nachlesen. Ich finde es richtig, dass Straftaten verfolgt werden. Und ich frage mich, was an Straftaten im Internet geschehen können und möchte sie daher hier mal sammeln.

Ich bin kein Jurist und werde mit Sicherheit eine ganze Reihe vergessen. Daher bitte ich weitere Straftaten im Internet in den Kommentaren zu posten, damit ich diese hier updaten kann. Mit der Liste kann man vielleicht verdeutlichen, um was es eigentlich geht. Was für Hürden es braucht, um an die Daten heranzukommen, wenn die IP-Speicherung (wieder) aktiv ist, aber auch, wofür sie gut sein kann.

Mir fällt spontan ein mit Update (2.):

Update: Hier fehlt ein ganz essentieller Punkt, auf den mich fasel aufmerksam gemacht hat (und ich vorher vollkommen verdrengt), denn es fallen hier natürlich auch alle Morde, Vergewaltigungen, Raubmorde, schwerer Diebstahl … rein, die irgendwie mit über das Internet geplant wurden - oder wie im Mord, wo der Täter das Opfer im Internet kennengelernt hat. Da wäre die gespeicherte IP-Adresse natürlich auch seeeehr hilfreich, wenngleich wohl kaum das einzige Spur. Sollte dies doch so sein, so wäre eben diese Spur mit der IP-Adresse verloren gegangen. Das ist sehr wohl ein gutes Argument für Alvars Standpunkt, wenngleich die Frage bleibt, ob damit der “Generalverdacht” im Verhältnis steht. (Und Alvar argumentiert weiter mit der geringen Eingriffstiefe der IP-Speicherung im Vergleich zur Handyortung.)

(Sollte ich Alvar noch immer sinnentstellend zitiert haben, bitte ich ihn, doch selbst was zu bloggen, dass ich dann selbstverständlich verlinken werde ;-) ) Alvar hat selbstverständlich häufiger dazu gebloggt - daher verweise ich einfach auf sein Blog als solches, da sind mehrere Artikel dazu.

Kommentare

von: Alvar Freude

Vorneweg: Es gibt kein „Diebstahl geistigen Eigentums“. Diebstahl ist das Wegnehmen eines Gegenstandes. Das was Du meinst ist eine Urheberrechtsverletzung, kein Diebstahl oder „Klauen“ oder ähnliches!

Ansonsten und abgesehen davon, dass man jegliche Art der Kommunikation übers Internet durchführen kann, und man darüber natürlich auch Straftaten verabredet, kommuniziert, vorbereitet und sonstwas werden können, fehlt noch einiges: z.B. Kreditkartenbetrug. Also mit kopierter Kreditkartennummer einkaufen, solche Nummern anbieten bzw. damit handeln usw.

Diverse Äußerungsdelikte: Beleidigung und Verleumdung hast Du schon angesprochen; üble Nachrede gehört auch dazu. Und das folgende ist gar nicht mal so selten: es gibt Leute, über die systematisch „ich bin ne geile Sau, ruf mich an unter ……“ in diversen Foren geschrieben wird, mit Name, Anschrift, Telefonnummer. Typischer Fall von: hier gibt es ausschließlich die IP-Adresse, und das ganze fällt evtl. erst Tage oder Wochen später auf. Habe selbst schon entsprechende Fälle gehabt, wo in von mir angebotenen Diensten entsprechendes über unbeteiligte Dritte geschrieben wurde. Und glaub’ mir: das ist für die Betroffenen alles andere als schön. Im großen gab es das bei I-Share-Gossip, aber das ist ein ganz anderer Fall und hat auch mit der Diskussion nix zu tun.

Stalking fällt auch unter diese Rubrik.

Unter Äußerungsdelikte fällt auch diverser Nazikram, angefangen vom „Heil-Hitler“-Ruf bis hin zu allem was man sich vorstellen kann.

Aber auch Mordaufruf. Oder angekündigter Selbstmord. Hatte ich auch beides schon (wobei der Mordaufruf nicht wirklich ernst zu nehmen war).

„Hacker-Angriffe“, also der Versuch des unerlaubten Eindringens in ein fremde Systeme gehört auch dazu. In diversesten Varianten. z.B. fremde Mailaccounts “hacken”. Hatte auch schon einen entsprechenden Fall: Täter konnte nicht ermittelt werden, weil schon 5 Stunden nach Tat die IP weg war (hatte Nachts um 4 Uhr jemandem im NOC es Access-Providers erreicht).

DDoS-Angriffe gibt es auch noch, inkl. Erpressung und Co. Bombendrohungen.

Und so weiter und so fort. Nicht alles ist ernst gemeint und passend für das Thema, über das wir diskutieren, aber natürlich gilt: Überall fallen IP-Adressen an; mehr oder minder. In vielen Situationen können sie genutzt werden.

Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass nicht alles was irgendwie hilfreich sein mag auch nötig ist. Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung wäre natürlich hilfreich, aber in einem solchen Staat will keiner leben. Die Eingriffstiefe ist bei der IP-Adresse allerdings sehr gering (nahezu keine Eingriffstiefe), und der Nutzen vorhanden, also überwiegt er deutlich.

Bei Handy-Standortdaten sieht das wiederum ganz anders aus. Brauchen wir nicht zu diskutieren.

von: mars

Internetbetrug, Omatrug, Stalking, Contentnutzung… Nette Ideen aber das BVerfG sagt: VDS Daten nur bei schweren Straftaten. Punkt.

von: fasel (@fasel)

mars: das stimmt nicht. Erstens ist die IP-Zuordnung nicht “die VDS”, zweitens hat sich das BVerfG ausdrücklich zur diesem Aspekt geäußert. Bevor man ein “Punkt.” macht, schlaumachen

von: Alvar

Richtig, das BVerfG hat gesagt, dass die Zugriffshürden für “die VDS” hoch sein müssen. Bei den IP-Adressen haben sie aber andere (geringere) Anforderungen, weil auch die Eingriffstiefe viel geringer ist. Steht auch im Urteil, ganz klar und deutlich. Da steht sogar, das Internet würde ein “rechtsfreier Raum” werden, wenn man diese Zuordnung nicht hätte.

von: V.

@Alvar: Selbstmord ist keine Straftat, also auch nicht der Aufruf dazu! Diese finale Art der Sabotage des kapitalistischen Normalzustandes kann uns eigentlich auch niemensch nehmen.

BTW: Warum erwähnst du eigentlich nicht virtuellen Landfriedensbruch?

von: 9er0

Ich hab das “Mailaccount hacken” als digitalen Landfriedensbruch verstanden. Wobei ich da offline natürlich auch das Problem habe, dass wenn jemand meinen Garten Betritt und wieder verlässt (und ich ihn nicht sofort dabei erwische), kaum eine Chance habe, ihn/sie zu verfolgen.

Der Aufruf zum Selbstmord ist keine Straftat? Das würde mich aber arg wundern. Die Ankündigung zum Selbstmord ist keine Straftat, allerdings gehe ich fest davon aus, dass merkwürdige Vereine der absurdisten Art/Sekten sehr wohl dafür zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie zum massiven Suizid aufrufen.

von: 9er0

Was mir noch unklar ist: wie genau wird eine DDoS-Attacke juristisch bewertet? Eigentlich ist es ja eher eine Misschung zwischen digitaler Sitzblockade und Flashmob. Nach meinem Rechtsverständnis wäre auch hier allenfalls die Nutzung des Botnetzes strafbar, nutzen von Ressourcen, die auf Grund von Viren/Würmen/Trojanern ohne Einwilligung des Besitzers hinzukommen. Oder mache ich es mir jetzt zu leicht? Die restlichen Punkte update ich im Artikel …

von: V.

@9er0: juristische Bewertung zum Suizid siehe z.B. http://www.geistigenahrung.org/ftopic21185.html

zum “Mailaccount hacken”) Das trifft eher andere Straftatbestände. Ich meinte damit eher “Bedrohungen von Menschen mit einer Gewalttätigkeit, die aus einer Menschenmenge in einer die öffentliche Sicherheit gefährdenden Weise mit vereinten Kräften begangen werden, als Täter oder Teilnehmer beteiligt oder wer auf die Menschenmenge einwirkt, um ihre Bereitschaft zu solchen Handlungen zu fördern,” (§ 125 StGB) in die digitale Welt (Rants, Flamewars u.s.w.) übertragen. Und natürlich auch Alvars persönliche Erfahrungen (ODEM, S21).

 
 

Wie ein Mensch zum Nazi wird

Im Kraftfuttermischwerk habe ich den Arte-Film “This is England - Ende der Kindheit” gefunden. Außdrückliche Filmempfehlung, um zu verstehen, wie Menschen zu Nazis werden. Dank depublizieren ist der nicht mehr online, aber es gibt noch den Trailer:

Wer es mal schafft, den Film zu sehen, schaut ihn euch an!

Ich bin auf dem Land in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und war eine Zeit lang in einer ganz ähnlichen Szene. Einige behaupteten Punks zu sein, andere behaupteten Nazis zu sein. Ein Teil davon findet Ausländer scheiße - und alle grölten zu den “Bösen Onkelz”. Einige, weil sie ihre Nazi-Parolen gut fanden, andere behaupteten, sie machten sich mit den Parolen über Nazis lustig und sie selbst seien sicher keine Rassisten.

Rassisten sind wir aber alle, weil wir nach Hautfarbe unterscheiden. So lange wir die Hautfarbe überhaupt als Erkennungskriterium nehmen, sortieren wir die Menschen in ethische Gruppen ein und sind damit Rassisten. Andere Menschen mit dem Qausi-Schimpfwort “Rassist” zu betiteln halte ich übrigens auch für wenig sinnvoll. Es geht nicht darum, ob wir dies sind, sondern wie wir damit umgehen.

“Ich bin kein Nazi (Wahlweise auch Rassist), aber was die $Volk machen …” geht eben gar nicht. Es geht bei der Diskriminierung nicht darum, was impliziert wird, sondern darum, was bei dem Empfänger ankommt.

Der kleine Junge Shaun hat nicht verstanden, was da passiert - aber er hatte auch keine Alternative. Nazis rekrutieren sich zumeist aus gesellschaftlich wenig angesehenen Schichten. Sie geben den Außenseitern eine Heimat, wie es kaum eine andere Organisation schafft. Sie nehmen sie mit auf und setzen dann abartige Gedanken in den Kopf, die mit der Zeit reifen und menschenverachtende Ausmaße annimmt.

 
 

Kontrollverlust ist kein Urteil, sondern eine Aufgabe

Der Urvater des Kontrollverlusts, @mspro, hat sein Bild des Kontrollverlustes mal in der c’t beschrieben. An diesem Bild, dass man nicht mehr Herr seiner Daten ist, möchte ich anknüpfen.

Für die Spackeria ist es ein Anlass über eine Gesellschaft zu spekulieren, die ohne Privatsphäre besser wäre, was ich (unter Berücksichtigung der Informationellen Selbstbestimmung) auch gut finde. Nun aber soll es um den Kontrollverlust selbst gehen - und dem Umgang mit ihm. Viel zu häufig wird er als Urteil erkannt und erklärt, man könne daran nichts ändern. Diese Haltung klingt für mich nach einer Kapitulation vor den eigenen Aufgaben. Wir - als “Netzgemeinde” (diese Gemeinde als solche gibt es nicht) - können doch nicht diejenigen sein, die von dem Rest der Welt verlangen, dass sie vor dem Internet kapitulieren müssen. “Wir” sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir mit dem Internet umgehen können, ohne alle Kritiker sofort zu verscheuchen. Wir wollen das Internet - dann sollten wir uns auch Gedanken darüber machen, wie wir es am verträglichsten mit der Gesellschaft kombinieren können.

Der Kontrollverlust ist kein Urteil, sondern eine Aufgabe, wie wir mit den neuen Möglichkeiten umgehen wollen. Wie sehr wir einander achten und Rücksicht auf einander nehmen. Wenn wir wollen, dass die Mehrheitsgesellschaft im Internet angstfrei bewegt, dann müssen wir ihr Schutzräume bieten. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob es wirklich in Ordnung ist, alles sofort zu veröffentlichen. Vielleicht sollten wir wieder über eine Moral nachdenken - eine Moral, die uns Werkzeuge in die Hand gibt, zu entscheiden, was offen im Web stehen muss, und was auch auf nicht-öffentlichen Mailinglisten oder Foren gepostet werden soll. Wir sollten uns überlegen, wie wichtig die Anonymität ist, um gesellschaftliche Prozesse lostreten zu können. In der Anonymität kann man sich selbst testen, ausprobieren, spielen, um zu erfahren, ob etwas auch für das öffentliche Leben taugt. Anonymität ist wichtig, um erste Erfahrungen zu sammeln, um in einer öffentlichen Debatte schon zu wissen, über was man überhaupt spricht. Sie ist keine Dauerlösung, aber ein dauerhafter Schutzraum.

Unsere Aufgabe ist es, die Gedanken zu entwickeln, die für unser Gemeinwohl wichtig sind, in dem die ganze Gesellschaft in der erweiterten Realität des Internets angekommen ist. Und wir brauchen Werkzeuge für die Nachzügler, damit sie uns nicht unterlegen sind. Datenschutz ist ein altes Werkzeug für Minderheiten. Sollte der Datenschutz im Kontrollverlust unter gehen, so brauchen wir ein neues Werkzeug, damit Minderheiten sich schützen können. Dieses Werkzeug sehe ich in dem Schutzraum der Anonymität und Pseudonymität, sowie in einer Moral, nach der wir entscheiden, was veröffentlicht wird. Die Moral aber, muss noch entwickelt werden, auch wenn es gute Ansätze wie die Hackerethik schon gibt. Das, liebe Spackeria, ist die eigentliche Aufgabe.

Kommentare

von: akismet-244aafc3142729d19e925450ae579907

Schuldigung, aber die Hackerethik als “guten Ansatz” zu sehen entbehrt nicht einer gewissen Komik - du weisst genauso gut wie ich, dass das keine Ethik ist.

von: 9er0

Warum genau sollte die Hackerethik denn keine Ethik sein? Ja, sie ist sehr einfach und in weiten Teilen könnte sie deutlich breiter untermauert sein - aber eine Handlungsgrundlage gibt sie - und das ist, was eine Ethik tun soll. Um aber über die Handlungsgrundlage weiter zu entwickeln, fordere ich ja gerade auf, an einer umfassenderen Moral zu arbeiten. Warum sollten wir was wie tun - oder auch nicht. Gerne können wir auch noch in die Diskussion gehen, ob es eine Moral sein sollte, oder nicht eigentlich die gute Sitte, nach der wir streben - und möglicherweise müssen wir den Ansatz auch aus den vernunftgeleiteten Sitten herleiten, statt aus der medial geprägten Moral - aber genau das sollten wir mal tun. So ganz grundsätzliche Gedanken “zu Ende denken” (soweit man einen Gedanken “zu Ende” denken kann). Schade, dass die Frist für den 28C3 inzwischen durch ist - das hätte ein spannender Workshop werden können. Aber vielleicht wird’s ja zur Re:publica was. Fände ich jedenfalls sehr spannend.