Ich kandidiere

Ich werde als Beisitzer für den Berliner Landesvorstand kandidieren. Warum?

Ende April 2012 bin ich den Piraten beigetreten und damit wohl eindeutig ein “Neupirat”. Wirklich neu fühle ich mich allerdings nicht, da ich schon lange im Piraten und Netzpolitik-Umfeld bin. Einige der “Altpiraten” kenne ich ganz gut und bin mit ihnen auch befreundet.
Den Piraten bin ich beigetreten, weil sie eine Mächtigkeit erlangt haben, die sie über den “point of ne return” gebracht haben. Ich glaube, das Experiment Piratenpartei lässt sich nicht mehr aufhalten. “Wir” haben uns für das Experiment entscheiden, nun müssen wir es durchziehen und hoffen auf einen guten Ausgang.
Die Erkenntnis, dass Politik noch immer in Parlamenten gemacht wird, sorgte für die Gründung der Piratenpartei. Alle andere Politikformen haben “wir” schon getestet und nirgends war der Einfluss groß genug. Nur als Partei gibt es die Möglichkeit in Parlamente einzuziehen und damit die Möglichkeit zu haben, die “größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” durchzusetzen. Ein wesentlicher Schritt dazu ist eine Neuausrichtung des politischen Apparates. Daran möchte ich mitwirken.

Warum “nur” als Beisitzer?
Ich habe bisher keine Funktion in der Partei ausgeführt und kenne die Partei auch nicht gut genug um sie umfassend vertreten zu können. Als Beisitzer bin ich nicht die Repräsentationsfigur, auf die sich die Presse stürzt, sondern habe mit Themen zu tun, an denen ich mitarbeiten möchte: die Ausrichtung der Partei als solches und wie damit der Politikhack Erfolg haben kann.
Vor allem aber, möchte mein Studium nicht aufgeben. Ich habe gerade an die Fern Uni Hagen gewechselt und bin damit zwar sehr flexibel, werde auf Dauer aber kaum mehr als 20h die Woche unentgeltlich für die Partei arbeiten können. “Teilzeit-Landesvorsitzender” halte ich für keine Option.
Dazu kommt noch, dass ich vor einem halben Jahr mich aus dem aktiven Aktivismus zurück gezogen habe, weil es mir zu viel wurde und ich mein Leben nicht mehr im Griff hatte. Ich habe Angst, dass ich mich wieder übernehme und insbesondere an den teils sehr rauen Umgangston der Piraten kaputt gehe. Ich hoffe, dass ich als Beisitzer nicht all zu häufig ins Zentrum eines Shitstorms gerate und mein Leben dabei im Griff behalte.

So. Nun ist es raus und bin gespannt, was es für Rückmeldungen gibt.

Mailinglisten

Mailinglisten sind das Urgestein des Internets – quasi die Mailboxen, die es schon in den 80er Jahren gab, bevor das World Wide Web überhaupt erfunden war (das kam dann erst mit Tim Berners-Lee 1990). Aus diesem Grunde kenne ganz viele Menschen, die sich schon lange im Netz bewegen die Mailinglisten so gut und nutzen sie auch gerne. Und für “Never change a running system” scheinen Mailinglisten das Paradebeispiel zu sein.

“Wer etwas vom Internet versteht, nutzt auch Mailinglisten” könnte die nerdige und schnelle Schlussfolgerung sein. Und gefühlt ist es auch so. Leider.

Mails lassen sich schon ganz super auseinander nehmen und einzelne Passagen zitieren und darauf antworten (deutlich besser als in Briefen auf Papier). Bei normalen Mails zwischen 2 Personen ist das auch häufig hilfreich, um kurz und präzise zu erörtern, was es zu erörtern gilt. Dies kann auch in einem kleinen Kreis funktionieren – muss es aber nicht. Und häufig funktioniert es gar nicht.

Wenn eine Mail auseinander zitiert und erörtert wird, die Mail verfassende Person aber etwas länger nicht antworten kann, werden die verschiedensten Dinge von mehreren Leuten rein interpretiert und uminterpretiert. Die Person, die die ursprüngliche Mail verfasst hat, muss sich nun durch einen Wust von Mails durchkämpfen und verschiedenste Interpretationen beantworten. Häufig geht es dabei überhaupt gar nicht um die eigentliche Intention der Mail, die von der verfassenden Person gewollt war. Daher führt diese Diskussion (die auch schnell zum Flamewar mutiert) nur ganz selten zu einem tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Das wiederum bedeutet, dass Mailinglisten keine besonders gut geeigneten Kommunikationsmittel sind.

Und daher lehne ich Mailinglisten ab und vermeide sie so weit es irgend möglich ist. Und ich rate euch: tut es mir gleich.

Ragen hilft nicht

Ragen, Verb, aus dem Englischen, von “rage” (deutsch: Wut/Zorn), ist ein Tätigkeit des verbalen Wutauslassens. Häufig entsteht die Wut über eine Sachposition, wird in der emotionalen Debatte aber manchmal persönlich. Selbst wenn kein persönlicher Angriff gewollt ist, nehmen Kontrahänten es manchmal als persönlichen Angriff war.

Disputanten beginnen häufig zu ragen (in Rage zu verfallen), wenn veraltete, aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbare Positionen der Kontrahenten vehement verteidigt werden ohne auch nur ein wenig Einsicht zu zeigen. (häufiges Beispiele: Biologismus in Form von Sexismus, Homophobie, Rassismus)

Ragen ist hier oftmals als ein nahezu hilfloses “warum nur wollen Sie sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen, wenn sie sich dazu schon äußern?!?” zu verstehen. Es scheint, als würde alle wissenschaftlich fundierte Erkenntnis nicht wahrgenommen werden möchte, um den eignenen Standpunkt nicht aufgeben zu müssen. Dies führt zum (manchmal verzweifelnden) Ragen.

Besonders häufig geraget wird, wenn faktisch bevorteilte Menschen auf ihre Privilegien bestehen und dabei nicht bevorteilte Menschen (oft unbewusst) unterdrücken. Hier ist Ragen ein verzweifelter Versuch das Problembewusstsein zu schaffen. In der Eskalationsphase schließt sich häufig der Shitstorm an, wenn keinerlei Bewusstsein für die privilegierte Position erkennbar wird, wodurch eine Position manchmal aus Angst vor der größerwerdenden Öffentlichkeit zurückgezogen wird.
Die Ragenden bezeichnen dies manchmal als Gewinn, denn die Sachposition (insbesondere in Parteien) oder die Werbung wurde zurück gezogen.

Wenn allerdings im Nachhinein an den Shitstorm/Rage keine ausführliche Erklärung stattfindet, halte ich es für einen Schein-Gewinn. Die beragete Person hat den Standpunkt nicht verstanden und sieht dieses Thema nun als schwieriges Thema an und meidet es. Das Problembewusstsein hat sich nicht eingestellt – und damit ist häufig eine weiter reichende gesellschaftliche Debatte über das Problem nicht möglich. Zumindest diese Person selbst wird kaum andere Menschen auf eben das gleiche Problem hinweisen.

Aus diesem Grund behaupte ich. “ragen hilft nicht”. Leider. Es bleibt: Aufklärung an alle Menschen, die sich aufklären lassen. Auch wenn Aufklären sie unglaublich viel mehr Arbeit macht, als ein kurz ragender Tweet.
Hiermit möchte ich allerdings mitnichten den Ragenden irgendeinen Vorwurf machen. Sie setzen sich häufig für die richtige Sache ein und dies begrüße ich ausdrücklich!

Schützt meine Leistung! Los!

“Was tun Sie?”, werde ich gefragt. “Ich antworte” antworte ich. “So beruflich?” werde ich gefragt. “Ich arbeite” antworte ich. “Aber was arbeiten Sie denn?” werde ich gefragt. Ich schweige.
Ich bin Verleger – und jeder kennt mich. Nämlich aus der Zeitung. Ich bin derjenige, der der Welt erklärt, wie sie funktioniert. Und ich bin es, der bestimmt, wie die Welt funktioniert. Ich bin es auch, der bestimmt, dass ich nicht gefragt werde, was ich arbeite. Nicht von einem Eingeborenen. Was soll diese süffisante Fragerei danach, was ich “arbeite”?! Ich arbeite halt, und das sollen diese Eingeborenen gefälligst kapieren!
Was ich arbeite, ist doch wohl klar! Ich verlege.
Was ich verlege? Na, also hören Sie mal! Haben sie keinen Anstand mich sowas zu fragen? Immerhin bin ich es, der anderen Menschen fragen stellt und meine Meinung publiziert wird. Was soll also all diese Fragerei! Das ist doch unerhöhrt!
Ob ich schon mal etwas handwerkliches produziert habe? Natürlich nicht! Warum auch? Ich komme aus einem gebildeten Hause, da gibt es Bedienstete, die sowas machen!
Mir wird vorgeworfen, nur ich nenne es Arbeit. Dazu äußere ich mich nicht, das ist unter meinem Niveau!
Warum ich meine Leistung geschützt haben will? Ja ich fass’ es nicht! Weil es MEINE Leistung ist. MEINS, verstehen Sie das etwa nicht? Ich will doch beschützt werden, vor dieser ekelhaften Welt da draußen. Los! Tun Sie doch endlich etwas! Für mich! Für meine Kinder! Wovon soll ich ihnen denn den privaten Fahrdienst zum Privatgymnasium bezahlen?

Nun fangen diese Internet-Eingeborenen auch noch mit “Immaterialgüter” an. Nein, das geht zu Weit. Mein Kopf gehört mir, und meine Gedanken, die er produziert, ebenso! Und weil ich sie mit aller Macht vor der Welt beschütze, nehme ich sie mit ins Grab, in das ich mich leistungsschutzrechte.

Herzlichst, ihr Verleger

Wo bleiben die Hacking-Kommunen?

No-Pants-Day in Paris. Kommunen leben, auch ohne Hosen.
Kommunen leben, auch ohne Hosen. CC-BY-NC-SA 2.0 Tonio Vega

Dieses Blog ist ein Stück weit ein offenes Tagebuch, in dem ich u.a. über meine Depression schreibe, vor allem aber über Strukturen, an denen ich versuche zu erkennen, wie das auf die Depression so einwirkt – und ich mache das öffentlich, weil ich davon ausgehe, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Und zu sehen, dass es anderen Menschen ähnlich geht, bringt diese Menschen zusammen und manchmal können sie sich gegenseitig helfen.

In der letzten Zeit geht es mir (siehe mein letzter Blogpost) um meine Lebensform, die sich irgendwie vom “normalen Leben” unterscheidet – und ich irgendwie zum normalen Leben “zurück” will – und irgendwie nicht. In diesem Blogpost geht es mir darum, dass Hackingspaces kein zu Hause sind – und “wir Hacker” ein zu Hause brauchen und Kommunen bilden sollten. Und unsere Lebensform vielleicht auch zu unserem “normalen Leben” machen sollten.

In den Hackerspace-Design-Patterns steht u.a., dass mensch niemanden im Hackingspace wohnen lassen sollte. Und das ist auch gut so, denn ein Hackingspace ist zum Hacken da, nicht zum Wohnen.
Andererseits ist das auch hoch problematisch, denn wo leben eigentlich Haecksen und Hacker?
Irgendwo in ner kleinen Wohnung/WG vor ihren Rechnern verschanzt mit nem Tiefkühl-Pizza-Vorrat und für den Koffeinmagel auch mit nem Bett. Alles Haben ist (nach mspro) virtuell, der Kontakt zu Mitmenschen in der selben Wohnung und/oder Stadt sind häufig eingeschrenkt – die Kontakte werden ganz der Filtersouveränität nur mit den Menschen gepflegt, zu denen auch der Kontakt gewünscht ist. Das führt schnell dazu, dass alle wichtige Kontakte online gehalten werden.

Wenn ich mir mein Leben seit dem Abi 2009 angucke, habe ich ne Weltreise und 4 verschiedene (mehr oder weniger feste) Wohnorte hinter mir. Nirgends lebte ich länger als 9 Monate. (Berlin durchbricht die 9 Monate gerade … sogar in der selben WG). Und irgendwie war ich all die Zeit mehr oder minder in der selben Szene, der Hackingszene. Mein Freundeskreis hat sich in der Zeit relativ konstant aufgebaut, relativ unabhängig vom Ort, wo denn gerade mein Bett steht und wo ich denn “wohne”.

Weil wir uns selbst häufig von den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung aus unterschiedlichen Gründen eher abkapseln, vereinsamen wir häufig – und (so behaupte ich) daraus entsteht dann unter Umständen eine Depression. Dazu kommen häufig Lebensentwürfe, wie Polyamorie und das Ablehnen von klassischen Geschlechterrollen und Familienbildern. Was ich ausdrücklich gut finde, aber der sozialen Interaktion mit anderen Menschen häufig eher abträglich ist – und sich die Haecksen und Hacker noch mehr in ihre eigene Welt zurück ziehen, in der soziale Interaktion auf Twitter mit #Flausch und *hug* wohl ihren Höhepunkt haben. Leider.

Mitfühlende Tweets sind super, können echte soziale Interaktionen aber nicht ersetzen. In Berlin gibt es inzwischen den Luxus, dass es hier so viele tolle Leute gibt, die auch einfach mal an der Tür klingeln, die Wohnung stürmen um den *hug*-Tweet im Meat-Space umzusetzen. Und: das ist super, klappt aber nicht immer. Schon gar nicht immer dann, wenn mensch es wirklich braucht. Hinzu kommt: je depressiver die Stimmung, je schwieriger ist es, sich Hilfe zu organisieren – oder gar zu anderen Menschen hin zu gehen, um die Einsamkeit aktiv zu unterbrechen. Wirklich hilfreich wäre es, wenn die Menschen, die sich derzeit auf Twitter/Jabber/IRC … gerade aktiv gegenseitig stützen einfach zusammen wohnen würden, damit sie für einander da sein können. Beim zusammen Wohnen sieht mensch deutlich leichter, wer gerade ernsthaft Hilfe braucht. Und das sollte nicht auf die 2er oder 3er WG beschränkt sein, sondern große WGs werden, damit Menschen sich wirklich unter einander stützen können – und immer irgendwer da ist. Ganz wie in dem Kommune-Gedanken der 68er-Generation. (Rainer Langhans hat das in den Elemantarfragen mal ganz gut dargestellt (neben vielem anderen))

Kommunen, wo unsere Lebensentwürfen akzeptiert sind und mensch sich zu Hause fühlen kann und Menschen für einander da sind, weil sie sich auch verstehen, weil sie aus der gleichen Subkultur kommen. Ich glaube, dass “wir” uns zu selten zu wenig Gedanken darüber machen, wo wir gerade wie wohnen. Wir brauchen ja nur ein Bett, Netz und ne gute Zug- und Flughafen-Anbindung. Zu Hause machen wir ja doch wenig – außer auf ein Gerät mit Netzanbindung gucken.
Und das halte ich für ein Problem. Unser Zuhause muss keine exorbitanten Anforderungen erfüllen – aber es sollte voll mit Menschen sein, die wir gern haben – und nicht mit “irgendwem”, mit dem wir doch nichts zu tun haben, und dann “vereinsamen”, weil wir unsere guten Freunde nicht mehr im RealLife Treffen, wobei das so wichtig ist.

Diese Kommune, das Zuhause soll ein Rückzugsort sein – in das “wir” uns zurück ziehen können und aufgefangen werden. Wie dieses “uns” definiert wird, und wer da rein darf/soll, wird die jeweilige Kommune dann entscheiden. Vor gut ‘nem halben Jahr habe ich an dieser Idee mit einzelnen Leuten mal gesponnen, ist dann aber wieder runter gefallen. Dabei finde ich sie gut. Und halte sie für eine Beseitigung von vielen Problemen.

Super fände ich auch, wenn diese Nerd/Hacking-Kommunen dann auch ein Anlaufpunkt in einer anderen Stadt sind. Um auch in einer anderen Stadt ein “Zuhause” zu haben – so viel wie “wir” unterwegs sind. Ein bisschen wie ein Hackingspace, nur eben nicht zum Hacken, sondern zum Sein. Zum Leben. Zum Zurückziehen – und dabei dann sogar noch ein bisschen “überall”.

tl;dr: Hackingspaces sind Orte, wo (gemeinsam) an Projekten gehackt wird – und wo es ums Hacken geht. Lasst uns Kommunen bilden, wo wir für einander da sind und auch einen Lebensraum haben, wie wir ihn haben wollen. Und wo #Flausch nicht ein verbranntes Hashtag ist, sondern ein echtes für-einander-da-sein.

Leben, Politische Korrektheit und Depression

Ich hab den Aktivismus aufgegeben, um wieder mehr “echtes Leben” zu leben. Und die Entscheidung war gut – aber es reicht nicht.

Ich lehne aus politischen/ethischen/moralischen Gründen viele Lebenseinstellungen ab (wie ich es z.B. nicht lustig finde, sich über andere Menschen lustig zu machen – schon gar nicht aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung u.ä.) – und aus diesem Grund halte ich mich von vielen Menschen fern, die eben dieses tun. Irgendwie versuche ich ein diffus “politisch korrektes Leben” zu leben. So ohne massiven Drogenkonsum, möglichst ohne Ausbeutung anderer Menschen und mit möglichst wenig Gesetzeskonflikten (Generell finde ich nämlich Gesetze eine gute Sache).

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir diese Lebenseinstellung einen großen Teil dessen, was ich eigentlich Leben möchte, “verbietet”.

Nein, mir geht es dabei nicht um den massiven Drogenkonsum und auch nicht darum, mich über andere Menschen lustig machen zu können. Da habe ich keine Freude dran.
Mir geht es um eine leichtere Lebensweise. Mir geht es u.a. um Extremsport. Nicht, dass ich ihn selbst dringend machen muss – aber er ist ein gutes Beispiel dessen, was ich an meinem Leben nachhaltig vermisse. “Verrückte Dinge tun”

Menschen, die dies tun, haben diese “leichtere Lebensweise” (behaupte ich). Sie machen sich nicht zu viele Gedanken darüber, was passiert, wenn der Fallschirm nicht aufgeht – oder was passiert, wenn sie beim Skaten falsch aufkommen und sich den Arm brechen. Bei den Menschen, die dies tun, nehme ich überproportional häufig “Kackscheiße” wahr. Da wird den Mädels der Arsch gegrabscht und “schwul” als Schimpfwort genutzt.
Aus eben diesem Grunde meide ich sehr häufig diese Menschen.

Ich schaffe es nicht einmal, ohne Helm Fahrrad zu fahren. Also, ich fahre schon auch ohne Helm (und habe auch keine Angst davor), halte es aber für eine äußerst gute Idee, mit Helm zu fahren (Es erhöht die Chance zu Überleben im Falle eines ersten Unfalls einfach massiv). Dazu kommt, dass ich längere Zeit als Fahrradkurier gearbeitet habe (ich kann also wirklich Fahrrad fahren ;-) ) – und mich in der Zeit daran gewöhnt habe, mit Helm zu fahren. Das mit-Helm-fahren wiederum führt dazu, dass jede Person, die mich sieht, sich denken muss “ach, der fährt mit Helm. Ist ja ein ganz sicherer …”. Oder zumindest interpretiere ich das in andere Menschen hinein, was wiederum dazu führt, dass ich mich eben so verhalte, als würde sie das denken – und versuche mich irgendwie abzugrenzen (weil die anderen ja ohne Helm fahren und bestimmt doof sind).

Natürlich ist das etwas überspitzt, aber zur Verdeutlichung, was in mir so für Gedanken sind, wohl ganz gut.

Und ich glaube, dass diese Haltung mich häufig in die Depression zieht. Das, was von außen wohl so aussieht, als hätte ich ‘nen Stock im Arsch. Und wahrscheinlich habe ich das auch – aber genau das ist es auch, weshalb mich von den Menschen, die das so sehen, abwende. Und übrig bleiben Menschen, die (ähnlich wie ich) sich sehr viele Gedanken zu allem machen und politisch korrekt leben.

Diese Menschen sind wahrscheinlich auch die allermeisten, die mein Blog lesen – und, ihr politisch korrekt lebenden Menschen: Ich mag euch. Ich mag euch sogar sehr – aber mir fehlt das “Verrückte Dinge tun”. Vielleicht tut ihr das die ganze Zeit, und ihr nehmt mich einfach nicht mit (was ich gemein fände!), vielleicht ist aber auch das verrückteste, was ihr tut, am Linux-Kernel mit zu programmieren. Ja, das ist irgendwie auch verrückt – und politisch super korrekt und wichtig. Und ich bitte euch, dies auch weiterhin zu tun, denn Linux ist super! – aber es ist nicht das “verrückt”, was ich meine. Mir verleiht so ein Linux-Kernel einfach keinen Adrenalin-Schub. Und das ist es, was mir in meinem Leben so häufig fehlt.

Update: Was mir so fehlt, in noch deutlicher:

Und das Video ist schon ganz schön kackscheiße.

Oder:

Weniger offensichtliche kackscheiße, dafür mehr krasse First-World-Probleme. Und das Gefühl den Rucksack nehmen zu wollen um für ne Zeit nach Indien zu gehen. Und dann das Problem haben, krass reicher Mensch aus dem Westen zu sein, der es sich dort quasi ausbeuterisch gut gehen lassen kann. Und womit ist zu rechtfertigen, das es mir so gut geht, wo ich so wenig arbeite – und warum es vielen Indern so schlecht geht, obwohl sie viel mehr arbeiten als ich. Müsste ich denen nicht all mein Haben geben?
Krasse Gedankengänge in meinem Kopf. Aber so sind sie.

Frauen können Politik – Beispiel: Amnesty

Frauen gehören in die Politik. Aber da sind sich wohl alle einig. Fakt ist: Es sind weniger Frauen als Männer in Parteien aktiv. Die Grünen haben eine Quote und damit mindestens 50% Frauenanteil in allen Gewählten Gremien – doch in der Partei haben aber selbst die Grünen nur 37% Frauen.

Häufig höre ich ein “Frauen können eben keine Politik” oder ähnliches. Dies zu diskutieren bin ich leid.

Anfang 2011 habe ich angefangen mich bei Amnesty International (in Freiburg) zu engagieren und schon damals ist mir der hohe Frauenanteil aufgefallen. Gefühlt waren es auch damals 2/3 Frauen – habe aber keine Zahlen, die das untermauern.
Gestern nun habe ich es endlich zur Amnesty-Hochschulgruppe der HU geschafft und 11 Frauen zu 5 Männern beim Plenum gezählt. Finde ich gut.
Aufgefallen ist mir auch, dass die wenigen Männer noch immer sehr präsent waren und der Sprechanteil von Mann zu Frau wohl bei der Hälfte lag. Ganz besonders ist mir aber die extrem angenehme Atmosphäre aufgefallen, die in Runden mit vielen Frauen häufig auftritt. Menschen lassen sich eher ausreden, fallen sich seltener ins Wort, Hacken weniger aufeinander ein, wenn sie Fehler machen.

Ich muss euch sagen: ich mag das.

Spannend finde ich auch, dass Amnesty, die erste mir auffallenden Organisation ist, die sich nicht explizit mit Frauen beschäftigt, das Engagement aber trotzdem mehrheitlich von Frauen voran getrieben wird. Eine Vermutung ist, es liegt an den relativ “weichen” Themen. “Menschenrechte” lassen sich selten mit einem “Ja/Nein” beantworten, es sind immer graduelle Prozesse, die in die richtige Richtung geschoben werden. Vielleicht ist es auch die relativ geringe Engagements-Hürde, die Amnesty “von Oben” durch gute Infopakete und fertige Petitionen schon vorgibt. Das bei männlich sozialisierten Menschen häufiger anzutreffende Beweisen, was sie tolles geschafft haben, fällt damit weg. “Sich beweisen, wie viele Unterschriften sie gesammelt haben” ist kein guter Beweis, wie toll man(n) doch ist.

Vielleicht liegt es auch wo ganz anders dran. Fakt ist: Frauen können Politik. Und sie machen dazu eine unglaublich wichtige Arbeit.

Urheberrechtsbarcamp

Die Akteure der Urheberechtsdebatte hören sich nicht zu. Wer sich nicht zuhört, kann auch keine gemeinsame Lösung finden.
Um einen Dialog zu versuchen, ist ein Urheberrechtsbarcamp in Wien geplant, zum kollektiven Brainstorming auf der Suche nach einer Lösung, mit der Verwertungsgesellschaften und Immaterialschaffende zufrieden sind, ohne “unser” Internet kaputt zu machen.
Die Planung für das Urheberrechtsbarcamp findet im Etherpad statt, und es gibt einen Termin-Doodle um einen Termin für das Barcamp fest zu machen.

Tragt euch ein und beteiligt euch – und vor allem: ladet Vertreter der Verwertungsgesellschaften, Kreativschaffende ein, sowie alle anderen, die vom Urheberrecht betroffen sind/leben.

Eine Urheberrechtslösung mit der alle glücklich werden, lässt sich nur gemeinsam finden.

Ich und das Atombombenexperimentierfeld Piratenpartei

Eingetreten.

Seit Mai 2009 spiele ich mit dem Gedanken, nun habe ich es getan.
Ich bin “Pirat”, halte das System “Partei” aber für falsch. Die Piratenpartei, das Atombombenexperimentierfeld der Demokratie – ein Ort wo mensch die Sinnhaftigkeit von Parteien hoffentlich ganz grundsätzlich diskutieren kann, was ich so hoch spannend finde, dass ich mich da nun einfach mal gucke, was passiert.

Parteien halte ich für das Hauptproblem heutiger Politikverdrossenheit. Politik ist hochkomplex – sich effektiv einbringen macht extrem viel Arbeit. Die Ochsentour verschleißt viele gute Ideen, Initiativen und vor allem Menschen.
Es gibt gute Gründe warum im antiken Griechenland kein Stadtstaat mehr als 10.000 Einwohner hatte – da kannten die Menschen sich unter einander und haben bei Problemen direkt miteinander gesprochen. Die heutige Demokratie ist eine Stellvertreter-Demokratie. Niemand ist selbst verantwortlich – immer war es jemand anders oder die einzelne Person übernimmt die Verantwortung für etwas, um Glaubwürdigkeit zu beweisen. Das diese Person aber tatsächlich verantwortlich ist, ist sehr unwahrscheinlich, da unser gesamtes Gesellschaftssystem nur durch Delegation funktioniert.
Wo nur noch delegiert wird, wird es schwierig die Bürger offen mit einzubeziehen. In dieser Krise stecken alle modernen Demokratien und insbesondere die Parteien, die die Demokratien verkörpern.

Aus eben diesem Grund halte ich Parteien per se als Teil des Problems und nur bedingt als Teil der Lösung – und aus diesem Grund habe ich es vermieden einer Partei – trotz jahrelangem politischen Engagement – beizutreten.

Mit der Piraten-Bewegung verändert sich die Parteienlandschaft nachhaltig. Es scheint, als würde es eine Neuerfindung des politischen Rads geben – und zugleich bilden sich in den Piraten auch die gleichen Muster wie in allen bisherigen Parteien auch. Es geht zunehmend um “die Partei”, um Umfragen und Machtansprüche, es bildet sich ein Fraktionszwang.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Utopie “Größtmögliche Freiheit bei maximaler Chancengleichheit” – und das große Feld von “Technik und Gesellschaft”, das im politischen Alltag bisher nur bei den Piraten gelebt wird. (Auch wenn z.B. die netzpolitischen Beschlüsse der Grünen denen der Piraten in nichts nachstehen … aber das die Grünen mit dem Piraten zusammen gehen sollten, bloggt ich ja schon mal.)

So bin ich nun teil der Piraten-Crew, will aber nicht Partei, sondern Utopie und gute Politik – unabhängig vom Parteibuch und nach Möglichkeit irgendwann ganz ohne Parteibuch. Mal sehen was sich auf dem Atombombenexperimentierfeld so ergibt und wo die Reise noch so hingeht.

Vom Urheberrecht zur Urheberanerkennung

Auf SpOn hat mspro Steile Thesen vorgelegt und auf seinem Blog noch ein wenig berichtigt.

Frei zusammengefasst schreibt er: “Das Urheberrecht gehört abgeschafft, weil im Internet immer kopiert wird.” – und der Begründung kann ich nicht widersprechen. Ob die Abschaffung aber die richtige Folgerung daraus ist, bezweifele ich. Aber mal langsam:

Das Urheberrecht entstand aus dem Patentrecht, welches entwickelt wurde, damit Menschen die unglaublich viel Zeit (und Geld) in die Entwicklung von Ideen (Erfindungen, Geschichten, Bilder, Filme, Musik …) stecken, nicht leer ausgehen – für den Fall, dass eine andere Person kommt und ihre Ideen kopiert um sie dann selbst zu vermarkten (weil die andere Person möglicherweise besser vermarkten kann).

In Zeiten, in denen jeder Mensch arbeiten muss, damit er sich Nahrung kaufen kann und an der Gesellschaft teilhaben kann, war es zudem ein Mittel zum Lebensunterhalt verdienen. Da wir diese Zeit aber gerade überschreiten (in der Menschen sich mittels Technik selbst ihre Arbeit “zerstören”), müssen wir auch in der Urheberrechtsdebatte zurück auf Null und von Vorne beginnen.

Es geht um die Frage der Anerkennung einer anderen Person (oder Gruppe) gegenüber, die großartige Immaterialien geschaffen haben. Ein Tischler, der Schränke baut, baut Schränke, die er dann verkaufen kann (in der Theorie …). Das derzeitige Urheberrecht gibt Schriftstellern, die einen Roman schreiben, das gleiche Recht – was nun obsolet wird, weil der Inhalt quasi Kostenfrei kopiert werden kann (bis Makerbots Schränke drucken dauert das noch ein wenig). Nicht obsolet ist aber die Anerkennung für das Werk, welches Geschaffen wurde. Der Tischlerin danken wir indirekt, indem wir den Schrank kaufen und sie damit bezahlen.

Wie aber danken wir den Schriftstellern? Das ist die Frage nach der Anerkennung – und da müssen wir von vorne beginnen uns ein Modell auszudenken, wie wir uns in angemessener Form bedanken können.
Die (ebenfalls von mspro eingeworfene) Idee “warum geben wir den künstlern nicht einfach geld?” basiert auf dem Prinzip, dass Kreative sich auch selbst vermarkten – was sie häufig aber gar nicht tun wollen – und daher ja die Verwertungsgemeinschaften geschaffen haben (die uns nun zu einem so großen Problem sind). Wenn sich Kreative nicht selbst vermarkten, braucht es immernoch ein gesellschaftliches Anerkennungsmodell um sich von der Tischlerin nicht vorwerfen lassen zu müssen, sie würden nichts tun und der Gesellschaft nichts zurück geben.

Flattr ist ein solches Anerkennungsmodell, da es vor allem zählt, wie viele Menschen sich wofür bedanken und damit die Arbeit anerkennen. Das es bei Flattr “auch” um Geld geht, halte ich für ein zweitrangiges Feature. Damit es aber wirklich funktioniert, müsste jeder Flattr nutzen und wir auch alles Flattrn können – was de facto nicht geht. Aber vielleicht kommen wir da ja noch hin (und wenn es nicht Flattr ist, vielleicht ein anderer Dienst, der sich noch entwickelt).

Die Frage nach dem Lebensunterhalt stellt sich nicht “nur” bei den Kreativen, sondern auch bei allen Menschen, die durch den technischen Fortschritt keine Arbeit mehr haben und muss auch aus diesem Ansatz heraus angegangen werden. Das Urheberrecht dafür zu “missbrauchen” kann das Problem nicht lösen.