#rp17 – ein Rant

Ich fühle mich der re:publica verbunden. 2010-2014 war ich immer da. 2015 habe ich ausgesetzt, 2016 war ich zur Abschlussparty da. 2017 war ich Dienstag für zwei Stunden da und fand es unerträglich. Wie auch einen Großteil der Dinge die ich online von der diesjährigen re:publica mitbekommen habe.

Bisher verstand ich die re:publica als Vernetzungsort für Blogger*innen und Netzaktivist*innen.

Der Netzaktivismus die letzten Jahre hat sich verändert – schon lange gibt es keine großen Demonstrationen mehr gegen neue Überwachungsvorhaben. Die Vorratsdatenspeicherung, die lange erbittert bekämpft wurde, wurde 2015 fast protestlos wieder eingeführt.

Blogs haben an Stellenwert verloren. Einige Blogs haben sich professionalisiert, werden vermarktet und können den Blogger*innen ein Einkommen generieren (mittels Werbung, bezahlter Vorträge, Buchverträgen, Spendenkampagnen etc.).
Quasi alle Zeitungen haben inzwischen auch Onlineportale. Es gibt kaum noch einen Grund, in seiner Freizeit ein Blog zu schreiben.
Was früher vor allem ein Hobby war, ist inzwischen ein Job geworden.
Menschen, die noch immer nur hobbymäßig ins Internet schreiben, gibt es so viele Social Media Kanäle, da wird völlig unklar, wofür eigentlich noch ein eigenes Blog irgendwo gehostet und gewartet werden sollte.

Manchmal sehne ich mich nach der Zeit zurück, in der Twitter (für mich) ein Netzaktivismus-Newschannel gespickt mit Links zu tatsächlichen Nachrichten (veröffentlicht vor allem in Blogs). Aber die Entwicklung selbst ist wie sie ist. Und das ist okay.

Auch die re:publica hat sich verändert. Ich finde sie unerträglich.

Wo früher Blogger*innen redeten, reden heute SEO-Menschen, “Influencer” und Bundesminister*innen. Daneben war das Programm weitgehend belanglos. Das mag ein bisschen daran liegen, die große “alle Menschen sind plötzlich im Internet”-Zeit schon 10 Jahre her ist und es darüber nicht mehr viel zu reden gibt. Die Weiterentwicklung des Internets ist zur Aufgabe von Großunternehmen geworden. Und die re:publica versteht sich offenbar nicht mehr als Plattform für User*, sondern als Marketingplattform für Unternehmen und Regierung.
Dabei wird Regierung eine Bühne gegeben, obwohl sie weiterhin Grund- und Freiheitsrechte beschneidet.

Die Stände auf der re:publica gehören (Groß-)Unternehmen, politischen Stiftungen und Landesvertretungen. Von Zivilgesellschaft oder Blogger*innen ist wenig zu sehen. Gefühlt war ich auf einem Ableger der CeBIT: eine Messe mit massiver Materialschlacht. Freibier und Sticker statt Inhalte.
Das Design der #rp17 war von Protestschildern dominiert. Die Protestschilder wurden zu Werbeschildern.

Das Motto der re:publica “love out loud”, inspiriert von Kübras Talk “Organisierte Liebe” letztes Jahr will mehr Liebe ins Netz bringen. Aber wie haben die Veranstalter*innen sich das genau gedacht?
@lasersushi hat ihre Erfahrungen mit Hate Speech und Belästigung aufgeschrieben und beeindruckenderweise macht die re:publica: nichts.
Ich kenne die Hintergründe dieses Falls nicht und kann auch kein Urteil über den Vorfall selbst fällen – aber, dass die Organisator*innen dazu keine Stellung nehmen, spricht nicht dafür, dass sie dieses Thema besonders ernst nehmen.
Der Code of Conduct ist schwach formuliert und offenbar gibt es genau eine Ansprechpartnerin. Andere Veranstaltungen haben Awareness-TEAMS.
Inklusion und sichere Orte werden nicht mit einem Text geschaffen, sondern mit Inklusion und sicheren Orten. Wo aber war die LGBTIQ-Lounge? Gab es einen Gebetsraum?
Oder überhaupt ein ruhiger Ort, der nicht von allen Seiten zugedröhnt wird?
Ich überlegte vorab, ob ich nicht in High-Heels kommen wolle. Physisch wäre mir sicher nichts passiert (mit den High-Heels bin ich 2,03m groß), aber ich wäre Vorzeigeobjekt geworden, wie “inklusiv” die re:publica doch ist. Ich wäre massiv fotografiert worden und sicher hätten sich auch Menschen über mich lustig gemacht, zumindest aber hätte ich einige merkwürdige bis herablassende Blicke geerntet. Vielleicht wäre das nicht passiert, aber das ist, wovor ich Angst hatte und warum ich Mittwoch nicht kam – und schon gar nicht in High-Heels.
In diesem Szenario hätte geholfen: Normalität – so viel Normalität, dass einzelne Menschen nicht mehr zu Vorzeigeobjekten werden – und Rückzugmöglichkeiten.

Und was war eigentlich mit dem Antisemiten, der Twitter zufolge über Stunden auf dem Gelände vor der Station geduldet wurde? Warum wurde nicht die Polizei gerufen? Wenn das schon kein*e Besucher*in macht, dann doch aber bitte die Orga!

Ich frage mich, was die re:publica erreichen will/wollte. Als was versteht sich die re:publica überhaupt? Und was war das Ziel für 2017?
Vielleicht stellen sich die Organisator*innen diese Fragen nicht.
Müssen sie auch nicht. Die Veranstaltung scheint finanziell auf soliden Füßen zu stehen.
Aber ich werde mir kein Ticket mehr kaufen. Für mich war es sicher die letzte re:publica.

Schwules Daten

Vor ein paar Tagen habe ich diesen Artikel “Together Alone – The Epedemic of Gay Loneliness” gelesen. Er ist komplex, vielschichtig, sehr lang (Lesezeit ~30 min) und sollte mit Vorsicht gelesen werden. Er ist voller Trigger (Suizid, Depression, Angstzustände, Einsamkeit, Verzweiflung, Drogenmissbrauch, …). Harter Stoff, aber auch die beste Analyse die ich je gelesen habe, warum Selbstmordrate und psychische Probleme bei schwulen Männern signifikant höher ist als bei heterosexuellen Männern.
In dem Artikel wird herausgearbeitet, dass diese Probleme nicht nur mit Homophobie und Mobbing erklärt werden können – denn selbst Männer die nie homophob angegriffen oder gemobbt wurden, immer ein unterstützendes Netzwerk hatten keine direkte Diskrimierung zu spüren bekamen, haben trotzdem überproportional viele psychische Probleme.

Es ist leicht, hier in fatalistischen Biologismus zu verfallen “Schwule sind halt anders und sie müssen damit leben”. In diesem Ton endet der Artikel auch. Aber je länger ich darüber nachdenke, je stärker bin ich davon überzeugt, dass der Artikel einen wichtigen Aspekt vernachlässigt. Ich versuche hier eine Argumentation zu dem Problem, die weitgehend auf meiner eigenen Lebenserfahrung und Gesprächen mit Freunden beruht und keine Allgemeingültigkeit beansprucht. Ich würde mich sehr über Rückmeldungen hierzu freuen, denn vielleicht ist meine Wahrnehmung zu wenig objektiv zu diesem Thema.

1. Signifikant höhere Raten an psychischen Problemen und Suizid bedeutet nicht, dass alle schwulen Männer dieses Problem haben. Ich glaube, es ist hilfreich, die Gruppe “schwule Männer” weiter zu unterteilen in “Männer, die gerne Sex mit Männern haben” und “Männer, die eine Beziehung mit Männern wollen”.

2. Ich behaupte die im Artikel beschriebenen Probleme treffen vor allem auf die Gruppe “Männer, die eine Beziehung mit Männern wollen” zu. Männer, die Sex mit Männern, aber keine Beziehung wollen, scheinen mir weitgehend nicht betroffen zu sein. Ich glaube auch, dass die Gruppe “Männer, die Sex mit Männern wollen” die größere der beiden Gruppen ist.

3. Es ist als Mann sehr leicht Sex mit einem anderen Mann zu haben. Dating Apps sind in der schwulen Community noch viel verbreiteter, als unter Heteros. Bars und Clubs für Schwule sind häufig auf Sex ausgerichtet. Viele von ihnen haben Darkrooms um sehr einfach und unkompliziert Sex haben zu können.

4. Männer, die eine Beziehung wollen, haben kaum Möglichkeiten, explizit nach einer Beziehung zu suchen. Die meisten Angebote für schwule Männer sind auf Sex ausgerichtet und kaum ein Mann will nicht auch Sex. (Mir scheint dies ein tendenziell fundamentaler Unterschied zwischen Männern und Frauen zu sein: Männer wollen mehr, unkomplizierten Sex als Frauen (dafür spricht u.a. die deutlich höhere Rate an sexuellen Übergriffen durch Männer als durch Frauen. Warum das so ist oder wo dieser Unterschied herkommt, lässt sich nicht in diesem Blogpost klären.))

5. Männer, die eine Beziehung wollen, haben die Wahl zwischen klassisch schwulen Angeboten (Bars, Dating Apps) die auf Sex ausgerichtet sind und Angeboten, die nicht auf schwulen Sex ausgerichtet sind und vor allem (auch) heterosexuelles Publikum ansprechen. Homosexuelle sind in der Minderheit. Egal wie akzeptiert diese Minderheit je sein wird, bleibt es dennoch immer merkwürdig in einer heterosexuell geprägten Gesellschaft mit Menschen des gleichen Geschlechts zu flirten. So lange ich mir nicht sicher bin, ob ein anderer Mann auch Interesse an Männern hat, werde ich diesen nicht darauf ansprechen. Die Chance einen Korb zu bekommen ist extrem hoch. Und so lange Homosexualität nicht vollständig akzeptiert ist, besteht auch immer die Gefahr nicht nur einen Korb, sondern auch einer homophoben Anfeindung ausgesetzt zu sein.

6. Die Frage ist also, wo Männer, die eine Beziehung wollen, diese auch finden können. Es gibt den unwahrscheinlichen Fall, dass sich aus einem Sexpartner eine Beziehung entwickelt. Das ist mir bisher ein einziges Mal passiert, dabei hatte ich in meinem Leben schon sehr viele Sexpartner. (Viele Männer, die Sex mit Männern wollen, wollen gar keine Beziehung)
Es gibt den etwas wahrscheinlicheren Fall, dass im Laufe des Lebens mit andere nicht heterosexuelle Männer begegnen, woraus sich eine Beziehung entwickeln kann. Das ist mir ein paar Mal passiert, aber die Chance sich mit einem anderen nicht-heterosexuellen Mann zu befreunden ist nicht all zu groß. Die Mehrheit der Männer ist nun mal heterosexuell – oder will zumindest keine homosexuelle Beziehung.

Mir scheint es so zu sein, dass die Gruppe an Männern, die eine Beziehung mit Männern will, zwischen dem Zahnrad “Sex mit Männern” und dem Zahnrad “heterosexuell geprägte Gesellschaft” zermahlen wird – und genau das führt zu den signifikant größeren psychischen Problemen, die der Gruppe “schwule Männer” zugeordnet wird, obwohl diese nur eine Untergruppe davon betreffen: nämlich die, die überhaupt eine Beziehung wollen.
Ich habe keine Lösung für dieses Problem, aber ich glaube, dass es hilft dieses Problem zu präzisieren, um überhaupt eine Lösung finden zu können.

Podcast: Glaube mit Zweifeln

Und die Suche nach einem Logo

In der neu geschaffenen Podcast-Reihe “Glaube mit Zweifeln” lasse ich mir erklären, was Glaube ist. In der Nullnummer sprechen Lara Bokor, Gerhard Anger und ich da etwas ausführlicher drüber.
Dabei geht es auch um eine Symbolik des Glaubens insgesamt, unabhängig von einer bestimmten Religion.
Die Symbolik ist mir durchaus wichtig, weil ich gerne ein Logo für den Podcast hätte. Es soll sowohl Glaube als auch Zweifeln symbolisieren.

Ich hatte die Idee dem nachdenklichen Emoji einen Heiligenschein zu geben, aber je länger ich darüber nachdenke, je schlechter finde ich diese Idee.

Vorlage von Emoji One – Version 2.0

Heiligenscheine gibt es weder im Judentum noch im sunnitischen Islam.
Gefaltete Hände als Symbol für das Gebet erscheinen mir auch unpassend, weil Buddhisten (soweit ich den Buddhismus verstanden habe) nicht beten. (Ob der Buddhismus überhaupt eine richtige Religion ist, werde ich hoffentlich verstehe, wenn ich mir in einer Folge irgendwann den Buddhismus erklären lasse.)

Ein bisschen habe ich das Gefühl, ich muss erst alle Religionen verstanden haben, um zu erkennen, ob es überhaupt eine Symbolik gibt, die in allen Religionen – oder zumindest den meisten vorkommt.
Aber vielleicht hat ja wer noch eine ganz andere Idee, wie ich ein Logo gestalten könnte, dass Glaube allgemein darstellt.

 

Glaube mit Zweifeln - Logo
Vorlage von Emoji One – Version 2.0

Update 31.3.2017:

 

So, bis ich irgendwann etwas besseres habe, wird das jetzt das Logo. Wenn noch wer eine Idee hat für ohne Schrift, nehme ich dich auch gerne.

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Manöverkritik: #brauchtBewegung

Es gibt die neue politische Initiative #brauchtBewegung. Sie will “für Gerechtigkeit und Demokratie” zur Bundestagswahl antreten.

Ich denke schon länger darüber nach, ob es nicht an der Zeit wäre, eine neue politische Bewegung zu starten, um dem Rechtsruck etwas entgegen zu setzen:

Dies ist eine Manöverkritik. Ich finde die Idee wirklich gut, neue Bewegung in den Politikbetrieb zu bringen – aber nicht so.

Laura Dornheim meint, dass eine neue Partei keine Lösung ist und auch ich sehe da ein großes Problem mit einer neuen Partei.

Antje Schrupp hat aufgeschrieben, warum es wichtig ist, eine der großen fünf Parteien zu wählen – und argumentiert damit indirekt auch gegen #brauchtBewegung.

Mir erscheint, als wäre den Organisator*innen von #brauchtBewegung nicht so richtig klar, wie Politik funktioniert. Die deutsche Piratenpartei hat durchaus viel bewegt – auch wenn (mit Ausnahme von @twena) nie in irgendeiner Regierungsverantwortung.
Der große Erfolg der Piratenpartei, war, dass alle Parteien gesehen haben, dass es ein Momentum für Netzpolitik gab. Transparenzgesetze wurden geschrieben, Internetzensur gestoppt und der Datenschutz hat eine neue europäische Verordnung bekommen.
Selbst die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung kam erst, als die Piratenpartei schon weitgehend bedeutungslos war. Das Druckmittel hatte sich aufgebraucht.

Die AfD hat gerade Bundespolitisch sehr viel Erfolg, weil alle Parteien meinen, dass sie mit deren Agenda Stimmen gewinnen könnten. Horst Seehofer scheint mit der CSU die AfD noch rechts überholen zu wollen, aber wie Michael Spreng schon im Mai 2016 schrieb, wird diese Strategie nicht funktionieren. Piratenanhänger wollten immer lieber Piraten wählen (bis sie sich selbst kaputt machten), AfD-Anhänger wollen ihr Original, die AfD, wählen.

Der Punkt ist: Wer die Deutungshoheit hat, kann Politik beeinflussen. Unabhängig von formalen Ämter oder Mandaten.

Erfolgreiche politische Organisationen entstehen aus Momentum heraus. Der Plan “wir wollen in den Bundestag” ist ein schlechter. Politische Ziele sind kein “wir wollen ins Parlament”, sondern sind “wir wollen $konkretesThema”. Wenn das Momentum da ist, verändert sich die Politik insgesamt – und dann ist der Zeitpunkt zu gucken, wie das politische Ziel am besten zu erreichen ist.

Wer von Anfang an gegen die anderen Partein antritt, macht sich diese zum Feind. Wer eine große Bewegung ist, wird von den Parteien umworben, weil alle die Stimmen wollen. Selbst für Wahlen anzutreten, halte ich erst für sinnvoll, wenn klar ist, dass die Bewegung von keiner vorhandenen Partei aufgenommen wird. Solange das nicht der Fall ist, sollte die Öffentlichkeit genutzt werden, um die vorhandenen Parteien in die eigene Richtung zu schieben.

Martin Oetting schreibt, dass #brauchtBewegung eigentlich das gleiche will, wie die SPD. Wenn dem so ist, halte ich es für sehr klug, dass sehr laut zu sagen und sich von der SPD einladen zu lassen. Katharina Barley arbeitet als Generalsekretärin gerade hart daran, die SPD zu öffenen, siehe #openSPD.
Mit Martin Schulz als Kanzlerkandidat hat die SPD einen klaren pro-Europäer, der ansonsten bundespolitisch noch recht unbeschrieben ist. Was seine Themen für den Wahlkampf sein werden, ist noch offen.
Wenn es gerade irgendwo eine relevante Option gibt, die deutsche Politik vom Rechtsruck zurück in die Mitte, vielleicht sogar nach links zu schieben, dann mit der SPD. Da kommt es auf uns an, die wir uns eine linkere Politik wünschen, laut und deutlich die SPD zu einem linken Kurs zu zwingen.

(Die Linkspartei mit Spitzenkandidatin und Russlandfreundin Sahra Wagenknecht, die offensichtlich eine Querfront mit der AfD gegen Merkel bilden will ist keine Option. Und auch die Grünen, die ihrer Vorsitzenden Simone Peter offen in den Rücken fallen, als diese rassistische Maßnahmen der Kölner Polizei anmahnt, scheinen gerade keine linke Politik machen zu wollen.)

Wie funktioniert gesellschaftlicher Wandel?

CC-BY 2.0 inrau

Ich denke sehr viel über diese Frage nach und mir dazu fundierte Theorie. Politik, Recht, Bildung und Medien haben da sicher alle irgendwas mit gesellschaftlichen Wandel zu tun, aber wie gut sind die Theorien, die es dazu gibt?
Gibt es überhaupt fundierte Theorien, wie gesellschaftlicher Wandel funktioniert? (Mit so Phänomene wie dem Backlash oder dem Pyrrhussieg?)

CC-BY 2.0 Anthony Cramp

Die Frage bewegt sich irgendwo zwischen Soziologie, Psychologie, Politik(wissenschaft), Geschichte, Jura und Kultur(wissenschaften). In den ersten fünf genannten Wissenschaften kenne ich mich kaum aus und überlege zu dieser Frage ein Barcamp (oder so) zu organisieren. Mir geht es dabei explizit um Theorien, wie gesellschaftlicher Wandel grundsätzlich funktioniert, unabhängig vom jeweils aktuellen Thema.

Bestände daran interesse und wenn ja, hätte wer Lust und Zeit, mir bei der Organisation zu helfen?

Antiaufklärung

Vor Monaten haben ich das Theaterstück “Fear” an der Berliner Schaubühne gesehen. Das war das Theaterstück, dass die AfD gerichtlich verbieten lassen wollte, damit aber gescheitert ist.
Es geht um lange überkommen geglaubten Probleme wie Rassismus und Homophobie, um wieder aufkommenden Nazirhetorik und über vereinsamte Menschen – vor allem in ländlichen Gegenden – die sich von der globalisierten Gesellschaft abgehängt fühlen. Es erzählt von Menschen, welche die alten Zeiten zurück wünschen.

Diese Menschen wurden tatsächlich von der beschleunigten, globalisierten Gesellschaft abgehangen. Und die globalisierte, durchaus auch neoliberale Gesellschaft, kümmert sich nicht um die zurückgebliebenen. Sie werden nicht beachtet und niemand möchte sie mit ihnen beschäftigen. Und diese Menschen merken das. Sie sind wütend, dass sie zurück gelassen werden und fangen an, gegen “die da oben” zu protestieren.

2013 gründete sich die AfD, 2014 wurden die Montagsdemos voller Verschwörungstheorien groß. Es folgen PeGiDa, Brexit, Trump. In Frankreich ist es die Front National, in Österreich die FPÖ. In allen gemein ist ein diffuses “Gegen die da Oben” – mit allerhand Verschwörungstheorien. Keine Argumentation, keinerlei Rationalität erreicht diese Menschen.

Michael Seemann (@mspro) hat noch vor dem Erfolg von Trump einen sehr erhellenden Text über die globale Klasse geschrieben. Er beschreibt, wie es eine Elite aus Medien und respektvollen Menschen gibt, die seit Jahren peu à peu die Gesellschaft verändert hat – und gegen diese Elite gibt es nun diesen massiven, rechten Protest.

Diese Menschen sind (häufig) der von der Globalisierung abgehängte Teil der Gesellschaft. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Warum Rassismus ein Problem ist (früher war das auch immer so!) – und das mit dem Internet. Oder warum die abgebauten Fabriken nicht wieder aufgebaut werden. Sie verstehen die veränderte Welt nicht mehr, wählen den Rückschritt und verstricken sich in Verschwörungstheorien. Sie kommen mit dem neuen Wertekompass nicht klar und wollen ihren Alten zurück haben.

Es gibt mehrere Ebenen, die sich hier aufmachen: Die konkret politisch-gesetzgeberische, die gesellschaftliche Ebene (erstarken rassistischer Attacken nach dem Brexit in UK, erstarken der Neonazis nach Trumps Sieg) und die Antiaufklärerische. Alle drei Ebenen bereiten mir massiv Sorgen. Aber: Gesetze können zurück genommen werden, gegen einzelne Gruppen lässt sich vorgehen. Aber wie kann mit der Antiaufklärung umgegangen werden? Was ist die Strategie gegen Lügen und Verschwörungstheorien? Wie können Menschen überzeugt, die Argumente nicht gelten lassen?
Was ist mit der Aufklärung passiert? Eine Gesellschaft, die nicht auf Argumente hört, kann keine Demokratie sein.
Wie lassen sich Menschen aufklären, dass es eine Methodik braucht, um Wissen zu generieren? Wie kann erklärt werden, dass genau das der Knackpunkt der Verschwörungstheorien ist? Das genau das der Unterschied zwischen Wissen und Meinen ist? Wissenschaft braucht eine Methodik um einen Gegenstand zu untersuchen um unabhängiges Wissen schaffen zu können – und Verschwörungstheorien haben keine Methodik. Jedes Gegenargument wird Teil der Verschwörung. Verschwörungstheoretiker*innen lassen keine Methodik zu – sondern ihre Meinung ist wichtiger als die Methodik. Und genau das ist das fundamentale Problem.
Was aber lässt sich dagegen tun? Eine billige Forderung nach “mehr Bildung” klingt zwar super, löst das Problem aber nicht. Es ist ja nicht so, dass Rechtspopulismus nur von ungebildeten Menschen gewählt und gefördert wird.

Ich will verstehen, wie Menschen Verschwörungstheorien glauben, aber der wissenschaftliche Methodik nicht. Trump wurde im Wahlkampf so massiv durchleuchtet und kritisiert. In meinem Verständnis muss jeder*m klar sein, dass er kein geeigneter Präsident sein kann. Warum aber, wird er trotzdem gewählt?
Handeln diese Menschen in irgendeinem Sinne noch rational? Wenn ja, in welchem?

Ich bin nicht schockiert über Trump, ich bin schockiert, dass er gewählt wird. Ich bin darüber schockiert, wie diese Bewegung der Antiaufklärung gegen alle rationalen Argumente immun zu sein scheint.
Wie soll eine Demokratie sich verteidigen, wenn die Argumentationen nicht mehr zählen?

Samstag, 3.12.16 bin ich auf dem Save Democracy Camp im Betahaus Hamburg. Da möchte ich gerne über Antiaufklärung diskutieren und freue mich auch vorher schon über Anregungen, Kommentare, Argumente und (links zu) gute(n) Analysen.

Progressiver Think Tank

2014 hat sich die Progressive Plattform gegründet, die für progressive Politik stehen sollte, sowohl innerhalb der Piratenpartei, als auch außerhalb.
Inzwischen ist die Domain ausgelaufen, Twitteraccount und Facebookseite verwaist.

Die Netzszene war ein starker politischer Motor. Die Enquête-Kommission wäre ohne sie nicht eingesetzt worden. Nach dem Erfolg der Berliner Piratenpartei 2011 wurden Transparenz, Datenschutz und Bürgerbeteiligung große politische Themen.

Klassische Netzpolitik wurde jahrelang ausführlich debattiert. Probleme sind klar definiert und Lösungen warten darauf umgesetzt zu werden. Das ist politisches Tagesgeschäft, das wird früher oder später passieren.

Was mir aber seit Jahren fehlt, sind politische Visionen. Mit der Piratenpartei wurden auch so Dinge wie das BGE oder Liquid Democracy diskutiert. Es wurde darüber geredet, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. Heute haben wir die AfD, da wird gefordert, die Gesellschaft solle wieder aussehen, wie vor 150 Jahren.
Abseits dieser grotesken Stellvertreterdebatten gibt es aber tatsächlich große Probleme, die vor unserer Gesellschaft liegen und ich nehme keiner Organisation wahr, die sich umfassend darum kümmert.
Was passiert mit unserem Arbeitsverständis durch Peak Labour und Mechanical Turk?
Wie funktioniert Bildung in Zeiten von Wikipedia? Warum werden noch Definitionen gelehrt? Ist das sinnvoll?
Werden Moocs Universitäten ersetzen? Wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht?
Wie verhält sich das mit den Cyborgs? Werden wir in 30 Jahren alle Cyborgs sein? Was würde das bedeuten?
Wo kommt all der Hass von Pegida und Co her? Wie funktioniert Hate Speech – und welche Mittel dagegen helfen wie?

Ich will diese Debatten führen und mir fehlt ein Forum dafür.

In meinem Verständnis sind das Fragen, die klassischer Weise in Think Tanks bearbeitet werden – aber mir fällt kein Think Tank ein, der diese Fragen bearbeitet. Ich habe keine Lust auf das politische Tagesgeschäft, sondern will diesen Think Tank, der an diesen Fragen arbeitet.
Die Antworten sind komplex und schwierig, aber genau das will ich: ohne Tagespolitik an den großen Fragen dieser Gesellschaft arbeiten.

om16-logoAllein, ich kenne keinen Think Tank, der diese Fragen bearbeitet. Ich kenne viele gute Initiativen wie iRights, die Open Knowledge Foundation, DigiGes oder den ccc. All diese Organisationen finde ich wichtig und gut – aber sie machen klassische Netzpolitik und erarbeiten damit nur einen Teil der großen Frage, wie wir in 20, 30 oder 50 Jahren leben wollen.
In Teilen werden diese Debatten auf der openmind diskutiert – aber ein Wochenende im Jahr reicht nicht, um diese Probleme umfassend zu bearbeiten.

Vielleicht werden diese Fragen schon irgendwo diskutiert. Wenn ja, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Wenn nein, warum nicht? Und: wie können wir es schaffen, diese Fragen zu bearbeiten?

Ideen, Anregungen und Kritik sind herzlich willkommen!

#z2x

Ich war auf dem Festival der neuen Visionäre – organisiert von Zeit Online. Ein Festival für Menschen mit “Idee[n], um das Leben besser zu machen” im Alter von 20-29. Es wurden 500 Leute nach vorheriger Bewerbung eingeladen.

Dieses “Festival” (das eigentlich eine Konferenz war) hat für mich aus mehreren Gründen nicht funktioniert und ich will aufschreiben, warum.

1. KommunikationNamensschild für #z2x

Mir wurde nicht klar, was genau Zeit Online mit diesem Festival erreichen wollte.

Mein Verständnis war: neue Gesellschaftsvisionen diskutieren; einen positive Ausblick auf eine Welt richten, die gerade wirkt, als würde sie untergehen. Eine Veranstaltung die sich vor allem an Aktivist*innen richten.

Dem war offenbar nicht so. Mein Eindruck der Leute war eher links-alternativ bis liberale “irgendwas mit Medien”-Menschen, aber insgesamt wenig aktivistisch.
Irgendwie wollten schon alle die Welt verbessern, aber kaum wer hatte einen konkreten Vorschlag, wie die Welt denn nun besser wäre.

Wenn es ein vorher definiertes Ziel dieser Veranstaltung gab, warum wurde es nicht offen kommuniziert?
Wäre mir der Ablauf im Vorfeld klarer gewesen, wäre ich nicht hingegangen.

Zudem war die Website unübersichtlich. Die aufgehängten Session-Pläne waren zu klein und beinhalteten keinerlei Infos außer dem Namen der Session. Jede*r bekam einen Gebäudeplan um sich zurecht zu finden. Warum gab es nicht auch einen Sessionplan?
(Und Internet via WLan funktionierte nur ~50% der Zeit – ber das ist ja eher normal auf Konferenzen.)

2. Programm

Schon als der erste Entwurf des Programms veröffentlicht wurde, war ich eher … unbeeindruckt. Vielleicht liegt das daran, dass ich die letzten sechs Jahren auf etwa 50 verschiedenen politischen Konferenzen war und mit der openmind-Konferenz zwei Jahre lang selbst ein Programm für eine Konferenz gemacht habe, bei der es sich vor allem um politische Visionen dreht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es keine richtigen Vorträge gab und es daher schwierig wird, einem Thema wirklich auf den Grund zu gehen. Die “Frag mich alles”-Sessions liefen besser als erwartet (siehe meinem Blogpost über das Session-Format “Frag mich alles”) – aber wirklich Tiefgang haben sie trotzdem nicht erreicht.
Die Workshops habe ich gar nicht verstanden. Inzwischen sollte doch allgemein bekannt sein, dass “Brainstorming” in Gruppen keine besonders guten Ideen hervor bringt. Zumal: wenn Menschen mit eigenen Visionen zum Festival kommen, warum werden sie mit Workshops und ganz anderen Aufgaben belagert, statt an ihren eigenen Ideen zu arbeiten? Oder diese zumindest miteinander zu diskutieren?
(Warum wurden bei der Bewerbung nicht die eigenen Visionen abgefragt, sondern nur ob/welche Session angeboten wird?)
Die Workshops waren 2h lang – und es liefen nur Workshops parallel. Warum konnten Teilnehmende nicht auswählen, ob sie in Workshops gehen, oder Vorträge hören? (Warum gab es als Vorträge überhaupt nur die 5min-Blitzvorträge, die Themen allenfalls anreißen, nicht aber umfassend bearbeiten können?)
Und was passiert jetzt im Nachhinein mit all dem Workshop-Output? Kam da irgendeine Idee zustande, die tatsächlich noch weiter verfolgt wird?

3. Location

Das Radialsystem ist zu klein für 500 Leute in vielen verschiedenen, parallel stattfindenden Sessions – insbesondere wenn etwa die Hälfte in den kleinen Räumen oben durch die engen Treppen stattfindet. Es war gut, dass zumindest unten schon abgefangen wurde, wenn die gewünschte Session schon voll ist, aber befriedigend war das nicht.
Zudem war es nirgendwo gemütlich. Alles wirkte etwas überlaufen und hatte eher Messe-Feeling. Auf Messen können Dinge verkauft werden, aber da werden keine neuen Visionen entwickelt.

4. mediale Omnipräsenz

Auf einer Veranstaltung einer Medienorganisation wird entsprechend interviewt, gefilmt und fotografiert. Hätte ich auch vorher drauf kommen können, machte die Atmosphäre aber nicht unbedingt entspannter.
Ich hatte vor, selbst einzelne Leute für eine Podcast zu interviewen, was sie so machen und warum – aber die Idee habe ich sehr schnell verworfen. Vor allem wegen der schon vorhandenen medialen Omnipräsenz und dem Mangel einigermaßen ruhigen, entspannten Räume.

5. Freibier

Die Abendveranstaltung bestand im Wesentlichen aus Freibier. Das wirkt mir eher nach einem Junggesellenabschied, als nach einer visionären Veranstaltung. Nichts gegen Party, Alkohol und Drogen – aber mir fällt keine Veranstaltung ein, bei der die Gespräche durch Freibier spannender wurden. (Ich bin dann auch gegangen.)
Essen ist teuer und die Portionen sind klein, aber der Alkohol ist umsonst. Ich verstehe das nicht.

6. wenig neue Ideen

Dafür, dass es das “Festival der neuen Visionäre” war, habe ich wenige visionäre Ideen wahrgenommen. Wenige Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit (Klimawandel, Digitalisierung, Arbeitsveränderung, Überalterung der westlichen Welt, Suizid, Rassismus, Schere zwischen Arm und Reich, Kriege, Seuchen, …).
Das Bedingungslose Grundeinkommen wurde diskutiert. Ansonsten gab es einige Initiativen, aber ich nahm weiter nichts Visionäres war.
Die drei weiter geförderten Ideen sind ein geschenktes Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag um Jugendlichen mehr Europa zu zeigen (Woohooo \o/), Jugend Rettet – eine Rettungsaktion um weniger Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen (sehr gut und wichtig) und “Köln spricht”, eine Initiative die politische Beteiligung erleichtern soll. Alle drei klingen gut und sinnvoll – sind aber keine gesellschaftlichen Visionen.
Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es eher um ein “ihr könnt euch einbringen” als um neue Visionen ging.

Was gut war

Es gab einige spannende Leute – und spannende Gespräche (außerhalb der Sessions). Und die Sessions wurden gut moderiert.

Fazit

Für Menschen, die gerade auf ihrer ersten Konferenz gewesen sind, mag das ein schönes Erlebnis gewesen sein. Ich fand es eher sehr ernüchternd bis nervend. Und hätte es wirklich schön gefunden, wenn im Vorfeld klarer kommuniziert werden wäre, dass die Konferenz nichts für Menschen ist, die sich schon länger mit politischen Visionen beschäftigen.

Ich habe diesen Text u.a. geschrieben, weil mich die mangelnde öffentliche Kritik nervt und ich zumindest ein paar Anregungen geben will, was nicht so toll lief.

Ich habe eine Vision: Bildungseinkommen

In der Debatte um Automatisierung und neuer Arbeit scheint es mir zwei große Probleme zu geben:

  1. Arbeitslosigkeit. Was passiert mit den Menschen, deren Jobs durch technischen Fortschritt wegrationalisiert werden?
  2. Die Arbeitsprozesse werden immer komplexer und wirklich gutes Personal ist rar. In der IT fehlt schon jetzt in großem Maßstab gutes Personal.

Was mir seit Jahren ein Rätsel ist: Warum ist Bildung noch immer vor allem eine formale Ausbildung? Warum geht es noch immer um Zertifikate und Erlaubnisberechtigungen irgendetwas zu tun? Warum gibt es so viele formale Hürden für Bildung?

In der Debatte um wegrationalisierte Arbeitsplätze wird immer wieder das bedingungslose Grundeinkommen als Lösungsvorschlag genannt. Aber ich möchte noch darüber hinaus gehen: warum geben wir nicht all den Menschen ohne Arbeitsplatz die Möglichkeit sich umfassend (fort) zu bilden? Sowohl durch ein Grundeinkommen, als auch durch einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung?

Wenn wir als Gesellschaft sehen, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden und zeitgleich gutes Personal fehlt, warum lassen wir die Arbeitslosen nicht zu diesem Fachpersonal werden?

Bildung ist ein komplexer, vielschichtiger Prozess. Bildung wird nicht mit Zeugnissen und Zertifikaten vermittelt. Es geht mir explizit nicht um Fortbildungsmaßnahmen (wie in der Arbeitsagentur), sondern um die Möglichkeit für alle Menschen sich frei weiter zu bilden.

Sicher werden nicht alle Menschen zu IT-Experten werden, aber ich bin sehr optimistisch, dass eine rundum gebildetere Gesellschaft eine bessere ist. In Zeiten, in denen auch Bildung automatisiert wird (z.B. durch Moocs) bin ich mir sicher, dass es Möglichkeiten gibt Bildung für alle zu ermöglichen.

Ich habe nicht alle Antworten, aber ich habe viele Fragen und ich will, dass wir diese diskutieren.

Sessionformat: “Frag mich alles”

Am kommenden Wochenende bin ich auf dem Festival der neuen Visionäre. Dort gibt es das Sessionformat “Frag mich alles” – offensichtlich angelehnt an Reddits “Ask my anything”.
Spannende Menschen hinstellen und sie ausfragen lassen, klingt großartig.

Ich glaube, dieses Format kann gut funktionieren, um Lebensrealität von herausragenden Menschen aufzuzeigen. Wie trinkt Barack Obama eigentlich seinen Kaffee? Wie gehen Tour-de-France-Fahrer auf die Toilette während des Rennens?
Warum entschied sich Angela Merkel von der Forschung in die Politik zu wechseln? Und wie lautet eigentlich ihr Kartoffelsuppenrezept? Warum trägt Christian Ströbele immer diesen roten Schal? Hat er da eine Geschichte zu? Warum tun sich Parlamentarier*innen den stressigen Politiker*innen-Alltag an? Warum trägt Kübra Gümüsay ein Kopftuch? Und warum ist Gesine Schwan eigentlich Mitglied der SPD?

Ich finde diese Fragen spannend, denn sie alle geben ein wenig Auskunft über das Leben von herausragenden Persönlichkeiten – und sind Fragen, die am Rande eines Vortrages nicht gestellt werden. Es sind Fragen, die auch in Interviews selten gestellt werden.
Es sind Fragen, die eine sehr menschliche Seite dieser Persönlichkeiten zeigt und manchmal durchaus spannende Anekdoten hervor bringen.
Und es gibt Fragenden die Möglichkeit inspirierende Menschen in ihren Leben mal fragen, was sie schon immer fragen wollten.

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Was ich allerdings nicht für klug halte, ist einen Kurzvortrag vor den “Frag mich alles”-Sessions – denn damit ist die Richtung der Fragen weitgehend vorgegeben. Wenn eine Person über Robotik spricht, möchte ich sie nicht nach ihren Schuhen fragen.
Und: alle Menschen, die mehr als eine Konferenz besucht haben, kennen das Problem der offenen Fragerunden am Ende einer Session: die Fragen verkommen sehr häufig zu wenig hilfreichen Koreferaten.

Auf dem “Festival der neuen Visionäre” gibt es einen kurzen Einführungsvortrag der Personen, bevor sie in die Frag-mich-Alles-Runde gehen. Ich fürchte, dass wird sehr langweilig werden, aber ich bin gespannt – und werde nach der Veranstaltung ein Update hier schreiben und berichten, wie dieses Sessionformat funktioniert hat.

[Update 04.09.2016]

Die zwei Fragesessions, bei denen ich war, waren tatsächlich eher langweilig – aber weit weniger schlimm als erwartet. Nach @kuebras Fragesession habe ich etwas mit ihr über das Format geredet. Sie hatte den spannenden Punkt, dass diese Fragesession die Ebene zwischen Vortragenden und Fragenden deutlich kleiner macht und sich eher auf Augenhöhe unterhalten wird.
Dem muss ich zustimmen, es fühlte sich sehr nach Gespräch auf Augenhöhe an. Allerdings machte genau das auch, dass die Sessions etwas oberflächlich blieben und irgendwie keine gut zu debattierenden Thesen hervorbrachten.

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