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Scheitern lernen

Den spannendsten Gedanken der re:publica gab mir Regine Heidorn mit. Den Gedanken des Scheiterns. Seit nun zwei Tagen geht mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, dass wir das Scheitern lernen müssen. Egal, ob “wir” gerade die Piraten sind, oder die Netzgemeinde. Ich glaube, scheitern sollten alle lernen. Dazu soll es im November auch ein Barcamp geben.

Das Eingeständnis, etwas nicht hinzubekommen ist nicht der Untergang der Welt. Wenn wir die Netzneutralität durch die Telekom gerade kaputt machen lassen, ist das ziemlich doof, aber wir werden davon nicht sterben. Wenn die Piratenpartei den Einzug in den Bundestag vergeigen wird, ist auch das allenfalls ein Beinbruch, nicht aber das Ende der Idee, für die sie sich mal gegründet hat und für die noch immer viele viele Piraten täglich streiten (im guten wie im schlechten Sinne).

Es ist allerdings auch wichtig, den Moment zu sehen, wenn weitere Aktivitäten nichts bringen. Manchmal ist es auch besser zu erkennen, dass das Leben auch noch aus anderen Dingen besteht und all dem Pathos (wie auch Sascha Lobo ihn fordert) zum Trotz keine weiteren Kampagnen mehr fährt, sondern zur Ruhe kommt, in sich geht und guckt, worum es eigentlich geht. Ob sich inzwischen nicht auch neue Wege aufgetan haben, wie die einstigen Ziele erreicht werden können. Vielleicht stellt sich sogar heraus, dass die einstigen Ziele überholt sind und die Aktivitäten nur noch aus Routine weiter betrieben werden.

Die Lage hat sich die letzten Jahre über verändert - sind die Methoden, die wir nutzen, noch die Richtigen? Und wie schaut es eigentlich mit den Zielen aus? Die Piratenpartei hat großartige Programme entwickelt, die ich sehr ungern in Schubladen verschwinden lassen würde, aber sind die Strukturen der Partei funktional in Ordnung, sodass die Partei auch tatsächlich Politik betreiben kann, oder braucht es vielleicht noch viel Hirnschmalz für bessere Strukturen, die uns besser arbeiten lassen? (Wie Möglicherweise die Ständige Mitgliederversammlung ein gutes Strukturupdate sein könnte?) Mir ist dabei wichtig, dass wir nicht einzelne Aspekte (wie hier möglicherweise die SMV) zum Allheilsbringer vergöttern, denn Sicher, wird eine Anpassung nicht alle Probleme der Welt lösen. Vielleicht sind einzelne “Updates” sogar ein Rückschritt, aber wir werden es nicht herausfinden, wenn wir es nicht probieren. Vielleicht kommen in 2 Jahren die Bedenkenträger, wie sie heute schnell diffamiert werden, und werden all ihre Bedenken bestätigt sehen und dann ist es an uns allen, das Scheitern einzugestehen. Vielleicht geht es danach in eine andere Richtung weiter, vielleicht wird der Schaden für die Partei sogar irreparabel, aber ich glaube, wir sollten uns darauf einlassen.

Einst bezeichnete ich die Piratenpartei als Atombombenexperiementierfeld und behauptete, der Point of no return sei überschritten. Heute bin ich mir sicher, dass das falsch war. Es gibt immer ein Zurück. Und die Partei testet auch (noch) keine Atombomben, sondern allenfalls eine Atombombensimulation. Wenn die kaputt geht, müssen wir wohl ein neues Wiki aufsetzen und eine neue Partei machen. Oder vielleicht auch ohne Wiki. Oder vielleicht auch ohne Partei aber trotzdem die gleichen Zielen. Vielleicht haben wir bis dahin auch ganz andere Ziele und erkannt, dass die bisherigen falsch waren. Wichtig ist, dass wir darüber nachdenken, was wir eigentlich tun und uns selbst nicht aus Betriebsblindheit kaputt machen. Wir sind ein Experiement, wir dürfen scheitern. Aber lasst uns das Experiment dokumentieren, damit es ggf. beim nächsten Mal besser gelingt. So lange es nichts besseres gibt, bleibe ich bei meiner Spielpartei.

Kommentare

von: karin

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ja, man muss manchmal den Moment erkennen in dem man aufhört zu kämpfen… Aber man muss bereit sein immer wieder aufzustehen und es weiter zu versuchen! Die Netzgemeinde lebt, wir sind viele und wir werden nur scheitern, wenn wir nicht endlich aufhören uns im Selbstmitleid zu baden… Ich zitiere mal die neue politische Geschäftsführerin der Piraten: Wir müssen uns den Arsch aufreißen und die anderen Parteien (ergo: ALLE PARTEIEN) vor uns her treiben!

von: Regine Heidorn

Im Bereich der Politik ist der Umgang mit dem Scheitern besonders tabuisiert. Schließlich hängt einerseits für sehr viele Menschen sehr viel von politischen Entscheidungen oder dem Aussitzen von Entscheidungen (Aussitzen - das Scheitern der Politik) bzw dem Nicht-Entscheiden ab. “Our job is to get government used to the idea of failing.” http://www.pbs.org/idealab/2013/03/reducing-the-fear-of-innovation-and-failure-at-city-halls072.html In manchen Unternehmen gibt es bereits abgegrenzte Räume (zeitlich, örtlich), in denen experimentiert werden kann, Scheitern darf sogar provoziert werden.