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#FsA13-Rant

Die “Freiheit statt Angst”-Demo ist eine besonders perfide Erscheinung. Zum einen sind mir die Themen dieser Demo wirklich wichtig (ich war zwei mal selbst im Orgateam), zum anderen läuft da so viel schief, dass ich nicht anders kann, als diesen Rant zu schreiben.

Die Situation ist, dass wir alle eigentlich viel vereinter zusammen stehen müssten, um aus dem riesigen Überwachungsskandal etwas zu bewegen und dafür zu sorgen, dass sich wirklich was verändert. Und ich bin überzeugt davon, dass wir, die “Netzgemeinde”, das eigentlich könnten.

Und dann kommen da die vielen vielen kleinen Fehler, die dafür sorgen, dass das alles nichts wird. Und diese vielen vielen kleinen Fehler, waren absehbar, was mich noch mehr aufbringt, denn ich weiß, dass es besser gehen könnte.

  1. Ist der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung als Veranstaltungsorganisation von der DigitalCourage unterlaufen. Ein Großteil der AKV-Mitgstreiter sind von der DigitalCourage bezahlte Mitarbeiter\*innen. Die ganze Demo wurde in einen Spendenmarathon für DigitalCourage verwandelt. Ich behaupte, dass der Hauptgrund für die Demo die äußerst klammen Kassen der DigitalCourage ist. Zudem halte ich die Organisation für bigott. Sie ist \*die\* Datenschutzorganisation, aber ihre Newsletter habe keine opt-out Funktion. Auf eine Mail hin haben sie immerhin reagiert, auch wenn ich gerne gewusst hätte, wie mehrere meiner Mailadressen in ihre Verteiler kamen. Sie schafft es seit Jahren nicht, ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, so fehlt z.B. im Transparenzbericht die Telekom mit ihrer 150.000€-Spende
  2. Hat padeluun auf mehreren Ebenen seine Integrität verloren. Er ruft zum Zerstören von neuer Technik auf, weil eine Kamera darin eingebaut ist, nutzt aber selbst seit Jahren iPhones - und fordert zeitgleich mehr freie Software. Er ist eine schlechter Moderator im großen (eigene Reden nach den eigentlichen Redner\*innen) und im Kleinen (sehr chaotische Bündnistreffen, unvorbereitetes Erscheinen, teils fehlende Sachkenntnis).
  3. Fehlt das Fingerspitzengefühl für Bündnispartner. Dass der CCC erst 3 Tage vorher für die Demo aufruft spricht Bände. Redner des CCC haben abgesagt. Das Problem ist Hausgemacht, so haben auf einem Bündnistreffen im Mai sich sowohl die Grünen, die DigiGes, die Hedonistische Internationale als auch die Piraten (damals durch mich vertreten) gegen die Demo in dieser Form ausgesprochen. Dass (irgendwie) doch alle mitgemacht haben, liegt an den äußerst glücklichen Umständen des krassen NSA-Skandals.
  4. Hat die FsA (insbesondere padeluun) inzwischen ein merkwürdiges Verhältnis zur Polizei. Er lobt die unglaublich gute Zusammenarbeit (erinnert er sich vlt auch an die Prügelpolizisten von 2009?) und trotzdem lässt er sich 3 Wochen vor der Demo noch einen neuen Demoort vorschreiben, weil er es (vermutlich) auch verpeilt hat, sich den Demoort bestätigen zu lassen. (Solche Dinge müssen fest sein, bevor Plakate gedruckt werden) Und dann trägt die Polizei sogar noch seine völlig übertriebene Angabe von 20.000 Demonstrierenden mit. (Ich schätze es waren tatsächlich 8.000. Vlt auch 10.000 aber mehr waren es nicht.)
  5. Gibt es im Demobündnis keinerlei Konsequenzen für gelebten Antiamerikanismus und Nationalismus, sondern wird sogar noch gefördert. Es wäre ein leichtes auf beides schlicht zu verzichten. Das würde die Forderungen nicht weniger wichtig machen. Und weder mit Antiamerikanismus noch mit Nationalismus will ich identifiziert werden.
  6. Braucht die Bewegung bessere Narrative. Der Begriff "Datenschutz" funktioniert nicht. Was ist denn bitte "Datenschutz"? Werden da Daten mit Stacheldraht vor Algorithmen geschützt? Wie soll das gehen? Und was sind eigentliche Daten? Wir verstehen selbst kaum, was er eigentlich bedeutet, wie sollen es dann erst die Leute verstehen, denen wir das unglaublich komplexe Thema erklären wollen? Es geht nicht um Datenschutz, es geht um Selbstbestimmung und freie Entfaltung des einzelnen Menschen. Ich halte auch das Narrativ der "Überwachung" für kaputt. Ob ich persönlich überwacht werde oder nicht, ist mir tatsächlich egal. Aber ganz und gar nicht egal ist, dass mein Leben kontrolliert wird. Das wird es sowohl durch die Steuer-ID, als auch durch die Schere im Kopf, die entsteht, wenn ich darüber nachdenke, ob es eine gute Idee ist zivilen Ungehorsam auf Twitter zu organisieren. Es geht nicht darum, dass irgendwer mitliest, es geht darum, dass das Institutionen mitlesen, die mein Leben fremdbestimmen können. Es geht um Macht.

Mir ist bewusst, dass dieser Blogpost die FsA in ein sehr negatives Licht rückt und das tut mir auch leid. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, die Probleme sehr genau zu benennen, um es dann beim nächsten mal besser zu machen.

P.S. padeluun ist eigentlich ein toller Mensch, nur als Kopf der Bewegung ist er ungeeignet.

Kommentare

von: pluto

Was der slash sagt.

Ak Vorrat ist eng mit foebud / digitalcoueage verbunden. So what? Da “unterwandert” zu sagen impliziert eine Feindschaft. Oder versucht sie zu erzeugen.

Arbeit kostet Geld. Von Teilnehmern zu sammeln ist legitim. Und das padeluun damit was sinnvolles anstellen wird glaube ich ihm jederzeit. Immerhin ist er schon so lang Aktivist wie du auf der Welt bist und ich kenne ihn davon knapp 20 Jahre.

von: V.

Ist der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung als Veranstaltungsorganisation von der DigitalCourage unterlaufen. Ein Großteil der AKV-Mitgstreiter sind von der DigitalCourage bezahlte Mitarbeiter\*innen.

Eigentlich bin ich im Urlaub und habe überhaupt keine Lust auf diese Diskussion: Bitte stelle diese Aussage richtig, bevor du damit noch größeren Schaden anrichtest. Danke.

von: emi

umso größer solche veranstaltungen werden, umso anschlussfähiger werden die inhalte für allerlei kackscheiße. ich denke, deswegen gehen mittlerweile auch viele nicht mehr hin, was ich persönlich gut verstehen kann. dumme promo-demos sind dumm.

von: Slarthy Bartfass

Was gibt es denn an gelebtem Anti-Amerikanismus auszusetzen? Die Politik der Geheimgerichte, Leute ohne Verhandlung auf Jahre wegsperren, foltern usw.usf. ist nichts, was auch noch verteidigt gehört, oder wie jetzt? Das soll nicht heissen, dass man sich damit gegen Amerikaner (also die Menschen) ausspricht, sondern die Policies ihrer Administration. Sie betrachten uns Europäer mit Ausnahme der Engländer doch auch nichts als Freunde oder Partner, sondern im besten Falle noch als Geschäftspartner.

Von daher sehe ich nicht, dass ein Demoveranstalter dagegen vorgehen muss (zumindest solange es keine ‘Schland-Kacke ist). Wegen der anderen Sachen bin ich in weiten Teilen deiner Einschätzung d’accor.

von: Heiko

padeluun hat mit seinem Abstimmungsverhalten in der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” schon sehr viel Kredit bei sehr vielen Netzaktivisten verspielt und er hat in danach in meinen Augen wenig bis gar nichts dafür getan, dieses verspielte Vertrauen zurück zu gewinnen.

von: Slash

Dieses “ewige Mimimi, die sind aber böse, 99,99 % sind nicht genug und Person X geht mal gar nicht” ist die Sollbruchstelle einer geeinten Netzgemeinde. Es ist schon ganz schön ironisch, dass ein Blobeitrag der das Who is Who des Zwist-Sähens ausführt im Grundsatz als Plädoyer für mehr Zusammenhalt gedacht ist. DigitalCourage unterwandert… DigitalCourage will doch nur Spendengelder… die Piraten wollen doch nur Wählerstimmen - Einigkeit braucht Toleranz und Pragmatik; was ich jedoch sehe ist, wie einige wenige die Leute links und rechts von sich wie ihre ärgsten Feinde behandeln, obwohl sie doch mit ihnen auf der gleichen Seite stehen - zumindest an diesem einen Tag auf der Straße. So ein Verhalten ist schrecklich dumm, unumsichtig, unreflektiert und politisch instinktlos. So ein Verhalten ist es übrigens auch, was früher mal für viel Stunk bei den Piraten gesorgt hat; es gibt einfach manche Menschen, für die ist jeder “der Feind”, der sich nicht als absoluter Erfüllungsgehilfe ihrer Weltsicht verhält. Traurig ist das. Und unterdessen macht Merkel die Merkelraute und sieht zu, wie sich die Gegenbewegung aufgrund einiger Soziopathen in ihrern Reihen selbst zerlegt. Ich muss ganz ehrlich sagen; die Piraten haben wenigstens mittlerweile dazu gelernt; die Bloggo-Femi-Hackersphäre scheint davon leider noch entfernt. Das Wort heißt Pragmatismus; deal with it.

von: Daniel Lücking

Sachlich vorgetragen und es weckt einige Fragen, die nur dann aufgeworfen werden können, wenn man sich länger mit dieser Entwicklung / Bewegung befasst hat. Die Spendensammlung vor Ort stieß mir auch recht seltsam auf und mich beschäftigte eher die Frage, wie man die Masse erreicht, als wie groß die Masse war.

(Halbwegs) sicheres surfen muss möglich sein - eine sichere, vertrauliche eMail-Kommunikation als Grundrecht von Bürgern angesehen werden und Journalisten müssen sich in die Pflicht nehmen, verlässliche und schutzbietende Anlaufstellen für Whistleblower zu sein.

http://www.medienkonsument.de/2013/09/08/1562/

von: Anna Weber

Die FsA ist leider inzwischen nicht mehr als ein in Aussagelosigkeit erstarrter Traditionsmarsch - wie der Erste-Mai-Umzug, nur mit weniger Gewerkschaftern. Wenn ich mir die Transparente ansehe, kann ich nicht einmal sagen, wofür überhaupt demonstriert wurde. Männer sind Schweine, die NSA auch. Es wundert mich, dass nicht auch noch für die Rückgabe Nordamerikas an die Ureinwohner geworben wurde, hat doch auch irgendwie mit Freiheit zu tun.

“Wir sind hier, wir sind laut” - vor allem letzteres. Laut sein, das ist ganz wichtig. Und ganz viel bedrucktes Papier verteilen, völlig egal, ob’s jemand liest. Hauptsache, man kann damit posen, 10.000 Flyer verteilt zu haben, während man neben dem Transpi herlief und den Promis zuhörte, wie sie über den Lauti ganz tolle Redi hielten.

A propos Zahlen: Warum haben wir nicht gleich behauptet, es waren 100.000 Teilnehmer, ach was, eine Millionen, egal: 10 Milliarden? Und die Praktikanten aus der Zeitungsredaktion übernehmen ungeprüft diese Zahl. Am Anfang schreiben sie noch “nach Teilnehmerangaben”, aber das fällt auch irgendwann weg. So fälscht man Geschichte, und die Presse spielt sogar noch mit.

Manchmal glaube ich, diese angebliche Großdemo ist nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver, einzig dazu gedacht, möglichst viele Leute in Vorbereitungsaktivitäten und später in der seligen Annahme, unglaublich viel für “die Freiheit” (was auch immer das sein mag) getan zu haben, zu binden und so zu verhindern, dass sie irgendetwas unternehmen, was wirklich etwas ändern könnte.

von: Alex

Stimmt, eher konstruktive Kritik. Und der kann ich weitestgehend zustimmend - zumindest aus der Entfernung eines Teilnehmenden und Nicht-Beteiligten (organisatorisch). Ich denke es waren auch eher knapp 10.000 Menschen in Berlin am Wochenende beteiligt.

Vergleichen kann man das gut mit den Blockupy-Demos in Frankfurt, da waren über 20.000 Leute da - und auch sichtbarer als jetzt in Berlin. Ich fand die FsA im großen und ganzen in Ordnung, hat viel Spaß gemacht, habe Leute aus dem digitalen Leben in echt getroffen und mit denen gesprochen und ausgetauscht. Fast schon wie eine kleine Loveparade. Von den Sprechern habe ich nicht viel mitbekommen, lag auch daran, das ich nicht wirklich Interesse daran hatte bei einer Demo das zu hören, was ich eh schon weiß. Ist ähnlich wie Bäckermeister zu einer Brotback-Weiterbildung zu schicken.. (einen eigenen Blogpost dazu habe ich auch vor zu schreiben, also zur FsA)

von: Sebastian

Also für einen Rant ist das immer noch sehr freundlich. Danke für das Statement.

von: juna

Das ist kein Rant. Das würde ich als differenzierte Kritik eines Insiders bezeichnen. Danke für die Informationen. (Ändert natürlich nix an meiner Meinung. Wo kämen wir denn da hin;-))